Jeder Verein, der seine Verantwortung für "die Gesellschaft" heraushängen läßt sagt, daß er nichts gegen Rationalisierung hat. Gott und die Welt beteuern, daß man den Fortschritt nicht bremsen darf, der da über die Menschheit hereinbricht. Das wäre wohl nicht der Fall, wenn die Veranstaltung für jedermann ein Segen wäre - über so etwas gibt es nämlich kein großes Theater. Denn jedermann begrüßt seinen Vorteil als eine gelungene Sache und andere, die ebenfalls davon profitieren, braucht er nicht von der Notwendigkeit der entsprechenden Maßnahmen zu überzeugen. Daß so viele Bekenntnisse zur Rationalisierung fallen, hat einen ziemlich einfachen, aber triftigen Grund: die Parteigänger des Fortschritts wissen, daß die "Modernisierung" der Arbeitswelt ihre Nachteile hat, und daß diese Nachteile ebenso einseitig verteilt sind wie die Vorteile. Deswegen ist auch immer vom 'Preis die Rede, den der Fortschritt fordert - weil "wir mit ihm leben müssen", werden die "arbeitenden Menschen" zur Kasse gebeten. Und diesem Werk haben sie sich alle verschrieben, die Fachleute und Nutznießer des "Fortschritts".
Ganzen Wissenschaftlergenerationen eröffnen sich neue Betätigungsfelder. Arbeitswissenschaftler entdecken an der Humanisierung vielfältige Chancen für die Rationalisierung und umgekehrt. Soziologen stöbern - bisweilen im Auftrag des DGB - an entlassenen Arbeitern Sinn- und Identitätskrisen auf, von denen diese sich in ihren kühnsten Alpträumen keine Vorstellung gemacht haben. Angesichts der psychologischen Begutachtung seiner Armut kann sich mancher schämen, jemals an sein materielles Wohl gedacht zu haben. Die Vertreter des Staates, Regierungs- wie Qppositionsmenschen, berichten von ihren fürchterlichen Anstrengungen, von den in die Humanisierungsforschung und in Investitionshilfen gesteckten Geldern, wobei sie ihre leistungsfördemden Maßnahmen stets als Wohltat für die Opfer der Rationalisierung verkaufen, die ihnen mit viel Vertrauen vom Volk entgolten werden muß. Die Unternehmer werden nicht müde, sich als die wahren Humanisten und Fortschrittsmenschen aufzuspielen; von den Ergonomen kriegen sie manchen Tip und bezichtigen .die Gewerkschaften als die großen Bremser in Sachen Rationalisierung, was diese nicht auf sich sitzen lassen wollen. Sie legen es darauf an, nicht nur keine Maschinenstürmer, sondern überhaupt die Kraft zu sein. die sich am meisten am Gedeihen der rationalisierten Wirtschaft abarbeitet. Den Beweis liefern sie am eindrucksvollsten in den Tarifrunden, aus denen sie den Lohnkampf gestrichen haben, weil es angeblich "um mehr" geht. Den "Faktor Arbeit" bringen sie in Erwägung des langfristigen Nutzens, den er für die nationale Wirtschaft, ihren Aufschwung, ihre Konkurrenzfähigkeit haben soll, mit dem Anspruch zur Geltung, daß seine Verwaltung und sein Gebrauch unbedingt der Mitwirkung des DGB bedarf.
Das praktische Interesse an einer ordentlichen Abwicklung der Rationalisierung ist so selbstverständlich geworden, daß ihre unangenehmen Folgen für die Leute, die mit ihren Knochen und Nerven die Durchführung dieses "Fortschritts" zu gewährleisten haben, nur noch in einer Weise zur Sprache kommen: sie müssen ertragen werden, und ein Argument gegen Rationalisierung sind sie auf keinen Fall! Dabei bedient sich das Interesse der geschäftstüchtigen Fortschrittsmacher der in Teil I besichtigten Unverschämtheit, die Wirkungen der Rationalisierung von ihrem Zweck zu trennen: was jedermann als Folge dieses Geschäfts kennt, wird als Begleitumstand "besprochen, der mit dem Anliegen der Rationalisierer nichts zu tun haben soll. So daß man erstens an der Rationalisierung keine Kritik haben braucht und zweitens aus ihren Folgen ein "gesellschaftliches Problem" zu verfertigen hat, mit dem die Betroffenen zurechtkommen müssen. Kein Mensch will behaupten, daß die Investitionen in neue Maschinerie, mit denen Leute entlassen werden, der Rest zu mehr Arbeit gezwungen wird und weniger Lohnkosten verursacht, eben der Witz an der Rationalisierung sind.
Wie jede Maßnahme, mit der sich der Kapitalist seinen Profit verschafft, ist auch die Rationalisierung eine durchgeführte Kalkulation. Bestrebt, auf dem Markt einen Preisvorteil zu erhalten/auszubauen oder einen Nachteil wettzumachen, drängen sich ihm die Produktionskosten seiner Ware auf. Will er mit der Konkurrenz fertigwerden und sie auf dem Markt schlagen, ohne Abstriche beim Gewinn zu machen, hat er die Stückkosten zu senken. Die Differenz zwischen den Produktionskosten und dem erzielten Preis begrenzt seinen Spielraum auf dem Markt und verweist ihn auf die Sphäre, in der er diesen Spielraum ausweiten kann. Durch Veränderungen in der Produktion erzielt er eine Senkung der Kosten für Maschinen, Material und Löhne. Die Rechnung, die zur Entscheidung führt, neue Maschinen anzuschaffen (dasselbe gilt für Unistellung in der betrieblichen Organisation mit nur geringer technischer Umrüstung), besteht in einem Vergleich zwischen Maschinenkosten und Lohnkosten. Die Betriebswirte haben festgestellt, daß die Steigerung der Arbeitshetze allein keinen weiteren Vorteil bringt oder am alten Gerät beim besten Willen nicht mehr möglich ist. Die Intensivierung der Arbeit, welche den Lohnanteil an den Kosten pro Stück senkt - ein Vorgang, den jeder Akkordler an der Veränderung der Vorgabezeiten spürt -, wird mit der Einführung der neuen Technik nicht fallengelassen, sondern bezweckt. Der Unternehmer hat nämlich die neue Maschinerie nicht nit der Absicht eingeführt, um die Arbeiter zu schonen, sondern um mehr aus ihnen herauszuholen. Seine Kalkulatoren haben ihm mitgeteilt, daß durch die Verwendung der neuen Maschine dieselbe, wenn nicht eine größere Stückzahl durch weniger Arbeiter hergestellt werden kann. Sie haben ihm vorgerechnet, daß die Kosten, die mit der neuen Maschinerie entstehen, unter den Kosten der eingesparten Arbeitskräfte liegen. (Wer meint, das könne bei den Millioneninvestitionen doch wohl kaum der Fall sein, soll nachrechnen und nicht vergessen, daß sich die Auslagen für den neuen Kram über Jahre hinweg auf eine stattliche Anzahl von Produkten verteilen - er soll sich also den Kopf des Kapitalisten zerbrechen, der sein Geschäft machen will und nicht die Welt moderner) Durch die Anwendung der neuen und "produktiveren" Maschinen fallen weniger Kosten an als durch die Löhne der Arbeiter, die überflüssig werden. Da winkt ein feines Profitchen; um es einzustreichen, hat der Herr Unternehmer nur noch ein Problem: die Eigenschaften der neuen Technik optimal dem Zweck zu unterwerfen, für den sie eingekauft worden ist.
Damit ist eine dreifache Entscheidung gegen die Arbeitskräfte gefallen:
Erstens hat die neue Maschine die hübsche Eigenschaft, daß zu ihrer Bedienung vielleicht nur noch zwei Leute nötig sind, wo vorher vier an dieser Stelle in der Produktion ihr Geld verdienten. Die Einsparung von Arbeitszeit, die dieses "Wunderwerk der Technik" erlaubt, gestattet einem Kapitalisten, Arbeiter einzusparen! Entlassungen stehen an und beweisen die Ansicht des alten Marx: weil Lohnarbeit die Quelle des Profits ist, wird aus der Einsparung von Lohnarbeitern ein Mittel zur Steigerung des Gewinns. Der erste Teil des Rationalisierungsvorhabens ist erledigt - die Lohnkosten sind reduziert. Mit dem allergrößten Bedauern wird den Leuten mitgeteilt, daß für sie in dem Unternehmen nichts mehr zu tun ist. Wenn die Einsparung von Löhnen mittels der technischen Veränderung beschlossene Sache ist, haben Betriebsrat, gewerkschaftliche Festredner und die Arbeitslosenversicherung das Wort.
