Die Ökonomie der afrikanischen Staaten | Kolonialismus und Entkolonialisierung
1. Tatsächlich hat die politische Herrschaft in Afrika mit ihren Völkern ein Problem, das der bürgerliche Staat mit seinen Untertanen nie hatte: Es gibt sie, aber es gibt in der eigenen Gesellschaft kein Bedürfnis nach ihr. Sicher, fast alle afrikanischen Staaten verfügen über eine heroische Entstehungsgeschichte, in der eine "nationale Befreiungsbewegung" gegen die alte Kolonialmacht um die politische Autonomie, die Überführung der Staatsgewalt in die Hände einheimischer Politiker, gekämpft hat. Schon an diesen Kämpfen fällt jedoch auf, daß die einheimischen Volksmassen darin eine sehr merkwürdige Rolle gespielt haben: sie waren nicht das Subjekt, sondern Adressat der Aktionen "ihrer" Unabhängigkeitsbewegung; diese war nicht einfach der Vollstrecker eines vorhandenen, im Volk verankerten Nationalismus, sondern hatte - und die nachfolgenden Regierungen haben bis heute und auf absehbare Zeit - alle Hände voll damit zu tun, den schwarzen Untertanen der weißen Kolonialherrschaft ein Nationalbewußtsein und ein positives Verhältnis zu selbstgemachter Politik überhaupt beizubringen. Wie diese Art Unterricht in Staatsgesinnung unter Afrikanern vor sich geht, schildert einer der Männer der ersten Stunde im politischen Leben Kenias und wenig später eines der prominentesten Opfer des durch ihn mit ins Amt gehobenen Jomo Kenyatta - mit ehrlicher Begeisterung:
"Für einen wirkungsvollen Kampf gegen den
Kolonialismus und für den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach
Erreichung der Unabhängigkeit braucht man (?!), wie nun allgemein
anerkannt wird, eine nationale Bewegung. ... Eine nationale Bewegung
sollte die Mobilisierung aller verfügbaren Leute im Lande für
den Kampf um die Unabhängigkeit bedeuten. Diese Mobilisierung besteht
in einer Vereinfachung des Ringens, in seiner Simplifizierung und
Reduktion auf bestimmte Schlagworte und auf eine klare Idee, die jeder
verstehen kann, ohne daß man lange über Einzelheiten der
politischen Maßnahmen oder eines Regierungsprogramms für die
Zeit nach Erringung der Unabhängigkeit argumentieren müßte.
Die Mobilisierung geht von der Annahme aus, daß man zuerst einmal
die Unabhängigkeit erkämpfen und die Macht übernehmen muß,
um sein eigenes Schicksal bestimmen zu können. Das ist das erste
Ziel.
Jedem wird daher beigebracht, nur einen Feind - die Kolonialmacht - und
nur ein Ziel - die Unabhängigkeit - zu sehen. Das geschieht durch das
eine Wort, das alle Parolen der Bewegung enthalten. In Ghana war es Freedom',
in Ostafrika lautet es Uhuru' und in Nordrhodesien und Njassaland Kwacho'
(Morgendämmerung). Auf diese Weise verkörpert (!) ein einziges
Wort den Inhalt des Kampfes, und im weitgesteckten Rahmen der Bedeutung
dieses Wortes kann sich jeder selbst ausdenken, was Uhuru' gerade
ihm bringen wird. Der einfache Bauer wird bei Uhuru' an billige
Landwirtschaftskredite, mehr Nahrungsmittel und Schulen für seine
Kinder denken. Für den Büroangestellten mag es Beförderung
in den Direktorenrang bedeuten. Der Lehrling wird es als eine Chance
verstehen, ein qualifizierter Techniker zu werden, der Schüler wird
dabei an ein Stipendium in Übersee, der Kranke aber an bessere
Spitalsverhältnisse, der alternde Arbeiter an eine Altersversorgung
und Pension denken. Die Interpretation (!) des Ziels ist nicht von
unmittelbarer Bedeutung oder Wichtigkeit im Vergleich zur Bedeutung der
Aufgabe, zuallererst das gesamte Volk zu, mobilisieren." (Tom Mboya,
Afrika: Freiheit und nachher?, 1966, S. 63 f.)
Eingestandenermaßen haben die politischen Führer in Afrika es bei ihren Volksmassen nicht und nirgends mit politisierten Interessen zu tun, d.h. mit gesellschaftlichen Bedürfnissen, die sich als Forderungen an eine politische Gewalt - damit als Teil eines übergreifenden Gemeinwohls - verstehen und vortragen; denen also so sehr an staatlicher Anerkennung gelegen ist, daß auf sie eine funktionstüchtige staatliche Gewalt sich gründen läßt. Gerade umgekehrt verfolgen die politischen Bewegungen in diesen Staaten das Programm, die Vorstellung einer möglichen Nützlichkeit der staatlichen Gewalt für die Bedürfnisse der Volksmassen bei diesen allererst zu wecken; und in den Aktionsformen, die sie dafür anwenden, tragen sie praktisch - so wie Tom Mboya in seiner Schilderung derselben theoretisch - dem Umstand Rechnung, daß es allein das Reich der Phantasie ist, in dem eine solche Transformation materieller Wünsche ihres Volkes in einen politischen Willen zu schwarzer Selbstregierung herzustellen ist. Schon der Materialismus selbst, auf den die Bewegungen zur Politisierung der Volksmassen meinten und meinen bauen zu können, ist eine höchst zweifelhafte Angelegenheit: Wie soll bei dem. Stichwort für schwarze Selbstregierung - das nicht zufällig entweder der Bildersprache oder der alten Kolonialsprache entstammt - ein frühzeitig alternder Wanderarbeiter an eine Altersrente denken, die er im Unterschied zu seinem auslandserfahrenen politischen Führer noch nicht einmal vom Hörensagen kennt, oder ein Kranker, der gerade erstmals mit moderner Medizin statt mit seinem Medizinmann konfrontiert ist, die Vorstellung besserer Spitalsverhältnisse fassen? Daß die Massen immerhin politisierbare Interessen hätten, ist bereits die Erfindung nationalistischer Politiker, die sich als Agenten eines bloß noch wachzurufenden politischen Volkswillens verstehen und betätigen wollen. Dieser Erfindung den Anschein von Wahrheit und eine politische Substanz zu verleihen, ist selbst wieder allein das Werk einer Agitation seitens der nationalistischen Bewegung, die bei ihren Adressaten tatsächlich nur auf ein einziges politisch ausnützbares Volksvorurteil bauen kann: daß den schwarzen Massen die Kennzeichnung der Kolonialherren, "also" der Weißen, als Schuldige an jeglichem übel und als prinzipieller Hauptfeind einleuchtet. Selbst wo die Erweckung und antikolonialistische Ausformung solcher Gegnerschaft gelingt - und nicht einmal das ist ausgemacht! - , folgt daraus aber noch lange nicht ein positives Interesse an neuer, bodenständiger Herrschaft, geschweige denn ein massenhaftes Engagement für geregelte politische Verhältnisse und schon gar nicht irgendeine Begeisterung für die Aussicht, ab sofort als Ghanaer, Kenianer oder Zairer herumzulaufen.
2. Gleichwohl gibt es in Afrika praktisch nur noch - mit der einen
Ausnahme Südafrikas - autochthone Nationalstaaten; überall
haben, gewaltsam oder mit Einverständnis der alten Kolonialmächte,
nationalistische Gruppen ein Herrschaftssystem durchgesetzt, das in seinem
entscheidenden Punkt dem modernen bürgerlichen Staat nachgebildet
ist. Prinzip und Kriterium der Herrschaft ist die nationale Souveränität,
also eine zentrale, das ganze Land umfassende und als der zusammengefaßte
politische Wille des darin lebenden Volkes auftretende Gewalt. Von einer "Rückkehr"
zu irgendwelchen vorkolonialistischen, also vorbürgerlichen
Herrschaftsformen, etwa zu Formen "feudaler" Herrschaft, wie es
sie in Afrika vor der Kolonialisierung durch die Europäer teilweise
gegeben hat, kann nirgends die Rede sein. Die zur Macht gelangten
politischen "Führer" und "Eliten" herrschen
keineswegs im Stile lokaler Fürsten über Land und Leute, noch
hat die Existenz einer zentralen Staatsgewalt auch nur das Geringste mit
einer Koalition kleiner Potentaten - etwa im Sinne der früheren, zum
Teil auch heute noch agierenden "Chiefs" - zu tun. Politisch
geben diese Staaten sich vielmehr als zentralistische nationale
Gemeinwesen; es ist eben, wirklich die kolonialistische Staatsgewalt, die
die nationalistischen "Bewegungen" übernommen haben, und
entsprechend führen deren Macher sich auf wie die Funktionäre
eines .bürgerlichen Souveräns: eben als Staats-, Verwaltungs-,
Partei- oder Militär-Beamte. Nur sind diese Staatsdiener
eben ohne Staatsbürger, die das Walten "ihrer"
politischen Funktionäre als .Dienst an ihren politisierten Interessen
zu schätzen wüßten, oder vielmehr: ohne andere
Interessenten und Nutznießer ihres Dienstes an der nationalen Souveränität
als sie selber. Die Macher und Schützer der Staatsgewalt sind
hier die einzige gesellschaftliche Kraft, die von sich aus ein wirkliches
Interesse an dieser hat - eben um sie zu machen; als die Inhaber der
Staatsgewalt sind sie zugleich diejenigen und die einzigen, von denen die
Staatsgewalt tatsächlich "ausgeht". überflüssig
darauf hinzuweisen, daß es sich bei den einschlägigen Figuren
um besonders gelehrige Schüler imperialistischer Unterweisung
handelt. Mit den christlich, kulturell und demokratisch zur Kenntnis
,gebrachten Idealen politischer Herrschaft entwickeln sie ihre ausgeprägte
Liebe zur Macht, die sie mit bestem Wissen und Gewissen auch noch an den
unpassendsten Stellen - nämlich bei Staatsbesuchen und Bettelreisen
an europäischen Höfen der Neuzeit - als revolutionäre
Gesinnung verkaufen.
Politik, die Nutzung der staatlichen Macht zu ihrer
eigenen Stärkung, ist hier demgemäß ein Geschäft ganz
eigener Art. Sie hat nicht - wie sonst im modernen Staat - ihren Inhalt
und ihren sachlichen Maßstab in der bedingten Förderung
vorfindlicher gesellschaftlicher Interessen, die sich der Staatsgewalt als
Mittel bedienen und durch ihr Gedeihen umgekehrt die Grundlagen
staatlicher Macht stärken. Gegenstand der Politik ist vielmehr
unmittelbar ihr eigenes Stattfinden: nicht nur neben, sondern ohne
brauchbare gesellschaftliche Grundlage sorgt die Souveränität
für ihren eigenen Bestand. Der Zweck jedes Politikers der bürgerlichen
Welt, sich die Macht zu erringen, womit er sich in den Dienst
an der Macht stellt, kommt hier ganz ohne das Bemühen aus, seinem
Volk die spezielle Nützlichkeit seiner Handhabung der Staatsgewalt für
dessen ökonomische Interessen vorzuführen. In Afrika gibt es den
Tatbestand einer rein politischen Machtübernahme, die sich ohne Bezug
auf einen ökonomischen "Auftrag" der eigenen Gesellschaft
abspielt. Die Kennzeichnung des politischen Geschäfts afrikanischer
Staatsmänner als Korruption benennt diesen Tatbestand auch,
allerdings ganz verkehrt: Es existiert ja gar kein Gegensatz zwischen dem
idealen politischen Auftrag des Politikers, dem Gemeinwohl zu dienen, und
seinem subjektiven Interesse an der Macht, wie er ansonsten dem bürgerlichen
Politiker die Drangsale der Bestechlichkeit beschert; das subjektive
Machtinteresse der "Staatsdiener" ist vielmehr das
einzige politische Interesse, das es in der Gesellschaft dieser
Staaten überhaupt gibt, und deswegen per se mit dem "Gemeinwohl"
identisch.
Konkurrenz innerhalb der zur Macht gelangten nationalistischen
Eliten ist damit keineswegs ausgeschlossen, sondern ergibt sich im
Gegenteil mit Notwendigkeit. Sie ist von besonderer Härte, eben weil
die Staatsgewalt allein ihren Inhabern einen Nutzen abwirft; sie ist
prinzipiell frei von jeder Vermittlung über programmatische
Differenzen wie von den inhaltlichen Kriterien gelungener bürgerlicher
Herrschaft; und sie findet statt ohne jede Rücksicht auf eine
kritisch abwägende öffentliche Meinung, der die Maßnahmen
der Konkurrenten gegeneinander als in einem höheren staatspolitischen
Interesse liegend erklärt werden müßten, eben weil es eine
den Massen aus ihrer staatsbürgerlichen Seele sprechende Öffentlichkeit
überhaupt nicht gibt. Für die Austragung dieser Konkurrenz
taugen all die demokratischen Mittel und "Spielregeln" nicht,
auf die die afrikanischen Souveräne sich, dem politischen Charakter
ihrer Herrschaft entsprechend, in ihren Verfassungen formell verpflichtet
haben. Nur ausnahmsweise geht ein Machtwechsel nach den gesetzlichen
Vorschriften vonstatten, üblicherweise dagegen als Putsch, und zwar
als Putsch im engsten Führungskreis, ohne Notwendigkeit für die
erfolgreiche Partei, sich dem Volk groß zu erklären, geschweige
denn ihm für die Zukunft Verfassungstreue und demokratisches Gebaren
zu versprechen - es gibt ja kein relevantes gesellschaftliches Interesse,
das darin sein Mittel sähe. Zur Rechtfertigung des Machtwechsels genügt
allemal der stets mit Leichtigkeit nachzuweisende Vorwurf, die abgesägte
Garde hätte nur in die eigene Tasche gewirtschaftet; ein Vorwurf, der
bereits das gesamte politische Programm der neuen Garde enthält: Ab
sofort wird in neue Taschen gewirtschaftet.
