Karl Held / Theo Ebel
Krieg und Frieden –
Politische Ökonomie des Weltfriedens
Ganz anders als die akademische Wirtschaftswissenschaft und Lehre von
der internationalen Politik verfährt Lenin in seiner Schrift Der
Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. (Ausgewählte
Werke, Bd. I, S. 765 ff.) Weder macht er sich zum Anwalt der
Probleme, der wirklichen wie denkbaren, die den internationalen Handel
und die immerzu auf Friedenserhaltung abzielende Weltpolitik heimsuchen,
noch entschuldigt er die Subjekte der weltweiten Symbiose von
Geschäft und Gewalt damit, daß er ihnen Unkenntnis und Versäumnisse
zur Last legt bei der Bewältigung ihrer seriösen Vorhaben, für
»Entwicklung« und »Frieden« zu sorgen. Er tritt von
vornherein als Ankläger auf, der von guten Zwecken nichts
bemerkt haben will, deren Scheitern ein Anlaß wäre zur
Erfindung besserer Alternativen. Kompromißlos verurteilt er
die Geschäftspraktiken, die den Weltmarkt bestimmen -und er läßt
an der Vorstellung, daß die ökonomischen Sitten der
Marktwirtschaft ohne Krieg zu haben seien, kein gutes Haar. Ob sich diese
Kompromißlosigkeit freilich auf richtige Einsichten stützt, muß
bezweifelt werden - auch wenn der russische Revolutionär
nicht auf den Fehler verfallen ist, mit allen Instanzen der Weltpolitik in
einen Dialog über die Erhaltung des Friedens einzutreten.
Lenin hat seine am weitesten verbreitete Schrift mitten im Ersten
Weltkrieg verfaßt. Angesichts dieser Tatsache mutet sein Beweisziel
einigermaßen seltsam an. Er wollte zeigen,
daß auf einer solchen wirtschaftlichen
Grundlage, solange das Privateigentum an Produktionsmitteln
besteht, imperialistische Kriege absolut unvermeidlich sind. (S.
770)
Zu einem Zeitpunkt, als das Völkerschlachten in vollem Gange war,
die Notwendigkeit des Krieges in einer theoretischen Kampfschrift
darzutun, die imperialistische Gewaltanwendung mit Hilfe und auf Kosten
von Millionen national- und pflichtbewußter Menschen aus dem
Privateigentum zu begründen - das ist für einen
Revolutionär ein gar nicht selbstverständliches Unternehmen.
Denn ein solcher Nachweis wendet sich auf keinen Fall an die Betroffenen,
die sich gerade sehr praktisch mit dem Töten und Sterben befassen. Er
ist keine Agitation, die den Opfern des Imperialismus zeigt, was sie an
verkehrtem Zeug denken und was sie zu ihrem eigenen Schaden treiben, also
keine theoretische Mitteilung, die auf die Veränderung der
praktischen Stellung der Klasse zielte, deren Interessen die
Kommunisten durchsetzen wollen. Wie sollten auch Erörterungen darüber,
wie enorm sich unter der Herrschaft des Finanzkapitals die Widersprüche
des Imperialismus verschärfen, zur praktischen Anleitung eines
Aufstands bei denen taugen, die jene Widersprüche gerade ausbaden?
Lenins Imperialismustheorie ist eine Streitschrift anderer Art. Sie
sollte eine begründete Abrechnung mit der Politik von Parteien sein,
die als Organisationen der Arbeiterbewegung ihren Frieden mit dem
Klassenstaat geschlossen haben und zur Durchsetzung von dessen außenpolitischen
Anliegen selbst für den Krieg eingetreten sind. Sozialdemokratische
Politiker, die noch den Baseler Beschlüssen zugestimmt hatten,
erwiesen sich als eifrige Verfechter der Vorhaben ihrer Nation, so daß
Lenin »mit dem Gefühl tiefster Bitterkeit« 1914 schrieb:
Die einflußreichsten sozialistischen Führer
und die einflußreichsten sozialistischen Presseorgane im heutigen
Europa vertreten den chauvinistisch-bürgerlichen und liberalen,
keineswegs aber den sozialistischen Standpunkt, (S. 747)
Mit seiner Analyse, die »das Gesamtbild der kapitalistischen
Weltwirtschaft in ihren internationalen Wechselbeziehungen«
darstellen sollte, hat er sich gegen die offensichtliche Entwicklung von
ehemals kommunistischen Parteien hin zu den heute üblichen
Sozialdemokratien gewandt, zu Parteien, die mit Reformalternativen um die
Regierung des Klassenstaats konkurrieren. Nachdem maßgebliche
Theoretiker der II. Internationale ebenso wie Wissenschaftler aus dem bürgerlichen
Lager die Ideologien für den linken Nationalismus bereitgestellt
hatten, kam es Lenin auf die grundsätzliche Widerlegung dieser
Parteigänger des Klassenstaats und seines außenpolitischen
Wirkens an. Mit einer richtigen Theorie des Imperialismus wollte er
klarstellen, womit es sozialistische Parteien da zu tun, was sie zu
vertreten hatten und welche illusionären Zielsetzungen sie
korrigieren mußten:
Ohne die ökonomischen Wurzeln dieser Erscheinung
begriffen zu haben, ohne ihre politische und soziale Bedeutung abgewogen
zu haben, ist es unmöglich, auch nur einen Schritt zur Lösung
der politischen Aufgaben der kommunistischen Bewegung und der kommenden
sozialen Revolution zu machen. (S. 774)
In solchen methodischen Bemerkungen, die sich nicht nur in den
Vorworten häufen, besteht Lenin immerhin darauf, daß
Kommunisten schon wissen müssen, wogegen sie antreten; daß
politische Entscheidungen aus der Einsicht in die Gründe und Zwecke
des imperialistischen Treibens zu folgen haben und nicht aus Hoffnungen
und Friedensidealen. So polemisiert er gegen das Kautsky-sche Kompliment
an die Politik kapitalistischer Nationen, sie berge die Möglichkeit
friedlichen Umgangs mit dem Rest der Welt in sich; er geißelt
den Abschied vom Klassenkampf und die Sorge um die bessere politische
Alternative in der Außenpolitik, die für eine Partei nur
konsequent ist, wenn sie die Sicherung des Friedens für einen
staatlichen Auftrag hält:
Wesentlich ist, daß Kautsky die Politik des
Imperialismus von seiner Ökonomie trennt, indem er von Annexionen als
einer vom Finanzkapital >bevorzugten< Politik spricht und ihr eine
angeblich mögliche andere bürgerliche Politik auf derselben
Basis des Finanzkapitals gegenüberstellt. (S.842)
Darüber hinaus spricht hier Lenin auch den inhaltlichen Beweis
an, den er für die Notwendigkeit gewaltsamer Übergriffe
kapitalistischer Staaten rühren will. Sie liegt für ihn in den ökonomischen
Bewegungsgesetzen, den entscheidenden Geschäftsinteressen des »Finanzkapitals«.