Zweitens reduziert die neue Maschinerie die Arbeitsschritte und vereinfacht sie enorm. Sie entpuppt sich als Musterexemplar durchgeführter Arbeitsteilung, die es nun auch dem Ungelernten oder Angelernten gestattet, einzusteigen. Aber ebensowenig, wie die mit ihr gegebenen Möglichkeiten - dasselbe Quantum von Produkten kann in kürzerer Zeit hergestellt werden - dafür eingesetzt werden, den Arbeitstag zu verkürzen, ebensowenig kann es des Gewinns wegen zugelassen werden, daß es mit der Vereinfachung der Arbeit auch dem Arbeiter einfacher gemacht wird. Auch diejenigen, die ihre Papiere nicht erhalten haben, kriegen nichts zu lachen. Die Vereinfachung und Reduzierung der Arbeitsschritte wäre unter dem Gesichtspunkt des Geschäfts eine verschenkte Gabe der Wissenschaft, würde sie nicht dazu genutzt, das Prinzip "Wenn einfacher, dann auch schneller" anzuwenden. Der verschwundene Unterschied zwischen einem Un- oder Angelernten und dem ehemals an dieser Stelle beschäftigten Facharbeiter muß außerdem in Heller und Pfennig dem Fortschritt zugutekommen. So kann mit der neuen Technik wieder voll auf die Arbeitshetze gesetzt werden, die unter alten Bedingungen nicht mehr m steigern war - und zugleich kann der Kapitalist als Feind jeglicher Ungerechtigkeit etwas gegen das Lohngefälle unternehmen: ohne Rücksicht auf die Qualifikation, die er ja nicht mehr brauchen kann, zahlt er jedem den Lohn für ungelernte oder angelernte Arbeit. Somit ist auch der zweite Segen der Rationalisierung eingetreten: die Lohnkosten sind einerseits durch Abgruppierungen absolut, andererseits durch Verschärfung des Arbeitstempos, durch Intensivierung auf Basis der fortgeschrittenen Arbeitsteilung relativ gesunken.
Drittens verliert die neue Apparatur an Funktionstüchtigkeit, wenn sie nicht ununterbrochen im Einsatz ist. Zwar wird sie durch ihren Gebrauch nicht neuer, jedoch besteht ihre Funktion allein darin, daß sie Kosten einsparen hilft und die Arbeitsleistung erhöht - deswegen hat der Unternehmer eine hübsche Stange Geld locker gemacht. Jetzt, wo das Zeug herumsteht, bedauert er folgerichtig jede Minute, in der sie nicht zweckmäßig eingesetzt wird. Seine Investitionskosten dienen ihm als Argument dafür, daß er den Arbeitstag um einige Überstunden, die Arbeitswoche um ein paar Sonderschichten verlängert - und in so manchem Betrieb wird überhaupt Schichtarbeit eingeführt. Eine verantwortungslose Haltung gegenüber dem Arbeitsmarkt, den er um ein paar Arbeitslose bereichert hat, läßt sich dabei der Kapitalist nicht vorwerfen. Er denkt wie immer an sein Geschäft, das ja wohl flutschen muß, wenn er weiterhin die großmütige Rolle des Arbeitgebers spielen soll, und statt neue Arbeiter einzustellen, läßt er seine Kapazitäten durch die Leistungssteigerung der Belegschaft auslasten, die er nun einmal hat. Er steht ganz auf dem Standpunkt des Kapitalisten, dem Marx das Wort erteilt: "Man denke nur! Ein Kapital, das 100 000 Pfd. Sterling gekostet hat, auch nur für einen Augenblick .nutzlos' zu machen. Es ist in der Tat himmelschreiend, daß einer unserer Leute überhaupt jemals die Fabrik verläßt." Und wem da einfällt, daß dies eine Sauerei den Arbeitern gegenüber ist, dem macht der Unternehmer seine Rechnung auf: je schneller sich das eingesetzte Kapital amortisiert hat, je besser eben die Geschäfte unter Ausnützung der Marktlage gehen, desto geringer ist die Gefahr, daß der Betrieb von der nächsten ,,Rationalisierungswelle" erfaßt wird. Und wenn das passiert, sind die Arbeitsplätze aber gefährdet. Womit jenes freundliche und so überzeugende Argument gefallen ist, nach dem der Kapitalist ein Opfer der Konkurrenz darstellt, in der er sich bewährt. Nach dem aber auch klar ist, daß die Arbeiter jetzt und später für die Kalkulation ihres Arbeitgebers ohne Ansprüche geradezustehen haben.
So sehr der durchgeführte Vergleich zwischen Maschinenkosten und Lohnkosten, der Rationalisierung heißt, gerade den betroffenen Arbeitern vor Augen führt, daß sie nicht von der Maschine auf die Straße gesetzt oder zu verstärkter Leistung für weniger Lohn verdonnert werden, so wenig will man gerade in Gewerkschaftskreisen auf die Rede von den ,, technologisch bedingten Entlassungen" verzichten. Man betrachte sich nur einmal die folgende These von der DGB-Humanisierungskonferenz 1974:
"Die Technik darf nicht länger als etwas Unabänderliches betrachtet werden, dem sich der Mensch anzupassen hat."
An dieser These kann man zweierlei bewundern - ihre Blödheit und ihre Konsequenz. Blöd ist sie, weil l. kein Kapitalist die Technik als etwas Unabänderliches ansieht, sondern sich 2. ihre Beherrschung sehr geschäftstüchtig zunutze macht, indem er ihre Veränderung anordnet; 3. muß sich also nicht der Mensch anpassen, sondern der Arbeiter dem Kommando seines Arbeitgebers - und 4. liegt nur beim DGB eine falsche Betrachtung der Technik vor, weil er sie mit ihrem kapitalistischen Einsatz in der Rationalisierung verwechselt.
Konsequent ist die These darin, daß sie über ein Problem von Mensch und Technik redet, wo nichts anderes zur Debatte steht als das Verhältnis von Kapital und Arbeit. So vermeidet sie jede Kritik am Produktionsverhältnis der schönen Welt des Privateigentums, das den Arbeitern zu schaffen macht. Die Anwendung der Technik ist nämlich eine Frage der Ökonomie, und was es mit der so beliebten Verwechslung des Grundes der Rationalisierung mit ihrem Mittel, der Technik eben, auf sich hat, ist bereits vor mehr als hundert Jahren von einem der ersten Gewerkschaftsfeinde geklärt worden:
"Da also die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit verkürzt, während sie kapitalistisch angewandt den Arbeitstag verlängert, an sich die Arbeit erleichtert, kapitalistisch angewandt ihre Intensität steigert, an sich ein Sieg des Menschen über die Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt den Menschen durch die Naturkraft unterjocht, an sich den Reichtum der 'Produzenten vermehrt, kapitalistisch angewandt ihn verpaupert usw., erklärt der bürgerliche Ökonom einfach, das Ansichbetrachten beweise haarscharf, daß alle jene handgreiflichen Widersprüche bloßer Schein der gemeinen Wirklichkeit, aber an sich, also auch in der Theorie gar nicht vorhanden sind. Er spart sich so alles weitere Kopfzerbrechen und bürdet seinem Gegner obendrein die Dummheit auf, nicht die kapitalistische Anwendung der Maschinerie zu bekämpfen, sondern die Maschinerie selbst. Keineswegs leugnet der bürgerliche Ökonom, daß dabei auch zeitweilige Unannehmlichkeiten herauskommen; aber wo gäbe es eine Medaille ohne Kehrseite! Eine andere als die kapitalistische Ausnutzung der Maschinerie ist für ihn unmöglich. Ausbeutung des Arbeiters durch die Maschinerie ist ihm also identisch mit Ausbeutung der Maschine durch den Arbeiter. Wer also enthüllt, wie es um die kapitalistische Anwendung der Maschinerie in Wirklichkeit bestellt ist, der will ihre Anwendung überhaupt nicht, der ist ein Gegner des sozialen Fortschritts." (MARX, Das Kapital 1/465)
Damit ist in der Tat alles Nötige gesagt - und es ist sicher keine Frage der mangelhaften Marx-Kenntnis, wenn unsere Gewerkschaften da anderer Meinung sind. Die "gebrannten Kinder" der IG DruPa haben in Sachen Rationalisierung die größte Virtuosität entwickelt. So heißt es z.B. in einer Entschließung:
"Sie (die Gewerkschaften) sind dagegen, daß die neue Technik von den Unternehmern ausschließlich zur Profitmaximierung mißbraucht wird."
Die Urheber dieser Entschließung wissen, daß die Profitmaximierung, der Zweck der Kapitalisten, zur Einführung der Bildschirmterminals geführt hat; für die Härten, welche die Belegschaften dabei zu spüren kriegen, möchten sie jedoch den Profit und seine Prinzipien nicht verantwortlich machen, weshalb sie von einem "Mißbrauch" sprechen. Offenbar wollen sie auf keinen Fall als Feinde des Kapitals auftreten, so daß sich der Vorwurf gegen die Kapitalisten in Grenzen hält: der "Mißbrauch" besteht darin, daß die Profitmaximierung "ausschließlich" den Einsatz der neuen Technik bestimmt. Dieses Wörtchen "ausschließlich" verrät, wes Geistes Kind die Ideologen der Druckergewerkschaft sind: der wortstarke Einsatz für ihre Mitglieder besteht in dem Vorwurf an die Kapitalisten, sie würden von dem Interesse an Profitmaximierung, das ihnen keiner streitig machen will, nicht auch ein bißchen Abstand nehmen - von wegen der Rücksicht auf die Arbeiter. Der Luxus an antikapitalistischen Sprüchen, den sich dieser Verein leistet, erschöpft sich in Bekehrungsversuchen gegenüber den Unternehmern, die das Profitmachen als Beruf betreiben: laut angesprochen wird der Wunsch nach einer Rationalisierung ohne all das, weswegen sie durchgeführt wird:
"Dem einzelnen Unternehmer genügt es offensichtlich nicht, eine anläge zu kaufen, die das 100fache von 40 Setzmaschinen leistet. Nein, an den wenigen verbleibenden Arbeitsplätzen sollen die Arbeiter auch noch (!) unter akuter gesundheitsgefährdung arbeiten! Mit der Folge, daß diese Menschen mit 50 Frühinvalide sind und nicht mehr arbeiten können. Vernünftig? Nein, das ist menschenverachtend, rückschrittlich, unvernünftig."