Auf das Volk kommt es bei alledem nur in einer Hinsicht an: Eben weil die
souveräne Gewalt keine Grundlage in politisierten Interessen ihrer
Untertanen hat, muß sie um so gründlicher Vorsorge treffen, daß
deren Existenz sich nicht als Störung bemerkbar macht. Als moderne,
politische Herrschaft betreibt sie ihre Sicherung immer am Leitfaden des bürgerlichen
Ideals einer unverbrüchlichen politischen Einigkeit zwischen Führung
und Volk, wobei sie allerdings, sachgerecht, dieses Ideal - aller Elemente
der Rücksichtnahme auf des Volkes vielfältige "Ansprüche"
ledig - explizit antipluralistisch auf seinen "harten Kern"
reduziert, wie er in wirklich politischen Gemeinwesen nur zu den Notzeiten
der Demokratie so unverhüllt zur Geltung kommt:
"Die Leute müssen so organisiert werden, daß sie einer Armee gleichen: Sie müssen einen General haben, sie müssen Disziplin besitzen, sie müssen sich um ein Symbol scharen. In vielen Fällen ist dieses Symbol der nationale Führer selbst, und man braucht dieses Symbol einer heroischen Vatergestalt, will man sich widerspruchslose Disziplin unter den verschiedenen Gruppen und Persönlichkeiten sichern, die ihre Anhänger um die Symbolfigur sammeln sollen. Der nationale Führer braucht eine Organisation, die so gestaltet ist, daß er wirklich führen, Disziplin aufrechterhalten und die Durchführung von Aktionen verlangen kann, wann immer daß notwendig ist. Daher muß eine Massenbewegung geschaffen werden, die alle und jeden aufnimmt. Und dazu gehören als wichtiger Charakterzug der Bewegung ganze Wellen großer politischer Massenkundgebungen im ganzen Land." (Tom Mboya, a.a.O., S. 64)
Loyalität schlechthin gilt es zu produzieren: Loyalität rein als Gesinnung, jenseits noch der bloßen Vorstellung eines damit verbundenen Vorteils. Und für die Durchsetzung dieses rein idealistischen Zwecks haben alle nachkolonialen Staaten Afrikas sich mehr oder weniger komplett das Instrumentarium faschistischer Politik zugelegt: Vom politischen Volksfest, das auf ebenso inhalts- wie bedingungsloses Einverständnis der feiernden Massen mit dem nominellen Ausrichter ihrer Feier zielt, bis zur Einheitspartei, die den Nationalstolz zum obersten, ja einzigen Programmpunkt hat - und der in Zaire der Einfachheit halber jeder neugeborene Untertan per se als Mitglied angehört - ; von Massenverbänden für Frauen, Kinder und Jugendliche bis zu Staatsgewerkschaften, die sich weder für Löhne noch für staatliche Leistungen, sondern für nationale Aufbauprogramme einsetzen; vom Führerkult bis zur Folter; vom kaum verhohlenen politischen Mord bis zu gelegentlichen Wahlen, deren Ergebnis nie zweifelhaft ist. Dies alles steht im übrigen keineswegs im Widerspruch dazu, daß sämtliche "nationalen Unabhängigkeitsbewegungen" ihren antikolonialistischen Kampf unter der erzdemokratischen Parole "One man - one vote" geführt haben: Inhalt dieser Parole war in Afrika eben nie ein anderer als der antikolonialistische Angriff auf eine herrschende auswärtige Minderheit und ist daher heute folgerichtig das Ideal der jeweils Regierenden, politisch im Namen ihrer Untertanen zu handeln.
3. Auch bei der Anwendung faschistischer Methoden durch afrikanische
Regierungen macht sich jedoch immerzu störend bemerkbar, daß
diesen ihre bürgerliche Grundlage fehlt: ein politisiertes Volk, das
aus eigenem falschen, nämlich nationalistischen Bewußtsein
heraus aus seiner unbefriedigenden materiellen Lage den staatsbürgerlichen
Schluß zieht, Gerechtigkeit nach dem Kriterium des nützlichen
Beitrags der einzelnen zum großen Ganzen zu fordern. Ein Neger hat
ganz andere Kriterien, nach denen er sich - wenn überhaupt - mit
seinesgleichen vergleicht, als die zivilisierte Barbarei staatsbürgerlicher
Aufopferung; vor allen anderen das der Stammeszugehörigkeit. Dieses
Kriterium ist aber, für sich genommen, gänzlich unpolitisch: Als
natürliches Merkmal hat es mit der Abstraktion eines "freien
Willens überhaupt" nichts zu tun; folglich ist es auch nicht,
wie das Kriterium der Nationalität, Prinzip oder auch nur möglicher
Inhalt eines Selbstbewußtseins, Rechtssubjekt unter einer bestimmten
Souveränität zu sein, sondern bedeutet, daß der
individuelle Wille aus dem wirklichen verwandtschaftlichen Zusammenhang
des einzelnen noch gar nicht herausgetreten ist - dies im Gegensatz auch
zu der rein ideologischen Verrücktheit des bürgerlichen
Rassismus etwa der Nazis, das Ideal nationalen Zusammenhalts in einer
Klassengesellschaft mit der Vorstellung einer blutsverwandtschaftlich begründeten
Volksgemeinschaft zu festigen. Der Stammeszusammenhang wird auch dadurch
noch nicht zu einer politischen Größe, daß die
Etablierung moderner Herrschaftszonen durch den Kolonialismus und deren Überführung
in selbständige Nationalstaaten mit der Errichtung staatlicher
Grenzen und der Forderung nach Gehorsam gegenüber >einem
politischen Souverän sich über ihn hinwegsetzt und "Stammesgrenzen
zerschneidet": Noch nirgends hat die Stammesverwandtschaft zwischen
Angehörigen verschiedener moderner "Nationen" allein und
von sich aus den politischen Zusammenhalt der jeweiligen Staaten wirklich
in Frage gestellt, geschweige denn eine neue "ethnisch geschlossene"
Nation hervorgebracht; im Selbstbewußtsein des Stammes kommt
politische oder gar nationale Souveränität, womöglich als
Gegenstand von Streitigkeiten mit anderen Stämmen, überhaupt
nicht vor. (Mit ihren Krokodilstränen über kolonialistische
Grenzziehungen ohne Rücksicht auf "ethnische Gegebenheiten"
als angebliche Quelle heutiger "Unruhen" sprechen westliche
Kommentatoren aller Couleurs nur ihren Wunsch nach politischer Stabilität
dortzulande aus, und zwar in der Ideologie des bürgerlichen
Rassismus: Sie messen die politischen Verhältnisse in Afrika an ihrem
demokratischen Ideal politischer Einigkeit zwischen Volk und Führung,
"konkretisieren" diesen Maßstab für die afrikanischen
Verhältnisse zu dem politischen Idealbild einer ethnisch homogenen
Nation und erklären sich aus dessen Verfehlung das ärgerliche
Ungenügen afrikanischer Regierungen vor dem berechtigten Anspruch der
Welt auf eine ordentliche Herrschaft auch in Afrika.) Politisch relevant
wird der natürliche Stammeszusammenhang, in den die afrikanischen
Volksmassen ihren Stolz setzen, erst und überhaupt nur dann, wenn,
und in dem Maße, wie er von den politisch wirklich relevanten Kräften
in diesen Staaten, nämlich von deren Politikern, politisch relevant
gemacht wird: als Mittel ihrer Konkurrenz untereinander um die
politische Macht. Dazu allerdings läßt er sich machen:
Der Stammesstolz ist eine - und zwar die einzige - wirklich in den Massen
verankerte Verrücktheit, über die diese sich für die Person
eines Politikers und gegen seine Konkurrenten begeistern lassen. Als
Prinzip genommen, tritt damit innerhalb der politischen Elite des Staates
der Tribalismus auf den Plan - der also alles andere ist als ein "Rückfall"
in "traditionalistisches Stammesdenken", wie die jeweiligen
politischen Gegner es dieser Position vorwerfen: Für einen rein
politischen Kampf um die Macht im Gesamtstaat wird hier eine atavistische
Begeisterung für ein kollektives Naturmerkmal in Dienst genommen.
Eine Politisierung der Stammeszugehörigkeit - wie sie von
Ideologen des "afrikanischen Sozialismus", nämlich einer
staatsbürgerlichen Solidarität auf Stammesbasis, behauptet und
verlangt wird - ist damit allerdings ebensowenig verbunden wie umgekehrt
eine Unterwerfung der politischen Souveränität, um die so
konkurriert wird, unter den Zusammenhalt des Stammes, also eine Entpolitisierung
der Staatsgewalt. Ersteres wird daran deutlich, daß der
politische Schachzug, Stammesgegensätze aufzuregen, stets schlimmere
Folgen heraufzubeschwören droht als die beabsichtigten.. Ein einmal
erregter und bewaffneter Stammesstolz hat in sich keinen politischen Zweck
und daher kein Maß, macht folglich im Falle des Sieges von sich aus
auch nicht eher Schluß, als bis die Gegnerschaft gegen den nur unter
seiner Naturbestimmung vorgestellten feindlichen Stamm sich ausgetobt hat,
und wirkt so auf die Zerstörung des Staates als einer politischen Größe
hin - dies das Prinzip der von westlichen Beobachtern immer wieder genüßlich
zitierten afrikanischen Grausamkeit:
"Beim überfall auf ein Dorf bei Nimule starben im Oktober fast hundert Menschen. Die Karamojong trieben die Bewohner in eine Mulde und warfen jauchzend Handgranaten hinein." (Der Spiegel, Nr. 45/1979, S. 167 über "das Chaos in Uganda nach dem Sturz des Diktators".)
Die äußerst billige und aus Anlaß jeder Befreiungsbewegung wieder aufgewärmte Erregung über die Gewalttätigkeit "losgelassener Neger" darf man getrost als das abgeschmackteste Lob fassen, das sich zivilisierte Demokraten selbst spenden. Falsch allerdings wäre es, dem selbstverständlich unterstellten Rassismus - "So sind sie!" - mit einem Dementi zu begegnen, das sich auf bessere Exemplare jener Rasse beruft. Die Wahrheit liegt nämlich auch hier nicht in der Mitte und ist schlimm genug. Der Stand der natürlichen Unschuld, mit dem Schwarze in allen Teilen des Kontinents auftreten, sooft sie zu Entscheidungen herangezogen werden, deren Subjekte sie nie und nimmer sein können, betätigt sich in den vom Ausland arrangierten Gemetzeln eben in der ganzen unidyllischen Art, die diesen Stand auszeichnet. Da werden Menschen, die sich in der Produktion ihres Lebens noch nicht einmal vom Naturzusammenhang gelöst haben, mit den Mitteln moderner Kriegsführung versorgt und den Zwecken gänzlich unpersönlicher, dafür mit sittlichen Werten aller Art beweihräucherter Konkurrenz unterworfen - und wenn sie sich dann "wie Tiere", also ohne völkerrechtliche Rücksichten ans Töten machen, handeln sie sich eine moralische Verurteilung ein, zu deren Verständnis ihr Intellekt nicht einmal im entferntesten ausreicht. Selbst der Einwand, daß zwei Weltkriege und anderes mehr aus der Geschichte ihrer zivilisierten Kommandeure auch kein Honiglecken, dafür aber ein schöner Beleg für die charakterliche Reife des weißen Mannes gewesen seien, steht ihnen nicht zu Gebote. Wohl als Ersatz für ihre dem Mangel an Bildung geschuldete Fühllosigkeit ist das Lob ihrer Unvernunft zu verstehen, das sich seit geraumer Zeit ihre Führer abringen:
"Die Emotion ist negerhaft, wie die Vernunft griechisch ist." "Und die Arbeit ist keine Fron, sondern Quelle der Freude, denn sie erlaubt die Verwirklichung und Erweiterung des Seins. Ich muß hervorheben, daß in der Negergesellschaft die Arbeit an der Erde die edelste Arbeit ist." (Senghor)
Soviel ist sicher: Dieser positive Rassismus ist nicht dem afrikanischen Busch entsprungen, denn dort ist weder die Substantivierung der Kopula noch die damit bewerkstelligte - reaktionäre Philosophie des Seins üblich. Die dort gebräuchlichen sprachlichen Mittel, Index eines freien Umgangs des Gedankens mit den praktisch interessierenden Gegenständen der eigenen Lebensgestaltung, verraten einem unbefangenen Beobachter sehr schnell, wie befangen und unfrei die Schwarzen Afrikas sind, deren Leben heute für die Freiheit eingesetzt wird, für die sie nicht einmal ein Wort kennen. Einem Einheimischen und in der Welt herumgekommenen Nutznießer dieser Unfreiheit jedoch eröffnet auch noch die fehlende Bekanntschaft mit gewissen Sachverhalten, deshalb das Fehlen eines Wortes dafür den Schluß auf den afrikanischen Sozialismus:
"Die negerafrikanische Gesellschaft ist eine klassenlose Gesellschaft. Das Wort Klasse' gibt es gar nicht in einer Stammessprache. Meine Landsleute können Sozialismus nur als Zusammenarbeit verstehen." (Nyerere)
Angesichts solcher Leistungen des modernen Kulturimperialismus, wie ihn echte Landsleute pflegen, braucht sich Hegel des objektiven Gehalts seines - bekanntlich zur kontinentalen Charakter- und Rassenlehre ausgebauten - Urteils wahrlich nicht mehr zu schämen:
"Das Reich des Geistes ist dort so arm und doch der Geist in sich so intensiv, daß die eine Vorstellung, die hineingeworfen wird, sie dazu treibt, nichts zu respektieren, alles zu zertrümmern. ... Es ist in ihrem Bewußtsein so Weniges vorhanden, was Achtung an und für sich verdiente; deshalb ist die Vorstellung, die sich ihrer bemächtigt, die einzig wirkende und treibt sie dazu, alles zu vernichten." (Die Vernunft in der Geschichte, Anhang; Hoffmeister S. 231)
Dieser barbarischen Logik haben sich andererseits die aufgeklärten, politisierten afrikanischen Führer, so ausgiebig sie sich ihrer bedient haben und bedienen, nie ganz verschrieben; ihnen ist schon Höheres geläufig. Noch stets wird nach dem so errungenen politischen Sieg das Morden auch einmal wieder eingestellt und der mehrere Stämme umfassende Nationalstaat befriedet. Zwischen den afrikanischen Staaten ist dies sogar als Grundregel ihrer Koexistenz, nämlich als zentraler Grundsatz der Charta der OAU festgelegt: daß auch bei noch so inniger Stammesverwandtschaft über die einmal bestehenden Grenzen hinweg dieselben unverbrüchlich zu bleiben haben. Innerhalb der meisten afrikanischen Staaten ist mit der innenpolitisch de facto fest verankerten Rücksichtnahme auf den Stammesproporz bei der Zusammensetzung der regierenden Mannschaft - bei einer Mehrzahl etwa gleichstarker Stämme kann da auch ein Angehöriger eines besonders kleinen Stammes zum Präsidenten avancieren, wie z.B. Kaunda von Sambia - eine gewisse Vorsorge dafür getroffen, daß der politisch immer wieder fällige Rückgriff auf einen so unpolitischen Machtfaktor wie den Stammeszusammenhang funktional vor sich geht, der politische Tribalismus nicht bis zur Gefährdung des damit verfolgten Zwecks, der Behauptung der souveränen Zentralgewalt, ausufert.
4. Das politische Leben innerhalb der modernen "Nationalstaaten"
Afrikas besteht somit in der unmittelbar gewaltsam ausgetragenen
Konkurrenz einer politisierten Elite um die souveräne Gewalt in ihrem
Staat; einer Konkurrenz, an der das beherrschte Volk ausschließlich
in der Weise beteiligt ist, - daß die politischen Konkurrenten es
vermittels des "kollektivistischen" Moments in seinem
vormodernen, ganz unpolitischen Negertum, nämlich durch die
Mobilisierung von Stammesstolz, je für sich antreten lassen. Gerade
in ihrer Abgetrenntheit von ihrem Volk, dem (national)staatsbürgerliches
Bewußtsein durchaus fremd ist, und als Gegenstand einer Konkurrenz,
in der Zufälligkeiten wie ein einziger gelungener Mordanschlag, die
Auslandsreise des obersten Chefs oder die Meuterei. einer Handvoll
Offiziere ausschlaggebend sind, bewahrt die Staatsgewalt selbst in diesen
Ländern ihren politischen Charakter, so wie sie durch den
kalkulierten Rückgriff auf die Militanz eines vorpolitischen
Stammestums immer wieder ihre Macht befestigt; und gerade als die nicht
politisierte Manövriermasse im Machtkampf der politischen Elite hat
das Volk seine politische Funktion: ist es in der passenden Weise "politisiert".
