Inhalt

Das Philosophiestudium:

Übungen im tiefen, tiefen Denken

Die paar falschen Urteile über das Erkennen und Wissen, über den Willen und die Moral, die den ganzen Inhalt der philosophischen Weltsicht ausmachen, mag heutzutage kein Lehrer dieses Faches mehr so ohne weiteres vorstellen und begründen. Keiner von ihnen mag in seiner Vorlesung oder seinem Seminar den Beweis antreten, daß die Verfügung über Wissen - wenigstens ,für uns Sterbliche' - eine Chimäre ist; daß es wegen dieser großartigen Einsicht reine Vermessenheit, ja schlichte Gewalt wäre, seine praktischen Vorhaben nach den Einsichten des eigenen Verstandes einzurichten; daß der freie Wille daher moralische Schranken braucht, damit er seine Freiheit in jenen Schranken verwirklichen kann; daß also eine 'Orientierung' an jenem Sinn nottut, den einer in der Welt findet, wenn er sie nur gehörig danach .hinterfragt'. Keiner von ihnen findet dieses grundlose Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Welt und sein Komplement, das ebenso grundlose Mißtrauen in die Leistungen der theoretischen wie praktischen Vernunft, sonderlich ausführenswert, weil dieser gläubige Skeptizismus als nicht weiter zu begründende Selbstverständlichkeit in ihren Veranstaltungen anwesend ist. Viel interessanter finden sie es, auf dieser Grundlage in ihrer einfältigen Vielfalt die sehr exklusiven Verfahrensfragen dieser Weltsicht aufzuwerfen.

Philosophieren in der Sorge um das Gelingen der Philosophie angesichts selbstinszenierter Schwierigkeiten

So pflegen sich die großen Vorhaben dadurch anzukündigen, daß ihre Initiatoren sie vor noch größere Hindernisse gestellt sehen, deren Bewältigung sie ihrem Auditorium in einer semesterdauernden Anstrengung in Aussicht stellen:

"... in dem Buch über ,Kant und das Problem der Metaphysik' hat sich Heidegger zu den Problemen des 2. Teils geäußert, bis er sich schließlich genötigt sah, den Ansatz der Fundamentalontologie überhaupt aufzugeben. Ob diese Selbstkritik berechtigt ist, läßt sich nur beurteilen, wenn man sich ein ausreichendes Verständnis der Fundamentalontologie erarbeitet hat. Dem stehen jedoch schon im l. Teil von ,Sein und Zeit' erhebliche Schwierigkeiten entgegen - in der Eigenwilligkeit der Sprache, der Logik des Aufbaus und dem Ansatz und der Richtung des Denkens: all dies stellt besondere Anforderungen an den Leser."

Laut Professor HENCKMANN soll sich also Heidegger "genötigt" gesehen haben, seinen eigenen "Ansatz" aufzugeben. Seine "Selbstkritik" ist darum aber noch lange nicht Gegenstand der Veranstaltung. Einen Einwand des Promoters der Fundamentalontologie gegen dessen eigene Denkweise hat sich henckmann nämlich ausgedacht, weder um dessen Richtigkeit zu überprüfen, noch um seinen Studiosi die kritisierte Denkweise auszutreiben. Für die Prüfung dieses Einwandes erklärt sich henckmann vielmehr für unfähig, solange nicht deren Voraussetzungen geklärt sind. Und mit diesem Argument geht er dazu über, den Studenten die kritisierte Denkweise nahezubringen. Unter Kritik scheint dieser Herr also soviel zu verstehen wie einen guten Anlaß, die kritisierten Gedanken ein Semester lang unter die Leute zu bringen. Sein Seminar hält er nämlich für eine "Gelegenheit", "ein ausreichendes Verständnis" zu erarbeiten, "wobei es offenbleiben muß (der Mann muß es ja wissen!), wie weit die Arbeit im Seminar in die Fundamentalontologie hineinführen wird." Dieses Bekenntnis, daß seine Einführung nichts taugt, ist auch nicht verwunderlich; schließlich geht es ihm nicht um den Nach Vollzug Heideggerscher Gedanken, sondern um die "erheblichen Schwierigkeiten", die diese Gedanken ihrem Verständnis entgegensetzen. Dieses soll man aufbringen, ausgerechnet, weil es so schwer zu haben ist! Wird schon klappen, Herr HENCKMANN, mit dem Verständnis, schließlich ist es ja der ganzen Bemühung längst vorausgesetzt.

