Karl Held / Theo Ebel
Krieg und Frieden –
Politische Ökonomie des Weltfriedens
Zur Freiheit der Kalkulation, die Geschäftsleute brauchen, um die Perspektive nicht lohnender Investitionen, unverkäuflicher oder nicht gewinnbringender Produkte abzuwenden, gehört die Mobilität des Kapitals der Zugang des eigenen Vermögens zu allen erfolgversprechenden Gewerben und die Beendigung des Kapitaleinsatzes in schlechtgehenden Zweigen. Der Kredit-Überbau., der Handel mit Geld und Schulden, die als Kapital wirken, wo immer es möglich ist, gewährleistet diese Mobilität und damit die Unabhängigkeit des Privateigentums von besonderen Anlagesphären und Produkten. Mit dem organisierten Verleih von Kapital, in dem Geldsummen einen Preis erzielen, wenn sie anderen zur Investition überlassen werden; im Zusammenschluß von mehreren Geldgebern zu Aktiengesellschaften, wo das Kapital von vornherein als Kredit auftritt, emanzipiert sich das Privatvermögen zugleich von den Schranken seiner Anwendbarkeit, die ihm aus seiner Größe erwachsen. In den staatlich geregelten und beeinflußten Bedingungen des Kredits, die dessen Preis wie Menge betreffen, sieht sich "die Wirtschaft» also einem entscheidenden Mittel für ihre Bewährung in der Konkurrenz gegenüber. Und da sich mit der staatlichen Inanspruchnahme von Kredit die Leistungen einer Geldsumme, über die einer verfügt, erheblich verändern, verwundert es gar nicht, daß die Klagen über Inflation zur kapitalistischen Produktionsweise seit ihren ersten Tagen gehören - im selben Maße, wie die Spekulation auf die Geldentwertung zu einem lohnenden Geschäftszweig geworden ist. Die schöne Erfindung eines staatlich geregelten Kreditüberbaus, der die Konkurrenz erst so richtig frei macht, gerät dem Geschäft allerdings zur Schranke, sobald es sich übernational betätigt. Freilich ist auch dieses Problem längst gelöst - und zwar durch die Staaten selbst, die schließlich das Geschäft im Innern nicht befördern, um es nach außen zu unterbinden.
1. Kapitalistische Konkurrenz, die auf dem Austausch von Waren beruht, bewirkt auch international kein harmonisches Miteinander der Geschäftsleute; der Erfolg des einen führt wie im staatlich geordneten inneren Markt durchaus zur Schädigung des anderen, und das Hin und Her zwischen protektionistischen und freihändlerischen Avancen der Staaten offenbart, daß sie als ideelle Gesamtkapitalisten - als eine Instanz also, der es darauf ankommt, den Erfolg ihrer nationalen Wirtschaft im Ganzen sicherzustellen, wobei sie sich auch einmal über die Interessen einzelner im internationalen Handel tätiger Privatleute hinwegsetzt - einen beständigen Kampf um die Durchsetzung auf auswärtigen Märkten und um den Schutz einheimischer Gewinne führen. Dabei sind die außenpolitischen Unterhändler jeder Nation im Verein mit den Wirtschaftspolitikern sehr fürsorglich eingestellt. Sie bilanzieren kontinuierlich Export wie Import, legen Währungsreserven an, durch die sich der Staat als Garant für das Gelingen außenhändlerischer Kalkulation stark macht - der Mangel an international gefragten Zahlungsmitteln soll Geschäfte weder verhindern noch plötzlich verteuern und unrentabel machen -, und in fristgemäß vorgenommenen Ein- und Verkäufen der wichtigsten Währungen nehmen sie Einfluß auf Kursveränderungen. Und doch mündet diese Zuständigkeit im Falle von Mißerfolgen (negative Handels- und Zahlungsbilanzen) nicht in das staatliche Bekenntnis, die einheimischen Teilnehmer am Weltmarkt seien nicht mehr willens oder in der Lage, sich am internationalen Handel zu beteiligen. Umgekehrt erfährt eine positive Bilanz keineswegs die freudige Würdigung eines Erfolgs der nationalen Wirtschaft. So wenig die lädierte Zahlungsfähigkeit einer Nation den Bankrott nach sich zieht, so unüblich ist es, die Schädigung einer anderen umstandslos zu feiern und den »Ruin« eines Konkurrenten mit dem preiswerten Aufkauf der Konkursmasse sicherzustellen. Die Maßstäbe, die von Staatsmännern im innenpolitischen Werben so gerne angeführt werden, wenn sie ihre Tüchtigkeit für die Regierungsgeschäfte unter Beweis stellen wollen - »unsere Währung ist gesund!«, »wir haben keine Schulden im Ausland!«, »die Probleme des Exports gemeistert« . . . -, zeugen zwar von der Zuständigkeit der Regierung für die Bewährung der Nation im internationalen Handel, gelten aber nur sehr bedingt als Index für die gesicherten Dienste auswärtiger Partner.
Der Grund dafür ist nicht schwer auszumachen: man hat es schließlich nicht nur mit potenten oder insolventen Wirtschaftssubjekten zu tun, sondern auch mit einem politischen Souverän, der die unter seiner Herrschaft abgewickelte Ökonomie als seine Existenzgrundlage beansprucht. Mit diesem Anspruch und den Gewaltmitteln, die ihn so »real« machen, sieht sich noch das erfolgreichste kommerzielle Interesse konfrontiert - es hat sich ja zu seiner Betätigung selbst stets auf die eigene Staatsgewalt und ihr Einvernehmen mit anderen Regierungen stützen müssen und können. Daß Handels- und Zahlungsbilanzen, die sich erheblich vom als Ideal betrachteten Gleichgewicht entfernt haben, nicht dieselben Folgen auf dem Weltmarkt haben, wie sie im Geschäftsleben innerhalb einer Nation üblich sind, sobald die einen Gewinne und die anderen Verluste verbuchen - Konkurse, Wechsel der Branche, Aufkäufe und Fusionen -, bedeutet allerdings nicht, daß der internationale Handel erlahmt. Gerade weil sich auf dem Weltmarkt Staaten des materiellen Reichtums bedienen, weil die »Verantwortlichen« sich in ihrem Dienst am privaten Geschäft so unentbehrlich wissen, ist ihnen die Erhaltung der Nation oberstes Ziel und dieses duldet unter keinen Umständen wegen gewisser Widrigkeiten in Sachen Zahlungsfähigkeit, daheim oder auswärts, seine Preisgabe. Noch vor dem Eintreten irgendwelcher ökonomischer Mißerfolge leistet sich jeder moderne Souverän einen mehr oder minder ansehnlichen Gewaltapparat, der sich schon allein dadurch lohnt, daß er ihn handlungsfähig macht, nämlich in seinen Entscheidungen erst einmal unabhängig von den Konjunkturen und ihren kleinkrämerischen Rechnungen mit Mark und Pfennig. Und auf dieser Grundlage haben sich die Veranstalter des Weltmarkts auch stets von den beschränkten Verkehrsformen des Austausches von Waren und Geld emanzipiert und ihre damit eingegangenen »Abhängigkeiten« schöpferisch überwunden - indem sie sich auf grundsätzlichere Formen der wechselseitigen Benützung verlegt haben. Wenn die allenthalben erwünschte gewinnbringende Produktion von und der internationale Handel mit Waren an den Interessen anderer Nationen seine Schranke findet, so muß eben zu ihrer gedeihlichen Abwicklung das Interesse berücksichtigt werden, das die Souveräne dieser Welt so unbedingt in bezug auf ihre Existenz anmelden. Die Geschichte des Kolonialismus, der gewaltsamen Einbeziehung aller Weltgegenden in den Handel, hat nicht nur - wie die fortschrittsbewanderten Geschichtsbücher vermelden - zu Erhebungen und Befreiungskämpfen mit dem schönen Ergebnis lauter freier und selbstbestimmter Nationen geführt. Ihr Resultat ist viel banaler. Es heißt weltweiter Kapitalmarkt, und es ist durchaus