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Dieter Henrich: Ich bin der Weg und die Wahrheit

Seit dem SS 1981 ziert als Nachfolger des Emeritus Hermann Krings ein Neuzugang die Galerie des philosophischen Tiefsinns in München. Allein schon, daß er aus einer der philosophischen Renommierwerkstätten der Republik, aus Heidelberg, wo er sich vom Gadamer-Schüler zum Ordinarius hocharbeitete, direkt nach München kommt, läßt aufhorchen. In seinem Opus fehlt daher auch keiner der ganz Großen des deutschen Geistes - von Max Weber bis Hegel -, der nicht seine Interpretation durch Henrich erfahren hätte. Und seine Könnerschaft im Umgang mit dem nationalen Erbe seines Fachs hat ihm nicht nur die Präsidentschaft der im "Gegenzug" gegen linkes Hegel-Interpretentum im Osten und hierzulande seit der Studentenbewegung eingerichteten Hegel-Gesellschaft eingetragen, sondern darüber hinaus Vortragsreisen in die ganze Welt - selbst in Beijing, wo fürwahr andere Probleme zur Lösung anstünden, wollte man auf die Weisheiten des südwestdeutschen Gelehrten nicht verzichten - und schließlich und zuguterletzt noch eine Gast-Dozentur an der berühmten Harvard-University. Gerade letzterem Höhepunkt in der Karriere dieses Mannes des Geistes haben wir seine letzte bahnbrechende Entdeckung zu verdanken: Weil er ein - von Hegel verworfenes - Alternativmanuskript der Einleitung zur Rechtsphilosophie fand, läßt deren "Struktur" sich nun erstmals "rekonstruieren". Immerhin: Das zeigt schon, daß er in seinem Repertoire nicht einfach alte Geistesgrößen neu auflegt; nein, er entdeckt an ihnen überhaupt erst deren eigentliche Größe. Und das leistet er mit dem einen Gedanken, bei jedem Denker die Frage nach den "Möglichkeitsbedingungen" einer einheitsstiftenden Methode zu stellen.

Ohne mich keine Geistesgröße

Frühes Genie verrät bereits die Dissertation aus dem Jahre 1952 über Max Weber.

"Die Interpretation will zunächst die Methodenlehre Max Webers darstellen, indem (!) sie ihre hauptsächlichen Begriffe auf ein einziges Prinzip zurückführt. ... Ihr Weg soll zu der Einsicht führen, daß der Sammelband der Aufsätze nicht nur ... Einzelanalysen und Meinungen eines Spezialforschers versammelt, sondern eine theoretische Einheit ausdrückt, deren Geschlossenheit um so mehr in Verwunderung setzt, weil sie nicht offen sichtbar und vielleicht nicht einmal Max Weber selbst bewußt gewesen ist." (I, S. 2)

Nun soll gar nicht in Abrede gestellt werden, daß bei manchem Denker die Gedankenvielfalt einem einzigen Denkprinzip gehorcht, unter das er all die Gegenstände und Themata, die er behandelt, subsumiert. Über einen solchen Denker wäre allerdings ein vernichtendes Urteil fällig. Es ist nämlich damit über ihn gesagt, daß sich seine "hauptsächlichen Begriffe" gar nicht dem Gegenstand, über den er urteilt, und dessen Bestimmungen verdanken; daß er vielmehr die "theoretische Einheit" seiner Gedanken dadurch stiftet, daß er seine gesamte Vorstellungswelt unter ein und dasselbe Vorurteil subsumiert.

Henrich würdigt dies ganz umstandslos als "Geschlossenheit" des Werks Max Webers - ein wohlklingenderer Name als ,Einfältigkeit', denn schließlich will ihn sich der Meister als seine eigene Leistung auf die Fahne schreiben. -Er will bedacht sein als derjenige, der dem - und hier zehrt er von der allgemeinen Reputation Webers - großen Wissenschaftler überhaupt erst die Einheit des Werks verschafft - von der dieser nichts gewußt haben soll, was übrigens eine Lüge ist, denn Max Weber hat sehr wohl offen ausgesprochen, daß sich auch die wissenschaftliche Methode letztlich einer Wertentscheidung verdanken soll. So geht die Aufbereitung eigener Größe, und sie wird verfeinert in der "Interpretation" Kants, Fichtes und Hegels. Bei Fichte, dem es - wie man wohl schon beim Durchblättern seiner x-fach aufgelegten "Wissenschaftslehre" bemerkt - um das "Ich" als Grundlage allen Denkens ging, stellt Henrich auch mit einigem Genügen fest, daß es erst auch noch ihn braucht, um Fichte zu sich selbst zu bringen: Er

