"Der Mensch zeigt sich als Seiendes, das redet." (Heidegger, Sein und Zeit, § 34)
Eberhard Simons ist ein Besonderer unter den Philosophen. In seinen Veranstaltungen herrscht Atmosphäre, diese Stunden werden freudig genutzt als Entspannung, als ein warmes Bad in angenehmen Gedanken. Wieviel man da im einzelnen wirklich versteht, wieweit man im Begreifen einer Sache oder eines Philosophen weiter ist, ist da zunächst gar nicht so wichtig. Vielmehr fühlt man sich hier gut aufgehoben, es besteht kein Zwang, sich etwas zu merken, kein Zwang, sich über etwas auseinanderzusetzen, o bitte kein Streit, sondern die Gelegenheit, Zartes in der eigenen Seele anklingen zu lassen. Ganz praktisch ist so bereits ein Refugium gegen die Wirklichkeit des Alltags hergestellt.
Bei alledem; bei alledem, daß er sich im Plauderton vorträgt, mitunter selbstironisch wird, den Fragen, die an ihn gestellt sind, gerne als Gedankenjongleur begegnet, um sie letzten Endes bewußt als offene Fragen zurückzugeben - Simons ist keineswegs "oberflächlich". Ernsthafte Philosophenlehrlinge, die diese Manier stört, und die sich lieber "gründlicheren" oder "tieferen" Denkern wie etwa Henrich zuwenden, seien korrigiert: Simons ist nicht nur kein Opportunist des Zerstreuungsbedürfnisses der Kommilitonen. Gerade er hat eine Botschaft zu verkünden, und sein gluckenhaftes Auftreten ist nichts anderes als die praktisch adäquate Form dieser Verkündigung.
Zwar gibt es so gut wie keine Veranstaltung, in der er sich über eine Sache pur zu verbreiten, ihren Begriff zu entwickeln vorhätte. Immer wieder geht es über andere Philosophen. Doch im Lauf der Zeit wird man gewahr, daß es gerade dabei immer wieder nur um Simons geht. Der allgemeine Tenor ist: verschüttete Wahrheiten, die die anderen Philosophen hätten übermitteln wollen, wieder freilegen - so mit den Vorsokratikern, mit Platon, Hegel, Marx, Nietzsche, Heidegger verfahren; oder auch: einem Philosophen Verbreitung verschaffen, der hier nichts gilt - so etwa Foucault. Was er da freilegt, erhält seine Identität allerdings erst dadurch, daß er es mit Hilfe bestimmter "Lesemethoden" produziert. "Es kommt drauf an, wie Sie das lesen" ist eine stereotype Antwort auf Einwände, die seinen Interpretationen keinen oder nur bedingten Glauben schenken wollen. So kann man etwa Hegel "systemlogisch" "lesen", aber auch, und so soll man es, "handlungslogisch". Die Kantsche Abstraktion des "uneingeschränkt Guten" kann man für einen Widerspruch halten, man kann aber auch, und so soll man, untergründige spekulative Wahrheiten herauslesen. Selbst Marx kann man "ökonomisch-faktizistisch" lesen, aber auch in ihm steckt ein "gesellschaftlicher Freiheits- und Transzendenzbegriff", der gegen den "Objektivismus" der bürgerlichen Gesellschaft gerichtet sein und insofern sich gar nicht so sehr von Heideggers Philosophie unterscheiden soll. Und gar bei Platon. Wie lang ist das nicht schon her, wieviel Schutt hat sich da nicht schon aufgehäuft. Da ist es ein fast aussichtsloses Unterfangen, das eigentlich Gemeinte gegen die insgesamt verkehrte Interpretationstradition wieder zum Vorschein zu bringen; da bedarf es schon eines Appells an den guten Willen der Hörer, ihr Verständnis als verkehrt und Simons' Auslegung als die bessere Wahrheit anzuerkennen. Daß Simons seine alternative Lese-, Verstehens- und Denkmethode mehr anbietet als daß er dafür argumentiert, gilt ihm selbst als Eingeständnis der Ohnmacht gegen die Übermacht des Zeitgeistes: Wenn die gesamte moderne Welt einschließlich des Auditoriums von einer verkehrten Logik verseucht ist, dann fallen natürlich Argumente für eine andere Logik - die er schon in petto hätte ...- auf dornigen Boden; es denkt ja niemand so, daß er diese Argumente einsähe.