Von den politischen Verhältnissen in "normalen" modernen
Staaten, insbesondere in 6n formell nachgeahmten bürgerlichen
Demokratien, unterscheidet das politische Leben in den afrikanischen
Staaten sich demzufolge nicht graduell, wie alle kritischen,
bedauernden oder kritisch-bedauernden Urteile über "demokratische
Defizite", "bürokratische Unfähigkeit", "sektorale
Unentwickeltheit" usw. unterstellen, sondern prinzipiell: So
sehr sie sich als solche geben, sowenig sind doch diese
Staatsgebilde die mißratenen Kopien entwickelter, effizienter
demokratischer Gemeinwesen. Was ihnen im Vergleich zu diesen abgeht, ist
nichts geringeres als der substantielle Inhalt des politischen Lebens: der
bestimmende, nämlich der Konkurrenz der Politiker ihren Maßstab
setzende Zweck, die materielle Grundlage staatlicher Macht im eigenen Volk
zu schützen und zu fördern. Die Staatsgewalt steht dort zu ihren
Untertanen in keinem politökonomischen Verhältnis der
Art, daß sie deren Interesse an materiellem Wohlergehen zum
Mittel ihres Interesses an staatlich verfügbarem
gesellschaftlichen Reichtum machte. Sie macht sich nicht politisch von der
staatsbürgerlichen Loyalität ,ihrer Bürger' abhängig,
weil deren ökonomische Anstrengungen, ihre Produktionsweise,
kein positives Interesse am Herrschaftssystem hervorbringen. Es gibt keine
Produktion von Reichtum zu befördern, deren Gelingen - eine
politische Herrschaft für die einen notwendig und für die,
andern lohnend macht, so daß die Souveränität im Dienst an
einer nationalen Ökonomie ihren adäquaten Inhalt hätte und
die Funktionäre der Politik ihren Unterhalt und den ihres
Gewaltapparats konjunktur- und sozialpolitisch verdienen würden.
Auf der anderen Seite ist der Herrschaftsapparat der modernen
afrikanischen "Nationalstaaten" weit hinaus über das Maß,
in dem die afrikanischen Stämme es "naturwüchsig" zu
einer Herrschaft und einem von dieser angeeigneten und ausgenutzten Überfluß
gebracht haben: Innerhalb der Stämme hatte die herrschaftliche
Organisation sich darauf beschränkt, daß ein kleines Ensemble
von Großfamilien sich einen von der Arbeit freigestellten Häuptling,
Medizinmann oder eine Zauberin leistete; zwischen verschiedenen Stämmen
existierte bisweilen ein dem Raubüberfall engstens verwandtes Verhältnis
der Tributpflicht einiger kaum für den eigenen Lebensunterhalt genügend
produzierender Stämme gegenüber einem kämpferisch überlegenen
Kriegerstamm, der es auf diese Weise allenfalls zu einem größeren
System derartiger quasi-feudaler Tributverhältnisse und ausnahmsweise
zu einer veritablen Hauptstadt bringen konnte. Die modernen afrikanischen
Staaten dagegen sind mit dem ganzen Apparat einer normalen politischen
Herrschaft ausgestattet, angefangen von einer zwar - an demokratischen
Vorbildern gemessen - hoffnungslos ineffektiven, aber regelrechten
Verwaltung mit - nach westlichem Urteil: viel zu - zahlreicher
Beamtenschaft über wenigstens eine politische Partei und ein reguläres
stehendes Heer bis hin zur nötigen Repräsentation in aller Welt
einschließlich Diplomaten, nationaler Fluglinie, gelegentlich üppigen
Diamantengeschenken an befreundete demokratische Präsidenten und zwar
nicht ernst genommenen, aber respektablen Abordnungen bei Konferenzen und
Olympischen Spielen. Sie besitzen dies aller, jedoch ohne die materielle
Grundlage, über die eine wirklich souveräne Staatsgewalt verfügt
und verfügen muß, nämlich eine eigene Volkswirtschaft,
die, sei es auf die demokratisch-kapitalistische oder die
volksdemokratisch-sozialistische Tour, verfügbaren Überschuß
produziert, aus dem die Staatsgewalt nach ihren Bedürfnissen schöpfen
kann. Wie politisch, so auch ökonomisch steht die politische
Herrschaft in den afrikanischen Staaten außer jedem Verhältnis
zu den Interessen und Leistungen ihrer Untertanen.
Wo sie ihre wirkliche Grundlage hat - denn gewissen
antikolonialistischen Gerüchten zum Trotz fällt auch in Afrika
die politische Herrschaft nicht vom Himmel der demokratischen Ideale - ,
ist kein Geheimnis. Politisch wie ökonomisch beruht sie auf einem
Interesse an ihrer Existenz, das auch über die Mittel
verfügt, sie mit dem dazu nötigen Inventar auszustatten. Der
politische Anspruch, daß in jedem Winkel dieser Kontinents
Herrschaft sein soll, ergeht aus dem auf eigene politische und militärische
Gewalt gegründeten, also dem imperialistischen Ausland; und ebenso
ist der Reichtum, von dem afrikanische Staatsgewalt existiert, die
zugestandene Teilhabe an dem wirklichen, im eigenen Herrschaftsbereich
geschaffenen Reichtum auswärtiger Mächte. Das Paradox einer
souveränen Gewalt ohne Grundlage im Bereich ihrer Zuständigkeit
löst sich sehr logisch auf in das Paradox eines Souverän,
den es als solchen gibt, weil und insofern andere wirkliche Souveräne
sich ihn leisten wollen.
So ist in Afrika die höchste Gewalt ihr eigener Herr und ihre eigene
Grundlage, also souverän.
Daß die afrikanischen Souveräne ihre materielle Grundlage
nicht in ihrem eigenen Herrschaftsbereich haben, sondern in einem
Interesse des imperialistischen Auslandes, stellt sich ökonomisch zunächst
so dar, daß sie ihre zur Selbsterhaltung nötigen Mittel aus
ihrem Außenhandel beziehen: Im Export verschaffen sie sich die
finanziellen Voraussetzungen, im Import die sachlichen Instrumente ihrer
Herrschaft.
Die offensichtlichste Eigenart ihres Exports liegt in der Art der Güter,
mit denen sie ihn bestreiten. Bekanntlich handelt es sich dabei um
Naturstoffe und Produkte, über die die afrikanischen Staaten auf
Grund der Lage und natürlichen, vor allem geologischen Beschaffenheit
ihres Staatsgebietes verfügen und die unter dem Gesichtspunkt ihrer
produktiven Verwendbarkeit in der Ökonomie anderer Länder den
widersprüchlichen Namen "natürliche Reichtümer"
tragen: um
Um welche Sorte Rohstoffe es sich jeweils handelt, durch die ein
afrikanisches Land für das Wirtschaftswachstum in den
reichtumproduzierenden Ländern interessant wird, ist dem jeweils
aktuellen Weltalmanach zu. entnehmen - nicht so sehr, weil die Prospektion
nach Bodenschätzen ebenso voranschreitet wie die Änderung der
Anbaubedingungen infolge einer rücksichtslosen agrarischen
Monokultur, sondern vor allem deswegen, weil das mit diesen Rohstoffen
vollbrachte Wirtschaftswachstum in den "Abnehmerländern"
deren Rohstoffbedarf nach Art und Umfang beständig umwälzt, den "Lieferländern"
ihre Wichtigkeit also keineswegs garantiert: Manches afrikanische Land ist
bereits (oder noch), was ihnen allen immerzu droht, nämlich
weltwirtschaftliches Brachland, ein Gelände, dessen
Naturbeschaffenheit keine derzeit lohnend auszunutzenden Eigentümlichkeiten
zu bieten hat.
Der Grund dafür liegt selbstverständlich nicht in der physischen
Beschaffenheit der Naturprodukte, aus deren Export der zuständige
Souverän seine Einkünfte bezieht, sondern in der politökonomischen
Qualität, die diese Stoffe annehmen, sobald sie zur Würde
einer staatlichen Revenuequelle gelangen.
In der Zahlungsbilanz, über die afrikanische Staaten ganz so wie alle
anderen modernen Souveräne verfügen und an der sie Mehrung und
Gefährdung des nationalen Reichtums ablesen, erscheinen die Rohstoffe
des Landes - in der Regel zwei bis vier mit 90 % aller Aktiva - als
Handelsgüter, als reguläre Waren mit bestimmten Preisen. Dennoch
unterscheiden sie sich nicht bloß stofflich von den Waren, mit denen
kapitalistische Nationen ihren Außenhandel bestreiten. Deren Exportgüter
entstammen nämlich einer Produktion für ein im eigenen Lande
vorhandenes zahlungsfähiges Bedürfnis; ihr Verkauf ist ein
Mittel, Gewinne zu machen; und aus diesem Grunde wird ihre Erzeugung
vermehrt und Ausschau nach günstigen Produktions- und
Verkaufsbedingungen gehalten. Der Produktionspreis der nationalen Produkte
wird mit dem ausländischer Produzenten verglichen, und als
exportierter Überschuß auf Grund eines konkurrenzfähigen
Produktionspreises sind diese Waren die stofflichen Mittel einer
nationalen Ökonomie, den Reichtum anderer Nationen in den Fortgang
ihrer Akkumulation als neue Bedingung mit einzubeziehen.
Genau davon kann bei den Exportartikeln der, afrikanischen Staaten nicht
die Rede sein.
Die Bodenschätze und landwirtschaftlichen Rohstoffe, mit denen sie
auf dem Weltmarkt auftreten, treffen im eigenen Land teils auf überhaupt
kein Bedürfnis, teils - soweit sie für die individuelle
Konsumtion der Landesbewohner oder ihren Bedarf an Gerätschaften für
ihre Produktionsweise in Frage kämen - auf keine zahlungsfähige
Nachfrage, sind also gar nicht die stofflichen Mittel einer nationalen
Zirkulation. Ihre Erschließung und Förderung bzw. Kultivierung
und Ernte geschieht ausschließlich für - und ist daher auch in
Gang gekommen durch - das Interesse einer ausländischen Ökonomie,
die darin Mittel für ihren Fortgang und Fortschritt. entdeckt
hat und nutzen will. Auch sie stellen gewissermaßen, ihre Ausfuhr
beweist es, einen "nationalen Überschuß" dar: aber
eben nicht einen wirklichen Überschuß, der aus einer nationalen
Mehrwertproduktion entspringt,. sondern einen "Überfluß",
den man nur in Anführungszeichen als solchen bezeichnen kann, weil er
neben - und dieses neben' heißt stets: auf Kosten
- jeglicher Produktion für die Bedürfnisse des einheimischen
Wirtschaftens zustandekommt. Folglich haben sie auch keinen einheimischen
Wert: keinen Produktionspreis, mit dem ihre Produzenten auf dem
Weltmarkt auftreten könnten und über den ihre Produktivität
sich mit der ihrer Konkurrenten vergleichen würde; die Exportschlager
der afrikanischen Staaten sind nicht Ware. Sie werden zur Ware und
nehmen die Preisform an erst dann und nur dadurch, daß sie und wenn
sie ihr Ursprungsland verbissen. Ihre Warenform verdankt sich dem
Willen des zuständigen Souveräns, sich die Zulassung des
Abtransports dieser Güter bezahlen zu lassen, und der Bereitschaft
ausländischer Inhaber von wirklichem Reichtum, dafür zu
zahlen.
So schreibt der Souverän eines rohstoffexportierenden Landes, um an
seine Revenue heranzukommen, Listenpreise für seine Exportgüter
vor, die entweder direkt seinem Handelskontor, also der Staatskasse zufließen
oder als Berechnungsgrundlage für eine vom Käufer zu
entrichtende Ausfuhrabgabe dienen; er verpachtet sein Land sowie
Explorations- und Schürfrechte an ausländische Interessenten; er
beteiligt sich an deren Investitionen, und zwar nicht mit wirklichern
Reichtum, sondern mit der Verpflichtung seines ausländischen Geschäftspartners,
die Fiktion einer staatlichen Kapitalbeteiligung zu, akzeptieren und
Gewinnanteilen zu honorieren; und wenn er die Dependancen, einer ausländischen
Firma verstaatlicht, dann findet weder Enteignung statt - noch eine seriöse
Finanztransaktion, sondern die Teilhabe des Fiskus an dem Reichtum, der
anderswo aus den Schätzen des Landes gemacht wird, bekommt eine
Rechtsform, mit der die Regierung sich explizit zu ihrer Verantwortung.
dafür bekennt, daß das Geschäft des ausländischen
Investors kontinuierlich weiterläuft. In allen derartigen
Staatsaktionen, einschließlich sämtlicher politischer Bemühungen
um Absatz- und Erlösstabilisierungsabkommen mit den Käuferländern,
betätigt sich der politische Wille, nicht: sich am Außenhandel
einer nationalen Ökonomie auch noch fiskalisch mitzubereichern sondern:
die Verfügungsgewalt über das Land zu Geld zu machen. Und
damit beweisen alle ökonomischen Aktivitäten der
afrikanischen Staaten in Sachen Außenhandel, daß sie das ökonomische
Subjekt ihres Exports überhaupt nicht sind.
Denn die tatsächliche ökonomische Nutzung der bereitgestellten
Naturschätze: ihr Gebrauch als Mittel für die Produktion
wirklichen Reichtums, und damit die Voraussetzung dafür, daß
ihre Deklaration als Ware nicht bloß ein frommer Wunsch der
exportwilligen Staatsgewalt bleibt, fällt ganz auf die Seite der ausländischen
Nachfrage. Nur dort findet die Akkumulation von Wert statt, die es
erlaubt, ihre aus Afrika importierten stofflichen Voraussetzungen überhaupt
unter die Wertform zu subsumieren; und allein gemäß der
Kalkulation mit dem Kostpreis der Produktion, die die konkurrierenden
nationalen Kapitale dort einander aufherrschen, setzt das Interesse an
afrikanischen Rohstoffen sich in Zahlungsbereitschaft um. Die
Mithilfe sämtlicher Ideale des Freihandels vorgebrachte Bettelei der
afrikanischen Staaten um die Erlaubnis, mit ihren Gütern auf dem
westeuropäischen Markt auftreten zu dürfen, bezeugt schlagend,
daß hier keine Konkurrenz um ein zahlungsfähiges Bedürfnis
stattfindet, sondern das Bemühen, den eigenen Artikeln überhaupt
einen Preis zu verschaffen - ein Bemühen, dessen Erfolg völlig
von der Bereitschaft der kapitalistischen Nationen abhängt, die
angebotenen Güter als Bestandteil der Kosten ihrer nationalen
Akkumulation in Kauf zu nehmen.