"erklärt, warum es so schwer war und warum es Fichte niemals gelungen ist, was ihm vor Augen stand, zur vollen Klarheit herauszuarbeiten. So hat er eine Entdeckung in Texten, die zu den widerständigsten" (bis Henrich kam!) "der ganzen Tradition gehören, eher verborgen als mitgeteilt." (II, 197)

Nach dem Motto des HERRn im Himmel im Faust - "Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient, so werd' ich ihn bald in die Klarheit führen" - gewinnt auch Kant neue Qualitäten unter Henrichs Feder:

"Im übrigen muß auch (!) diese Auslegung, will sie fruchtbar" (für wen wohl?) "sein, über das von den Klassikern explizit Gemachte hinausgehen." (III, 4)

"Wir haben damit unabhängig von Kants Thesen und Werken die Gedanken noch einmal entfaltet, die Kant für die schwierigsten in der ganzen Philosophie hielt." (III, 11)

Und schließlich:

"... Hegel ... muß ... auch damit erklärt werden, daß er kein zureichend deutliches Bewußtsein und keine voll ausgearbeitete Kenntnis von der Methode besaß, die seinen eigenen Texten ihre Form gibt." (IV, 226)

- Man sieht schon, das "vielleicht" bei Max Webers Unkenntnis seines eigenen Methodenprinzips ist der selbstgewissen Sicherheit gewichen, mit der Henrich im Lauf der Jahre immer wieder allen möglichen Denkern auf die Sprünge hilft.

Mit "Abstoß" zum "Überstieg" im "Gegenzug"

Wenn Henrich in den einführenden Worten zu den jeweiligen Geistesgrößen, mit denen er sich befassen will, ankündigt, deren Gedankengut auf alle Fälle auf ein Prinzip, eine Einheit, einen Schlüssel, "zurückzuführen" und dadurch "rekonstruieren" zu wollen, dann hat er selbst ein Prinzip.

Es besteht in der Behauptung, daß die Notwendigkeit eines Gedankens außerhalb desselben, also jenseits der Argumente, die ihn begründen sollen, in den Bedingungen seines Zustandekommens, zu suchen ist, was umgekehrt heißt, daß im jeweiligen Werk "keinerlei Argumentation" aufzufinden ist, weil Henrich sie mit seinem Vorhaben, Argumente für Argumente suchen zu wollen, nicht zur Kenntnis nehmen will.

Daß die Notwendigkeit von Urteilen und Schlüssen nicht in ihnen begründet ist, sondern in den Vorurteilen des jeweiligen Denkers, über die er nicht hinausdenken konnte, weil sie ihrerseits aus dessen Biographie - was Wittgenstein auf seinem Totenbett gesagt haben soll, ist da genauso interessant, wie die Theorien, die ein anderer Denker zur Kenntnis genommen hat - abzuleiten sind, soll nun keinesfalls ein Argument gegen diese Gedanken sein; im Gegenteil: Hier wird jedem Gedanken jenseits dessen, was er über seinen Gegenstand aussagt, der Schein einer (außertheoretischen) Notwendigkeit verschafft, die ihn unangreifbar macht: Der Nachweis, daß ein Denker nicht anders denken konnte, als er dann schließlich gedacht hat, weil er aufgrund seiner Person so denken mußte, soll nicht auf besondere Borniertheit schließen lassen; umgekehrt wird hier von der Eigenart und Größe des Menschen auf dessen Gedankengröße geschlossen.

Wie Hegel - beispielhaft! - dabei geschieht, verweist schon auf voll entfaltete Reife und Meisterschaft. Wie "Hegels spekulative Metaphysik als solche" überhaupt "möglich" war, ist die Hauptfrage von Interesse. Weil diese Frage rationell gestellt nicht viel hergibt - Hegel hat eben aus dem intensiven Studium der Wirklichkeit und der historischen wie zeitgenössischen Denker seine Schlüsse gezogen und hingeschrieben, wie er meinte, daß die Gesetze von Gedanken und Wirklichkeit beschaffen sind -, muß Henrich sie anders gemeint haben: Er versteht die Möglichkeit als Notwendigkeit, nämlich,

"daß erst der Anstoß durch Hölderlin mit dem Abstoß von ihm zusammengenommen Hegels frühen Weg zum System bestimmt haben." (V, 11)