So hat man eine Disziplin, ohne daß man sie eigentlich betreibt, ohne daß man irgendein Argument für sie ins Feld geführt hätte, schlicht und einfach dadurch, daß man eine Veranstaltung auf den Plan gesetzt hat, die von der theoretischen Sorge um das Gelingen dieser Disziplin getragen ist, als eine wichtige und unverzichtbare Sichtweise geehrt; und für das Gelingen ist damit auch schon gesorgt.

Wo sich Kritik an einer liebgewonnenen Weltsicht zu einem so produktiven Hebel für das Fortführen derselben benützen läßt, da mag manch einer nicht auf die Technik verzichten, anderen vorzuwerfen, sie hätten durch fehlende Kritik und Desinteresse dem eigenen Einfall nicht genug Beachtung geschenkt, weswegen er gerade um so mehr davon verdient.

"Mitunter tritt in der Geistesgeschichte das Paradox auf, daß ein nicht unbedeutender Problemzusammenhang zwar gut erforscht ist und tatsächlich in verschiedenen Jahrhunderten auch erhebliche Beachtung findet, daß er aber trotzdem weder im wissenschaftlichen noch im allgemeinen Bewußtsein einen nennenswerten Niederschlag findet. Dies ist der Fall mit der traditionsreichen 'Naturmystik', die gerade für die Neuzeit viel verbindlicher ist als wegen ihrer geringen Bekanntheit zu vermuten."

Ein Widerspruch ist es schon, von der 'Naturmystik' zu behaupten, sie sei zwar gut erforscht und allgemein bekannt, aber eben deshalb sehr schlecht erforscht und allgemein unbekannt. Was macht es schon, daß sich die gute Frau gerl das "Paradox" erst selbst ausdenken mußte, um sich mit seiner Auflösung herumschlagen zu können; wenn es halt kein besseres Argument dafür gibt, einen traditionsreichen Unsinn, der nicht abseitig sein soll, weil er es ist, als ungeheuer wichtigen "Problemzusammenhang" auf die Tagesordnung zu setzen. Die "theoretisch außerordentlich fruchtbare Neubeschäftigung mit diesem Bündel neuplatonischer Ideen" braucht sie dafür nicht mal als ihre Leistung auszugeben, wo es doch schon in der Renaissance "dazu kommt". Auch Dr. MÜHLHÖLZER möchte seine Veranstaltung nicht absagen, nur weil er statt Wissen von seinem Gegenstand, lauter Schwierigkeiten mit ihm hat. Er stellt sich die Frage "Was sind wissenschaftliche Erklärungen?", um gleich anzukündigen, daß er keine Antwort weiß und will:

"Die zunächst vielleicht ganz harmlos klingende Frage, was eine wissenschaftliche Erklärung sei, erweist sich bei näherem Hinsehen als schwierig und vielschichtig. Die gängigen Antworten haben sich im Laufe der Zeit beträchtlich gewandelt. Während man früher eine rein logisch-se-mantische Explikation für möglich hielt, betonen heute viele Wissenschaftsphilosophen mehr..."

Mag sein, daß die Frage für MÜHLHÖLZER, der sich in seiner wissenschaftlichen Laufbahn offensichtlich nicht mit Erklärungen irgendwelcher Sachen aufgehalten hat, zu schwierig ist. Mag auch sein, daß manche "heute" manch anderes für "möglich" halten als "früher". Möglich ist schließlich so ziemlich alles, sofern gar nicht behauptet werden soll, daß etwas so oder so ist. Wissen und Erklärungen würden da das Anliegen, ihre Möglichkeit zu problematisieren, wirklich nur stören. Bloß: Dafür soll man studieren? Sich dumm stellen kann man auch so. Ein gewisses Selbstbewußtsein davon will aber anscheinend gelernt sein!

Wieso die Veranstaltungen niemanden interessieren können - und wieso sie dennoch mit mehr oder weniger großem Interesse verfolgt werden

Dafür sprechen auch die Gegenstände, um die es in den angebotenen Veranstaltungen dieses Semester geht. LEIBOLD beispielsweise befaßt sich mit folgenden Problemen:

"Die Vorlesung soll sich ... überblickartig mit Problemen befassen, die im Nominalismus des 14. Jahrhunderts behandelt wurden. ... Ausgehend von einer Darstellung Ockhams möchte ich auf die lebhafte Auseinandersetzungen mit Duns Scotus eingehen, aus denen sein philosophisch-theologisches Werk die entscheidende Signatur erhalten hat. ... möchte ich dann einen systematischen, vom modernen Konstruktivismus beeinflußten Lösungsvorschlag ... skizzieren ...und mit den Ergebnissen der historischen Untersuchung in Beziehung bringen."

