Karl Held / Theo Ebel
Krieg und Frieden – Politische Ökonomie des Weltfriedens


Inhalt

2.2. »Handel und Wandel« weltweit

Die Verfahrensweisen der Benutzung, die die weltwirtschaftlich »verantwortlichen« Nationen des »freien Westens« einander und dem Rest der Welt angedeihen lassen, sind weltweit praktizierte »freie Marktwirtschaft« — und erscheinen nur deswegen manchem Beobachter so »komplex« bis zur Unverständlichkeit, weil sie besonders wenig Raum lassen für die so beliebten ideologischen Einbildungen über die menschenfreundlichen Zwecke dieser Wirtschaftsweise.

1. »Der Mensch« ist nämlich überhaupt nicht das zwecksetzende Subjekt einer modernen Volkswirtschaft - und des dazugehörigen Außenhandels schon gar nicht. Zwar ist es ihm durchaus erlaubt, ja es wird ihm sogar täglich durch die demokratische Weltöffentlichkeit angetragen, die ganze Welt in der Kategorie des »wir« aufzufassen, also von »unseren« Erdölquellen in Nahost, »unseren« Handelsbeziehungen mit den USA, »unserer« Konkurrenz mit den Japanern und »unseren« Interessen in Ungarn, Madagaskar und Peru zu reden. Und auch praktisch bekommt er mit allen diesen Weltregionen zu tun - bloß eben: wie?

Ein zivilisierter Arbeitnehmer von heute darf sich unbesehen sicher sein, daß seine Firma auch für seinen Arbeitsplatz das Hantieren mit exotischen Rohstoffen, mit Halbfabrikaten aus »Billiglohnländern«, an Maschinen von auswärtigen Anbietern genaue-stens durchkalkuliert hat und ihn so ganz ungefragt nach Bedarf zum praktizierenden Kosmopoliten macht. Mit den Importerfolgen ausländischer Konkurrenz ebenso wie mit den Export-»Verpflichtungen« des eigenen Betriebs wird er sehr wirksam in seiner doppelten Eigenschaft als kaum noch zu verantwortender Kostenfaktor und als viel'zu schonend behandelter Leistungsträger seines Betriebs bekannt gemacht. Seinen Lohn bekommt er nur in inländischen Kreuzern, nie in ausländischen Gulden ausgezahlt; wenn aber der Wechselkurs schwankt, dann ist das für die Firma Anlaß genug, ihm für mehr Leistung weniger Lohn zu zahlen - sei es, weil sie »sparen« muß, sei es, weil sie sich Rationalisierungen leisten kann. Die Erfolge, zu denen er mit preiswerter Arbeit seinen Arbeitgebern in deren ständigem »Existenzkampf« um weltweite Einkaufsgelegenheiten und Absatzchancen verhilft, schaffen diesen die Freiheit, seine Ersetzung durch »arbeitssparende«, nämlich lohnkostensenkende Maschinerie oder durch die ebenso lohnko-stensenkende »Schaffung von Arbeitsplätzen« in südlicheren Regionen ins Kalkül zu ziehen - seine Gewerkschaft beschwert sich dann über »die Japaner«, weil die damit angefangen haben, und über »die Taiwanesen«, weil die es so billig machen.

Immerhin helfen andere Abteilungen der nationalen Außenwirtschaft dem »kleinen Mann« beimSparen; heutzutage entgeht keine tropische Frucht mehr so leicht ihrer Überprüfung durch einen gewitzten Importeur daraufhin, ob sie nicht als preiswerter Vitaminspender gegen die zunehmend unerschwinglichen Produkte des Obstanbaus in den gemäßigten Zonen eine Marktchance hat. Daß die Veranstalter dieses Geschäftszweiges es allerdings überhaupt nicht auf die Schonung seines Geldbeutels abgesehen haben, macht die Großzügigkeit klar, mit der sie bei ihrer Preisgestaltung die Spanne zwischen dem Gestehungspreis ihres Artikels und dem Marktpreis möglicher Alternativprodukte nutzen - speziell wenn es, wie im Falle des Benzins, solche Alternativen nicht gibt und der Konsum des fraglichen Saftes dank einer zielstrebigen Verkehrspolitik für den sparwilligen Menschen zur ökonomischen Notwendigkeit geworden ist. Unter derartigen - vom Importeurstandpunkt viel zu - selten günstigen Bedingungen wird dann sogar der Fiskus zum Teilhaber am Monopolpreis und trägt so auf seine Weise zu der Klarstellung bei, daß die »Kaufkraft« des »kleinen Mannes« nicht dazu da ist, auf Grund von Vorteilen eines weltweiten Einkaufs von Konsumartikeln zu wachsen - solches bleibt der »Investitionsbereitschaft« derjenigen »Wirtschaftssubjekte« vorbehalten, deren Erdölverbrauch unter dem Titel »Energiekosten unserer Wirtschaft« so viel Einfluß auf die Konkurrenzfähigkeit des nationalen Unternehmertums hat! »Massenkaufkraft« gibt es, damit die maßgeblichen Subjekte der nationalen Ökonomie sie für ihr Geschäft benutzen können. Dasselbe gilt, sobald der massenhafte Verbrauch billigerer ausländischer Radios und Fotoapparate, erst recht von Autos die einschlägigen Heimatindustrien in ihrem Absatz beeinträchtigt: dann soll der Mensch national denken beim Einkaufen; kommt es doch zu einem Defizit in der Handelsbilanz, weil der Preis für die Masse der Konsumenten nun einmal das ausschlaggebende Einkaufsargument ist, dann haben ausgerechnet »wir alle« »über unsere Verhältnisse gelebt«! Deswegen sollte am besten gleich der Staat durch Zölle, Importkontingente und dergleichen den Menschen Patriotismus lehren - etwas anderes ist es natürlich, wenn ein heimischer Fabrikant Produktionsabteilungen ins rentablere Hinterindien verlagert und der Import eine Art weiträumigen Werksverkehr darstellt. Kurzum: wie überhaupt die gesamte Marktwirtschaft, so dreht sich auch die gesamte Außenwirtschaft einer weltweit aktiven Nation um »den Menschen«: um die lohnende Benutzung seiner Arbeitskraft ebenso wie seiner »Kaufkraft«. Für die Abwicklung dieser Geschäfte braucht er daher auch gar nicht weiter gefragt zu werden. Er steht ja sowieso »im Mittelpunkt«.