Das Problem der "wenigen verbleibenden Arbeitsplätze" würde einem Detlef Hensche kaum Kopfzerbrechen bereiten - diese Konsequenz der Rationalisierung nimmt er in Kauf, und nicht einmal ohne einen gewissen Respekt vor dem "Fortschritt", den das Kapital da bewerkstelligt. Die zweite Konsequenz: daß die einmal aufgestellten Anlagen auch kräftig ausgenützt werden durch die Leistungssteigerung der "Verbleibenden", mag er nicht leiden. In dieser Konsequenz wittert er Charaktermängel und niedere Machenschaften der Unternehmer, die nicht dazugehören. Und diese Albernheit hat Leuten wie Hensche einerseits den Ruf verschafft, radikal zu sein und am Kapitalismus etwas auszusetzen zu haben; andererseits hat die moralische Denunziation der Unternehmer denselben Leuten erspart, je etwas gegen die Rationalisierung zu unternehmen, was im Interesse der von ihnen vertretenen Leute durchaus nötig wäre! Ihre Kritik an den Machenschaften der Kapitalisten ist bestens dafür geeignet, sich den angeprangerten Figuren zu unterwerfen. Es stimmt nämlich, daß die neue Anlage mit ihren schönen Möglichkeiten einem Unternehmer nicht genügt. Er will ihre optimale Ausnutzung - und die geht gegen die Arbeiter. Betrieben wird diese Ausnutzung so lange, wie sie die Geschädigten nicht verhindern!
Die Gewerkschaft hat in dieser Hinsicht wenig im Sinn, was sie nicht erst durch ihre Taten beweist: die Strategie des konjunkturgerechten Verhandelns pflegt sie dadurch vorzubereiten und zu rechtfertigen, daß sie lauter krumme Stellungnahmen zur Rationalisierung in die Welt setzt, in welchen sich das Verständnis für die "Schwierigkeiten" der Unternehmer harmonisch mit der matten Klage über die Arbeitslosigkeit verbindet:
"Kurz und konkret heißt dies, daß aufgrund einschneidender Veränderungen in der Struktur unserer Wirtschaft die Unternehmer immer mehr menschliche Arbeitskraft durch den Einsatz von mehr Kapital in Form von Automaten und Computern ersetzen, mit dem Ziel, mit immer weniger Arbeitskräften immer mehr zu produzieren."
Wo der "Referentenleitfaden des DGB 1978/79" die Gewerkschafter dazu anhält, von einschneidenden "Strukturveränderungen" zu faseln, handelt es sich ganz einfach um die durchgeführten Rationalisierungen, die in ganzen Branchen den Produktionsablauf und den Arbeitsmarkt auf Kosten der Arbeiter verändern. Die gar nicht "konkrete", sondern falsche Ausdrucksweise gestattet es jedoch, die anstehenden Rationalisierungsmaßnahmen als "Reaktion" der Kapitalisten auf Prozesse hinzustellen, für die sie nichts können. Darüber hinaus wird hier die Verharmlosung der Rationalisierung zum "technischen Problem" solide fortgeführt: die Unternehmer vergleichen nicht die Kosten, die ihnen Maschinen und Menschenkraft verursachen, sondern die Leistung von Arbeitern und Apparaten, so daß schließlich der Ersatz menschlicher Arbeitskraft zum Ziel der Rationalisierung erklärt wird. Und das ist trotz Entlassungen falsch.
Ebensowenig wie Rationalisierungen das sind, was die Sprecher von Staat und Wirtschaft der Menschheit weismachen - sie betonen stets, daß auf diese Weise Arbeitsplätze erhalten und geschaffen werden -, ebensowenig steht Rationalisierung im Gegensatz zur Ausweitung in der Produktion. Keinem Industriellen liegt daran, mit neuen technischen Mitteln mehr produzieren zu lassen, solange er kein Geschäft damit macht: es gibt nämlich auch Kurzarbeit und Entlassungen, in Krisenzeiten zumal, die bezeugen, daß es nur unter gewissen Umständen darauf ankommt, "mit immer weniger Arbeitskräften immer mehr zu produzieren". Und andererseits weitet jeder Unternehmer auch die rationalisierte Fertigung fröhlich aus - kauft noch mehr Maschinen und stellt zusätzliche Arbeitskräfte ein -, wenn die Marktbedingungen ihm gestatten, seinen Warenhaufen loszuschlagen. Die Umkehrung des Mists, den die Unternehmer erzählen, ergibt keineswegs eine Richtigstellung, sondern neuen Mist. Auf den scheinen die Gewerkschaftsideologen scharf zu sein: daraus, daß Rationalisierungen zur Einsparung von Lohnkosten vorgenommen werden, geht für einen gestandenen Bildungsreferenten gleich die Lüge hervor, Maschinen würden Arbeiter "ersetzen". So genau nämlich ein Unternehmer in seiner Kalkulation die Auslagen für Mensch und Maschine vergleicht, so albern ist die Vorstellung, er ließe deshalb den Arbeiter mit einer Maschine um die Wette arbeiten, um dann zu entscheiden, wem er aufgrund der bewiesenen Leistung den Vorzug gibt!
Kapitalisten wissen da besser bescheid; ihre Rechnung mit den Lohnstückkosten schließt von vornherein ein, daß sich die Neuinvestition lohnt - und zwar dadurch, daß sie das Leistungsvermögen der Arbeiter gesteigert in Anspruch nehmen, ohne dafür zu bezahlen. Nicht selten buchen sie die gesteigerten Produktionsziffern auf das Konto der "neuen Technik", welche schließlich von den Unternehmern eingeführt wird. Sie machen für ihre "Mitarbeiter" geradezu eine Verpflichtung daraus, daß sie die technischen Mittel für die Produktivität ihrer Arbeit nicht zur Erleichterung ihres Aufenthalts in der Fabrik "mißbrauchen". Was sie so sicher auftreten läßt, ist die Gewißheit, daß sich mit Hilfe der Technik an der Leistung des "Faktors Arbeit" ganz schön drehen läßt. Auch diese Tatsache sieht im Lichte der gewerkschaftlichen Betrachtungsweise etwas anders aus: die IG Metall will entdeckt haben, daß Unternehmer weniger auf die rücksichtslose Ausnutzung von Arbeitskräften aus sind, als darauf, sie loszuwerden. Warum? Weil der Mensch im Vergleich zur Maschine nur Schwierigkeiten macht; er stört!
"Blickt man aber ein bißchen genauer dahinter, wird klar, warum Rationalisierung aus Unternehmersicht den hohen Stellenwert hat: Eine Fabrik oder eine Verwaltung, in der bei steigender Produktion immer weniger Menschen eingesetzt werden müssen, wird für den Unternehmer in gewisser Weise 'problemloser'. Maschinen klagen nicht und fordern nicht. Der Unternehmer verfügt so frei über sie wie (?) über sein Kapital. Menschen dagegen sind doch sehr viel schwieriger zu 'handhaben'."
Ausgerechnet bei der Rationalisierung, deren Vorzüge für das Geschäft des Kapitalisten auf der konsequenten Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft mit Hilfe der Maschinerie beruhen, will die IG Metall festgestellt haben, daß sich Unternehmer mit Vorliebe ihres Ausbeutungsmaterials, des "Menschen" entledigen ! Der Schmarrn, es ginge darum, die aufsässigen Arbeiter loszuwerden, nimmt sich allerdings recht lächerlich aus angesichts der Bereitschaft der westdeutschen Gewerkschaften, nichts gegen die Rationalisierung zu unternehmen (weil "wir sind ja keine Maschinenstürmer"'.), andererseits über die Folgen der Rationalisierung bei staatlichen Stellen zu klagen, weil eine Million Arbeitslose vielleicht ein "Problem" für "unsere Wirtschaft" werden und zu viel kosten!
Immerhin erklärt sich aus der Art und Weise, wie unsere Gewerkschaftsführer "genauer dahinter" blicken, die Praxis der "konjunkturgerechten Lohnforderungen" in den Tarifrunden!