Wen das interessiert, ist keine Frage, weil die Antwort ja auf der Hand liegt: l. die Professoren, weil die das anbieten. 2. die Studenten, weil die Professoren das anbieten. Die richtige Frage ist doch hier, ob das überhaupt vernünftigerweise interessieren kann. Denn, nur mal angenommen, es gelingt LEIBOLD einen seinerseits "beeinflußten Lösungsvorschlag" mit der Darstellung des von Duns Scotus signierten Ockham "in Beziehung" zu bringen (was übrigens mit der Fragestellung schon gelungen ist), so ist ja selbst noch die Frage, ob nun Ockham in seinem Streit mit Duns oder ein gewisser Lösungsvorschlag oder der lebhafte LEIBOLD recht hat, reichlich abseitig, weil gar nicht herauszubringen ist, worüber da einer richtig liegen könnte, geschweige denn, wen das was warum etwas angehen könnte.

Oder Hanna-Barbara GERL mit ihrer Vorlesung über "Unendlichkeit - Geometrie - Philosophie": Die Bindestriche dazwischen sind ihr Thema, weil kein vernünftiger Mensch die drei ansonsten in einen Zusammenhang stellen würde. Sachlich hängt nämlich die Philosopohie mit Geometrie, und diese wiederum mit Unendlichkeit, ungefähr so notwendig zusammen wie die Hanna mit der Barbara. Aber selbst wenn die Frau Geometrie nicht mit einer "neuzeitlichen metaphysischen Intellektlehre" verwechseln würde, sondern einen geometrischen Beweis fehlerfrei an die Tafel schreiben könnte, - was von jemandem, der vom "Messen der Unendlichkeit" faselt, nicht zu erwarten ist - was könnte daran von Interesse sein? Wem ginge etwas ab, wenn GERL über etwas anderes lesen würde oder einfach ein Freisemester einlegen würde? Nein, der Gegenstand der Veranstaltungen ist sicher nicht der Witz des Interesses an ihnen. Braucht er aber auch nicht zu sein, damit die Veranstaltungen mit Interesse verfolgt werden. Der jeweilige Inhalt ist nämlich nur das Material für die Einübung des philosophischen Umgangs mit ihm, auch wenn sich der eine oder andere beiläufig ein Urteil seiner philosophischen Weltsicht daran bestätigen läßt. Und so ist es auch nicht verwunderlich, daß BLAUs "Interesse für die natürliche Sprache" darin aufgeht, sich schleunigst von ihr abzuwenden. Sein Proseminar "Logische Propädeutik"

"... setzt nichts voraus, außer Interesse für die natürliche Sprache und eine gewisse Aufgeschlossenheit für logische Formalismen. Das Vorgehen ist anwendungsorientiert... Übungen..."

Es setzt also nichts voraus, außer der Kleinigkeit, daß man BLAUs Ansinnen, formale Regeln fürs Denken zu erlassen, damit man sich hinterher an sie halten kann, längst teilt. Fragt sich bloß, wieso man Philosophie studieren soll, wenn sie so selbstgefällig geworden ist, daß sie einfach voraussetzt, daß man ihre Gedanken teilt. Für diejenigen, die sie teilen, muß das das Höchste sein.

Das Einüben ehrfürchtiger Verbeugungen vor philosophischen Theorien

Von den Wissenschaftstheoretikern ist man ja allerlei Barbarisches in Sachen Denken, Urteilen und Schließen gewohnt. So haben neben BLAU auch VARGA von KIBÉD und BALZER "Übungen" angesetzt; und hinst wird in seiner Vorlesung "Einführung in die Beweistheorie", die

"... das Teilgebiet der Logik (ist), in dem der Begriff des Beweises in formalen Theorien und die mit ihm definierten Begriffe... untersucht werden",

garantiert nicht beweisen, inwiefern formale Theorien, bei denen schon im Attribut steht, daß es keine Theorien, sondern von jedem bestimmten Inhalt bereinigte Konstruktionen aus einem Regelwerk sind, Notwendigkeit enthalten, die sich nicht einer Festsetzung verdankt. Irgendwie müssen sich allesamt gedacht haben, daß ihre Theorien über die Logik, die das Nachdenken zur Beförderung des Wissens für untauglich befinden, um es durch ein System tautologischer Schlußregeln ersetzen zu können - bei Tautologien weiß man wenigstens, woran man ist -, schon wegen dieser schlechten Meinung vom Denken nicht nachgedacht und damit auf ihre Schlüssigkeit hin überprüft zu werden brauchen, sondern am besten wie das Tennisspielen angeeignet werden. Einer solchen Einstellung zu Theorien mögen sich auch SCHWEIDLER

"Übungen zum Philosophiebegriff: Lektüre und Interpretation von Heideggers Vortrag: ,Was ist das - die Philosophie?'"

und BEIERWALTES nicht verschließen, der sein Seminar über Aristoteles' Metaphysik folgendermaßen ankündigt:

"Dieser Text bietet u.a. die Möglichkeit einer gründlichen Einübung in philosophische Terminologie."

