Professor Robert SPAEMANN ist alteingesessener Ordinarius am Lehrstuhl für Philosophie. Wiewohl er über nahezu alle philosophischen Themen von der Antike bis heute liest, hat er doch - und dazu sind ihm auch alle Themen gut - die praktische Abteilung des Münchner Tiefsinns übernommen. Alle Fragen gelten ihm als moralische, weil er der tiefen Überzeugung ist, daß Wahrheit und Schönheit doch immer dem Guten zu dienen haben, daß Staat und Gesellschaft nur für diesen Zweck geschaffen sind. So beurteilt er all diese Gegenstände auch vom Standpunkt der Moral aus und kommt immer wieder zu dem Ergebnis, daß gerade dieser hehre Zweck noch nicht realisiert ist. Also streitet er dafür und spart nicht mit Kritik - nämlich am Menschen, der sich immer zu viel herausnimmt und deswegen von dem Menschen SPAEMANN zurechtgewiesen werden muß. Und da er seine Hauptaufgabe darin sieht, immer nach dem Rechten zu schauen und weniger darin, sich um dessen methodologische Ableitung zu kümmern - die Verwandtschaft zwischen seiner Geistestätigkeit und dem gemeinen Menschenverstand hält er ohnehin für näher als die zur Wissenschaft -, verläßt er auch immer wieder das Katheder, um in Funk, Fernsehen und Presse in die aktuellen Debatten einzugreifen. Von seinem reaktionären Sinnprogramm hat er sich dabei auch nicht in den Zeiten der linken Aufbruchsstimmung abbringen lassen und erfreut sich inzwischen um so größerer Nachfrage, als derartige Weltsicht wieder an allgemeiner Beliebtheit gewinnt. Es ist halt passend für Vorkriegszeiten, sich für die Tugend des Opfers stark zu machen, im Glauben Hoffnung zu sehen, und das nicht im plumpen Aufruf zum Gürtel-enger-schnallen, sondern in gemessenen Sentenzen, akademischer Grammatik und gehobenem Stil. Und zudem hat der Herr Professor sogar in seinen Rundfunkvorträgen um halb acht nicht nur gemeinverständliche Beispiele auf Lager, sondern auch immer noch was übrig für die schönen Seiten des Lebens wie Klavierspielen und Spazierengehen. Er bietet eben ein rundum geschlossenes Bild, der noble Herr mit der feinsinnigen Art in Vortrag und Diskussion, der einiges über die eigentlichen Prinzipien des Weltenlaufs zu sagen hat und dabei nie das Detail scheut. So bietet sich die Moralphilosophie in der SPAEMANNschen Verarbeitung als pfäffische Moral sehr kritisch und unterhaltsam dar. Und außerdem: Die Sätze zum Mitschreiben fürs Philosophikum über Plato bis Habermas lassen auch an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Dagegen soll hier einmal die Frage gestellt und beantwortet werden: Was ist eigentlich dran an den Gedanken dieses Mannes?
Mit der Moral hat sich SPAEMANN ein Thema gesetzt, an dem es durchaus einiges zu erklären gibt. Es ist ja immerhin keine Selbstverständlichkeit, daß die Welt voller Pflichten ist; daß einem das Abschlachten seines Nachbarn ausgerechnet verboten und daß die gleiche Tätigkeit gegenüber bestimmten Ausländern immer mal wieder zur heiligsten und letzen Verbindlichkeit erklärt wird; daß schließlich die Adressaten der diversen Vorschriften auf diese nicht nur gewaltsam verpflichtet werden, sondern auch noch ihr subjektives Ja dazu sagen, also neben und im Zwang freiwillig als moralische Individuen herumlaufen.
