Geachtet zwar im exklusiven Kreis von wissenschaftstheoretischen Spezialisten, die der festen Überzeugung sind, daß der wissenschaftliche Fortschritt von ihnen abhängt, weil sie - statt sich an irgendeiner Wissenschaft zu beteiligen - beständig Reden über ihre Bedingungen und Grenzen führen, aber wenig beachtet, ja kaum bekannt beim akademischen Nachwuchs, fristet Wolfgang Stegmüller sein stilles und fruchtbares Forscherdasein am Philosophischen Seminar der Münchner Universität. Da denkt er sich manches über die Beschränktheit des Menschengeistes, welche er nicht nur entdeckt haben will in Übereinstimmung mit berühmten Altmeistern seiner Zunft, sondern auch jedem seiner Leser und Hörer als das Selbstbewußtsein eines rechtschaffenen Brotgelehrten verschreibt. Sorgfältig sichtet und sortiert er alle Variationen des ungeheuer erfolgreichen Themas, daß unsereiner nichts Genaues nicht weiß und berichtet tolerant und verständnisvoll von "universeller Erkenntnisskepsis" und "metaphysischer Skepsis", "logischer und empirischer Skepsis", von "Induktionsskepsis" und "empirischer Grundlagenskepsis"; er kommt dabei auch zu gewagten, ja bahnbrechenden Urteilen -
"Ethischer und religiöser Skeptizismus sowie Sinnskepsis sind von allen Arten theoretischer Skepsis unabhängig." (III/449) -,
wobei es ihm nie in den Sinn kommt, irgendeinem der vielen Skeptizismen seine bedingte Berechtigung abzusprechen. Er weiß nämlich genau, daß das nicht geht, weil er immerzu nach einem Verfahren dafür gesucht und es nicht gefunden hat:
"Wir verfügen über kein theoretisches Verfahren, um zu entscheiden, ob der totale Erkenntnisskeptizismus recht hat oder nicht." (III/34)
Solch tragisches Scheitern hat allemal ganz persönliche Konsequenzen, und die pflegt man in Form von Bekenntnissen vorzutragen, weil sie niemand mit Erkenntnissen verwechseln soll und die mit ihnen beabsichtigte Wirkung nicht Überzeugung, sondern Anerkennung der geständigen Partikularität ist. Stegmüller kramt Humanität und Moralität aus, verabreicht das Ideal politischer Gewalt - die Toleranz - als im Reich des theoretischen Treibens fällige Maxime und vermerkt in aller Bescheidenheit, daß es am Menschen, dem einzigen wissenschaftlich bemühten Wesen, liegt, wenn diese Bemühungen nichts fruchten:
"Kann man für die Forderung nach wissenschaftstheoretischer Toleranz eine allgemeine Begründung geben, die mehr enthält als einen Hinweis auf theoretische und praktische Gefahren? Dies hängt davon ab, was man in diesem Kontext als Begründung zu akzeptieren bereit ist. Das relativ Beste, was man hier sagen kann, ist etwas, das viele Philosophen in verschiedensten Wendungen und Zusammenhängen in irgendeiner Form ausgedrückt haben und woran wir in diesem Jahrhundert besonders eindringlich von den Existenzphilosophen wieder erinnert worden sind: daß es uns Sterblichen nicht ansteht, absolute Sicherheit für was auch immer auf solche Weise in Anspruch zunehmen, daß damit zugleich ein Nichttolerierenwollen andersartiger Auffassungen und Denkweisen verknüpft wird." (11/27)
Ein Mann, der keine Gelegenheit versäumt, sich für "Prinzipien des korrekten Argumentierens" stark zu machen, stellt hier seine Qualitäten in dieser wenig geübten Disziplin unter Beweis. Als ob das Pochen auf ein begründetes, also gültiges Wissen identisch damit wäre, seinem (noch) unwissenden Gegenüber an die Gurgel zu fahren, malt er "theoretische und praktische Gefahren" an die Wand, um so zu tun, als hätte er darüber hinausgehende Bedenken für Toleranz in der Wissenschaft geltend zu machen. Was er dann anmeldet, ist freilich das absolut Dümmste, "was man hier sagen kann". Immerhin plädiert er für den prinzipiellen Respekt vor andersartigen Denkweisen mit Rücksicht auf die Sterblichkeit des Kritikers, so daß jegliche Unklarheit bezüglich der Kritik, die ein professioneller Wissenschaftstheoretiker der existenten Wissenschaft angedeihen läßt, ausgeräumt ist. Auf die Beseitigung von Fehlern ist ein Stegmüller sicher nicht aus, wenn er meterweise Literatur über Wissenschaft veröffentlicht. Seine Propaganda der Toleranz im Bereich der Theorie nötigt zu einem anderen Schluß: daß sein Schaffen der einen großen Aufgabe vorbehalten ist, der Bescheidenheit - einer in den Sphären von Politik und Ökonomie viel gefragten Tugend - auch in der Wissenschaft zur Geltung zu verhelfen.
Keine Frage ist also, zu welchem Ende einer Wissenschaftstheorie treibt, wenn er ihr telos so offen hinschreibt. Ebensowenig ist es ein Rätsel, weshalb ein Student, der sich für irgendein Fach naturoder geisteswissenschaftlicher Richtung zum Examen die verlangten Urteile einbimst, von den Stegmüllerschen Weisheiten keine Hilfe erwarten kann. Und auch für die Öffentlichkeit, die sich des Gedankenguts der geisteswissenschaftlichen Fachgrößen in sämtlichen Medien versichert, wenn sie in zeitgemäßer Gestalt für Volk und Staat ihre popularisierten Empfehlungen vorstellig machen, taugt ein Stegmüller nicht viel: Seine moralischen Diagnosen zielen nicht auf "demokratischen Gehorsam", auf "Mut zur Erziehung" oder viel Solidarität bei geringem Einkommen und wenig Ansprüchen im Werkeltagsleben. Er befaßt sich nämlich mit dem Anstand jenes Berufsstandes, dem das Denken als seine Spezialität anvertraut ist, hat das Amt der Seelsorge also nur für das Wissenschaftlervölkchen übernommen. Diesem freilich möchte er viel sagen, wobei er selbst in der Art seines Vertrages nie überheblich daherkommt, indem er sich stets als Dolmetscher möglichst vieler anderer Wissenschaftstheoretiker aufführt, ihre Skepsis und Warnungen vor anderem als hypothetischem Wissen mitteilt; Stegmüller faßt zusammen, wägt ab, vergleicht und offeriert einladende Kataloge wissenschaftstheoretischer Relativierungskunst. Er hat ein Bewußtsein davon, daß eine Moral nicht bloß gepredigt, sondern auch demonstriert sein will - weshalb er aus dem Streit, der auch im Lager der Wissenschaftstheoretiker herrscht, keinen Hehl macht. Er begrüßt ihn mit pluralistischem Pathos und verspricht, nur ein Argument, dies aber in allen Varianten zu vertreten: Gewißheit gibt es nur über die Ungewißheit in den Wissenschaften - und diese Ungewißheit bedarf ihrer Konventionen. Das geht so:
Mißverständnisse bezüglich der Gedanken, die er verbreitet, läßt Stegmüller gar nicht erst aufkommen.