2. Vom maßgeblichen Zweck einer kapitalistischen »Binnenwirtschaft« unterscheidet der ihrer äußeren Abteilung sich also überhaupt nicht - wie auch! Es geht um Geld, genauer: um die Vermehrung des in den außenwirtschaftlichen Operationen eingesetzten Kapitals. Die ideologisch deklarierten »eigentlichen« Zwecke: »Schaffung von Arbeitsplätzen« durch Export, »Versorgung der Bevölkerung« durch Import, blamieren sich an der kleinen Fußnote, der so uninteressanten, banalen und doch völlig unerläßlichen »Bedingung«, daß ein Geschäft dabei natürlich schon herausschauen muß. Die Vorstellung, es wäre der glückliche Kunde, der als versorgter Endverbraucher das Geschäft macht, oder der »Arbeitsplatzbesitzer«, der mit diesem »Besitz« seinen Geschäftserfolg bewerkstelligte, ist in Import- und Exportangelegenheiten allenfalls noch offenkundiger albern als beim inneren Handel und Wandel. Wie sonst auch sind Nutznießer und Benutzte die beiden verschiedenen Parteien des Geschäfts; und dieses erfüllt sich - eine so offenkundige und doch so gern als allzu »vordergründig« oder »eindimensional« geleugnete Trivialität des ökonomischen Alltagslebens im »freien Westen« - in einer vergrößerten Geldsumme, die Ausgangspunkt für die erneuerte Mehrung des in Geld nicht nur gemessenen, sondern »rein« vorliegenden Reichtums ist. Zahlung, und zwar in hinreichender Höhe, ist also die erste Bedingung jeglichen Ex- und Imports. Ihr verdankt die Menschheit das zur Gewohnheit gewordene Nebeneinander erlesener Formen der Armut und des Überflusses in Gestalt der »Schweine-« und »Butterberge«, der »Autohalden« und »überfüllten Farbfernseherlager« und der »weltweit unausgelasteten« Stahlerzeugungs- wie Transport-»Kapazitäten«. Man sollte vielleicht einmal die Einsicht nicht für zu banal befinden, daß, seit für Geld alles zu haben ist, alles auch eben nur für Geld zu haben ist. Das gibt über die Emanzipation einer übers Geld abgewickelten Ökonomie von den Schranken, die die Natur einer noch unentwickelten Produktionsweise gesetzt hat, ebenso Auskunft wie über deren gesellschaftlichen Zweck und die durch diesen errichteten gesellschaftlichen Schranken für die Nutznießung der produktionstechnisch bewältigten Natur. Das unmittelbare Kriterium, nach dem das intensiv genutzte Arbeitermaterial nördlicher Zonen mit preiswertem Kraftfutter aus aller Herren Länder »versorgt« wird, ist dasselbe wie dasjenige, nach dem in einer »Welt wechselseitiger Abhängigkeit« das Hungern und Verhungern vor sich geht, nämlich das der funktional beschränkten Zahlungsfähigkeit; die funktionale Beschränkung entscheidet sich ihrerseits nach dem Nutzen, den ein weltweit agierendes Kapital aus der Zahlung von Löhnen und Gehältern zieht; und dieser Nutzen realisiert sich weder in vielen nützlichen »Versorgungsgütern« noch in der Errichtung entsprechender Produktionsstätten, sondern in der Summe Geldes, die darüber entscheidet, ob und inwieweit Produktion und Gebrauchswert sich lohnen - dies ist der entscheidende Zweck.