Praktischer Ausdruck und Verlaufsform dieser prinzipiell gegebenen
Bereitschaft sind die Warenbörsen für Mineralien und
Naturprodukte, die nicht zufällig in New York, London und anderen
kapitalistischen Metropolen zu Hause sind. Sie sind das Mittel - nicht der
Rohstoffexporteure, ihre Vorstellungen über einen hinreichenden Preis
ihrer Angebote zu realisieren, sondern der kapitalistischen Käufer,
das Zugeständnis eines Preises für Rohstoffe gleich so zu
gestalten, daß dessen Höhe sich genau nach der tatsächlichen
Profitträchtigkeit ihrer Verwendung, nämlich nach dem aktuellen
Stand der Konjunkturen kapitalistischer Akkumulation bemißt. In der
Tat sind diese Börsen der einzige Ort in der kapitalistischen Welt,
wo wirklich Ernst gemacht wird mit der bürgerlichen Ideologie,
Gebrauchsgüter bekämen ihren Preis durch das Verhältnis
zwischen Angebot und Nachfrage: Wo die Anbieter keine Kalkulation mit
Produktivität und Profit in die Waagschale zu werfen haben, sondern
bloß ihren Wunsch nach Geld, entscheidet wirklich die
Zahlungsbereitschaft der Nachfrager darüber, was daraus wird. An die
Stelle des. Wertes, den kapitalistisch produzierte Waren in ihrem
Produktionspreis haben, tritt da die freie Bewertung durch
die Kundschaft - eine Art der "Wertbildung", die die normalen
Gesetze der Warenzirkulation auf den Kopf stellt, eben deswegen der
Spekulation ein weites Betätigungsfeld eröffnet - und allen
Vorstellungen über Tauschgerechtigkeit mitsamt der daraus
abgeleiteten Kritik an "strukturellen Ungerechtigkeiten" des
Weltmarkts Hohn spricht.
Für die Finanz- und Wirtschaftspolitik der afrikanischen Staaten oder
genauer: für ihre der Finanz- und Wirtschaftspolitik bürgerlicher
Staaten analogen Aktivitäten folgen aus dieser Art von Außenhandel
lauter Paradoxien. Die Staatsgewalt bringt es so fertig, ihren Bestand zu
finanzieren, ohne in ihrem Herrschaftsbereich über Quellen wirklichen
universal verwendbaren Reichtums zu verfügen, also ohne die dafür
eigentlich unerläßliche Akkumulation. Ohne ein nationalen Überschuß
repräsentierendes, also, profitträchtiges Warenangebot betätigt
sie sich als Außenhändler, indem sie die in ihrem Bereich
vorfindlichen sachlichen Voraussetzungen einer möglichen, aber eben
nicht existierenden nationalen Produktion zur Ware deklariert -
selbstverständlich ohne ihnen damit doch die Eigenschaft eines
mehrwertträchtigen Warenkapitals verleihen zu können.
Sein Geschäft macht ein solcher Souverän somit durch die bloße
Veräußerung seiner natürlichen Reichtümer, ohne durch
diese Transaktion die Bedingungen für eigenen Reichtum zu schaffen
und ihn zu vermehren. Wo die kapitalistischen Staaten den welthistorischen
"Kunstgriff~' praktizieren, ihre eigenen Unkosten zum Mittel der
Akkumulation zu machen, bestreiten die politischen Souveräne Afrikas
ihren Finanzbedarf mit einem "Geschäft", das die
vorhandenen stofflichen Voraussetzungen sowohl für den Aufbau einer
nationalen Produktion - die deswegen auch nicht zustandekommt - als auch für
die Fortführung dieser trostlosen Sorte von "Geschäft"
nur mindert. Und schließlich: Eben weil ihr Export
grundsätzlich nichts mit Gewinn zu tun hat, sondern mit dem
Ausverkauf der "Reichtümer" des Landes zur Finanzierung des
existierenden Herrschaftsapparats dient, haben die als Verkäufer
auftretenden Souveräne mit der Höhe des Preises für ihre
als Mittel fremden Reichtums freigegebenen Rohstoffe ökonomisch
nichts zu schaffen.
Dieser zuletzt genannte Zusammenhang wird gewöhnlich genau umgekehrt
aufgefaßt: Daß die afrikanischen Länder es nicht zu einer
eigenen funktionierenden Volkswirtschaft bringen, soll seinen Grund
darin haben, daß sie an der Festsetzung des Preises ihrer
Exportgüter zu wenig beteiligt seien, Dieser Auffassung - die nicht
nur von den betroffenen Staaten in ihren entsprechenden Beschwerden,
sondern heuchlerisch auch von ihren "Gesprächspartnern" in
den westlichen Außen- und Entwicklungshilfeministerien und der
dazugehörigen Weltöffentlichkeit vertreten wird - liegt ein
reiner Idealismus der Souveränität zugrunde: die fromme
Vorstellung, auf den Verkauf ihrer Naturschätze angewiesene Souveräne
dürften nicht einfach als besonders ohnmächtige Sorte von Verkäufern
behandelt, sondern sollten als wirkliche Souveräne respektiert
werden. Wahr ist an diesem Idealismus nur eins: Das, was sie anzubieten
haben, ist eben tatsächlich keine Ware, sondern ihre politische
Gewalt über die "Reichtümer" ihres Landes; und
deswegen haben sie in die Preisgestaltung auch wirklich nichts anderes
einzubringen als das politische Monopol über ihr Land. Daß sie
nichts anderes geltend machen können, heißt allerdings alles
andere, als daß die verehrte Kundschaft sich deswegen von
Gesichtspunkten der nationalen Ehre und der internationalen Gerechtigkeit
in ihrer Zahlungsbereitschaft leiten ließe. Und damit erwächst
der Wirtschaftspolitik dieser Staaten ihr eigentümlicher Gegenstand.
Sie findet erstens auf dem Feld internationaler Konferenzen statt, auf
denen die afrikanischen im Verein mit ähnlich beschaffenen Staaten
ihren kapitalistischen Abnehmerländern höhere Preise abzuhandeln
suchen. Das Druckmittel, das sie dafür zum Einsatz bringen können,
ist nicht ökonomischer Natur, sondern die Drohung mit
verschlechterten politischen Beziehungen - eine Drohung, die die
imperialistischen Adressaten ziemlich kalt lassen kann, weil jeder
Versuch, damit Ernst zu machen, den Ruin des betreffenden Landes zur Folge
hätte. Die Ergebnisse derartiger Konferenzen sehen entsprechend aus.
Entweder bleibt es bei Papieren, die das "Scheitern" der
angestrengten "Einigungsbemühungen" bedauern und neue
Konferenzen in Aussicht stellen. Oder es entstehen seltsame
Ausgleichskonten bei der Weltbank, die mit der Verheißung, extreme
Preisschwankungen nach unten "abzufedern", zwar nie den "Preismechanismus"
der so vortrefflich funktionierenden Warenbörsen außer Kraft
setzen, immerhin aber neben diesem den guten Willen der kapitalistischen
Staaten zu politischer Rücksichtnahme demonstrieren - gelegentlich
sind sie sogar für Investitionen gut, die den Abtransport der nützlichen
Dinge aus Afrika beschleunigen helfen.
Die afrikanische Wirtschaftsdiplomatie gelangt also immer nur zu dem
Ergebnis - wenn auch nicht zu der Einsicht - , daß sich mit einem
Staat, der nur mit auswärtigen Finanzen zu machen ist, wenig
Erpressung und noch weniger gutes Geld machen läßt. Die
afrikanischen Souveräne orientieren sich daher - zweitens - in ihrer
Wirtschaftspolitik an dem Ideal, ihr politisches Monopol über
ihre nationalen Naturschätze zu einem ökonomischen Monopol
auf ein für den Weltmarkt unentbehrliches Gut auszubauen, auf daß
eine Konkurrenz der Käufer einsetzen möge, die ganz von
allein die Preise in die Höhe treiben müßte.*)
Auch hier bringen sie es allerdings über den frommen Wunsch nicht
hinaus. Denn zum einen liegt es gar nicht in ihrer Macht, mit ihrem Güterangebot
überhaupt wichtig oder sogar unentbehrlich zu werden: Darüber
entscheiden allemal allein die Bedürfnisse der Kapitalakkumulation in
den reichtumproduzierenden Nationen. Weniger oder womöglich nicht zu
verkaufen, um so künstlich eine Konkurrenz um ihr spezielles
Exportgut zu erzeugen, liegt ebenfalls nicht in ihrer Macht; denn damit würden
sie unmittelbar ihre einzige Revenuequelle schmälern, die doch
sowieso ihren Finanzbedarf nicht deckt (deswegen soll sie ja einträglicher
gemacht werden!). Alle immerhin denkbaren und bisweilen auch unternommenen
Anstrengungen schließlich, ihren Rohstoffexport zu steigern,
garantieren ebenfalls keine höheren Exporterlöse. Im Gegensatz nämlich
zu einem kapitalistischen Produzenten, der mit der Produktivität
seines Kapitals gegen andere konkurriert und daher sein Geschäft
voranbringt, wenn es ihm gelingt, seine Konkurrenten mit einem günstigeren
Produktionspreis aus dem Felde zu schlagen, kann ein Rohstoffexporteur von
einem größeren Marktanteil bei verringertem Preis nie den
erhofften Vorteil haben. Umgekehrt freilich ist er bei gesunkenem Preis
gezwungen, wenn er sich seine Einkünfte erhalten will, mehr zu
verkaufen , was wiederum seinem Abnehmer alle Freiheit läßt,
den Preis zu drücken - dies alles nach dem ökonomisch ganz
unsinnigen Prinzip, auf dem sein Geschäft beruht, nämlich daß
es bei ihm nicht um Rentabilität, sondern um die Deckung eines
Finanzbedarfs geht. Das letzte Mittel afrikanischer Wirtschaftspolitik ist
die Lizenzierung oder sogar Initiierung von Versuchen, in die Exportdomänen
anderer rohstoffexportierender Länder einzubrechen - aller
Kaffeeanbau in Afrika ist beispielsweise ein allerdings noch zu
Kolonialzeiten eingeleiteter Angriff auf das brasilianische Kaffeemonopol
und derzeit finden Ghanas klassische Kakaopflanzungen Nachahmer im halben
Kontinent. Das Ergebnis ist auch hier absehbar: Statt die Stellung des
Exporteurs zu stärken, eröffnet sich so den Abnehmern die
erfreuliche Perspektive einer härteren Konkurrenz der Anbieter.
Die Position eines wirklichen Monopolisten - der als ausschließlicher
Verkäufer einer gefragten Ware aus der Konkurrenz der Nachfrager den
Vorteil zieht, soviel verlangen zu können, wie die Zahlungsfähigkeit
hergibt - ist und bleibt für die afrikanischen Staaten also ein
Ideal. Das einzige Monopol, über das sie tatsächlich verfügen,
ist das auf politische Gewalt über ihr Land. ökonomisch ist
dieses Monopol aber etwas rein Negatives. An sich selbst ist es nämlich
überhaupt kein ökonomisches Mittel: es wird dazu erst durch ein
ausländisches Interesse, dem es also nicht störend in die Quere
kommen darf. ökonomisches Mittel des~ Souveräns ist sein
politisches Monopol nur darin, daß dieser es sich abkaufen läßt
- womit auch schon klar ist, daß es gar nichtsein Mittel ist: Es hat
ja nur dadurch überhaupt Bestand, daß es sich gar nicht als
wirkliche Schranke für das auswärtige Interesse an der
Nutzung des fraglichen Herrschaftsgebietes betätigt. Die Geschäftsgrundlage
ist somit gewissermaßen nach dem Muster politischer Korruption
organisiert: als Geldzuwendung an die Staatsgewalt mit dem Zweck und
Resultat, daß der ausländische Geldgeber sich der Schätze
im Lande des "gekauften" Souveräns bedienen darf.
Korruption ist aber nicht die tatsächliche Grundlage dieses Verhältnisses:
sie ist nur der souveränitätsidealistische Schein, der die
gesamte Wirtschaftspolitik dieser Staaten bestimmt - und deswegen auch bei
jedem Regierungswechsel als Vorwurf gegen die gestürzten Vorgänger
aufpoliert wird. Denn ohne derartige Geldzuwendungen wäre
eine zum Vorteil ausländischer Interessenten zu beeinflussende
Staatsgewalt über einen afrikanischen Landstrich überhaupt nicht
existent. Von ihrer materiellen Grundlage her ist die afrikanische Export-Ökonomie
daher zu fassen als die Alimentierung einer souveränen Gewalt
durch die imperialistischen Staaten, deren Volkswirtschaften die Naturschätze
des dieser Gewalt unterworfenen Landes nutzen. Als ökonomische
Basis afrikanischer Souveränität erweist sich damit der politische
Wille ihrer imperialistischen Handelspartner, in Afrika Staatswesen zu
unterhalten und deren Herrschaftsapparate wie Souveräne zu
respektieren: nur dadurch kommen dort respektable Verhandlungspartner für
bestimmte kapitalistische Geschäftsinteressen überhaupt
zustande.
Konsequenterweise unterliegt jeder afrikanische Souverän einer
kritischen Einschätzung nicht nur durch die interessierten Kapitale,
sondern zuallererst und in letzter Instanz durch die imperialistischen
Regierungen, und zwar unter dem Gesichtspunkt, ob und inwieweit gerade
seine Souveränität durch die Zulassung eines politischen Preises
für seine Exportgüter erhalten werden soll. Ausgestattet mit sämtlichen
Idealen internationaler Gleichberechtigung und Nicht-Einmischung, aber
ohne je auf sie hereinzufallen, haben die westlichen *Staaten dabei Großzügigkeit
gelernt: Im Falle diplomatischer Extravaganzen eines Hintersassen bewährt
sich auf Dauer noch allemal das Faktum, daß das politische
Wohlwollen der kapitalistischen Mächte die Bedingung jeglichen
Exportgeschäftes ist. Und wenn die afrikanischen Souveräne sich
diesen Zusammenhang um so konsequenter zu Herzen nehmen, je irrelevanter
ihr spezielles Rohstoff"monopol" ist - mit seiner "Herrschaft"
über den westeuropäischen Erdnußkonsum steht Senegal z.B.
nicht besonders glanzvoll da und hat einen entsprechend gebildeten Präsidenten
vorzuweisen - , so erfreuen sich umgekehrt die Souveräne über
die wichtigeren unter "unseren" Rohstoffquellen um so
intensiverer diplomatischer Aufmerksamkeit (und militärischer
Unterstützung), was auf dasselbe hinausläuft. In allen Fällen
basiert die afrikanische Staatsgewalt ökonomisch nicht bloß auf
dem realen Überfluß, sondern zuallererst auf dem politischen
Urteil der kapitalistischen Staaten, daß es sie als nützliche
Partner" geben soll.