"Der Begriff der wissenschaftlichen Erklärung, wie er in Abschnitt 2 eingeführt wurde und in den folgenden Kapiteln näher präzisiert werden wird, bildet ein ideales Modell. Diese Eigenschaft teilt er mit allen rationalen Rekonstruktionen oder Begriffsexplikationen in Logik und Wissenschaftstheorie ... Die faktischen Erklärungen, auf die wir im vorwissenschaftlichen wie im wissenschaftlichen Alltag stoßen, weichen von diesem idealen Modell mehr oder weniger stark ab." (1/105)
Derjenige, der sich durch ihren Namen zu der Annahme verleiten ließ, dieser Disziplin gehe es um die Erklärung dessen, was Wissenschaft ist, wird mit der größten Selbstverständlichkeit eines Besseren belehrt. Eine "rationale Rekonstruktion" von Wissenschaft besteht darin, dieser ein Ideal entgegenzusetzen, das sich der Wissenschaftstheoretiker zurechtmodelliert hat. Wissenschaft ist also eine Frage ihrer Normierung. Und ohne den Vergleich auch nur ein einziges Mal durchführen zu müssen, steht so von vornherein über sämtliche "faktischen Erklärungen" fest, daß sie unter den "Oberbegriff... der unvollkommenen Erklärung" (1/106) fallen. Freilich: Wo die Blässe der (Wissenschafts-) Realität derart beschlossene Sache ist, stellt sich umgekehrt die gar nicht kritisch gemeinte Frage nach der Realität des eigenen Ideals ein.
"Gibt es überhaupt deduktiv-nomologische Erklärungen?" (1/143)
fragt sich Stegmüller - um sich schließlich zu dem Befund durchzuringen, daß die "Möglichkeit" seines dreifachen Pleonasmus "zumindest nicht ausgeschlossen" sei. Damit es solche erklärenden Erklärungen, die tatsächlich erklären, vielleicht wirklich mal geben könnte, müßten
"den Wissenschaftlern passende logische und sprachliche Instrumente bei der Konstruktion von Theorien zur Verfügung gestellt werden." (IVa/347)
Wie diese "Instrumente" allerdings jemals "passen" sollen, nachdem sie das, worauf sie passen, allererst hervorbringen, ist kein Geheimnis. Die Theorien, denen diesem Handwerker des Geistes zufolge ein Dienst erwiesen gehörte, müßten erst noch konstruiert werden. Über die vorhandene Wissenschaft ist damit das vernichtende Urteil gefällt, daß ihr ohne die Wissenschaftstheoretiker das "Passende" abgeht: Logik und Sprache. Abgeht, zumindest in der Form, wie es sich für eine Wissenschaft gehört. Ohne in ihnen auch nur einen einzigen falschen Satz, geschweige denn eine falsche Erklärung entdeckt zu haben - ein Unterschied, den er ohnehin stets in dem Terminus "Aussage" verschwinden läßt -, ist sich der Wissenschaftstheoretiker sicher, daß sämtliche Wissenschaft ohne seine Hilfe in dem Stadium einer Propädeutik verharren muß. Sie ist nämlich nicht einmal in der Lage, ihre eigenen Gedanken auf ihre Stimmigkeit hin zu überprüfen:
"Es handelt sich darum, Verfahren zu entwickeln, um Schlußfolgerungen auf ihre Gültigkeit hin überprüfen zu können, d.h. um gültige Schlußfolgerungen von ungültigen unterscheiden zu können." (IVa/432)
Im Klartext: Um die Gültigkeit einer Schlußfolgerung herauszufinden, muß man nicht sie überprüfen, sondern sie mit einem Verfahren vergleichen. Was man dann allerdings herausfindet, ist, ob die Schlußfolgerung mit dem Verfahren übereinstimmt, nicht aber, ob sie stimmt. Ein solches Verfahren fördert daher nicht die Wahrheit oder Falschheit eines Schlusses zutage, sondern die eigenen Kriterien der Gültigkeit, die für sich, getrennt von jedem Inhalt, Wahrheit haben sollen.
So als würden die Wissenschaftler Behauptungen aufstellen und sich dann ratlos umschauen, was sie denn jetzt eigentlich gesagt hätten, als gedankenloses Treiben faßt der Wissenschaftstheoretiker die Wissenschaft - und bietet dieser Idiotie seine Dienste zu deren Perfektionierung an. Durch die von ihm zu entwickelnden Verfahren solle nämlich gewährleistet sein,
"daß für jeden einzelnen Schritt einer längeren Ableitung die Überprüfung der Korrektheit dieses Ableitungsschrittes auf rein mechanische Weise vollzogen werden kann." (1/6)
Aus seiner gedanklichen Leistung, daß es gerade am Gedanken liegt, wenn er falsch ist, leitet ein Stegmüller völlig selbstgewiß her, daß deshalb der gedankliche Zusammenhang eines "Ableitungsschrittes" eine einzige Störung seiner Korrektheit sein müsse, die nur durch seine "Überprüfung" an einem Mechanismus aufgehoben werden könne. Die selbstbewußte Entgegensetzung einer Ableitung zum Mechanismus ihrer Überprüfung verleitet die Wissenschaftstheorie gleich zu einem weiteren Dekret, darüber nämlich, wie das Wissen beschaffen sein muß, damit es zu dem "rein mechanischen" Umgang mit ihm paßt:
"An die Stelle absoluten Wissens soll absolute Exaktheit treten." (IVa/ XXXVII)
Und den Bescheidenheitsapostel Stegmüller stört an dieser Entgegensetzung von Wahrheit und ihrem Mittel immer noch, daß von "Absolutheit" die Rede ist, was - dessen ist er sich absolut gewiß - "uns Menschen" nicht zusteht, weswegen man lieber
"ein möglichst präzises System von Regeln... (anstreben sollte), die uns gestatten, gültige von ungültigen Argumenten zu unterscheiden." (IVa/82)
Zwecklos, einen solchen Menschen darauf hinzuweisen, daß er diese Unterschiede bei der Aufstellung seiner Regeln, die das wissenschaftliche Denken erst ermöglichen sollen, längst gemacht haben muß. (Die von Denkern wie Schelling und Hegel geübte Kritik am erkenntnistheoretischen Zirkel ist einem Stegmüller durchaus bekannt - und er hält sie mit der Verbeugung davor, daß es sich hier um ein "ernstes Problem" handelt, für erledigt.) Zwecklos, ihm entgegenzuhalten, daß ein Denken, das sich in der Befassung mit seinen Gegenständen unabhängig von ihnen "gewonnener" Regeln befleißigt, nie und nimmer zu Wahrheiten über jene gelangt. Denn diese Differenz hält er gerade für ein gutes Argument, als Wahrheiten nur solche Gedanken gelten zu lassen, deren Leistung darin besteht, von einem Subjekt die Identität mit sich selbst zu prädizieren: Tautologien:
"Logische Notwendigkeit und Leerheit gehören zusammen. Gerade daraus, daß ein Satz der Logik überhaupt nichts über irgendwelche Gegenstände aussagt, fließt seine Sicherheit und Allgemeinheit."