Nun soll wiederum nicht bestritten sein, daß Hegel einige Gedanken von Hölderlin übernommen hat oder in der Kritik an ihnen - wie vieler anderer auch, wie seine philosophiegeschichtlichen Werke vor allem zeigen - sein "System" entwickelt hat. Daß aber sein Weg dorthin ausgerechnet durch das Denken eines anderen "bestimmt", also mit Notwendigkeit aus diesem hervorgegangen sei, das streicht die eigene Leistung Hegels, die Gedanken des Freundes zu übernehmen oder zu kritisieren, völlig durch. Und selbst das Eingeständnis dieses Fehlers, indem andere Bedingungen noch hinzukommen mußten -

"Ohne spätere Ereignisse auf Hegels Weg" (der war immerzu unterwegs!) "wären sie (frühere .Einflüsse') womöglich folgenlos geblieben." (V, 71) -

wiederholt ihn nur: Es ist immer die Logik der Negativität; daß Hegel ohne etwas nicht...; und genau daraus soll das positive Resultat folgen, das bei der ganzen Logik allerdings als schon realisiert unterstellt ist. Hätte Henrich einmal näher in "Hegels Logik der Reflexion" hineingeschaut und sich diese nicht wieder als "Bedeutungsverschiebung" überhaupt erst "rekonstruierbar" auf die eigene Fahne geschrieben, dann hätte er daraus immerhin einiges über seinen Fehler lernen können: Daß eine Sache, im Lichte ihrer Bedingungen betrachtet, selbst nur als unbestimmte Existenz gedacht ist - ohne ihre Bedingungen existiert sie nicht - und damit nicht im mindesten erklärt ist; das steht da nämlich drin!

Nun ist allerdings solche Zirkularität sehr produktiv, eröffnet sie doch allerlei Spielraum für die Beliebigkeit der Konstruktion. So ist nicht nur Hölderlin, sondern ein andermal gar die Logik selbst ihre eigene Bedingung:

"Die Voraussetzung der ganzen Logik hat selber deren ersten Teil zur Voraussetzung." (IV,320)

Will heißen: daß man schon denken können muß, bevor man die Theorie des Denkens - die Logik - entwickelt; was beim Denken nach Auskunft Hegels ebensowenig zu einem "Problem" führt wie beim Verdauen, das man auch schon vor jeder wissenschaftlichen Befassung mit dem Magen-Darm-Trakt beherrscht.

In der neuesten Variante schließlich - extra aufbereitet für den Philosophenkongreß in Beijing und dann sofort den Kommilitonen in München unter die Nase gerieben - wird gar ein von Henrich selbst erfundenes "natürliches Weltverhältnis", das in der "Kofunktionalität von Einzelnem und Ordnung" bestehen soll - kein Mensch auf der Welt hatte je das Problem, nicht einmal Philosophen! -, als notwendige Bedingung für Hegels "Gegenzug" genannt:

"Wir hatten in einem ersten Schritt über die Begründung der Notwendigkeit eines Gegenzuges gegen die Grundform der Objektbeziehung im natürlichen Weltverhältnis eine spekulative Grundform eingeführt, das Differenzverhältnis, das als solches ein Selbstverhältnis ist und also die Kofunktionalität differenter Funktionen in der natürlichen Weltbeziehung in die Einheit einer einzigen Funktion zusammenzieht. Und wir haben als den konkreten Fall dieses Produkts des Gegenzugs ... den Gedanken der selbstbezüglichen Andersheit... eingeführt: das andere seiner selbst. Es war deutlich gemacht, daß, wenn mit dieser zunächst ganz paradoxen Begriffsform eine Weltinterpretation in einem Systemzusammenhang soll erreicht werden können, diese Begrinsform modifikabel sein muß ... Wir haben uns schließlich deutlich gemacht, daß bei einer solchen Rekonstruktion Hegels eine 5. Hauptstation erreicht werden muß, eben eine Station, derzufolge die Abfolge der 4 Stationen als solche in ihrer Sequenz unter einem einheitlichen Gedanken zusammengefaßt werden kann ... und erst dieser Gedanke ergibt ein Prinzip, das das monistische Metaphysikprogramm als solches erfüllt, eine einheitliche Form, die allbefassend ist." (VI)

Käme nicht einmal der Name Hegel vor, dächte man ohnehin, es handle sich um Henrichs ganz eigene Philosophie; bis in die Diktion hinein ist Henrichs Selbstbewußtsein präsent, daß er die Alten ganz eigenständig rekonstruieren muß. Und worin besteht die Rekonstruktion?

