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Der Krieg als Gefahr für die Menschheit, als Krise der Vernunft, als Problem für die Sinnstiftung

Erlesene Sorgen plagen den Philosophen, dem ein bevorstehender Weltkrieg den "Ausblick auf Universales" bietet. "Bedeutet es wirklich alles, das eigene Dasein bis zum natürlichen Tod zu bewahren ...? fragt sich einer, der Gedanken "des Einzelnen an sich selbst", und seien sie noch so bescheiden dem puren Überleben gewidmet, zurückweist im Hinblick auf die bedrohte "Existenz der Menschheit". Kann man angesichts dieser Lage noch philosophieren?

Man kann. HENRICH - von dem hier die Rede ist - ist es jedenfalls gelungen, die vulgärsten Ansichten über den Krieg zusammenzutragen und in den Jargon philosophischer Tiefsinnigkeit zu übersetzen. Da ist gut labern, ist auf diese Weise das Thema Krieg & Frieden erst einmal seines politischen Charakters entkleidet und auf weltfremde Abstraktionen abgehoben. So weist er das Ansinnen zurück, "die Ernsthaftigkeit seines Denkens daran zu messen, unter welches Rezept er seine Unterschrift gesetzt hat". Gegen die Verwechslung "seines Denkens" mit nützlichem Wissen verwahrt er sich entschieden und polemisiert ganz in diesem Sinne gegen jene linken Philosophen, die unbedingt einen anerkannten Philosophen das Vorwort zu ihrem Buch schreiben lassen wollten und nun ebenda zu lesen kriegen:

"Politische Rezepte für hie et nunc können im Namen der Philosophie nicht gegeben werden." -

Damit eröffnet er sich die Gelegenheit, über lauter fiktive "Gefahren", "Krisen" und "Probleme" zu sinnieren, die so "universal" sind, daß alles Kritikable am "Nuklearen Frieden" (Titel von HENRICHs Beitrag in: Dialektik 4: Für den Frieden) in ihnen getilgt ist und jeder Anspruch auf praktische Veränderung an ihnen gemessen verfehlt erscheinen muß. Und dieser Ersatz von Kritik durch Entpolitisierung ihres Gegenstandes soll kein "politisches Rezept" sein?

Die Menschheit ist in Gefahr - von wegen "Grundtatsache"

Die Lage ist ernster als man bei der täglichen Zeitungslektüre annehmen könnte:

"So haben wir allen Grund, die Einsicht für unumstößlich zu halten, daß von nun an zu den die Existenz der Menschheit definierenden Bedingungen ihre Kapazität zum selbstgewirkten und dann nicht mehr umwendbaren Sog hinein in den Weg gehört, auf dem sie entweder sogleich zerstört oder aber in Schwundform ihrer Möglichkeiten niedergehalten wird... Die Möglichkeit der apokalyptischen Wendung gehört von nun an zu den Grundtatsachen des Menschseins."

Welche Einsicht will der Mann seinen Lesern mitteilen? Daß es die Mittel und Möglichkeiten gibt, alle Menschen auf einmal in die Luft zu jagen? Erachtet man diesen Umstand für bedenklich, muß man sich fragen, wer sich diese "Kapazität" zu welchem Zweck angeschafft hat, sonst hat man es bei diesem Befund noch nicht einmal mit einer realen Möglichkeit zu tun, sondern bezieht seine "Grundtatsachen" aus der Betätigung seiner eigenen Phantasie; möglich ist nämlich allerlei. Diese Fragen verbietet sich HENRICH jedoch, indem er "die Menscheit" "selbst" zum Subjekt erklärt, das sich die Möglichkeit zur "Selbstelimination" beschafft hat. "Denkt man nämlich einmal über den Antagonismus der beiden gegenwärtigen Weltsysteme hinaus ..." lautet die Denkanweisung, mit der er seinen Willen bekundet, die gegenwärtige Situation gerade dadurch zu erklären, daß er nicht über sie nachdenkt, sondern ausdrücklich von ihr abstrahiert. Sieht man einmal von allen politischen Subjekten und ihren gewaltschwangeren Zwecken ab, streicht man theoretisch einmal jeden Unterschied und Gegensatz zwischen den Repräsentanten des westlichen und des östlichen "Weltsystems", und dann auch noch den zwischen Bürgern und Politikern; denkt man sich also konsequent alle Subjekte ohne die sie auszeichnenden Zwecke und Ämter, dann bleibt von ihnen übrig, daß sie alle Menschen sind. Dann freilich kann man sich sehr über diese "Grundtatsache" wundern. Ein einsehbarer Grund dafür, daß "der Mensch" nichts anderes im Sinn haben soll, als sich potentiell selber auszumerzen, ist nämlich weit und breit nicht auszumachen. Der Zweckmäßigkeit der Absichten und Handlungen dieses sonderbaren Subjekts spricht diese "Grundtatsache" ja ziemlich prinzipiell Hohn. Und statt über die Kriegsgründe aufzuklären, bedient man sich beim Zauberlehrling und faselt über einen mysteriösen "nicht mehr umwendbaren Sog" etwas zusammen. Die Analyse dieser "Grundtatsache" sieht entsprechend aus.