Also baut Simons gar nicht in erster Linie auf die Durchschlagskraft seiner Argumente, sondern auf die Macht eines Gefühls in den Hörern, das ihnen sagt, daß mit ihrem Denken, dem heutigen Denken, der heutigen Welt ganz prinzipiell etwas nicht in Ordnung sei; so daß sie sich nach einer Alternative sehnen, nicht nur die Welt, sondern ihren eigenen Verstand als tief verstockt bereitwillig anerkennen und auf ein Angebot abfahren, dessen einziges Argument darin besteht, daß es als alternative Denkweise den Grund für eine bessere Welt abgäbe. Und sind sie einmal gläubig geworden - vertrauensselig in die wahrheitsstiftende Macht der Simons'schen Denkmethode -, dann gilt ihnen auch alles, was zu dieser Methode gehört, als überzeugend und alles andere als verkehrt.
Was ist der Simons'sche Kritikpunkt an der heutigen Welt und am heutigen Denken? - Zuviel Objekt.
"Das größte Hemmnis, transzendentale Spekulationen zu verstehen, ist die »objektivistische Denkungsart'. ... Das Objektivieren verabsolutieren heißt intendieren, daß das ganze Dasein Objekt wird." (1,66) Heideggerisch: "Das vorstellende, von der Subjekt-Objekt- und Theorie-Praxis-Spaltung lebende und daran zugrundegehende Denken kann nicht nur nicht wahre Identität und in diesem Sinn Seins-Transzendenz als Antwort auf die Suche nach Wirklichkeit mitteilen, sondern verstellt von vornherein die Möglichkeit, daß das Sein sich ereignet." (11,1547) Marxo-Lukacs'isch: "Der Begriff der Verdinglichung ... bezeichnet nicht nur ein theoretisches Problem, sondern bringt praktizierte unmenschliche Vernichtung und Selbstvernichtung zum Ausdruck. Nicht nur der faktisch-physische Lebenszusammenhang unterliegt strukturell der Vernichtung, auch die gesellschaftlichen und mitmenschlichen Anerkennungsverhältnisse pervertieren auf allen Ebenen." (II, 1554)
Reichlich abstrakt bis jetzt, aber gerade darin eine einmalige Offerte: Ein einziger Grund für ungefähr alles, was man sich als unangenehm vorstellen kann, der Schlüssel zur Erklärung des Übels in der Welt - welch ein Angebot! Die Sache hat nur einen Haken: Wenn für so verschiedene Sachen wie Umweltzerstörung, Stalinismus, bürgerliche Moral, Kapital und Verständnislosigkeit ein einheitlicher Grund verantwortlich ist, dann ist umgekehrt überhaupt nicht klar, wieso dieser Grund so verschiedene Sachen hervorbringt; wieso das objektivistische Denken, das auch "Todesdenken", "Kopfdenken", "verstelltes Selbst- und Weltverhältnis" etc. genannt wird, so verschiedene Aktivitäten wie moralische Heuchelei und Naturwissenschaft, ja so gegensätzliche Systeme wie Kapitalismus und realen Sozialismus gebiert.
Das muß ein Grund von ganz eigentümlicher Beschaffenheit sein. Sein Inhalt ist, daß der Begriff oder auch die Vorstellung des Objekts "verabsolutiert" wird, will sagen, zum Dreh- und Angelpunkt des Denkens gemacht wird. Dieser Vorwurf muß erstaunen. Denn schließlich ist der Inhalt des Denkens, das, womit es sich beschäftigt, stets sein Objekt, sei es der Urknall, eine Kartoffel, ein anderer Mensch; auch wenn man an einen anderen Menschen denkt, dann denkt man, so schon der sprachliche Ausdruck, an ihn, dann ist er in diesem Moment das Objekt des Denkens (und das ist auch gar nicht weiter schlimm). Oder sei es auch das Denken selbst - dann macht es eben sich zum Objekt. Ein Denken ohne Objekt ist ein Denken ohne Inhalt, also keins. Der Vorwurf, daß das Objekt verabsolutiert wird, kann demnach nur heißen, daß das Denken, wenn es sich um einen Inhalt kümmert, etwas anderes dabei nicht bedenkt; und dieses Andere wird wohl das Gegenteil vom Objekt sein, nämlich das Subjekt. Der Vorwurf lautet, daß das Denken, wenn es denkt, nicht zugleich daran denkt, daß es ein Subjekt ist, das denkt.