Die philosophische Beschäftigung mit der Moral will dieses Benehmen jedoch nicht erklären, sondern lebt von dem Entschluß, es für vernünftig halten zu wollen:
"Wir sind gewöhnt, sogenannte moralische Fragen mit dem Wort .sollen' zu verknüpfen, mit dem Gedanken an Gebote. Forderungen richten sich jedoch an unseren Willen. Um etwas zu tun, muß ich es wollen. Wenn wir etwas sollen, dann heißt das, wir sollen es wollen." (1,24)
"Gewöhnt" daran, daß alles, was auf der Welt passiert, unter "sogenannte moralische Fragen" subsumiert wird, findet SPAEMANN nichts merkwürdig an dem Gedanken, daß Gebote, also Verbindlichkeiten gegen den Willen, ungefähr dasselbe sein sollen wie Zwecke, die sich dieser Wille aus freier Einsicht heraus setzt. Als gelungenes Argument weiß er für diese Identität ins Feld zu führen, daß schließlich der freie Wille daran beteiligt ist, wenn er in die Pflicht genommen wird. Dieser Widerspruch der frei gewählten Pflicht ist zwar aus dem politischen Leben der Demokratie geläufig, dort aber auch sehr eindeutig gelöst: Daß die guten Gründe fürs Mitmachen und Gehorsamsein, die die moderne Herrschaft ihren Untertanen tatsächlich dauernd mitteilt, sich nie vor den besseren Argumenten irgendeiner Gegenseite blamieren können, daß also auch die Beteiligung des freien Willens darauf beschränkt bleibt, daß er seine Pflichten akzeptiert, ist durch die Gewalt entschieden, was auch jedem Bürger als Ausweis nicht einer schlechten, sondern sich gegen den "Druck der Straße" bewährenden Staatsmacht bekannt ist.
Dagegen, daß die Gewalt die Grundlage der Moral ist, ist SPAEMANNs Philosophie ein einziges Dementi. Sie versucht, den Widerspruch der frei gewählten Pflicht theoretisch zu lösen, als etwas dem Verstand Angemessenes, Vernünftiges darzustellen, indem sie sich der Suche nach einem Dritten verschreibt, in dem die beiden gegensätzlichen Seiten, der gedeckelte Wille und die ihm servierte Pflicht, zur Harmonie kommen sollen. SPAEMANNs Ausgangsfrage lautet daher:
"Was wollen wir eigentlich und im Grunde?"
Mit dieser Frage steht noch vor der Befassung mit irgendeinem Willensinhalt fest, daß jeder für sich genommen nichts und nur als Mittel für einen übergeordneten Zweck - worin der bestehen könnte, ist noch gar nicht raus; klar ist dem Philosophen jedenfalls, daß es ihn geben muß - etwas taugt und gilt. Da diese Frage eine Beurteilung von Zwecken ankündigt, die sich reichlich ignorant verhält gegenüber den gewissen Unterschieden und Gegensätzen in dem, was sich - übrigens auch nicht "wir", sondern - die mit den verschiedensten gesellschaftlichen Funktionen betrauten Menschen so vorgenommen haben, steht ebenfalls mit dieser Frage schon fest, daß dieser höhere Zweck, wegen dem "wir" angeblich alles machen, was wir machen, zu jener Sorte Allgemeinheit gehört, die durch Abstraktion von der Sache, deren Prinzip sie sein will, entsteht. Die Frage nach dem eigentlichen Wollen setzt so ein Sollen in die Welt: Behauptet ist mit ihr nämlich, daß die besonderen Willensinhalte sich an einer Idee zu bemessen haben, die eine Abstraktion von diesen besonderen Willensinhalten ist. Das heißt, daß die Abstraktionsleistungen, die dem Willen per Pflicht abverlangt werden, generell in Ordnung gehen, weil der Wille in allem, was er treibt, recht "eigentlich" betrachtet, auf gar nichts anderes aus ist. Was SPAEMANN vorschwebt ist also ein Wille, dem Pflichten nur angemessen sein können. Moderne Moralapostel wie er, die ohne die Modalverben dürfen, sollen und müssen keinen Satz mehr zusammenbringen, legen deswegen so großen Wert auf den freien Willen, weil er ihnen nur als Organ der Selbstbescheidung und Unterordnung geläufig ist.
