Die IG Metall ist nach diesem Arbeitskampf geblieben, was sie vorher war: eine selbstbewußte und funktionsfähige Interessenvertretung der organisierten Arbeitnehmer, ein Motor des sozialen Fortschritts und eine gesellschaftsverändernde Kraft. (Eugen Loderer)
Wenn die westdeutschen Gewerkschaften zur Durchsetzung dieser Tarifpolitik Arbeitskämpfe fuhren, dann ist alles auf den Kopf gestellt. Allein die selten harmonische Übereinstimmung des jeweils letzten Unternehmerangebots vor dem Streik mit dem endgültigen Abschluß beweist, daß hier nicht um die Abwehr unzumutbarer Unternehmerabsichten gestritten worden ist. Die Mitglieder, welche mehr oder weniger bereitwillig die streikbedingten Lohneinbußen auf sich nehmen; mögen sich der Hoffnung hingeben, die gemeinsame Arbeitsverweigerung brächte ihnen etwas; im Ergebnis stellt sich noch allemal heraus, daß sie am Ende nicht mehr erreicht haben als den zusätzlichen Preis, den sie für den Streik zu zahlen hatten. Sie führen zwar den Streik, aber den Gewinn hat die Gewerkschaft, die ihn anleiert und anleitet. Und dieser Gewinn ist kein materieller, sondern - wie es sich für diese Gewerkschaften gehört - gesellschaftlicher Natur. Die im Motto zitierte Erfolgsmeldung Eugen Loderers nach dem Metallstreik ist ja kein peinlicher Ausrutscher, sondern wirklich das Motto aller Arbeitskämpfe. Wo die Gewerkschaften angesichts von "brachliegendem Kapital, das keine Anlagemöglichkeiten findet (das Ärmste!), und brachliegender Arbeitskraft (so eine Schande!)" sich um die Früchte ihrer verantwortungsvollen Anstrengungen betrogen sieht, da führt sie in Form einer solidarisch streikenden Mitgliedschaft ihre Stärke ins Feld und fordert auf diese Weise von der Gegenseite den gebührenden Respekt und Gemeinsamkeit bei der "Lösung gesellschafspolitischer Probleme". Während nach landläufiger Auffassung Streik die ultima ratio zur Durchsetzung ökonomischer Forderungen ist, ist er für die um gesellschaftliche Anerkennung ringende Gewerkschaft die ultima ratio zur Demonstration ihrer politischen Ansprüche. In den Anschlägen des Kapitals auf die Arbeiter haben die hiesigen Gewerkschaften schon lange Anschläge auf sich entdeckt. Nicht die Existenz der Arbeiter, sondern die gesellschaftliche Position der Arbeitervertretung im Modell Deutschland ist bedroht. Und das läßt sich die mächtigste Organisation in diesem Staate, die aus der Betroffenheit ihrer Mitglieder den sehnlichen Wunsch und das Recht auf Mitsprache ableitet, nicht gefallen. Wo sie fürchtet, durch ihre Beiträge zur Rationalisierung innerhalb und außerhalb der Betriebe das Gesicht zu verlieren, da läßt sie ihre Mitglieder antreten und zeigt aller Welt, daß an ihr kein Weg vorbeiführt. Der Basis beweist sie, daß sie sich nicht alles gefallen läßt; den Unternehmern, daß sie zwar die Bedürfnisse der Proleten, nicht aber das Selbstbewußtsein der Gewerkschaft mit Füßen treten dürfen.
Wahrlich ein schwieriges Unterfangen, das die ganze rücksichtslose Taktik gegen die Mitglieder, die ganze rücksichtsvolle Taktik gegen die Unternehmer, die ganze Heuchelei "und die ganze Schleimerei erfordert, derer unsere eingefleischten Gewerkschaftspolitiker fähig sind. Denn der Kampf um die Beteiligung der national- und selbstbewußten Gewerkschaften am wirtschaftlichen und politischen Fortschritt unseres Landes muß ja nicht nur an mehreren Fronten gleichzeitig, sondern auch mit gefährlichen Waffen und auf einem nicht übermäßig günstigen Terrain ausgetragen werden. Auf dem Territorium der Interessen, denen sie ihre Macht verdankt/fühlt sich die Gewerkschaft durchaus nicht so wohl wie in den höheren Gefilden der Humanisierungstagungen, Aufsichtsratssitzungen und Politiker-Unternehmer-Gewerkschafter-Konzerte. Dort kann sie sich mit der Macht, die ihr die Mitglieder verleihen, ohne die Ansprüche, die daran geknüpft sind, als "Motor des sozialen Fortschritts" am wirtschaftlichen und politischen Geschehen beteiligen und im Namen der Arbeiter Verantwortung demonstrieren und tragen. Auch das Kampfmittel der Arbeitsverweigerung, das den Unternehmern ökonomischen Schaden zufügt und den sozialen Frieden stört, ist eine zweischneidige Geschichte in den Augen von Funktionären, die darum nachsuchen, als vernünftiger Partner in Sachen Fortschritt geachtet und beachtet zu werden. Diese Beachtung der autorisierten Arbeitervertretung ist allerdings gerade bei ökonomischen Verhandlungen nicht leicht zu kriegen, in denen man gar nichts durchsetzen will. Die Unternehmer nehmen das Entgegenkommen freudig zum Anlaß, grundsätzlich jede Forderung abzulehnen, im Betrieb rücksichtslos vorzugehen und bei den Verhandlungen auf stur zu schalten, so daß das Ansehen der Gewerkschaft die unbequeme Demonstration verlangt, daß man sich nicht einfach übergehen läßt. So werden die vielgeplagten Repräsentanten der deutschen Arbeiterschaft zu Kämpfern - und das gleich an drei Fronten.
Den Mitgliedern, deren Ansprüche man in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung verwalten, also nicht durchsetzen, sondern sozialfriedlich erledigen und dadurch für sich nutzen will, muß gezeigt werden, was sie an ihrer Gewerkschaft haben, auch und gerade wenn es sich für sie materiell nicht auszahlt. Als ob die gewerkschaftlichen Unterhändler bei Unternehmern und Politikern in die Schule gegangen wären, beweisen sie, daß die Macht sich prächtig zur Erpressung derjenigen eignet, denen sie sich verdankt. Darauf bauend, daß die von ihnen mitverantworteten Arbeitsbedingungen Gründe genug schaffen, sich von ihrer Verweigerung etwas zu versprechen, benutzen sie das Monopol, anerkannte Arbeiterinteressenvertretung zu sein, dazu, die Mitglieder eine Niederlage für sich und einen Erfolg für sie erstreiken zu lassen. Einerseits schüren sie Erwartungen und mobilisieren sie gegen die Unternehmer; zugleich lassen sie aber diese Erwartungen im Verlauf des Streiks durch die Gegenseite zurückweisen und bringen sich als die eigentlich Betroffenen ins Spiel. So werden die Arbeiter "reif" für eine "qualitative Tarifpolitik"' Und den materiellen Schaden, den die Arbeiter von einem Streik erleiden, der mit einem vernichtenden Abschluß endet, führt man noch als Beweis dafür an, daß die Proleten ohne Gewerkschaft, d.h. Streikgeld, aufgeschmissen wären. Das Brutale solcher solidarischer Kämpfe" besteht, was seine Träger angeht, also darin, daß diese sich im wörtlichen Sinne an einem Ergebnis abkämpfen dürfen, welches in seinen verheerenden Grundzügen von vornherein feststeht und um dessen grundlegende Korrektur es gar nicht geht. Die Lösung des 'Konflikts' zwischen einem Arbeitskampf und der gewerkschaftlichen Absicht, sich als positive Kraft zu profilieren, fällt an dieser Front so gemein wie einfach aus:
Beim und mit dem Streit um ihre Belange wird den gewerkschaftlich aktivierten Objekten der Tarifauseinandersetzung beigebracht, daß sie auch mehr nicht sind, weil bei dieser Auseinandersetzung um höhere Ziele gerungen wird als die Durchsetzung von mehr Lohn, einen sicheren Arbeitsplatz und angenehmere Arbeit; zugleich wird ihnen gegenüber der Schein aufrechterhalten, die Abservierung ihrer Hoffnungen sei, weil erkämpft, das Bestmögliche gewesen.