Ganz abgesehen von der Mißlichkeit, daß, wenn das Subjekt über sich nachdenkt, es eben sich, das Subjekt, zum Objekt macht, und damit, wenn die Forderung der ständigen Selbstreflexion erfüllt wäre, genau der inkriminierte Tatbestand der "Verobjektivierung" wieder eingetreten wäre - was übrigens Simons nicht wahrhaben will:
"Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt kann, ebenso wie das Subjekt selbst, als solche nicht wiederum Objekt sein bzw. werden" (1,67) -,
ganz abgesehen also von der logischen Qualspirale, die Simons mit der unerfüllbaren Forderung, das Subjekt solle an sich, aber zugleich nicht in der Form des Objekts denken, in Gang gesetzt hat - es fällt bereits ganz formell an diesem Vorwurf etwas auf: Der Mangel an dem, was das Denken tut, soll nicht in dem, was das Denken tut, begründet sein, sondern darin, daß es nicht noch etwas weiteres tut, eine Zusatzreflexion nicht anstellt. Ein negativer Grund wird angegeben für die Fehlerhaftigkeit des Denkens; ein negativer Grund ist aber immer ein Widersinn, weil die Tatsache, daß etwas nicht ist, nie etwas anderes in die Welt setzen kann. So kann auch die Tatsache, daß das Subjekt nicht beim Denken zugleich an sich denkt, nie am Inhalt des Gedachten etwas ändern, geschweige denn ihn insgesamt verkehrt machen. Insgesamt verkehrt erscheint er bloß gemessen an der Forderung, daß die Reflexion aufs Subjekt immer dabei sein müsse.
So eröffnet das Strickmuster des negativen Grundes - etwas ist, weil etwas anderes nicht ist - der Willkür Tür und Tor. Denn je nachdem, welche Forderung an die Welt man sich einfallen läßt - sofort hat man mit Hilfe des negativen Grundes bewiesen, daß die Welt eben deswegen so (beschissen) ist, weil sie diese Forderung zeit ihres Lebens nicht beachtet hat. Wenn man will, kann man also alles, was einem auf der Welt nicht gefällt, als Folge einer mangelhaften Durchsetzung des eigenen Ideals betrachten. Für Simons heißt das: die Welt ist deswegen so schlecht, weil zuwenig Subjektsein oder Fühlen in ihr ist.
Z.B. wird an KZs und GULAGs festgestellt, daß dort bestimmte Menschen mit anderen brutal umgehen. Die Bestimmtheit der Schläger und Folterknechte, daß sie nämlich Staatsdiener sind, weiter zu untersuchen, wäre der vernünftige Weg. Mit der Eigenart der jeweiligen Staatsgewalt, die sich diese Lager als Institution geschaffen hat, käme man auf den Grund dieser Brutalitäten. Simons aber findet gerade die Unbestimmtheit dieses Verhältnisses interessant: Wenn dort Staatsdiener (= Menschen) mit Gefangenen (= Menschen) brutal umgehen, dann gehen Menschen mit Menschen brutal um - dann geht der Mensch mit sich brutal um, hat ein verkehrtes Selbstverhältnis, ihm fehlt der positiv fühlende Bezug auf sich selbst, so der Simons'sche Schluß. Für Simons gilt nicht die bestimmte Funktion des Straflagers als Grund der Quälerei, sondern das Abstrakte, das allen menschlichen Beziehungen gemeinsam ist, daß sie nämlich von Menschen hergestellt werden. Und dann muß, wenn eine Beziehung nicht gut ist, das an einem allgemeinen Defekt des Menschen liegen. So ist es für einen Moralphilosophen wie Simons stets eine ganz abstrakte und nur negativ bestimmte Saat, die sämtliche so verschiedenen Blüten des Bösen hervorbringen soll.
Mit so einem negativen Prinzip erfährt man also nie, warum die Welt so ist, wie sie ist, sondern immer nur, warum sie nicht so ist, wie sie nicht ist - weil sie nämlich dem Ideal nicht entspricht. Und nie lautet die Folgerung aus der Differenz von Ideal und Wirklichkeit, daß Ideale wohl nichts taugen, sondern stets heißt es: Um so schlimmer für die Tatsachen! Eisern wird am Ideal festgehalten, und es werden Gründe gesucht, warum die Welt verhindert ist, ihm zu entsprechen.