Krise der Vernunft - von wegen "Analyse"

Die Verwandlung der Weltlage in die Möglichkeit einer "Apokalypse der Selbstzerstörung" legt nämlich sehr absichtsvoll das Urteil nahe, daß es ziemlich unbegreiflich ist, was "der Mensch" da anrichtet, und daß dies Urteil so etwas wie der Begriff der Weltlage ist. Jedenfalls erfährt man aus solch einem Urteil, wenn schon sonst nichts - es spricht ja nur die Weigerung aus, die Zweckmäßigkeit der nuklearen Aufrüstung für den Staat, d.h. ihren Grund zu ermitteln -, daß es einem Verstand entspringt, der ganz in der Leistung aufgeht, für alles, was ihm begegnet, gute Gründe ausfindig zu machen, in deren Namen er sein Einverständnis mit seiner Umwelt geben kann, und der dort, wo er in dieser opportunistischen Absicht von der Welt enttäuscht wird, nicht diese Absicht aufgibt, sondern beleidigt seine Dienste ganz versagt. Und wer wollte sich diesem billigen Urteil nicht anschließen? Wo heute jeder Depp schon weiß, daß der Atomkrieg und die Ausstattung der Staatenwelt mit den entsprechenden Mitteln "ein Wahnsinn" ist; zumal auch die Übersetzung der militärischen Anstrengungen in das Bild vom x-fachen "overkill" zum gewöhnlichen Repertoire staatsbürgerlicher Ideen gehört. Als Zeugnis von Sachkunde gelten sogar allgemein die entsprechenden Berechnungen, wieviel Tonnen Sprengstoff pro Kopf der Erdenbevölkerung bereits existieren - obwohl es bei den militärischen Kalkulationen doch sehr darauf ankommt, wer welchen Sprengstoff auf welchen Kopf abzuladen gedenkt. Militärische Kalkulationen haben vorzüglichere Anliegen als die Tötung von Menschen durch die angemessene Dosis von Sprengmitteln. Überlegenheit auf allen Stufen der Eskalation ist ihr Ziel, um darin der Politik ein beliebig handhabbares Mittel der Erpressung fremder Souveräne zur Verfügung zu stellen. Und als gelungene Kritik wird es verstanden, sich gegenüber dem Staat als der bessere Anwalt der Zweckmäßigkeit von Krie-. gen zu präsentieren — die wird nämlich bei diesem "Wahnsinn" so sehr vermißt, daß gemessen daran ein konventioneller Krieg schon wieder wie ein verständliches Unternehmen erscheint.