Damit ist der Kampf an den beiden anderen Fronten zwar noch nicht gelaufen, wohl aber in die richtigen Bahnen gelenkt. Den Unternehmern wird die Stärke der Gewerkschaft vorgeführt, was nicht heißt, daß sie eingesetzt wird. Ihnen soll klargemacht werden, daß ihr "Herr-im-Haus-Standpunkt" ihnen mehr schadet als die partnerschaftliche Zusammenarbeit. Dazu gehört die Rücksichtnahme bezüglich des ökonomischen Drucks, die laufend beteuerte und bewiesene Bereitschaft zu Abstrichen von den ohnehin nicht radikalen Forderungen. Die gewerkschaftliche Sorge, daß der Streit nicht zum offenen Klassenkampf ausartet, erlaubt der Gegenseite, ihn rücksichtslos zu führen, worauf sich die Gewerkschaft um so bereitwilliger zeigt, gegenüber ihren Mitgliedern jede Rücksicht fallen zu lassen. Schließlich ist inzwischen schon längst die dritte Front ins Wanken geraten, an der die Gewerkschaftsstreiter um ihr Ansehen kämpfen - die Öffentlichkeit. Hier soll den konstruktiven gewerkschaftlichen Vorstellungen von einer humanen Arbeitswelt Beachtung verschafft werden, den reaktionären Kräften" bewiesen werden, daß die Gewerkschaft auf ihre Rechte pochen darf, weil sie ihre nationalen Pflichten erfüllt. Mit dem Streik rückt die Gewerkschaft ins Zentrum der öffentlichen Beachtung - und das gefällt ihr ausnehmend gut. In den Zeitungen steht gleich auf der Titelseite, wie hart um einen gerechten Ausgleich gerungen wird, und der gespannten Nation dürfen Steinkühler, Herb und Mahlein ihre übernächtigten Gesichter und sorgenvollen Mienen präsentieren. Da läßt sich aller Welt mitteilen, wie sehr sich die laufend verkannte und öffentlich unterrepräsentierte Organisation der Arbeiter um das Problem der "Vollbeschäftigung" und die ..soziale Sicherheit" verdient macht. Da läßt sich ohne Rücksicht darauf, daß die Öffentlichkeit die Schuldfrage längst entschieden hat, die eigene Unlust zum Streik beteuern und öffentlich erklären, daß die öffentliche Störung noch längst keine Gefährdung des sozialen Friedens darstellt, wenn sie von einer verantwortungsbewußten deutschen Gewerkschaft herrührt, die sich eilfertig von "Auswüchsen" in den eigenen Reihen distanziert. Wegen der peinlichen Bemühung um Verständnis in der Öffentlichkeit, neigt sich diese Demonstration, daß man eine eigenständige und für das Allgemeinwohl notwendige tarifautonome Institution ist, allerdings spätestens dann ihrem Ende zu, wenn die Politiker, mit denen Gewerkschaftler durch die Welt reisen, mit besorgtem Unterton erklären,' daß sie die Tarifautonomie sehr schätzen, den bedingungslosen sozialen Frieden aber auch.
Das Motto Eugen Loderers enthält also neben der etwas umständlichen Ausdrucksweise für den geaellschaftaerhaltenden Zweck der Gewerkschaftsmacht nur eine kleine Lüge. Sie ist nicht das geblieben, was sie vorher war, sondern sie hat sich als das bewährt, also Fortschritte gemacht - und zwar auf allen drei Gebieten. Die Repräsentation der Arbeiterinteressen hat sich erfolgreich von diesen Interessen freigemacht und unter den Opfern der Rationalisierung für etwas mehr Gewöhnung an ihre laufend sich verschlechternden Lebensbedingungen gesorgt. Bekanntlich befördert nichts so sehr die Willfährigkeit des Ausbeutungsmaterials wie der Zwang zu verschärfter Konkurrenz der Arbeiter, der aus einem für sie katastrophalen Streik resultiert. Die auf ihre Führungsrolle in Sachen Arbeitskampf so stolze Druckgewerkschaft erlaubt es sich inzwischen, ohne alle Umstände Lohn, Urlaub und Spartenanhänge zur Zufriedenheit der Unternehmer mit einem Schlag zu erledigen, lapidar festzustellen, daß dies kein Einstieg in die 35-Stunden-Woche sei, und gleichzeitig auszuposaunen, daß man sich auch durch den schändlichen Tabu-Katalog der Unternehmer das Recht auf die 35-Stunden-Wochen-Einstiegs-Forderung nicht nehmen lasse. Daß Lohnerhöhungen über 5% mitten im schönsten Boom nicht zu verantworten sind, ist längst zur offiziell vertretenen Meinung auch in Gewerkschaftkreisen geworden. Inzwischen sind höhere Ziele erreicht: Der Urlaub ist bis 1983 für alle festgeschrieben und in die 35-Stunden-Woche wird garantiert nicht vor diesem Zeitpunkt "eingestiegen". Dafür ist sie aber auf der öffentlichen Tagesordnung und - im Europaprogramm der SPD. So findet die "gesellschaffsverändernde Kraft" der Gewerkschaft bleibende Anerkennung, während der soziale Fortschritt in den Betrieben unbehelligt seinen Gang nimmt und seinen Preis fordert. Im selben Maße, wie die Gewerkschaft ihren Mitgliedern materielle Forderungen abgewöhnt, erfreut sie sich einer öffentlichen Beurteilung, die alle Mutmaßungen, es handle sich bei den Meinungs- und Politikmachern nicht gerade um Arbeiterfreunde, Lügen straft - jedenfalls was ihre Freundlichkeit gegenüber der Arbeiterorganisation betrifft. Zeitungen, die die Unternehmer warnen, die gewerkschaftlichen Vorleistungen in den diesjährigen Tarifrunden nicht durch Preistreiberei" zunichte zu machen! Ein Kanzler, der nicht nur genüßlich die westdeutsche Streikstatistik mit denen der europäischen Nachbarländer vergleicht, sondern Streikkritiker Kleinbürger" schimpft und die Streiks "seiner" Gewerkschaften als Zeichen der Ordnung lobt! Und selbst die hartgesottensten Gewerkschaftsgegner, die Unternehmer, können den Bemühungen der Gegenseite um ein freundliches soziales Klima ihre Anerkennung nicht versagen - nichtöffentlich und mit geheuchelter Verwunderung versteht sich! Druckunternehmer begründen die Abwälzung der unvermeidlichen Restkosten der unterbliebenen Tarifauseinandersetzung gegenüber ihren verehrten Kunden mit folgenden schönen Worten:
"Sehr geehrte Herren,
die Lohnrunde 1979 hat uns wider Erwarten einen zumindest für uns
doch etwas überraschend akzeptablen Ausklang gefunden. Den unmäßigen
Forderungen der letzten Jahre, die mit Streiks gekoppelt waren und uns
Druckern sehr viel Geld gekostet haben, folgt diesmal eine endlich
verhaltenere Gangart unserer Gewerkschaft... Wir bitten Sie aber für
die Folgerechnungen die Ihnen noch zugehenden neuen Sätze zu
akzeptieren und bitten Sie weiter, sich noch einige Tage zu gedulden, da
wir, überrascht von dem unerwartet schnellen Einigungstermin der
Tarifparteien, einigen Angestellten ein paar Tage Urlaub gewährt
haben. Vielen Dank für Ihr Verständnis."