Eben weil es einer freiheitlichen Nationalökonomie ums Geschäft und folglich um universell verfügbaren Reichtum: um Geld als dessen End- und Ausgangspunkt, geht, findet ihr Außenhandel allerdings eine spezielle Schranke an dem Mittel, das eine moderne freiheitliche Staatsgewalt ihren Bürgern eigens zur möglichst ökonomischen Abwicklung ihres Geschäftslebens zur Verfügung stellt: am staatlichen Kreditgeld. Bekanntlich gehört die Behandlung von Schuldscheinen als Zahlungsmittel zu den notwendigen Gepflogenheiten, das Schuldenmachen zu den unabdingbaren Geschäftsmitteln des freien demokratischen Unternehmergeistes; und ebenso, daß ein verantwortungsbewußter Staat es seinen Geschäftsleuten durch die Ausgabe gesetzlicher Schuldscheine seiner Zentralbank als garantiertes Zahlungsmittel erspart, den allgemeinen, für alles verfügbaren Reichtum, um dessen Wachstum es in allem Geschäftemachen geht, noch neben seinem beständigen Füngieren im Geschäftsleben als realen Goldschatz Gestalt annehmen zu lassen - ein Bankkonto, das auf einen hinreichenden Betrag von Nationalbanknoten lautet, tut da dieselben Dienste. Das Geschäftswesen, dem es um den »abstrakten Reichtum«: den Wen schlechthin und sein Wachstum, geht, emanzipiert sich so einerseits von der vorhandenen Masse eines in Goldschätzen materialisierten »abstrakten Reichtums«, andererseits von der lästigen Form des privaten Handelskredits, der im Falle einer verzögerten Rückzahlung gleich einen anderen Geschäftsmann direkt schädigt und die Fortsetzung seines Geschäfts in Frage stellt, - womit die Mehrung eben dieses Reichtums einen ungeahnten Aufschwung nimmt. Die Förderung des Geschäftslebens, die der Staat mit seinem Kreditwesen zustande bringt, läßt dessen Nutznießer gern und leicht darüber hinwegsehen, daß damit die Staatsgewalt natürlich auch für sich ein Mittel geschaffen hat: durch die Emission von Banknoten zu eigener Verfügung - in normalen Zeiten fein säuberlich geregelt als Geschäftsverkehr zwischen dem Staat als Schuldverschreibungen ausgebendem Finanzminister und dem Staat als diese kaufender Zentralbank - verschafft sie sich ihrerseits »Kredit«, nämlich einen durch bloße Zahlungsversprechen (nicht) »gedeckten« Zugriff auf die gegenständlichen Reichtümer ihrer Gesellschaft. Die notwendige Konsequenz dieser Funktion des Nationalkredits: die beständige Entwertung der staatlichen Zahlungsversprechen wird zwar als Inflation bedauert, und ihre Abschaffung gehört so fest zum Repertoire wirtschaftspolitischer Versprechungen wie das Sündenbekenntnis zur Beichte; schlagender läßt deren begrenzte Ernsthaftigkeit sich allerdings kaum demonstrieren. Ein aufgeklärter Geschäftsmann hat sich in seinem Kreditgebaren auf die Entwertung des Staatskredits eingerichtet; keine Inflation wäre eine Katastrophe für sämtliche soliden Finanzmärkte. Erst recht fällt natürlich keinem Aktivisten der mit Schulden bewerkstelligten Kapitalakkumulation die Gleichung von Kredit und Gewalt auf, die die politische Obrigkeit praktiziert und auf die er sich verläßt, wenn die staatlichen Zahlungsmittel nicht mehr als einlösbare Anweisung auf die wirkliche Materie des »abstrakten Reichtums« gelten, sondern selber als die letztinstanz -liche Erfüllung jeden Zahlungsversprechens, also wie wirklicher Wert zu akzeptieren sind. In ihrer Garantie des Nationalkredits führt die Staatsgewalt die ökonomische Kategorie des Werts und deren praktische Existenz im Geld ja tatsächlich ganz praktisch auf ihren nackten Grundbegriff zurück: Eigentum in seiner reinen negativen Bedeutung des durch eine »höhere« Gewalt bewerkstelligten Ausschlusses aller anderen vom Gebrauch nützlicher Dinge.

Beides: daß allein die politische Gewalt der Nation den nationalen Kreditzetteln zur Gültigkeit verhilft und daß sie mit ihrer Benutzung dieses Kredits den Wen ihrer gesetzlichen Zahlungsmittel flexibel macht, fällt nun allerdings sogleich auf, sobald ausländischer Reichtum, sei es in Form von Ware zu günstigem Preis oder als interessante Zahlungsfähigkeit, ins nationale Geschäftsleben einbezogen werden soll:

3. Nun gibt die »Blüte« des Welthandels die klarste Auskunft darüber, daß die Geschäftswelt mit dieser nationalen Beschränktheit ihres Geschäftsmittels Nr. 1, des nationalen Kreditgeldes, offenbar glänzend fertig wird; und die Devisenbörsen in den Zentren des weltweit agierenden Kapitals sind der praktische Beleg dafür, zu was für einem Geschäft sich die Bewältigung dieser Schranken des Geschäftemachens ihrerseits ausgewachsen hat. Tatsächlich ist das Prinzip der »Lösung« ja im gestellten »Problem« bereits gegeben. Auf Reichtum in universell verwendbarer Form kommt es im kapitalistischen Wirtschaftsleben ja nicht deshalb an, damit der Erfolgreiche gewaltige Goldschätze horten kann. Ein Erfolg ist die »realisierte« Geldsumme vielmehr gerade darin, daß sie zum Ausgangspunkt erneuerter und vergrößerter Geschäfte wird. Das ist daher auch das wirklich maßgebliche Kriterium für die Tauglichkeit eines ausländischen Kreditgelds: ob auf den einmal in dieser Form ergatterten Wert Verlaß ist, ist nur insofern entscheidend, als er sich erneut lohnend verwerten lassen muß. Genau und allein nach diesem Kriterium bestimmt sich daher auch tatsächlich das Wertverhältnis zwischen verschiedenen nationalen Währungen: es hängt (zunächst) ausschließlich von dem relativen Umfang ab, in dem ein für Importzwecke hingegebenes Kreditgeld wieder für die Auslandsgeschäfte der Kapitalisten des Empfängerlandes Verwendung findet - oder umgekehrt: in dem eine in Zahlung genommene ausländische Währung sich wieder für lohnende Auslandseinkäufe benutzen läßt. Die Devisenhändler ermitteln täglich neu aus Stand und Umfang der gerade abgewickelten Geschäfte die aktuellen Wechselkurse, indem sie deren Unterschiede im Raum und in der Zeit durch Termingeschäfte und globale Umbuchungen zu ihrem Vorteil ausnutzen - und dadurch selber mit herstellen helfen. Denn im Falle ihrer »Ware«: der Kreditgelder aller Nationen, wird endlich einmal das alberne Ideal der Volkswirtschaftslehre von der Preisbestimmung allein durch Angebot und Nachfrage auf der Basis »subjektiver Wertschätzung« in all seiner Brutalität wahr: die beständige »Schätzung«, wann und wo in welcher Währung welches Geschäft sich endlich oder nicht mehr lohnt, macht die Devisenmärkte zu Schlachtfeldern für Profis. Das scheinbar paradoxe Ergebnis: der internationale Wert einer Währung, ihre Bewertung als Wertmaßstab im Verhältnis zum Kreditgeld anderer Denomination, ist Grundlage ihre tatsächliche Verwendung als internationales Geschäftsmittel, richtet sich aber gleichzeitig nach dieser Verwendung.