zureichend mit den beiden Worten Geschäft und Gewalt umschrieben: Die Souveräne des 20. Jahrhunderts, die sich so viel auf ihre wechselseitige Respektierung, auf das anerkannte Monopol der Gewaltanwendung in ihrem Herrschaftsbereich, zugute halten, »arbeiten« tatsächlich zusammen. Sie begnügen sich keineswegs mit dem Austausch von Ware und Geld über ihre Grenzen hinweg: dergleichen würde den einen zu dem zweifelhaften Vorteil verhelfen, ein Plus an auswärtigen Zahlungsmitteln zu verbuchen, die immer mehr an Wert einbüßen, eine zahlungsfähige Kundschaft nach der anderen zu verlieren, also ihre eigene Geschäftsgrundlage zu ruinieren; den anderen würde mit ihrer Zahlungsunfähigkeit der Kauf all der schönen Dinge versagt bleiben, die der Weltmarkt so bereithält. Sie sichern vielmehr das Geschäft, indem sie Land und Leute mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zur Anlagesphäre von Kapital machen. Moderne politische Herrschaft - ganz gleich, ob sie als Monarchie, Diktatur oder Demokratie daherkommt - hat ihre Existenz gesichert, wenn sie aus der Brauchbarkeit ihres Territoriums und ihres Volkes ein Geschäft zu machen versteht, durch das sie sich Anerkennung bei anderen Staaten verschafft. In diesem Nationalismus verfährt sie sehr internationalistisch - auf die Landesfarbe der über ihre souveräne Entscheidung vereinten »Produktionsfaktoren« jedenfalls kommt es ihr nicht an. Die einen exportieren Arbeitskräfte, andere Naturschätze, wieder andere hauptsächlich Geld und Kredit, und auf Kritik grundsätzlicher Art können nur Souveräne rechnen, die sich an dieser Sorte »internationaler Abhängigkeit« nicht beteiligen oder sich ihr entziehen möchten. Ansonsten reduziert sich der Streit der Nationen um die Größe des nationalen Ertrags auf die Modalitäten in der Durchführung des gemeinsamen Anliegens. Dabei unterscheidet sich der Ertrag einer Nation durchaus vom Kriterium des Geschäftserfolgs, welches das internationalisierte Kapital an seine Unternehmungen anlegt. Ein Staat interessiert sich an gelungenen Geschäften unter dem zusätzlichen Gesichtspunkt, ob sich der erzielte Gewinn in der Stärkung des von ihm verwalteten Nationalkredits niederschlägt. Er will mehr international verfügbares Kaufmittel zur Disposition haben, vergleicht deswegen die Wirkung von Kapitalanlagen auf den relativen Wert seiner Währung, deren Brauchbarkeit/Ar künftige Unternehmungen - die in der prinzipiellen Sicherheit einer Kapitalsumme in der jeweiligen Nationaluniform und in ihrer jeweiligen Stärke ihrer internationalen Kaufkraft verglichen mit anderen nationalen Kreditzeichen liegt - seinen Kredit zum attraktiven Geschäftsmittel in aller Welt werden läßt.
2. Die Freiheit der Konkurrenz, die im Innern eines kapitalistischen Gemeinwesens zivil- und strafrechtlich vom Staat beaufsichtigt, wirtschafts- und sozialpolitisch betreut und durch den Kreditüberbau ökonomisch in Gang gesetzt wird, kommt also auch auf dem Weltmarkt zu Ehren. Hier allerdings über das Interesse der Staaten, aus ihrer ökonomischen Abhängigkeit untereinander das Beste zu machen, also ihre Souveränität so zu gebrauchen, daß die ihr zur Verfügung stehenden ökonomischen Potenzen zur Erhaltung und Sicherung der jeweiligen Herrschaft und ihres Einflusses in der Welt taugen. Politik wird im modernen Imperialismus eben zur methodischen Handhabung des Geschäfts, indem sie die ökonomische Grundlage der staatlichen Macht mobilisiert, um sie als Mittel für Kapitalanlagen jeglicher Herkunft für andere Souveräne interessant zu machen - oder umgekehrt: die auswärtigen Souveräne mit dem »Angebot« zu beglücken, durch die Anwendung von Kapital ihre natürlichen und menschlichen Ressourcen zu einer Reichtumsquelle werden zu lassen. Und beides zugleich kommt natürlich auch vor - nämlich bei den Staaten, deren Wirtschaft einerseits an gewinnbringend einsetzbaren Überschüssen an Geld, deshalb aber auch nur an exquisiten Schranken ihrer Anwendung »leidet«: an der erforderlichen Größe des investierten Kapitals, der Größe, die es im Konkurrenzkampf wieder rentabel einzusetzen erlaubt, sowie an Material, das diesem Kapital seine produktive Anwendung gestattet.
Erstens ist die unter politische Herrschaften aufgeteilte Welt tatsächlich als Überwindung des Kolonialismus zu würdigen. Jene nach demokratischer Geschichtsschreibung letzte Phase des »Imperialismus« mit ihren Eroberungen ist durch das Eden des Völkerrechts abgelöst worden. Heutzutage pflegen sich Staaten durch ihre wechselseitige Anerkennung ihrer Brauchbarkeit zu versichern.
Zweitens kommt mit dem Recht einer jeden souveränen Nation auf die Herstellung ihr genehmer Außenwirtschaftsbeziehungen nicht nur der mehr oder minder gute Wille zum Zug, sich durch nützliche Angebote ans Ausland die Verfügung über kontinuierlich sprudelnde Quellen von Reichtum zu verschaffen, ohne den nirgends ein Staat zu machen ist. Vor dem Maßstab, den alle Staaten in gleicher Weise aneinander anlegen, machen sich auch die Unterschiede zwischen ihren ökonomischen Potenzen als handgreifliche Grundlage jenes Willens bemerkbar - die kolonialistische Erzeugung des Weltmarkts, zweihundert Jahre Welthandel sowie zwei ansehnliche Weltkriege haben da einiges bewirkt.
Die »internationale Abhängigkeit« spielt sich deshalb zwischen gleichen Nationen mit sehr verschiedener »Entwicklung« ab, und der Euphemismus der »Kooperation« ist nicht einmal im Falle der Beziehungen angebracht, die jene Nationen miteinander pflegen, die sich stolz »Industrieländer« nennen. Es kommt nämlich sehr darauf an, ob eine Nation ihre innere wie äußere Zirkulation dem Umgang einer anderen mit ihrem Nationalkredit unterwirft - also von jeder einschlägigen Entscheidung jenes befreundeten Staates in ihrer wirtschaftspolitischen Souveränität eingeschränkt wird -, oder ob sie über ein weltweit nachgefragtes, »hartes« Zahlungsmittel verfügt und die gelegentliche Inflation ihrer Währung noch als Waffe einzusetzen vermag. Es ist auch nicht unbedeutend, ob ein Land aufgrund seiner internen Branchenverteilung und/oder der Auslandskundschaft wie -konkurrenz der einheimischen Geschäftswelt Subventionen an die Industrie verabreicht, oder ob es staatliche Kredite für die »Sanierung« ganzer Zweige vergibt - in der Gewißheit, daß sich das rationalisierungsbereinigte Verhältnis von Kosten und Marktpreis der Waren allemal in sicheren Exportgewinnen niederschlägt. Ganz erheblich fallen auch die Freiheiten ins Gewicht, die sich eine Nation gegenüber ihrem Ausbeutungsmaterial in Sachen politische Ökonomisierung der Lohnkosten verschaffen konnte; die Größe schließlich des bereits akkumulierten anwendbaren Kapitals tut ebenfalls ihre Wirkung, wenn im internationalen Vergleich nicht nur Waren, sondern auch Investitionen angeboten und nachgefragt werden. So muß manche Nation konstatieren, daß ihre Bedürfnisse bezüglich der von ihr verwalteten Anlagesphäre den Tatbestand des dringlichen Bedarfs erfüllen, den sie sich einiges an Zugeständnissen kosten lassen muß - während andere in ihren Bedürfnissen die Freiheit gewahren, jedermann ihre lohnenden Geschäfte als Partnerschaft aufzudrängen.
