Philosophen reden im allgemeinen einem "glückseligen", "humanen" oder wenigstens "sittlichen", auf alle Fälle aber dem "Leben" das Wort und sind damit per se schon professionelle Kriegsgegner, möchte man meinen. Demgegenüber erscheint es schon reichlich brutal, wenn der Philosoph Hegel mit folgender Aussage über den Krieg ganz einfach deutlich macht, daß die philosophischen Vorstellungen im Krieg real werden:
"Der Krieg als der Zustand, in welchem mit der Eitelkeit der zeitlichen Güter und Dinge, die sonst eine erbauliche Redensart zu sein pflegt, Ernst gemacht wird, ist hiermit das Moment, worin die Idealität des B e s o n d e r e n i h r R e c h t erhält und Wirklichkeit wird." (Hegel, Rechtsphilosophie)
Schließlich behauptet er damit nicht weniger, als daß es schon einen Krieg dazu braucht, um "die Idealität des Besonderen", also das Ideal vom Menschen, das der Philosoph sich macht, zu verwirklichen, zu welchem Zwecke auf der anderen Seite mit allem weltlichen Tand, woran das Menschenherz dummerweise immerzu hängt, aufgeräumt werden muß.
Nun liegt Hegel zwar ziemlich daneben, wenn er meint, mit Kriegserklärung und Mobilmachung würde ein Staat freundlicherweise der sittlichen Idee entgegenkommen, um deren Absicht, sich endlich selbst zu verwirklichen, zur Durchsetzung zu verhelfen. Für den, der den Krieg nicht erklärt, sondern ihn vielmehr ausbadet, für den betroffenen Bürger, trifft der beschriebene Sachverhalt allerdings zu: Daß man in Kriegszeiten von "der Eitelkeit der weltlichen Güter und Dinge" gezwungenermaßen Abschied nehmen muß, ist klar und ebenso, daß darüber schon manchem allerlei Höheres eingefallen ist, mit dem er sich seine beschissene Situation in ein Licht rückt, von dem aus sie sich besser interpretieren läßt - der Rilke im Tornister tut bei dieser absichtsvollen Selbsttäuschung die gleichen Dienste wie ein Bibelspruch.
Damit steht aber auch fest, daß alle die hiermit beschworenen "ideellen Güter", die hohen Werte und der Sinn kein bloßes philosophisches Geschwätz neben der Welt sind, sondern Angelegenheiten, bei denen es dem Staat, der einen Krieg plant, schwer darauf ankommt, daß seine Bürger sie auch als ihre Idealität anerkennen. Opfer bejahen und dem Eigennutz abschwören sind eben die Tugenden, die in Kriegs- und Vorkriegszeiten Hochkonjunktur haben und deshalb jetzt auch andauernd in Politikerreden vorkommen.
Für Philosophen ist das ein Anlaß, sich zu gratulieren, wird hier doch einmal von der Seite, die wirklich was zu sagen hat, praktisch klargestellt, daß das Reden über die Werte eben doch kein separates Geschwätz war. So mischen sie munter mit - die Münchner Mannschaft selbstverständlich reichlich vertreten mit Essays, Vorlesungen und Reden - und verkünden die Werte und Ideale, die immer schon Gegenstand ihres Fachs waren, am Material der aktuellen Politik: Der Staat rüstet auf, regelt den Kriegsdienst neu und macht seinen Untertanen damit klar, daß eine private Entscheidung für den Pazifismus, ein moralisches Bedenken gegen Raketen, und sei es auch noch so devot vorgetragen, vor seinem Richterstuhl keine Anerkennung findet, weil es nicht zu seinem Kriegsprogramm paßt - schon ist ein Philosoph zur Stelle und leitet das staatliche Recht auf Krieg ab, das der Pazifismus verletzt. Das kann die Ethik einfach nicht durchgehen lassen! Nuklearer Sprengstoff wird stationiert - eine gute Gelegenheit, daran philosophisches Gedankengut über die Menschheit überhaupt loszuwerden, die wie immer, wenn Staaten ihre Gegensätze austragen und deswegen auch nach innen der Gegensatz von Befehl und Gehorsam auf die Spitze getrieben wird, "in einem Boot sitzt" und ziemlich gemeinsam "die Krise" zu meistern hat. So kommen Krieg und die dafür benötigten Mittel dann als Konsequenz philosophisch ausgemachter Werte oder Unwerte daher.
Oder umgekehrt: Da wo der Staat als Wächter einer "moralischen Wende" auftritt und schwer problematisiert, wann menschliches Leben Leben ist und wo es (nicht) aufzuhören hat, machen sich Philosophen zu den Exegeten dieses Anliegens und legen auseinander, wo genau die Trennlinie zwischen der "Eitelkeit" und der "Idealität" des Besonderen, des Individuums liegt.
Daß das harte Urteil, das Hegel in seinem Satz zum Krieg über sie gefällt hat, seine Berechtigung hat, beweisen sie damit alle: Die Philosophie, die in Vergangenheit und Gegenwart, in Kriegs- und Friedenszeiten, die "Realität" im Sinne des Wertes der "Idealität" interpretiert und deshalb auch überall im bzw. hinter dem praktischen Leben eine große sittliche Idee am Werke sieht, wird dann wohl auch "den Zustand, in welchem mit der Eitelkeit der weltlichen Güter" aufgeräumt wird, begrüßen müssen. Darin hatte Hegel also recht: daß die Ideale, die von den Philosophen in ihren erbaulichen Redensarten" vertreten werden, allesamt Kriegsqualität haben.