Diese hält er, sofern sie als Wissenschaft auftreten, a) für das Höchste überhaupt, weil b) für überhaupt keine Gedanken. Freilich hat er noch nicht einmal damit recht, denn selbst eine Tautologie muß man als solche erkennen, und kann es ihr nicht "von außen" ansehen, wie Stegmüller es behauptet. Der Vorzug der Tautologie liegt deshalb auch nicht an ihrer Form, sondern am Inhalt dieser Sorte "Erkenntnisse". Dafür, daß ein Subjekt mit sich selbst identisch ist, gibt es schlechterdings kein Argument. Diese Gewißheit, in der Form eines Urteils» läßt sich nicht begründen; wer es versuchen würde, müßte sich ihrer selbst bedienen. Mit ihrer Hochachtung vor Tautologien erhebt diese Zunft diese Gewißheit zum Maßstab jeglicher Erkenntnis und setzt ihr damit ein Erkenntnisideal entgegen, vor dem sie versagen muß. Jedes begründete Urteil - und darum handelt es sich nunmal bei einer Erkenntnis, die ihren Namen verdient - hat dann nämlich den Mangel, nicht getrennt von seinen Gründen und ohne sie gewiß zu sein. Denn darin besteht das Ideal absoluter Gewißheit, ein Wissen zu sein, das ohne seine Gründe gewiß ist, also deshalb ein so sicheres Wissen ist, weil es gar kein Wissen ist. Und so kommt auch in der Definition dessen, was "korrektes Schließen" ist, diese Tauto-Logik zum Zuge:
"Aus den Prämissen .alle F sind G' (deterministisches Gesetz) und .Gegenstand x ist ein F' (Antecedensbedingung) kann auf,x ist ein G' geschlossen werden." (IVa/453)
Erschlossen ist hier allerdings nichts worden. Denn der Allsatz, der weder eine Prämisse noch ein Gesetz darstellt, setzt zu seiner Richtigkeit noch allemal die des "Schlußsatzes" voraus. D.h., die Notwendigkeit, die in einem solchen Schluß geleistet sein soll, ist keine andere als die einer durch ein "wenn ... dann" vermittelten Wiederholung. Als das Nonplusultra der Wissenschaftlichkeit gelten also "Schlüsse", in denen l. kein Wissen gewonnen wird, und 2. deren bestimmter gedanklicher Zusammenhang völlig gleichgültig ist - "F" und "G" sind "Variable", deren Bestimmtheit also nichts zur Notwendigkeit ihres Zusammenhangs tut. Wenn aber solche Logiker mit Hilfe der Konjunktion "wenn ... dann" ihre Bescheidenheit und ihr Desinteresse in bezug darauf, ob etwas so ist - das hängt von allerlei Bedingungen ab, deren Untersuchung nicht in ihr Fach fällt, nämlich davon, ob die Einsetzung in die Variablen auch wahr ist -, zum Ausdruck bringen, und dennoch immerzu an Notwendigkeit festhalten, dann sind sie auf eine unwidersprechliche, absolute Notwendigkeit scharf: Etwas (egal, was) muß so (egal, wie) sein, wenn es so ist. Eine feine Leistung, die da vom Gedanken verlangt ist: Er soll eine prinzipielle Determiniertheit denken, wenn er folgert.
Darüber, daß es dieses denkfeindliche Ideal längst verwirklicht gibt, besteht in der empiristischen Philosophie seit jeher Einigkeit. Man muß sich bloß jene beiden Disziplinen, in denen es das Denken mit seinen eigenen Formen und den Quantitäten zu tun hat, dem eigenen Interesse gemäß zurechtdefinieren:
"Logische und mathematische Wahrheiten sind unabhängig von den Beschaffenheiten der wirklichen Welt." (V/338)
Daß dieses Urteil nicht stimmen kann, weiß der Wissenschaftsphilosoph selber, wenn er im gleichen Atemzug über "die universale Anwendbarkeit von Logik und Mathematik" spricht. Nichtsdestotrotz dient ihm die in Logik und Mathematik vollzogene Abstraktion von den Qualitäten besonderer Gegenstände bzw. von Qualität überhaupt dazu, ihnen den Charakter von Fiktionen zuzusprechen. Und das eben nicht als Einwand gegen sie. Gerade hier sieht er das Denken seinem Begriff gerecht werden: in der Kreation der contradictio in adjecto "leerer Notwendigkeiten" - Notwendigkeiten, die keine sind.
So postuliert der Wissenschaftstheoretiker die Bedeutsamkeit der Chimäre eines Reiches des von jeglicher Objektivität unbefleckten "reinen Nachdenkens", von dem er bescheiden kundtut, daß es der Ergänzung um sein Gegenteil bedürfe:
"Es ist unmöglich, durch reines Nachdenken und ohne empirische Kontrolle (mittels Beobachtungen) einen Aufschluß über die Beschaffenheit und über die Gesetze der wirklichen Welt zu gewinnen." (IVa/346)
Was Wissenschaft ist - die Erklärung der Objektivität, mithin ihrer Notwendigkeiten -, existiert somit im wissenschaftstheoretischen Weltbild zweigeteilt.
1. als Notwendigkeit ohne Objektivität - hier schaffen sich die modernen Logiker ihr Betätigungsfeld mit ihren immer neuen Kalkülen (die sie auch noch für "Sprachen" halten, obwohl ihr ganzer Stolz der Tatsache gilt, daß ihre "Zeichen" gerade nichts bezeichnen) für Schlüsse, in denen nichts folgen darf, sondern stets "Wahrheiten" tautologisch "konserviert" werden; (vgl.: Teil III; "Einführung in die formale Logik")
2. als Objektivität ohne Notwendigkeit - hier in den von ihm so titulierten "Realwissenschaften" sieht der Wissenschaftstheoretiker das gemeine Wissenschaftlervolk beheimatet, das er mit dem
"ganze(n) Problemkomplex, welcher die Nachprüfbarkeit und Sicherung der Geltung empirischer Aussagen betrifft..." (IVa/XXXII),
befaßt sieht. Ein Wissenschaftstheoretiker, der das Denken als eine Methode, von seinem Inhalt zu abstrahieren, schätzt, findet umgekehrt die Tatsache, daß Wissenschaftler über wirkliche Gegenstände urteilen, höchst problematisch. "Empirische Aussagen" sind für ihn generell bloß vorläufig (griechisch: hypothetisch) und äußerst unzuverlässig. Mit dem Verdacht, daß sie sich gar nicht auf das, was sie in ihrem Attribut tragen, beziehen, ist das Wissen über die Realität bestritten. Weil der Wissenschaftstheoretiker das Denken der Objekte von den Objekten des Denkens getrennt hat und sich ein "leeres" Denken so gut vorstellen kann, bietet ihm jeder Gedanke Anlaß zu dem Zweifel, ob er überhaupt etwas denkt. Die Suche nach
"Normen für die theoretische Beurteilung wissenschaftlicher Hypothesen" (VII/3)
führt darum auf ein Verfahren, das diesen Zweifel zwar nicht aufhebt, aber die angemessene Verlaufsform gibt: "Empirische Kontrolle" muß möglich sein, fordert Stegmüller, der selbst nicht in der Lage zu sein braucht, auf den "empirischen Gehalt" seiner Urteile mit dem Finger zu deuten, um genau das als ein prima Kriterium der Prüfung zu empfehlen. So ergibt sich der Widerspruch, daß mit der "Realität" gerade das, wovon man vorgab, nichts wissen zu können, als Überprüfungsinstanz eingeführt wird. Wissenschaftsphilosophen behaupten allen Ernstes, der unbegriffene Gegenstand selbst müsse, wenn man ihn mit den ohne seine Berücksichtigung verfertigten Gedanken über ihn vergleiche, für die Stimmigkeit der Theorien bürgen. An sie ergeht die Aufforderung, den Standpunkt der Unmittelbarkeit der erfahrenen Gegenstände, der wissenschaftliche Gedanken erst erforderlich macht, nicht zu verlassen, denn:
"Es gibt keine Erweiterung unseres Wissens vom Beobachteten auf das Nichtbeobachtete." (VII/6)
Und weil also das Beobachtete zugleich der Maßstab des Wissens über es sein soll - am liebsten würden sie das Wissen beobachten - verfallen diese Skeptiker darauf, Allsätze als die höchste Form der Wissenschaft zu postulieren: Erfahrungssätze gehören mit einem "alle" versehen, für die man dann nachschauen muß, ob sie zutreffen. Die Dummheit, die jede Oma beherrscht, daß etwas so sein muß, weil es immer so ist, erklären Wissenschaftstheoretiker zu ihrem Ideal von Wissen, was allerdings unerreichbar bleiben muß, denn die vollständige Einzelheit anzuschauen geht nicht und wird auch ihnen nicht gelingen. Mit ihrer Ehrfurcht vor der Erfahrung, in der sie das Reich der Wahrheit entdecken, belegen Wissenschaftstheoretiker ihr abgrundtiefes Mißtrauen in Gedanken, die die Erfahrung erkennen wollen, statt sie anzuerkennen. Dieser absoluten Notwendigkeit, von der das Denken getrennt ist, kann es niemals richtig gerecht werden. Alle Verfahren, die zur Lösung des "Induktionsproblems" erfunden wurden, von der "Verifikation" bis zur "Falsifikation", beseitigen diesen Widerspruch nicht, was ein Stegmüller weiß, der sich deshalb zur konsequenten Fortsetzung aufgerufen fühlt, daß es Gewißheit nur darüber geben könne, daß "alles Wissen, einschließlich des wissenschaftstheoretischen, hypothetisch ist".
