Richtig ist, daß Deutschland schon wieder einen Sprengstoffpreis gekriegt hat. Falsch wäre es, darüber zu vergessen, wie zahlreich an unseren Universitäten wahrhaft große Geister auftreten. Darunter solche, die der FAZ zu Protokoll geben, worin ihre feine Art besteht.
Das geht so: Das Blatt mit dem klugen Kopf dahinter bietet jede Woche einem der Größe verdächtigen Zeitgenossen einen Fragebogen an, der "in den Salons der Vergangenheit ein beliebtes Gesellschaftsspiel" war. Dazu vermerkt die Redaktion, es handle sich um "heitere und heikle Fragen als Herausforderung an Geist und Witz".
So weit, so schlecht. Eine Offerte an die Eitelkeit von erfolgreichen und anerkannten Personen, die Gelegenheit bekommen, ihre ausgezeichnete Besonderheit zu präsentieren! Eine Fortgeschrittenenübung in Selbstdarstellung, bei der die zu Antworten "herausgeforderte" Prominenz ihrer Umwelt Recht geben darf in deren hochgeistigem Bedürfnis, viel von den Befragten zu halten. In diesem Geist ist die "FAZ" nun an Professor Spaemann herangetreten. Da konnte der Witz nicht lange auf sich warten lassen. Ein Philosoph, der es mehr mit dem Glauben als mit dem Wissen hat bzw. beide für die kommensurabelsten Dinger der Welt erachtet; ein Mann, der in Staat und Krieg, Eigentum und Atomkraftwerk, eben überall "letzte Fragen" ausmacht, der Gewalt locker mit "Verantwortung" übersetzt und die Moralität - die gelebte oder vernachlässigte - als Motor der Welt- und Philosophiegeschichte ansieht und predigt; ein Tugendbolzen eben, hat es nicht geschafft, sich der elitären Versuchung zu verschließen, sich - also den Widerspruch seiner geistigen Bescheidenheit - zu porträtieren.
Entsprechend ist das Wagnis ausgefallen. Hier eine Auswahl.
Wir wagen gar nicht zu fragen, was daran so schlimm ist. Außerdem glauben Sie ja an Gott, mithin wohl auch daran, daß Ihre irdischen Werke allemal unter sachkundiger Anleitung des Allmächtigen Zustandekommen. Dann werden sie wohl auch in Ordnung gehen, oder? Und wenn einmal nicht, dann wissen Sie ja in aller Bescheidenheit, wogegen Sie sich vergangen haben. Jedenfalls spricht da ein Christenmensch. Da Sie ein gelehrter Christ dazu sind, ist Ihnen ja auch bekannt, wie ungern es der Höchste sieht, wenn man sich aus Gründen der Schadensminderung ("Unglück") auf seine Seite schlägt. Also werden Sie es so nicht gemeint haben - nicht dem Glauben galt Ihre Werbung, sondern Ihrer Person. Das wird sich der Herr aber merken. Genauso wie die andere Beichte:
Entweder Sie glauben an Gott und das zweite Glied der Dreifaltigkeit - oder Sie vergleichen Christus allen Ernstes mit irgendwelchen dahergelaufenen Figuren sämtlicher Zeitalter, um ihn dann mit dem Prädikat "Lieblings-" auszuzeichnen! Oder wollten Sie schon wieder ganz dick auftragen und andeuten, zu welchem Vorbild es Sie hinzieht. So sehr wir bemerken, daß Sie sich in Sachen Predigt schon ganz gut in die Richtung Ihres Vorbilds bewegen - an anderen Maßstäben blamieren Sie sich schwer. Damit meinen wir Materialisten noch nicht einmal die Kunst des Leidens, die Ihr Liebling so flott beherrschte. Aber ab und zu ein Wunder, oder mal die Zinsgeier aus dem Banco Ambrosiano verjagt - da fehlt's doch noch ein wenig. Statt dessen lassen Sie sich nach Castelgandolfo einladen, um dem Papst was über die "Krise" vorzudenken.