Das elementare »Gesetz« dieser Wertbestimmung geht dabei aus dem Umfang der Verwendung einer Währung als Kauf- und Zahlungsmittel hervor: Der Wechselkurs zeigt sinkende Tendenz in dem Maße, wie der Import den Export überschreitet, und steigende mit den relativen Ausfuhrerfolgen einer Nation. Dieses »Gesetz« gibt stets von neuem zu dem idyllischen Irrglauben Anlaß, der Welthandel würde letztinstanzlich durch ein »selbstregulierendes Gleichgewicht« gelenkt, so nämlich, daß mit sinkendem Außenwert einer Währung die verteuerten Importe automatisch ab-, die verbilligten Exporte ebenso unvermeidlich zunähmen, beides umgekehrt bei Höherbewertung einer Währung. Tatsächlich ist in der wirklichen Welt von einer solchen lieblichen Tendenz zum immerwährenden Ausgleich noch nichts bekanntgeworden, und von einem ökonomischen »Naturgesetz« in dieser Richtung, hin zum Ausgleich aller Handelsbilanzen, kann auch gar nicht die Rede sein.

Wenn mangelnde Exporterfolge einer nationalen Ökonomie bei gleichzeitigen Verkaufserfolgen der Außenhändler fremder Staaten in diesem Land den Wert seiner Währung sinken lassen, so kommt es sehr darauf an, ob damit der Anfang vom Ende oder von der Wiedergewinnung der internationalen Zahlungsfähigkeit dieser Nation gemacht ist. Darauf nämlich, ob dort ein genügend großer, frei anlegbarer, also überschüssiger Reichtum vorhanden ist, um nun, produktiv eingesetzt, dank der neuen Kurskonditionen im Außenhandel der ausländischen Konkurrenz auf dem nationalen Markt wie im Export Marktanteile abzujagen; dies ungeachtet der erschwerenden Bedingung verteuerter Importe, womöglich auch steigender Preise einheimischer Zulieferer, die sich überdies womöglich als erste eine besser zahlende ausländische Kundschaft erschließen; von hinreichender Größe auch noch nachdem die Währungsabwertung ja immerhin den für einheimischen Reichtum geltenden Maßstab international verkleinert und damit die weltweite Durchsetzungsfähigkeit der schon fungierenden wie der neu anzulegenden Kapitale beschränkt hat. Ist solcher Reichtum gegeben - und sei es als fiktiver dank eines leistungsfähigen Kreditwesens -, so ist eine Abwertung in der Tat eine Chance für die nationale Ökonomie. Klar ist allerdings auch, daß dieser Fall allemal die Ausnahme darstellt. Denn zu so durchschlagenden Erfolgen der ausländischen Konkurrenz, daß deswegen eine Abwertung ansteht, kann es ja kaum anders gekommen sein als dadurch, daß das Kapital der Nation sich insgesamt (am internationalen Maßstab gemessen) als zu ineffektiv im Hervorbringen lohnend anwendbaren Überschusses, sein Wachstum also als zu schwächlich erwiesen hat. Der Normalfall unter konkurrierenden Volkswirtschaften ist folglich eher der, daß durch eine Abwertung die Importe teurer werden, dabei aber unentbehrlich bleiben; umgekehrt die eigenen Waren im Ausland billiger, damit aber noch längst nicht lohnend, geschweige denn in größeren Massen mit vergrößertem Gewinn loszuschlagen sind; und zwar eben weil es an Kapital fehlt, das diesen Erfolg zustande bringen könnte. Ausgeglichen wird eine Handelsbilanz auf diese Weise keineswegs, statt dessen die internationale Zahlungsfähigkeit der Nation geschmälert und zusätzlich dadurch gefährdet, daß die Verfügung über Geld in der entwerteten Währung für jeden denkenden Geschäftsmann, sei er In- oder Ausländer, zu den tunlichst zu vermeidenden Geschäftsrisiken gehört.

4. Keine Regierung sieht denn auch der Entwertung ihres Nationalkreditgeldes an den internationalen Devisenbörsen im Vertrauen auf die »Selbstheilungskräfte des Marktes« gelassen zu - Gelassenheit in Währungsfragen ist das Privileg von Regierungen, die über einen weltweit gefragten Nationalkredit verfügen, weil das Exportkapital ihrer Nation weltweit erfolgreich ist: solche Geschäftstüchtigkeit berechtigt allemal zu der Berechnung, daß die Exporteure auch mit der verschärften Konkurrenzbedingung eines höheren Außenwerts des nationalen Wertmaßstabs fertig werden - und die Erfolglosen es auch nicht besser verdient haben -, zumal sie ja, wie die gesamte Wirtschaft, ab sofort in den Genuß billigerer Importe, z. B. so gewichtiger Rohstoffe wie Erdöl, gelangen. Staaten, deren auswärtige Zahlungsfähigkeit auf Grund der Erfolge ausländischer Konkurrenten des einheimischen Kapitals schwindet, pflegen daher einiges an Gegenmaßnahmen ins Werk zu setzen; auch das allerdings mit keineswegs gewissen Erfolgsaussichten.