Worin nun dieser "eigentliche", höhere Zweck, jenes "absolute Gute" besteht, nach dem sich zwar nichts und niemand auf der Welt richtet, vor dem sich aber jedes Interesse so schön blamieren läßt, hat bei SPAEMANN eine Wendung erfahren. Er meint nämlich, die philosophischen Bestrebungen, den freien Willen mit den ihm präsentierten Geboten im Namen höherer Zwecke zu versöhnen, könnten Anlaß zu dem Mißverständnis geben, die Moral sei als Methode aufzufassen, den Willen (doch noch) auf seine Kosten kommen zu lassen und seine Zufriedenstellung sozusagen in die eigenen Hände zu nehmen. Seine ganze Philosophie besteht daher in der Warnung vor solch einem gar nicht angemessen demutsvollen & bescheidenen Verständnis der Moral, und deswegen führt er mit seiner Philosophie und innerhalb der Moralphilosophie heute im "Atomzeitalter" einen heftigen Kampf gegen ein paar alte Griechen, die der Ansicht waren, daß der Mensch glücklich sein soll, und übrigens die SPAEMANN gar nicht fremde Auffassung vertreten haben, daß der Mensch dazu hauptsächlich bescheiden sein muß. Nach dem Motto, je absurder die Darstellung der theoretischen Gegenposition, desto überzeugender das Argument gegen sie, ist unserem Münchner Professor zur Moraltheorie dieser Griechen einiges eingefallen - was allerdings weniger etwas mit dem Hedonismus und seiner Widerlegung zu tun hat als vielmehr mit seinem eigenen Geisteszustand:
"...machen wir ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns einen Menschen vor, der in einem Operationssaal auf einem Tisch festgeschnallt ist. Er steht unter Narkose. In seiner Schädeldecke sind einige Drähte eingeführt. Durch diese Drähte werden genau dosierte Stromstöße in bestimmte Gehirnzentren geleitet, die dazu führen, daß dieser Mensch sich in einer Dauereuphorie befindet. Sein Gesicht spiegelt den Zustand äußersten Wohlbehagens ... Und nun frage sich jeder, ob er freudig bereit wäre, sich in diese Art von Seligkeit versetzen zu lassen?" (1,30)
Machen wir ein Gedankenexperiment: Kühe haben keine Geldsorgen. Wollen Sie, Herr Professor, nun eine Kuh sein? Na eben, dann doch lieber die Geldsorgen, oder?
Aus derselben Sorge um das rechte Verständnis vom Sinn der Moral und um die rechte Betonung innerhalb der Widersprüche, in denen sich Moralphilosophen bewegen, präsentiert SPAEMANN seine Theorie als "Lehre vom Gelingen des Lebens". Die Vorstellung, alles, was die Menschen so in ihrem Leben treiben, habe seinen moralischen Wert daran zu bemessen, ob es ein Beitrag zum "Gelingen des Lebens" ist, propagiert nämlich als praktische Vernunft eine Überlegung, mit der man "das Gelingen", den Erfolg der eigenen Anliegen, die man im Leben verfolgt, aus der eigenen Hand gibt: Wer kann schließlich heute schon sagen, ob sein Tun dereinst ein Beitrag zu einem geglückten Leben gewesen sein wird - außer der Herrgott? Also gilt es dieser Philosophie zufolge, sich nicht zuviel vorzunehmen, "Gelassenheit" an den Tag zu legen, wenn etwas schiefläuft, vor allem aber gilt es, eine ebenso prinzipielle wie grundlose positive Voreingenommenheit gegenüber allem, was die kapitalistische Realität so ausmacht, zu pflegen:
"Was also den Menschen gut macht, trägt in der christlichen Tradition den Namen "Liebe". Es ist eine Haltung der grundsätzlichen Bejahung der Wirklichkeit." (1,94)
Praktische Vernunft besteht diesem Gebot nach in einem grundlosen Anerkennen und Geltenlassen der Wirklichkeit; in einem Fallenlassen jeglicher Nützlichkeitsüberlegung, jeglicher Berechnung auf den Erfolg der eigenen subjektiven Anliegen; in einem Praktizieren des Standpunkts, der Realität und ihren Ansprüchen genügen zu wollen und dies selbst schon als "Gelingen des Lebens" zu ,begreifen'. Propagiert wird damit der prinzipielle, auf keinen Vorteil mehr berechnete Wille zur Untertänigkeit, der sich selbst in dieser Untertänigkeit gefällt und diese Selbstgenügsamkeit als seinen Lohn weiß. So hat SPAEMANN auch von einem mittelalterlichen Brillenschleifer (und nicht etwa von seinem sonst zitierten antiken Sklavenhalter) die folgende Weisheit parat:
"Glück ist nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst." (1,109)
Auch eine Einsicht: Die Pflicht und der Erfolg des in die Pflicht genommenen Willens ergeben dann keinen Gegensatz mehr, sondern eine gelungene Harmonie, wenn der verpflichtete Wille jedes Erfolgskriterium aufgibt und in der Ausübung seiner Pflicht aufgeht.
Begründen läßt es sich freilich nicht, warum die Selbstaufgabe des Willens vernünftig sein soll. Argumentiert wird in SPAEMANNs Schriften und Veranstaltungen daher mit Belegen: aus der Kunst, wo tugendsames Leben zum Genuß dargeboten wird; aus der Geschichte, die ihre Opfer ehrt; aus dem gängigen Gedankengut von Untertanen, deren Lebensweisheit der Sumpf ist, auf dem SPAEMANN seine Blüten treibt; vor allem aber wird bei seinesgleichen herumgesucht und die Betrachtung von fast 3000 Jahren europäischer Geistes- und Philosophiegeschichte unter das Gebot der Demut subsumiert. So waren eben die Philosophen schon immer auf der Suche nach diesem "Gut" und haben es entweder auch gefunden, oder sie sind der allerbeste Beweis dafür, wie nötig sie es haben, weil es ihnen abgeht. So kommen dann auch wieder die richtig "wissenschaftlichen" Bücher zustande und heraus - mit einem respektablen Verzeichnis der verwendeten Literatur...
Weil SPAEMANN so felsenfest von beiden Seiten seines widersprüchlichen Gedankens überzeugt ist - der objektiven Notwendigkeit der Moral und ihres objektiven Mangels -, treibt es ihn sozusagen in die Welt hinaus, um ihr das zu predigen, was sie so dringend braucht, weil sie es eigentlich in sich hat. In seinen Vorlesungen und Schriften nimmt er Stellung zu allen möglichen Themen, Problemen und was die aktuelle Zeitgeistigkeit sonst so bewegt. Und er nimmt dazu immer im Sinne seiner Prinzipien Stellung. Da aus einem derart abstrakten Programm nur folgt, daß Unterordnung fraglos vernünftig ist, nicht aber worunter sie erfolgen soll, verdankt sich die jeweilige Parteinahme SPAEMANNs seiner unverbrüchlichen Treue zu dem Staatswesen, in dem er lebt und lehren darf.