Die Bezahlung afrikanischer Exportgüter ist folglich nicht mehr als
ein politischer Kredit an die zuständigen Herrscher; ein
Kredit allerdings, dessen Höhe sich nicht nach dem wirklichen
Finanzbedarf dieser Herrscher richtet, sondern eben nach dem Stand der
kapitalistischen Konjunkturen. Der Wille der imperialistischen Staaten,
Afrika mit souveränen Herrschern auszustatten, hat deswegen seine
eigene explizite ökonomische Gestalt neben der
Revenue, die diesen aus dem Rohstoffabtransport zufließt: in direkten
Zuschüssen, Finanzkrediten und "Entwicklungshüfen".
Hier sind Transaktionen an der Tagesordnung, die nur der Form nach den
Regeln des internationalen Zahlungsverkehrs genügen, weil es darin überhaupt
nicht ums Geschäftemachen geht, sondern um die Erhaltung von Souveränen,
bei denen die pure Existenz: die Gewalt über ihr Gebiet und die damit
sichergestellte politische Verfügbarkeit der dort lagernden
sachlichen Grundlagen des imperialistischen Reichtums, die ökonomische
Zurechnungsfähigkeit nach kapitalistischen Maßstäben
ersetzt. Da werden "Sonderkredite" zur Finanzierung notorischer
Zahlungsbilanzdefizite vergeben, bei denen die Sicherheit, nichts davon je
wiederzusehen, niemandem zweifelhaft ist und auf Zinszahlung schon gleich
verzichtet wird - was dann, als wäre es doch irgendwie ein Geschäft,
bei den Geberländern als "Zinssubvention" verbucht wird.
Gespräche über Schuldenstreichungen finden statt nicht in der
Erwartung, eventuell ginge es am Ende doch ans Zurückzahlen, sondern
um des politischen Demonstrationseffekts willen: gibt der "Gläubigerstaat"
sich großzügig, oder spart er sich das noch auf?.
Staatsbankrott gibt es deswegen nicht, weil die Staaten Afrikas den
entsprechenden Maßstäben einer regelrechten Haushaltsführung
gar nicht erst unterworfen werden; wenn der Fiskus es irgendwo gar zu bunt
treibt, nimmt sich der IMF mit eigenen Beamten der Finanzverwaltung an -
so in Zaire. Der Haushalt einiger frankophoner Staaten wie Tschad,
Obervolta oder Zentralafrika wird gleich von der Republik Frankreich als
Unterabteilung ihres eigenen abgewickelt, ohne Einschaltung des Währungsfonds;
und die "Franc-Zone" existiert nach wie vor - mit dem einzigen
Unterschied zu den verflossenen Zeiten der "Communauté",
daß das spezifizierende Kürzel "C.F.A." hinter dem
Geldnamen "Franc" nicht mehr "Colonie Française
d'Afrique", sondern, ein schönes Zeichen für die politische
Qualität des Französischen, "Communauté Financière
Africaine" bedeuten will. Und in einem Punkt gehen die
imperialistischen Mächte in ihrer Fürsorglichkeit überhaupt
kein Risiko ein: Waffenlieferungen werden gleich so gehandhabt, wie sie
gemeint sind, nämlich nicht einmal der Form nach als Handelsgeschäft
(es sei denn, es hätten sich auch einmal in Afrika "überhöhte
Rohstoffentgelte" angesammelt, deren "Rücktransfer"
energisch in Angriff zu nehmen wäre), sondern ohne große Umstände
als milde Gabe und Ausbilder gleich inklusive.
Die Staatsgewalt in den afrikanischen Staaten beruht also auf einem
politischen Kredit, den die kapitalistischen Staaten vor allem Westeuropas
gewähren, weil ihnen an politischer Herrschaft dortzulande liegt; er
befördert zwar die schönsten Geschäfte, wird aber selber
nicht mit geschäftlichen Maßstäben gemessen. Vom
Standpunkt der imperialistischen Staaten aus, die das wirkliche Subjekt
dieser Verhältnisse sind, erweist sich daher selbst der
Rohstoffexport, so sehr er wie der Außenhandel eines regulären
Souveräns organisiert ist, als etwas höchst Seltsames: als die
teilweise Vergütung der vom Westen gezahlten faux frais der
politischen Herrschaft dortzulande in landesspezifischen Naturalien,
deren Bewertung ganz in den Zuständigkeitsbereich der großen
Warenbörsen fällt - womit der ökonomische Vorteil des
gesamten Unternehmens klargestellt wäre. Unter diesem praktisch maßgeblichen
Gesichtspunkt unterscheidet der Außenhandel der afrikanischen
Staaten sich somit gar nicht groß von der zur Zeit wieder mehr in Übung
kommenden Methode, die Herrschaft über einen Fleck des Globus dadurch
in Geld zu verwandeln, daß dieser Fleck interessierten Weltmächten
zu militärstrategischer Nutzung überlassen
Ägypten, Somalia und Kenia haben sich bekanntlich erboten, den USA
mit Flotten- und Luftstützpunkten dienlich zu sein, und das autonome
Djibouti lebt überhaupt von einer kleinen Unterposition des französischen
Militärhaushalts. Hier ganz genauso wie bei der Zurschaustellung
nationaler Naturschönheiten für den internationalen Tourismus.
geht es in Afrika nirgends darum, einem heimischen Untemehmertum' in
Sachen Bau- und Dienstleistungsgewerbe neue Verdienstmöglichkeiten zu
erschließen, sondern um Formen, die faux frais nationaler
politischer Herrschaft ökonomisch funktional zu machen. Es
ist daher auch kein Zufall, daß Aktivitäten dieser und
sonstiger Art - Rosen und Paprika für den europäischen Winter,
Safaris für Omas - sich weniger den Anstrengungen der einheimischen
politischen Elite verdanken, ihrem Land zu einer potenten eigenständigen
Volkswirtschaft zu verhelfen, als vielmehr dem Erfindungsreichtum auswärtigen
kapitalistischen Geschäftssinnes bzw. idealistischer
Entwicklungshelfer: ökonomisch geschieht dies alles unter der
kritischen Forderung des Imperialismus, daß die Alimentierung
politischer Herrschaft in Afrika sich immer mehr und möglichst auch
noch dort, wo es sich bislang um ein reines Zuschußgeschäft
handelt, irgendwie lohnen soll.
Dazu steht keineswegs die Tatsache im Widerspruch, daß auch
Staatsapparate ausgehalten werden, deren beherrschtes ultaatsgebiet samt
Volk und Geziefer keinerlei profitliche Transaktion erlaubt. Einerseits
ist der politische Einfluß auf eine vor Ort bestimmende Führung
die unabdingbare Voraussetzung für eventuell sich noch ergebende
Geschäfte, andererseits sind gerade in Afrika die politisch-militärischen
Kräfteverhältnisse und die sie ausmachenden Koalitionen ziemlich
bedeutsam für alle Sorten erwünschter Stabilität und Unruhe
in den Gebieten und um sie herum, in denen auch ökonomisch etwas zu
holen ist. Daß jeder Quadratkilometer von einem zumindest halbwegs
kalkulierbaren, immer aber auch erpreßbaren Souverän beherrscht
wird, liegt insofern stets im Interesse der imperialistischen Nationen,
und die bunte Vielfalt tolerierter und verköstigter
Regierungsmannschaften mit Sitz und Stimme in der UNO legt beredtes
Zeugnis davon ab, daß der aufgeklärte Westen auch mit mancher
Kuriosität zu leben und zu rechnen versteht, wenn sie sich als
Ordnungsfaktor in einer von ihm prinzipiell benützten Welt bewährt.
In dieser Rechnung, die im übrigen einen flotten Konkurrenzkampf der
freien westlichen Nationen untereinander und mit dem Osten prägt, zählen
rein politische Gesichtspunkte ohne Rücksicht auf den Profit - den
ohnehin Kapitalisten und nicht Staaten machen.
Was die kapitalistischen Nationen sich mit der Finanzierung
afrikanischer Souveräne leisten. von diesen also auch erwarten, ist
nicht mehr und nicht weniger als deren Existenz, nämlich erstens eine
politische Verfügungsgewalt über jedes Gebiet und dessen "Naturschätze"
sowie zweitens deren Bereitschaft, ihre Gebietshoheit nach Bedarf zu ihrer
Revenuequelle zu machen - also eigentlich nichts anderes als die
permanente Bemühung dieser Souveräne um ihre Erhaltung.
Eingeschlossen ist darin zum einen das politische Monopol über das
jeweilige Land in dem Sinne, daß für die Lizenzierung des
Zugriffs auf die Naturschätze des Landes ein bestimmter Wille
ausschließlich zuständig ist, fremde Zuständigkeiten und
insbesondere die direkte hoheitliche Intervention konkurrierender
kapitalistischer Souveräne ausgeschlossen sind.
Zum anderen hat die souveräne politische Verfügungsgewalt über
ein abgegrenztes Stück Erdoberfläche, so formell und ideell sie
zunächst auch erscheint, weil von einer tatsächlichen auch nur
verkehrstechnischen Erschließung des Landes in den afrikanischen
Staaten kaum die Rede sein kann, doch auch nach innen einen sehr
handfesten Inhalt: Sie gewährleistet prinzipiell, daß das
beherrschte Land dem Willen des Souveräns verfügbar ist und
damit dem Interesse derer, die dessen Existenz kreditieren, so zur Verfügung
steht, wie sie es wollen, nämlich als mit besonderen Vorzügen
ausgestattetes Stück Natur. Notwendig ist diese Form von Verfügbarkeit
aus keinem anderen Grunde, als weil es sich bei der interessierenden Natur
der afrikanischen Länder tatsächlich eben gar nicht um bloße
Natur handelt, sondern um eine in ganz anderer als der
interessierenden Weise längst nutzbar gemachte: Gerade in seiner "Unerschlossenheit"
- vom Standpunkt der auswärtigen ökonomischen Interessen aus
gesehen - , als Land ohne Reichtumsproduktion, ist das
Staatsgebiet aller afrikanischen Staaten die Reproduktionsgrundlage
vorhandener Menschen, so daß seine Nutzbarkeit als bloße
besonders begünstigte Natur allererst herzustellen ist,
sobald es so gefragt ist. Politische Herrschaft muß hier sein, weil
die schiere Existenz von Menschen, die sich irgendwie aus dem Land ernähren
und es insoweit mit Beschlag belegen, für die ökonomische
Wohlfahrt der Staatsgewalt ein Hindernis darstellt - ein Zirkel,
der seinen Grund in dem außerhalb des Staates existierenden
Interesse an der Natur des Landes hat. Umgekehrt sind damit die "Staatsbürger"
der afrikanischen Staaten in ihrem ökonomischen Verhältnis zur
dortigen Staatsgewalt prinzipiell nicht als Mittel, sondern eben als ein
einziges ärgerliches Problem bestimmt.
Die politischen Konsequenzen dieses Verhältnisses sind die
bereits dargestellten: Der besondere, unpolitische Umgang des politischen
Souveräns mit seinen Negerstämmen hat hier seinen materiellen
Grund. Die ökonomische Folge besteht darin, daß die
Staatsgewalt in ihrem Wirken prinzipiell einen einzigen Angriff auf die
naturwüchsige Produktionsweise ihrer Bevölkerung darstellt;
einen Angriff, der diese Produktionsweise nicht umwälzt, sondern
gleichzeitig aufrechterhält und ihrer materiellen Grundlage beraubt.
Die vielsagenden Kurzstatistiken der UNO und sonstigen Weltalmanache
weisen aus, daß in den afrikanischen Staaten in der Regel zwei
Drittel bis drei Viertel der Bevölkerung von "traditioneller"
Subsistenzlandwirtschaft leben, zwischen 80 und 90 % der "Erwerbstätigen"
in diesem Bereich "beschäftigt" sind und die Verstädterung
auch, dortzulande zunimmt. Für ihre Selbsterhaltung kraft eigener
Arbeit bleiben die Massen der afrikanischen Völker also darauf
angewiesen, sich mit so kümmerlichen Techniken wie dem
Brandrodungsfeldbau im tropischen Regenwald, der bei aller Kärglichkeit
der Erträge den mit der Hacke bearbeiteten Boden in Wenigen Jahren
erschöpft und zur nächsten Rodungsaktion zwingt, der
Wechselfeldwirtschaft in "begünstigteren" Savannengebieten
oder nomadischer Viehzucht in der Sahelzone und Ün ostafrikanischen
Grabenbruch die nötigsten Lebensmittel zu beschaffen. Im Falle von Mißernten
haben sie sich mit den Affen um jene "Wildfrüchte" zu
streiten, derentwegen moderne "Entwicklungshilfe"-Statistiken
gelegentliche Einbrüche etwa bei der zentralafrikanischen
Hirseproduktion verschmerzbar finden. Gerade weil diese urtümlichen
Formen landwirtschaftlicher Produktion praktisch ohne Hilfsmittel
auskommen, sind sie allerdings um so mehr auf eine Hauptbedingung
angewiesen, nämlich auf stets neues Land; und genau diese
Bedingung macht ihr politischer Souverän ihnen zunichte. In manchen Fällen
genügt schon die bloße Deklarierung einer Staatsgrenze,
irgendwo durch die Dreiviertelwüste gezogen und von ein paar
Polizisten bewacht, um Katastrophen in der Reproduktion ganzer Stämme
heraufzubeschwören, die dann hierzulande mit dem Zynismus des "wissenschaftlichen"
Durch- und Überblicks als ökologisch begutachtet werden:
Allein weil die bewachte Grenze ein unkontrolliertes Herumstrolchen von
Halb- oder Ganz-Nomaden durch verschiedene Staatsgebiete behindert, wird
der Weideraum für die Herden unter das Existenzminimum gedrückt
und so dafür gesorgt, daß dieser verringerte Raum durch Überbenutzung
zusätzlich untauglich gemacht wird. Vor allem aber laufen Praktisch
alle wirtschaftlichen Projekte, die eine Regierung in ihrem Lande zuläßt
oder inszeniert, darauf hinaus, der Subsistenzwirtschaft ihren notwendigen
Raum zu nehmen, ohne ihrerseits für neue Subsistenzgrundlagen zu
sorgen. Plantagen und Musterfarmen nutzen den Boden zweifellos intensiver
und ertragreicher als die Subsistenzbauern, die sie verdrängen; aber
sie nutzen ihn eben für die Ankurbelung des Exports, und zwar nicht
durch die Erzeugung eines wirklichen Überschusses an Lebensmitteln,
der dann ins Ausland geht - solche Überschusse produziert von allen
Staaten Afrikas allein die Republik Südafrika, die über ein
Zehntel ihres Außenhandels mit Lebensmittellieferungen an ihre
Nachbarländer bestreitet! - , sondern durch die möglichst
ausschließliche Produktion für den europäischen Markt.
