Inhalt

III.

Ein Fachbereich verblödet

Und das nicht ohne Grund. Das ganze Anliegen der Philosophie, dem Menschen einsichtig machen zu wollen, daß er gut daran tut, seine Interessen höheren Gesichtspunkten unterzuordnen, daß der freie Wille in der Willensleistung besteht, von den eigenen Zwecken abzusehen, daß Pflichten vernünftig sind, ist nämlich ein einziger Widerspruch. Schon die Durchsetzer der modernen Philosophie haben sich an diesem Widerspruch abgearbeitet. Als Propagandisten der neuen Denkweise, die ihr Publikum noch zu überzeugen hatten und die in der Theologie einen Gegner hatten, der überhaupt nicht einverstanden war mit dem Programm, Unterordnung ausgerechnet im Namen der Freiheit des Willens zu fordern, waren sie darauf angewiesen, gute Gründe für ihr Programm anzuführen - und von Anbeginn an hatten sie ein Bewußtsein davon, daß diese guten Gründe eine Beleidigung für den Verstand sind. So hat schon ein Kant nicht allein auf die Überzeugungskraft seiner Gründe für den kategorischen Imperativ vertraut, sondern zugleich und quasi präventiv betont, daß es am Verstand liegt, wenn dem in Sachen Moral und Religion nicht alles einleuchtet. Und auch letzteres mußte erst einmal mit Argumenten unter die Leute gebracht werden: Der Verstand sollte schließlich einsehen, daß seine Einsichten nichts taugen, was gar nicht einfach ist. Der Widerspruch, der die Philosophie ausmacht, hatte damit eine Form angenommen, die dieser Disziplin das Argumentieren überhaupt zum Problem werden läßt. Nicht nur, daß ihre guten Gründe für Antimaterialismus und Skepsis ziemlich verkehrt sind und sein müssen. Ist von der Philosophie die Skepsis erst einmal zur Grundlage ihres verkehrten Anliegens erklärt, so gerät jeder Versuch, dieses Anliegen zu begründen, also als Resultat eines vernünftigen Gedankens darzustellen, in Gegensatz zu diesem Anliegen: Die Bescheidenheitsregeln, die die Philosophie fürs Leben und Denken erläßt» sollen als vernünftig eingesehen werden, und das hat den Klassikern einiges an Begründungskunststücken abverlangt. Aber gerade darin verstößt sie gegen die von ihr selbst propagierte Bescheidenheit im Denken.

Die eine Seite in diesem Widerspruch, das Bedürfnis nach Begründung, hat in Hegel, der bekanntlich gefordert hat, die Philosophie müsse Wissenschaft sein, ihre ausgeprägte Gestalt wie auch ihr historisches Ende gefunden. Daß die Wissenschaft, die Erklärung realer Gegenstände, mit der Ausgliederung der Einzelwissenschaften aus der Philosophie nach Hegel an anderen Fakultäten angesiedelt wurde, hat der Philosophie allerdings nicht, wie Marx irrtümlich gemeint hat, das "Existenzmedium" genommen - sie ist vielmehr verblödet, und dies gehört ebenso notwendig zu ihr wie der Schein der Wissenschaftlichkeit. Ist nämlich erst einmal die Moral dieser Disziplin allgemein anerkannt und an einem speziell dafür vorgesehenen Lehrstuhl etabliert, so wendet sich diese Disziplin selbst gegen alles, was sie mit der Wissenschaft gemein hat. Begründen muß sie ihr Zeug nicht mehr, weil es schließlich anerkannt ist, und sie will auch nichts mehr begründen, weil sie mit der Sicherheit im Denken, die Gründe nun einmal stiften, gegen den Skeptizismus verstößt, den sie begründen will. Das andere, der Hegelschen Philosophie entgegengesetzte Extrem in diesem Widerspruch ist daher die Philosophie, wie sie heute gelehrt wird: Eine Philosophie, die den Irrsinn, skeptisch zu denken, praktizieren will. Was ihre Weltsicht ausmacht und wofür die Alten sich um Gründe gekümmert hatten, behandelt sie als eine nicht weiter bedenkens- und überprüfenswerte Selbstverständlichkeit. Und auf dieser Grundlage besteht sie mit furchtbar komplizierten Gedanken darauf, daß ihre Gedanken nie zu einem Resultat führen.

Im folgenden die eindeutigen Dokumente der Verblödung. Ein Überblick über das Lehrangebot in einem ganz normalen Semester; eine Einführung in die Formale Logik; und die Werbung eines Professors in eigener Sache.