Diese Interessen und ihre Verlaufsformen bestimmen den Gang der
internationalen Auseinandersetzungen -das Finanzkapital wirft »im
buchstäblichen Sinne des Wortes seine Netze über alle Länder
der Welt aus«, und es »führte auch zur direkten
Aufteilung der Welt«.
Lenins Einwand gegen die Theoretiker des Opportunismus in der II.
Internationale, sie würden die Politik von ihrer ökonomischen
Grundlage trennen, ist der Auftakt für die Analyse des
Kapitals und seines Geschäftsgebarens, in der die Politik mit ihren
Zwecken erst einmal gar nicht vorkommt. Lenin verzichtet großzügig
auf die Unterscheidung zwischen Ökonomie und Politik, und das
aus der »orthodoxen« Sicherheit heraus, daß letztere
ohnehin in nichts anderem besteht als in der Exekution der Geschäftsinteressen
des Kapitals. Insofern gehört seine Schrift zu jener Abteilung
marxistischer Theorie, die mit dem Bekenntnis zur »ökonomischen
Basis«, welche alles übrige »bestimmt«, dem speziellen
Gegenstand sehr konsequent aus dem Weg geht und eine verkehrte »Bestimmung«
der Politik vornimmt. Wie der Zusammenhang von Profitinteresse von
Kapitalisten und Außenpolitik des ideellen Gesamtkapitalisten für
Lenin aussieht, geht aus den wenigen Bemerkungen über das Verhältnis
von Staat und Kapital im Imperialismus hervor:
Die Rettung liegt im Monopol - sagten die Kapitalisten
und gründeten Kartelle, Syndikate und Trusts; die Rettung liegt im
Monopol - sekundierten [!] die politischen Führer der Bourgeoisie und
beeilten sich, die noch unverteilten Gebiete der Welt an sich zu reißen.
(S. 830)
Und auf dieser Grundlage ist das selbstkritische Bedauern im Vorwort
ziemlich überflüssig - »Auf die nichtökonomische Seite
der Frage werden wir nicht so eingehen können, wie sie es verdienen würde«
-, denn mit der Deduktion des Imperialismus aus Monopol- und Finanzkapital
ist Lenin der große Wurf gelungen, die Notwendigkeit von Annexionen
und Kriegen zwischen imperialistischen Staaten als Abwicklung
des Geschäfts darzustellen - und umgekehrt das internationale
Geschäft für die jenseits aller staatlichen Aktionen und
Mittel vollzogene Fortführung kapitalistischer Bereicherung
auszugeben. Lenin behandelt den Weltmarkt samt den Verlaufsformen auswärtiger
Politik auch gar nicht als Konsequenzen des kapitalistischen
Privateigentums und seiner Beförderung durch den Klassenstaat,
sondern als Veränderung des Kapitalismus; und der
unbestreitbare Dienst des Klassenstaats für den nationalen Reichtum,
den es nun einmal als Kapital gibt, erledigt sich für ihn -
entsprechend dem Titel: der Imperialismus als Stadium -mit den
Neuerungen, die er dem Kapital zuschreibt. Ironischerweise mündet
das methodische Credo zum Marxismus - »die ökonomischen Wurzeln«
hätte man zu begreifen, die »Trennung« des politischen Überbaus
von der ökonomischen Grundlage sei der Fehler irriger
Auffassungen - in eine handfeste Revision gerade der Marxschen Erklärung
der Ökonomie. Diese Revision beginnt bei Lenin mit der
Entdeckung der Monopole. Das sind ökonomische Gebilde, die sich der
Konkurrenz entziehen, was ihnen durch ihr gewaltiges Ausmaß
gestattet wird. Lenin beruft sich zum Zwecke der Demonstration seiner
Entdeckung, daß sich der Kapitalismus grundsätzlich geändert
habe - »Die Konkurrenz wandelt sich zum Monopol« -, einerseits
auf Äußerungen von Marx über Konzentration und
Zentralisation, andererseits zieht er durchaus ungewöhnliche Schlüsse
aus der Feststellung, daß die Größe des Kapitals ein
Mittel des Geschäfts darstellt. Die Bewährung in der
Konkurrenz ist nämlich etwas ganz anderes als ihre Abschaffung,
und daß das Monopol zum Ideal eines jeden Unternehmers wird, heißt
noch lange nicht, daß dieses Ideal mit Preis- und Marktabsprachen
erreicht wäre. Oder, um Lenin selbst dementieren zu lassen: die
Konkurrenz (für andere, die es immerhin auch noch gibt!) wird erschwert
und »das Monopol« ist eine Tendenz:
Fast die Hälfte der Gesamtproduktion aller Betriebe
des Landes liegt in den Händen eines Hundertstels der
Gesamtzahl der Betriebe! Und diese dreitausend Riesenbetriebe umfassen 258
Industriezweige. Daraus erhellt, daß die Konzentration auf einer
bestimmten Stufe ihrer Entwicklung sozusagen [!] von selbst dicht [!] an
das Monopol heranführt. Denn einigen Dutzend Riesenbetrieben fällt
es leicht, sich untereinander zu verständigen, während
andererseits gerade durch das Riesenausmaß der Betriebe die
Konkurrenz erschwert [!] und die Tendenz [!] zum Monopol erzeugt wird.
