Beruf: Offizier


Unter den akademischen Berufen nimmt der Offiziersstand eine Sonderstellung ein. Daran hat auch die originelle Erfindung eines >>Bürgers in Uniform<<, wie sie sich die Nachfolgetruppe der alten Wehrmacht geleistet hat, nichts ändern können. Man hat bei diesem Job der akademischen Elite nämlich nicht die geringste Schwierigkeit, die geistigen Fähigkeiten klar zu umreißen, die für die Tätigkeit des Offiziers vonnöten sind. Es geht darum, den Befehlen von oben zu gehorchen und vor allem nach unten Befehle zu geben. Deren Inhalt sind lauter recht einfache Dinge, die außerdem die Befehlsempfänger schon allein draufhaben müssen.

Das soll nicht heißen, daß der Of fizier blöder wäre als z. B. der Psychologe oder der Pfarrer oder der Politiker oder der Manager. Immerhin ist als Laufbahnvoraussetzung auch für ihn das Abitur verlangt, sogar eine Bundeswehrhochschule muß er absolvieren. Dann soll er aber gar keine Predigten verfassen oder betrübte Zeitgenossen gesprächstherapieren oder erfolgreiche Verkaufsgespräche führen oder Wähler betören. Sein Beruf ist es, Disziplin zu halten in der Truppe. Und dazu befähigt den Offizier in erster und letzter Instanz nur eins: auf der Uniform Sterne, Eichenlaub und Sterne, in Silber oder Gold. In der Uniformität der soldatischen Truppe beweist der durch Rangabzeichen äußerlich kenntlich gemachte Unterschied zwischen den Soldaten den inneren Gehalt der Funktion der Hauptleute, Stabsoffiziere und Generale: Der Offizier hat für die hierarchische Gliederung des Soldatenhandwerks einzustehen, und dafür steht er auch ein.

In der modernen Gesellschaft haben aber auch Offiziere ein Recht darauf, daß ihre Befehlsgewalt zu einer geistigen und moralischen Berufung der besseren Art zurechtinterpretiert wird. Also definiert die moderne Bundeswehr-zugegeben reichlich allgemein und beschönigend-den Offizier als "vor allem Führer von Menschen". Mit dieser Umschreibung seiner Berufstätigkeit wird einerseits durchaus benannt, daß da ein Vorgesetzter über Untergebene gebietet. Andererseits wird aber so getan, als handle es sich schon allein deswegen um eine besonders hohe und schwierige Aufgabe, weil Offiziere es überhaupt mit Menschen zu tun haben, die bekanntlich mit Willen und Verstand begabt sind. Statt an den Inhalt der >>Menschenführung" soll man gleich an Pädagogen und Psychologen denken, die ja auch mit dem hohen Gut "Menschenkind" hantieren. Tatsächlich wird den Offizieren eingebimst-und sie bilden sich so etwas dann auch ein-, es wäre notwendig für ihren Beruf, ein wenig "Feldherr Psychologos<<, ein bißchen Pädagoge zu sein. Es wird aber nicht verschwiegen, daß die erfolgreiche Menschenführung des Offiziers nur "zum Teil erlernbar" ist. Machen wir uns also nichts vor und sagen es militärisch kurz und knapp:

Den Offiziersberuf erlernt man durch die Gewohnheit, untergebene Soldaten auf allen Ebenen des militärischen Handwerks zu kommandieren. Verlangt ist die Entwicklung der geistigen Fähigkeit, bewußt und absichtlich keine Rücksicht zu nehmen auf das Interesse, die Überlegungen, den Willen des Menschen Soldat, sondern bedingungslosen Gehorsam zu verlangen. Der befehlende Offizier muß jederzeit zu der Kaltschnäuzigkeit bereit sein, den Willen der Soldaten-nbis zur Überwindung des natürlichen Selbsterhaltungstriebs"-zu brechen. Schließlich steuert er ja nicht irgendwelche Prozesse; und der für alle anderen Elitejobs so charakteristische Schein, der ausgeübte Zwang wäre der einer unwidersprechlich vernünftigen Sache" und die verlangte Unterordnung der geradeste Weg zum Eigenen Vorteil, kann bei der Herstellung militärischer Disziplin bei aller Schönfärberei letztlich doch bloß stören. Zwar bringt ein guter Offizier es locker fertig, noch seine erlesensten Schikanen als Hilfestellung auszugeben, die der schikanierte Befehlsempfänger ,im Ernstfall" erst richtig zu schätzen wissen wird. Diese pädagogische Nettigkeit hat aber den Haken, daß sie eben einen Ernstfall vorwegnimmt und einübt, der jeden normalen Opportunismus, also jede übliche Bereitschaft, sich "Sachzwänge" und Disziplinierung gefallen zu lassen, zunichte macht.

Der Offizier muß sicherstellen, daß er und seine Jungs funktionieren, wenn es ausschließlich darum geht, zu zerstören und zu töten, und zwar unter Einsatz des Lebens. Und einen Vernichtungstrieb, an den er dabei konstruktiv anknüpfen könnte, lernt der Offizier bei seinen normalen Wehrpflichtigen nie kennen-entgegen allen einschlägigen Gerüchten aus der Werkstatt der Psychologie.