War es den Klassikern der Theorie noch darum gegangen, auf dem "Fundament" "unmittelbarer Erkenntnisse" ("Protokoll-", "Basissätze", "Konstatierungen") eine aus tautologischen Umformungen bestehende, durchkalkulisierte "Einheitswissenschaft" zu "konstituieren", also die Erkenntnistätigkeit durch einen mechanischen Umgang mit der als Wahrheitsgaranten gedachten Sinnlichkeit zu ersetzen, so stellt sich ein "aufgeklärter Empirist" neueren Datums zur Realisierbarkeit dieses denkfeindlichen Programms wiederum skeptisch, aber nicht, um wegen der Undurchführbarkeit der vorgeschlagenen Lösung diese samt dem Problem, aus dem sie entstand, zu verwerfen, sondern um an dem Problem als einem Resultat festzuhalten:
"Die Suche nach Gewißheit, nach einem festen, unabänderlichen Fundament für empirische Erkenntnis ist aussichtslos."
"Auf der einen Seite war ich beeindruckt von der Fülle der Denksysteme, (...) Auf der anderen Seite stellte ich fest, daß ich über ein starkes Einfühlungsvermögen auch in Denkweisen verfügte, die ich mir eigentlich nicht zu eigen machen wollte. Diese Fähigkeit zu .distanzierter Begeisterung' blieb mir lange Zeit erhalten." (XI/4)
Dieser frühen Einsicht in seinen Charakter folgend, der er mit seinem letzten großen Werk, - einer einfühlsamen, allerdings für gewöhnliche Menschen nicht mehr lesbaren Darstellung sämtlicher "Logiken" und ihrer Formelapparate XII - bis ins Alter treu geblieben ist, hat Stegmüller wohlweislich den Schluß gezogen, sich in das "aussichtslose" Geschäft der "Suche nach Gewißheit" von vornherein nicht einzumischen. Wenn sich schon das Programm, ein "Fundament" für die Wissenschaft zu finden, als selbst so problematisch erweist, dann braucht die Wissenschaftstheorie einen, der für die Wahrung dieses Standpunkts innerhalb dieser Gemeinde sorgt. Auch die Normierung der Wissenschaft braucht schließlich Normen, dies war Stegmüllers genialer Beitrag zur Wissenschaft, wofür er - einzigartig in Deutschland - ein eigenes Institut einrichten durfte. Als Kompendienschreiber der Nation verdient er sich seine Lorbeeren damit, das Urteil, daß alles Wissen "hypothetisch" sei, auf die Wissenschaftstheorie selbst anzuwenden, und setzt jeden Gedanken als Beitrag hierzu zu allen anderen ins Verhältnis. Darin folgt er seinem selbstgewählten höheren Auftrag nach Sammlung und Sortierung von "Tendenzen" und "Richtungen" der Philosophie. In zwei Bänden mit dem sinnreichen Titel "Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie" macht er sich daran, "Brücken zu schlagen", wo vermeintlich Gräben klaffen. Eine Theorie als das zur Kenntnis zu nehmen, was sie ist, sie gar daraufhin zu untersuchen, ob sie stimmt, scheidet da freilich aus:
"Der ehrliche Philosophierende von heute besitzt nicht mehr die Naivität, um sich Denksysteme, wie jene von Spinoza, Leibniz, Fichte oder Schelling nicht nur geschichtlich anzueignen, sondern darüber hinaus auch an ihre Gültigkeit glauben zu können." (IVa/242)
Was für diese "Denksysteme" spricht, ist jedenfalls nicht ihr besonderer Inhalt, an den mag Stegmüller "heute" nicht mehr "glauben", eher schon die Tatsache, Bestandteil einer ahnenreichen Geisteshaltung zu sein, die sich "anzueignen" offenbar nicht von der "Gültigkeit" der für sie ins Feld geführten Argumente abhängt. Und weil es also für die Philosophie andere Argumente braucht, als die Richtigkeit oder Verkehrtheit ihrer Gedanken, ist Stegmüller so "ehrlich" zuzugeben, daß er einen Ersatz für diese "naive" Beurteilung parat hat, der es ihm erlaubt, dennoch über die moderne Philosophie zu urteilen, ohne sie zu beurteilen.
"Man darf sich nicht damit begnügen, Apriori-Argumente für oder gegen die eine oder andere Auffassung vorzubringen, sondern muß sich vor allem die weitere Frage vorlegen, ob ein bestimmter Standpunkt in dieser Frage damit verträglich ist, den gesamten Gehalt der heutigen Wissenschaft beizubehalten und ihn nicht ganz oder teilweise zu zerstören. (...) Eine wie immer geartete Lösung des Universalienproblems (darf) nicht zu einer solchen Verarmung unseres Begriffs- und Urteilssystems rühren (...), daß grundlegende Wissenschaften nicht bloß neu formuliert, sondern verworfen werden müssen." (IVa/38f.)
So sehr ist Stegmüller an der Beibehaltung solcher jahrhundertealter philosophischer Fragen gelegen, daß er jeden, der eine Antwort vorlegt, belehrt, daß philosophische Probleme nicht zu ihrer Lösung erfunden werden. Gerade die Vielzahl der verschiedenen bis widersprechenden Antworten gilt ihm als ein Reichtum, der "beizubehalten" ist. Kritik wäre eine "Verarmung" des munteren Nebeneinanders von gegensätzlichen Theorien zur selben Frage, mit ihr darf man sich deswegen auch nicht "begnügen", sondern soll sich zugleich fragen, ob man womöglich wirklich kritisiert hat. Davor kann nur gewarnt werden, am Ende ist dann nicht nur ein "Lösungsvorschlag" relativiert, sondern die ganze schöne Frage "zerstört", und das hat kein Problem verdient, als solches verworfen zu werden. Probleme darf und soll man "verschieben", "neu formulieren" und "zur Klarheit bringen", aber "wie immer geartete" Lösungen dürfen eines auf keinen Fall: das Problem zum Verschwinden bringen. Und schon gar nicht mit "Apriori-Argumenten", also solchen, die sich nicht selbst problematisieren, sondern einfach argumentieren. Das Interessanteste an jeder Lösung ist darum auch, ob man sie als Vorschlag, der keinen Anspruch auf Geltung erhebt, sondern selbst Gelegenheit zur Problematisierung bietet, verstehen kann. Insofern sind Probleme die Resultate, und die einzigen, die erwünscht sind.