Diese Verwandlung der Konkurrenz in das Monopol ist eine der wichtigsten
Erscheinungen - wenn nicht die wichtigste in der Ökonomik des
modernen Kapitalismus [....] (S. 777)
Weder die Statistiken über die Größe von Unternehmen noch
die über die Anzahl von an der Konkurrenz beteiligten Firmen beweisen
den Übergang zu ihrer Abwesenheit; und noch viel weniger ist dieser
Beweis mit Absprachen zwischen Konkurrenten zu führen, die sie als
zeitweiliges Mittel für ihren Gewinn benützen. Das scheint auch
Lenin zu wissen, weshalb er den Gegensatz von »vorübergehend«
und »Grundlage« aufmacht: »Statt einer vorübergehenden
Erscheinung werden die Kartelle eine der Grundlagen des gesamten
Wirtschaftslebens.« (S. 780)
Aber auch noch so viele, gezählte und beim Namen genannte »monopolistische
Unternehmensverbände [?], Kartelle, Syndikate« belegen die »Ablösung
der kapitalistisch freien Konkurrenz durch die kapitalistischen Monopole«
nicht, und wenn einmal die Industrieschutzzölle, das andere Mal der
Freihandel als Motor der Kartellbildung herhalten müssen (S. 778), so
ist explizit von einem Mittel der Konkurrenz die Rede, dem Lenin
freilich wieder die »monopolistische Tendenz« entlockt. Eisern hält
er an dieser Tendenz fest, und daß ihn nicht die Logik dazu beflügelt,
das Zeitalter des Monopols - »der direkte Gegensatz zur freien
Konkurrenz« (S. 838) - für angebrochen zu erklären, sondern
eine eigenartige Sorte Moral, zeigen die Leistungen, die er den
Monopolen nachsagt: »Riesengewinne« erzielen sie, und wenn dann
doch lästige Konkurrenten das »direkte Gegenteil«
hintertreiben, bedient das Monopol sich sogar des Verzichts auf Gewinn,
geht zum Dumping über, durch das es »alle diejenigen abwürgt,
die sich dem Monopol, seiner Willkür [!] nicht unterwerfen.« (S.
785) Immer wieder gelingt es Lenin, aus Daten der Konkurrenz die
Wucht der von keinerlei zahlungsfähiger Nachfrage, von keinerlei
Marktschranken behinderten Monster vor Augen zu führen: Willkür
und Allmacht sind schließlich die recht unökonomischen
Charakteristika der Monopole, ihre Rücksichtslosigkeit kennt keine
Grenzen, Gewalt heißt ihr Motto - ganz als ob der liebe, auf »freier
Konkurrenz« beruhende »Frühkapitalismus« mit seiner
alten Ökonomie eine Ansammlung von Respektbezeugungen für die
Menschheit gewesen wäre:
Das Herrschaftsverhältnis und die damit verbundene
Gewalt - das ist das Typische für die jüngste Entwicklung des
Kapitalismus, das ist es, was aus der Bildung allmächtiger [!]
wirtschaftlicher Monopole unvermeidlich hervorgehen mußte und
hervorgegangen ist. (S. 786)
Dabei rühmt Lenin einen sehr bürgerlichen Menschen für den
Terminus »Herrschaftsverhältnis«, den er ihm abnimmt,
obgleich der zitierte Mann von Herrschaft einer Industrie (!) über
eine andere spricht. Und diese Manier, andauernd bürgerliche
Kronzeugen für seine Entdeckung des tiefgreifenden Wandels zum
Monopol heranzuziehen, entspricht durchaus dem bürgerlichen und gar
nicht revolutionären Gerede von den Großen, die machen, was sie
wollen, dem sich ein Marxist besser nicht anschließt. Doch Lenin
versteht es sehr gut, die moralische Verurteilung auf »marxistisch«
vorzutragen. Nachdem er noch einmal die Konkurrenz bemüht hat, um die
Gemeinheit der Monopole zu geißeln - »Um die Konkurrenz aus
einer derart einträglichen Industrie auszuschalten, wenden die
Monopolinhaber sogar allerlei Tricks an [...]« (S. 786) -, schreitet
er zum Schaden, den die Monopole anrichten, und zwar für die
ganze Gesellschaft. Er nimmt die Ideologie der »Ausschaltung der
Krisen durch die Kartelle« zum Anlaß, um den »chaotischen
Charakter« des Kapitalismus zu verurteilen und den Hauptfeind Monopol
verschärfend wirken zu lassen:
Im Gegenteil, das Monopol, das meinigen [!]
Industriezweigen entsteht, verstärkt und verschärft den
chaotischen Charakter, der der ganzen kapitalistischen Produktion
in ihrer Gesamtheit eigen ist. (S. 787)
Und wer hat von diesem Schaden den Nutzen? Die Monopole selbstverständlich,
zumindest wenn Konzentration dasselbe ist wie Zentralisation und die
wiederum dasselbe wie Monopol: »Die Krisen - jeder Art, am häufigsten
ökonomische Krisen, aber nicht diese allein - verstärken aber
ihrerseits in ungeheurem Maße die Tendenz zur Konzentration und zum
Monopol.« (S. 787)
So richtig verkommen deucht einen Marxisten freilich der Kapitalismus der
Monopole erst dann, wenn er die historischen Pluspunkte des Kapitalismus
mehrt, aber schließlich doch scheitert. Die Folge des Monopols ist
ein gigantischer Fortschritt in der Vergesellschaftung
der Produktion. Im besonderen wird auch der Prozeß der technischen
Erfindungen und Vervollkommnungen vergesellschaftet. Das ist schon etwas
ganz anderes als die alte freie Konkurrenz zersplitterter Unternehmer, die
nichts voneinander wissen [...] annähernde Berechnung der Größe
des Marktes [...] Die qualifizierten Arbeitskräfte werden
monopolisiert, die besten Ingenieure angestellt [...] (S. 784)
Aber so richtig in den Genuß der Vergesellschaftungsfortschritte
kommt die Menschheit dennoch nicht, trotz der Überwindung der
Konkurrenz, die Lenin für einen Mangel des Kapitals hält
und nicht für den Motor der Akkumulation und die Klage von
Kapitalisten, die gerade rationalisieren! Schließlich wird zwar die
Produktion vergesellschaftet, die Aneignung jedoch bleibt privat (S. 784)
- und so stehen dem »gigantischen technischen Fortschritt«
durchaus »Stagnation und Fäulnis« gegenüber:
In dem Maße, wie Monopolpreise, sei es auch nur vorübergehend
[!] eingeführt werden, verschwindet bis zu einem gewissen Grade [!]