Als erstes Zwangsmittel bieten sich an - und werden von den ruinierten Kaufleuten der Nation gefordert - die klassischen Zwangsmittel des Schutzzolls und der Kontingentierung geschäftsschädigender Importware. Dank der segensreichen Entwicklung des Welthandels gibt es heutzutage aber kein Land mehr, und schon gar kein demokratisches »Industrieland«, das nicht ebensosehr auf die andere Seite seines Außenhandels zu achten hätte. Schließlich wollen inländische Produzenten ihrerseits auf auswärtigen Märkten genau die Erfolge erringen oder verteidigen, die, von auswärtigen Geschäftsleuten im eigenen Land erzielt, so überaus bedenklich sind. Bei Zwangsmaßnahmen zur Verbesserung der Handelsbilanz und zum Schutz einheimischer Produktionszweige ist daher wohl zu unterscheiden, gegen wen sie sich richten. Wenn gegen Staaten, die als Kunden der eigenen Ökonomie entweder auf Grund besonderer Umstände ohnehin sicher oder uninteressant sind, dann ist vom Standpunkt des nationalen Interesses aus alles erlaubt und alles Erlaubte geboten. Würden dagegen Nachbarn betroffen, die ihrerseits über interessante Absatzmärkte, auf diesen allerdings auch über Konkurrenten verfügen, ist bei Schutzmaßnahmen für nationale Industriezweige mit einem entsprechenden Ausschluß der eigenen Exporteure von der Benutzung der ausländischen Kaufkraft zu rechnen, was zu verhindern schon einige Erpressungskunststücke, also Mittel zum »Einfluß« erfordert. Und nicht nur das: auch einseitige Handelshemmnisse können nicht verhindern, daß die billigere Auslandsware den eigenen Exportartikeln in dritten Ländern erfolgreich Konkurrenz macht. Schutzzölle ziehen so fast mit Notwendigkeit als ergänzende Maßnahme Exportsubventionen nach sich, mit denen aber auch kein Staat auf Dauer glücklich wird: Da wird von Amts wegen nationaler Reichtum verausgabt, nicht um dessen Wachstum zu beschleunigen, sondern um eine eigentlich konkurrenzunfähige Branche zu retten; und spätestens wenn sich dank subventionierter Preise ein Erfolg einstellt, werden bei den konkurrierenden Nationen gleichartige Gegenmanöver fällig.

Eine verantwortungsbewußte Regierung entsinnt sich daher angesichts schwindender internationaler Zahlungsfähigkeit ihrer Geschäftswelt zweitens der eigenen Hoheit über ihr Kreditgeld sowie des Umstands, daß zu jedem Kursverfall der einen Währung der Kursanstieg mindestens einer anderen gehört: Sie legt den Außenwert ihres gesetzlichen Zahlungsmittels zwangsweise fest und sucht Verbündete, um die Nation oder die Nationen, die durch ihre Exporterfolge den Welthandel »in Unordnung« gebracht haben, zu einer Aufwertung zu drängen. In einem solchen Fall wäre immerhin die Stärkung der eigenen Exporteure im Vergleich mit dem gefährlichen Konkurrenten nicht mit einer Pauschalverteuerung aller Importe erkauft - ein Unterschied, um den schon manche internationale Erpressungs-Gesprächsrunde« gelaufen ist. Bleibt dieser Erfolg aus, so bereichert die staatliche Fixierung der Wechselkurse nur die Welt des internationalen Handels und Wandels um eine neue Erscheinung: überbewertete und daher »schwache« Währungen, ebenso wie die unterbewerteten und daher »starken«, bringen professionelle Devisenspekulanten erst richtig in Schwung. Der Zahlungsfähigkeit eines »Weichwährungslandes« tut das gar nicht gut!

Es zeigt sich in der Wertbestimmung einer nationalen Währung also ziemlich unerbittlich, daß das Kreditgeld einer Nation als internationales Kauf- und Zahlungsmittel taugt, weil, solange und in dem Maße, wie das darin sich umtreibende Kapital Geschäfte zustande bringt, die sich im Weltmaßstab lohnen. Zur durchgreifenden »Sanierung« ihrer Zahlungsfähigkeit bleibt einer »Volkswirtschaft« und ihrer Regierung also nur der eine Weg, die Basis für lohnende Geschäfte im eigenen Land: die Produktivität der nationalen Kapitale, wieder auf Weltniveau zu bringen. Daran entscheidet sich nämlich in letzter Instanz, ob ein Auslandsgeschäft erstens überhaupt zustande kommt, die eigene Ware also für den auswärtigen Kunden hinreichend billig ist und der für Importe gezahlte Preis hoch genug, daß es sich für den auswärtigen Panner lohnt, und ob zweitens gleichzeitig die ganze Operation sich auszahlt, der Auslandseinkauf also für den inländischen Kunden billig, der Exporterlös hoch genug ist, um sich zu lohnen; das Ganze bei gegebenem Wechselkurs so, daß die »geschwächte« Währung sich »wieder erholt«. Über die Mittel, deren zielstrebiger Einsatz über den Erfolg solcher nationalen »Sanierungs«-Kampagnen entscheidet, geben ironischerweise die Propagandafeldzüge klarste Auskunft, die zu einer demokratischen Wirtschaftspolitik nun einmal dazugehören: Am Konkurrenten, der der Nation ihre Defizite und diversen Branchen ihre Schwierigkeiten eingebrockt hat oder haben soll, entdecken die Lobbyisten des Kapitals - und als solche tun sich an dieser Stelle in mancher westlichen Musterdemokratie professionelle Gewerkschafter ganz besonders hervor! - regelmäßig sämtliche Techniken der Ausbeutung, die im eigenen Land noch keiner gesichtet haben will, schon gleich nicht, solange noch alles gut ging mit dem Auslandsgeschäft, die Notenbank an einer positiven Handelsbilanz ihre Freude hatte und die Japaner sich an deutscher Wertarbeit ein Beispiel nehmen sollten: Arbeitshetze, niedrige Löhne, spärliche Sozialleistungen, extremste Perfektionierung der Arbeitsplätze...