Kündigen die Unternehmer großangelegte Rationalisierungsmaßnahmen an, um ihr Geschäft dem Aufschwung entgegenzuführen, so erwidert ihnen diese Gewerkschaft mit einem kräftigen "Ja, gegen die Einführung neuer Technik waren wir noch nie, aber auf Kosten der Arbeiter und ausschließlich für den Profit soll es nicht sein!" Bereiten die Unternehmer die Rationalisierung vor und setzen eine Million Leute vor die Tore, so reagiert die Gewerkschaft mit einem erneuten Bekenntnis zur Wirtschaft und ihrem Aufschwung, warnt noch einmal vor Maschinenstürmerei und hält sich vor lauter Solidarität in den Tarifrunden zurück. Aus den Arbeitslosen wird für sie ein Anlaß, die Wirtschaft "konjunkturgerecht" vor Lohnerhöhungen zu bewahren, selbstverständlich nicht ohne die bittende Klage, bei Gelegenheit das zu erwartende Wachstum auch wieder den Beschäftigten und Unbeschäftigten zugutekommen zu lassen. Ist die Rationalisierung in vollem Gange und die Unternehmer warnen vor jeder Gefährdung des Aufschwungs, den die Arbeiter recht unangenehm zu spüren kriegen, so zettelt die Gewerkschaft ihre Rationalisierungs- & Humanisierungsdiskussion an, in der sie beständig beteuert, daß sie nichts gegen Rationalisierung tun will, aber in der Bewältigung der Folgen für die Arbeiter mitreden möchte. Das Recht auf Mitbestimmung leitet sie dabei in aller Offenheit aus der "Vernunft" ab, die sie schon immer unter Beweis gestellt habe - und für die ihre Mitglieder bezahlen müssen. Und wenn die Unternehmer das gewerkschaftliche Ansinnen in der Gewißheit ihres Erfolges zurückweisen, vor das Verfassungsgericht marschieren und die Grenzen gewerkschaftlicher Einmischung in ihre Geschäfte festsetzen lassen, so sind die Mannen vom DGB sauer und hetzen die Arbeiter in Streiks für die Anerkennung der Gewerkschaft, bei denen weder für die Beschäftigten noch für die Arbeitslosen etwas herausspringt. Währenddessen nimmt die Rationalisierung munter ihren Lauf, und die Gewerkschaft bespricht im Angesicht der Opfer lauthals die Humanisierung der Arbeit sowie das von ihr erfundene Problem von Mensch und Maschine, das viel wichtiger sei als der Lohn ...
Weil Rationalisierung kein Problem der Technik ist, sondern eine Frage des berechnenden Umgangs mit Kapital und Arbeitskraft, sind die Schritte ihrer Durchführung auch völlig von den kalkulatorischen Zielen der Unternehmen her bestimmt.
So wird eine neue Maschine bzw. ein neues Herstellungsverfahren nicht einfach eingeführt, weil es auf dem Markt angeboten wird, also wenn es etwas Neues gibt. Billig genug muß die ,,neue Technik" sein im Verhältnis der mit ihr einzusparenden Lohnkosten! Von diesem Gesichtspunkt aus interessiert sich selbst ein Kapitalist für das Funktionieren. des modernen Geräts, wobei er allerdings nicht zum Techniker zu werden braucht: er läßt die von ihm bezahlten Techniker eben die "Ausgereiftheit" des neuen Verfahren prüfen, weil ihm Produktionsausfälle seine Rechnung versauen. So sehr er darauf erpicht ist, möglichst vor der Konkurrenz die höhere Arbeitsproduktivität zur Senkung seiner Produktionskosten auszunützen, so vorsichtig verhält er sich bei seinen "Pionierleistungen" - das Risiko eines zeitweiligen Produktionsstillstands will er nicht eingehen. Dieses Risiko ist für ihn eine quälende Last, und ein Unternehmer pflegt so etwas nicht auf sich sitzen zu lassen, wenn er seinem Berufsethos gemäß die Früchte des "technischen Fortschritts" einstreicht: vom Staat läßt er sich Zuschüsse zu seinen Rationalisierungsinvestitionen verabreichen, seinen Arbeitern rechnet er Störungen auf den Lohn an, und "die Gesellschaft" kriegt seine Abneigung vor Risiken am Preis des Produkts zu spüren.
Neben den Kosten der neuen Gerätschaften im Verhältnis zu den einzusparenden Lohnkosten ist dem Unternehmer auch die Art und Menge der Produkte eine genaue Überlegung wert. Die neue Technik, mit der in der gleichen Zeit ein Vielfaches ausgestoßen wird von dem, was die alte Fertigung hergab, muß mit ihrem Produktionsumfang auch ausnutzbar sein. Die zahlungsfähige Nachfrage muß absehbar einen Umfang erreichen, der ihm einen flotten Umsatz garantiert - ein Kapitalist weiß sehr genau, daß sich mitten in der Krise eine Rationalisierung nicht lohnt. Erst wenn die Aufträge wieder steigen, in anderen Branchen sich das Geschäft wieder belebt und die Banken samt Staat wieder billige Kredite vergeben, ist die hohe Zeit des Rationalisierens gekommen. Für den Fall, daß er sich im Zeitpunkt seiner Umstellung etwas vertan hat, hat er deswegen auch Mittel und Wege parat, sein Risiko zu mindern: die ärgerliche Tatsache, daß die frisch geschaffenen Kapazitäten nicht ausgenutzt werden können, bewältigt er durch den Einschub einer Kurzarbeitsphase, wobei sich ein weiteres Mal der Staat nicht lumpen läßt. Zur Zahlung existenznotwendiger Löhne greift er dem Unternehmen unter die Arme, so daß ausnahmsweise auch aus dem Verzicht auf einige Stunden Arbeit ein probates Mittel für das riskante Geschäft wird.
Die finanziellen Mittel für die kostspieligen Neuanschaffungen erwirbt sich ein Unternehmer aus der Quelle, die ihm in einer freien Marktwirtschaft ja niemand streitig macht: die Gewinne, welche sein Vermögen abwirft, weil andere an seiner Vermehrung arbeiten, sind allerdings umso ansehnlicher, je besser er seihen alten Maschinenpark ausnützt. So nimmt es nicht wunder, daß gerade in Betrieben, in denen eine Rationalisierung ansteht, mit der Abschreibung der einmal angelegten Kosten für die Produktionsmittel ihre Ausnutzung noch lange nicht beendet ist: die Kasse läßt sich prima aufbessern durch innerbetriebliche Sondereinsätze, in denen die Arbeiter zusätzliche Mittel für die geplanten Umstellungen erarbeiten. Intensivierung und Ausdehnung der Arbeit mittels Überstunden und Sonderschichten, auch kleine Schiebereien in der Organisation des Urlaubs stehen auf der Tagesordnung - angeordnet mit der im ganzen Betrieb ausgestreuten Drohung, Rationalisierungen stünden noch nicht an, seien aber unausweichlich, wenn die Belegschaft Schwierigkeiten machen sollte ...
Die Lüge solcher gezielten Gerüchte besteht darin, daß die Entscheidung über die Rationalisierung als eine ausgegeben wird, die vom Wohlverhalten der Arbeiter abhängt. Richtig an ihnen ist allerdings, daß dem Kapitalisten das veränderte Verhältnis von Lohn und Leistung die Durchführung der Rationalisierung erleichtert. Die gesteigerten Leistungen der Belegschaft erlauben ihm, die ihm genehmen Konsequenzen zu ziehen: er entläßt die ersten Leute, weil die übrigen den Beweis angetreten haben, daß es auch weniger schaffen; häufig braucht er nur gelassen Kündigungen von "Mitarbeitern" in Empfang zu nehmen, die es nicht mehr aushalten, und auf ihren Einsatz zu verzichten - zur Not stellt er ein paar leicht kündbare Hilfskräfte ein. Die Belegschaft wird reduziert; unauffällig, nach und nach verschwinden Leute - und der Betrieb kann sich rühmen, daß er das Gespenst der Massenentlassung gebannt hat. Die fortwährend praktizierte Aufteilung der "Masse" in kleine Portionen macht im übrigen ganz nebenbei deutlich, daß die öffentliche Beschwörung von "Massenentlassungen" nichts mit den Sorgen von entlassenen Arbeitern zu tun hat: sie verdankt sich der Befürchtung, daß mit der plötzlichen Auffüllung des Arbeitsmarktes "soziale Probleme" entstehen, die einem sozialstaatlich, auf den sozialen Frieden hin "Denkenden" gar nicht schmecken. So macht unser Staat den Unternehmern bei einer größeren Anzahl von Rausschmissen gewisse Auflagen, während gleichzeitig Politiker aller Couleur die Arbeitslosen als "arbeitsscheu" beschimpfen, wenn sie nicht unter allen Bedingungen neue Arbeit annehmen und tatsächlich auch einmal ein paar Mark von der Versicherung erhalten, die sie ein Leben lang bezahlen.
Durch dieses Vorgehen fließt dem Kapitalisten sein früher ausgelegtes Kapital zügig zurück und bringt noch einigen Gewinn mit, der für Neuanlagen zur Verfügung steht. Doch nicht nur finanziell hat sich der Betrieb für die Rationalisierung flott gemacht. Wenn das Aufstellen der neuen Anlagen fällig ist, so kommt ein Prozeß zu seinem Abschluß, in dem der Vergleich zwischen Auslagen für Sachkapital und Lohnkosten - um den es bei der Rationalisierung geht - bereits durchgezogen worden ist. Mit der Steigerung der Arbeitsleistung ist noch während des Gebrauchs der alten Produktionsmittel ernst gemacht worden, ebenso wie mit der Reduktion der Belegschaft. Dies war dem Unternehmer unter den alten Bedingungen einige Zuschläge für Überstunden etc. wert, zumal ihm die an höhere Leistungen gewöhnte Belegschaft die beste Gewähr dafür bietet, daß die mit den neuen Herstellungsverfahren Einzug haltenden Leistungsgebote nicht zu häßlichen Szenen führen.