der Antrieb zu technischem Fortschritt, [...] entsteht die ökonomische
Möglichkeit [!!], den technischen Fortschritt künstlich [!!!]
aufzuhalten. (S. 848)
So vollbringen die Monopole die Kunst, den Fortschritt, den sie selber
organisieren, doch noch zu bremsen, laden auf die »übrige Bevölkerung«
jede Menge Druck ab (S. 784), und die Theorie des staatsmonopolistischen
Kapitalismus ist für die Epigonen schon zur Hälfte fertig. Jetzt
ist nur noch der Vorwurf nötig, der Staat würde sich für
die Monopole stark machen - statt, wie es für einen echten
Klassenstaat ziemlich wäre, für die Geschundenen, sprich »Unterprivilegierten«
-, und schon geht die »soziale Revolution« im Namen der »Mehrheit«
als Weg zur »antimonopolitistischen Demokratie« über die
Ideenbühne.
So ist zwar der Imperialismus noch gar nicht vorgekommen, aber
dafür wurde eine neue Kapitalismuskritik im Namen von Marx aus der
Taufe gehoben. Hilfestellung leistete die seit Engels immer wieder gerne
aufgelegte Platte vom gesellschaftlichen Produzieren (gut!) und vom
privaten Aneignen (schlecht!). Dieser beliebte Widerspruch, der mit dem in
der Warenanalyse bezeichneten Gegensatz von privater und
gesellschaftlicher Arbeit herzlich wenig zu tun hat, beruht schon
in seiner Urfassung auf einer hohen Meinung vom gesellschaftlichen
Charakter der Produktion, für den der Kapitalismus ein dickes Plus
erntet, obwohl er diese Qualität mit jeder Produktionsweise teilt.
Seine gesellschaftliche Form der Produktion, die Sache mit dem
Privateigentum, das den Reichtum seinen Produzenten als Kapital gegenüberstellt
und sie für sich arbeiten läßt, gerät dann zur
schlechten Seite des Kapitalismus, der ja wie alles vergänglich Ding
zwei Seiten braucht. Bei Lenin wächst sich .diese Dialektik - die
parteilich umgedreht übrigens Soziologie heißt: »Der
Kapitalismus ist eine Gesellschaft«, lautet da Lehrsatz Nr. 1, »Alles
ist gesellschaftlich«, der Lehrsatz Nr. 2, und die fortschrittlichen
Soziologen wähnen sich mit dem Anliegen, alles »gesellschaftlich
betrachten zu wollen«, auch noch auf Marx' Spuren - zu einem neuen
Stadium aus. Das Monopol, das angestrebt wird, um privaten Reichtum
ausschließend gegen andere zu vermehren, macht alles
gesellschaftlicher - schließlich findet immer mehr Eigentum auch
noch anderer für die gemeinsamen Zwecke Verwendung -, so daß
die private Aneignung erst richtig zum Himmel schreit.
So ähnlich sieht es auch im Verhältnis von Unternehmer und
Bankier aus. Jeder für sich ist ja schon nicht übermäßig
schön; wenn sie aber verschmelzen und der eine des anderen
Knecht wird - zumindest in der Ansicht eines Marxisten -, tritt der
Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium. Zumindest gemäß
Lenins berühmtem zweiten Merkmal, dem Finanzkapital.
Im bürgerlichen Kreditwesen entdeckt der Imperialismustheoretiker
Lenin zwar auch nicht den Imperialismus, dafür aber Gelegenheiten
genug, der kapitalistischen Produktionsweise eine weitere Tendenz zum
Verwerflichen nachzusagen. Wie in der Abteilung »Monopol« taugen
die richtigen und bisweilen explizit dem Marxschen »Kapital«
entnommenen Aussagen über ökonomische Vorgänge dazu nicht:
So wenig, wie sich mit Bestimmungen über Konzentration und
Zentralisation die Ablösung der Konkurrenz und die neue Qualität
des monopolistischen Kapitalismus dartun lassen, so schwer fällt es,
mit Mitteln der Logik aus den Erklärungen des Verhältnisses von
Industrie- und Geldkapital eine Epoche des Finanzkapitals
anbrechen zu lassen. Deshalb kommt der Fortschritt in der moralischen
Verurteilung des Kapitalismus auch über andere, eben die bekannten
Beweismittel zustande:
Die Trennung des Kapitaleigentums von der Anwendung des
Kapitals in der Produktion, die Trennung des Geldkapitals vom
industriellen oder produktiven Kapital, die Trennung des Rentners, der
ausschließlich vom Ertrag des Geldkapitals lebt, vom Unternehmer und
allen Personen, die an der Verfügung über das Kapital
unmittelbar teilnehmen, ist dem Kapitalismus überhaupt eigen. Der
Imperialismus oder die Herrschaft des Finanzkapitals ist jene höchste
Stufe des Kapitalismus, wo diese Trennung gewaltige Ausdehnung erreicht.
(S. 813)
Für eine neue Rolle des Bankkapitalisten und seiner »parasitären«
Existenz sowie der von »Couponschneidern« gibt eine Wiedergabe
von Bemerkungen zur Trennung von Geld- und Industriekapital nichts her;
bei Marx ist in diesem Zusammenhang im übrigen von der Notwendigkeit
der Trennung die Rede, deswegen auch von ihrer ökonomischen Funktion:
durch den Kreditüberbau, der eben im Aktienkapital die Größe
des Kapitals als Konkurrenzmittel erst so richtig zum Einsatz kommen läßt,
erhält das Kapital die Freiheit, sich von seiner Anlage in einer
besonderen Sphäre unabhängig zu machen, womit auch seine Bindung
an besondere Personen und seine Verwurzelung in einem speziellen Gewerbe
abgestreift ist.