Schwindet trotz allem die Erfolgstüchtigkeit der nationalen Produktion und die Zahlungsfähigkeit der nationalen Kaufleute im Ausland weiter - die Konkurrenz schläft ja auch nicht! -, wird also die internationale Kaufkraft eines Nationalkredits zunehmend hinfällig, so kommt im praktischen Geschäftsverkehr auf einmal eine längst totgeglaubte Wahrheit über das Geld zum Vorschein. Plötzlich ist nichts so wichtig wie die »Eigenschaft«, von der das staatlich garantierte Kreditgeld sich gerade emanzipiert hat und vor der es sich mit dieser seiner Freiheit jetzt so tödlich blamiert: die »Eigenschaft« des Geldes, wirklicher Wert zu sein. Die Zahlungsfähigkeit der Nation schrumpft zusammen auf den Goldschatz, den - bei aller Perfektionierung des internationalen Kreditüberbaus, dessen Prinzipien im nächsten Abschnitt dieses Kapitels behandelt werden - noch jede Nationalbank sich als wichtigen Posten unter ihren Aktiva, als die Grundlage ihrer »ungedeckten« Notenemission, leistet. Im internationalen Geschäftsverkehr ist, allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz, der Verlaß und im Ernstfall der praktische Rückgriff auf Barzahlung in Goldbarren überhaupt nicht ausgestorben.

5. Allerdings ist dieser Zahlungsmodus, wenn er als wiederholter Ausweg gewählt wird, im heutigen internationalen Handel gleichbedeutend mit einem Offenbarungseid und der Beendigung jeder aktiven Teilhabe am weltweiten Handelsgeschäft; und deswegen entnimmt eine aufgeklärte Regierung dieser Zwangslage den Auftrag, neue »Sachzwänge« in ihrem Land und - soweit (noch) vorhanden - in ihre Ökonomie einzuführen. Was im Land an Kapital fehlt, um am Geschäft der Benutzung auswärtiger Volkswirtschaften und ihres Reichtums teilzunehmen, das »ersetzt« sie durch den Zwang gegen ihre Untertanen, das Unmögliche möglich zu machen und - koste es, was es wolle — weltweit gültige Zahlungsmittel beizuschaffen. In ihrer Bevölkerung verfügt nämlich noch jede politische Obrigkeit über das Mittel für den Versuch, die eigene Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Der Einsatz der nationalen Arbeitskraft muß dann mehr erbringen, auch ohne daß für die Verbesserung der Arbeitsmittel kostbare Devisen verausgabt werden. Zwar verabschiedet ein Staat sich mit der Streichung solcher Importe endgültig aus dem Kreis der konkurrierenden Macher der »Weltwirtschaft«: er ruiniert ja - von seinem Volk mal ganz abgesehen — die produktive Basis seiner Ökonomie, um seine Zahlungsfähigkeit zu retten. Dafür konkurriert er an einer ganz neuen Front, nämlich mit gleichartigen Staaten um das optimale Mischungsverhältnis zwischen Herabminderung des Existenzminimums und dennoch aufrechterhaltener Leistungsfähigkeit seiner arbeitenden Untertanen.

Im Außenhandel auf einer solchen Grundlage haben linke Imperialismustheoretiker mit Hilfe eines Mißverständnisses der Marxschen »Arbeitswertlehre« einen Beleg für schreiende Ungerechtigkeiten im internationalen Geschäftsverkehr entdeckt. Wie späte Schüler der geldtheoretischen Fehler, die Marx an Proudhon kritisiert hat, stellen sie in ihren Berechnungen der internationalen Austauschrelationen die Arbeitsstunden gegenüber, die jeweils auf im Welthandel wertmäßig gleichgesetzte Waren aus den »Industrie-« und aus den anderen Ländern verwandt worden sind, und stoßen so natürlich auf eklatante Ungleichheiten: da mag die Arbeitsstunde eines BMW-Arbeiters hundert Arbeitsstunden eines senegalesischen Erdnußpflückers »kaufen«. Was den behaupteten »Marxismus« dieser Vorstellung betrifft, so wird da zugunsten des Ideals weltweiter Gerechtigkeit die von Marx entdeckte und betonte Bestimmung des Tauschwerts »übersehen«, daß er gerade nicht als die Messung seiner »Substanz«, der verausgabten Arbeitsmenge, existiert, sondern in deren Gleichsetzung mit einem Quantum Geld; in einer formellen Differenz also zu seiner eigenen Grundlage, mit der eine quantitative Deckungsgleichheit von Tauschwert einer bestimmten Ware und zu ihrer Produktion angewandter Arbeitszeit prinzipiell ausgeschlossen und zum Zufall herabgesetzt ist. Der Wert einer Ware ist eben von Anfang an nicht eine Frage der tatsächlich in ihr steckenden Arbeitszeit, sondern des mit dieser Arbeitszeit bewerkstelligten Geschäfts, oder anders: ihren Zweck und damit ihre praktische Wahrheit besitzt die Warenproduktion für den Handel nicht in der idealen Gleichgeltung unterschiedlicher Arbeiten, sondern im Gewinn, der durch die entsprechende Benutzung dieser qualitativen Gleichgültigkeit unterschiedlicher Arbeiten erzielt wird. Wenn sich daher im internationalen Geschäftsleben der Maßstab der Preise selbst als sehr veränderlich erweist, und zwar je nach dem Gelingen des in der jeweiligen Währung bewerkstelligten Kapitalwachstums, so ist das kein Verstoß gegen das »Wertgesetz«, sondern dessen höchst sachgerechte Konsequenz. Denn über die gesellschaftliche Notwendigkeit der verausgabten Arbeit, damit über den tatsächlichen Wert, entscheidet - wie Marx auch schon gemerkt und mitgeteilt hat - nicht das gesellschaftliche Bedürfnis, sondern das zahlungsfähige Bedürfnis, und das heißt: es sind die Geschäftsbedürfnisse der wirklichen ökonomischen Subjekte einer nationalen Ökonomie, ihrer Kapitale, die über die »gesellschaftliche Notwendigkeit« einer jeden Arbeit und damit über den tatsächlichen Wert einer jeden Ware befinden. Wenn folglich eine Regierung durch die direkte Verelendung ihres Volkes aus dessen Arbeit zwangsweise ein Geschäft macht, das auf Basis einer auch nur annähernden Gleichgeltung der Arbeitsstunden in ihrem Land und bei ihrem erfolgreicheren Geschäftspartner nie und nimmer zu machen wäre, dann ist das Wertgesetz weder »widerlegt«, noch liegt ein »Verstoß« dagegen vor, so als handelte es sich bei diesem ökonomischen Zwangszusammenhang um ein löbliches moralisches Gebot. »Modifiziert« wird das Wertgesetz auf diese Weise nur in einer Hinsicht, indem nämlich die politische Gewalt ihr Volk den praktischen Nachweis führen läßt, wie billig Arbeit zu haben, wie gering im Land also mit der Effektivität auch der Wert der nationalen Arbeitskraft ist: so kommen eben doch noch Geschäfte zustande, wo die entscheidenden Geschäfte des erfolgreichen Kapitals längst auf ganz andere Weise, nämlich durch die fortschreitend effektivere Ausnutzung von Arbeitskräften vonstatten gehen.