Für eine Philosophie, die professionell mit der Bezweiflung von Wissen beschäftigt ist, gehört es sich also laut Stegmüller, sich positiv dazu zu bekennen, daß man nichts weiß. Zufriedenheit mit einem Problem kann sich nämlich nur dort einstellen, wo Widersprüche nicht als zu beseitigender Mangel gelten, sondern als Ausweis der Berechtigung des Fortfahrens auf Grundlage ihrer Beibehaltung. Und um einen Widerspruch handelt es sich, wenn ein Gegenstand einer Theorie als "Problem" bezeichnet wird, weil damit die Tatsache, daß einer Schwierigkeiten mit der Bestimmung des Gegenstandes hat, zu dessen Bestimmung gemacht wird. Der Unwille, etwas zu erklären, drückt sich darin als Notwendigkeit des Erklärens aus.
Stegmüllers Forderung, beim Theoretisieren auf die Beibehaltung der Probleme zu achten, verdankt sich also seiner Bestimmung von Theorie als Fortschreiten im Widerspruch, und diesen Maßstab legt er bei der Beurteilung der Philosophie an sie an. Damit dieser Vergleich von Theorien mit den von ihm erwünschten Konsequenzen für die Möglichkeit der Problematisierung als deren eigenes Anliegen daherkommt, betätigt er sich als Dolmetscher, der per "rationaler Rekonstruktion" - so heißt das Verfahren, die Rationalität einer Theorie zu konstruieren, die man ihr bestritten hat - oder per "Betrachtung darüber, wie dieser oder jener hätte argumentieren können", die eigentlichen Intentionen von Theorien zutage fördert, die er ohne die Neukonstruktion an ihnen nicht entdecken will.
Auf dieses endlose antikritische Geschäft der Aufspürung von Problemen an einem Lösungsvorschlag, von denen der Autor (noch) nichts gewußt hat, obwohl er sie angeblich gehabt hat, richtet Stegmüller seinen ganzen Forschergeist und spart nicht mit Kritik - an denen nämlich, die sich seinem Interesse an einer "fruchtbaren wechselseitigen Berührung" (IVb/XXXIV) dadurch widersetzen, daß sie sich nicht an die "Kultur der philosophischen Diskussion" halten.
So hat zwar die Philosophie des "Wiener Kreises" darin großes Lob und eine extra Würdigung verdient, daß sie mit ihren beiden "grundlegenden Fragen": "Was meinst du damit genau?" und "Woher weißt du das alles?" der modernen Wissenschaftsphilosophie seit diesem "linguistic turn" den Boden bereitet hat, indem sie einen wahrhaft universellen, (von Stegmüller immerzu angewendeten,) weil völlig grundlosen Zweifel in alles, was sich als Einsicht präsentiert, zu setzen vorschreibt. Das trägt zur "Neuformulierung" eines Problems bei und ist als "destruktiver" Einwand gegen "unexakte Begriffsverwendung" durchaus brauchbar, weil er der "konstruktiven" Fortführung desselben dient. Die Prätention, damit aber einen Maßstab für richtige Wissenschaft in die Welt gesetzt zu haben, an dem gemessen, manches als "Metaphysik" verurteilt gehört, gehört sich gründlich ausgeräumt, denn:
"Etwas ganz anderes als die unbezweifelbaren Leistungen der empiristischen Philosophie auf dem Gebiet der Logik und Wissenschaftstheorie betrifft die Frage, ob tatsächlich die Sinnlosigkeit der Metaphysik nachgewiesen worden sei." (IVa/425)
Daß die Empiristen gegen andere gestritten haben, paßt einem Mann nicht, der Streit nur auf der Grundlage einer prinzipiellen Einigkeit zulassen möchte. Dafür trennt er jede Theorie von der ihr immanenten Kritik an anderen, die überhaupt ihr Grund ist, und verpflichtet sie auf einen Standpunkt zur Kritik, den sie zusätzlich einnehmen soll.
"Was sich hier vollziehen muß, ist nichts geringeres als das Aufklaffen einer absoluten philosophischen Kommunikationslosigkeit. Es kann an dieser Stelle nichts anderes mehr gesagt werden als dies, daß es keinen Sinn habe, weiter zu diskutieren. Dieser Satz sollte von beiden aber nicht als ein implizites negatives Werturteil aufgefaßt werden, sondern als eine übereinstimmende resignierende Feststellung. Zur .Kultur der philosophischen Diskussion' gehört in einem solchen Falle das offene Eingeständnis wechselseitigen Nichtverstehens und das Offenlassen der Möglichkeit, daß letztlich der andere recht haben könnte." (IVa/345)
Stegmüller zumindest hat das Argument der einen Partei sehr gut verstanden, er wendet es nämlich gleich auf beide an: Er bestimmt ihren Gegensatz als Mißverständnis, woraus sich für beide ergeben soll, ihr "Nichtverstehen" um ein Verständnis für den anderen zu ergänzen. Weil ihm das Ideal des Pluralismus - Einverständnis gegensätzlicher Theorien - so sehr am Herzen liegt, bringt er jeden Streit dadurch um seine Existenz, daß er ihn zu einem Sprachproblem erklärt. Wer sich kritisiert, kann sich nicht verstanden haben; so heißt die Schlußfolgerung desjenigen, der aus der Form der theoretischen Differenz ihren Inhalt macht. Und wer sich nicht verstehen kann, darf den anderen auch nicht beurteilen wollen, sondern soll sich mit ihm darin einig sein, daß man sich selbst relativieren muß. Wenn jeder diese gute Absicht beweist, die darin besteht, sie dem anderen nicht abzustreiten, dann, wenn alle ihr Argument um diese Moral ergänzen, darf gestritten werden!
Dann steht ja auch eines von vornherein fest: Die Diskussion ist nicht beendet, wenn ein Problem mit dem "Argument" gelöst werden soll, es sei nicht zu lösen. Das spricht schließlich um so mehr für weitere "Lösungsversuche". Ein Sittenkodex der Wissenschaftlichkeit, der "das Offenlassen der Möglichkeit, daß letztlich der andere recht haben könnte", gebietet, dekretiert geradezu eine theoretische Freiheit der Kritik vom kritisierten Gegenstand, weil in ihm Wissenschaftstheorie eine Frage der Entscheidung ist, von der weiter nichts verlangt ist, als sich ihrer bewußt zu sein. So schließt sich der "Wiener Kreis":
"Statt, deine Aussage ist ein sinnloser Satz', sollte es besser heißen ,deine Aussage gehört einer anderen Sprache an als jener, die ich als Wissenschaftssprache gewählt habe'. Niemand ist moralisch verpflichtet, die Wahl einer bestimmten Sprache durch die Person Y ebenfalls vorzunehmen. Die Ablehnung der Metaphysik wegen .unzulässiger Syntax' täuscht dann ein theoretisches Urteil über die Metaphysik vor, wo in Wahrheit (!) eine freie Wahlfestsetzung vorliegt." (III/l 17)
Aber jeder ist "moralisch verpflichtet, sich vor seiner Unwissenheit zu verbeugen, und aus diesem Grunde alle anderen anzuerkennen. Selbst darin liegt allerdings noch ein (falsches) theoretisches Urteil und keine "freie Wahlfestsetzung" Stegmüllers vor. Für seinen Glauben, daß Urteile "in Wahrheit" Unwahrheiten, nämlich "Wahlfestsetzungen" sind, führt er Argumente auf, deren Charakter freilich das Interesse, das sie hervorbringt, verrät.