Zwar bietet das Buch nichts außer richtigen oder verkehrten Urteilen über den verhandelten Gegenstand. Schließlich konnte doch der alte Aristoteles nicht wissen, daß das, wovon er einen Begriff gegeben hat, heute als gelungene sprachliche Festsetzungen eingeübt wird. Aber warum sollten sie es nicht so sehen, wo doch das ganze Studium in nichts anderem besteht als einer solchen Einübung? Auch wenn es SCHWEIDLER schwerlich gelingen dürfte, einen Begriff zu "üben", so steht zumindest eines vorher fest: Ebensowenig wie einer, der so begeistert ist von der "Weise derartig radikaler Selbstreflexion", Heideggers "Philosophiebegriff" prüft, sowenig wird BEIERWALTES die Gedanken des Aristoteles danach beurteilen, ob sie stimmen. Aber vielleicht haben sie auch ungefähr das Gegenteil einer Beurteilung dieser Theorien im Sinn.

So wie JACOBS es von Descartes: "Meditationes de prima philosophia" behauptet, eignet sich nämlich jeder "Text besonders gut zur Einführung in das philosophische Denken", wenn dieses darin besteht, ehrfürchtige Verbeugungen vor "Grundproblemen" zu machen, nur weil ein philosophisch denkender Kopf sie sich nun einmal ausgedacht hat:

"Die Vorlesung will an bedeutenden philosophischen Ansätzen der Neuzeit grundlegende Entwicklungen und Veränderungen in der Naturauffassung der Moderne herausarbeiten. ... Unterschiedliche Positionen hat die neuzeitliche Philosophie etwa zu folgenden fundamentalen Fragen bezogen: Gibt es prinzipielle Grenzen menschlicher Naturerkenntnis, wo liegen diese, was schließen sie ein, und was schließen sie aus?"

ZAHN muß sich gedacht haben, daß ein Stück Naturerklärung sowieso nicht in sein Gebiet fällt, daß er also lieber "die Naturauffassung der Moderne" ins Programm nehmen kann; es ist ja auch viel interessanter, sich mit dem, was hinter den "Grenzen der Erkenntnis" von ihr ausgeschlossen ist, zu beschäftigen. Die "unterschiedlichen Positionen" zu diesem Thema soll man als lauter mögliche Lösungen für ein Problem hochachten, dessen Bedeutung ohnehin außer Frage steht. SCHEIDT sagt darum, daß "ein Verständnis für die phänomenologische Methode hergestellt werden" muß, denn nur mit einem solchen kann man sie verstehen. Wem die Gedanken Schelers nicht einleuchten, wird sich also sagen lassen müssen, daß dies nicht gegen diese Gedanken spricht, sondern dafür, daß er sie nicht verstanden hat.

Da kann das Mißverständnis gar nicht mehr aufkommen, bei soviel Sorge um das Verständnis ginge es um das Begreifen irgendeines Gedankens; in all den Veranstaltungen wird vielmehr die Tugend eingeübt, Verständnis für das philosophische Gedankengut seit 2000 Jahren aufzubringen. Zu den dargebotenen Veranstaltungen sollen sich die Studiosi also ungefähr so stellen: Nicht lange nachgedacht - was kann ich dafür, daß sich ein anderer das ausgedacht hat - wie mach ich's mir plausibel, denn möglich ist das Ausgedachte doch allemal. Lernen tut man auf diese Weise die An-standsregeln, die in der Sphäre universitären Geistes ihre Gültigkeit haben; und die haben nur einen Inhalt: Verboten ist es, einen Gedanken nach seiner Richtigkeit zu beurteilen. Das ist nicht wenig. Denn nach bestandener Prüfung kann man nicht nur eine dumme philosophische Lebensweisheit aufsagen - die ist sowieso dem ganzen Studium vorausgesetzt -, sondern sie auch noch mit einer noch dümmeren von Duns Scotus belegen; und dies ist die einzige Weise, in der heute noch die Philosophie ihre Weltsicht "begründet". Vorausgesetzt ist dabei freilich, daß "die Erkundung des Hintergrundes des Problemstandes" bei Hegel und Hölderlin, die henrich bedenkenswert findet, als gelungene Bestätigung für die philosophische Deutung der kapitalistischen Realität gilt. Genauso wie der Einblick in "Logik, Rhetorik und Methode bei Lorenzo Valla, Rudolph Agricola und Petrus Ramus", den sein Kollege kessler seinem Auditorium darbieten will.