Der Kunde bezahlt die Folgerechnung, die Schreiber streichen sie ein, und die Drucker, die das gewerkschaftliche Verständnis für die harte Gangart von "uns Druckern" viel Geld und Gesundheit kostet, kehren nach ein paar schnellen Urlaubstagen an ihren wohlerhaltenen Arbeitsplatz zurück, um dort ihre unmäßigen Folgekosten tagtäglich zu entrichten. Die Unternehmer wissen schon, warum sie diese verhaltenen Dankbezeugungen an die Adresse der Gewerkschaft nicht in aller Öffentlichkeit zu Protokoll geben. Das ist ihre Rücksichtnahme auf den Stolz der Gewerkschaft. Allzuviel des Lobs von ihrer Seite könnte die so erfolgreich einseitige Zusammenarbeit mit unseren Gewerkschaften nur stören . Denn die hat an der bleibenden Unzufriedenheit de» Unternehmer noch allemal die beste Grundlage, um ihre Erfolge gebührend zu feiern. Und diese Genugtuung verweigern ihr nicht einmal die Unternehmer. Sie hat es verdient! Schließlich ist die laufende Verbesserung des "sozialen Klimas" durch den Widerspruch eines durch und durch verantwortlichen Arbeitskampfes keine alltägliche Leistung. Unsere Gewerkschaften schaffen es, weil sie verstehen, diesem Widerspruch die ihm gemäßen Verlaufsformen zu geben, die sich als Katalog der
auflisten lassen, weil sich die Gewerkschaft an sie noch treuer hält als die Unternehmer an ihren Tabu-Katalog. Wir haben ja eine deutsche Einheitsgewerkschaft und keine deutsche Einheitsunternehmerschaft!
Der Zeitpunkt, an dem deutsche Gewerkschaften ihre Verhandlungen mit dem Kapital abbrechen und sich zu einem Streik entschließen, hat nichts mit einem plötzlichen Festfahren oder Scheitern der Verhandlungen zu tun. Jahrelanges tatenloses Zusehen und bis zu drei Jahre dauernde "Spitzengespräche" verbieten nicht nur, von einem Scheitern der Verhandlungen zu reden, weil man es auf einen sachlichen Erfolg niemals angelegt hatte. Sie sind auch der Garant dafür, daß der Arbeitskampf auf keinen Fall eine Beeinträchtigung der unternehmerischen Rationalisierungsmaßnahmen zur Folge hat. Die sind längst besiegelt und vollzogen. Sie erlauben es aber der Gewerkschaft, das unverschämte moralische Gejammer anzustimmen, die brutale Demonstration des eigenen ungebrochen guten Willens zu liefern, auf die es ihr ankommt. Der Chef der IG Druck etwa brüstet sich vor Mitgliedern und Öffentlichkeit mit dem Verdienst, 10 Jahre lang die Unternehmer beim "technischen Fortschritt" nicht gestört zuhaben:
"Bereits in den sechziger Jahren ... hatte die IG Druck und Papier ... die Entwicklung erkannt und vor den sozialen Folgen der Umstellung gewarnt. Wie berechtigt damals die gewerkschaftlichen Mahnungen waren, zeigt sich dieser Tage."
Unkenntnis läßt sich Mahlein also nicht vorwerfen, wenn er seine Vorleistungen anführt, um das moralische Recht auf eine zuvorkommendere Behandlung seiner werten Person zu beanspruchen:
Den Kern der Tarifforderungen, um die es 1978 ging, hat die IG Druck "bereits im Sommer 1975 vorgelegt. Ein Jahr lang haben sich die Unternehmer und Verleger geweigert, überhaupt Verhandlungen aufzunehmen. Erst zum Jahreswechsel 1976/77 kam es zu Verhandlungen... Schon bald zeigte sich, daß die Unternehmer bereit waren, die unsozialen Konsequenzen einfach mit Geld abzudecken. (So einfach will es die Gewerkschaft den Unternehmern nicht machen!) Angesichts der starren Haltung der Unternehmer (von den sechziger Jahren bis 1977!) schien seit dem Sommer 1977 ein Streik unausweichlich", den die IG Druck mit vielen neuen Verhandlungsanläufen dann immerhin noch bis 1978 hinauszögerte. Schließlich war es dann die offenkundige Sturheit der Unternehmer gegen die Wünsche der gewerkschaftlichen Unterhändler, sich wenigstens den Anschein eines Entgegenkommens zu geben, der für die Gewerkschaft den Streik "unausweichlich" machte. Wenn es nach endlosem Verzögern durch die Gewerkschaft schließlich zum Streik kommt, steht zweierlei fest: Erstens wer der Sieger ist, zweitens wer der moralische Sieger ist. Denn solche Streiks sind nichts anderes, als eine moralische Veranstaltung - mit dem obligatorischen Preis für diejenigen, die als Beweismaterial dafür dienen dürfen, daß ihren Vertretern mehr Respekt gebührt.
Auch die IG Metall ist im Stahlbereich nicht müde geworden, auf einen 50-jährigen Arbeitsfrieden hinzuweisen., eine Tradition, die ihrer würdig ist. Schließlich hat sie die Verpflichtung zum nationalen Wiederaufbaubeitrag, den ihr das Montanmitbestimmungsgesetz 1951 auferlegt und honoriert hat, vorbildlich ausgefüllt. Als Gewerkschafter haben sie Ende der 60-er Jahre die "wilden" Streiks kräftig mitabgewürgt; als gewerkschaftliche Aufsichtsräte haben sie wirtschaftsbewußt die Einführung neuer Verhüttungs- und Walzverfahren mit tausenden Entlassungen und Konti-schicht mitbestimmt. Und da sollen sie kein Recht haben, bei der Verwaltung der unübersehbaren Opfer ein Wort mitzureden!