So hat er extra zur Terrorismus-Sumpf-Debatte ein ganzes Buch - "Zur Kritik der politischen Utopie" - geschrieben, in dem er allem, was sich links so regt und bewegt, die moralische Berechtigung abgesprochen hat, auch nur irgendetwas gegen den Staat zu unternehmen. Seine Kritik jeglichen Widerstandes stützt sich dabei auf den originellen Gedanken, daß l. der Staat die Macht hat und 2. sich der Verstoß gegen diese Macht ins Unrecht setzt, weil er jener "Legitimität" der Macht widerspricht, die in ihm "wurzelt"; was recht eigentlich betrachtet auch wieder nichts anderes heißt, als daß der Staat die Macht hat:
"Weil gesetzlose Gewalt das schlechthin Unvernünftige ist, hat der Staat die Wurzel seiner Legitimität darin, daß er sie verhindern kann." (II, 91)
Weil Gewalt "schlechthin" in Ordnung geht, wenn sie gesetzlich ist, ist nichts unvernünftiger als Gewalt von Unbefugten, weshalb die Rechtsgewalt recht hat, wenn sie für die Konkurrenzlosigkeit ihrer Gewalt von dieser Gebrauch macht. So verwandelt sich die staatliche Gewalt flugs in eine Gewaltverhinderung und somit Nicht-Gewalt. Weil es der Welt bzw. den Individuen gerade an der im Staat bereits realisierten Vernunfteinsicht in die moralischen Gebote mangelt, geht es gar nicht anders, als deren Mißachtung gewaltsam zu verhindern und damit die Vernunft erst zu realisieren. Und diese Rechtfertigung staatlicher Gewalt erstreckt sich, seit von oben der Frieden zum Thema Nr. l erhoben worden ist, auch auf die militärische Abteilung (siehe II: "Das Recht auf Krieg")
Nachdem er dem Staat das Recht auf Gewalt zugesprochen hat, nimmt er ihn aber auch in die philosophische Pflicht:
"Der Staat hat im Unterschied zum Individuum die Pflicht, so weit zu sehen, wie es unter Zuhilfenahme aller in einer Epoche zur Verfügung stehenden Mittel möglich ist." (III, S. 484)
Aus dem Glauben an die poliltische Phrase der Verantwortung beim Herrschen wird ein Philosoph auch kritisch. Zu oft gibt ihm die praktizierte Herrschaft Anlaß zu der Entdeckung, daß das staatlich erzwungene Wir mit dem fiktiven, aber moralisch begründeten Wir nicht zusammengeht.
So hat sich SPAEMANN in der Debatte um die "friedliche Nutzung" der Atomenergie kritisch zu Wort gemeldet. Die stellt sich nämlich seiner Ansicht nach der Staat nicht deswegen hin, weil er in den weltpolitischen Krisen- und Kriegsfällen, die er bei seinem Treiben offenbar für unausweichlich hält, energiepolitisch autark sein möchte und dabei obendrein noch die Option auf die Atommacht abfällt, sondern weil er "den Konsum" der Bevölkerung, die er verstrahlt, befördern, also der Bevölkerung, der er schadet, nützlich sein will. SPAEMANNs Argument gegen die Atomkraftwerke bezieht sich also weder auf den Zweck dieser Dinger noch auf ihre schädlichen Wirkungen auf die Gesundheit:
"In unserem Zusammenhang kommt es nur darauf an, daß es eine Pflicht des Menschen gibt, die Welt in einem Zustand zu hinterlassen, in welchem Leben und Freiheit der Nachkommenden nicht auf eine Weise beeinträchtigt werden, von der wir billigerweise nicht erwarten können, daß sie von den Nachkommenden selbst als zumutbar akzeptiert wird." (III, 491)
Falsch ist es, so erfährt man, an so schnöde Dinge wie die eigene Gesundheit zu denken. Richtig ist es vielmehr, sich angesichts einer Schädigung für Höheres in die "Pflicht" nehmen zu lassen. Einen berechtigten Einwand will SPAEMANN erst dann erkannt haben, wenn dieser Einwand mit dem Ausweis der Selbstlosigkeit daherkommt. Man beruft sich auf die nachkommenden Generationen, um zu widerlegen, daß es auf das eigene Interesse ankommt. Selbstverständlich gilt das auch für die nächste und... Generation. (Ein Argument, nämlich die "Verantwortung für die Sicherung der Zukunft", mit dem übrigens der Staat für seine Strahlemänner plädiert.) SPAEMANNs Argument gegen die AKWs sieht durch sie vielmehr den Willen zum Gehorsam in Gefahr:
"Nur wo die Subjektstellung der Betroffenen durch die Entscheidung nicht negiert wird, kann auch der Gehorsam der Dissentierenden verlangt werden." (III, 494)
SPAEMANN ist nichts selbstverständlicher als die Tatsache, daß die Leute von staatlichen Entscheidungen betroffen sind. Die Betroffenheit geht also in Ordnung und damit auch der Umstand, daß die Leute nicht Subjekte ihrer Lage sind. Bei alledem soll aber der Staat ihre "Subjektstellung" nicht leugnen. Aus diesem Widerspruch geht dankenswerterweise hervor, was der Staat anerkennen soll: Getrennt von all dem, was ein Mensch will und was mit den Staatsmaßnahmen zur Disposition gestellt ist, soll sein Wille ganz abstrakt anerkannt werden. So einen Willen braucht man nämlich für den Gehorsam. Und wenn dieser Untertanenwille in Frage gestellt wird, kommen SPAEMANN sogar Zweifel an der "Loyalitätspflicht". Die steht damit außer Diskussion. Und deswegen soll ausgerechnet der Staat, der schon weiß, warum er sich die Atomkraftwerke trotz "langfristiger Nebenfolgen" hinstellt, derjenige sein, der sie abstellen muß:
"Und da der Staat das Subjekt der Verantwortung für die langfristigen Nebenfolgen menschlicher Handlungen ist, muß er die Inbetriebnahme verhindern." (III, 497)
Die ganze Streitbarkeit, die sich SPAEMANN angelegen sein läßt, ist also immer eine im Namen der Demut, des Absehens von irgendeinem materiellen Vorteil und des Gehorsams. Deswegen hat er sich auch an der Tierversuchs- und Schweinezuchtfront hervorgetan und hier das "schreiendste Unrecht" entdeckt, das er sich in seinem Weltbild überhaupt vorstellen kann: Garantiert unschuldige, weil mit keinem freien Willen begabte, also ziemlich ideale Geschöpfe, werden vom Menschen, dieser moralischen Fehlgeburt mit Bedürfnissen nach Genuß- und Luxusartikeln, zugrundegerichtet. Wenn das kein Verstoß "gegen die Menschenwürde" ist! (VII).
Und weil die Welt sich unbedingt nach den Vorstellungen dieses Saubermannes richten soll, macht er sich auch zum Propagandisten des christlich-sozialen Feldzugs gegen sozialreformerische Erziehungsideale und unterschreibt im Namen der ewigen, gesellschafts- und parteipolitisch unabhängigen Werte und in der Sorge um die rechte Aufzucht der Jugend die Thesen "Mut zur Erziehung". Deren "Mut" besteht darin, die Inhaber der Erziehungsgewalt zu deren beherzter Ausübung aufzufordern, auf daß sich die Zöglinge ans Parieren gewöhnen mögen:
"Denn Glück folgt nicht aus der Befriedigung von Ansprüchen, sondern stellt im Tun des Rechten sich ein." (These 2)
Glück ist eben die "Befriedigung von Ansprüchen", die andere an einen stellen.
Freilich, ein Problem ist damit noch nicht beseitigt. Der Widerspruch, der SPAEMANN zum Missionar werden ließ, findet sich darin wieder: Immerzu muß er feststellen, daß er der Welt ja erst verpassen muß, was in ihr eigentlich je schon sein soll. Als konsequenter Idealist argumentiert er gegen das Argumentieren mit dem puren Willen zur Einsicht:
"Wem sich nicht schon Bedeutsamkeit, Wert erschlossen hat, der kann überhaupt nicht lernen." (1,47)
"Die Fähigkeit, Werteinsichten zu gewinnen, wächst mit der Bereitschaft, sich ihnen zu unterwerfen." (1,41)
Wo diese Bereitschaft zur moralischen Unterordnung, für die auch ein SPAEMANN keine guten Gründe mehr weiß, fehlt, entdeckt dieser gute Mensch den bösen Willen von Feinden.