Im Falle der »Entwicklungsländer« ist diese Art von Partnerschaft so geläufig, daß sie besten Gewissens unter dem Titel »Kapitalhilfe« abgewickelt wird. Und vom Standpunkt der politischen Führer jener kolonialgeschädigten und in die »Unabhängigkeit« geschossenen und entlassenen Staaten nimmt sich tatsächlich jede Investition, die aus »natürlichen« Reichtümern wirkliche und aus einem Teil der Bevölkerung Arbeitskräfte werden läßt, wie eine Hilfe aus. Zwar stellt der Einsatz von Kapital die Subsistenz der in Entwicklungsländern lebenden Menschen gründlich in Frage, dafür sichert er aber der Regierung ein Einkommen, das sie zur Bestreitung ihres Unterhalts im befreundeten Ausland ausgeben kann. Daß die Gelder für ein herrschaftliches Leben und den Gewaltapparat in vielen Fällen nicht reichen, also Kredite notwendig werden, die zu ansehnlichen Staatsschulden anwachsen, tut dem Geschäft keinen Abbruch. Dergleichen befördert den Bedarf an Kapital, das allein imstande ist, den »Aufbau« und die »Entwicklung« des armen Landes zu bewerkstelligen - und der »kaufmännische« Gesichtspunkt, der das viele Geld für verloren erklärt, blamiert sich an dem Maß, in dem sich die Subventionierung einer Herrschaft lohnt, die nichts anderes zu tun weiß, als mit ihrer Gewalt die ihr unterstellte Erde samt Volk der Anwendung durchs Kapital zu erschließen. Wo Nationen wie Brasilien die Gegebenheiten ihres Landes und das Interesse ausländischen Kapitals ausnützen, um eine produktive Industrie in Gang zu bringen - also nicht nur den Ausverkauf von Bodenschätzen zu ihrer Geschäftsgrundlage erheben-, erweist sich die staatlich inszenierte Dauerinflation sogar als vom internationalen Kapital vorzüglich kalkulierbarer brasilianischer Beitrag an den Investitionskosten. Auch in solchen Fällen verrichtet die weltweite Scheidung von verwendbarem, überschüssigem Reichtum und anwendbarem, für sich aber nicht geschäftsfähigem Material an Menschen und Natur ihr Werk. Auf den Willen der internationalen Geschäftswelt angewiesen, nach ihren Maßstäben den Gebrauch von brasilianischer Natur und Arbeitskraft für lohnende Gewerbe in Betracht zu ziehen, befleißigt sich die souveräne Republik nach Kräften, Land und Leute zu Mitteln dieser Kalkulation zu »entwickeln« - eine Methode, die noch jede Regierung über den Mangel an eigenen Mitteln hinweggetröstet hat. Der Nationalismus der Politiker kommt eben auch als abhängiger, mit konzessionierten ökonomischen Fortschritten, auf seine Kosten eine Wahrheit, die selbst für »Bananenstaaten« gilt.
Noch mehr trifft dies auf die politische Ökonomie der reichen Entwicklungsländer zu, die ihren Titel gleich aus einem Naturstoff ableiten, den es bei ihnen gibt und der in den Industrieländern gebraucht wird. Die Ölstaaten sind als Anlagesphäre berühmter Firmen in den Besitz erheblicher Konten gelangt, weshalb im freien Westen die Lüge kursiert, sie wären Produzenten und Verkäufer jenes Stoffes und der Preis könne doch unmöglich hingenommen werden. Dabei zeugt die geldgeberische Manier, in der souveräne Scheichs ihre Petro-Dollars westlichen Aktiengesellschaften zur Verfügung stellen, sehr eindeutig von der speziellen ökonomischen Beschränktheit ihres Regierens. Zwar im Besitz von Geld, aber ohne ihnen offene Anlagemöglichkeiten, verwandeln sie ihren abstrakten Reichtum in Aktienkapital, was zwar ein Geschäft ist, aber ein sehr privates, welches die Wucht ihrer Staaten um keinen Deut verstärkt. In diesen Genuß gelangen sie höchstens auf einem ganz anderen Weg: in ihrer Rolle als Ölstaaten werden sie eines ganz dringlichen Schutzes für würdig befunden, sind also als militärische Partner des Westens gefragt. Und falls sie sich in dieser Hinsicht nicht zahlungs- und verteidigungswillig erweisen (was die meisten im eigenen Interesse tun), fällt ihre ökonomische Vorzugsstellung einer Spezialkampftruppe der USA zur Last, wenn sie nicht wie die iranische Islamrepublik - die Überflüssigkeit ihrer Angebote und den kriegerischen Haß von Bruder-Ölstaaten demonstriert bekommen.
Drittens ist das Eden des Völkerrechts also auch nicht ganz frei von Gegensätzen. Die diplomatischen Umgangsformen mögen noch so sehr darauf abgestellt sein, die Gemeinsamkeit der diversen Partner zu unterstreichen und damit die prinzipielle Achtung von kontrahierenden Souveränen untereinander - im Inhalt der geschäftlichen Vereinbarungen wird gestritten. Immerhin will jeder Staat dem speziellen Interesse des anderen die Botschaft entnehmen, die andere Seite brauche ihn. Die Konditionen, unter denen der eine Souverän Arbeiter ausreisen läßt, der andere Kapital einreisen, die steuerlichen Bedingungen für das Wirken fremder Gelder usw. - eben alle Modalitäten des Geschäfts werden zum Anlaß kleiner und großer Erpressungsmanöver. Die Überzeugungskraft der ausgetauschten »Argumente« variiert - und das widerspricht nicht der Tatsache, daß die »Abhängigkeit« eine wechselseitige ist: Staaten, die sich nicht umeinander kümmern, hätten tatsächlich keinen Grund zu streiten - entsprechend den Voraussetzungen, die die Partner in die Gespräche mitbringen. Der Unterschied von Freiheit und Bedarf macht den Grad der Erpreßbarkeit aus, so daß sich manche Souveräne quasi Diktaten beugen müssen, die ihre gesamte Wirtschaftspolitik auf auswärtige Interessen verpflichten; dafür gibt es andererseits Industriemächte, die ihre Kapitalexportprogramme noch den meistbietenden Staaten zur Konkurrenz vorlegen.
Mit ihren Vereinbarungen schließlich legen sich die kontrahierenden Regierungen darauf fest, sich des gewünschten Vorteils durch pflichtgemäße Erfüllung zu versichern. Und da Vertragstreue bei eintretenden Verlusten einerseits eine Frage des Willens, andererseits eine Frage des Vermögens ist, bleiben »Störungen« selten aus. Sie zu korrigieren und durch zusätzlich angedrohte Schädigung oder Beistand abzustellen, fühlen sich wiederum die Staaten berufen, denen ihre »Abhängigkeit« ohnehin zu einer bequemen An der Einmischung gerät. Ihre Außenpolitik, die sich herzlich wenig um die einheimischen und auswärtigen Opfer kümmert, die ihre Durchsetzung fordert, rechnet ständig mit dem »Aufbegehren« des Souveräns, der in seinem Herrschaftsbereich durch gelungene Ausbeutung für das Gelingen des Geschäfts Sorge Wagen soll. Insofern lauert hinter allen Staatsaktionen dieser Welt - durch Kriege in Staaten aufgeteilt, die nun den Kapitalmarkt gestalten - die Gewalt.
Viertens gibt es auf dem Weltmarkt viel zu verteidigen - und zwar um so mehr, je durchschlagender der Erfolg einer Nation, ihre Interessen im Ausland zu verankern, ausgefallen ist. Eroberungen stehen nicht mehr an, dafür aber die weltweite »Sicherung unserer Rechte« - zumindest für die Staaten, die so viel »Einfluß« besitzen, daß kaum eine Nation sich eine Alternative herausnehmen kann, ohne daß sie betroffen sind.