Allerdings gehört zur Wahrung des gewerkschaftlichen Ansehens auch die Bereitschaft, sich mit der rein agitatorischen Bewältigung der unzumutbaren "Unternehmerdiktate" zu begnügen, solange sich von einer weniger aufwendigen Erledigung der zur Verhandlung stehenden , Nachfragen" ein geringerer Schaden für den Ruf der Gewerkschaft erwarten läßt. Nichts zu erreichen, ist ja durchaus nicht dasselbe, wie nichts zu gelten. So hat sich die IG Druck erst nach mannigfachen Versuchen, die von ihr selbst laufend angeprangerte ,Beseitigung eines ganzen Berufsstandes" sozialfriedlich zu bewältigen, zu einer demonstrativen Besinnung auf die hochgelobte Kampfkraft und Kampfbereitschaft unserer Mitglieder" entschlossen. Nicht die offenkundige Härte der Unternehmerpraktiken allein bewog sie, ihre Macht zur Schau zu stellen, sondern das Trara, das sie selbst darum gemacht hat , daß sich an dieser Frage die Geltung der Gewerkschaft entschiede - und der langfristige Nutzen, den sie sich deswegen von einer "gewerkschaftlichen Offensive" versprach. Zur praktischen Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitgliedern und zu der öffentlichen Darstellung gewerkschaftlicher Bedeutung gehört auch die Demonstration gegenüber der eigenen Basis, daß ihre Funktionäre sich nicht einfach unterbuttern lassen - jedenfalls dann nicht, wenn sie mit großen Sprüchen bei der Basis Erwartungen geschürt haben, die sich ausnutzen lassen. Diese wichtige Unterabteilung des ersten Leitsatzes lautet also:
Das ist alles andere als Durchsetzung des Willens der Basis; es ist seine gewerkschaftliche Korrektur. Die IG Druck hat dies geradezu klassisch vorgeführt: Erst hat die Tarifkommission nach ihren jahrelangen Verhandlungsverschleppungen auf dem Höhepunkt ihrer gewerkschaftlichen Kampagnen gegen die "Unternehmerwillkür" ohne große Umstände und mit knapper Mehrheit mit den Unternehmern Leitsätze über den zukünftigen Tarifvertrag festgelegt, die praktisch alle Unternehmerwünsche zur Zufriedenheit erfüllten. Nach Unmutsäußerungen in einigen Betrieben stimmte dieselbe Tarifkommission einen Tag später mit demonstrativer Einstimmigkeit gegen diese Leitsätze und verkündete: "Unsere Antwort kommt jetzt aus den Betrieben." Nicht erst das von den Leitsätzen kaum unterschiedene Streikresultat verdeutlicht, daß der ,Sinneswandel" der Funktionäre nicht in neuen Einsichten über die Leitsätze oder in neuen Absichten bezüglich der Mitglieder gründete. Den in ihrer Existenz bedrohten Setzern wurde nur die Gelegenheit gegeben, sich im Namen der Gewerkschaft zu einem Ergebnis durchzuringen, dessen Grundzüge die Gewerkschaft mit den Leitsätzen schon vorgeschrieben hatte. Sich selbst durften sie den opfervollen Beweis liefern, daß ihre Gewerkschaft sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen hat, und dabei der Gewerkschaft zu dem Erfolg verhelfen, eine kleine, aber feine zu sein, was ihre Bedeutung für sozialen Fortschritt, Pressefreiheit und Demokratie angeht.
Auch die IG Metall schätzt den Streik als Mittel der moralischen Erziehung zur Gewerkschaftssolidarität. Sie läutete den 78-er Arbeitskampf in Baden-Württemberg mit ordnungspolitischen Argumenten ein:
"Gewerkschafter mit Leib und Seele wird man nicht durch das Zahlen des Beitrags oder durch Schulung. Man wird es im gewerkschaftlichen Kampf."
Die organisierte Gegenwehr gegen die ökonomische Macht der Unternehmer dient also der Arbeiterorganisation, die an der ökonomischen Macht der Unternehmer politisch partizipieren möchte, als Instrument, die Arbeiter für diese Politik tauglich zu machen - und sei es auch nur, daß sie sich zu der Ansicht bequemen, zur Versicherung gegen Arbeitskämpfe sei eine Mitgliedschaft immer noch gut. Deswegen werden kräftige Sprüche gemacht, die aus der Gewerkschaftszugehörigkeit eine Charakterfrage machen: ,,Nur gemeinsam sind wir stark!" ,,Solidarität mit einer starken Gewerkschaft!" Denn für die Gewerkschaft sollen die Arbeiter sein, aber aufgrund der Einsicht, daß sie für sie dazusein haben und nicht umgekehrt. Deswegen fehlt wie bei jeder Moral auch selten der Hinweis auf die Zwänge, die eine bedingungslose Bereitschaft zur Gewerkschaftstreue geboten erscheinen lassen sollen und die in die Gestalt des Nutzens eingekleidet werden, den es nicht gibt. Und im Verlauf des Streiks wird spätestens nach der ersten Aussperrung der Kampf um einen gerechten Abschluß", bei dem mancher noch allzusehr an die Verbesserung seiner Lage denken mag, durch den Kampf gegen die "Anschläge auf die Tarifautonomie", gegen den ökonomischen "Machtmißbrauch" der Unternehmer, also für die Behauptung der Arbeiterorganisation ersetzt.
Die demonstrative Rücksichtnahme auf die besonders hart von der Rationalisierung betroffenen Setzer , Metaller und Stahlarbeiter ist also kein Zugeständnis der Gewerkschaften. Sie verdankt sich der rücksichtslosen Kalkulation, daß durch die unternehmerischen Praktiken die Interessenvertretung der deutschen Arbeitnehmer in Mitleidenschaft gezogen werden könnte - und der Rechnung, daß sich aus der Not der Mitglieder Gewerkschaftstugend machen läßt: Je größer das Ausmaß der Not, desto williger sind die Betroffenen bereit, jeden Kampf gegen die Unternehmer mitzumachen, desto gleichgültiger sind sie gegenüber der kräftig geschürten heimlichen Gewißheit, daß viel nicht zu erwarten ist. So machen die Gewerkschaften regelrechte Rangskalen auf, in denen sie aus dem Ausmaß der Existenzbedrohung auf den Grad der Mobilisierbarkeit für ihre Politik schließen. Agitatorisch gewendet hört sich das zum Beispiel so an:
"Die Maschinensetzer waren schon immer der harte Kern in einer kämpferischen Gewerkschaft."
Dieser Ökonomie der Gewerkschaftspolitik entspringt der
Aus dem erstgenannten Leitsatz folgt, daß es für dieses Prinzip keineswegs gesamtgewerkschaftlicher Lagebesprechungen und offizieller DGB-Order bedarf. Wenn der DGB angesichts der in allen Branchen stattfindenden Krisenbewältigung durch Rationalisierung das Thema "Humanisierung der Arbeitswelt" an die erste Stelle der gewerkschaftlichen Tagesordnung setzt, dann lassen sich IG Metall und IG Druck ihren Streik nicht einreden; sie lassen es sich aber auch nicht zweimal sagen, daß sie für diese "Humanisierung" streiken sollen. Wenn nach der offiziellen Beendigung der Zeit, wo die Gewerkschaften noch reine Maschinen waren, statt Lohnforderungen die Politik des "Einstiegs in die 35-Stunden-Woche" aufs Tapet gebracht wird, dann bietet die IG Metall selbstbewußt ihren Stahlbereich an, um die 35-Stunden-Woche dort mit einem Streik zur "Jahrhundertforderung" machen zu lassen. Und angesichts dieses Signals kommt die IG Druck wie andere, traditionell weniger "kämpferische" Gewerkschaften von ganz allein drauf, für diesesmal auf eine Mobilisierung zu verzichten. Auch die zum 2. Leitsatz gehörige Unterdevise:
wird in allen Fällen ohne Befehl von oben befolgt, weil sich nur mit ihr die einzelgewerkschaftliche Position innerhalb der deutschen Einheitsgewerkschaft stärken läßt. Und die Mitglieder sollen immer noch wissen, daß es ihre Gewerkschaft war, für die sie - stellvertretend für alle anderen - die Köpfe hinhalten durften. Die "Ausgangs(!)forderung" der IG Metall beimStahl -
"Verkürzung der tariflichen wöchentlichen Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich mit dem Ziel der 35-Stunden-Woche, auch durch Freizeitausgleich"
ist ein Meisterstück dieser gewerkschaftlichen Kunst, aus den Sorgen der Mitglieder Anlässe für deren Einsatz in Sachen ..qualitative Tarifpolitik" zu machen. Die Forderung nimmt nämlich das Bedürfnis der Stahlarbeiter nach einer Verkürzung ihrer wöchentlichen Arbeitszeit auf, die im Tarifvertrag durchschnittlich 4o Wochenstunden beträgt, in den Stahlbetrieben deshalb bis auf 60 Wochenstunden ausgedehnt werden konnte. Zugleich läßt sie keine Zweifel darüber aufkommen, daß nicht die 35-Stunden-Woche gefordert wird - sie wird als,, Ziel" aufs Programm gesetzt. Ebenso unmißverständlich wird signalisiert, daß die Konti-Schichten nicht angerührt werden sollen, so daß auch der "Freizeitausgleich" kein Ausgleich wird. So setzt man die Hoffnung auf Arbeitserleichterung durch Arbeitszeitverkürzung für die Propaganda einer sozial- und beschäftigungspolitischen Konzeption ein, und bereitet zugleich den Augenblick vor, an dem von dieser Hoffnung rein gar nichts mehr übrig bleibt.