Daß Bankiers und Aktionäre von ihrem Geldkapital leben, war
dagegen Marx ziemlich gleichgültig; eher schon schien ihm
interessant, daß sie dies auf Kosten der Arbeiterklasse tun - und
sich darin von ihren industriellen Kollegen keineswegs
unterscheiden. Den moralischen Maßstab guter, weil nützlicher, »die
Produktion« besorgender Kapitalisten anzulegen und damit den
neuesten Stand der Ausbeutung zu kritisieren, ist nur dem Theoretiker geläufig,
der den Fortschritt des Kapitalismus am »Niedergang« seiner
herrschenden Klasse belegen will!
Dabei besteht die »Neuerung«, wie gesagt, erst einmal im
Ausmaß einer für den Kapitalismus üblichen Sache.
Lenin, der immer wieder mit dem »tiefen« und »tiefsten«
Wesen des Imperialismus daherkommt, entdeckt selbiges in Statistiken und
Schaubildern, die dem Leser angesichts gewaltiger Bankaktiva und der
Unmengen von zirkulierenden Wertpapieren die neue Ära vor Augen führen.
Das fehlende Argument für eine Bestimmung des Imperialismus gibt er,
seinem Anspruch als Marxist treu, in einer dialektischen Lesehilfe: Wir
haben
ausführlich statistische Daten angeführt, die
zeigen, bis zu welchem Grade das Bankkapital angewachsen ist usw. und
worin eben das Umschlagen von Quantität in Qualität, das
Umschlagen des hochentwickelten Kapitalismus in Imperialismus seinen
Ausdruck gefunden hat. (S. 839)
Den dritten Schlag landet er mit Stellungnahmen bürgerlicher Ökonomen,
die sich die Sorgen eines Teils der Geschäftswelt zu eigen machen und
ungesunde Entwicklungen beklagen - wodurch er sich mit seinen »Schlußfolgerungen«
in den Besitz unumstößlicher Tatsachen gesetzt haben möchte:
Um dem Leser eine möglichst gut fundierte
Vorstellung vom Imperialismus zu geben, waren wir absichtlich bestrebt, möglichst
viele Äußerungen bürgerlicher Ökonomen zu zitieren,
die sich gezwungen sehen, besonders unstreitbar feststehende Tatsachen aus
der neuesten Ökonomik des Kapitalismus anzuerkennen. (S. 839)
Unter Anwendung dieser Hilfsmittel gelangt man freilich zu erstaunlichen
Einsichten über Herren und Knechte innerhalb der herrschenden Klasse.
Banken sind etwas anderes, als sie scheinen;
und zwar sind sie das, was sie sind, recht überdimensional, woran
sich ihre Macht ablesen läßt:
Die Bank, die das Kontokorrent für bestimmte Kapitalisten führt,
übt scheinbar eine rein technische, eine bloße Hilfsoperation
aus [...] [Nun kommt nicht etwa, wie bei Marx, der Begriff der Bank,
nein:] Sobald aber diese Operation Riesendimensionen annimmt, zeigt sich,
daß eine Handvoll Monopolisten sich die Handels- und
Industrieoperationen der ganzen kapitalistischen Gesellschaft unterwirft,
indem sie - durch die Bankverbindungen, Kontokorrente und andere
Finanzoperationen - die Möglichkeit erhält, sich zunächst über
die Geschäftslage der einzelnen Kapitalisten genau zu
informieren, dann sie zu kontrollieren, sie durch Erweiterung
oder Schmälerung, Erleichterung oder Erschwerung der Kredite zu
beeinflussen und schließlich ihr Schicksal restlos zu bestimmen.
(S. 792)
Ohne den geringsten Hinweis darauf, worum es zwischen Bank und
industriellem Kapital geht, wenn Kapital verliehen und mit Wertpapieren
gehandelt wird, kommt die Suche nach dem Subjekt, das alles beherrscht und
in seiner Allmacht für den Imperialismus verantwortlich ist, ans
Ziel. Fast kriegt man Mitleid mit den netten Herren Industriellen
angesichts des Molochs Finanzkapital. Die armen Burschen müssen ihre
Bücher herzeigen, wenn sie ihre Kreditwürdigkeit unter Beweis
stellen wollen - und nicht ihr Geschäftsgang wird mit Hilfe des
Kredits befördert, sondern ihr Schicksal wird restlos bestimmt! Nicht
einmal der simple Gedanke, daß auch die Bank von der Nachfrage nach
Kredit »abhängig« ist und diese vom Geschäftsgang der
Industrie, daß in der Konkurrenz zwischen Geld- und Industriekapital
also zwei Abteilungen der herrschenden Klasse ihren ökonomischen
Erfolg bewirken und um den Anteil des produzierten Gewinns streiten, kommt
da auf! Der anständigen industriellen Ausbeutung von einst stehen »dunkle
und schmutzige« Machenschaften der Banken von heute gegenüber,
statt eines ehrbaren Zinses gibt es wieder »Wucher«, womit die ökonomische
Rolle des Kredits für die kapitalistische Produktion in seine
moralische Niedertracht aufgelöst wäre.