"Es könnte einen Grund geben, sich einseitig an die Objekte zu halten, und die »Unmittelbarkeit« des Daseins, 'ohne es zu merken«, umzuorientieren - nämlich der Mangel an freiheitlichem Selbstsein und der Wunsch, diesen Mangel nicht anzuschauen, ...eine Versuchung, die zu sehr geschichtliche Erbschaft ist - im Abendland noch dazu immer wieder scheinbar wissenschaftlich bestätigt und gerechtfertigt - und so 'früh« übernommen wird, daß die Erfahrung schon uminterpretiert ist, bevor - Erfahrungen gemacht werden."(I,96)
Immerhin ist mit dieser Tautologie ein Generalverdacht gegen das moderne Subjekt eröffnet: es könnte den Grund für die Verkehrtheit der Welt in seinem Innersten tragen, das - so die Fortführung - ein so tiefes Innerstes ist, daß die Subjekte, noch bevor sie "Erfahrungen machen", d.h. Bewußtsein und Willen ausbilden, davon bereits infiziert sind. Da auch Simons zweifellos ein Subjekt ist, sind wir um einen weiteren Widersinn bereichert: Er hat Kenntnis von der Verkehrtheit der modernen Seele, die es aber eigentlich gar nicht zuläßt, daß man ein Bewußtsein von ihr hat. So weiß er etwas, was eigentlich niemand, also auch er nicht, wissen kann. Den Generalverdacht gegen das Subjekt gibt es jetzt als einen solchen gegen jede seiner Äußerungen, gegen seine Gedanken und seinen Willen: Jeder Gedanke und jeder Wille könnte falsch sein, weil das Subjekt verdorben sein könnte.
Gerade dadurch, daß dieser Psychologismus sich für die Erklärung des Übels in der Welt hält, kann man mit ihm auch eine Menge sonst anfangen: Der Generalverdacht ist eine Generaltiefschlagswaffe, die jedes Argument wehrlos macht - es ist ja nur Ausdruck von... Und umgekehrt ist er ein Generalsensibilitätsmarkenzeichen, das, für eine innerliche Suche nach dem wahren Selbst- und Weltverhältnis stehend, jeden logischen Gedanken als Wortgetöse, ja als Gewalt von sich zu weisen berechtigt ist. Ist auf diese Weise das Ideal psychologisch zementiert, kann man es um so freier nicht nur zur Kritik an der Welt verwenden, sondern seine positive Seite produktiv ausgestalten: Wenn zuviel Objekt, dann soll mehr Selbst sein, wenn zuviel Verdinglichung, dann soll mehr menschliche Beziehung sein.
Wie schon die negative Seite des Ideals als Urteil über die tatsächliche Verkehrtheit des modernen Menschen erschien, so tritt die positive Seite gleich gar als Urteil über die eigentliche Beschaffenheit des Menschen/seines Bewußtseins auf - der er heute nur nicht mehr eingedenk ist:
"Es wird sich zeigen, daß die Subjekt-Objekt-Beziehung abgeleitet ist und für das gesamte Dasein nur sekundäre konstitutive Bedeutung hat."(I,88) Die grundlegende Struktur des Menschen ist vielmehr die, "daß die Person, um sich selbst gegeben zu sein, einer anderen Person als eines anderen Selbst bedarf, von der her sie sie selbst ist. Die Person kann sich also nicht selbst gegeben sein, ohne daß sie eine andere Person freigibt, und sie kann nicht frei sein, ohne von einer anderen Person freigegeben zu werden: Person als Selbstgegebenheit in Freiheit ist freigegeben von anderer Person, ...deswegen ist das personale Miteinandersein transzendental konstitutiv für Selbstsein: die Interpersonalität ist Grund der Person(en). .. .kein Ich ohne Du und kein Du ohne Ich."(1,109)
Anerkennung, sowohl wie es sie als allgemeine Verlaufsform der staatlich geregelten und überwachten Konkurrenz gibt - dem anderen seine Zwecke prinzipiell, d.h. soweit sie staatlicherseits als Freiheit der Person und des Eigentums zugelassen sind, belassen - als auch ihre psychologische Übersetzung - dem anderen einen Wert zugestehen - unterstellt einen Gegensatz zwischen den Subjekten: wie kämen sie sonst überhaupt darauf, sich etwas zuzugestehen. Dem Grund dieses Gegensatzes nachzugehen - das würde dazu führen, Konkurrenz und Staat zu untersuchen -, ist aber Simons' Sache nicht. Er steht auf dem ebenso abstrakten wie begriffslosen Standpunkt der Moral: Es ist Gegensatz, und es soll keiner sein.