"Die Faszination, die (...) jede Form der .Absolutbegründung' der Wissenschaft auf junge Geister ausübt, dürfte ihre Wurzel in dem Streben nach einem absolut sicheren Fundament oder nach einer absolut sicheren, keine bedenklichen gedanklichen Operationen zulassenden Methode haben, die den Menschen seine grenzenlose Unwissenheit vergessen machen läßt (...) Der Glaube daran, eine solche Basis oder eine solche Methode gefunden zu haben, führt haltungsmäßig meist zum Dogmatismus und zur Intoleranz gegenüber andersartigen Denkeinstellungen. Der Wissenschaftstheoretiker sollte sich demgegenüber nach allen um Klarheit bemühten Richtungen offenhalten, sie natürlich trotzdem auch einer ,möglichst rücksichtslosen' Kritik unterziehen." (11/25)
Ein Anstandswächter im Reich des Geistes scheut eben vor keiner "bedenklichen gedanklichen Operation" zurück, wenn er seine Propaganda der Bescheidenheit im Denken auch noch begründen will. Er stützt sich selbst auf das von seiner Zunft ventilierte Ideal des "absolut sicheren Fundaments", vor dessen Realisierung er warnt, indem er für sein Ideal der "grenzenlosen Unwissenheit" eine Sicherheit anführt, die nicht zu begründen ist; außer mit einer Haltung, die nicht dem Denken, sondern dem bürgerlichen Leben entnommen ist. Dort existiert Toleranz als Gebot einer Gewalt, die die partikularen Interessen beschränkt und ihnen deswegen die Moral der Selbstbeschränkung verordnet. Die Übertragung dieser Tugend in die Welt der Wissenschaft, in der sie die angemessene Stellung zu jedem Gedanken sei, bereitet Stegmüller keine Schwierigkeiten, weil er Gewalt nur als eine gefährliche Einstellung des Beharrens auf Wissen kennt. Im Vertrauen darauf, daß ihm dieser wissenschaftsfeindliche Dogmatismus, daß ein selbstbewußter Dogmatismus keiner ist, nicht als solcher ausgelegt wird, weil er zur Toleranz auch so gut paßt, kritisiert er "rücksichtslos", was sich dem nicht unterordnet. Am liebsten möchte er so manches verbieten und kommt sich unglaublich tolerant vor, wenn er anderen diesen Umgang mit Theorien ebenfalls gestattet:
"Wenn man Metaphysik auch nicht als .unmöglich' erkennen kann, genauso wenig wie als ,möglich' oder .notwendig', so kann man doch jedes spezielle System von Sätzen oder Urteilen ,aus dem Verkehr ziehen'. Man verbietet dann, die Sprache zu etwas zu benutzen, so wie man verbieten kann, eine Straße zum Befahren mit Lastkraftwagen zu benutzen." (III/ 455)
Stegmüller, der weder Metaphysiker noch Antimetaphysiker sein will, noch den Nachweis des Unsinns einer der beiden oder beider Positionen führen, also sich weder in irgendeinen Streit einmischen noch überhaupt etwas behaupten will, braucht seinen Lehrstuhl darum noch lange nicht aufzugeben, denn er hat die Aufgabe der Prüfung von Theorien auf ihre Stimmigkeit durch das Amt eines Quasi-Oberrichters über Sitten und Gesetze dessen, was als wissenschaftlich zu bewerten ist, ersetzt-
"Die moderne Wissenschaftstheorie setzt weder ein bestimmtes philosophisches Credo voraus, noch führt sie zu einem solchen. Sie ist vielmehr mit jedem derartigen Credo verträglich, vorausgesetzt, man hält sich an die Spielregeln rationalen Diskutierens." (11/28) -,
und begutachtet von oben herab den Fortschritt einer philosophischen Veranstaltung, die ihre Fehler auch ohne tatkräftige Mithilfe Stegmüllers fertigbringt:
"Philosophen haben sich immer wieder gefragt, was denn wohl Quines Gründe für seinen Kampf gegen den Begriff der Analytizität seien; denn es erschien ihnen unplausibel, daß die Argumente, welche er im Verlauf der Diskussion vorbrachte, die eigentlichen Motive für seine Haltung wiedergeben. Putnams Beitrag und die Idee des Gesetzesknotenbegriffs hat uns einen klaren Einblick in einen wichtigen Grund Quines verschafft: die potentielle Gefahr, die unrevidierbare analytische Sätze für den wissenschaftlichen Fortschritt bilden können." (11/245)
"Es ist nicht weniger als die potentielle Wissenschaftsfeindlichkeit, nämlich Fortschrittsfeindlichkeit, die in solcher Auszeichnung (grundlegender Sätze als analytisch) steckt." (IVb/241)
Die Motive für Stegmüllers Begeisterung über diese Abteilung neuerer amerikanischer Philosophie liegen klar auf der Hand: In der beständigen methodischen Selbstreflexion darauf, ob die eigenen vorgeschriebenen Konstrukte, wie Wahrheit zu definieren sei, ihren Erfindern nicht bei der Bestreitung derselben hinderlich sein könnten, haben Philosophen wie Quine und andere einen Weg gefunden, wissenschaftstheoretische Probleme bis in die 48ste Ebene und 49ste Stufe fortzuspinnen, ohne sich um die Objektivität ihrer Gedanken die geringste Sorge machen zu müssen. Da fühlt sich Stegmüller so richtig zu Hause. Hier kann er ganzen Problemhaufen Namen verpassen und umgekehrt - "Büscheltheorie der Namen" - sich über "Theorienverdrängung durch eine Ersatztheorie" freuen und bei alledem immerzu die Möglichkeit weiterzumachen deduzieren, weil das garantiert nichts mit Notwendigkeit zu tun hat, oder - in seinen eigenen Worten - einem "vorrationalen Urteilsentschluß" entspringt.
"Daß wir, sofern wir einmal die Bedeutung der logischen Ausdrücke kraft Konvention erklärt haben, solches und solches als logische Wahrheit oder als logische Folgebeziehung anerkennen müssen - dies ist nur wieder eine neue Abart eines platonischen Mythos, ... Es ist der Glaube an ein logisches ,Muß', an eine logische Notwendigkeit, die uns aufgezwungen ist in der Gestalt von zwingenden Folgerungen bestimmter Festsetzungen (nach Wittgenstein durch nichts zu rechtfertigen.) Es ist ein Aberglaube." (IVa/686)
Wenn es auch der formalen Logik gelungen ist, dem Denken und Erklären die Objektivität zu bestreiten, indem sie wahre Urteile und Schlüsse nur als inhaltslose gelten läßt, die quasi mechanisch "hergestellt" werden können, so wird sie von Stegmüller dennoch mit der Beschuldigung bedacht, nur eine neue Form eines alten "Aberglaubens" in die Welt gesetzt zu haben. Und der besteht darin, "uns" immer noch eine logische Notwendigkeit "aufzuzwingen", was bei dem Hüter dieser Konventionen sofort die Assoziation mit Gewalt bewirkt. Also bringt er zu Ende, was andere angefangen haben: Wenn diese Sorte logischer Regeln ihre Gültigkeit schon einer Definition verdankt, dann muß ihre Anerkennung auch in das Belieben der Subjektivität gestellt sein und darf nicht Allgemeingültigkeit beanspruchen, die einer Verpflichtung gleichkommt.
Die vollkommene Methode der Bezweiflung auch noch der banalsten "Wahrheiten" haben wir Wittgenstein zu verdanken. Der Witz liegt in dem Wörtchen "wenn".