Im Lichte dieser auf die Evidenz pochenden Liebe zur Moral blamiert sich selbstredend auch das Wissen. Dessen Mangel entdeckt die praktische Philosophie ein ums andere Mal darin, daß es die Sorte Sicherheit, die eine moralische Einstellung gewährleistet, nie und nimmer stiftet. Zwar hat nach SPAEMANNs Auffassung das auf Wissen zielende Fragen haargenau denselben Zweck und dieselbe Berechtigung wie das ethische Streben -
"Aber warum fragen wir .warum'? Was wollen wir eigentlich wissen, wenn wir so fragen? Die Frage entsteht immer dann, wenn ein normaler Ablauf unterbrochen wird. Ihr Ziel ist die Wiederherstellung des normalen Ganges. ... Das Neue soll in das Vertraute integriert, die Verstehbarkeit der Welt ständig wiederhergestellt werden. Denn Verstehen heißt Vertrautsein, heißt Aufhebung der Fremdheit des Begegnenden." (V, 15 ff.)
- die Sehnsucht nach der Versöhnung des Willens mit den Umständen, die ihm entgegenstehen, soll da befriedigt werden. Aber die Leistung einer gläubigen Einstellung bleibt dem wissenschaftlichen Fragen versagt:
"Die Unendlichkeit der menschlichen Reflexion, die jede bloße Naturgrenze hinterfragt, kommt nur zum Stehen durch die freie Anerkennung eines Wertes, der nicht relativ ist auf ein seinerseits wertfreies factum brutum. Eine solche Anerkennung nennen wir ,gut'." (V, 291)
Der denkende Geist will eben seine Gegenstände erklären, statt sich vor einem Absoluten zu verbeugen. Und das ist nicht gut! So erledigt der moralische Standpunkt auch noch den theoretischen Materialismus. Der praktische hat beim Glauben ohnehin nichts zu suchen. Wer glaubt, der - so SPAEMANNs rigoristische Kritik am Alltag der Gläubigen -, soll dies aus reinem Glauben tun, und nicht etwa aus Berechnung:
"Man soll nicht aus alter Gewohnheit glauben, nicht aus Angst vor dem Tode, nicht für alle Fälle, nicht deshalb weil jemand uns in Schrecken versetzt, nicht auf Grund humanistischer Grundsätze, nicht deshalb, um die Seele zu retten oder originell zu sein. Man soll glauben aus dem einfachen Grund, weil es Gott gibt." (IV, 9)
Leider müssen wir ihm ganz ohne hämischen Verweis auf die Lebenspraxis der christlichen Gemeinde mitteilen, daß die Moral nicht nur ohne Berechnung nicht zu haben ist, sondern vielmehr auf dem berechnenden Verfolgen und Abstandnehmen von den eigenen Zwecken beruht. Deswegen streitet er ja auch für den Glauben, und daß dies ein Widerspruch ist, weiß er ganz genau. Gerade weil er im Namen des Glaubens argumentiert, sollte man ihm besser nichts glauben.
Quellen:
I Moralische Grundbegriffe, 1982
II Zur Kritik der politischen Utopie, 1977
III Scheidewege, Zeitschrift, Heft 4, Jg. 9,1979
IV Einsprüche. Christliche Reden, 1977
V Die Frage Wozu. Geschichte und Wiederentdeckung des Ideologischen Denkens, 1981
VI Moslemische Reden und Grundbegriffe, Bagdad ...?
VII Tiere sind empfindsame Wesen; Münchner Stadtanzeiger 1985