3. Mit dem angelsächsisch-sowjetischen Sieg über Deutschland und Japan ist über Botmäßigkeit und Dienstbarkeit der Souveräne auf dem ganzen Globus militärisch und daher politisch zugunsten der USA entschieden worden - mit der einen entscheidenden Ausnahme des »sozialistischen Lagers« und einer daher rührenden Unsicherheit der prinzipiell gültigen »Weltanschauung«. Und als einzige Macht auf der Welt verfügten die USA auch über die ökonomischen Mittel, um die weltweiten Machtverhältnisse zu einem ebenso umfassenden System lohnender Benutzung der Welt auszubauen. Alle ehemals konkurrierenden kapitalistischen Nationalökonomien waren ruiniert: der verlorene Weltkrieg im Falle der Gegner, aber auch der schließliche Sieg der europäischen Alliierten der USA hatten die Zahlungsfähigkeit der einen wie der anderen überstrapaziert, dabei den akkumulationsfähigen Reichtum der Nationen dezimiert, somit Währung wie Produktionsapparat für die Restauration eines konkurrenzfähigen nationalen Geschäftslebens einigermaßen untauglich gemacht. Umgekehrt hatten die USA noch ihre Kriegsökonomie »marktwirtschaftlich« abgewickelt: als Geschäft, das mit einem Anteil vom Überschuß des nationalen Geschäftslebens bestritten wurde und daher den Staatskredit nicht in Mitleidenschaft zog, in dem es sich bezahlt machte; überdies ohne Einbußen an nationaler Produktionskapazität. Eine schlagkräftigere Garantie für ein nationales Kreditgeld und somit für das darüber bewerkstelligte Geschäftemachen mit Eigentum als die Gewähr der US-Regierung für Dollarguthaben war nirgends auf der Welt zu kriegen; und keine Regierung auf der Welt hatte eine auch nur annähernd so erfolgreiche nationale Geschäftstätigkeit vorzuweisen wie die der USA. Als einzige kapitalistische »Volkswirtschaft« hatte die amerikanische Nationalökonomie nach Kriegsende keine Notsituation zu bewältigen, sondern besaß ([^Freiheit, sich den Mangel an potenten Handels- und Geschäftspartnern, das Verhältnis zwischen eigenem nationalem Überschuß und Mangel an akkumulationsfähigem Reichtum auswärts, zum »Problem« und Anliegen zu machen. Dieses freie Interesse der US-Wirtschaft und ihrer politischen Manager am kriegszerstörten Rest der Welt bedeutete nie, daß es dieser Ökonomie an billigen fremdländischen Lieferanten und ihren Exporteuren an zahlungskräftiger Kundschaft mangelte. In diesem Sinne ist der Kapitalismus der USA nie auf Handelspartner angewiesen gewesen. Das nationale Kapital findet im eigenen Land alles Nötige für seine schrankenlose Expansion - seit erst einmal der in der Phase der »ursprünglichen Akkumulation« in der »Neuen Welt« fühlbare Mangel an so gut wie umsonst vernutzbarer Arbeitskraft durch Sklavenimporte behoben war! -; und es hat diese Voraussetzung seit jeher dazu genutzt, seine Akkumulation so konkurrenzlos zu gestalten. Auch nach dem Krieg waren und wußten die USA sich frei vom Zwang zum Konkurrenzerfolg im Außenhandel; und wo sie darauf Wert legten, waren sie sich dieses Erfolges dank der schlagkräftigen Größe, der Produktivität und der technologischen Konkurrenzlosigkeit ihres Kapitals allemal sicher - eine Freiheit und Sicherheit, an denen sich bis heute nichts wirklich Entscheidendes geändert hat: ein Kapital, das auf Außenhandelserfolge nicht angewiesen ist, bringt schon damit di« beste Voraussetzung dafür mit. Auf dieser Grundlage haben die USA angesichts der Kriegsfolgen den Beschluß gefaßt, ihre ehemaligen Feinde und Partner für ökonomisch zu schwächlich zu befinden, um der eigenen Ökonomie gehörig von Nutzen zu sein, und auf Abhilfe gesonnen.
Ihren Staats- und Fachleuten war dabei offenkundig eine Wahrheit praktisch geläufig, mit der man sich im Reich der volkswirtschaftlichen Bildung damals wie heute nur blamieren kann: für die Neuinszenierung einer kapitalistischen Nationalökonomie kommt es auf nichts so sehr an wie auf ein wohlfunktionierendes Kreditgeld. Reste von produktiv einsetzbarem Reichtum einschließlich einer »Infrastruktur«, wie der Krieg sie in allen einst konkurrenzfähigen europäischen Ländern noch übriggelassen hatte; brauchbare Völker, die im Krieg nicht zu Revolutionären geworden waren, sondern sich so oder so an nationalistischen Gehorsam gewöhnt hatten und bereit waren, im Vergleich zum Kriegselend eine geordnete Ausbeutung als Glück zu betrachten; eine Trümmerwüste, die von ihren Bewohnern als Herausforderung an ihren Fleiß und Familiensinn genommen wurde: das alles reicht zwar nicht hin, um privates Eigentum in großem Stil geschäftlich agieren und akkumulieren zu lassen; es ist aber durchaus keine schlechte Voraussetzung dafür. Es bedarf nur mehr einer schlagkräftigen Garantie, daß Eigentum und benutzbare Armut auch erhalten bleiben; es braucht privates Eigentum in hinreichender Masse, um Menschen und Material auch wirklich nutzbringend zusammenwirken zu lassen; und es ist jenes Geschäftsmittel vonnöten, in dem das engagierte Eigentum sein Wachstum als obersten, in aller Abstraktheit maßgeblichen Zweck des Ganzen realisiert und mißt: eben ein verläßliches Geld.
In allen drei »Fragen« haben die USA ohne Zögern weltweit die »Verantwortung« übernommen - daß es ihnen im »Ostblock« verwehrt blieb, war und ist nicht ihre Schuld: sie tun auch da ihr Möglichstes. Die Rettung, Stützung oder auch Einrichtung souveräner Regierungen, denen die Unantastbarkeit des Privateigentums genauso selbstverständlich war wie der Grundsatz, daß das Volk sich nützlich zu machen hat und seine Armut das befördert, war den USA buchstäblich eine Ehrensache, die sie mit der berühmten Truman-Doktrin zu ihrer nationalen Pflicht erklärten. Wo ihre zunächst noch kolonialistisch operierenden Hauptverbündeten mit ihren Nachkriegsordnungsprogrammen nicht zum Ziel kamen - wie in Griechenland, der Türkei, Persien, in Hinterindien usw. -, da ließen sie sich diese Aufgabe einiges an Militärhilfe kosten; die ganz neu eingerichtete BRD, »Frontstaat« in jeder Hinsicht, gedieh zum weltpolitischen Schlager ersten Ranges.
Den politisch im rechten Sinne stabilisierten Gemeinwesen finanzierten die USA zweitens eine intakte Währung: mit Milliardenkrediten stellten sie die »Glaubwürdigkeit« von Pfund und Franc wieder her; mit deutlich weniger Milliarden ermöglichten sie der »Bank deutscher Länder« ihre Ausgabe einer Deutschen Mark, in der Geschäfte zu machen sich lohnen mußte. Die Kosten dieses Beistandsunternehmens waren nicht so arg hoch. Es war ja kein gegenständlicher Reichtum, der da als Währungskredit über den Atlantik floß, schon gar kein Gold: Es waren Schulden, amerikanische Zahlungsversprechen, die im Sinne der fiktiven Dollar-Gold-Parität, schon vor Kriegsende in dem amerikanischen Provinznest Bretton Woods zwischen den Managern des weitsichtig vorausgeplanten internationalen Nachkriegsgeschäfts vereinbart, wie Gold, eben als Weltgeld behandelt wurden. Denn es gab ja keinen kapitalistischen Staat, der die Mittel gehabt hätte, diese amerikanische Gleichung in Zweifel zu ziehen; umgekehrt besaßen die USA unwiderstehliche »Argumente« dafür: ihre funktionierende nationale Kapitalakkumulation und ihr Fort Knox, in dem sich die wirklich goldenen Währungsreserven aller früheren Konkurrenten dank des großen Krieges versammelt hatten. Ein wohlfeiler Kredit also, der nie zurückgezahlt, nie verzinst wurde - und sich um so mehr gelohnt hat.
Denn eins war mit der großzügigen Überlassung eigener »harter« Währung an kaum mehr oder noch nicht wieder geschäftsfähige Verbündete im Rahmen des European Recovery Program ja entschieden: Die dadurch restaurierte nationale Geldzirkulation der europäischen Partner konnte nur dadurch zu einem Erfolg werden, daß geschäftstüchtige Kapitale sie zu ihrem Geschäfts mittel machten; und dieser Aufgabe stellte die amerikanische Geschäftswelt sich ohne jeden Anflug von Selbstlosigkeit. Sie nahm sich der zukunftsreichsten Branchen der wiederaufgebauten »Volkswirtschaften« an und ließ so ihren eigenen geschäfteheckenden Überschuß sich in Europa als Geschäftspartner gegenübertreten. Die Zahlungsfähigkeit der alten Nationen wurde zu guten Teilen als eine Abteilung im konzerninternen Verrechnungswesen amerikanischer Kapitale wiederhergestellt - was keineswegs immer so unverschämt auszusehen braucht wie der Geschäftsverkehr westdeutscher Mineralölfirmen mit ihren Konzernmüttern im Heimatland des Ölgeschäfts.