"Wir stellen fest, daß sich in einer Urne 3 schwarze und 4 weiße Kugeln befinden. Da wir addieren können, schließen wir daraus, daß sich somit in der Urne insgesamt 7 Kugeln befinden müssen, ohne sie nochmals alle von vorn zu zählen. Wenn aber, so wird man (?) einwenden, der Satz 3+4 = 7, auf den sich dieser Schluß stützt, nur Ausdruck eines Beschlusses ist, so könnte sich ja beim tatsächlichen Nachzählen ein anderes Resultat ergeben, z.B. 6 oder 8 Kugeln!" (IVa/686)
Wenn dieser Mann nicht in die Vorschule gehört, dann wohl in eine Universität!
Das Denkgebot der Wissenschaftstheorie - an keinem Gedanken festhalten zu dürfen -, das Stegmüller den Bemühungen seiner Fachkollegen um Gründe für dieses Dogma mahnend vor Augen hält, ist für Intellektuelle seiner Art ein Angebot, für die Ausmalung dieser Vorschrift frei von aller Objektivität spinnen zu dürfen. So wird Stegmüller zum Unterhalter des Bedürfnisses, hinterletzte Absurditäten, "kaum vorstellbare Möglichkeiten" (VIII/52), in der Absicht zu erfinden, sie mit Wissen bzw. seiner Vorstellung davon gleichzusetzen:
"Man kann sich die angedeuteten Vorkommnisse beliebig merkwürdig und kompliziert ausmalen... Angenommen, ich sehe neben einer Haustür einen schlafenden Hund. Ich will mich überzeugen, daß es tatsächlich ein solches Tier ist, ich möchte also den Satz ,Dort drüben liegt ein Hund' bestätigen. Ich nehme eine Reihe von Tests vor, die alle positiv ausfallen. Später jedoch zeigt sich, daß dieses Wesen außerordentlich merkwürdige Beschaffenheiten aufweist. Es beginnt wie ein Löwe zu brüllen, wächst so lange, bis es die Größe eines Hauses erreicht, scheint bisweilen zu sterben, so daß es alle Anzeichen des Todes aufweist, um dann wieder von diesem Tode aufzuwachen usw. Sollen wir sagen, daß hier ein Hund mit außergewöhnlichen Eigenschaften vorliegt? Oder sollen wir besser sagen, daß eine neue Säugetierspezies enstanden sei? Oder müssen wir nicht vielmehr bei der Frage selbst stehenbleiben: Was sollen wir da sagen?" (VIII/52 f.)
Angenommen, Herr Stegmüller ist ein Gummiboot, und eine Reihe von Tests bestätigt dies. Wer könnte ihn da noch von einem solchen unterscheiden? Er selbst gewiß am allerwenigsten, denkt er doch folgendermaßen: Man stelle sich vor, daß das, was man sich vorstellt, es verhindert, daß man sich es vorstellen kann. Im angeführten Beispiel geschieht dies durch die trickreiche "Annahme", daß etwas (der Hund) genausogut etwas ganz anderes (Löwe, Haus und vor allem "usw.", was Stegmüller offenbar ganz gut auseinanderhalten kann) ist, als es ist. Wenn man allerdings schlicht davon ausgeht, daß man von etwas gar nicht reden kann, weil es das gar nicht gibt, dann braucht man sich auch nicht die dämliche Frage zu stellen, was man da sagen soll. Es sei denn, man wollte von vornherein "vielmehr bei der Frage selbst stehenbleiben": Was soll man sagen, wenn man gar nichts sagen kann? Ein tiefes Problem.
Derartige Geistesbetätigungen - in ähnlicher Manier läßt Stegmüller Menschen von Millimetergröße in Streichholzschachteln wohnen und Häuser sich in Luft auflösen und aus dem Nichts wiedererstehen, stets um zu fragen, ob wir wohl Lösungen für solche Probleme hätten - als Kindereien zu bezeichnen, wäre ein Euphemismus, da sie ihren Unterhaltungswert aus einer Botschaft beziehen, die als Gipfel der Wissenschaft gilt: Explizite Erfindungen zählen als Einwand gegen jede noch so banale Leistung des Verstandes (wie Wahrnehmen oder Vorstellen). Dies stellt einen Angriff auf die grundlegende Leistung der Intelligenz dar, zu der sich der kindliche Geist bereits mit dem Erwerb der Sprache befähigt: die Allgemeinheit einer Vorstellung durch ihre Bezeichnung vom sinnlichen Bild zu trennen, sie für sich festzuhalten und so von anderen Vorstellungen zu unterscheiden. Diese Voraussetzung des Denkens mit den Mitteln des Denkens zu bestreiten, was Stegmüller mit seinem Absurditätenkabinett macht, heißt intelligente Idiotien zu produzieren. Nutzlos allerdings, diesen Einwand einem Stegmüller mitzuteilen. Er kennt ihn längst:
"Man mag ja einwenden, daß all dies Nonsens sei, da sich derartige Dinge ja niemals ereignen. Aber wissen wir denn auch, daß sie sich niemals ereignen werden?" (VIII/53)
Zugegeben, was ich sage, ist idiotisch, aber da wir ohnehin nichts wissen, könnte ich doch auch recht haben. Na klar, wer mit der grundlosen Bezweiflung der Möglichkeit, überhaupt von irgendetwas sprechen zu können, Vernunft und Idiotie ohnehin für so ziemlich dasselbe hält, der ist natürlich auch von dem Vorwurf, gewußten Nonsens als Einwand gegen die banalsten Gedanken und Vorstellungen vorzubringen, nicht zu beeindrucken. Umgekehrt ziehen Denker wie Stegmüller ihren intellektuellen Selbstgenuß aus dem Erfinden von Schwachsinn als Ausgeburt von Vernunft: So geht Liebe zur Dummheit.
Wer sich solcherart im Bezweifeln noch der plattesten Selbstverständlichkeiten gefällt, für den taugt offenbar das Denken sehr, wenn es sich Fragen zuwendet, bei denen es nichts zu wissen, aber viel zu glauben gibt. Hier dar fes seinen ganzen .Wissensdurst' ausleben, in der Stellung von Fragen wie z.B. der nach dem "Aufbau des Weltalls", wo schon der Gegenstand - alles - zeigt, daß es nichts, jedenfalls nichts Bestimmtes (das träfe ja nicht mehr auf alles zu) zu antworten gibt.