Auch zur Demonstration eines weiteren Kernstücks der neuen Tarifpolitik eigneten sich die Stahlkocher besonders. Die Forderung nach der ,,35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich", deren zweiter Teil ja nicht mehr als eine lästige rhetorische Pflichtübung ist, mußte vom Tisch, wollte man nicht dem leidieen üblichen Verdacht gegen die Gewerkschaft neue Nahrung geben. Was eignet sich dafür besser, als die Manteltarifverhandlungen so lange schleifen zu lassen, bis sie mit der Lohntarifrunde, die traditionell die Signale für die Metallbereiche setzen muß, zusammenfiel. Denn Signale müssen zwar "typisch" sein, aber gerade deswegen auch in die "tarifpolitische" und vor allem in die "konjunkturelle" Landschaft passen. Mit einer nie dagewesenen Reallohnsenkung wurde also klargestellt, daß auch der "volle Lohnausgleich" in die programmatischen Debatten und Resolutionen, nicht aber in die Tarifpolitik gehört. In der gebietet ein Blick auf die "Beschäftigungssituation " in den "gesundgeschrumpften" Stahlbetrieben, die Löhne ,,stabilitätsgerecht" zu senken. Heutzutage rechnen die Gewerkschaften wie die Unternehmer auch schon vor den Tarifrunden die Manteltariferrungenschaften gegen Lohn auf, um keine falschen Hoffnungen aufkommen zu lassen, und nicht mehr erst nachher. Eine allmähliche Arbeitezeitverkürzung als Jahrhundertforderung, die Vermeidung von weiterer Lohnkostenbelastung für die boomenden Stahlbetriebe und die Gelegenheit für die Unternehmer, die produktionsgerecht eingerichteten kümmerlichen Freischichten zur Intensivierung zu nutzen - einem solchen sozialpolitischen Programm mehr Gehör in der Öffentlichkeit zu verschaffen, ist doch wohl einen sechswöchigen Streik wert!
Um die Ehrlichkeit dieses Programms zu untermauern, das schließlich m Form von Forderungen auftritt, die mit den allzeit nicht sozialpolitisch, sondern schlicht ökonomisch eingestellten Unternehmern erst noch kämpferisch abgestimmt werden müssen, ist es allerdings erforderlich, sich strikt an einen weiteren Leitsatz zu halten:
Ein Arbeitskampf, der den Konsens über die prinzipiellen wirtschaftlichen "Notwendigkeiten" nicht aufkündigen will, weil er sich dem Streit über die Ausgestaltung dieser Notwendigkeiten bezüglich des "Wirtschaftsfaktors Arbeit" verdankt, findet als Stellvertreterstreik und Schwerpunktstreik statt. Nicht aus Rücksichtnahme gegenüber den Arbeitern, für die der Streik kein Zuckerschlecken ist; nicht aus der Effektivitätsüberlegung, die aufgestellten Forderungen durchsetzen zu können, ohne in allen Tarifgebieten antreten zu müssen. Daß die Streiks der IG Metall zumeist auf ein Tarifgebiet beschränkt geblieben sind, unabhängig davon, ob sich der Gegner beeindrucken ließ; daß es gerade nicht die größten Tarifbezirke sind, die stellvertretend antreten müssen; daß sich der größte Tarifbezirk, Nordrhein-Westfalen, derzeit überlegt, ob er sich nicht teilen soll, um seinen Mitgliedern auch einmal die Gelegenheit zum verantwortungsvollen Streik zu verschaffen - dies alles verdankt sich einer anderen Überlegung: Es ist die Frage nach dem Schaden für "unsere Wirtschaft", den unsere Gewerkschaft nicht vor der Öffentlichkeit verantworten möchte. Deswegen gestaltet sie den Arbeitskampf zu einer einzigen kämpferischen Demonstration, wie sehr sie, im Unterschied zu den Unternehmern, selbst noch beim unfriedlichen Gebrauch ihrer Macht der deutschen Wirtschaft und dem dazugehörigen Sozialfrieden dient. Dafür ist sie bereit, von sich aus das Mittel untauglich zu machen, dessen sie sich bedient; also auch, die Abstriche von ihren mageren Forderungen hinzunehmen, die ihre offenkundige Kampfunwilligkeit beim Arbeitskampf nach sich zieht. Das kostet sie zwar einiges von ihrem wohlangelegten Gewerkschaftsvermögen, weil die unvernünftigen Unternehmer diese Verantwortung als Einladung zur Härte auffassen, eröffne ihr aber das weite Feld der verständnisheischenden öffentlichen Beschwerden - und die Möglichkeit, eine bis in jede Kleinigkeit nach den Prinzipien der "Wirtschaftlichkeit" ausgetüftelte Streikstrategie anzuwenden. Das Tarifgebiet entscheidet sich nach einer Besinnung auf die regionalen Unterschiede im Gewinnniveau: Die Metallindustrie in Baden-Württemberg steht vergleichsweise besser da als die in Nordrhein-Westfalen; also ist hier den Unternehmern nach Ansicht der Gewerkschaft ein zeitweiliger Arbeitsausfall eher zuzumuten. Und wenn die Rücksichtnahme auf die innergewerkschaftliche Konkurrenz der Tarifbezirke, die Unlust oder Lust der regionalen Vereine, die schließlich auch beachtet sein wollen, dieses Kalkül nicht immer erlaubt, oder gar die Streikwilligkeit der Mitglieder über die Stränge zu schlagen droht, wird eben auch mal abgewechselt oder im Notfall in den nichtbestreikten Bezirken verhandelt und noch während des laufenden Streiks abgeschlossen. So geschehen "1973 in Nordrhein-Westfalen, das sich dadurch als gewerkschaftlicher Streikbrecher für das Unterwesergebiet betätigte. Außerdem gilt es auch die Betriebe sorgfältig und schwerpunktmäßig nach ihrer ökonomischen Potenz auszuwählen, wobei das nicht mit wirtschaftlicher Größe zu verwechseln ist; ein Streik bei VW oder gegen den ganzen Springer-Konzern z.B. trifft zwar sicher nicht den unpotentesten, ist aber doch unter Umständen ein allzu unangenehmes Fanal der Verantwortungslosigkeit. Im übrigen muß man sich auch hier wegen des gewerkschafts- oder allgemeinpolitischen Symbolcharakters bestimmter Betriebe oder wegen einer allzeit gewerkschaftstreuen Belegschaft oder wegen eines allzu selbständigen Betriebsrats einige Abweichungen von der Generallinie leisten. Dabei ist allerdings zumeist eitel Harmonie zu erzielen, wie die IG Druck am Fall Springer bewiesen hat, den sie als Hauptverantwortlichen für die starre Haltung der Unternehmer und als politisches Symbol der Presseknebelung symbolisch bestreikte, d.h. so gut wie gar nicht.
Unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftsvernunft teilt sich deshalb auch die unternehmerische Landschaft für die Gewerkschaft in Punkte, an denen man streikt, und Punkte, an denen man nicht nur schlicht weiterarbeitet, sondern dafür arbeitet, daß der Streikschaden an den anderen Punkten möglichst gering gehalten wird. Die Arbeit gewinnt also eine neue, originelle Qualität, die von Seiten der Kampforganisation gebührend ausposaunt wird. Im Stahlstreik hat die IG Metall z.B. alles in ihrer Kraft Stehende getan, um durch ihn keine Engpässe in der so wichtigen und so schön prosperierenden Autoindustrie entstehen zu lassen. Dabei werden die Erpressungsversuche der Gegenseite, die über Engpässe jammert und gleichzeitig durch Vor- und Nacharbeiten die Quantität und Intensität der Arbeit steigert, in Kauf genommen - ja unterstützt. Auch in den bestreikten Betrieben selbst ist alles getan worden, damit die Öfen nicht ausgehen. Die IG Druck achtete ebenfalls peinlich darauf, daß die vielbeschworene "Freiheit der Presse" keinen Schaden nimmt - vor allem nicht in den profitablen Samstagsausgaben. Niemand sollte wegen des Streiks auf die tägliche Lektüre der Antistreikhetze verzichten müssen. So ließ die IG Druck auf dem Höhepunkt des Arbeitskampfes 1978 ganze sieben Betriebe bestreiken und entschuldigte sich selbst dafür noch ununterbrochen in den von ihr herausgegebenen Streikbrecherzeitungen.
Überdies besitzen Punktstreiks den Vorzug, daß sich mit ihnen die Gegenmaßnahmen der Unternehmer vorprogrammieren lassen, an denen der Gewerkschaft so viel liegt. Aussperrungen folgen auf dem Fuße, und bieten vielfältige Möglichkeiten, den ungebrochenen, ja gesteigerten Arbeitswillen zu demonstrieren, der an der rückständigen klassenkämpferischen Einstellung der Unternehmer scheitert. Um den Arbeitskampf ökonomisch zu entschärfen, also als Druckmittel unbrauchbar zu machen, und ihn dadurch zu dem gewünschten politischen Gefecht zu machen, bedarf es der strikten Beachtung eines weiteren Leitsatzes:
Denn man muß ja mit den Mitgliedern den Beweis antreten, daß man die Macht, die man hat, nicht einfach benutzen will. Die Mitglieder müssen also, aktiv sein, Streikbereitschaft und Arbeitswillen zeigen, wobei das eine wenig, das andere umso mehr zum Einsatz kommt. Kurz, sie müssen alle Winkelzüge der beschriebenen Gewerkschaftstaktik mit sich vollziehen lassen, ohne nach dem Nutzen für sich zu fragen, ja ohne überhaupt gefragt zu sein. Zunächst einmal muß ein überzeugendes Urabstimmungsergebnis für den Streik her. Auf Basis dessen lassen sich dann die Befürchtungen der Öffentlichkeit, die "Basis könne aus dem Ruder laufen", widerlegen. Wenn jemand die Proleten im Griff hat, dann ist es innere Gewerkschaft und sonst keiner. Gerade dann, wenn sie die Ordnung stört, bewährt sie sich als Ordnungsmacht. Die Basis streikt, wann und wo gestreikt werden soll, und sie muß arbeiten, wann und wo gearbeitet werden soll. Und bedingungslose Gefolgschaft ist gerade dann verlangt, wenn die Gewerkschaftstaktik kleinere Umgruppierungen an der Streikfront erfordert und Streikende zurück in die Betriebe müssen, um zu arbeiten oder sich aussperren zu lassen. Häßliche Szenen in den Betrieben haben zu unterbleiben, weil die Gewerkschaft nach dem Erlöschen der Friedenspflicht den Mitgliedern eigene Friedensverpflichtungen auferlegt. Statt dessen dürfen die Streikenden auf Kommando von den Betriebstoren weg in die Fußgängerzonen ausschwärmen und erbosten Bürgern die guten Absichten der Gewerkschaft beibringen. Nur keine selbständigen Solidaritätsstreiks anleiern, das paßt nicht in die Streiklandschaft und widerspricht der Gewerkschaftssolidarität! überhaupt ist nicht Eigenständigkeit gefragt, sondern gehorsame Gefolgschaft, wenn man als Manövriermasse der Gewerkschaftspolitik verschlissen wird. Aber aktiv muß man sein, wann, wo und wie die Gewerkschaft es verlangt. Das nennt sich Disziplin, was nicht die Selbstverständlichkeit meint, das gemeinsam verfolgte Streikziel auch mit vereinten Kräften durchzusetzen, sondern die Selbstdisziplinierung des eigenen Interesses am Arbeitskampf. Gewerkschaftlich organisierter Streikbruch wird da zur anerkannten Leistung:
"Es ist verständlich, daß die Kolleginnen und Kollegen, die von der Organisation noch(!) nicht zum Arbeitskampf aufgerufen worden sind, ungeduldig sind'... Solidarität heißt auch (meint: nur!) Disziplin, wenn man noch nicht zum Streik aufgerufen ist."
So lobt die IG Metall ihre ordnungsstiftende Kraft gegenüber den Stahlkochern, die während des Streiks Überstunden ableisten und sich zum schnelleren Arbeiten antreiben lassen durften. Zu vernünftigen Arbeits-. kämpfen gehört eben das Ertragen verschärfter Ausbeutung zu einem Zeitpunkt, wo man gerade die Zustimmung zur Verweigerung der Arbeit wegen dieser laufenden Verschärfungen schriftlich gegeben hat.
Wo angesichts des zynischen Umgangs der Gewerkschaft mit der Einsatzbereitschaft der Basis die rechte Begeisterung nicht aufkommen will, wo im Verlauf des rücksichtslosen Streikzirkus' sich Enttäuschung breit macht, da wird verlangt, daß die Mitglieder gefälligst ihre Vorbehalte aufgeben und sich bis zu ihrer bitteren Niederlage einsetzen. Wenn es um sie nicht geht, aber mit ihnen gehen soll, dann müssen gerade sie sich gefälligst zu der Einsicht bequemen, daß die Gewerkschaft von ihnen alles verlangen darf, sie von ihr aber nichts:
"Wir müssen das Streikbewußtsein(!) unserer Mitglieder ändern. Streik muß als politische Handlung ins Bewußtsein eingehen und nicht als passiv in der Freizeit erlebte Arbeitsverweigerung."