Durch die innerbetriebliche Vorbereitung auf Kosten manchen Arbeitsplatzes und einiger freien Stunden bei den Arbeitern hat sich der Kapitalist auch noch bei seinen Geschäftspartnern Vertrauen erworben: sein "Management" ist in Ordnung, hat auf dem Markt noch vor der Umstellung Erfolge erzielt - und solch ein Betrieb kriegt auch den nötigen Kredit. Insbesondere dann, wenn ein Unternehmen aufgrund seiner Größe in der Lage ist, mit besseren Angeboten auf dem Markt die Konkurrenz konkurrenzunfähig zu machen, wirkt es nicht nur auf die Kreditgeber vertrauenserweckend, weil diese ihr Geld natürlich sicher und gewinnträchtig anlegen wollen. Auch die "Kooperationsbereitschaft" kleinerer und nicht aus eigener Kraft rationalisierungsfähiger Unternehmen wächst enorm. Da findet so mancher Zusammenschluß statt, der aus doppelten Abteilungen einfache macht. Und wo die Kleinen und Nachzügler in Sachen Produktivitätssteigerung für sich versuchen, mit der alten Produktionsweise über die Runden zu kommen, bleiben ihnen nur "Geschäfte am Rande des großen Geschäfts, und ihre kleinen vollziehen sie mit Hilfe des ,,Abfalls" der Rationalisierung, die ihre Branche ergriffen hat - wobei die Erpressung ihrer Belegschaft mit dem "Zwang zur Konkurrenz" Formen annimmt, die den alten Fachkräften für die Illusion, es käme noch auf ihre ganz spezielle Qualifikation an, einen hohen Preis abverlangt. So räumt die Rationalisierung in der ganzen Branche auf, und die Beschäftigten müssen den "Fortschritt" ausbaden, sei es in einem Betrieb, der rationalisiert, sei es in einem, der auf der Strecke bleibt und dessen Eigentümer sich zur Tröstung seines armseligen Lebensabends nach Ibiza zurückzieht!
Diejenigen Betriebe, die sich mit der Vorbereitung der Rationalisierung im eigenen Hause zugleich auf dem Markt durchsetzen, sich also das Auftragsvolumen sichern, das die "neue Technik" lohnend macht, sehen sich nur noch einer Aufgabe gegenüber, die ihnen Kopfzerbrechen bereitet. Aber auch für die Übergangsphase der eigentlichen Umstellung steht ihnen in ihrer Belegschaft das Mittel zur Verfügung, um mit den betriebswirtschaftlichen "Schwierigkeiten" fertigzuwerden. Diese Schwierigkeiten bestehen ganz einfach darin, daß das Abbauen der alten und das Aufstellen der neuen Anlagen einen Abzug von der produktiven Nutzung des Kapitals darstellt. Ein Unternehmer unternimmt daher alles, um ein Durcheinander in der Organisation der Arbeit zu vermeiden und gar nicht erst Produktionsausfälle auftreten zu lassen. Er mutet seinen Arbeitern einiges zu, wenn ihnen die Installateure der neuen Anlagen auf den Füßen stehen, wenn sie sich in die neue Fertigung einarbeiten und zugleich mit Hilfe der alten Arbeitsweise den Ausstoß sichern müssen, wenn irgend etwas nicht klappt. Ohne laufende Doppelbelastung geht es einfach nicht ab, auch wenn in dieser Phase wieder einmal Hilfskräfte und auf dem Arbeitsmarkt leicht zu kriegende Fachkräfte dosiert angeworben werden. Eine zusätzliche Schicht erweist sich auch als recht nützlich, zumal sich die nach dem Abschluß der Umstellungen gut beibehalten läßt. Bei alledem zeigt sich das Unternehmen ein letztes Mal erkenntlich gegenüber der Qualifikation der Facharbeiter, die sich während der Umrüstung einbilden können, ohne sie ginge es doch nicht: so vollziehen viele von ihnen als Werkzeugmacher, Setzer etc. ihren abschließenden Dienst am alten Arbeitsplatz und in der alten Lohngruppe.
Sobald nämlich die Fertigung nach dem neuen Verfahren klappt, sind die Fertigkeiten so manchen altgedienten Mitarbeiters, und in vielen Fällen er selbst, ziemlich überflüssig. Der Arbeitsmarkt erhält einige Zufuhr an Unbeschäftigten, die dann von Gott und der Welt als "Problem der Arbeitslosigkeit" besprochen werden und sich lebhafter Beschimpfungen kaum erwehren können. Weil der Staat ihre diversen Beiträge zur Versicherung für den Ernstfall lieber anderweitig verwendet, verfahrt er recht sparsam bei der Auszahlung von Arbeitslosenunterstützung, setzt neue Richtlinien über zumutbare Dienste am Kapital fest und das Gerücht in die Welt, daß wohl die Arbeitsscheu für die Arbeitslosenziffern verantwortlich sei. Der DGB behauptet dagegen, daß l. nur ein Teil der Betroffenen selbst schuld sei und 2. unbedingt von staatlicher Seite etwas gegen die Arbeitslosigkeit getan werden müsse. Dazu bringt er seine Wirtschaftsexperten auf Trab, und die erfinden Geschichten über das "Problem Nr. I", in denen die Kapitalisten überhaupt nicht vorkommen mit ihren Rationalisierungsgeschäften. Dafür aber werden die Proleten zum Opfer von zwei Gespenstern, nämlich der Konjunktur und der Struktur:
"Zweifellos läßt sich ein Teil dieser Arbeitslosigkeit durch die Verbesserung der konjunkturellen Situation abbauen. Deshalb begrüßen wir die konjunkturpolitischen Aktivitäten der Bundesregierung (die natürlich seit 3-5 Jahren keinen anderen Zweck als den Abbau der Arbeitslosigkeit verfolgen). Aber allein durch die Konjunkturpolitik ist die alte Vollbeschäftigungssituation nicht wieder zu erreichen. Wir müssen (!) mit struktureller Arbeitslosigkeit rechnen (!). Und nur strukturpolitische Konzepte helfen uns hier, die Gefahren zu bannen."
Mit erfreulicher Offenheit gibt hier der Vorsitzende der größten Gewerkschaft der Welt zu Protokoll, wie sein Verein das Umspringen der Kapitalisten mit den Arbeitsleuten beurteilt. Loderer hat Verständnis dafür, wenn die Unternehmer das Auf und Ab ihres Geschäfts so regeln, daß sie einer stattlichen Anzahl von Arbeitskräften ihren Lebensunterhalt streitig machen: sie können ja nichts dafür, daß es Konjunkturen gibt in der Welt; wer möchte ihnen da den rauhen Umgang mit denen zum Vorwurf machen, die von ihrer Hände Arbeit leben müssen' Und wenn das Kapital in ganzen Branchen seinen Aufschwung und seine Konkurrenzfähigkeit durch den Rausschmiß von Tausenden bewerkstelligt, dann spricht der flotte Eugen von einer Strukturkrise und verlangt vom Staat konjunktur- und strukturpolitische Maßnahmen! Sollte ihm tatsächlich entgangen sein, daß der Staat für die übliche Manier der Kapitalisten, mit den Schwierigkeiten ihres Geschäfts fertig zu werden, einiges springen läßt? Die Stellungnahmen der IG Metall und des DGB deuten nicht darauf hin, daß sich gewerkschaftliche Konjunkturverbesserer über irgend etwas täuschen - sie akzeptieren das, was in den Betrieben gespielt wird, als eine Notwendigkeit, für die kein Unternehmer nichts kann, und gefallen sich mit politischen Alternativvorschlägen in Sachen "Stabilisierung der Wirtschaft". Schöner kann man seine Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern, welche die recht stabile deutsche Wirtschaft den Arbeitern aufhalst, nicht mehr ausdrücken, als durch die staatsmännisch vorgetragene Sorge um den Gang der Konjunktur. Denn der ist es, der für einen Gewerkschafter von heute das "Arbeitslosenproblem" so schwierig macht:
"Es ist noch gar nicht so lange her, daß man die Gefahr langanhaltender Arbeitslosigkeit ein für allemal für gebannt hielt. Wir wissen heute: Das war ein Irrtum."
Es ist schon eine Frechheit, wie die Phase des ,,Wirtschaftswunders" mit ihren für die Lohnabhängigen gar nicht rosigen Bescherungen - ganze Branchen in der Textilindustrie, im Kohlebergbau hatten da ,,schlechte Konjunktur" und vollzogen "strukturelle Krisen", daß es nur so krachte - als bessere Zeit hingestellt wird! Bei solchen rabiaten Sprüchen denkt aber ein Loderer nicht an seine Mitglieder, sondern an das problemlose Gedeihen der Wirtschaft, die sich damals wie heute auf Kosten der Arbeiter sanierte :
"Der oft verharmloste Konjunktureinbruch der Jahre 1966/67, der (der war es also !) alles in allem rund eine Million Arbeitsplätze stillegte, war ein Vorläufer der viel gefährlicheren Strukturkrise von heute."