4. Der Beschluß der USA, ihre Macht und ihr Geld zur Neuordnung der Welt zu verwenden, hat bei aller Kalkulation von Vorteilen für die Weltmacht Nr. i mit kolonialistischen Bestrebungen nichts zu schaffen. Und dies nicht so sehr wegen der Großzügigkeit, lauter souveräne Staaten mit »eigenen« Repräsentanten, Flagge und Hymne ins Leben zu rufen bzw. zuzulassen (die Kriege um die Erhaltung der verbliebenen Kolonialgebiete durften die alten Reiche selbst führen, und das Augenmerk der USA galt dabei der für sie allein bedeutenden Frage, ob die Entkolonialisierung in die Entstehung »östlicher Satelliten« mündete); vielmehr wegen des »Auftrags« an die Souveräne in allen Breiten, ihre politische Herrschaft zur Teilnahme an der 'Weltwirtschaft einzusetzen.
Dem Supra-Nationalismus der NATO stellte die Führungsmacht des freien Westens den Imperativ zur Seite, daß die von ihresgleichen höchstförmlich respektierten Nationen in ihrer wechselseitigen Benutzung, in ihren außenwirtschaftlichen Beziehungen auf die Praktiken der Konkurrenz verzichten, welche eine Kontinuität des Welthandels in Frage stellen. Vertraut mit der Tatsache, daß die Anwälte des nationalen Wachstums je nach Erfolg im grenzüberschreitenden Verkehr von Waren und Geld, Arbeitskräften und Investitionen zu Maßnahmen greifen, die das Wachstum im Ausland stören, sind die Manager der Nachkriegswelt auf das Kunstwerk einer Weltwirtschaftsordnung verfallen. Diese »Ordnung« zielt auf die Sicherstellung des Anliegens, das kapitalistische Staaten dazu drängt, jedes fremde Hoheitsgebiet daraufhin zu inspizieren, was es an Reichtumsquellen aufweist: ihre Urheber ergriffen nicht nur Partei für die Internationalisierung des Kapitals, für die Freiheit, jede lohnende Kombination von »Produktionsfaktoren« in Anspruch zu nehmen; sie waren sich auch im klaren darüber, daß die wirtschaftspolitischen Zielsetzungen, die staatlichen Maßstäbe des ökonomischen Erfolgs, diese Freiheit stets auch relativieren.
Bei seinen Anstrengungen, von der internationalen Konkurrenz des Kapitals zu profitieren, ist es nämlich einem Staat nicht gleichgültig, ob das erzielte Wachstum die Mittel seiner Macht erweitert oder die eines »Partners«. Was er sich aufgrund erfolgter Geschäfte leisten kann, interessiert ihn, wenn er die Resultate von Waren-, Geld- und Kapitalströmen bilanziert und überprüft, ob seine Verfügung über Geld wächst oder nicht. Dabei kommt es ihm freilich nur bedingt auf das unmittelbare Plus und Minus auf den Konten seiner Nationalbank an; schließlich handelt es sich bei den Geldsummen, die da zu verzeichnen sind, um Kreditzeichen, deren Kaufkraft und Tauglichkeit auf dem Weltmarkt davon abhängt, was die Nationen mit dem von ihnen geschaffenen und garantierten Kredit anstellen. Insofern ist nicht jede nominelle Aufbesserung einer Bilanz auch automatisch ein Beleg für einen Zuwachs an Zahlungsfähigkeit; ganz gleich, ob sich die Mittel einer Nationalbank aus Gold und Kreditzetteln des eigenen Staats oder auch noch aus Währungsreserven anderer Herren Länder zusammensetzen - was sie wert sind, ergibt sich erst aus dem Vergleich ihres Austauschverhältnisses untereinander. Ob sich Import oder Export von Waren und Kapital lohnen, stellt sich nur durch kundige Berechnung der Devisenkurse heraus und gebietet den bankgeschäftlichen und staatlichen Einfluß auf sie, mit dem Ziel, über möglichst viele Zettel der Art zu verfügen, die auf dem internationalen Markt der Geschäftsmittel viel Kaufkraft und sichere Anlagen darstellen. Und nur Nationen, denen die Beteiligung am Weltmarkt diesem Erfolg verhilft, bei denen also auch die Vermehrung der als Geld fungierenden Staatsschulden - die berüchtigte Inflation - der Vermehrung internationaler Zahlungsfähigkeit keinen Abbruch tut, bleiben Nutznießer und Parteigänger des Weltmarkts. Wo sich dieser Erfolg nicht einstellt, werden Staaten zu Kritikern der weltweiten Konkurrenz: sei es, daß sie nicht mehr willens sind, zu den bestehenden Konditionen in Währungsdingen ihren auswärtigen Handel fortzuführen, und Zuflucht zum Recht ihrer hoheitlichen Befugnisse nehmen, um Korrekturen an Wechselkursen, auswärtiger Freiheit des Handels und Anlegens bei sich durchzuführen; sei es, daß sie über die gelaufenen Geschäfte nicht mehr fähig sind, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, und sich außer mit Schulden und Zinstilgungsforderungen mit der Perspektive konfrontiert sehen, daß sämtliche lohnenden Geschäfte in ihrem Machtbereich - und die von kapitalkräftigen Untertanen auswärts dazu - nicht ihnen, sondern fremden Souveränen ihre ökonomischen Machtmittel vermehren.
Die einschlägigen Verlaufsformen des Entzugs von Nationen aus einmal eingegangenen »Abhängigkeiten«, welche andere Staaten in ihrem Interesse beanspruchen, sind Gegenstand der weltwirtschaftlichen Regelungen, die im Namen eines dauerhaften Wachstums »des« Welthandels mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschlossen wurden. Und zwar so, daß unter offenkundiger Anleitung der USA und unter Berufung auf die »schlechten Erfahrungen« der Weltwirtschaftskrise international gültige Gebote vereinbart wurden, die jede Auslösung von Stockungen auf dem Weltmarkt unterbinden sollen, die aus »nationalem Egoismus« erzeugt werden. Daß der Internationale Währungsfonds (IWF) der Form t nach ein Bündnis darstellt, obgleich die von seinen Mitgliedern eingegangenen Verpflichtungen den Verzicht auf manches Moment ihrer wirtschaftspolitischen Souveränität darstellen, hat den -, bereits erwähnten - einfachen Grund. Der Unterwerfung ihrer nationalen Währungspolitik unter supranationale Kriterien stimmen Staatenlenker eben dann zu, wenn sie über das Mittel eines tauglichen Nationalkredits nicht verfügen und auf die Konzession dessen angewiesen sind. Der Verwirklichung des Ideals einer einvernehmlichen Regelung von Zahlungsbilanzdefiziten und einer Ausstattung der Welt mit »Liquidität« verschreiben sie sich, weil sie demnächst einmal mit dem Problem konfrontiert sind, über eine zum weltweiten »Wirtschaften« erforderliche Währungsreserve nicht zu verfügen. Solchen Souveränen gegenüber konnten die USA »überzeugend« auftreten: immerhin verschaffte denen die Verpflichtung, künftig an der Kreditierung zahlungsunfähiger Nationen mitzuwirken und in der Regelung ihres außenwirtschaftlichen Zahlungsverkehrs »kooperativ« zu verfahren, den Einstieg in den Weltmarkt.