Forstwirtschaft sowie Mineralienabbau dienen von vornherein nicht der
Mehrung von Eßbarem, sondern allein der Erschließung der
Naturschätze, mit denen die Staatsgewalt sich für auswärtige
Interessen interessant machen kann, und dergleichen ist stets mit der
ersatzlosen Vernichtung der Reproduktionsgrundlagen einiger Eingeborener
verbunden; und dasselbe gilt für all die vielfältigen "Projekte"
wie Nationalparks, Raketenerprobungsgelände und dergleichen, die die
zuständigen Souveräne in ihrem Bestreben, ihre politische Gewalt
über viel Natur in klingende Münze zu verwandeln, sich von
Scharlatanen aller Art gerne aufschwatzen lassen: Für alles, was Geld
bringt, sei es die Besichtigung von Elefanten durch europäische
Tierfreunde oder das Schwindelgeschäft westdeutscher
Abschreibungsfirmen mit fluguntüchtigen Eigenbauraketen, wird
beliebig viel Gelände rücksichtslos von seiner Einwohnerschaft "gesäubert",
die ja nun mal kein Geld mehr bringt, seit sie nach Unterbindung des
Sklavenhandels zumindest im Außenhandel nicht mehr als ein geschäftlich
verwertbares Stück politisch monopolisierbarer Natur gilt.
Selbstverständlich geht auch diese planmäßige Vernichtung
der Subsistenzgrundlagen der vorhandenen Menschen nicht ohne politökonomische
Ideale ab. Diese Ideale heißen Schaffung produktiver Arbeitsplätze'
und Integration der Subsistenzbauern in die Geldwirtschaft' und legen auf
ihre Weise Zeugnis davon ab, daß die trostlos ineffektive und
bornierte Arbeit der autochthonen Produzenten der politischen Führung
insofern ein einziges Ärgernis ist, als nichts von ihren Früchten
sich in ein Mittel staatlicher Revenue verwandelt. Die Realität, die
diesen Idealen entspricht, ist der mit jeder öffentlichen Erschließungsmaßnahme
den dadurch um ihre Subsistenzmöglichkeit gebrachten Einheimischen
auferlegte Zwang, ihre Arbeitskraft für die erfolgreiche
Nutzbarmachung der erschlossenen Naturschätze benutzen zu lassen: für
einfache Landarbeit, einfache Minenarbeit und die beiden
Produktionszweigen unmittelbar nachgeordneten, ebenso einfachen
Aufbereitungsarbeiten, die manchmal bis zur Verhüttung von Erzen
reichen, sich viel öfter aber auf die bloße Verpackung und
Verladung auf Frachtschiffe beschränken. Dieser Zwang zur Arbeit -
nicht für das Mehrprodukt einer einheimischen Volkswirtschaft,
sondern für das Funktionieren auswärtiger Reichtumsproduktion
und eine daraus abgeleitete Revenue des eigenen Staates - macht aus dem
seiner Subsistenzgrundlage beraubten Bauern keineswegs einen regulären
Proletarier, sondern einen Lohnsklaven, dessen Lebensunterhalt sich nicht
an einein in Geld ausgedrückten Wert seiner Arbeitskraft bemißt,
sondern häufig in Form von Wohnung, Verköstigung und Taschengeld
verabreicht wird, auf alle Fälle nicht einmal die Illusion freier
Verfügung über die eigene Arbeitskraft aufkommen läßt
und auch noch nicht einmal für die nackte Subsistenz zu reichen
braucht, weil es allemal, und für die erforderte einfache Arbeit
schon gleich, genügend Ersatzkräfte gibt. Denn das ist das ganze
"Geheimnis" der zunehmenden Verstädterung und der Differenz
zwischen dem Anteil der in der Subsistenzproduktion Arbeitenden und dem -
geringeren - Anteil der von ihr Lebenden: Die politische Vermarktung des
Landes und seiner Natur setzt regelmäßig weit mehr Menschen von
ihren Reproduktionsbedingungen frei, als in den entsprechenden Projekten
Arbeit finden, erzeugt also ein zunehmendes Heer absoluter Paupers, die
nicht wie die Arbeitslosen im Kapitalismus eine reguläre Abteilung
unter den hauptberuflichen Opfern des Funktionierens dieser
Produktionsweise darstellen, sondern den ökonomischen Abfall bei der
Verwandlung afrikanischer Natur in eine Geschäftsgrundlage des
westeuropäischen Kapitals. Und für diese Paupers gibt es eine Überlebenschance,
wenn überhaupt, dann nur an den Hauptorten der ihre angestammte
Subsistenzweige vernichtenden staatlichen Auslandswirtschaft: an den
Hauptumwhlag8plätzen des Landes - meist den Hafenstädten - ,
deren größter regelmäßig auch die Hauptstadt ist.
Dort bietet sich nämlich allenfalls die Möglichkeit, ein Stückchen
des ins Land kommenden Reichtums an sich zu bringen und sich in die
Geldwirtschaft zu integrieren': sei es durch Raub und Diebstahl - denn in
den Metropolen gibt es immerhin überhaupt was zu stehlen und eine
Infrastruktur von Hehlern - , sei es durch Hilfs- und Tagelöhnerarbeiten
oder Prostitution; sei es durch Eintritt in die Armee, die ihre Soldaten
zwar auch kaum bezahlt, aber immerhin halbwegs verköstigt; sei es
durch die Tätigkeit als Stimmvieh, Jubeltruppe oder gar als Freischärler
im Dienst eines Politikers, sobald der es opportun findet, seinen
Konkurrenzkampf um die Macht durch den Einsatz leicht - nämlich
oftmals schon für ein paar Mahlzeiten - käuflicher Massen zu
entscheiden; sei es schließlich, Krönung einer derartigen
Laufbahn, durch noch so geringfügige Teilhabe an der Staatsgewalt,
die ja noch dem letzten ihrer Polizisten die bereits erwähnte
Gelegenheit eröffnet, sein Stückchen politischer Verfügungsgewalt
zu (Bestechungs-) Geld zu machen.
Diese letzteren, die Glückspilze unter den Paupers, ausgenommen, läßt
der Staat seinen städtischen Massen im übrigen genausowenig
sozialstaatliche Fürsorge angedeihen, wie den ländlichen: Wenn
sie ihm nicht gleichgültig sind, so sind sie ihm hinderlich und
werden entsprechend rücksichtslos beiseite geräumt. Fürsorge
existiert demgemäß ausschließlich als das Ideal der
praktizierten Rücksichtslosigkeit und wird überhaupt
nur entweder von hartnäckigen Idealisten des Sozialstaats und der
Caritas - die logischerweise allesamt aus dem demokratischen, christlichen
oder sozialistischen Ausland kommen: Entwicklungshelfern und Missionaren
samt Personal - oder von rivalisierenden Politikern im Zuge ihrer
Konkurrenz als persönliches Gütesiegel in die Tat umgesetzt. Zu
den Errungenschaften der letzteren Rubrik zählt der Einfall,
angesichts der fortschreitenden Zerstörung der überkommenen
Subsistenzwirtschaft deren Restaurierung zum Heilmittel alles modernen
Elends zu erklären und einige hundert Slumbewohner in idyllische
Urwaldweiler umzusiedeln bzw. die bestehenden Dörfer demonstrativ zum
Gegenstand höchsten staatlichen Wohlwollens zu erklären: so vor
allem die Idee der "Ujamaa-Dörfer" in Tansania, wo unter
dem Obertitel des "afrikanischen Sozialismus" die alte
Produktionsweise nicht bloß zu einem naturwüchsigen Hort sämtlicher
modernen staatsbürgerlichen Tugenden, allen voran der Solidarität,
idealisiert, sondern auch als Inbegriff afrikanischer Überlebensweisheit
praktiziert wird. Kaum anders sehen die modernsten Vorschläge und Pläne
westlicher Entwicklungshilfe aus, den darbenden Afrikanern mit "angepaßter
Technologie" unter die Arme zu greifen: Auch sie ergänzen das
Ideal des Aufbaus einer geldwirtschaftlich funktionierenden Nationalökonomie
um das Gegenideal einer Fortführung der alten Subsistenzwirtschaft
unter den neuen Bedingungen. Weniger "Fehlschläge"
als der Idealismus derartiger "Entwicklungsprogramme" erleben
die Kirchen mit ihren Maßnahmen geistlich inspirierter geistiger und
leiblicher Fürsorge: Ihre Missionsschulen funktionieren noch immer am
besten, sind abseits der Hauptstraße oft sogar nach wie vor die
einzigen und setzen dort immer wieder zahlreiche Zöglinge instand,
das eigene ländliche Elend mit den immerhin vorhandenen Lebenschancen
in den Metropolen ihres Landes zu vergleichen und sich auf der
Grundlage ihres geweiteten intellektuellen Horizonts dort für sieh
selber bessere Chancen als daheim auszurechnen. Die Folge ist, daß
nicht nur die unmittelbar aus ihren Wohngebieten verdrängten oder um
ihren ökonomischen Lebensraum gebrachten Subsistenzbauern die Slums
der afrikanischen Städte kontinuierlich ausweiten; neben, vielleicht
auch statt ihrer oder als ihre "Vorhut" landet dort auch
ein Großteil derjenigen, denen eine regelrechte Sozialleistung
zuteil wird - oft genug die einzige in ihrem Leben - , nämlich eine
Ausbildung im englischen, französischen oder portugiesischen Alphabet
und den für die Teilhabe an der Geldwirtschaft unabdingbaren
Grundrechenarten der Mathematik und Moral. Sie gehen, christlich gebildet,
mit der Hoffnung in die Stadt, es den Großen ihrer Nation - fast
durchweg selber Absolventen von Missionsschulen und bisweilen bis zum
Bischofsamt avanciert! - nachzutun und sich einen Posten zu
erobern.
Die Bevölkerung der afrikanischen Staaten ist also nicht nur nach dem
vorpolitischen Kriterium der Stammeszugehörigkeit sortiert, sondern
kennt verschiedene Sorten von Bürgern exakt gemäß dem
politökonomischen Prinzip, nach dem die Staatsgewalt sich erhält.
Es gibt eine - alle Gebildeten umfassende - Minderheit, nie gleichmäßig,
aber grundsätzlich allen nationalen Völkerschaften entstammend,
die in individuell unterschiedlicher Weise und vor allem in höchst
unterschiedlichem Maße an der Finanzierung der politischen
Herrschaft durch das interessierte Ausland partizipiert; sie betrachtet
und handhabt ihre Regierungs- und Verwaltungstätigkeit ganz "sachgerecht",
nämlich ganz entsprechend dem Fehlen eines inneren gesellschaftlichen
Bedarfs an effektiver, dem Bürger irgendwie nützlicher
staatlicher Verwaltung, als Ausnützung einer von oben oder von den
jeweils Betroffenen finanzierten politischen Pfründe - eine Art von
Revenue, die bei den untersten Chargen in Straßenraub mit
staatlicher Autorität und staatlichen Waffen übergeht. Es gibt
eine große Mehrheit von Subsistenzbauern, denen ihre ohnehin extrem
kärgliche Subsistenz, von deren Überschüssen sich nach wie
vor allenfalls ein Zauberer pro Dorf aushalten läßt, durch jede
vom politischen Souverän lizenzierte Erschließungsmaßnahme
streitig gemacht wird, weil sie für die Vermarktung sämtlicher
irgendwie interessierenden Naturmerkmale des Staatsgebiets nur hinderlich
sind, Und es gibt Lohnsklaven und ein wachsendes Heer städtischer
Paupers, die sich ihr Leben lang in der verzweifelten Anstrengung
aufreiben, sich aus der notwendigen Aufbereitung und dem Abtransport der
Naturschätze des Landes sowie den dabei am Rande abfallenden halb-
oder illegalen Verdienstmöglichkeiten einen Lebensunterhalt zu
beschaffen; den Subsistenzbauern haben sie nicht mehr und nicht weniger
als die Chance voraus, irgendwie in eine staatlich gesicherte
Existenz hineinzugelangen, sei es auch nur als Hausdiener eines besseren
Elitenegers oder in ein noch so schlecht dotiertes, aber eben mit einem
festen Gehalt dotiertes Angestelltenverhältnis: mit dem letzten
Sekretär der staatlichen Gewerkschaft oder %heitspartei fängt
bereits die "Elite" an.
Geben muß es schließlich auch noch eine gewisse Anzahl von
Leuten, die den Umschlag des Geldes besorgen, das der politischen Elite
aus dem staatlichen Auslandsgeschäft und dessen ,flankierenden Maßnahmen'
Entwicklungshilfe und Bestechung zufließt und von ihr ja auch
verausgabt wird, die also aus dem Konsum der Geldeinkommensbezieher für
sich ein Geschäft machen: kleinkapitalistische
Gewerbetreibende - denn für große Kapitalanlagen existiert
nirgends ein hinreichendes zahlungsfähiges Bedürfnis - im
Bereich zwischen Subsistenzwirtschaft und Außenwirtschaft; Agenten
ausländischer Unternehmer der Konsumgüterbranche; Projektemacher
kleineren Zuschnitts; Händler mit Beziehungen und
Auslandsverbindungen; usw. Diese Sorte ökonomisch aktiver "Mittelschichtler"
kann es allerdings nur geben ganz abgetrennt neben den erwähnten
Volksklassen: Vom Pauper und Lohnsklaven, geschweige denn vom
Subsistenzbauern, gibt es höchstens ausnahmsweise einen Übergang
in diese Sphäre des privaten Kommerzes; wer andererseits eine Pfründe
im Staatsdienst erobert hat, macht allenfalls darin Karriere, verfolgt
aber bestimmt nicht das Lebensziel ökonomischer Selbständigkeit
- ein Zweck, der ja, um üblich zu werden, genau das umgekehrte Verhältnis
zwischen Staat und Privaten voraussetzen würde als das tatsächlich
herrschende. Die hier einschlägigen Tätigkeiten - von der
funktionierenden modernen Werkstatt bis zum Transportunternehmen und vom
Bierverlag bis zum Import gebrauchter Luxusautos - sind daher nicht zufällig
eine Domäne von geschäftstüchtigen Ausändern - vielen
Griechen und Libanesen im Westen, Indern im Osten des Kontinents, die
nicht selten eigens dazu ins Land gekommen sind, um die seltene Chance
wahrzunehmen, praktisch ohne Kapital, nur mit technischem und geschäftlichem
Geschick und einer gehörigen Portion Scharlatanerie, schnell ein Vermögen
zu machen.
Beide Seiten, die Einheimischen wie die Auswärtigen, nähren aus
dieser speziellen "Arbeitsteilung" ihren jeweiligen Rassismus:
Die Geschäftemacher mit heller Hautfarbe verachten in den staatlichen
Verwaltungsmenschen, für die Effektivität überhaupt kein
sinnvoller Zweck ist, wie in den arbeitenden oder arbeitslosen Paupers, für
die Mehrleistung sich ökonomisch nie auszahlt, den untüchtigen
Schwarzen; die eingeborenen Paupers lassen sich unter dem Gesichtspunkt
eines antikolonialistisch verallgemeinerten schwarzen Stammesstolzes gegen
die geschäftstüchtigen Ausländer aufwiegeln; und die führenden
nationalen Politiker halten es immer wieder einmal für opportun,
durch derartige Agitation des Volkes Unzufriedenheit für ihren
Konkurrenzkampf auszunutzen - am bekanntesten die einschlägigen Einfälle
des Idi Amin, sein Volk von den indischen Händlern zu "befreien",
ganz als wären diese die Urheber des ugandischen Elends, und sich zur
rassistischen Freude seiner Untertanen von einer Staffel Engländer
durch die Straßen Kampalas tragen zu lassen.