Davon, wie die Million aus den Betrieben hinausmanövriert wurde, sagt ein Loderer ebensowenig wie darüber, was die restlichen Proleten, die ihren "Besitzstand", einen Arbeitsplatz, wahren durften, täglich auf sich nehmen müssen. Er beklagt sich nämlich nicht über die diversen Sorten von Ausbeutung, sondern über ihre mangelhafte politische Steuerung, für die er konstruktive Gegenvorschläge mit der ganzen Wucht der gewerkschaftlichen Organisation vorbringt. Auf diesem Gebiet will die Gewerkschaft - anders als vor Ort, wo die Rationalisierung ihren Gang geht - nicht passiv bleiben. Denn, so meint Loderer gar nicht ironisch:
"Passivität in dieser Frage verletzt fundamental die Arbeitnehmerinteressen. "
Der Mann der Gewerkschaft nimmt die Abhängigkeit der Arbeiter vom Kapital zum Anlaß, daß man für die Abhängigen nur noch eines tun kann: sich um das konjunkturelle und strukturelle Wohlbefinden der Wirtschaft kümmern, denn allein von ihr kann auch Segen für die von ihr Abhängigen kommen! Wahrlich ein schwerer Schlag gegen die tüchtigen Rationalisierer in den Chefetagen der deutschen Industrie!
Die offensichtlichste Härte der Rationalisierung - Leute, die von ihrem Dienst am Kapital leben müssen, werden außer Brot gesetzt - muß für eine Ideologie herhalten, die den Zweck und Verlauf der Rationalisierung auf den Kopf stellt. Ihre Kurzfassung lautet: "Der Einsatz neuer Techniken ersetzt Arbeit, und dies in einem Maße, daß nicht mehr genug da ist für die, die von ihr leben."
Ungerührt von den eindeutigen Stellungnahmen der verantwortlichen Leute in Sachen Arbeitszeitverkürzung ("unmöglich, wirtschaftlich nicht zu verkraften und technisch gar nicht durchzuführen"), ungerührt auch von der lauthals in die Welt gesetzten Befürchtung, die tatsächlich Arbeitenden und Versicherungszahler (Renten !) würden nicht genug Nachwuchs hervorbringen ("Sterben die Deutschen aus?"), unbeeindruckt auch von den Leistungen, die den "Arbeitsplatzbesitzern" jeden Tag abgenötigt werden und die das Modell Deutschland so stark machen, wie es ist - ohne Rücksicht also auf die Tatsache, daß immer mehr gearbeitet wird in diesem Land, wird so getan, als wäre ausgerechnet die Rationalisierung mitsamt ihren Opfern der Beleg dafür, daß die Mühsal geringer wird, die der Großteil der Menschheit zu erledigen hat.
Daß immer mehr gearbeitet wird, kann jedermann auch ohne jegliche Befassung mit der Rationalisierung merken, wenn er nur will: dem täglichen Fernsehprogramm läßt sich entnehmen, welch ungeheure Masse an Reichtum für- Werbung, Bundeskanzlerfeste, politische Propaganda gelehrter Art sowie Schlagerflittchen und Militär zur Verfügung steht - und dieser Überfluß, ausschließlich zur Aufrechterhaltung der schönen Welt des Privateigentums verwendet, will eben erarbeitet sein. Wie die Rationalisierung nur dem einen Zweck dient, eben dem der Vermehrung der Arbeit, entgeht allerdings denen, die an den Arbeitslosen nicht ihre Not, sondern ein Versäumnis entdecken: die meinen, daß hier ein vorhandenes Reservoir an Arbeitskraft nicht volkswirtschaftlich genutzt wird. Diesen Zeitgenossen - ob rechts- oder links- volkswirtschaftlich inspiriert - fällt an den Mitteln des Kapitals, möglichst viel, aber billig arbeiten zu lassen, nur noch eines auf: daß noch mehr dienstbare Hände zur Verfügung stünden als die, welche genutzt werden. Dabei übersehen sie in ihrem Eifer, daß die Unternehmer, denen es nicht nur um viel Arbeit geht, sondern um viel kostensparende Arbeit, auch aus den Arbeitslosen manchen Nutzen ziehen. Sie bemerken nicht einmal, daß die Rationalisierung ein großangelegtes Manöver darstellt, die von der Verrichtung der Lohnarbeit Abhängigen zu erpressen: ihnen beizubringen, daß sie in ihrer Abhängigkeit von den Arbeitgebern nur zurechtkommen, wenn sie sich deren Ansprüchen auch beugen und zur Leistung auch und gerade dann bereit sind, wenn sich der Lohn nicht an ihr bemißt. Der Zwang zur Unterwerfung unter die Leistungsgebote des Kapitals ohne Anspruch auf "humane Behandlung" oder anderen Lohn macht die Technik der Rationalisierung in all ihren Verlaufsformen aus - und ihr Erfolg besteht wie bei jeder Erpressung darin, daß sich die Opfer für die Ziele dessen, der Macht über sie hat, hergeben.
Der Druck, der hier wie bei jeder Erpressung notwendig ist, besteht in der Mitteilung einer unangenehmen Konsequenz, welche fällig wird, sobald gewissen Bedingungen nicht entsprochen wird. Diese Mitteilung erfolgt in einem modernen Betrieb, in dem sowieso nicht viel gesprochen und geschrieben wird, nicht in Worten, sondern durch Taten. Da werden für jeden merklich Zeitverträge nicht verlängert, ein Einstellungsstop erlassen, so daß die Belegschaft merkt, daß sie die Folgen dieser "natürlichen Fluktuation", eben gewisse Arbeiten miterledigen muß. Am schwarzen Brett oder in der Betriebszeitung erscheint eine Notiz, daß "entgegen anderslautenden Gerüchten (die es gar nicht gab) kurzfristig keine Rationalisierungen geplant seien". Oder umgekehrt: "Der Betrieb wird angesichts der angespannten Geschäftslage um gewissse Rationalisierungsmaßnahmen nicht herumkommen, dennoch sind zur Vermeidung von Härtefällen Entlassungen nicht vorgesehen." Dergleichen wirkt Wunder, weil da nämlich nicht - wie ganz clevere Kritiker des Betriebsrates meinen - Informationen vorenthalten werden, sondern alles Nötige gesagt wird. Keinem wird verschwiegen, daß der Betrieb auf die Leistung jedes einzelnen gesteigerten Wert legt; jeder bekommt mit, daß man auf den Unterschied zwischen brauchbaren und überflüssigen Mitarbeitern scharf ist, weil rationalisiert werden wird. Und wenn es auch bei keinem einzigen Arbeiter größere Überlegungen zum "Problem Arbeitslosigkeit" hervorruft - eine gewisse Dienstbeflissenheit ruft dieses Verfahren allemal hervor. Man ist sich im Klaren darüber, daß mancher seine Stellung ganz verliert, andere eine schlechtere Arbeit mit weniger Lohn in Kauf nehmen müssen, und keiner will sich dem Verdacht aussetzen, daß er ein Kandidat für solche Vorhaben sei. Die Firma hat es also mit denkbar einfachen Mitteln geschafft, ihre Auseinandersetzung mit der Belegschaft zu einem Problem der Arbeiter untereinander zu machen. Da will dann mancher aus seiner Not eine Tugend machen und dem Meister beweisen, daß e r auf alle Fälle brauchbar ist. Zu einem Zeitpunkt, da die Betriebsleitung ankündigt, daß ihr die Belegschaft zu teuer ist, will ihr jeder beweisen, wie gut man mit ihm fährt. Verrückt? Keineswegs, sondern die banale Konsequenz von Leuten, die wissen, daß ein Vergleich zwischen ihnen angestellt wird, ob sie wollen oder nicht, und deswegen den Vergleich in ihrem eigenen Interesse betreiben. Wie anders soll man als Arbeitsmann seine Brauchbarkeit unter Beweis stellen als im Kontrast gegenüber dem Kollegen, wenn ohnehin klar ist, daß nicht mehr jeder gebraucht wird? Der Haken bei der ganzen Anstrengung - daß für den extra Einsatz kein Pfennig mehr gezahlt wird - zählt da nicht viel. Zu gewinnen gibt's ja nichts, wo es um die Vermeidung von Verlusten geht. Im Messen mit dem von der gleichen Drohung angesprochenen Kollegen (der auch gewerkschaftlich, sehr solidarisch organisiert ist !) liegt nun einmal die Chance, und wenn das Auge des Meisters die Güte der eigenen Arbeit begutachtet, so mag auch einmal der Hinweis auf die Schwächen anderer dienlich sein, um klarzustellen, daß bei aller Selbstkritik die eigene Leistung die schlechteste nicht ist. Außerdem ist man sich für keine Arbeit zu schade, nichts wird mehr als Zumutung empfunden, und eine halbe Stunde länger dageblieben wird auch einmal: in Betrieben mit persönlichem Bewertungssystem ist dies Verfahren ohnehin üblich.