So macht Simons aus dieser Form des Gegeneinander ein Ideal des Miteinander: Die eigene Freiheit soll erst durch die Anerkennung seitens eines anderen Zustandekommen; der andere soll nicht nur günstige Bedingung - statt, wie in der bürgerlichen Welt, widrige -, sondern Grund meiner Freiheit sein. Daß in der Welt von Freiheit und Eigentum aus dem Inhalt der Zwecke Gegensätze entstehen, möchte Simons nicht wahrhaben. Er will Harmonie stiften, indem er das abstrakte Muster der Beziehung der Anerkennung - dem anderen seine Zwecke, seine Freiheit zu belassen -, getrennt von ihrem Grund - der Gegensätzlichkeit und Ausschließlichkeit der Zwecke - zum positiven Ideal der Mitmenschlichkeit erhebt. So hat das Menschenbild des Herrn Simons - und nicht nur seins! - seine Hauptbestimmung darin, daß der Zweck des Menschen der Mitmensch ist; daß im Ich das Bedürfnis nach "Freilassung" des Du waltet.
Wie Simons selbst dies beweist - in seiner Dissertation teils in Anlehnung an Fichte mittels "transzendentaler Bewußtseinsanalyse", teils im Gefolge Heideggers mittels einer Analyse der "Existenz des Daseins"-, ist ihm offenbar selbst im Lauf der Zeit unwichtig geworden. Er vertritt es. Und so sei auch hier für die, denen dieses Angebot verlockend erscheint, nur nebenbei auf den Widerspruch hingewiesen, der in der "Interpersonalität als Grund der Personen" steckt: Als was sollen sich denn die Personen aufeinander beziehen, wenn sie erst durch den Bezug sie selbst werden, was sind sie dann vorher? Vielmehr sei nur auf einige unmittelbare und gar nicht mehr verlockende Konsequenzen aufmerksam gemacht.
Wenn der Zweck einer Beziehung zwischen Menschen der Mitmensch selbst ist -
"Wenn Ich und Du sich wirklich und wahrhaftig aufeinander beziehen, erkennen und wollen sie einander."(I,158) -,
dann ist diese Beziehung absolut leer. Was soll man denn da erkennen und wollen? Das Du im Ich und das Ich im Du - aber bitte ohne Inhalt; denn wäre der es, um den es sich dreht, dann wäre der Mitmensch nicht Zweck. Da er das aber sein soll, gilt nur die reine Abstraktion des Bezugs.
So müssen auch die Formen, in denen Menschen einen Bezug aufeinander herstellen, notwendig bei Simons zu (Selbst-)Zwecken werden. Was fällt einem da zuerst ein? Natürlich - der Eros, sozusagen der Paradebezug zwischen Menschen. Aber wer liebt schon einen nicht wegen dessen geliebter Eigenart, sondern allein deswegen, weil der andere auch ein Mensch ist? Das tun doch nur Urchristen.
"Wenn Ich und Du unter dem Anspruch der Wahrheit vollkommen aufeinander eingehen und sich so im Anspruch der Wahrheit zutiefst entsprechen und in Freiheit liebend übereinstimmen, müßte sich eine Verdichtung von Wirklichkeit ereignen: der Wille vom Ich wie vom Du würde sich als ein Wille-sein verdichten, das Willensvollzug des Willensvollzuges oder Sich-Wille schlechthin ist, und das Erkennen von Ich und Du würde sich als ein Hellsein lichten, das Erkennen des Erkennens oder Sich-erkennen schlechthin ist. "(1,123)
Die Liebe figuriert nur als Synonym für das Ideal der Harmonie - und das ist leider nur so abstrakt zu erreichen: Mein Wille und dein Wille sind tatsächlich darin identisch und daher völlig gegensatzlos, daß sie Wille sind; aber für so eine abstrakte Liebe, in der ich nur den Willen will, vielen Dank. Da helfen auch alle Beteuerungen nichts, daß Simons das alles ganz sinnlich meint; eine abstrakte Sinnlichkeit ist auch nix. Das ist bitter ernst gemeint. Die Sinnlichkeit, das Gefühl, ist genausowenig ein Grund für Harmonie, wie der Verstand notwendig zu Streit führt.