Zeitweise fragt man sich bei der Lektüre der Schrift, ob es überhaupt
noch Industrielle gibt - denn die Konkurrenz zwischen Geld- und
produktivem Kapital, die beiden recht gut bekommt, existiert für
Lenin eigentlich gar nicht: »Verschmelzung des Bankkapitals mit dem
Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis
dieses Finanzkapitals« (S. 839). Womöglich würde er die
Personalidentität von Banker und Industriellen auch als Beleg dafür
nehmen, daß es die neueste Ökonomie zum Verschwinden von Kredit
und Fabrik gebracht hat, und wie seine Epigonen darauf bestehen, daß
sogar der arme Klassenstaat »unter der Fuchtel« des
Finanzkapitals steht und sich verschulden »muß«! Aber die
Beschwörung einer herrschenden Instanz, die mit ihrer Allmacht dem
Rest der Gesellschaft einen fürchterlichen Tribut auferlegt,
erfordert auch die Existenz von Opfern. Also gibt es ein Ȇbergewicht
des Finanzkapitals über alle übrigen Formen des Kapitals«,
eine »Vorherrschaft des Rentners und der Finanzoligarchie« - ein
kleiner Hinweis darauf, daß noch die häßlichsten
Schmarotzer auf Opfer angewiesen sind, ebenso wie die betrügerischen
Spekulanten etwas brauchen, worauf sie spekulieren können. Womit auch
die Albernheit des Lehrsatzes bestätigt wäre, der den
Kapitalismus nicht durch seine Produktionsweise kennzeichnet: »Für
den Imperialismus ist ja gerade nicht das Industrie-, sondern
das Finanzkapital charakteristisch.«
Imperialismus ist für Lenin das Geschäft der Monopole. Finanz
-kapitalisten haben alles unter Kontrolle, im Innern der Nation -»Deutschland
wird von 300 Kapitalmagnaten regiert« - ebenso wie auswärts, wo
sie sich allerdings begegnen und einen »imperialistischen Kampf
zwischen den größten Monopolen um die Teilung der Welt«
(S. 82$) veranstalten. Also gilt der Lehrsatz, daß jedes Phänomen
internationalen Handels, jeder Vertrag zwischen Staaten, jeder Krieg nur
ein Beispiel für die Machenschaften der Monopole, nur ein »Kettenglied«
der »Operationen des Weltfinanzkapitals« ist. Nachdem Lenin die
Subjekte des Imperialismus gefunden hat, gibt er sich betont sachlich und
nennt Zwecke und Mittel ihrer Taten:
Die Kapitalisten teilen die Welt nicht etwa aus besonderer Bosheit unter
sich auf, sondern weil die erreichte Stufe der Konzentration sie zwingt,
diesen Weg zu beschreiten, um Profite zu erzielen; dabei wird die Teilung
>nach dem Kapitals mach der Macht< vorgenommen- eine andere Methode
der Teilung kann es im System der Warenproduktion und des Kapitalismus
nicht geben. (S. 827)
Auf dieses Weise stellt der Imperialismus-Theoretiker klar, da er zwar ständig
mit ökonomischen und politischen Prozeduren eigner Art zu tun
hat - »Kapital« und »Macht« -, jedoch die Klärung
des Verhältnisses von Ökonomie und Politik angesichts'! der für
ihn offenkundigen Sachlage für pure Haarspalterei erachtet:
Die Macht aber wechselt mit der ökonomischen und politischen
Entwicklung [eine feine Entdeckung!]; um zu begreifen, was vor sich geht,
muß ', man wissen, welche Fragen durch Machtverschiebungen
entschieden werden; ob diese Verschiebungen nun »rein« ökonomischer
Natur oder außerökonomischer (z. B. militärischer) Art
sind, ist eine nebensächliche Frage, die an den grundlegenden
Anschauungen über die jüngste Epoche des Kapitalismus nichts zu ändern
vermag. Die Frage nach dem Inhalt des Kampfes und der
Vereinbarungen zwischen den Kapitalistenverbänden durch die Frage
nach der Form des Kampfes und der Vereinbarungen [heute friedlich, morgen
nicht friedlich, übermorgen wieder nicht friedlich] ersetzen, heißt
zum Sophisten herabsinken. (S. 827)
Zwar verhalten sich Geschäft, Ausbeutung und Krieg keineswegs
zueinander wie Inhalt und Form, zwar sind beim Profitmachen und Kriegführen
ganz andere Subjekte am Werk - doch was interessiert das schon! Dabei
taugen noch nicht einmal die kolonialistischen Belege für die
Gleichung Politik = Geschäft der Monopole;
wenn sich Frankreich und England um die Besetzung der südlichen
Sahara streiten und Deutschland die namibische Wüste als Deutsch-Südwest
ergattert, wenn der englische Staat mit dem portugiesischen gute
Beziehungen hat, wenn England mit Argentinien oder Ägypten
Handelsbeziehungen unterhält, wenn Frankreich an Serbien
Kriegsmaterial liefert - »letztlich« ist alles ein und dasselbe.
Lenin läßt die Monopole nach außen ihre Geschäfte
noch mitten im Krieg machen, ganz als ob ein Finanzkapital eine Eroberung
»eventuell noch zu erschließender Rohstoffquellen« als
Investitionsgelegenheit betrachtet und nicht der Staat die Mobilmachung
verordnet! Weshalb aufrechten Verfechtern Lenins immer dann, wenn die
Gleichung Krieg = Profit angegriffen wird, auch immer die Spekulation auf
die fiktive Akkumulation einfällt, die ein auf Waffengänge
bedachter Staat ins Werk setzt - wenn nicht gleich die Rüstungsindustrie.
Was zeigt also »die Epoche des jüngsten Kapitalismus«
einem, der das Finanzkapital am Werke weiß und die politischen Führer
als Sekundanten entlarvt hat? Eben dies,
»daß sich unter den Kapitalistenverbänden
bestimmte Beziehungen herausbilden [das ist sehr bestimmt!] auf dem Boden
der ökonomischen Aufteilung der Welt, daß sich aber [!] daneben
[!!] und im Zusammenhang [welchem denn?] damit zwischen den politischen
Verbänden, den Staaten, bestimmte Beziehungen [schon wieder!]