Ausgangspunkt ist das "natürliche Weltverhältnis". Dagegen war ein Gegenzug nötig. Und wenn Henrichs Theorie darin bestehen soll, dann muß sie auch den Mangel der Nichteinheit im "natürlichen Weltverhältnis" beheben, also Einheit stiften. Man braucht also nur - völlig unabhängig von Hegels Gedanken - die Behauptung aufzustellen, man müsse Hegel als "Gegenzug" verstehen, schon muß seine Theorie das Hauptmerkmal Einheit aufweisen. Damit diese Einheit aber die Einheit vieler unterschiedlicher Gedanken ist, muß das sie ergebende Prinzip auch "modifikabel" sein. Hegel wird also vorgestellt als einer, der - ohne es selbst zu wissen - sich vorgenommen hat, Einheit in der Vielfalt zu denken, bevor er überhaupt zu denken begann, und sich dann diesem Willen entsprechend seine Bücher zusammengestrickt hat. Hegel wird also eine gute Absicht unterstellt - nicht etwa aus seinem Werk begründet - und zugleich behauptet, nur wenn man sie ihm zugute hält, taugt sein Werk etwas. Damit wird der Philosophie in der Form der "methodischen Rekonstruktion" die gute Absicht vorgeschrieben, daß sie gefälligst alles, was es so gibt, als "Einheit" zu denken habe.

Nur Einheit stiftet Sinn

Aber wozu eigentlich das ganze Unterfangen? Das kann doch nicht in purer Eitelkeit oder dem bloß methodischen Willen "Einheit muß her" sein Ende haben. In der Tat:

"Aber wir können nicht umhin, die Welt als ganze zu denken und aus diesem Ganzen die uns vertraute Wirklichkeit zu verstehen ... Es liegt kein Sinn, sondern nur Mißverstehen darin, daß endliche Vernunftwesen nach einer anderen Form der Rechtfertigung suchen. Und darum kann der Mensch nur in einem umfassenden Verstehen, zu dem Kant und Hegel gleichermaßen" (und auch die anderen, wenn ich an denen gerade über mich was ableite) "und mit gleichem Recht beitragen müssen (!), über sich selbst ganz verständigt sein." (III, 32 f.)

Mit der Feststellung, daß die Welt "als ganze" zu denken sei, ist wohl weniger auf die verbreitete Auffassung Bezug genommen, selbige sei nur eine ,halbe', als vielmehr eine Geisteshaltung gefordert, in der der Mensch sich als Teil und Moment eines übergreifenden, sinnhaften Zusammenhangs "versteht" und sich demgemäß ein- und unterordnet - als Stäubchen im großen Kosmos. Das erst gibt dem endlichen "Vernunftwesen" seine "Rechtfertigung". Und wenn es das einsieht, dann ist es auch über sich selbst "verständigt", dann weiß es, was ihm zusteht. Daß Henrich dies bereits in seiner Dissertation erkannt hat -

"Er muß dem Schicksal seiner Zeit" (war ja gerade Nachkriegszeit) "in sein ernstes Antlitz blicken können." (1,124)

- und zwar als Auftrag an die Größe des Geistes -, spricht für "Einheit" in seinem Denken.

Daß die Vernunft - hat man sie erst einmal ganz durchmessen - ihre Schranke hat, daß es Höheres als Erkenntnis gibt, dem sich die ganze Erkenntnis verdankt, das also ist die "gute Absicht", die Henrich an seinen Vordenkern immer entdeckt. Vor allem Denken liegt die Verpflichtung für es, als sein Resultat immer die Welt "als Ganze" sinnhaft zu erfassen. Daß dies eine "Paradoxie" ist, weiß Henrich selbst. Sie hat aber ihre Berechtigung darin, als "Einheit von Ontologie und Ethik" sich einer moralischen Grundeinstellung - daß das Seiende als "ursprünglich" gut zu denken ist - zu verdanken, die das "Höhere" allen Denkens ausmacht:

"Das Richtige leuchtet ein, das Gute aber ist ursprünglich gebilligt." (VII, 228) "Ihre Struktur läßt deshalb die sittliche Einsicht als geeignet erscheinen, die oberste Stelle im Zusammenhang des Wissens einzunehmen." (229)

Weil Wissen bei der Sinnstiftung stört - es muß immerhin "einleuchten" -, besteht der höchste Auftrag an den Menschen darin, gut zu handeln. Und das Gute braucht nicht als das Richtige einzuleuchten. Daß man dafür ist, hat den obersten Rang gegen das Wissen einzunehmen. Es besteht in dem methodischen Postulat an die Vernunft, daß sie Einsicht in ihre Begrenztheit haben muß, ihr also ein Höheres an "ursprünglicher Einsicht" zuvorkommt, das damit auch die "oberste Stelle" einnimmt. Und weil eine "ursprüngliche" Einsicht als Resultat aller Hinterfragung nach der Möglichkeit des Denkens nicht mehr hinterfragbar ist, läßt sie sich auch nicht mehr beurteilen, sondern fordert die ganze Verantwortung des Individuums vor dem einzig unhinterfragbaren Wesen: dem lieben Gott.