Diese »Modifikation des Wertgesetzes« ist also gar nichts anderes als der Modus seiner praktischen Durchsetzung in Ländern, die der Gang der weltweiten Konkurrenz für das »normale« Geschäftsleben untauglich gemacht hat oder nie hat tauglich werden lassen. Es ist ein und dieselbe Gesetzmäßigkeit des kapitalistischen Äquivalententauschs, die in den Nationen mit international erfolgreichem Kapital eine produktivere Ausnutzung der Arbeit und ein Steigen des Wechselkurses der nationalen Währung, in den Nationen ohne florierendes Geschäft ein zunehmend unproduktiveres Elend und für den volkswirtschaftlichen Verstand das scheinbare Rätsel hervorbringt, weshalb denn wohl die »terms of trade« sich für die »Entwicklungsländer« laufend verschlechtern - wie denn sonst sollte die Gerechtigkeit des internationalen Handels bei ihnen wirken?

Manchem Staat kommt dabei in seinem Bemühen, im internationalen Handelsgeschäft mitzuhalten und dessen harten Kriterien gerecht zu werden, die natürliche Beschaffenheit seines Herrschaftsgebietes zustatten. Schon die ersten Apologeten des Kapitalismus und seines weltweiten Ausgreifens haben es für eine ungemein sinnreiche Einrichtung der »unsichtbaren Hand«, die bekanntlich alles Marktgeschehen zum Besten lenkt, gehalten, daß sie in Portugal Portwein, in England dagegen hochmechanisierte Tuchfabriken wachsen ließ, so daß britische Spediteure zu »wechselseitigem Vorteil« den Südwein nach Norden und billige Textilien an die Portugiesen verhökerten. In Vorstellung und Terminus einer »weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung« lebt dieser Idealismus noch heute ungebrochen weiter; in der »Theorie der komparativen Kosten« hat er sich sogar eine volkswirtschaftliche Ideologie zugelegt, derzufolge der Welthandel und der darüber bewerkstelligte praktische Vergleich nationaler Gewinnspannen automatisch dafür sorgt, daß jedes Land zum großen »Weltmarkt« das »beisteuert«, was in ihm mit dem geringsten Kostenaufwand herzustellen ist. Die fromme Albernheit dieser »Theorie« könnte allerdings schon an dem Umstand auffallen, daß es zwar regelrechte Bananenrepubliken gibt, aber keine westeuropäische Erdbeerdemokratie; ebensowenig verschrottet eine »Industrienation« ihre Hochöfen und Raffinerien, bloß weil in Nigeria Erdöl und Eisenerz nebeneinander lagern: eher exportiert dieses Land beide Rohstoffe in roher Form. Tatsächlich ist es allemal - schon beim Tauschhandel von britischem Tuch gegen Portwein - eine harte Konsequenz der internationalen Konkurrenz, wenn ein Staat für die Aufrechterhaltung seiner Ökonomie auf die speziellen Vorzüge der Natur seines Landes zurückgeworfen ist. Das bedeutet nämlich, daß die maßgeblichen, d. h. für die Schaffung und Mehrung des nationalen Reichtums ausschlaggebenden Geschäftszweige, in denen es auf die effektive, daher industrielle Nutzung der Arbeitskräfte ankommt, der auswärtigen Konkurrenz unterlegen oder ihretwegen gar nicht erst zustande gekommen sind. Geschäftlich geltend machen kann ein solcher Staat nurmehr sein politisches Monopol über Naturschätze, deren ökonomischer Wert, ob und in welchem Umfang also daraus frei verfügbarer Reichtum zu machen ist, sich ganz anders entscheidet. Mit der Anstrengung, seinen Naturvorteil auszunutzen, untergräbt ein solcher Staat zudem sein einziges eigenes Geschäftsmittel, das in der matten politischen Drohung liegt, sein Monopol in der einzigen Weise geltend zu machen, in er es ökonomisch überhaupt geltend zu machen ist, negativ nämlich, als Verbot des Exports: Er wird ja nur immer ausschließlicher von einer Benutzung seines Naturstoffs, die er selbst gerade nicht zustande bringt, durch auswärtige »Kundschaft« abhängig. So macht ein Souverän seine Naturschätze und sich als deren politischen Verwalter zum Anhängsel eines weltweiten Handelsgeschäfts, dessen Subjekte ganz woanders sitzen, ganz einfach weil Zahlungsfähigkeit, also das erfolgreiche Fungieren konkurrenzfähiger Kapitale dessen ökonomischer Inhalt ist.