*) Die entsprechenden Lügen in Sachen Öl, dessen Preisveränderungen angeblich einen furchtbaren Anschlag der Ölförderländer auf das Gefüge der Weltwirtschaft darstellen, sind im Artikel "Das Öl" nachzulesen. Bekannt freilich dürften sie auch ohne nähere Befassung mit dem Hin und Her zwischen Staaten, Ölgesellschaften und ihren "Töchtern" sein -immerhin gibt die freie Presse tagtäglich Auskunft über die Ergebnisse des Kampfes, der um den Preis des Stoffes geführt wird.
Die Staatsgewalt in den jungen afrikanischen "Nationalstaaten" hat weder ihre politische Grundlage in einem politisierten Willen ihrer Untertanen, noch existiert sie ökonomisch von wirklich vorhandenem und frei verfügbarem Reichtum der eigenen Gesellschaft. Ihren Bestand hat sie vielmehr in ihrem Verhältnis zu den imperialistischen Staaten: Ihre Souveränität ist eine durch wirkliche Weltmächte lizenzierte.
1. Der historische Grund dieses Widerspruchs ist der Kolonialismus, näher
der Kolonialismus der westeuropäischen Großmächte,
insbesondere Frankreichs und Großbritanniens, in den paar
Jahrzehnten zwischen 1890 und 1960. Bis zu dieser Zeit hatte die koloniale
Erschließung des "schwarzen Kontinents" in den immer nur
teilweise und zeitweise erfolgreichen Anstrengungen westeuropäischer
Kolonialgesellschaften und Königshäuser bestanden, von
gesicherten Küstenstützpunkten aus Handelsbeziehungen zu den Stämmen
und den bodenständigen "Reichen" des Binnenlandes
aufzunehmen, zu denen als erste stets die christlichen Missionare
vorgedrungen waren und erste Beziehungen der Duldung fremder Weißer
durch die Einheimischen hergestellt hatten; vertragliche Vereinbarungen,
die nicht einmal immer militärisch erzwungen waren, regelten diesen
Verkehr. Das alles geschah in Konkurrenz untereinander - sogar in
Konkurrenz der christlichen Konfessionen gegeneinander! - sowie im Osten
Afrikas gegen das Osmanische Reich bzw. verschiedene arabische Sultanate,
die dort schon länger Fuß gefaßt hatten. Was es an
bodenständiger Herrschaft gab, wurde durch diesen frühen "Kolonialwarenhandel"
zwar durchgreifend modifiziert: Der Abtransport von Gold,
Elfenbein und vor allem von schwarzen Sklaven für die von Anfang an
ganz anders genutzten Besitzungen der europäischen Mächte in der
Neuen Welt' sowie an einzelnen leicht beherrschbaren Stellen Afrikas
belebte das Interesse der herrschenden Stammesfürsten an derartigen
Artikeln, vor allem an Menschenmaterial aus dem eigenen wie aus fremden Stämmen
ganz enorm; um so mehr, als die dazu nötigen Beutezüge den Kauf
solcher Waffen erforderlich machten, wie sie wiederum bei den weißen
Händlern im Austausch gegen die gemachte Beute zu haben waren. Die
Erschließung Afrikas für die Zwecke der christlichen
Zivilisation bewährte sich so als Grundlage für eine
innerafrikanische Barbarei auf neuer, vorher unerreichbarer Stufenleiter,
nämlich mit der militärischen, diplomatischen und geistlichen
Beratung und Ausstattung des Abendlandes. Die patriarchalische
Stammesherrschaft und die auf ihrer Grundlage etablierten Feudalreiche"
wurden dadurch aber ebensowenig aufgelöst wie die bodenständigen
Formen einer nur geringste Überschusse abwerfenden
Subsistenzwirtschaft: Durch den Verkauf von Subsistenzbauern, denen
ansonsten kaum gelegentlich ein wenig Vieh zu rauben war, als Sklaven ging
weder der vorhandenen Ökonomie noch der vorhandenen Herrschaft irgend
etwas verloren, im Gegenteil. Mit Ausnahme des südafrikanischen
Hinterlandes, das schon seit dem 18. Jahrhundert in immer weiterem Umfang
von weißen Siedlern okkupiert wurde, änderte sich dieses äußerliche
Verhältnis zwischen den europäischen Mächten und dem
afrikanischen Binnenland erst, als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die
französische Republik, das Vereinigte Königreich und das
deutsche Kaiserreich darangingen, die Welt und folglich auch Afrika vollständig
in imperialistische Herrschaftssphären aufzuteilen.
Die Pläne, die die damaligen Großmächte in Afrika
verfolgten - Großbritannien wünschte eine durchgehende
britische Zone von Ägypten bis zur Kapprovinz, Frankreich eine französische
West-Ost-Achse von Senegal bis Somalia, Deutschland eine ähnliche "Landbrücke"
weiter südlich, von Tanganjika mindestens bis Togo - , hatten mit der
Krämerfrage, ob es denn da überall überhaupt etwas zu holen
gab, nichts zu tun. Hier machten die kapitalistischen Großmächte
radikalen Ernst mit ihrem Anspruch, ihre Macht absolut, also als Weltmacht
zu behaupten und dementsprechend in Konkurrenz gegeneinander die ganze
Welt zum Betätigungsfeld und damit zum exklusiven Mittel ihrer
Herrschaft zuzubereiten. Erstmals in der Weltgeschichte war dieser
Anspruch kein Hirngespinst, sondern realistisch und relativierte sich
weder am dafür nötigen Kostenaufwand noch an der totalen ökonomischen
Unbrauchbarkeit eines Landstrichs. Mit einer überlegenen Diplomatie,
die die bodenständigen Stämme und "Reiche" Afrikas
erfolgreich gegeneinander ausspielte und umgekehrt zu verhindern wußte,
daß die Konkurrenz der Kolonialmächte einen einheimischen
Potentaten als politisches Subjekt überleben ließ, sowie mit
ihrem überlegenen Militär, durch den zielstrebigen Einsatz ihres
überlegenen kapitalistischen Reichtums also erstreckten die drei
imperialistischen Mächte ihre Souveränität auf den gesamten
Kontinent. Sie vernichteten dabei jede eigenständige schwarze
Herrschaft und beschränkten sich einzig und allein aneinander,
was zu den bekannten seltsam abstrakten Grenzziehungen innerhalb
Afrikas führte; zwischen den Großen gelang es einzig Portugal
sowie in geringfügigem Umfang Spanien und nur zeitweise Italien, sich
ein Stück kolonialer Herrschaft zu sichern - sowie dem belgischen König
Leopold, der sich die internationale Zustimmung zu seinem zunächst
ihm persönlich eigenen "Freistaat Kongo", insbesondere das
Einverständnis der bei der Verteilung ganz draußen gebliebenen
USA sowie des reichlich spät gekommenen Deutschen Reiches, dadurch
erkaufte, daß er diesen der Nutzung durch die gesamte Staatenwelt öffnete.
Moderne politische Herrschaft wurde auf diese Weise durchgesetzt - ob mit
"direkter" oder "indirekter Regierung", ist ein hierfür
gleichgültiger Unterschied! - in einem Kontinent, der bis dahin als
ziemlich undurchdringliches und in seinen inneren Verhältnissen auch
ziemlich uninteressantes Reservoir an Gold, Elfenbein und Sklaven fungiert
hatte und in dem sich folglich die Unkosten einer modernen Herrschaft überhaupt
nicht bezahlt machten, zumal das in der Entwicklung der Lohnarbeit am
weitesten fortgeschrittene Großbritannien das Geschäft mit den
Sklaven schon vorher unterbunden hatte. Wie flott auch immer gewisse
Handelsgeschäfte weiterliefen, für den Haushalt der Kolonialmächte
war die Eroberung und Beherrschung Afrikas vor allem ein schwerwiegender
Ausgabeposten. Die Antwort der Kolonialmächte auf dieses
selbstgeschaffene Kostenproblem waren entsprechend forcierte Bemühungen,
die errungene Herrschaft nachträglich zu einem lohnenden Geschäft
auszugestalten. Dörfern, deren Einwohner kaum für die eigene
Subsistenz aufkommen konnten, wurde von der Kolonialverwaltung die brutal
durchgesetzte Verpflichtung auferlegt, regelmäßig ein gewisses
Quantum seltener Naturprodukte zu sammeln oder anzubauen und abzuliefern;
der Aufbau lokaler und regionaler Monokulturen in Plantagenform brachte
Einnahmen in Form von Gewinnanteilen, Steuern und Zöllen; auch außerhalb
Südafrikas wurden Minerallager erschlossen und ausgebeutet - zur
Beschaffung von Plantagen- und Bergbauarbeitern erlebte im übrigen
der Sklavenhandel, nunmehr innerhalb Afrikas, einen zeitweiligen neuen
Aufschwung - ; außerdem beschafften die Kolonialmächte, allen
voran Frankreich, sich aus ihren Beständen an neuen schwarzen
Untertanen Rekruten nicht nur für ihre Kolonialarmeen, sondern auch für
ihre heimischen Streitmächte und deren Einsatz im 1. Weltkrieg, was
die militärischen faux frais insgesamt deutlich minderte. Auf der
Grundlage einer aus geostrategischen Gründen etablierten - eben
imperialistischen - Herrschaft wurde so eine koloniale Wirtschaftsweise
durchgesetzt, die die überkommenen Formen der Selbsterhaltung ebenso
zerstörte, wie die darauf basierenden Formen von Herrschaft bereits
zerstört waren.
Das hierzu erforderliche Personal einschließlich der dazugehörigen
Gegensätze brachte die Kolonialherrschaft mit ins Land: zum einen die
Militär- und Verwaltungsbeamten, deren Herrschaftsausübung, mit
allen modernen Mitteln versehen, sich in gar keiner Weise an einheimischen
Interessen und einer diesen entsprechenden parlamentarischen und
rechtsstaatlichen Kontrolle zu relativieren brauchte und entsprechende
Herrschaftsallüren hervorbrachte; zum andern Menschen aller europäischen
Klassen, die in Afrika die Chance wahrnahmen, frei von allen zivilisierten
Regelungen der Konkurrenz, stattdessen unter so angenehmen Bedingungen wie
Sklaverei der Schwarzen und nahezu unbedingter Privilegierung der Weißen,
ihr Glück zu machen.
2. Der moderne Kolonialismus tat seine Dienste als Mittel der Konkurrenz
der europäischen Großmächte um die Weltmacht in den paar
Jahrzehnten, die in den Periodisierungen der bürgerlichen
Geschichtsschreibung als "Zeitalter des Imperialismus"
firmieren, ohne jedoch diese Konkurrenz (auch nur maßgeblich mit-)
zu entscheiden: Trotz ihrer weit größeren Kolonialreiche und
der schnell entschiedenen Liquidierung des deutschen Kolonialbesitzes in
Afrika wurden die westlichen Großmächte in der direkten
Konfrontation mit ihrem mitteleuropäischen Hauptfeind nicht fertig.
Und sogar nachdem dieser Krieg mit amerikanischer Hilfe schließlich
entschieden war, gestaltete sich das Verhältnis zwischen Kosten und
Erträgen kolonialer Herrschaft, wie grandios auch immer die Geschäfte
liefen, für Frankreich und Großbritannien, geschweige denn für
Belgien oder Portugal, nie so eindeutig positiv, daß diese Mächte
sich mit Hilfe ihrer Besitzungen ökonomisch der von den USA
ausgehenden Weltwirtschaftskrise hätten entziehen und militärisch
gegen das aller kolonialen Besitzungen beraubte faschistische Deutschland
hätten behaupten können. Schon indem die imperialistische
Beherrschung der Welt in kolonialer Form fertig und die Konkurrenz um das
mächtigste Kolonialreich entschieden wurde, erwies der Kolonialismus
sich als untaugliches Mittel kapitalistischer Weltherrschaft: Die
Anstrengungen der alten Großmächte, einander alles Land der
Welt als Mittel und Bedingung absoluter Souveränität streitig zu
machen, führten zwar zu dem Ergebnis, daß politische Herrschaft
sich nunmehr bis auf die abgelegensten Busch- und Wüstenwinkel
erstreckte, stellten eben damit aber gleichzeitig klar, daß diese
Sorte Herrschaft der herrschenden Metropole keineswegs als entscheidender
Machtfaktor zugute kommt. Klarstellungen' in Sachen Weltpolitik bedeuten
allerdings alles andere, als daß die Hauptbeteiligten sich nach
dieser neuen Klarheit richten, womöglich gar freiwillig. Der praktische
Beweis wurde durch die wirklichen Siegermächte des 2. Weltkriegs
geführt, und zwar dadurch, daß diese eine ganz neuartige
Konkurrenz um die wirkliche Souveränität über den Globus eröffneten.
Was die "freie Welt" betrifft, so war und ist die
Konkurrenz der kapitalistischen Mächte mit der Etablierung des Dollar
als Weltgeld und mit der universalen Präsenz der US-Forces in Gestalt
von Stützpunkten in aller Welt sowie der Atombombe eindeutig
entschieden: Jenseits aller nationalen wirtschaftspolitischen Autonomie
existiert kapitalistische Volkswirtschaft seither, wo immer es sie gibt,
auf der Basis amerikanischen Kredits als Anlagesphäre amerikanischen
Kapitals. Von diesem Standpunkt aus nahmen und nehmen sich koloniale Abhängigkeiten
zwischen kapitalistischen Juniorpartnern und Sphären einer für
kapitalistische Reichtumsproduktion nutzbaren Natur als durchaus überflüssiges
Hindernis aus. Sobald die Weltmacht des Kapitals nicht mehr eine
Abstraktion aus einer Mehrzahl gegeneinander konkurrierender
kapitalistischer Staaten ist, sondern als Nation existiert, hören
politische Monopole einzelner Staaten über die Naturschätze auswärtiger
Landstriche auf, ein akzeptables Mittel in der kapitalistischen Konkurrenz
der Staaten zu sein: Für sich selber braucht die Weltmacht
dergleichen nicht, und als Konkurrenzmittel anderer Staaten duldet
sie es nicht. Mit IMF, GATT und Marshallplan stand also die Öffnung
der Kolonialreiche auf der Tagesordnung kapitalistischer Weltpolitik, und
bei der Abwicklung dieses Tagesordnungspunktes blieben die USA nicht
allein. Sie fanden Beifall und Unterstützung bei allen kleineren Mächten,
die sich für ihren Bedarf an exotischen Gütern
realistischerweise einen Vorteil ausrechneten, wenn dieser Bedarf sich
nicht mehr dem vorrangigen Erfolg eines Kolonien besitzenden Konkurrenten
unterordnen mußte.