Wie man philosophisches Gedankengut unter die Leute bringt, ohne es begründen zu müssen

Wo es um die Einübung einer solchen anständigen, ehrfürchtig verständnisvollen Denkweise geht, da ist es am besten, man vermeidet schon gleich mit der Themenstellung den Eindruck, man wolle sich ein eigenes Urteil über den Gegenstand erlauben. Der Witz dabei ist nicht, daß man keine Urteile unter die Leute bringt, sondern daß sie nicht das Thema der Veranstaltung sind. Zum Beispiel VOSSENKUHL:

"In Kants Schriften über Religion und Anthropologie werden die Hauptthemen seiner Philosophie brennpunktartig konzentriert. Gerade im Spätwerk wird deutlich, wie ernst es ihm war, als er sagte, die Grundfrage seiner Philosophie sei: Was ist der Mensch?"

Bitteschön, hat er sich also die Frage gestellt! Ein Grund, seine Antwort zu überprüfen? Nie und nimmer! Daß der alte Kant aus der Menschennatur eine vollständige bürgerliche Ordnung samt Recht und Moral und umgekehrt die Unterwerfung unter diese als menschengemäß abgeleitet hat; nicht der Rede wert? Daß es vielleicht der Sinn solcherlei Fragestellung ist, den Menschen Pflichten mitzuteilen; das ist vossenkuhl alles so selbstverständlich vernünftig, daß es nicht mehr Gegenstand der Veranstaltung ist. Er konzentriert sich lieber auf den blöden Nachweis - so als hätte das irgendwer laufend bestritten - ,daß es Kant auch wirklich darum zu tun war. Sein Werk soll man vom Standpunkt der Schwierigkeit lesen, in ihm einen Beleg für das Anliegen, dessentwegen es geschrieben wurde, zu finden. So kann man es auch sagen, daß man ein Buch gut findet, in dem begründet ist, daß die Religion den Menschen ausmacht.

Am einfachsten ist dieser Trick dadurch zu haben, daß man darüber liest, was ein anderer zu diesem Thema zu Papier gebracht hat - oder noch besser: was noch ein anderer über diesen anderen, der über dieses Thema etwas vermeldet hat, gesagt hat. Da wird z.B. nicht einfach über die Bedeutung sprachlicher Zeichen nachgedacht, sondern darüber, was Wittgenstein u.a. zu dem bei Frege "nicht viel" vorhandenen Thema sagen würden, wenn sie darüber etwas sagen würden.

"In Freges Sprachphilosophie wird nicht viel darüber gesagt, welchen Umständen es sich verdankt, daß ein sprachliches Zeichen überhaupt eine Bedeutung hat... In diesem Semester wird es um sprachphilosophische Ansätze gehen, die etwas zu diesen Fragen ergeben - und zwar insbesondere um die sog. Gebrauchstheorie L. Wittgensteins, die Sprechakttheorie von J.L. Austin (und ihre Ausarbeitung von John Searle und anderen)..."

Zwar geht es hier um nichts als den beliebten Fehler von Sprachphilosophen, die Bedeutung eines Wortes von diesem zu trennen, um anschließend die Beziehung des nunmehr bedeutungslosen Wortes auf (s)eine Bedeutung zu problematisieren, aber beurteilt wird er von kemmerling nicht. Schließlich geht es ihm um das Verhältnis, in das er seinen Gegenstand gestellt hat, zu den aufgeführten Herren, die selbst wieder von anderen "ausgearbeitet" wurden.

Ein "und" leistet bei einer solchen Zusammenstellung eines Themas einerseits immer gute Dienste, weil es an kein logisches Verhältnis erinnert, sich also mit ihm immer neue, rasend interessante 'Aspekte' eines Gegenstandes eröffnen lassen. Über die läßt sich nachgrübeln, ohne daß man gleich in den Verdacht der Vermessenheit gerät, über den Gegenstand selbst etwas behauptet zu haben; z.B. MARSHALL:

"Die Seinslehre G. Freges und das Paradoxon" ... Er will "untersuchen, ob es zwischen dem ... Seinsbegriffund dem berühmten Paradoxon einen Zusammenhang gibt."

Andererseits soll bei alledem nicht der Eindruck entstehen, die pure Beliebigkeit sei bei der Themenwahl das Prinzip gewesen.

Also muß ein notwendiger Zusammenhang her.

"Wenn Politik etwas mit rationalem Entscheiden zu tun hat, gilt wohl: Ohne Sprache keine Politik. Gleichfalls soll hier davon ausgegangen werden - und das ist durchaus eine umstrittene Annahme - daß, wo immer Sprache, da auch menschliche und potentiell kollektive Determination/ Festlegung. Also: Wo Sprache, da immer auch Politik."