Das Gelingen der ganzen Veranstaltung beruht also auf einer bitteren Notwendigkeit, der die Arbeiter gehorchen: davon, daß ihre Leistung für brauchbar gehalten und deswegen auch bezahlt wird, hängt ihre Existenz ab. Über ein anderes Mittel verfügen sie nicht, weshalb sie den Kampf um ihren Lohn eben mit ihrer Arbeit führen. Die Konkurrenz, die sie dabei austragen, kennt allerdings im Unterschied zu sportlicheren Wettbewerben keinen Sieger, sondern nur einen Nutznießer - und der ist nicht unter den Arbeitern zu finden. Denn die Steigerung ihrer Leistung, mit der jeder seine Brauchbarkeit unter Beweis stellen will, ist genau das, worauf das Unternehmen scharf ist. Mit Zufriedenheit nimmt die Betriebsleitung zur Kenntnis, daß dieselbe Arbeit, die früher mit der Bezahlung von drei Mann verbunden war, nun von zweien erledigt wird; welche zwei sich im glücklichen Besitz eines Arbeitsplatzes behaupten, ist Gegenstand einer recht einfachen Entscheidung des Meisters - wenn nicht die in Gang gekommene Hetze den einen oder anderen Mitarbeiter "von selbst" veranlaßt zu gehen, was der Firma ganz nebenbei noch ein paar soziale Verpflichtungen vom Hals schafft.
Die Genugtuung, die all diejenigen an den Tag legen, welche vom Unternehmen weiterhin als tatkräftige Mitarbeiter "beschäftigt" werden, ist mit einem Erfolg kaum zu verwechseln. Die Gnade, daß man zur Stammbelegschaft weiterhin zählt, läßt Freude nur aufkommen, wenn man sich die schlimmere Konsequenz vor Augen hält, die mit dem Verlust des Arbeitsplatzes eingetreten wäre. Es ist nämlich kaum zu übersehen, daß der erhaltene Arbeitsplatz nicht mehr derselbe ist wie früher, und das noch vor jeder Umstellung oder offiziellen Abgruppierung: das Verhältnis von Lohn und Leistung ist verändert.
Verrückt ist die Reaktion der Arbeiter auf die eindeutigen Absichten der Kapitalisten also schon: die Abwehr der ruinösen Arbeitsbedingungen ebenso wie der Entlassungen ausgerechnet durch Mehrarbeit vollführen zu wollen, garantiert dem rationalisierungsbeflissenen Unternehmer die Mehrarbeit, die Einsparung von Lohnkosten und die beabsichtigte Reduktion der Belegschaft - den Arbeitern gewährleistet sie die harte Auslese zwischen Arbeitslosen und Arbeitsplatzbesitzern, wobei letztere sich durch gesundheitszerstörende Leistungen auszeichnen können.
Noch verrückter allerdings ist die gesamtgesellschaftliche Begleitmusik, die vor allem von den Gewerkschaften höchstoffiziell beigesteuert wird. Die an die Ouvertüre der Erpressung in den Fabriken sich anschliessende Umstellung, Dequalifizierung und Abgruppierung erfreut sich des gar nicht lustigen Kommentars derer, die "keine Maschinenstürmer" sein wollen: Solidarität der Arbeiter, auch und insbesondere mit den Arbeitslosen, Humanisierung der Arbeit, Einstieg in die 35-Stundenwoche und Aufschub der Arbeitszeitverkürzung usw. usw.
Im Betrieb geht die Rationalisierung von der Vorbereitungsphase zur tatsächlichen Umstellung über: die glücklichen ,,Arbeitsplatzbesitzer" haben sich den neuen Arbeitsbedingungen zu fügen, weil die Arbeitsverweigerung als ein Mittel, den Unternehmern Bedingungen zu diktieren, unter denen man arbeitet, gar nicht erst in Betracht gezogen wird (wozu heutzutage Streiks inszeniert werden, steht in Teil IV !). Da findet sich dann mancher in einer neuen Lohngruppe, andere betreiben ihre Umschulung auf eigene Kosten an Zeit und Geld - und das allgemeine Gesetz der Erpressung bleibt in Kraft: Nachgeben setzt sie fort!
Die gelungenste Form, in der die Mehrarbeit zum Hebel der Rationalisierung wird, stellt zweifelsohne der Akkordlohn dar. Auch wenn niemand an das Gerücht glaubt, daß der Akkordlohn etwas ungeheuer Gerechtes ist, weil sich da die Bezahlung an der Leistung bemißt - wer im Akkord arbeitet, muß sich praktisch an dem Versprechen orientieren, das ihm da präsentiert wird: mit der Steigerung deiner Leistung kannst du deinen Lohn erhöhen. Damit die Bäume der Arbeiter nicht in den Himmel wachsen, hat der Betrieb unter Zuhilfenahme von REFA-Experten eine flotte Normalleistung festgesetzt, die man ständig zu bringen hat, ohne krank zu werden. Darüber hinaus zu arbeiten ist für den Akkordlöhner des Geldes wegen eine Notwendigkeit. Dabei offeriert er dem Unternehmen nicht nur seine Höchstleistung, sondern auch einen ständigen Leistungsvergleich mit seinen Kollegen. Der Betrieb macht sich umgekehrt dies nicht nur zunutze, indem er die "Normalleistung" immer wieder einmal zu seinen Gunsten korrigiert, wenn er 130 % ige Leistungsträger entdeckt - er ist auch brennend daran interessiert, die technischen Bedingungen für Leistungswillige zu verbessern. Freilich nicht, um dann auch mehr zu zahlen, wenn sich die Stückzahlen erhöhen, sondern um die Arbeitserleichterungen als Lohnsenkung in Anrechnung zu bringen. Die Mittel, die die Arbeitsgänge vereinfachen, jede kleine Veränderung der Ausstattung des Arbeitsplatzes macht es dem Akkordlöhner wieder schwerer, seinen alten Lohn zu erhalten. Längst sind deshalb die Kinderkrankheiten des Akkords verschwunden, die für einen Kapitalisten darin bestehen, daß ein Facharbeiter, ein Könner mit besonderem Geschick, aus der Akkordbezahlung tatsächlich ein paar Mark für sich herausschlägt. Der Einsatz moderner Maschinerie hat dafür gesorgt, daß die anfallenden Tätigkeiten nach einer Anlernzeit von jedermann verrichtet werden können, so daß die Steigerung des Lohnes nur auf einem Wege möglich ist. Durch die ,,einfache" Schinderei, durch den unmittelbaren Verschleiß von Körperkraft und Nerven. In den Akkordabteilungen moderner Fabriken treiben die Herren Arbeitgeber ihrem lebendigen Produktionsmittel die Einbildung gründlich aus, es käme auf ihre Qualifikation an; dafür treiben sie die Arbeiter umso gründlicher an, bis über die Grenze des .Erträglichen' hinaus; für jeden Pfennig Lohn fordern sie ein Stück Gesundheit, indem sie die Arbeiter wie Maschinen behandeln und immer dann, wenn sie an ihnen eine Grenze der Produktivität bemerken, zum ,"technischen Fortschritt" greifen. Hier ist die Rationalisierung das alltägliche Geschäft, sie wird in vielen kleinen Veränderungen des Arbeitsplatzes ständig praktiziert, die allesamt prompt als "Erleichterung" verbucht und zur Steigerung der Leistung über Senkung der Vorgabezeit verrechnet werden. Von der kleinsten technischen Veränderung bis zur Einführung von NC-Maschinen wird alles zum "Anlaß" (also deswegen durchgeführt), Lohnkosten zu senken und den Akkordlöhner zu zwingen, seine Gesundheit für die Firma zu opfern.
Dieses Geschäft ist für einen modernen Kapitalisten (der auf jeden Pfennig achtet, wenn ein Arbeiter ihn haben will) so lohnend, daß er eine Reihe studierter Menschen bezahlt, die in sauberen Gewändern in den Hallen auftauchen und mit Bleistift, Stoppuhr und Tabellen ausgerüstet nichts anderes ausrechnen als die Höchstgrenze der Dauerbelastbarkeit eines Arbeiters. Das ist ihr Beruf, und den betreiben sie, wenn sie nicht gerade auf einer Veranstaltung der Rationalisierungskommission und des DGB über "menschenwürdige Arbeit" quatschen, mit dem angemessenen Ernst. Die wissenschaftlichen Leistungen dieser Sorte Mensch seien einem Publikum nicht vorenthalten, bei dem die Studierten nicht gerade schlecht wegkommen - im Unterschied zu Studenten, die etwas gegen Ausbeutung haben.
Weil ein Arbeitswissenschaftler und sein Kleinformat in Gestalt eines Refa-Kurslers daran interessiert sind, Methoden der Leistungssteigerung aufzuspüren, sehen sie in der Arbeit ein riesiges Bündel von Faktoren. Da tauchen auf: Bewegung, Entfernung, Zeit, Kraft, Geschwindigkeit - und der Arbeiter ist eine "subjektive" Bedingung der Arbeit, die der Höchstleistung lauter Schranken entgegensetzt, und die wollen ausgelotet sein. Ganz wichtig ist dabei, daß die Beanspruchung von Herz, Muskel, Kreislauf oder Wirbelsäule gleich als Dauerbelastung in die anstehende Berechnung eingeht. Denn erst nach 40 bis 50 Arbeitsjahren darf die Natur des Arbeiters aufhören, etwas anderes zu sein als Mittel zur Vermehrung von Kapital - dann kann sie es allerdings auch ganz gut, weil der Arbeiter dann zum gesellschaftlich anerkannten Schrott gehört. Als "objektive" Bedingungen gelten Maschine, Werkstoff und so Zeug, bei denen selbstverständlich auf den optimalen Nutzeffekt aufgepaßt werden muß. Der stellt sich dann ein, wenn sich der Arbeiter unter Aufbietung aller Kräfte auf die objektiven Bedingungen einstellt.