Die Autorität des Offiziers entbehrt so gar jeden Scheins von Begründung. Sie wird nicht erworben, sie hängt nicht von geistigen Qualitäten oder sonstigen menschlichen Eigenschaften ab. Der Offizier hat sie, wenn ihm mit der Ernennung die Befehlsgewalt übertragen wird. Alles andere, daß er Vorbild sein soll, gerecht gegenüber den Untergebenen, ihre Sorgen kennen muß usw., gehört in die Abteilung Lametta, das das tatsächliche Gewaltverhältnis behängt; mit dem bewußten Zweck, daß der einfache Soldat dann sagen kann: "Als Vorgesetzter hart, aber doch ein Kamerad, ein Mensch, durch dick und ...". Noch an der militärischen Ehrenbezeugung wird sinnfällig, daß die Autorität des Offiziers nur auf seiner Befehlsgewalt gründet: Gefreiter X mag den Hauptmann Y nicht mehr sehen können, seine Witze für bodenlose Sockenauszieher halten, ihn noch gestern stinkbesoffen bei seinem Geisteszustand ertappt haben, er hat die Hand zum Gruß zu erheben, wenn der vorbeikommt. Wissen muß ein Offizier natürlich, wie ein Befehl geht, also die Dienstvorschriften kennen. Daß ein Befehl "knapp" (Stillgestanden!), "klar" (Augen rechts!) und "verständlich" (Die Augen links!) zu sein hat, weiß er genau. Daß seine Anweisungen "natürlich, taktvoll, aber bestimmt" (Wegtreten!) lauten sollen, lernt er auch. Ebenso die Gewaltmittel, die ihm zur Verfügung sehen, um die Probleme zu bewältigen, die bei seiner "Menschenführung" auftreten: erzieherische Maßnahmen, die Disziplinargewalt, das Wehrstrafrecht. Sicher kennt er sich auch aus in der Ideologie, die zum Führungsauftrag dazugehört: "Befehle, wenn irgend möglich, sachlich zu begründen; die Untergebenen zu "motivieren"; ihr vertrauen zu gewinnen". Weil der Mechanismus von Befehl und Gehorsam davon nicht abhängt, kommt hier die Persönlichkeit des Offiziers zu ihrem Recht: das Reich der Freiheit, am Eigene Image in der Kaserne zu basteln, so oder so. Fehler kann der Offizier machen, wenn er seine Befehlsgewalt zu übertrieben heraushängen läßt, also z. B., statt auf dem Weg zum Dienst "Im Laufschritt, Marsch! anzuordnen, den ,,Entengang" befiehlt, was gemäß Dienstvorschrift der Bundeswehr "die persönliche Ehre" des Soldaten verletzt. Woran man sieht, wie fein der Unterschied zwischen der sachlich begründeten Ausübung der Befehlsgewalt ist. Sogar Befehle, die gegen das "Kriegsvölkerrecht" verstoßen, darf der Offizier nicht geben. Ein Feindbild und einen Standesdünkel benötigt ein moderner Offizier nicht. Er weiß, daß Feindbilder nur beim Feind gepflegt werden. Und sein eigenes Elitebewußtsein hält er für sachlich völlig gerechtfertigt; z. B. durch das moderne Gerät, das er bedienen darf, und nicht zuletzt durch die Hochschulen, die extra für ihn gebaut sind. Er sieht in sich den Diener der Freiheit aller und geht in seiner Selbstverleugnung so weit, mit Panzerarmeen und Raketen sogar die Freiheit der Friedensbewegung zum Demonstrieren zu schützen, obwohl die ihm das gar nicht dankt, also auch eigentlich nicht verdient. Wer als Offizier in die höheren Ränge befördert wird, darf immer größere Einheiten im Gefecht befehligen, was er dann auch meistens kann. Als Stabsoffizier oder General wird er schließlich fähig, auf den höchsten Ebenen von Strategie und Taktik planerisch mitzuwirken. Solchen mehrsternigen Generälen ist es dann sogar erlaubt, politisch Stellung zu nehmen-wenn der Inhalt auf Regierungslinie liegt. Denn loyal gegenüber der politischen Führung müssen alle Offiziere sein. Offiziere haben als Befehlshaber der nationalen Armee für deren kriegsfähige Schlagkraft zu sorgen; insofern sind sie unerläßlich für das nationale Interesse und verleihen den außenpolitischen Vorhaben der Staatsmacht erst ihr nötiges Gewicht und ihre Überzeugungskraft. Daß sie so nur Werkzeug der Souveräne des Staates sind-und nicht dessen wahre und eigentliche Herren wie z. B. die südamerikanischen Kollegen-, regt in einer wehrhaften Demokratie keinen Offizier auf; eher schon die Tatsache, daß man bisher die Schlagkraft der Truppe noch in keinem wirklichen Gefecht hat erproben können. Aber das sollte keinen Aspiranten von der Offizierslaufbahn abschrecken. Dieser Beruf ist unter allen akademischen Berufen der krisensicherste, solange eine Staatsgewalt mit ihren internationalen Interessen regiert. Und da ist ja kein Ende abzusehen. Und noch etwas kann den Offizier froh stimmen. Die Zeiten, da man nach der unseligen Niederlage in Weltkrieg II die Offiziere ein wenig in den Kasernen versteckte oder nur als in Uniform verkleidete Studienräte vorzeigte, sind vorbei. Sie dürfen sich wieder sehen lassen, die deutschen Offiziere, nicht nur auf dem Manöverball vor jungen Damen. Außerdem ist die Hoffnung, daß sie endlich einmal ein echtes Gefecht befehligen, wahrlich nicht unbegründet. "Prost, Prost, Kameraden ..."


© Resultate-Verlag 1987