"Wer immer auch nur etwas von dem echt philosophischen Wissensdurst in sich verspürt, der hinter diesen Fragestellungen steckt, der sollte eigentlich darüber erfreut sein, daß man sich heute wieder diesen Themen zuwendet." (IVb/495)
Daß solche Fragestellungen auch gar nicht zum Beantworten, sondern zum Staunen nach dem Motto "Welt groß - wir klein" gedacht sind, ist der Grund dafür, daß Stegmüller sie ausnahmsweise nicht mittels erfundener Millimetermenschen hinterfragt, sondern vorbehaltlos lobt. In seinem Werk "Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie" hat er ihnen darum ein ganzes Kapitel gewidmet, wozu er Wissenschaften wie Astronomie oder Physik als Fundgrube von "rätselhaften Phänomenen (wie) dem allabendlichen Dunkelwerden" (XXVIII) durchforstet hat. Da wimmelt es von roten Riesen, schwarzen und weißen Zwergen, Pygmäengalaxien, jungfräulichen Gravitationskollapsen und ähnlichen Quarks, was für Stegmüller nicht bestenfalls vermenschlichende Namen für bisher unbekannte Naturvorgänge sind, sondern lauter Hinweise auf die Rätselhaftigkeit des fernen Kosmos, der einem doch so nahe ist: Kosmische Ereignisse haben danach "teilweise den Charakter unvorstellbarer kosmischer Katastrophen..." So vermutete man seit langem, "daß immer noch Sterngeburten stattfinden, daß massereiche Sterne an einem bestimmten Punkt ihrer Existenz zu Neutronensternen kollabieren, und daß auch in galaktischen Dimensionen nicht alles so normal verlaufen muß, wie in unserer Galaxie, der Milchstraße ... Die Überraschungen der Astronomen lassen sich allerdings nur zum Teil psychologisch deuten. Zu einem anderen Teil handelt es sich um echte Überraschungen auch auf der theoretischen Ebene. Man beobachtete Phänomene, die man früher für unmöglich gehalten hätte, weil sie entweder allen bekannten Naturgesetzen zu widersprechen schienen, oder weil sie in das bisherige Bild vom Kosmos überhaupt nicht hineinpaßten." (IVb/499)
Ja freilich, wenn man von einem "Bild des Kosmos" ausgeht, in dem "unsere" Milchstraße so etwas Ähnliches wie ein etwas groß geratenes Wohnzimmer ist, kann man natürlich astronomische Vorgänge in "normale" (= paßt in mein Bild) und "anormale" (= "echte Überraschung") einteilen. Und wenn man sich den Weltraum als den Nymphenburger Park vorstellt, in dem man selber gerade rumspaziert, ja dann muß man sich natürlich auch die Explosion von ein paar lausigen Galaxien als unvorstellbare Katastrophe vorstellen, womit zwar kein Himmelskörper erklärt, aber ein Bilderbuch der Schöpfung aufgeschlagen ist.
Es ist also der jeder Oma geläufige Vergleich zwischen sich selbst (und seinen Alltagserfahrungen) und dem .großen Himmelszelt', der zu dem erbaulichen Staunen führt, für das er angestrengt wird, der Stegmüller zum Leitfaden seiner gelehrigen Deutungen astronomischer Ergebnisse dient. Ein so gepflegtes "kosmisches Bewußtsein" versteht Stegmüller zugleich als Abhilfe gegen die Gefahr unserer Zeit, die den Philosophen auf den Plan ruft:
"die semantische Verschmutzung der geistigen Umwelt des Menschen, des einzig redenden und systematisch Symbole benutzenden Wesens." (ebd.)
Sie besteht schlicht darin,
"daß zu der vom Menschen im Verlauf der kulturellen Evolution selbst geschaffenen Umgebung vor allem auch die ,semantische Atmosphäre' gehört, bestehend aus einem Meer von Wörtern, Überzeugungen und Ideologien und der hier lauernden Gefahren..." (ebd.)
Ach so: Ideologien bedienen sich der Sprache, also sind sie nichts als Wörter, in denen dann - daß Ideologien gefährlich sind, weiß man ja - natürlich Gefahren liegen. Warum? Na, weil sie eben Wörter sind, deren Bedeutungen bzw. Semantik wohl nicht klar definiert, also verschmutzt sind, was sich schließlich zu einer "planetarischen Lebensgefahr" (IVb/XX) ausgeweitet hat. Aber der Verunreinigung der Kultur durch die mangelnde Würdigung der sprachreinigenden Angebote der Wissenschaftstheorie an den Rest der Menschheit, weiß Stegmüller Einhalt zu gebieten:
"Was kann der Philosoph in einer solchen Situation überhaupt tun? ... Statt durch Kritik und Polemik tritt man als Philosoph dieser Gefahr vielleicht besser durch den Versuch entgegen, dazu beizutragen, daß sich in den Mitmenschen ein kosmisches Bewußtsein entwickelt, verbunden mit einer Fähigkeit, sich bei der Bewältigung der irdischen Aufgaben statt von traditionsgebundenen Imperativen und Heilsversprechen von wissenschaftlichen Einsichten und pragmatischen Überlegungen leiten zu lassen." (IVb/XXII)
Ganz in diesem Sinne - ohne ätzende Kritik und Polemik - hat Stegmüller anläßlich der Raketenstationierung auch einmal in die aktuelle Friedensdebatte eingegriffen. Gemeinsam mit anderen seines Schlages gemahnte er gewisse "Mitmenschen" an ihre "irdische Aufgabe", den Frieden durch Aufrüstung doch so zu sichern, daß nicht "die Wahrscheinlichkeit der versehentlichen Auslösung eines Atomkrieges und der Zerstörung Europas" erhöht werden. Die "wissenschaftliche Einsicht" bestand in diesem Falle in dem "Heilsversprechen", daß Politik die Bemeisterung einer "Kriegsgefahr" sei, die unabhängig von ihr von den Waffen ausgeht, nicht etwa vom politischen Willen, sie einzusetzen; die "pragmatische Überlegung" in dem kategorischen Imperativ an die Politiker, dafür zu sorgen, daß in einer solchen Situation auch nichts "versehentlich" passiert.
Durchaus ein "kosmisches Bewußtsein". Es besteht in nichts anderem als der Technik, derer sich jene Tugend bedient, die dem Philosophen so sehr am Herzen liegt: per Vergleich sich die Kleinlichkeit der eigenen Anliegen vorzuführen. Freilich hat er nie die Absicht gehegt, seine Wertschätzung der Bescheidenheit unmittelbar an jene zu adressieren, die sie bei der täglichen "Bewältigung ihrer irdischen Aufgaben" beherzigen (müssen). Zur Pflege der geistigen Hygiene wollte Stegmüller seinen Teil stets auf dem Gebiet des wissenschaftlichen Selbstbewußtseins leisten: Die "wissenschaftlichen Einsichten", die er deswegen gar nicht mit Kritik verwechselt sehen mag, haben im Dienst der Moral der "pragmatischen Überlegungen" des bürgerlichen Verstandes zu stehen. Und bei der Verfolgung dieses Anliegens ist ihm der Erfolg nicht zu bestreiten: Kein Intellektueller hierzulande, der heute nicht eines der wissenschaftstheoretischen Argumente gegen das Argumentieren beherrschte. Doch gerade weil die damit geleistete Botschaft von der Unzulänglichkeit des Denkens heutzutage so selbstverständlich ist, wird die detaillierte Aneignung ihrer Vermittlung mittlerweile weithin als überflüssig angesehen. So ist es nur gerecht, daß sich heute, in den letzten Semestern vor seiner Emeritierung, immer weniger Zuhörer zu den Vorlesungen dieses Saubermanns einfinden.
Quellen:
I Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie, Band I. Wissenschaftliche Erklärung und Begründung. Berlin-Heidelberg-N.Y. 1969
II Probleme und Resultate... Band IV. Berlin-Heidelberg-N.Y. 1973
III Metaphysik-Skepsis-Wissenschaft. 2. Aufl. Berlin-Heidelberg-N.Y.
1969 IVa Hauptströmungen der
Gegenwartsphilosophie. I. 4. Aufl. Stuttgart
1969 IVb Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie.
II. 5. Aufl. Stuttgart 1979
V Stichwort "Wissenschaftstheorie" in: FL Philosophie
VI Das Wahrheitsproblem und die Idee der Semantik. Wien 1957
VII Das Problem der Induktion: Humes Herausforderung und moderne Antworten. Darmstadt 1975
VIII Der Phänomenalismus und seine Schwierigkeiten, Darmstadt 1969
IX Sprache und Logik. Darmstadt 1969
X Rudolf Carnap: Induktive Wahrscheinlichkeit. In: "Philosophie der Gegenwart I, Grundprobleme der großen Philosophen. Göttingen 1972
XI Rationale Erklärung von Wissenschaft und ihrem Wandel. Stuttgart 1979