Und das gilt nicht nur für die Streikenden selber, sondern auch für die Ausgesperrten, die nicht einfach nicht arbeiten sollen, sondern die "Ungerechtigkeit der Aussperrung" aktiv, am besten durch beharrliches Herumstehen vor dem Betrieb, vorführen sollen. Zur Aufrüstung der angeschlagenen Moral der Basis werden auf den Streikversammlungen große Reden geschwungen. Mahlein, Steinkühler, Herb & Co. eilen vom Verhandlungstisch herbei und klopfen den "Kollegen" auf die Schulter. Solche Versammlungen sind ja schon lange keine Lagebesprechungen mehr, auf denen gemeinsame Schritte und Maßnahmen beraten und beschlossen werden, auf denen erklärt wird, was ansteht und wie man es am besten erreichen kann. Sie sind verlogene Feierstunden, Repräsentation des Gewerkschaftsgeistes nach innen und vor allem nach außen. Deswegen wird auch viel geredet und von kritischen Kulturmachern vorgesungen, wie schön doch eine vereint kämpfende Arbeiterorganisation ist. Wer meint, sich die politische Bildung durch seine Funktionäre sparen zu können und das Gejammer gegen Aussperrung und unternehmerische Anschläge auf die Organisation der Arbeiter für überflüssig hält; wer die Opfer, die er bringt, nicht auch noch feiern und besingen lassen will, dem wird handgreiflich bedeutet, daß sie notwendig sind und daß er dabei notwendig ist: Die IG Druck zahlte das Streikgeld erst und nur nach solchen Veranstaltungen aus. So erzwingt man die Anwesenheit der Massen, die man einschwören und die man vor allem der Öffentlichkeit präsentieren will. Denn wie alles dienen ja auch diese Stunden dem obersten
Durch die kalkulierte Bescheidenheit der eigenen Kampfmaßnahmen ist dieser Sieg schon so gut wie errungen. Die Unternehmer lassen sich ja nicht lumpen, den ökonomischen Kampf durch Aussperrungen zu verschärfen. Die Aufgabe der Gewerkschaft besteht jetzt nur noch darin, sich diese günstige Gelegenheit nicht durch Maßnahmen zu vermasseln, die der Kalkulation der Gegenseite einen Strich durch die Rechnung machen. Man muß sie nutzen, indem man aus der Frage des Gebrauchs der jeweiligen Macht eine der Berechtigung zu diesem Gebrauch macht. Aus den staatlichen Reglementierungen des Arbeitskampfes', den man nicht einmal im Rahmen des offiziell Erlaubten zu fuhren gewillt .ist, werden so lauter verteidigungswerte Errungenschaften; die staatliche Erlaubnis, daß die Unternehmer ihre Verfügung über die Produktionsmittel zur Brechung des Streiks einsetzen, mag man dagegen gar nicht leiden. Wenn sie benutzt wird und die Unternehmer dabei kaltlächelnd Produktionsausfälle in Kauf nehmen, die die Gewerkschaft nicht verantworten will, dann ist das Machtmißbrauch. Erstens, weil es der Wirtschaft schadet, die auf dem ausgiebigen Einsatz eines gewissen "gesellschaftlichen Guts" beruht:
"Wer Inhalt, Sinn, Wert und Umfang der menschlichen Arbeit zerstört, vernichtet gesellschaftliches Gut",
lautet das Motto der IG Metall über dem Tarifergebnis von 1978. Zweitens, weil es ein Angriff auf die Rechte der Verwalterin dieses Guts ist. Die Unternehmer haben es mit ihren ökonomischen Gegenmaßnahmen auf die "Zerstörung der Gewerkschaften" als politischer Instanz abgesehen. So verlagert sich der Kampf in die Sphären, die die Gewerkschaft liebt. Die praktische Wirkung der Aussperrung als Arbeitskampfmittel der Gegenseite wird vom mächtigen Mann aus Stuttgart nur noch angeführt, um an die Macht zu appellieren, die Inhalt, Sinn, Wert und Umfang der Lohnarbeit zu schätzen und zu erhalten weiß - den Gesetzgeber:
"Mit der Aussperrung soll die Streikwirkung zunichte gemacht werden. Wer von Parität spricht, muß deshalb (!) die Aussperrung verbieten."
Verhindern will dieser Mann also nichts, nicht einmal den vielbeschworenen Anschlag auf die ,,Tarifautonomie"; anklagen will er, und die hochgeschätzten vorhandenen und nichtvorhandenen Rechte verbal einklagen, deren vorhandene und nichtvorhandene Pflichten die Gewerkschaften über Gebühr erfüllen. Mit dem Realismus treuer Staatsdiener feiern unsere Gewerkschaften inzwischen die verfassungsgerichtliche Festlegung der Mitbestimmung als Erfolg und ernten die Früchte ihrer Streiks mit Aussperrungsklagen, die zumindestens in einigen unteren Instanzen als berechtigt anerkannt werden.
Solche Kampagnen wollen vorbereitet sein, nach innen und nach außen. Also wird aus den Streiks nach den ersten sehnsüchtig erwarteten Aussperrungen, die ja bei den Schwerpunktstreiks so sicher sind wie das Amen in der Kirche, agitatorisch und praktisch ein Kampf gegen die Aussperrung. Streiken für das Recht auf Streiks, ist die Kehrseite besagter Wirtschaftsvernunft, die die Kampforganisatoren auszeichnet. Und dieses Recht beansprucht man, weil man am liebsten das Streiken völlig überflüssig machen und bloß noch konstruktiv für das Allgemeinwohl wirken würde, wenn die Unternehmer nur ihren Alleinvertretungsanspruch in Sachen Wirtschaftswachstum aufgeben würden:
Die Unternehmer sollen nicht "meinen, eine Million Arbeitslose genüge, um Arbeitnehmer und ihre Organisationen so gefügig zu machen, daß bald (!) Unternehmer allein bestimmen können, was 'gut' für das 'Allgemeinwohl', die arbeitenden Menschen also (!) ist."
Wenn es um nichts mehr geht als die Verteidigung des eigenen Anspruchs auf mehr Recht zur verantwortlichen Mitwirkung beim Einsatz der "arbeitenden Menschen" für das Allgemeinwohl, wird der Kampf erst so richtig schön und kämpferisch - jedenfalls auf den Rednerpulten. Die Mitglieder werden mit Sprüchen angemacht, in denen sie nur noch als williges Arbeitsvieh vorkommen -
"Wir lassen nicht zu, daß man unsere Kollegen, die dem Daimler das Geld erarbeiten, aus dem Betrieb jagt. Deshalb streiken wir, bis wir erreicht haben, was wir fordern " -,
wobei wohlweislich so getan wird, als käme ihr Interesse dabei ebenfalls zum Zuge. Auf der anderen Seite wird praktisch dafür gesorgt, daß es zielsicher den Bach runtergeht, ohne daß deswegen die Streikkosten- geringer werden. Denn unter dem Gesichtspunkt des Streits um die Zuständigkeit für die eine Million Arbeitslose erhält das Verhältnis von ausgesperrten zu streikenden Arbeitern eine eminent moralische Bedeutung. Hier wird gezählt, «um aufzurechnen: Nur wenn die Zahl der Ausgesperrten die der Streikenden genügend weit übersteigt, läßt sich die Gegenseite als Scharfmacher und "Vergifter des sozialen Klimas" anprangern. Die Unternehmer, die auf das "soziale Klima" pfeifen, erweisen sich der gewerkschaftlichen Angebote zum Zuschlagen würdig und entscheiden fröhlich über die Gangart. Im Stahlstreik sind sie gleich dazu übergegangen, in den bestreikten Betrieben auszusperren, also die begrenzten Arbeitsverweigerungen umstandslos zu ihrem Kampfmittel gegen die Gewerkschaftsforderungen zu machen.