Glauben Sie bloß nicht, daß Sie diese Antwort ehrt! Sicher, wenn ein schlichtes Christengemüt sich aufs Büßen versteht und wittert bei Ihnen die Bereitschaft, eigene Irrtümer für um so harmloser zu befinden, je mehr Schaden diese Ihnen bringen, dann hat Ihre Botschaft eingeschlagen. Nur ist bei jemandem wie Ihnen, dem es nun schon wieder darum zu tun ist, in der Nachfolge Christi Güte zu verströmen, die Kehrseite der Nächstenliebe nicht zu übersehen: Leute, die sich viel gefallen lassen, mögen Sie gern, gell? Und wenn Sie sich in Ihrer ach so selbstkritischen Sündernatur einmal von etwas schwer betroffen wähnen, fragen Sie sich gleich im Namen der Menschheit und sämtlicher Werte, ob die das dürfen. Da geht's dann sehr grundsätzlich zu, wenn ermittelt wird, was wir tun bzw. lassen sollen. Daß die pure Untertanenmoral dabei herauskommt, wissen Sie ja als Anhänger der Gleichung Tugend = Glück am besten. Bisweilen kriegt der Staat auch die Erlaubnis zum Krieg philosophisch deduziert, wahrscheinlich, weil da kein Fehler vorliegt und viele auf eigene Kosten genau das Richtige tun. Im übrigen scheint es Ihnen prächtig zu gehen, trotz der ethischen Verfehlungen, die Sie bei gewöhnlichen Mitmenschen immer wieder monieren müssen:
Das halten Sie wohl für einen Ausweis Ihrer Bescheidenheit? Schaut her, hier ist ein Mensch, der sich der bohrenden Unzufriedenheit seiner Zeitgenossen entschlägt! Das ist noch nicht einmal unglaubwürdig - freilich nur, wenn man weiß, daß Sie - außer in den zahlreichen Freisemestern - in Salzburg einem Pendlerberuf nachgehen. Schöner freilich wäre die Antwort gewesen: "Wohin mich der Herr in seiner Gnade verschlagen hat!" Dann hätte keiner die Selbstzufriedenheit bemerkt, von der Sie noch in einer anderen Frage künden:
Das sitzt. Auch wir können uns nicht vorstellen, daß Sie sich nochmal ändern in diesem Leben. Und soviel steht schon lange fest: Ihr Ich würde der restlichen Menschheit fehlen, gäbe es Sie nicht so, wie sie sind. Zumal Sie wenigstens auf dem Felde der Quantität noch etwas Platz für die Selbstkritik gelassen haben, ohne die ein rechtschaffener Mensch einfach nicht die eigene Persönlichkeit zur Schau stellt:
Wie soll denn das gehen? Sie verstehen doch Ihr Handwerk prächtig:
Das ist ja ein Ding. In Castelgandolfo über Menschenbilder spekulieren und von der eigenen Heuchelei nichts bemerken. Das haben wir gerne, obgleich es uns nicht wundert! Heuchler verstellen sich ja nicht, und Lügen liegen ihnen fern - sie glauben ja an ihren ausgezeichneten Charakter. Dieser Fehler geht auf Ihre eigenen Kosten - Sie wissen nichts von ihm.
Nicht ganz einfach; aber jetzt wissen sie's ja und können sich dran halten. Außerdem verraten Sie auch noch andere Rezepte für den Gewinn Ihrer Gunst.
Da können Sie ja mit ihrer philosophierenden Umgebung vollauf zufrieden sein. Der Mut zum Blödsinn blüht und will immerzu für Klugheit gelten. Abgesehen von den Schiebereien um Posten und Spesen wird sich mancher auch ein bißchen "Güte" leisten, so daß Sie voll auf Ihre Kosten kommen. Bei der Schönheit möchten wir zu bedenken geben, daß sie nachläßt, weil sie keine Tugend ist. Ebensowenig wie
Aber Sie meinen ja sicher wieder etwas ganz anderes als diese elementare Geistestätigkeit. Ganz sicher sind wir nur in einem nicht: Melden Sie da das Recht auf die Bereitschaft anderer an, Ihnen wohlwollend zuzuhören? Oder bestehen Sie auf der Pflicht?