Im Verstand hat das Subjekt den Inhalt seines Geistes von sich getrennt, sich zum Objekt gemacht; im Gefühl nicht, da existiert der Inhalt als Zustand oder Befindlichkeit des Subjekts selbst. Das Gefühl ist der Inhalt des Verstandes als unmittelbar im Subjekt vorhandener. So hat jeder die seinem Verstand entsprechenden Gefühle: der KZ-Wächter das von Ehre und Herrentum, der Caritas-Sammler das von Nächstenliebe.
Das Gefühl als Korrektiv und Ergänzung des Verstandes einführen zu wollen, lebt also von einer verkehrten Trennung" beider. Nur wer vom Inhalt der Gefühle absieht, kann aus dem Formunterschied von Gefühl und Verstand einen inhaltlichen Gegensatz machen. Und ist dieser Gegensatz erst einmal konstruiert, dann kann man sich, vom Ideal eines wahrhaftigen Ausdrucks des ganzen Menschen her, einbilden, Verstandestätigkeit allein sei mangelhaft, einfach weil das Gefühl doch auch, und ein ganz anderer Ausdruck des Menschseins sei. Also stellt man die Forderung auf, zu jeder Tätigkeit des Kopfes soll sich eine des Bauches gesellen (oder wo immer man das Gefühl angesiedelt vermutet).
Simons' Beweis der Notwendigkeit des Gefühls ist Bestandteil seiner dialektischen Ich-Theorie: Wenn das Ich nur durch das Du besteht, dann sind beide untrennbar miteinander verbunden; dann ist es aber ein verkehrter Ausdruck dieses Verhältnisses, wenn sich das Ich das Du nur vorstellt, nur denkt - dann trennt es ja das Du von sich ab ("Trenndenken", "Todesdenken"); also muß ein unmittelbarer Bezug her: Das Ich soll das Du fühlen - was es kann, weil sowieso alle dialektisch ineinanderhängen, ein Sozialkörper sind. "Wir gehören doch alle eigentlich zusammen", ist der Gedanke des "Sozialkörpers", und gefühlt muß werden auf Teufel komm raus, damit wir auch wirklich zusammengehören.
Weiter wird aus der Tatsache, daß Menschen ihre Gedanken mittels der Sprache sich mitteilen, wobei bisweilen auch der Anspruch herrscht, daß diese Gedanken wahr sein sollen, die Ansicht verfertigt, daß zwei Menschen nur dann wahrhafte Existenz besitzen, wenn sie einander Wahres mitteilen, die Menschen also Mittel der wahren Rede sind.
"Ich und Du als jeweilige Selbstbehauptung behaupten sich also als vom Licht der Wahrheit gezeugt und können ihre Daseinsbehauptung nur rechtfertigen als vom Wort der Wahrheit bezeugt. In Vollendung wären darum Ich und Du nichts anderes als Zeugen des Wortes der Wahrheit, Ort der Offenbarkeit ihres Lichtes und Lebens."(1,125)
Wenn Wahrheit sich in der Kommunikation zweier Subjekte offenbart, dann ist, um der Abstraktheit der Bestimmungen willen, die Umdrehung auch recht: Wenn nur zwei Subjekte in voller Überzeugung kommunizieren, dann handelt es sich dabei auch schon um Wahrheit. Die Kommunikationstheorie des Menschen bringt eine Konsensustheorie der Wahrheit hervor.