Da braucht es nur noch den Herrn Professor, der aus diesem kritisch sachverständigen Urteil über die Weltlage eine ganze Theorie verfertigt. Der Themenwechsel, vom Krieg auf "die Vernunft" und ihre Macken zu sprechen zu kommen, ist ihm dabei so geläufig, daß er ihn gar nicht mehr begründen mag. Bis in die Zeiten der Französischen Revolution führt er seinen Leser zurück, um zu erklären, warum es mit "der Vernunft" "des Menschen" heute nicht zum Besten bestellt ist. (Wohlgemerkt nicht um begreiflich zu machen, warum Menschen wie er, die von Berufs wegen mit dem Nachdenken beschäftigt sind, sich solchen Unsinn zusammenreimen, sondern um zu erklären, was der Witz an der "konfliktgesättigten Weltlage" ist.) Damals nämlich war seiner Ansicht nach schon "die Vernunft" am Werk, ging es doch um die Verwirklichung der "Idee" von "Recht und damit Frieden zwischen den Menschen", die "dem tiefsten Bedürfnis der Menschennatur" entspricht. Daß sich der Mensch keinesfalls auf die Einsichten seiner Vernunft verlassen und sich ihnen gemäß praktisch betätigen darf, sondern sich an der Vernunft vorausgesetzten Rechten zu orientieren und deren Vorschriften zu gehorchen hat, hält dieser Denker nämlich für sehr vernünftig. Gerade weil HENRICH von der Notwendigkeit der Unterordnung "der Vernunft" unter das Recht überzeugt ist, hält er jedoch die Tat derjenigen, die den bürgerlichen Rechtszustand, den er so schätzt, erst eingerichtet haben, wiederum auch für ziemlich vernunftwidrig. Die Vernunft anders als im guten Glauben an das Wirken schöner Ideale zu betätigen, sie mit der "Selbstgewißheit" zu verbinden, sich praktisch nach dem eigenen Verstand richten zu können, ist für ihn menschliche Hybris - in gelahrtem Nonsens heißt das: Übersehen, daß "Vernunft unter spezifischen und unwahrscheinlichen Bedingungen ins Dasein kommt", und es fehlen lassen am "tiefen Verständnis der Verflechtung intelligenter Leistungen mit der Gesamtdynamik von in sich durchaus nicht rationalem Verhalten." -, und das mußte ja scheitern.

An diesem "Scheitern" der Verwirklichung von "Recht und damit Frieden zwischen den Menschen", das HENRICH originellerweise in den Gewaltakten ausmacht, mit denen das Recht aus der Taufe gehoben wurde, stört ihn nun weniger der theoretische Widerspruch - gerade die Durchsetzung bürgerlicher Rechtsverhältnisse soll deren Durchsetzung verhindert haben - als vielmehr das "Problem", dies könnte die bürgerlichen Ideale in Mißkredit gebracht haben:

,Im Hinblick auf ihre Ideale haben sie" (die "Wirkungen der Revolution") ,als deren Scheitern aufgefaßt werden können ..." (Das) "hat ein Mißtrauen gegen Vernunft in ihrer Applikation auf Geschichte und gar Gattungsgeschichte zu einer tief eingewurzelten Einstellung... werden lassen .. In den beiden Weltkriegen hat es auch die Friedenshoffnung der Vernunft mit zuvor noch nie erreichten Vernichtungsakten unterspült. Und io ist es" (dieses Mißtrauen) "über eine Reihe von Zwischenstufen selbst ;ur Ursache für die Entstehung der konfliktgesättigten Weltlage und auch der neuen Waffentechnologie mit gänzlich entfesselter Vernichtungskraft geworden."

Das "Mißtrauen gegen Vernunft" hat sich nämlich als grundloser Zweifel in die praktische Tauglichkeit des eigenen Verstandes mit dem Vertrauen in die segensreichen Wirkungen "der Vernunft" des Rechtsstaates gerade dann zu verbinden, wenn diese segensreichen Wirkungen ("und damit Frieden") ausbleiben; sonst verliert "der Mensch" mit dem Glauben an die "Rechtsidee" seinen Sinn, verschreibt sich - anstatt der sinnvollen Unterordnung unter lauter vernünftige Vorschriften - der "negativen Sinnstiftung" und haut alles kurz und klein. Kriegsursache: kollektiver Wahnsinn!

Daß HENRICHs Erklärung der Vorkriegszeit aus einem Mangel an Sinn und die Erklärung des Bewußtseins der Sinnlosigkeit aus der Nachkriegserfahrung der beiden Weltkriege zirkulär ist, gibt diesem Denker erst die Würde, ein philosophisches "Problem" zu wälzen. Seine "Dialektik der Vernunft" erklärt dankenswerterweise nämlich nicht nur, warum die Weltlage so sein muß, wie sie ist - als Schicksal, das man bekanntlich nicht ändern kann und dem man sich am besten gelassen fügt -, sondern gibt gerade in der Haltlosigkeit der Erklärung Anlaß zu der Hoffnung, die "der Mensch" nun einmal braucht, will er sein Schicksal akzeptieren.