herausbilden auf dem Boden der territorialen Aufteilung der Welt, des
Kampfes um Kolonien, des Kampfes um das Wirtschaftsgebiet.«
(S. 827)
Wer so viel Bestimmtheit als Witz des Imperialismus akzeptiert und sich
die Aufteilung der Welt gleich zweimal und im Zusammenhang vorstellen
kann, dem leuchten auch die historischen Vergleiche ein, die Lenin für
sein Stadium anstellt:
»Für den alten Kapitalismus, mit der vollen Herrschaft der
freien Konkurrenz, war der Export von Waren kennzeichnend. Für
den neuesten Kapitalismus [. . .] der Export von Kapital [. . .]«
(S. 845)
An dieser gewichtigen historischen Entwicklung interessiert der Export,
also die Tatsache, daß Waren und Kapital die Grenzen überschreiten
zwischen Staaten, die sich um das Geschäft kümmern, es
durch ihre Gewalt eröffnen, fördern oder behindern, am
allerwenigsten. Die englische Kolonialgeschichte, die nun wirklich kein
Tausch von Fertigfabrikaten gegen Rohstoffe war (wer hat mit
welchen Mitteln diese Rohstoffe ab- und anbauen lassen; wie hießen
denn die indischen Investoren, womit wurde bezahlt!), passiert da lässig
als Handel, und für die Herrschaft der Monopole erfindet Lenin
Anlagekriterien, die aus »rückständigen Ländern«
kapitalistische Märkte mit niedrigen Preisen werden lassen:
In diesen rückständigen Ländern ist der
Profit gewöhnlich hoch, denn es gibt dort wenig Kapital, die
Bodenpreise sind verhältnismäßig nicht hoch, die Löhne
niedrig und die Rohstoffe billig. (S. 816)
Unerfindlich bei dieser Ökonomie auf dem Weltmarkt, wieso es zu
sogenannten »unterentwickelten Ländern« gekommen ist, warum
Kapitalisten ihre Mutterländer mit Industrie vollstellen und die
billigen Arbeitskräfte Afrikas, die für 20 Pfennig pro Woche zu
haben sind, noch heute nicht benützen wollen und lieber verrecken
lassen! Daß die erwähnten Länder es wegen der politischen
und ökonomischen Benützung durch kapitalistische Nationen gar
nicht zu einem »Markt« bringen, daß mit der Zerstörung
der überkommenen Produktionsweise aus einem südamerikanischen
oder asiatischen Volk noch lange keine Ansammlung brauchbarer Arbeitskräfte
wird!, daß der Export von Kapital auch nicht »bis zu einem
gewissen Grade die Entwicklung in den exportierenden [!] Ländern zu
hemmen geeignet ist« (S. 818) - das alles hätte Lenin auch
merken können, ohne zu erleben, wie die Konkurrenz der Monopole um
die herrlichen Anlageplätze um die Konkurrenz von -zig Nationen ergänzt
wird, die um Kapital- und Entwicklungshilfe nachsuchen..
Nur hätte die simple Analyse der Gepflogenheiten, die den Weltmarkt,
auf dem die Nationen für die Konkurrenz des Kapitals Sorge
tragen, auszeichnen, die Perspektive ziemlich vermasselt. Lenins
Einfall, die auswärtigen Geschäfte des Kapitals erstens für
dasselbe wie Anlagen daheim vorstellig zu machen, und zweitens für
besonders günstig in der Kalkulation auszugeben, ist ja nur
die Fortsetzung seiner Lieblingsidee, daß der Monopolkapitalismus längst
in Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien geraten ist. Einige seiner
Grundeigenschaften schlagen längst in ihr Gegenteil um, so daß
man nur noch von einem »parasitären«, »faulenden und
sterbenden« Kapitalismus reden kann usw. - in jedem Kapitel bemüht
sich Lenin, die Verkommenheit und Überfälligkeit des
Imperialismus glaubhaft zu machen. Hier, beim Kapitalexport, schafft er
es, die Freiheit der imperialistischen Nationen, aufgrund der
gelungenen Akkumulation von Reichtum - die auch den Staat mit den nötigen
Mitteln ausstattet! - die ganze Welt auf ihre ökonomische, politische
und militärische Benützbarkeit hin abzuklopfen, in pure Not
zu verwandeln:
Die Notwendigkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch
geschaffen, daß in einigen Ländern der Kapitalismus >iiberreif<
geworden ist und dem Kapital (unter der Voraussetzung der
Unterentwickeltheit der Landwirtschaft und der Armut der Massen) ein
Spielraum für >rentable< Betätigung fehlt. (S.816)
Ausgerechnet die Phase des Kolonialismus, die Lenin erlebte, soll auf die
Hilflosigkeit, auf einen Engpaß in der Akkumulation verweisen. Der »Drang
nach Gewalt und Reaktion«, der definitionsgemäß dem
Finanzkapital eigen ist, soll Zeichen des Niedergangs sein - und jede
Eroberung ein neuer Ausdruck der Widersprüche, die sich verschärfen
und verstärken. Wie alt doch die Theorie vom Papiertiger schon ist!
In der Streitfrage der Arbeiterbewegung, in der Sache >Krieg &
Frieden< wird Lenin auch nicht wegen seiner »tiefen«
Einsichten in die politische Ökonomie des Imperialismus zum Gegner
des Reformismus und der bürgerlichen Friedensillusionen. Im
Gegenteil: Seine Überzeugung, daß Finanz- und Monopolkapital
einerseits den Niedergang des Kapitalismus repräsentieren,
andererseits deshalb aggressiv, eroberungssüchtig und
weltherrschaftlich auftreten, um sich alles unter den Nagel zu reißen,
bringt ihn auf seine Theorie von der Notwendigkeit des Krieges.
Seine Fehler in der Erklärung des Weltmarkts machen für die -
ziemlich blöde - Frage: »Ist Frieden möglich?« sogar
jede Kenntnis der Gründe für Kriege, der Verlaufsformen
des internationalen Geschäfts mit seinem spezifischen Dienst der
Staaten fürs Kapital überflüssig. Krieg und Frieden gelten
ihm beide als Mittel für dieselbe Strategie der Eroberung, der Gier
nach Beute; ja er geht sogar soweit, dabei den Frieden für den
uneigentlichen Modus der Konkurrenz zu halten und die Konkurrenz der
Waffen als den der monopolistischen Profitmacherei angemessenen Weg zu
bestimmen, zu dessen Charakterisierung er nicht einmal das Verhältnis
von Staat und Kapital bemüht. Auch die Besetzung irgendwelcher Wüsteneien
rangiert unter der Rubrik des Extraprofits, im Zweifelsfall eines »möglichen«
- und diese Irrtümer sind keineswegs mit den Fakten der kolonialen
Eroberung zu entschuldigen. Der i. Weltkrieg jedenfalls drehte sich nicht
um die Eroberung neuer Ländereien ...