Unter dem Titel »Bereitstellung von Währungsreserven« wurde mit der Gründung des IWF das »Liquiditätsproblem« - die vorhandene und mit Gewißheit eintretende Zahlungsunfähigkeit von Nationen - wie eine bloß technische Schranke behandelt. Freilich war von Anfang an nicht zu übersehen, daß die kollektive Schaffung von Zahlungsfähigkeit für Fälle, wo sie gerade nicht vorhanden ist, einen ökonomischen Standpunkt exekutiert, der gewisser Härten nicht entbehrt. Entgegen dem Konkurrenzinteresse, das sich bei Nationen einstellt, die auf dem Weltmarkt verlieren und von sich aus zu »Interventionen« schreiten würden, ist da die allgemein verbindliche Verpflichtung eröffnet worden, sich weiterhin der - nachteiligen - Konkurrenz zu stellen. Das Programm heißt »Wachstum durch Weltmarkt« absolut: es soll weitergekauft werden, auch wenn es mancher Nation Abzug von ihrem Reichtum beschert; weiterverkauft auch dann, wenn der Export den Nationalkredit ruiniert; und Kapitalanlagen aller Art sollen fortgeführt werden, obgleich sie die Phrase vom »wechselseitigen Nutzen« zwischen den Ländern Lügen strafen. Und für dieses Programm bildet das Konstrukt namens IWF die verläßliche Handhabe, einen internationalen Kreditüberbau, der den Zuwachs an national verfügbarem und international anwendbarem Geld auf der einen Seite, seine Verminderung auf der anderen nicht nur korrekt bilanziert. Wenn Nationen dem IWF gemäß dem vereinbarten Quotensystem kaufkräftige Teile ihrer Konten »zur Verfügung stellen«, werden sie nämlich nicht ärmer - das bleibt den anderen vorbehalten, die Kredite in Anspruch nehmen müssen und in den respektablen Summen ihrer Auslandsschulden - den »normalen« wie den zusätzlichen im Verhältnis zum Fonds eingegangenen - nur eines verbuchen: daß ihr Import wie Export, von Waren und Kapital, zur Vermehrung auswärtigen Reichtums beigetragen hat. In ihren monströsen Inflationsraten dokumentieren diese Länder, daß ihr Kreditgeld auf dem Weltmarkt nichts taugt, weder nachgefragt wird noch der Nachfrage fähig ist, daß sie sich weder Kredit schaffen noch über ihn frei verfügen. In den bisweilen auch einmal öffentlich addierten Auslandsschulden der an der »Weltwirtschaft« beteiligten Staaten saldieren sich Kredite, an deren Rückzahlung niemand denkt - sie sind ja durch die förmliche Absicherung des IWF, durch die Verdopplung nationaler Kreditguthaben (in sich und eine zusätzliche »internationale Verfügbarkeit) erst entstanden, weil bleibende Zahlungsunfähigkeit unterstellt war. Und da der Bedarf an Kredit für fehlenden Kredit die »Fazilitäten« des Fonds ständig überstieg, ist es nicht bei mehrmaligen Quotenerhöhungen geblieben; mit der Schaffung von Reserven für fehlende Reserven, dem Beschluß zur Einführung von Sonderziehungsrechten (SZR), haben die maßgeblichen Mitglieder des Weltwährungsvereins eine weitere »Technik« ersonnen, die garantiert, daß der Kredit ihrer Nationen das Zugriffsmittel und Recht auf auswärtigen Reichtum bleibt.
Dieses Ergebnis der Konvertibilität aller dem IWF angeschlossenen Währungen, des Gebots, sich durch Verschuldung auch dann als Partner auf dem Weltmarkt zu betätigen, wenn die Partnerschaft nur darin besteht, die souverän verwaltete »eigene« Ökonomie dem Zugriff für weltweit brauchbaren Nationalkredit zu öffnen, ist der Zweck des IWF. Mit seiner Gründung wurde der bedingungslose Konkurrenzkampf zwischen den Nationen festgeschrieben - mit einer Bedingung eben: die Aufkündigung der Geschäftsgepflogenheiten aus Gründen des nationalen Mißerfolgs ist nicht genehmigt. Korrekturen an der Hierarchie zwischen den Nationen, die über eine »Sicherung« des Nationalkredits und damit über eine »Störung« des internationalen Geschäfts erfolgen, haben hinter der »gemeinschaftlichen« Sorge um die »Weltwirtschaft« zurückzustehen. Und nicht einmal die Staaten, die sich in den Jahrzehnten beflissenen Ausbaus des internationalen Kreditsystems selbst zu Machern der Weltwirtschaft entwickelt haben - die Rede ist von »Europa« und Japan -, wollen und können sich für die »alte« Form der Konkurrenz entscheiden: mehr als die innerhalb des GATT zugelassenen Techniken im Umgang mit Zöllen und Kontingentierung wollen sie nicht in Anspruch nehmen. Auch sie haben gute Gründe, ihre Ansprüche als politischen Streit um den Beitrag zu und den Nutzen von der »Weltwirtschaftsordnung«, der sie sich verpflichtet wissen, auszutragen und das Beste aus der »Leistungskraft« ihrer heimischen Produktion zu machen. Gute Gründe, die aus der Schaffung jener Ordnung herrühren.
Schließlich wurde die weltweite Sorge um die »optimale Versorgung« mit »Liquidität«, die fehlte, mit der Ernennung des Dollars zum ersten weltweit gültigen Geschäftsmittel eingeleitet. Unabhängig vom säuberlich verzeichneten »Zahlungsbilanzdefizit«, das sich die USA über die Jahre, in denen sie die »Leitwährung« von der internationalen Geschäftswelt anwenden ließen, leisteten, stand die weltweite Funktionstüchtigkeit des Dollars als verbindlicher Wertträger jenseits aller Diskussion. Er garantierte ja auch die Gültigkeit der Währungen, die sich zunehmender »Härte« erfreuten, also selbst dauerhafte Geschäfte gewährleisteten, die ihnen den Ruf und die Qualität einbrachten, ebenfalls als »Reservewährung« zu taugen. Den Dollar anzuzweifeln, hieße für jeden damit ausgestatteten Souverän, den Hauptposten unter den Aktiva seiner Notenbank zu streichen und damit das eigene gesetzliche Zahlungsmittel, wie glänzend es sich auch immer auf Basis des Dollars als weltweit gern besessene Devise bewährt hat, für jedes über den nationalen Rahmen hinaus kalkulierte, und das heißt für jedes seriöse kapitalistische Geschäft untauglich zu machen und der Weltwirtschaft den Rücken zu kehren. Klar ist damit aber auch, daß die »Wertbestimmung« dieser Währung erst einmal den Gesetzen des Wechselkurses entzogen war. Ein- und Verkauf im Ausland sind ja bloß noch eine Unterabteilung der auswärtigen Geschäfte, in denen es auf den Dollar ankommt und ein Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot entsteht, das seinen »relativen Wert« beeinflussen kann. Seine viel wesentlichere Funktion ist die als Mittel der Kreditierung anderer Notenbanken sowie des Exports amerikanischen Kapitals. Hier treten aber überhaupt nicht mehr Angebot und Nachfrage als aus der internationalen Warenzirkulation erwachsende Größen einander gegenüber. US-Regierung und amerikanisches Kapital befinden ganz allein darüber, in welchem Umfang sie ihre Dollars im Ausland fungieren lassen wollen. Und damit ist auch die Festsetzung des Kurses, zu dem fremde Währungen sich am Dollar bemessen, eine durchaus einseitige Angelegenheit. Von amerikanischer Seite wurde eine Parität bestimmt nichts beweist die Freiheit der Kursfestsetzung schlagender als deren rein fiktiver Bezug aufs Gold! -, und zwar im Hinblick auf die Geschäfte, die dadurch ihren Maßstab erhalten sollten: der wohlfeile Einkauf in eine auf fremde Währungen lautende Kapitalakkumulation in erster Linie, billiger Import und ein auswärtiger Konkurrenz weithin enthobener Export in zweiter und dritter.