Ein Problem für die Sinnstiftung - von wegen, wenn das keine Chance ist

Die haltlose Erklärung der "konfliktgesättigten Weltlage" aus einer verkehrten Einstellung "des Menschen" zu sich und seiner Vernunft kann man nämlich auch produktiv umdrehen:

"Ohne die Ausbildung einer aufs neue vertieften Selbstbeschreibung und ohne deren Eingang in Lebensformen und in die Vollzugsweise des politischen Prozesses insgesamt... ist langfristig kein Einhalt auf dem Weg von der Krisis in die Katastrophe zu erwarten."

So billig geht Sinnstiftung: Wenn die Einstellung des Menschen zu sich schuld an seiner Lage ist (die immerhin auch HENRICH noch von einem gewissen "politischen Prozeß" bestimmt weiß), dann muß er diese Einstellung halt ändern. Und warum soll er damit nicht die Hoffnung verbinden, daß sich dieser Gesinnungswandel "bis in die Zentren verbreitet, die über die Arsenale der Apokalypse verfügen", wo HENRICH zuvor doch das Wirken dieser "Zentren" von deren politischen Zwecken getrennt und in den "abwegigsten Idealismus" aufgelöst hat:

"Trotz aller Einreden, die dahin gehen, es laufe auf den abwegigsten Idealismus hinaus, auf Perspektiven dieser Art irgendeine Hoffnung zu setzen, kann man sich doch leicht klarmachen, daß die Grundlagen des Weltsystems, welches uns in die apokalyptische Endansicht gebracht hat, aus eben solchen Selbstbeschreibungen hervorgegangen sind."

Da macht es sich eben positiv bemerkbar, daß die ganze Aufregung ohnehin nur von der bloßen Möglichkeit einer "Menschheitskatastrophe" veranlaßt war. Deswegen kann man sich nämlich auch "leicht klarmachen", daß Krieg und Raketen den Idealismus "des Menschen" nicht nur "unterspülen" und damit für "Gefahren" allergrößter Größenordnung sorgen können, sondern daß sie diesen Idealismus geradesogut beflügeln können:

"Aber die Schubkraft der Raketenerfindung hat unvergleichlich mehr als alles andere dazu beigetragen, daß die ganze Menschheit teilhat an dem Blick auf den blauen Planeten. Er ist nicht nur der ihre, sondern ihr nun auch sowohl preisgegeben wie anheimgegeben ... zum Gewahren und Bewahren ... Und aus dieser Aufgabe, die nur im Blick auf die mögliche Katastrophe den ihr eigenen Ernst gewinnt, kann sich die apokalyptische Grunderfahrung zur Erfahrung einer neuen Lebensmöglichkeit umwenden."

Und worin besteht diese großartige "Umkehrung der ganzen Denkungsart"? In Glaube, Liebe, Hoffnung. Als ob diese doch eher untertänige Geisteshaltung von den Philosophen nicht seit jeher zu jeder Gelegenheit gepredigt würde. Anläßlich dieses Gemäldes von dem einen Boot, in dem "wir" alle sitzen, "gewinnt" diese Predigt freilich "den ihr eigenen Ernst". Im Namen einer fiktiven Notgemeinschaft verkündet, braucht die Aufforderung zu Tugend und Selbstverleugnung nicht einmal mehr mit der Illusion eines Versprechens daherzukommen. Immerhin, solch abgeklärter Glaube an die Möglichkeit der Einheit & Harmonie aller Menschen, die eben nur zu haben ist, wenn der Einzelne "über sich hinausdenkt", kann auch nicht enttäuscht werden. In dieser intellektuell aufgepeppten Durchhaltemoral für Krisenzeiten ist er nämlich längst erfüllt.

Quelle:

Dieter HENRICH: Nuklearer Frieden. In: Dialektik 4 - Für den Frieden