Sprachphilosophen sollten also diesen Schluß von der Sprache auf die Politik, den sie nicht ziehen, besser doch ziehen, was sie aber einfach nicht tun, wofür markl einen Grund weiß, weil er ja weiß, daß er durchaus eine "umstrittene Annahme" vertritt. Es soll hier nämlich "davon ausgegangen werden", daß das gleichzeitige Vorkommen von Sprache und Politik für ein Verhältnis von beidem, und zwar für ein notwendiges, spricht, zumindest dann, wenn man davon ausgeht. Wie gut sich doch logische Partikel zur Zerstörung logischer Verhältnisse gebrauchen lassen, wenn man es darauf anlegt!

Macht aber nichts! Als Problem durchgehen tut es ebenso wie ZAHNs Auskunft über "Kant und der Empirismus Humes":

"Das Problem, zu dem beide Denker in konkurrierender Weise Stellung nehmen, ist auch für die Gegenwartsphilosophie von großer Aktualität. Häufig wird es allerdings heute anders formuliert, akzentuiert, dargestellt und bewertet. Eine Reihe von Philosophen, Wissenschaftstheoretikern, Naturwissenschaftlern etc. neigen dabei dazu, den Hume'schen Ansatz eher als den Kantischen zu akzeptieren."

Die Einsicht, daß von zwei sich widersprechenden Ansichten zu ein und demselben Thema nicht drei richtig sein können, scheint diesem Mann vollkommen fremd zu sein. Er hält den Umstand, daß Kant und Hume sich widersprochen haben, für ganz und gar unverzichtbar, weil so auch alle, die sich nachfolgend mit ihnen beschäftigt haben, als Zeugen für die "große Aktualität" des Problems von zahn aufgeführt werden können und nicht als Vertreter von falschen oder richtigen Argumenten. Er muß so weder Kant noch Hume noch irgendeinen anderen "Ansatz" verteidigen; er begrüßt sie alle als Beitrag zur Beibehaltung des Problems. Fragen sind in der Philosophie schließlich nicht dazu da, sie zu beantworten, sondern für sich genommen schon der ganze Inhalt der Philosophie. Daß Kant die Frage nach der "Bedingung der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori" durch die Antwort, die er begründet hat, für erledigt hielt, macht ihn für dieses Unterfangen nicht weniger brauchbar. Beweist doch einem zahn allein die Tatsache, daß sich Philosophen nach ihm die Frage erneut gestellt haben, daß von wissenschaftlichen Begründungen nicht viel zu halten ist. Warum sollte also ausgerechnet er eine liefern, wo ihm doch schon 87 andere nicht als begründete Antworten gelten, sondern als verschiedene Bewertungen und Formulierungen desselben "Problems". Viel interessanter sind daher die Fortschritte, die die Philosophie in ihrer Beschäftigung mit sich selbst macht, wozu Philosophen eben "neigen".

Für Fortgeschrittene: Philosophieren als Charakterangelegenheit

Ist man erst einmal in die Anstandsregeln wissenschaftlichen Denkens eingeweiht, beherrscht man die Kunst, philosophisches Gedankengut zu pflegen, so darf man in dieser absolut trostlosen, verwahrlosten Sphäre des universitären Geistes auch seinen ganz speziellen Vorlieben nachgehen. Gelegenheit dafür bietet sich genug. Denn trägt sich erst einmal ein theoretisches Interesse an diesem Fachbereich als Beitrag zu jenem Diskurs, der vor 2000 Jahren begonnen hat, vor und ist sichergestellt, daß durch diesen Beitrag dieser Diskurs nicht sein Ende findet, so ist hier alles erlaubt. Noch nicht einmal die sonst gehörige Prätention einer irgendwie gearteten Nützlichkeit des eigenen Gedankens muß hier das theoretische Treiben begleiten; im Gegenteil: Ist nicht gerade die Zurückweisung jeglichen praktischen Interesses an einem Gedanken der beste Beweis seiner Tiefe? PÜNTEL mit seinem irrenhausreifen Thema: "Wie wir Welten erzeugen", findet es diesmal einfach originell sich vorzustellen, wie es sein könnte, wenn alles ganz anders wäre, als er es sich denkt:

"Daß Goethe und Gödel, Bach und Barlach, Einstein, Achternbusch und Hundertwasser verschiedene Weltsichten repräsentieren, gehört zu unseren Alltagsüberzeugungen. Nicht gerade alltäglich hingegen ist die These Goodmans (...) Es gibt (...) keine Trennschärfe und beständige Unterscheidung von schöpferischem und beschreibenden Symbolgebrauch: Bilder enthalten Weltbilder, Tatsachen werden erfunden, Gegebenes ist Genommenes...