Diese Gesichtspunkte hätten den traditionellen Kolonialimperialismus
nicht notwendigerweise politisch liquidiert, hätte der Weltkrieg
nicht eine zweite Siegermacht übrig gelassen, die darauf aus war,
gegen die kapitalistische Welt um weltweite politische Gefolgschaft zu
konkurrieren. Ähnlich, wie zu Zeiten der Eroberungskriege im Innern
Afrikas die konkurrierenden Großmächte manchen Gegner ihrer
Konkurrenten mit Waffen beliefert hatten (nicht ohne sich das bei
Gelegenheit gemeinsam und feierlich im Namen des abendländischen
Kulturauftrags unter den Negern zu verbieten), und sogar ohne das Risiko
entsprechender Gegenmaßnahmen des Gegners rüstete die SU - und
rüstet bis heute - "nationale Befreiungsbewegungen", die
sonst über das Stadium eines hoffnungslosen Einfalls nie
hinausgelangt wären, mit Geld und Propagandamitteln aus, so daß
diese sich unter den wohlfeilen Paupers ihres Landes eine Gefolgschaft
beschaffen können, sowie mit Waffen für diese Gefolgschaft und
sympathisierende Stämme. Daß einheimischer, Führungspersonal
für derartige "Bewegungen" in allen afrikanischen Kolonien
bereitstand, gehört zu den unbeabsichtigten notwendigen Konsequenzen
der Errichtung einer modernen politischen Herrschaft in Afrika. Nicht
zuletzt zwecks Minderung der Unkosten ihrer Herrschaft hatten die
Kolonialverwaltungen auch höherrangige Funktionäre aus der
einheimischen Staatsbedienstetenschaft rekrutiert, einen Teil davon sogar
auf Hochschulen des Mutterlandes ausgebildet und mit einer regulären
europäischen Staatsbürgerschaft beglückt, deren mancher
afrikanische Präsident und sogar ein jüngst gestürzter
Kaiser sich noch heute rühmen. Auf diese Weise hatten sie eine
politisierte Elite herangezogen, die gar nicht umhin konnte, Vergleiche
zwischen den Idealen und der Funktionsweise demokratischer Herrschaft im
Mutterland und deren Verfahrensweisen in den Kolonien anzustellen und darüber
zu demokratie- und nationalidealistischen Kritikern des Kolonialsystems zu
werden. Daß es hinwiederum diesen Eliten gelang, "Bewegungen"
um sich zu sammeln, lag andererseits weder an ihnen, noch womöglich
an einem demokratischen Wohlwollen der Kolonialherren für ihre "Zöglinge",
sondern an dem Interesse, das die SU an ihnen nahm - einem durchaus
imperialistischen Interesse daran, dem Gegner möglichst viele
Schwierigkeiten zu bereiten und sich selbst befreundete Staatsgewalten zu
schaffen. Das Resultat waren bewaffnete "Befreiungsbewegungen",
deren Druck die Lage in Afrika für die alten Kolonialmächte zwar
nie militärisch unhaltbar machte (so wie in anderen Teilen namentlich
des französischen Imperiums; selbst der schwächliche
NATO-Partner Portugal war den Guerilla-Gruppen in seinen verschiedene "Überseeprovinzen"
militärisch bis zum Schluß gewachsen); die sowjetische Unterstützung
war eben nicht darauf berechnet, in Afrika unmittelbare "Satelliten"
zu schaffen. Sie verfolgte und erreichte ein anderes Ziel: Den ehemaligen
Großmächten wurde die Fortführung ihrer Kolonialherrschaft
im Rahmen der neuen Ost-West-Konkurrenz um politische Einflußsphären
zu teuer. So schritt der Westen - dessen Führungsmacht
gleichzeitig im Vietnamkrieg ebenso erfolgreich klarstellte, welches
Ergebnis bei der Auflösung der alten Kolonialreiche auf gar keinen
Fall herauskommen durfte: eine Erweiterung des "sozialistischen
Lagers"! - zur mehr oder weniger friedlichen Übergabe der
politischen Gewalt in den afrikanischen Kolonien an die selbstgezogene
heimische Elite.
3. Mit ihrem politisch offen und militärisch verdeckt praktizierten
Antikolonialismus wurde die SU so zum Geburtshelfer für jenen
modernisierten Imperialismus der kapitalistischen Welt, der, ohne eine
eigene Kolonialarmee unterhalten und immerzu beschäftigen zu müssen,
alle ökonomischen und entscheidende politische Vorteile gleichermaßen
auf seiner Seite hat: Mit der lohnenden Ausnutzung der afrikanischen Natur
unterhalten die kapitalistischen Mächte durch Zahlung politischer
Preise für diese Ausnutzung, ergänzt durch die notwendigen
Schenkungen vor allem auf dem Gebiet der Rüstung, einheimische
Regierungen, die um ihres eigenen ökonomischen Vorteils willen darauf
aus sind, ihre Herrschaft so zu praktizieren, wie dies für die vom
Westen gewünschte Ausnutzung ihres Landes erforderlich ist, und sich
wenigstens das Mindestmaß an politischem Wohlwollen ihrer reichen
Partner" zu sichern, ohne das sogar die Ausnutzung ihres Landes
unterbleibt - denn für die ist das ja bloß ein Geschäft,
auf das man notfalls auch verzichten kann.
Sicher, auch nach dem Schritt in die Unabhängigkeit bleibt den
afrikanischen Politikern die Freundschaft der SU als Alternative erhalten;
und das gibt ihnen in der Weltpolitik einige Freiheiten, die die von den
USA zugelassene Konkurrenz kapitalistischer Nationen ihnen nicht gewähren
würde. Immerhin wäre die Aufkündigung freundschaftlicher
Beziehungen zur westlichen Welt nicht notwendigerweise und unmittelbar
gleichbedeutend mit dem Zusammenbruch ihrer Herrschaft; und insoweit hat
es eine gewisse reale Grundlage, wenn sie vor der Weltöffentlichkeit
und im Verkehr mit anderen Staaten so auftreten, als hätte die Souveränität,
die sie repräsentieren, eine eigene Machtbasis im eigenen Volk, wäre
also von gleicher Art wie die der imperialistischen Staaten. So leisten
die Häupter dieser Staaten sich nicht bloß diplomatische
Vertretungen in aller Welt und eine Mitgliedschaft in der UNO, wo
politisch der Idealismus herrscht, die Souveränität aller
Mitglieder unterschiedslos für bare Münze zu nehmen und über
ihre fehlende ökonomische Grundlage hinwegzusehen. Sie reflektieren
darüber hinaus, auch hierin einig mit der gesamten Weltöffentlichkeit,
ihr tatsächliches Verhältnis zu den kapitalistischen Staaten in
exakter Umkehrung der wirklichen Sachlage als ein solches der Abhängigkeit:
so als wäre ihre Souveränität, die es doch überhaupt
nur gibt, weil andere Staaten sie sich leisten wollen, durch
die einseitige Nützlichkeit der ökonomischen und politischen
Beziehungen, denen sie ihr Dasein verdanken, beschränkt oder gar in
Frage gestellt. Das notwendige Scheitern aller ihrer Versuche, mit der
Revenuequelle, die die kapitalistischen Staaten ihnen zugestehen, souverän
Geschäfte zu machen, als handelte es sich bei ihrem Export um einen
regulären Außenhandel, erscheint ihnen und ihren Sympathisanten
in der Weltöffentlichkeit von diesem Standpunkt aus als das Resultat
eines Machtungleichgewichts und einer ungerechten
Weltwirtschaftsordnung, deren Revision daher zu den Dauerthemen aller
einschlägigen UNO und sonstigen Konferenzen gehört. Das Elend
ihrer Untertanen deklarieren sie als ein Erbe des Kolonialismus, das zu überwinden
ihnen trotz ihrer politischen Unabhängigkeit noch nicht
gelungen sei - wo doch gerade die ihnen zugestandene Souveränität
ihren alleinigen Grund und Zweck in der Rücksichtslosigkeit der auswärtigen
Interessen gegen die Subsistenz der vorhandenen Bevölkerung ihrer Länder
hat! - , und sie treten mit der Forderung nach "Entwicklungshilfe"
hervor, die ihnen ausgerechnet in einem Bereich reichlich zuteil wird:
eben wo die Rücksichtslosigkeit gegen die Eingeborenen praktische Maßnahmen
verlangt. Und schließlich, Gipfelpunkt afrikanischer Souveränität,
kann ein Staatsmann sich sogar die diplomatische Freiheit herausnehmen,
weltpolitische Fragen demonstrativ genau umgekehrt zu entscheiden wie die
westliche Welt, sich gar auf die Seite des sozialistischen Lagers zu
schlagen und den USA schwere Abstimmungsniederlagen zu bereiten - nur:
Daraus folgt praktisch überhaupt nichts! Denn:
So sehr die SU sich auch immerzu als eine politische Alternative
den vom Imperialismus eingerichteten Souveränen empfiehlt, so wenig
ist sie doch ökonomisch in der Lage, für ihre eigene
Reichtumsproduktion die Naturschätze Afrikas auszunutzen und mit
ihrem dadurch belebten wirtschaftlichen Erfolg für die Unkosten
dortiger Herrschaft aufzukommen; ein Umstand, der sich den gelegentlichen
Partnern der SU in Afrika als ökonomischer Zwang darstellt, sich bei
aller Treue zum Sozialismus "dem Westen zu öffnen". Gerade
weil die afrikanischen Souveräne dank der Existenz der sowjetischen
Alternative ihre Alimentierung durch die interessierten Auslande so
handhaben, als betätigten sie darin, wenn auch leider eingeschränkt
und abhängigerweise, eine wirkliche Souveränität in der
freien Wahl ihrer Handelspartner, kommt eben stets die Seite mit ihnen
auch politisch am besten ins Geschäft, die aus ihrem Land
ökonomisch den größten Nutzen zieht. Die andere
Seite hat dagegen selten mehr anzubieten als militärische Hilfe
gegen die kapitalistischen Staaten - sei es per Waffenlieferung an
antikolonialistische Kämpfer, sei es per Ausrüstung und "Beratung"
einer nachkolonialen Regierung, die für. den Geschmack eines
westlichen Landes zu schwerfällig auf ökonomische "Sachzwänge"
reagiert und sich daher ihrerseits einer neuen, mit alten NATO-Waffen und
Söldnern ausgestatteten subversiven "Befreiungsbewegung" im
eigenen Land gegenübersieht - ; eine Form der Kooperation, deren
Konjunktur ausgerechnet mit dem Sieg der unterstützten Seite ihren Höhepunkt
überschritten hat.
Die meisten afrikanischen Staaten, insbesondere diejenigen mit den
geringsten Naturschätzen, die mehrheitlich zu der ehemaligen französischen
Kolonialzone gehören, entwickeln denn auch gar nicht erst
irgendwelche Ambitionen, mit der Demonstration von Gegensätzen zu
ihren kapitalistischen Partnerländern " sich und der Welt ihre
volle Souveränität zu beweisen; sie beklagen sich auch nicht über
eine Infragestellung ihrer Autonomie, wenn ihr Staatshaushalt durch ausländische
Beamte abgewickelt wird und die zuständige große EG-Republik
mit ihrer Fremdenlegion oder mit marokkanischen Hilfstruppen für Ruhe
und Ordnung im Land sorgt. Wenige andere Staaten, Nigeria vor allem, schöpfen
aus der Vielzahl der Geschäfte, die der Westen bei ihnen abwickelt,
das zwar ebenfalls falsche, aber nicht ganz unbegründete Selbstbewußtsein,
eine respektable Macht zu sein, und bieten sich dem Westen als eigenständiger,
bisweilen auch kritischer, aus freien Stücken kooperationswilliger
Partner an; an ihnen findet die westliche Öffentlichkeit regelmäßig
ihre weltwirtschaftliche Einsicht und Mäßigung zu loben. Bei
den Übrigen Staaten schließlich hat die Freundschaft zur SU
nirgends zu einem wirklichen "Mißbrauch" der ihnen
zugestandenen Souveränität in dem Sinne geführt, daß
sie sich ihrer Benutzung durch kapitalistische Interessen radikal entzogen
hätten; gerechterweise werden sie vom Westen daher auch nicht als "Satelliten"
ihres Gegners behandelt - nicht einmal Angola oder Äthiopien! - ,
sondern ziemlich verständnisvoll als problematische Partner.
Unter den gegenwärtigen westlichen Anstrengungen in Sachen
Ost-West-Gegensatz, dem auch diese Staaten unterworfen sind, hat
allerdings dieses Verständnis ziemlich gelitten - und zwar ohne daß
sich in diesen afrikanischen Ländern irgend etwas geändert hätte,
außer daß die bekundete Bereitschaft aller zur "Kooperation
mit dem Westen" gewachsen ist. Nach dem von den USA an EI Salvador
vorexerzierten Maßstab westlicher Beurteilung - ökonomische
Brauchbarkeit und Angebote sowie politische Bedeutungslosigkeit und Mäßigung
zählen nicht schon als Ausweis der Existenzberechtigung, sondern nur
erklärte Zugehörigkeit zum Westen gegen die SU und Erledigung
jeder Opposition, die die nützlichen Beziehungen auch nur rhetorisch
in Frage stellt - , also nach der umstandslosen Unterscheidung zwischen
Freund und Feind, brauchbarem Stützpunkt und bloßem Hinterland
werden auch die afrikanischen Staaten neu durchgemustert. In Angola wird
die alte Unita von amerikanischer Seite als Befreiungsbewegung neu aus der
Taufe gehoben; und ohne Umschweife streichen die USA ihre Kredite für
die Weltbank und begründen das mit deren mangelnder Eignung, den
amerikanischen, insbesondere militärischen Interessen dienlich zu
sein. Es liegt eben im freien Ermessen derjenigen Länder, ohne deren
,Hilfen' afrikanische Souveräne nicht einmal den Schein einer
irgendwie gearteten freien Betätigung über ihre bloße
Existenz als Herrschaft hinaus zuwege bringen, zu welchen Konditionen sie
sich die Erhaltung befreundeter' Regierungen leisten wollen.
Der diplomatische Streit im westlichen Lager, wieweit die amerikanische
Subsumtion der Entwicklungshilfe' unter politischstrategische
Kalkulationen, also auch ihr Ersatz durch Militärhilfe, ein Vorbild für
die europäischen Staaten sein soll, die an ihre imperialistischen
Einflußzonen immer auch noch das Kriterium politisch gesicherter
Rohstoffzufuhr anlegen, beweist nur das Ausmaß der Freiheit, mit der
der "schwarze Kontinent" nach den imperialistischen Bedürfnissen
und deren Gegensätzen behandelt wird. Und die neue Sorte Konkurrenz
um die Abstimmung der bisherigen westlichen Ansprüche an die
Entwicklungsländer' mit dem strategischen Bündniszweck erledigt
zugleich , die Frage, wieviel sich Europa seine Sonderintere