Diese Selbstbezichtigung dürfte wohl als geistreiche Antithese zur Lieblingstugend entstanden sein. Nein, da täuschen wir uns nicht, aber Sie uns auch nicht. Unseretwegen könnten Sie noch viel mehr erzählen, wenn öfter mal was Richtiges darunter wäre. Doch, das geht. Sie müssen ihre Gedanken nur aufmerksam prüfen, statt ihnen gerne zuzuhören. Das Verfahren hätte Ihnen übrigens auch die Peinlichkeiten bei anderen Fragen erspart.
Wir wissen nun wirklich nicht, was A. Jägersretter und M. Holtkötter verbrochen haben, kennen aber das Muster genau, nach dem sich rechtschaffene Menschen Ihres Kalibers Vorbilder aussuchen. Die rechte Mischung aus Anstand, Mut und Opfer hat es Ihnen angetan. Dazu ist Ihnen der Einfall gekommen, garantiert unbekannte, einfache, wahrscheinlich arme, aber ehrlich gebliebene Menschen mit dem Prädikat Ihrer Wertschätzung zu versehen; solche Volksverbundenheit ehrt den Philosophen - schon Heidegger verstand sich darauf, bei schweigsamen Bauersleuten seine Philosophie zu bestätigen; und damit es jeder versteht, den Sacharow als geschundenen Mann des falschen Systems dazu!
Aha. Soweit wir es mitbekommen haben, erheben Sie Ihre prominente Stimme meistens aber gegen die Tierfolter und für sämtliche Ressentiments christlicher Wohlanständigkeit. Dabei haben Sie es stets vermieden, der Kirche oder den Unionschristen zu nahe zu treten, wenn sie sich mit bekennenden Folterknechten der westlichen Handlungsfreiheit ausnehmend gut verstehen. Aber Sie haben schon recht mit Ihrer diesbezüglichen Zurückhaltung - und eine Ausrede dazu:
Wahrhaft christlich? Oder ein Schuß Originalität, um die Sie sich ja schon den ganzen Fragebogen über genug Mühe geben. So daß Sie nicht wie die ganze Meute "Stalin & Hitler" sagen, sondern die Ihnen abgehende Kammerdienerperspektive anzeigen. Klar, gerade die Amtsträger der Geschichte müßte man viel genauer kennenlernen, um zu wissen, was sie für ein Urteil verdienen! So haben Sie nicht einmal einen biblischen Bösewicht ausmachen wollen...
Immer für die Kleinen, gell? Selbst wenn die andere Abteilung nur "Schwert, Spieß und Schild" zur Verfügung hatte, während die siegreiche Partei "im Namen des Herrn Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels" ausrückte? Lesen Sie mal wieder Ihren Samuel, den 1,17! Aber aufmerksam. Da können Sie was über christliche Selbstgerechtigkeit lernen - oder auch nicht. Denn die ist ja heute noch schwer in Mode, im Reich des Guten und bei "Frieden in Galiläa". Aber Sie wollten sicher den Sieg über den großen Dicken nur als gar nicht typisch "militärische" Tat verstanden wissen, vielmehr als Fall von Mut und Klugheit, wie sie am Glauben wachsen. Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Tadel: Sie wissen noch nicht einmal, wie das Lob des Herrn, des alten Israel und des tapferen Knaben des Isai in der Bibel komponiert ist! Aber der Fehler ist verzeihlich:
Tja, hätten Sie's halt gelernt! So müssen Sie halt Ihren Eichendorff verputzen:
"Vor Eitelkeit soll er vor allen
Streng hüten sein unschuldig Herz,
Im Falschen nimmer sich gefallen,
Um eitel Witz und blanken Scherz."
Aber immer im Gedanken an
Quelle: "FAZ", 12. Juli 1985