Die geschäftliche Ausnutzung natürlicher »Vorzüge« einer Region, soweit ein Staat sie als Mittel seiner Zahlungsfähigkeit benutzt, läuft in letzter Instanz auf den zwangsweisen Entzug und den Ausverkauf der Subsistenzmittel einer Bevölkerung hinaus, die selbst gegen einen absoluten Minimallohn für eine lohnende Produktion nicht einzusetzen ist. Die nackte Tatsache, daß er noch eine Bevölkerung hat, gibt einem solchen Staat seine Sicherheit, daß da noch etwas zu holen ist: das Schweinefleisch, das bislang auf einem nationalen Speisezettel stand, läßt sich in Dosen verpacken und in westeuropäischen Billigmärkten unterbringen; und wenn gleiches mit dem Volksnahrungsmittel Hirsebrei nicht gelingt, dann vielleicht mit Erdnüssen, die sich statt dessen auf denselben Feldern ziehen lassen. Ist der Verfall der nationalen Zahlungsfähigkeit auch durch eine solche Ruinierung von Land und Leuten nicht mehr abzuwenden, dann - und erst und nur dann - meldet die zuständige Regierung bei ihren Handelspartnern den Standpunkt an, den die Ideologien des weltwirtschaftlichen Erfolgs als Prinzip und maßgeblichen Endzweck allen Im- und Exportierens behaupten: den Standpunkt der Versorgung der Bevölkerung. Mit dem Geltendmachen dieses Standpunkts hört die Teilhabe am Welthandel einstweilen auf - die Linderung oder gar Beseitigung der Not der Massen fängt damit allerdings noch lange nicht an. Es war ja nie und ist auch jetzt nicht die Not ihres Volkes, die der zuständigen politischen Obrigkeit zu schaffen gemacht hat- sie hat sie ja herbeiführen helfen -, sondern dessen zunehmende, in Hungerkatastrophen schließlich vollendete Untauglichkeit für ihre Erhaltung. Und dieser »Hilferuf« findet bei den erfolgreichen Nationen durchaus Gehör: Ihre Macher tragen ja die »Verantwortung« für das ökonomische Geschehen auf dem Globus - und lassen ihr Volk daran durchaus moralisch teilhaben!

6. Die Wahrheit, die an Staaten ohne konkurrenzfähige Nationalökonomie vollstreckt wird, heißt lapidar: ökonomischer Mangel ist eine denkbar schlechte Bedingung, die Beschaffung von Devisen, um als Nation überhaupt zahlungsfähig zu bleiben, ein denkbar schlechter Zweck für eine aktive Teilhabe am »Weltmarkt«, geschweige denn für dessen gedeihliche Benutzung; »Volkswirtschaften«, die so zum Welthandel antreten, werden benutzt, und zwar nach allen Regeln des gerechten Handels bis zum vollständigen Ruin. Für den Umkehrsatz dieser Wahrheit führen die Aktivisten des Welthandels den praktischen Beweis. Ein erfolgreich akkumulierendes nationales Kapital, das für die Bewältigung seiner Auslandsgeschäfte stets über die nötigen Finanzmittel verfügt, besitzt eben damit die Freiheit, seine Teilhabe am Welthandel in jeder Hinsicht nach dem Kriterium seines Wachstums auszurichten. Deshalb entfällt auch manche mögliche Transaktion, weil sie sich zu. wenig lohnt - während von einer Ökonomie, die vom Standpunkt des Mangels aus operiert, allemal ein Opfer an Reichtum verlangt ist, um überhaupt im Ausland verkaufen und einkaufen zu können. Hohe Importe sind dann nicht die Folge von Verschwendung oder von lauter Niederlagen heimischer Geschäftsleute, sondern von deren Freiheit, zum Nutzen ihres Kapitals Lieferbedingungen weltweit zu vergleichen. Hohe Exporte und womöglich sogar eine positive Handelsbilanz haben hier nichts mit einem nationalen Ausverkauf zu tun, sondern stellen den Erfolg des einheimischen Geschäftsgangs dar, sich von den Schranken der nationalen Zahlungsfähigkeit frei zu machen und die einer auswärtigen Kundschaft für seinen Fortgang, d. h. für seine kontinuierliche Expansion zu benutzen. Das Kreditgeld einer solchen Nation ist als Kaufmittel in aller Welt gefragt, weil auf die Konkurrenzfähigkeit ihrer Exportindustrie Verlaß ist; an ihm messen sich daher die Wertmaßstäbe, nämlich die Währungen anderer Staaten. Die Goldschätze der weniger glücklichen Nationen nehmen Kurs in Richtung auf die Kellergewölbe der Zentralbanken dieser »Hartwährungsländer« - aber nicht, um dort als stille Reserve zu ruhen:

Ökonomisch tun sie in Ländern mit akkumulierendem Kapital einen Dienst, den sie andernorts nicht zustande gebracht haben, garantieren nämlich dem expandierenden Geschäft die nötige Expansion seiner Zahlungsmittel. Für die anderen Nationen, deren Ökonomie stets mit dem Problem der internationalen Zahlungsfähigkeit zu kämpfen hat, sind solche Zahlungsmittel, obwohl auch bloße Kreditgutscheine, so gut wie Gold wert: in ihnen ist ja das Kapital zu Hause, in dessen Geschäfte sie einbezogen werden oder bleiben wollen. Dummerweise ist an derartige »harte Devisen eben deswegen schwer heranzukommen, weil sie so »hart« sind; so stellt sich im mehr oder minder erfolgreichen Konkurrenzkampf um die Devisen einer prosperierenden Nation die Zahlungsunfähigkeit der anderen heraus.

Kein Wunder, daß der »Weltmarkt« beständig der Aufsicht gewisser eindeutiger Führungsmächte bedarf, die dafür sorgen, daß kein Staat sich eine Alternative zu dieser segensreichen Veranstaltung erfindet und jeder auf seine Weise dafür tauglich bleibt - auch über die Grenzen seiner Zahlungsfähigkeit hinaus. Denn da kann das Kapital seine imperialistischen Qualitäten erst so richtig frei entfalten.