Vom Standpunkt einer »optimalen« Versorgung der internationalen Geschäftswelt mit den benötigten »liquiden Mitteln« hat das alles nie gepaßt, weder Quantum noch Kurswert der weltweit verfügbaren Dollars. Gemessen an den Kreditwünschen der Partner, also an den Ansprüchen der verbündeten Regierungen an ihren wiederhergestellten Nationalkredit und an den Geschäftsvorhaben ihrer Wirtschaftsaktivisten, waren die grünen Zettel jahrzehntelang zu knapp und zu teuer - ein einziger praktischer Beweis, daß dafür ihr Export auch gar nicht veranstaltet worden war. Die Ausstattung der Welt mit Dollars war eine Sache der Rücksichtslosigkeit, mit der die amerikanische Geschäftswelt ihr Kreditgeld in Kapital verwandelte, wo immer sich das lohnte. Und dabei blieb es, als dank solcher Rücksichtslosigkeit die einst begehrte Währung sich in auswärtigen Banken häufte und die Dollarklemme der Nachkriegszeit längst in eine zunehmende Dollarschwemme übergegangen war. Wieder blamierte sich, diesmal umgekehrt an der Gelassenheit der USA dem wachsenden Defizit ihrer Zahlungsbilanz gegenüber, der egoistische Idealismus der europäischen Partner, die von den USA mehr Verantwortung für die hohe Aufgabe verlangten, die Weltwirtschaft immer in passender Proportion und zu passenden Kursen mit international zirkulationsfähigen Finanzmitteln zu versorgen. Das Quantum der zirkulierenden Dollars blieb, was es gewesen war: eine höchst einseitige Angelegenheit des amerikanischen Geschäftsbedürfnisses. Und daß mit ihrer anschwellenden Masse - Folge insbesondere der Skrupellosigkeit, mit der die US-Regierung ihren Nationalkredit für ihre kriegerischen Unternehmungen in Indochina strapazierte - erstmals ein ins Gewicht fallendes Interesse aufkam, sich der süßen Billette auch wieder mal zu entledigen, und dies ihren Wechselkurs im Vergleich zur Mark und anderen Schillingen sinken ließ, erklärten die amerikanischen »Währungshüter« mit derselben Gelassenheit und Einseitigkeit zum Problem der Besitzer aufgewerteter Währungen, mit der sie einst die Tauschrelation 1 :4 zwischen Dollar und D-Mark festgesetzt hatten. Und das ganz zu Recht. Denn verlieren kann der Dollar seine Funktion als Weltgeld ohnehin nicht mehr, aus bereits genanntem Grund. Ein Sinken seines Außenwerts beeinträchtigt daher nicht im geringsten die amerikanische Zahlungsfähigkeit - höchstens die der amerikanischen Touristen; aber für die ist der Dollar sowieso genausowenig erfunden worden wie die »harte Mark« für die deutschen! -, wohl aber, ausgerechnet, die ihrer einst kreditierten Schuldner, die den Hauptposten ihres nationalen Schatzes, der leibhaftigen Seriosität ihres Nationalkredits, in Dollarbeständen halten. Deren Sache ist es daher, durch Aufkauf der Dollars, die auf dem freien Devisenmarkt den Wert ihrer Währung nach oben treiben, den Wert ihrer »Reservewährung« und damit die Finanzbasis ihrer eigenen nationalen Zirkulation zu »verteidigen« und, soweit sie es für nötig halten, die Schädigung ihres Exportgeschäfts abzuwenden. Ein schönes Paradox: ständige und sogar wachsende Zahlungsbilanzdefizite sind kein Argument gegen USA und Dollar, sondern gegen alle anderen; die Abhängigkeit der D-Mark, des Franc, des Pfund usw. vom Dollar, der die weltweite Tauglichkeit dieser Kreditzeichen als seriöses Zahlungsmittel garantiert, macht bisweilen die Ausweitung, Verausgabung und gezielte Entwertung des deutschen, französischen, britischen usw. Nationalkredits erforderlich, damit der Dollar als Grundlage der darin abgewickelten Geschäfte seinen Wert nach Möglichkeit behält. Sache der Partnerländer war und blieb es auch, sich auf internationalen Währungskonferenzen - die schönste und längste ausgerechnet im sozialistischen Belgrad - unter wohlwollendem Desinteresse der USA den Kopf über Möglichkeiten zu zerbrechen, wie der Dollar als Weltgeld zu ersetzen und die fröhlich auf eine Billion zumarschierende »freie Liquidität« am Eurodollarmarkt wirksam »abzuschöpfen« oder »einzudämmen« sei. Komischerweise fiel ihnen nichts ein, was auf mehr als auf eine Umtaufung einiger Dollarmilliarden hinausgelaufen wäre. Es blieb dabei, daß die Partner der USA, und zwar um so mehr, je stärker sie sich zu partiellen Konkurrenten ihrer Führungsmacht aufgeschwungen haben, mit ihren Stützungskäufen die Folgen der skrupellosen Ausnutzung des amerikanischen Nationalkredits und seiner weltweiten Unanfechtbarkeit durch seine Macher: die Entwertung des Dollar, buchstäblich auf ihre Dollarkonten nehmen, den Kredit ihres alten Gläubigers, von dem nicht loszukommen war und ist, ihrerseits kreditieren - und sich so erst recht und noch enger an ihn binden. Auch eine Art, die Währungskredite von einst zu verzinsen und einmal mehr europäischen Dank für die großzügige Wiederaufbauhilfe nach dem Krieg abzustatten...
5. Die Lektion ist eigentlich sehr eindeutig: Seit die USA ihren weltwirtschaftlichen Standpunkt der Währungskredite und des Kapitalexports gegen ihre zahlungsunfähigen Konkurrenten durchgesetzt und sie auf dieser Grundlage als bedingte Konkurrenten wiederhergestellt haben, sind die Zeiten einer Weltwirtschaftskrise vorüber, in der der Zusammenbrach des amerikanischen Kreditgeschäfts sich ausgerechnet dadurch auf alle konkurrierenden Partnerländer ausweitete, daß die amerikanischen Banken von ihren auswärtigen Schuldnern bare Zahlung verlangten, um im Inland ihre Zahlungsfähigkeit zu retten. Das amerikanische Kreditgeld und die darin abgewickelten Geschäfte können nicht mehr generell kaputtgehen, ohne daß vorher alle anderen Nationalökonomien mit ihrer Währung aufgeflogen sind; selbst die Schädigung der Akkumulation amerikanischen Kapitals und die Entwertung des Kreditgelds, in dem es sich realisiert, schlägt zuerst auf die Zirkulation der Partnerländer durch, ehe sie das Kapital und den Kredit der USA ernsthaft beeinträchtigt. Der praktische Vergleich zwischen »Leitwährung« und kreditierten, »geleiteten« Währungen ist und bleibt eben unter allen Umständen eine sehr einseitige Sache. Deswegen hätte es auch niemanden zu wundern brauchen, daß nach einer Phase der Dollarabwertung auch mal wieder der entgegengesetzte Trend fällig geworden ist: Die Verteilung von Nutzen und Schaden aus der »weltweiten Inflation« ist für die Geldbesitzer in aller Welt eben eine hinreichend deutliche Erinnerung daran, wo das Geschäft mit der Inflation immer noch das sicherste ist. Und wer es an den nationalen Unterschieden bei der Abwicklung der letzten ökonomischen Krisen nicht gemerkt haben sollte, der hatte und hat schließlich genügend Gelegenheit, sich daran erinnern zu lassen, daß die Sicherung der »Freiheit der Person«, jener schönen Metapher für die Scheidung zwischen nützlicher Armut und privatem Eigentum, ein Kriegsgrund ist, dessen Konjunkturen mit der Sicherheit des Geschäftemachens auch einiges, und zwar national unterschiedlich viel, zu tun haben. Wie in den siebziger Jahren das Zahlungsbilanzdefizit, so läßt in den Achtzigern der hohe Zinssatz der USA deren Macher kalt und macht dafür den regierenden Kollegen Sorgen, die sich dann über »vagabundierende Dollarmilliarden« beschweren: nun werden sie mit dem Kapitalabfluß in die USA und den dadurch zusätzlich hochgetriebenen nationalen Zinssätzen umgekehrt darüber aufgeklärt, daß das Mutterland der pax americana eben nach wie vor die Konditionen für die unter deren Schutz abgewickelten Geschäfte setzt, und zwar auch mit Maßnahmen, die anderen Nationen als Störung der »Prinzipien des Freihandels« verwehrt sind.
Den Ärger über solche Klarstellungen und das gepflegte Selbstmitleid der betroffenen Souveräne sollte ein normaler Mensch allerdings der Idiotie des Patriotismus überlassen. Denn erstens blamiert die Vorstellung geknechteter westeuropäischer Nationen sich vor der Berechnung der amtierenden Führer dieser Staaten, denen seit jeher an einer möglichst effektiven und rentablen Benutzung von Land und Leuten für kapitalistische Reichtumsproduktion mehr gelegen ist als daran, daß sie die alleinigen Verantwortlichen und die Benutzung des Volkes das Werk ihrer eigenen Bürger bleiben. Zweitens macht es für das Volk, wenn es sich denn schon für den Erfolg kapitalistischer Geschäfte, also eines für den »kleinen Mann« weder gedachten noch gemachten Reichtums benützen läßt, keinen so prinzipiellen materiellen Unterschied, ob er den Erfolg oder die Krise dieses Geschäfts auszubaden hat. Ein prinzipieller Unterschied ist das einzig und allein für seine souveränen nationalen Führer; und die haben (siehe erstens) über allem Gejammer, daß die Vorteile des Dollar so schreckliche Nachteile für ihre wirtschaftspolitische Souveränität mitbrächten, nie die Wahrheit ihrer USA-Hörigkeit vergessen: daß alle Nachteile des Dollars ihnen den unschätzbaren Vorteil gebracht haben, ein Land mit funktionierender Ausbeutung und entsprechend großer und wohlfundierter Macht, die auch international zählt, zu regieren. Ein Land, das sich unter den Geboten des IWF und des GATT, der anderen Charta des Freihandels für alle, die ihn zu nutzen wissen, glänzend bewährt. Daß die europäischen Mächte »bloß« die Mit-macher des weltwirtschaftlichen Standpunkts der USA sind, nimmt nicht das Geringste davon weg, daß sie die Mitmacher sind, die ihre restaurierten ökonomischen und politischen Potenzen längst ihrerseits per Kapitalexport und Währungskredit aneinander und am Rest der Welt praktizieren.