Daß ein moderner Krieg zwischen imperialistischen Staaten - und
die bestreiten sich gegenseitig zunächst die Mittel ihrer
Souveränität und dann, in der Konkurrenz der Waffen, wo nur noch
militärisch »kalkuliert« wird und nicht kaufmännisch,
die Souveränität selbst - materiellen Zugewinn bringen
oder wenigstens verheißen müsse, ist die revisionistische
Manier, den ökonomischen Grund der staatlichen Gewalttätigkeit
zu behaupten. Daß ein Klassenstaat bei seinen Diensten fürs
Kapital, bei denen das Militär auch in Friedenszeiten eine gewichtige
Waffe der Konkurrenz darstellt, auf die Schranke eines anderen Souveräns
trifft, der sich eine wechselseitige >Abhängigkeit< und >Benützung<
nicht mehr leisten kann und will - diese schlichte Wahrheit, die den
Frieden bisweilen so aufrüstungsträchtig macht, wollen Anhänger
der Leninschen Imperialismustheorie auch heute noch nicht wahrhaben. In
genauer Umkehrung des Dogmas, ausgerechnet der Krieg müsse die Konten
von Geschäftsleuten bereinigen, vermißt ein solchermaßen
aufgeklärter Mensch mit seinem Dogma gleich jeden Nutzen des
Kriegs, leugnet den Materialismus des Staates und weist den »Wahnsinn«
des Waffenganges bereits an den Kosten der Rüstung nach - freilich
nicht ohne Hinweis auf die Einnahmen der Rüstungsmonopole.
Die Rede vom Un- und Wahnsinn des Krieges, seine Stilisierung als grund-
und zwecklose Sache, von der niemand, am allerwenigsten die »Menschheit«,
etwas hat, mißt den Völkermord an demselben Maßstab der ökonomischen
Einträglichkeit, der »den Frieden« bestimmt und der laut
revisionistischer Lehre selbst im Kriege noch gilt. Insofern handelt es
sich bei den Epigonen Lenins, die ein Jahrzehnt seine Imperialismusschrift
in Schulungen gelernt haben und nun einer Friedensinitiative angehören,
durchaus um konsequente Bürger, jedoch um bekehrte
Revisionisten. Denn bürgerlich ist eine Ideologie allemal,
die den staatlichen Kriegszweck. ausgerechnet mit der Überlegung
konfrontiert, was denn dabei herausspringe und für wen...
Ein Dokument der revisionistischen Weltanschauung und damit auch ein
Schatzkästlein des »bürgerlichen Moralismus«,
welcher der Welt von Kapital und Staat die gerechtesten und reaktionärsten
Vorwürfe entgegenschleudert, ist Lenins Imperialismus-Schrift
freilich nicht nur in dieser Hinsicht. Und ihr Erfolg in Jahrzehnten
staatstreuer Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt beruht einzig auf der
Methode dieser Weltanschauung, die kein objektives Urteil zuläßt:
So haben die Epigonen auch nach der faschistischen Unterscheidung
zwischen raffendem und schaffendem Kapital nicht davon abgelassen, die von
Lenin erfundenen Finanzmonopolisten für ganz verwerflich zu halten,
und ihnen zur Last gelegt, daß sie als unnütze Couponschneider
die braven Industriellen einseifen und die ganze Gesellschaft schröpfen.
Noch weniger ist den Nachbetern der Leninschen Theorie eingefallen, die
Berufung auf die >Fäulnis<, den parasitären Charakter des
Monopolkapitalismus einzustellen. Sie haben also ausgerechnet als
Oppositionelle ihren politischen Willen, ihre Kritik am bürgerlichen
Arbeiten, Kaufen, Sparen und Soldat Spielen, mit der Übereinstimmung
legitimiert, in der sie sich - von Lenin unterrichtet - mit der Tendenz
der Weltenläufte befinden. Der überfällige Kapitalismus
rechtfertigt die antimonopolistische Demokratie, den echten Volksstaat;
Haupttendenz = Revolution... (Kein Wunder, daß die schleppende
Gangart der Tendenz solche Leute grün und Schlimmeres werden läßt!)
Genauso beliebt blieb die Verheißung, daß schlechte
Erfahrungen, auf die man nur noch deuten muß, wenn sie die »friedliebenden«
Menschen schon gemacht haben, Wunder wirken:
Dutzende Millionen von Leichen und Krüppeln, die der Krieg hinterließ
[. . .] und dann diese beiden >Friedensverträge< öffnen
mit einer bisher ungeahnten Schnelligkeit Millionen und aber Millionen
durch die Bourgeoisie eingeschüchterter, niedergehaltener, betrogener
und betörter Menschen die Augen. (S. 771)
Als ob ein Klassenstaat solchen Friedensfreunden durch die
friedenspolitische Vorbereitung und Führung von Kriegen nicht
beweist, wie weit er es in der Zurichtung seiner Opfer für die
gelungene Fortsetzung seiner Herrschaft bringt! Als ob eine Schrift über
den Charakter des Imperialismus und Anti-Kriegsagitation überhaupt
notwendig wären, wenn Leichen und Kriegsfilme so augenöffnend
wirken würden!
Und die reaktionäre Wendung Lenins bei der Erklärung der
Erfahrung, daß sich »ausgerechnet« die Arbeiterklasse für
den Dienst in monopolkapitalistischen Fabriken und Kasernen und Feldzügen
hergibt, erfreut sich in den Resten der linken Bewegung auch heute noch größter
Beliebtheit in der Leninschen Fassung des Volksspruches »Den Leuten
geht's zu gut!«, der Bestechungsthese:
Dadurch, daß die Kapitalisten eines
Industriezweiges... hohe Monopolprofite herausschlagen, bekommen sie ökonomisch
die Möglichkeit, einzelne Schichten der Arbeiter, vorübergehend
sogar eine ziemlich bedeutende Minderheit der Arbeiter zu bestechen...
Tatsächlich geschieht die Vorbereitung eines imperialistischen
Krieges nicht in Form von Lohnerhöhungen, um das Proletariat
mindestens »teilweise« auf die Seite der Bundesregierung zu
ziehen, sondern mit Lohnsenkungen und der Ideologie, die da heißt:
»Uns geht's verhältnismäßig gut!« oder aus dem
Munde Helmut Schmidts: »Das deutsche Volk ist verwöhnt!«