"Selbstsein ist Manifestation Gottes."(II, 320)

Dies alles praktiziert der Dozent

Obwohl er also durchaus weiß und offen eingesteht, daß es seiner Manipulation bedarf, um aus den Alten seine Gedanken herauszuholen, glaubt er doch im wahrsten Sinne des Wortes, daß nur so mit ihnen umgegangen gehört. Und er glaubt dabei eben gerade an sich, als einen der Auserwählten. Seine ganze Arroganz, mit der er vom Katheder herabphilosophiert, ist eine Charakterhaltung, die der Mensch Henrich sich aus seinen Gedanken und seiner festen Überzeugung heraus eingebildet hat. Daß er auf Einwände hin nur mitleidsvoll sein methodisches Gesumse wiederholt, ist keine Angst vor Auseinandersetzung, sondern der feste Glaube, daß Theorie höhere Aufgaben hat.

Daß er in seinen Versuchen, fremdes Gedankengut zur "Klarheit und Deutlichkeit" zu führen, für die meisten Studenten in seiner Vorlesung unverständlich ist, nimmt ihm keiner übel; dies ist ja auch sehr absichtsvoll von ihm provoziert: Hier ist das Bedürfnis am Werk, philosophisches Gedankengut ins Unverständliche zu übersetzen und damit die Prätention aufrechtzuerhalten, daß die Sache selbst einfach so schwierig ist, daß jeder Gedanke wissenschaftlich wie ethisch so bedeutsam ist, daß seine begreifende Darstellung seine Verunglimpfung wäre. Hier beweist einer praktisch, daß es ihm um furchtbar Vernünftiges und Tiefsinniges geht, indem er mit den gedanklichen Qualspiralen, die er zu Gehör und zu Papier bringt, zur Anschauung bringt, wieviel Anstrengung ein geistig hochkarätiger Mensch auf seinen Gegenstand verwendet. Daß ersieh damit soviel Mühe macht, zeigt, wieviel dahintersteckt, und verleiht dem so betreuten Gegenstand ganz von selbst und ohne daß man den Inhalt dieser Mühen prüfen müßte, das Prädikat "Besonders wertvoll". Wenn er über eine seiner genuinen >Paradoxien< sagt:

"Das ist kein billiger Tiefsinn."(IV, 320),

so wird ihm dieses Dementi leider abgenommen. Es stammt schließlich von einer Person in Amt und Würden. Und zwar recht vieler Ämter und Würden - das ehrt nämlich den Geist. Da genügt es nicht, einen Lehrstuhl innezuhaben; der will umgeben sein von erlesenen Persönlichkeiten aus der internationalen Philosophenszene, die zu diesem Zweck unbedingt wieder nach München eingeladen werden müssen; oder bei deren Büchern man mindestens als Herausgeber beteiligt sein muß; dann noch die Intrigen im Fachbereichsrat und gegen andere Anwärter auf etwaige ehrenamtliche Posten im universitären Verwaltungsapparat - soviel Vereinsmeierei kostet Zeit, so daß die eingegangenen Verpflichtungen bislang noch jedes Semester in Frage stellen, "ob meine Arbeitsbelastung und meine Kraft es mir erlauben, zu diesem Thema eine systematische Vorlesung zu halten." (IX)

Quellen:

I Die Einheit der Wissenschaftslehre Max Webers, 1952

II Fichtes ursprüngliche Einsicht

III Kant und Hegel,

Versuch der Vereinigung ihrer Grundgedanken (Manuskript für den Nationalen Philosophenkongreß der VR China in Beijing), 1981

IV Hegels Logik der Reflexion

V Hegel im Kontext, 1967

VI Vorlesung im WS 1981/82 in München

VII Der Begriff der sittlichen Einsicht und Kants Lehre vom Faktum der Vernunft

VIII Über den Begriff der Einheit von Forschung und Lehre und seine Kritik durch den Marxismus (Vortrag vor einer Kommission der Westdeutschen Rektorenkonferenz), 1958

IX Vorlesungsverzeichnis WS 86/87