Genau das wird in den Veranstaltungen auch praktiziert. Woran erinnert man sich da eigentlich hinterher? - An das Erlebnis des Verstehens und Verstandenwerdens, an das Erlebnis, daß eigene Vorstellungen Anklang gefunden bzw. Vorstellungen von anderen den eigenen entsprochen haben. "Man versteht sich gut" ist nicht zufällig ein Idiom, das für Vertrautheit steht; so wird die Simons-Anhängerschaft zu einer Gemeinde. Die Mitgliedschaft darin erwirbt man sich durch Bereitschaft zu Verständnis und Erwartung der freundlichen Aufnahme des eigenen Senfs. So ist der Reichtum, den man an dieser Gemeinde mitsamt ihrem praeceptor zu haben glaubt, eine Illusion: Statt seinen Verstand zu erweitern, praktiziert man die stete Dieselbigkeit des Sich-Verstehens in dem einen Inhalt - daß man sich verstehen soll. Daß man das überhaupt so konsequent durchhält, liegt an der vorgestellten Sinnhaftigkeit dieses Miteinanders: Hier wird verwirklicht, was die Welt sowieso immer schon sein will, hier lebt das Modell der besseren Welt!
Das Eigentliche der Welt besteht nämlich darin, daß
"Welt als Geschichte selbst nichts anderes ist oder doch sein will als Mitteilung und Äußerung."(III,280)
Wenn die Geschichte nur die zeitliche Form des Miteinander ist, dann ist umgekehrt die Kommunikation ihrem Wesen nach nichts anderes als Geschichte - es kommt nur darauf an, daß das vergegenwärtigt wird. Ich als Kommunizierender ineins mit der Geschichte: Versöhnung; ineins mit ihr auch in Zukunft: Hoffnung. In diesem Sinne ganz aufBlochs Spuren:
"Die tragende Erfahrung, die das gesamte Denken und Schreiben von Ernst Bloch bestimmt, ist nämlich jene Art versammelnder und verdichtender, das höchste Gut zur Erscheinung bringender Vergegenwärtigung, ...die in der Tradition auch >illuminatio< heißt. Es ist die Erfahrung einer Geschichtsvergegenwärtigung als Erleuchtung."(III,274)
Ich und die Geschichte in Harmonie - wiederum: welch ein Angebot! Die Geschichte erscheint als Summe und Miteinander gegensatzloser Subjekte - als "Wir"; und das Subjekt als seine wahre Erfüllung erst in der Geschichte findend, im Grunde seines Wesens auch als ein "Wir".
"Die in der Erfahrung der >illuminatio< zur Erfüllung kommende Hoffnung... versteht sich als kommunikativ-sinnliches Licht-Wissen. Diese >illuminatio< als der eine Quell ihres vielfältigen Schemens in der Geschichte entsteht aus Mitteilung und ist gemeint für Mitteilung, sie ist auf ein Wir-Leben und Wir-Wissen angelegt. Das Interesse der Artikulation, deren Sprache und Begriffe, ist zunächst und zuerst nicht auf Information, auch nicht Argumentation ausgerichtet. Solche Erfahrung zur Sprache bringen, will primär nicht erklären und beweisen, sondern mitteilen durch überzeugen und bezeugen."(III,279)
Für Simons ist also die Teilhabe am und Mitgestaltung des Wir die höchste Erfüllung des Ich. Daß die Geschichte dieses "Wir" schon ist, dafür gibt es das fabelhafte Argument, daß sie doch auch aus handelnden Subjekten besteht:
"Die Utopie im expressiven (und nicht abstrakt-ontologischen) Sinn... weiß nur, daß in allem, was begegnen kann, die Wahrheit dieser Wissenskraft sich bewähren wird, weil sie selbst Herkunft und Identität von allem ist, was begegnet."(III,280)
Man muß eben die Hoffnung haben, daß es mit allem schon seine Richtigkeit haben wird, man muß eben ein gläubiger Mensch sein. Das Trostlose ah der Aussicht auf Erfüllung, die die Hoffnung ist, ist dies, daß man sie - qua abstrakte Harmonie - selbst schon als Erfüllung nehmen muß. - Wer sich daran als an die Kompensation der Gegensätze, die er im Leben aushalten muß, klammert, ist immer der Angeschmierte: bereitwillige Manövriermasse solcher Menschen, die kraft ihrer Macht auf Sinnkonstruktionen für ihr Leben nicht angewiesen sind.
Quellen:
I SIMONS, Eberhard: Die Möglichkeit von Offenbarung untersucht in Auseinandersetzung mit "Hörer des Wortes" von Karl Rahner. Phil.Diss., Stuttgart, Kohlhammer 1966.
II ders.: Artikel "Transzendenz" in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe. München, Kösel 1974
III ders.: Hoffnung als elementare Kategorie praktischer Vernunft.In: Philosophisches Jahrbuch 1981, Zweiter Halbband, S. 264-281