An diesem Punkt, wo der Erfolg für beide Seiten feststeht, müssen für eine zufriedenstellende Beendigung des Streiks nur noch die paar Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, die in der ökonomischen Natur des Verhandlungsinhalts liegen. Ein Abschluß muß her, der jetzt allerdings ziemlich leicht zu erzielen ist, weil es um ihn ja nur noch der Form nach geht. Jedoch liegen gerade darin auch die paar verbleibenden spezifischen Schwierigkeiten, weil die Unternehmer nach der gewerkschaftlichen Befolgung der bisherigen Leitsätze in Formfragen nicht gerade guten Willens sind. Also ist es auch hier wieder an den Gewerkschaften, sich zu besinnen, und zwar auf den
Zunächst einmal muß man die Unternehmer wieder an den Verhandlungstisch streiken, was nicht sonderlich schwer ist, da man von ihm so recht nie aufgestanden ist, selbst wenn die Unternehmer ihn mal kurzfristig demonstrativ verlassen haben sollten. Ein Weilchen zeigt die Gewerkschaft pro forma eine gewisse Unnachgiebigkeit, was das öffentliche Verhandeln angeht. Hinter den Kulissen sondiert man weiter fleißig gemeinsam mit den Unternehmern die Lage und legt öffentlich neue Verhandlungsangebote vor, die die Erwartungen hinsichtlich materieller Resultate dämpfen. Der Öffentlichkeit und den Mitgliedern wird eifrig demonstriert, daß man zu einem Abschluß beinahe um jeden Preis bereit ist, nur nicht um den der mangelnden Anerkennung als mitgestaltender Kraft. Für dieses Anliegen wird noch einiges getan. Wenn schon längst die Standpunkte angenähert sind, weil sie von Haus aus nicht sonderlich weit voneinander entfernt waren, dann beweist man aller Welt noch einmal, wie sehr die Fronten verhärtet sind. Wo die IG Metall z.B. im Stahlstreik lauthals verkündete, daß in ihren beschäftigungspolitischen Ambitionen, bei denen es um "das Prinzip" geht, so schnöde Angelegenheiten wie der "Urlaub auf Mallorca" nicht eingeschlossen sind, entdeckten die Unternehmer das Bedürfnis der Arbeiter nach mehr Urlaub als ihr Mittel, um die Frage der Arbeitszeitverkürzung für die nächsten Jahre eindeutig zu klären. Das will sich die Gewerkschaft nicht umstandslos bieten lassen, und so steht Prinzip gegen Prinzip, und beide Seiten bringen mit dem Ruf nach dem Schlichter zum Ausdruck, daß es so nicht weitergehen könne. Die eine Seite in der Gewißheit, daß der die Gewerkschaft noch einmal an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung erinnern werde und sie selbst die paar "Korrekturen" lässig vertragen kann. Die andere Seite mit dem Willen, unter Leitung eines "neutralen" politischen Repräsentanten sich ganz tarifautonom die letzten Zugeständnisse "abringen" zu lassen. Von der Notwendigkeit, zu einem Ende zu kommen, das "noch einmal von beiden Seiten einige Abstriche verlangt", hört man nun aus berufenem Munde tagtäglich über Funk und Fernsehen - und von der entsprechenden Bereitschaft von Seiten der Gewerkschaft, ihren Teil dazu beizutragen. Die längst gefundene ,, Einigungsformel" gewährleistet, daß man noch ein Weilchen hart um ihr "konkretes Gesicht" ringen kann. Da wird noch ein Tag Urlaub für 1982 für die unter 43 l/2jährigen dazugelegt und dafür eine Freischicht für die Schichtarbeiter gestrichen; da wird noch schnell ein Zehntel Lohn weniger wegen ein paar Mark mehr beim Weihnachtsgeld ausgeglichen; da wird noch schnell der Verbleib des Wörtchens "geeignet" durch die Einfügung einer Pseudoklausel an anderer Stelle gesichert, usw. usw.; da wird unter Umständen auch noch einmal ein Einigungsvorschlag beschlossen und dann abgelehnt - und alles unter tatkräftiger Mitwirkung eines Arbeitsamt-Präsidenten oder Helden von Mogadischu. In besonders schwierigen Fällen bereitet die Gewerkschaft, wenn der Hauptschauplatz längst die täglichen Schlichtungsverhandlungen sind, das endgültige Ende durch eine letzte Ausweitung des Streiks vor, durch die noch einmal bewiesen wird, daß die Gewerkschaft wirklich ihr Letztes getan hat. Zum Schluß rechnet niemand mehr mit einem anderen Ergebnis als dem, das schon von Anfang an feststand, so daß die interessierte Öffentlichkeit, unter die auch die Gewerkschaftsmitglieder gezahlt werden, - möglichst in den frühen Morgenstunden, nach 20-stündigem zähen Abschlußringen - von den durch ihre aufreibende Verantwortung gezeichneten Repräsentanten Farthmann, Stingl, Wischnewski, Dürr, Mack, Steinkühler, Herb und Mahlein die Rückkehr des sozialen Friedens verkündet bekommt. Wenn schon die Arbeiter an die Maschinen zurückgekehrt sind, äußern alle drei Fraktionen ihre mehr oder weniger große Zufriedenheit: Es wird wieder gearbeitet, das Wie ist geregelt, "die Probleme des technischen Fortschritts" sind wieder nachhaltig im öffentlichen Bewußtsein verankert - und durch die erstreikte Niederlage gesichert, daß es im nächsten Jahr bei den Verhandlungen über Arbeitslohn und Arbeitsleistung leichter sein wird, zu einem rundum befriedigenden Ergebnis zu kommen. Die Urabstimmungsmechanismen sorgen als krönender Abschluß dafür, daß auf jeden Fall die erforderliche Anzahl der Stimmen für die Beendigung des Streiks zustandekommt (falls überhaupt noch eine Abstimmung veranstaltet wird); und aus einem ordentlichen Anteil an Nein-Stimmen läßt sich ein Mittel zur Fortsetzung der Gewerkschaftspolitik machen. Die 40 % Nein-Stimmen nach dem Stahlstreik werden als letzter Beweis präsentiert, daß Opfer gebracht worden sind, die Respekt verdient haben. So läßt sich noch aus der notwendigen Unzufriedenheit mit dem Abschluß in der Öffentlichkeit eine Werbung für das staatstreue Programm der Arbeitervertretung machen. Die hat nicht nur eine nachhaltige Lösung der "sozialen Probleme" der Rationalisierung bewerkstelligt, sondern das zu einem Preis, wie er billiger für die Gesellschaft nicht zu haben ist: mit einem Streik, der selbst denen, die mit ihren Existenzsorgen das Problem der Rationalisierung sind, den Preis des Fortschritts annehmbar gemacht hat.
Damit dieser Erfolg genossen werden kann, werden auf die Schnelle die letzten Aufräumarbeiten unter den Mitgliedern erledigt. Wer nicht unaufgefordert an die Arbeit zurückkehrt, wer - wie erboste Setzer - die nachträglichen Gewerkschaftsfeiern unter Studierten mit Fragen nach gewerkschaftlichen Streikverboten und Ausschlüssen von "Rädelsführern" stört, bekommt die ganze Ordnungsmacht seiner Interessenvertretung zu spüren. Denn nun ist die Zeit gekommen, unbehelligt von den verdoppelten Mitgliedersorgen mit der täglichen Ausbeutung in den Betrieben, die moralischen Früchte der anstrengenden Wochen zu ernten. Ab jetzt gilt rücksichtslos der
Als vergangener ist der Arbeitskampf für die Gewerkschaft nämlich zum erstenmal ein Genuß ohne Reue. Er läßt sich feiern, und mit ihm die Gewerkschaft . Sein Verlauf läßt sich mit Ausperrungsklagen zu einer jahrelangen Kampagne für das Recht auf Tarifautonomie verlängern und veredeln. Er läßt sich in den kommenden Tarifrunden als Grund dafür anführen, daß nichts zu erwarten ist, weil nicht schon wieder gestreikt werden kann. Er läßt sich als Drohung gegen Enttäuschte und als Werbung neuer Mitglieder ins Feld führen: eine Streikversicherung braucht es auf jeden Fall. Und er läßt sich deswegen auch in klingende Münze umsetzen: Die Zahlungsmoral dir Mitglieder wird gefordert, gewerkschaftliche Sozialleistungen werden gestrichen und Überlegungen folgender Art angestellt:
"Die Ig Metall wird über die Höhe der Streik und Aussperrungsunterstützung nachdenken müssen."
Streiksondergroschen und Beitragserhöhungen machen jedenfalls für die Organisation die finanziellen Verluste erträglich und erhalten ihr genügend Beitragsgelder für höhere Aufgaben.
Kann man Arbeiter noch besser einsetzen als in einem Arbeitskampf, in dem ihre Interessen genauso auf der Strecke bleiben wie beim Arbeiten?