6. Vom Standpunkt der Weltwirtschaft, so wie die USA ihn per Dollar, IWF, GATT und einem halben Dutzend erstklassiger »Freunde« etabliert haben, ergeben sich nämlich für alle Nationen, die über genügend überschüssiges Kapital verfügen, ganz neue Möglichkeiten: erstens einander zu benutzen - »Europa« ist das Exerzierfeld dieser neuen Sorte Konkurrenz und wird in Abschnitt 4 dieses Kapitels gebührend gewürdigt; zweitens auch solche Länder zu benutzen, die für eine funktionierende innere Zirkulation und eine darüber bewerkstelligte Kapitalakkumulation weder die hinreichenden Voraussetzungen mitbringen noch dafür vorgesehen sind. Denn selbst wenn ein Staat es aus eigenen Mitteln nicht mehr oder gar nicht erst zu irgendwelchen exportierbaren Früchten bringt: so armselig ist kaum ein Land, daß ein hinreichend großes Kapital mit seiner Bevölkerung und seiner Naturausstattung - und sei es nur die touristisch verwertbare Oberfläche von Landschaft und Elend! - nicht doch etwas anfangen könnte.
So braucht auch in Gegenden, wo Industriearbeit noch nie heimisch war, geschweige denn die Bevölkerung danach verlangt hat, und ein Absatzmarkt weit und breit nicht zu entdecken ist, die Gründung einer modernen Firma nicht zu scheitern. Schließlich hat jenes ominöse Subjekt der Weltgeschichte namens »technischer Fortschritt« so viel an handwerklichem Können des benötigten Arbeitermaterials überflüssig gemacht, daß man auch Menschen ohne jede Ahnung und Ausbildung an modernste Maschinerie stellen kann. Die barbarischen Leistungsstandards zivilisierter Ökonomien lassen sich da zwar schwerer oder gar nicht durchsetzen. Wenn aber die zuständige Regierung tut, was in ihrer Macht steht - für Zufriedenheit mit absoluten Hungerlöhnen sorgt, großräumige Verwüstungen gestattet, sich mit spärlichen Abgaben bescheidet und den sachverständigen Machern jede Freiheit läßt -, dann ist so mancher deutsche, amerikanische oder französische »Multi« durchaus bereit, »Standortnachteile« zu vergessen und sein ohnehin weltweites Beschaffungs- und Vertriebssystem für das Gelingen eines Geschäfts einzusetzen, das außer ihm niemand für lohnend gehalten - und auch nicht zustande gebracht hätte. Für finanzkräftige Unternehmer bieten aber vor allem günstige Klimate und Bodenschätze in noch so unwirtlichen Regionen einen unwiderstehlichen Anreiz, gleich ein ganzes gesellschaftliches Produktionsverhältnis zu exportieren - sachgerecht modifiziert natürlich. Da wird dann mit schwerstem und teuerstem Gerät zugeschlagen, eine funktionierende Werkseisenbahn über 1000 Kilometer durch Busch oder Wüste zur nächsten Hafenstadt gelegt und allerlei Nützliches dorthin verfrachtet, wo es dann unter wirklich produktiven gesellschaftlichen Verhältnissen für die Schaffung von zählbarem und in Geld gemessenem Reichtum und lohnenden Überschüssen benützt wird.
Seiner Integration in die vom »freien Westen« inszenierte Weltwirtschaft entgeht auf diese Weise kein Land. Es bleibt ja gar nicht mehr seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit überlassen, ob, mit welchem Erfolg und daher in welchem Umfang es sich dem internationalen Geschäftswesen erschließt. In jedem Land werden Wirtschaftsaktivitäten in Gang gebracht - und wenn eben nicht durch einheimische Geschäftsleute, sei es, weil es die nicht gibt, sei es, weil diese ihre Besitztümer schleunigst in harter Währung auf sichere Schweizer Nummernkonten bringen, dann um so radikaler durch auswärtige »Entwicklungs«-Angebote! -, die dem Kriterium des lohnenden Geschäfts folgen und den Erfolg zur Existenzbedingung der Eingeborenen machen, auf die das Kapital dummerweise noch in den abgelegensten Gegenden trifft. Deren Anstrengungen, ihre Subsistenz zu erhalten, scheitern ab sofort nicht mehr an der »Feindlichkeit« ihrer »Umwelt«, sondern an der Großzügigkeit, mit der diese auf einmal benutzt wird: die paar lohnend zu betreibenden Fabriken, Minen und Farmen, die ihnen den überlebensnotwendigen Raum nehmen, haben regelmäßig nur für einen Bruchteil der verdrängten Leute eine Verwendung - und die sieht entsprechend brutal aus. Wo also eine heimische Bevölkerung sich allenfalls noch, vielleicht trotz aller Maßnahmen ihrer Regierung, Exportierbares herbeizuschaffen, hat erhalten können, da vollenden großzügige Kapitalanlagen die Zerstörung der vorfindlichen Produktionsweise, die der Außenhandel bereits eingeleitet hatte.
Die zuständigen politischen Herrschaften hat die internationale Geschäftswelt dabei allemal auf ihrer Seite. Die eigene sowieso, es sei denn, die hielte gerade aus übergeordneten strategischen Erwägungen eine Erpressung in Form eines Boykotts für angezeigt; da darf der frustrierte Anleger sich damit trösten, daß die Konditionen seines Geschäfts auf diese Weise »langfristig« nur noch besser werden. Die der benutzten Länder auch; denn in der Welt von heute ist Zahlungsfähigkeit nun einmal die Bedingung auch für eine Regierung, eine wie auch immer geartete Souveränität aufrechtzuerhalten; zahlungsfähig wird sie aber allein durch die mit ihrem Land und ihren Untertanen inszenierten Geschäfte, wie ruinös auch immer diese für Land und Leute sein mögen. Der Welthandel nimmt so auf die erfreulichste Weise zu, und die Sortierung der Länder des Globus nach Art und Umfang der lohnenden Benutzung ihrer Ökonomie, ihrer Naturschätze und ihrer Einwohnerschaft durch die tatsächlichen Macher der »Weltwirtschaft« wird perfekt. Die drei maßgeblichen Parteien des großen Deals können zufrieden sein: Die einen haben ihr Geschäft, die zweiten einen Erfolg für ihre »nationale Wohlfahrt« gesichert, und die dritten kommen in den Genuß einer zwar nicht ganz autonom verfügbaren, dafür aber materiellen Grundlage ihrer Herrschaft - auch der »afrikanische Sozialismus« fällt weder vom Himmel, noch wächst er im Busch. Das logisch dazugehörige schlechte christliche Gewissen bezüglich der Opfer einer funktionierenden Weltwirtschaft bleibt der anderen unmaßgeblichen Fraktion: den demokratischen Untertanen der aktiven und verantwortlichen Staatenlenker, überlassen: philanthropische oder - inzwischen bloß noch! - ökologische Bedenken und die Mark für Caritas und Serengeti sind ihr Anteil an der weltweiten Verantwortung ihrer Regierenden und Verlaufsformen ihrer demokratischen Illusion, am Ende würde das Ganze doch irgendwie zu ihren Gunsten veranstaltet.
Zweck und Ergebnis sind in Wahrheit etwas anders beschaffen:
Als »Kapitalmarkt" vollendet sich die Staatenwelt mit ihren 150 Souveränen zu einem weltweiten ökonomischen Imperium.