So unangemessen ist die sprachliche Form diesem denkfeindlichen Programm, daß es in Metaphern von Geben und Nehmen auch wahrlich besser aufgehoben ist.

Also ab in die Büsche:

"Im Rahmen dieser Zielsetzung sollen Abstiege ins Unterholz der Begriffsklärungen unternommen werden."

DRÖMMER (ehemals KÄSBAUER) hat immer noch das Problem "Bin ich dieser Körper?", obwohl er seinem eigenen doch bereits vor geraumer Zeit einen unverwechselbaren neuen Namen gegeben hat. Wir empfehlen in solchen Fragen W. Ambros: "Zwickt's mi, i man i tram". Wer mit HENRICH nicht "informelle Lektüre der Hymnenentwürfe Hölderlins" betreiben will, kann statt dessen mit KIBÉD "Selbstreferentielle Systeme" behandeln; nach der vorbereitenden Lektüre von Smullyan, Raymonds Buch: "Wie heißt dieses Buch?", versteht sich.

An anderer Stelle hat man sich seit einigen Semestern eingesponnen, und gedenkt das fortzusetzen:

"Induktivdefinitionen IV / Themen dieses Seminars sind die Wertverlaufsinduktion (Spezialfall: transfinite Induktion) und die Grundlagen der simultanen Induktion. Vorkenntnisse: Mengenlehre, einige Formen von Induktivdefinitionen."

Im kleinen Kreis - selbstredend, wer bringt schon diese "Vorkenntnisse" mit - wird hier unter kundiger Anleitung eines Herrn hinst ausprobiert, was man alles noch denken kann und ist in diesem Anliegen schon recht weit gekommen. Worüber da nachgedacht wird? - Eine absurde Frage! Hier wird das Philosophieren zur Charakterfrage, zur Demonstration der eigenen Tiefgründigkeit; eine Botschaft, die übrigens noch jedes Erstsemester ohne Beteiligung an einem solchen Seminar durch einen Blick in das Vorlesungsverzeichnis mitbekommt, weil Wissenschaftsgläubigkeit an diesem Fachbereich leider sehr verbreitet ist.

Bei alledem: Die Philosophie ist eine Wissenschaft und zwar eine wissenschaftliche

Was ist eigentlich an dieser Wissenschaft, die ihre weltanschaulichen Urteile nicht mehr begründen mag, sondern sie in ihrem Umgang mit ihnen als Selbstverständlichkeiten unterstellt, noch wissenschaftlich? Denn wissenschaftlich muß es doch zugehen in einer Disziplin wie der Philosophie, die nebenbei immerzu auf ihre Wissenschaftlichkeit pocht, als wollte sie einen Verdacht ausräumen. Erstens eben dieser Umgang mit dieser Weltsicht. Sie plaudert diese Urteile, die für sich genommen noch jeder Hinz & Kunz beherrscht, wenn ihn in einer schwachen Stunde das Bedürfnis nach einer tieferen Bedeutung seines gewöhnlichen Treibens packt, nicht einfach aus, sondern pflegt den Schein ihrer Wichtigkeit, indem sie sich vor allem, was in der Philosophiegeschichte Rang und Namen oder auch nur seinen Platz hat, tief verbeugt - und zwar in der Form der Aufdeckung von lauter Problemen und offenen Fragen, durch deren Lösung sich diese Wissenschaft weiterentwickeln ließe, wäre nicht diese Lösung selbst wieder ein interessantes Problem, das neue Fragen aufwirft ...; hochkarätige Probleme und Fragen also, an die bestimmt weder Hinz noch Kunz bei ihrer Sonntagsphilosophie gedacht haben.

Zweitens hat die Philosophie in ihrer einen, in der Ludwigstraße 31 ansässigen Abteilung mit dem Argument, daß sie als "Formalwissenschaft" keinen Gegenstand hat, also nichts erklärt, sowieso den Titel auf allerhöchste Wissenschaftlichkeit gepachtet, weil diese Abteilung der Ansicht ist, daß ohne sie die anderen Wissenschaften gar nicht möglich wären, weil sie keine Grundlage hätten. Also noch einmal BLAU:

"Es soll schrittweise in eine sehr umfassende Logik LR einführen, die große Teile der natürlichen Sprache erfaßt, Unbestimmtheitsphänomene (Vagheit, Kategoriefehler, Präsuppositionsverletzungen) berücksichtigt, die semantischen Paradoxien löst,... und sprachanalytische Erweiterungen zuläßt."

Was muß dieser Mann schon alles hinter sich haben, wenn er mit der größten Selbstverständlichkeit den Wissenschaften diesen Nutzen seiner "LR" in Aussicht stellt? Er muß davon ausgehen, daß die Wissenschaftler ohne ihn in die Gefahr geraten, lauter Unsinn daherzureden; Unsinn, den er nicht in ihren Büchern entdeckt hat, sondern den Wissenschaftstheoretiker seines Kalibers - vgl. Smullyan, Raymond - sich ausgedacht haben; das Denken muß er für ziemlich untauglich halten, diesen Unsinn zu kritisieren, obwohl gar nicht einzusehen ist, warum er ihn abschaffen will, wenn er an ihm nichts zu kritisieren weiß; daß man in ganz normalem Deutsch einen solchen Unsinn hinsagen kann, muß er irgendwie für dasselbe halten, wie daß man "infolge" der Beschaffenheit dieser Sprache diesen Unsinn produzieren muß; damit hat er seine ganze Theorie über die Aufgabe der Sprache unterstellt: Sie soll so beschaffen sein, daß sich in ihr kein Unsinn dieser Art, der extra für dieses Ideal seiner Unmöglichkeit erfunden wurde, ausdrücken läßt; eine Sprachtheorie hält er offenbar für dasselbe wie ein Ideal von ihr, die Konstruktion einer Sprache, die Denkfehler unmöglich macht, indem sie jeden Gedanken verbietet, d.h. indem sie nur Tautologien zuläßt. All das steht in seiner Vorlesung außer Frage. Er will in ihr seine Weiterentwicklung der "klassischen und dreiwertigen Logik", dieser Konstruktion einer Tautologik, vorstellen, die, wenn man es. einmal auf solche Leistungen abgesehen hat, viel mehr "ermöglicht" und "löst". Ohne ihn wäre es um die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaften also schlecht bestellt.

Drittens zeugen ausführliche Literaturangaben zu den Veranstaltungen von dem wissenschaftlichen Geist, der sie beseelt. Zwar gehen auch die Dozenten nicht davon aus, daß ihre Studenten sich den halben Meter Literatur, den sie empfehlen, zu Gemüte führen. Aber das Herausstellen dessen, was man alles kennt oder was es alles gibt, ist schließlich auch ein Argument dafür, daß man es sich nicht zu leicht macht; ein Argument, das die Studenten spätestens bis zur Doktorarbeit gelernt haben müssen, denn hier geht es um ihre wissenschaftliche Befähigung.

Die philosophische Weltsicht als praktizierte Methode philosophischen Nachdenkens über sich selbst.

Und die Moral von der Geschicht? Ein ganzes Institut samt studentischem Anhang sorgt sich um die Möglichkeit und den Fortschritt ihrer Anstrengungen; sucht nach den Voraussetzungen, den Hintergründen und dem tieferen Sinn von Gegenständen, die einzig im Hinblick auf ihren Beitrag zum Gelingen der Philosophie interessieren; übt sich in der Tugend der Toleranz ausgerechnet auf dem Feld des Denkens; pflegt einen verständnisvollen Umgang noch gegenüber dem hinterletzten Vertreter und der abseitigsten und dümmsten Fragestellung dieser Disziplin; problematisiert die eigenen Resultate, die in gar nichts anderem bestehen als in Problemen und Fragen - da lernt man doch wohl, daß man aufsein eigenes Nachdenken nicht allzu viel zu geben hat, weil hinter allem viel mehr steckt als man denken könnte. Mit einer Begründung dieser eingeübten Botschaft - beispielsweise einem ordentlich durchgeführten Gottesbeweis - würde man heute kaum die Doktorwürde erlangen; sie ist als theoretische Haltung zu praktizieren.

Nebenbei ist freilich auch von gar nichts anderem die Rede, weil die Philosophie sich mit dieser Haltung aufsich selbst bezieht, das Material, an dem diese philosophische Haltung ausgebildet wird, selbst schon philosophische Deutungen der Welt sind. Wem dieses methodische Getue zu wenig ist, wer nicht nur den Skeptizismus gegenüber seinem eigenen Nachdenken praktizieren, also einen ganz methodischen Glauben an einen tieferen Sinn, der hinter allem steckt, pflegen will, sondern seinem Glauben einen positiven Inhalt geben will, der kann ja zu BISER gehen:

"Das bittere Rahner-Wort vom winterlichen Zustand des kirchlichen Lebens wirft die Frage auf, ob damit bereits das letzte Wort in Sachen einer religiösen Situations- und Standortbestimmung gesprochen ist."

Sicher nicht!

Quelle: Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis Philosophie WS 85/86