Ein Arbeitswissenschaftler tut ständig so, als wäre es ein Gebot all der schönen Maschinerie, daß sich Leute an ihr ruinieren. Was sollte Arbeit denn anders sein, als eine einzige Bemühung um die Steigerung der Leistung? Wo läßt sich eine Bewegung, eine Sekunde sparen? - lautet die eintönige Fragestellung dieser Wissenschaft. Daß die Antwort auf diese Frage immer haargenau mit dem Interesse des Kapitalisten an der Lohnarbeit zusammenfällt, macht einem in der "Arbeitsvorbereitung" tätigen Fachmann wenig zu schaffen, weil er nämlich der festen Überzeugung ist, daß sein Wirken mit der Nachbereitung der Chose im Lohnbüro nichts zu tun hat. So dient die Konzentration auf die technische Seite der Ausbeutung hervorragend der Kalkulation!
Entsprechend sehen die Fortschritte aus, die dieser Beruf in die Arbeitswelt eingebracht hat. Der alte Witz, daß beim Auftauchen der Stopper die Arbeiter ihre Leistung zurückhalten und nicht alles verraten, was sie können, hat sie auf die Überlegung geführt, daß das Messen nicht an individuellen Leistungen stattzufinden habe, sondern gerade ohne Berücksichtigung der Beteiligten abgewickelt werden muß. Objektiv, d.h. unabhängig davon, wie ein Arbeitersubjekt so arbeitet, "mißt" er die Leistung; jede Tätigkeit wird auf eine Handvoll von Bewegungen reduziert, für die er Zeiten festschreibt und einen Kraftaufwand ,,bewertet". Im MTM-System und ähnlichen Sorten der Arbeitsplatzbewertung wird die Ausführung einer Arbeit an dem so zurechtberechneten Ideal gemessen, und jede Abweichung davon, jede Ausgleichsbewegung gilt als überflüssig - und wenn sie sich der Arbeiter dennoch leistet, geht sie zu seinen Lasten. Kein Wunder, daß bei solcher Behandlung des Arbeitsviehs auch der Wille der Arbeiter als Schranke aktenkundig geworden ist - und in "Meckerkästen", wo man seinen Ärger reinschmeißen soll, damit er sich anderweitig zurückhält, aber auch in "humaner", "selbstverantwortlicher" Gruppenbildung seine wenig störende Berücksichtigung findet.
Der demokratische Staat fördert seine Wirtschaft. Als diese den Weg aus der Krise zu gehen hatte, ließ es sich die Regierung nicht nehmen, 17 Milliarden "Konjunkturspritzen" lockerzumachen, über die Verwendung solcher Gelder aus der Staatskasse bestehen weder beim Finanzminister noch bei den Unternehmern größere Zweifel: dem Wachstum sollen sie dienen; sie müssen so angelegt werden, daß die Betriebe "aus den roten Zahlen" kommen, so daß sie wieder kräftig Steuern zahlen können, statt Staatsgelder in Anspruch zu nehmen. Dann, ja dann können sie bei gutem Geschäftsgang auch etwas für das Problem Nr. l, die Arbeitslosen, tun und Arbeitsplätze schaffen. Das Dumme ist nur, daß die Gesundung erst einmal so vonstatten geht, daß Arbeitslose geschaffen werden.
Wie man sieht, ist es keine harmlose Sache, wenn der Staat seine Wirtschaft fördert: Sein Wunsch ist ihr Gebot, und wie die Unternehmer für die Sanierung der Wirtschaft sorgen, ist bekannt. Für jedes "Problem", das sich ihnen in den Weg stellt, wissen sie eine "Lösung", und die steuern immer die Arbeiter bei. Und daß "unser Staat" den Unternehmern bei ihren erpresserischen Umtrieben in der "Welt der Arbeit" manche eindeutige Unterstützung zuteil werden läßt, ist allgemein bekannt. Zur Erinnerung an die Leistungen der letzten Zeit, die mancher aufrechte Sozialdemokrat vor lauter Begeisterung für Willy und Helmut vielleicht vergessen hat, hier eine kleine Liste:
Usw. usw. Die flankierenden Maßnahmen der Regierung für die Rationalisierung stehen in ihrer Brutalität also nicht hinter den betriebsinternen Manövern der Unternehmer zurück. Sie bilden die passende Ergänzung, indem sie den Opfern der "Weniger Lohn - Mehr Leistung - Spirale" das Zurechtkommen mit ihrer Ausbeutung aufherrschen. So daß ein Arbeiter eben immer mehr arbeitet, immer weniger kostet und immer mehr zahlt. Auch seinen Gewerkschaftsbeitrag darf er bezahlen, denn die "Organisation der Arbeitnehmer" hat viel zu tun in Zeiten, da sich alle Welt darüber einig ist, wie wichtig die "arbeitenden Menschen" und ihr Einsatz für das Blühen von Wirtschaft und Nation sind.
Angesichts der Tatsache, daß ihr Beitrag zum Modell Deutschland den Arbeitern gar nicht gut bekommt, muß nämlich auch einer sagen, daß ihm zu wenig auf die Vollbeschäftigung geachtet wird. Ein Gewerkschaftsmensch meint daher, daß
"die Bereitstellung von 17 Milliarden für die deutsche Industrie an Hilfen im laufe der letzten Jahre ganz klar beweist, daß diese mittel nicht dazu verwandt werden, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Ganz im Gegenteil. Damit wurden bestehende Arbeitsplätze rücksichtslos wegrationalisiert."
Eugen Loderer, der hier Klage führt über die Verwendung der staatlichen Gelder, ist selbstverständlich auch dafür, daß der Staat den Unternehmern hilft, damit sich ihr Geschäft wieder lohnt. Er hat sogar noch einige Milliarden mehr verlangt, für die notleidende Werftindustrie und für den Aufschwung überhaupt. Andererseits will er keineswegs behaupten, daß die Kapitalisten ihren Aufschwung nicht zustandegekriegt haben. Er weiß also sehr genau, daß sich eine florierende Wirtschaft mit Wohlstand und Sicherheit der Arbeiter nicht verträgt. Angesichts der gar nicht rosigen Konsequenzen der Wirtschaft, deren Förderung er für unerläßlich hält, für seine Mitglieder tut er aber so, als wäre das wirtschaftliche Wachstum eigentlich zu nichts anderem da als zur Herstellung der Vollbeschäftigung. Die recht flotte Unterstützung der Rationalisierung durch den Staat übersieht er mit der Brille des verantwortungsbewußten Fortschrittsmenschen, der ja nichts anderes sein will als das von den Arbeitnehmern angestellte bessere Gewissen des Staates. Er leistet sich sogar die Unverschämtheit, die "unsachgemäße Verwendung" besagter Gelder als einen Verstoß gegen die besseren Absichten seiner SPD-Freunde hinzustellen -, um vor aller Welt zu demonstrieren, wie einverstanden ein Gewerkschaftshänger mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik heute wäre, wenn ihm die Kapitalisten nicht immerzu in die Quere kämen und ihn daran erinnern würden, daß doch noch nicht alles zum Besten steht. Natürlich ist er einverstanden, möchte aber darlegen, wie wichtig angesichts der Arbeitslosigkeit und anderer "sozialer Härten" der Beitrag der Gewerkschaft zur Ausgestaltung des Sozialstaats ist. Diese Heuchelei ist gekonnt. Sie bedient sich der Lüge der Politiker, in der ihre Maßnahmen gegen die vom Kapital geschädigten Arbeiter ständig als nicht endenwollender Kampf um ihr Wohl ausgegeben werden - weswegen sich Vetter, Loderer und andere Menschen auch mit Willy Brandt und Helmut Schmidt gern gemeinsam in die Pose des Kämpfers um den sozialen Fortschritt werfen. Als ob die Entlassungen und sonstigen Übergriffe auf Lohn und Gesundheit der Arbeiter nicht staatlich gefördert tagtäglich in den Betrieben stattfänden ! Als ob die Gewerkschaften da nicht allerhand zu tun hätten, wollten sie sich wirklich für die Arbeiter gegen die Rationalisierung stark machen !
Das öffentliche Gejammer über die ausbleibende Vollbeschäftigung und die "unsoziale" Verwendung der Staatsgelder ist der Ersatz für entsprechende Aktivitäten, und als solcher sagt er alles über den Ehrgeiz dieser Sorte von Gewerkschaft aus. Da werden Interessen der Arbeiter nicht durchgesetzt, sondern politisch vertreten, also dazu verwendet, um beim Fortschritt des kapitalistischen Wachstums mitzumischen. Die Kritik eines Loderer an den Investitionshilfen macht ebenso wie die vielfältigen Wortmeldungen des DGB deutlich, daß dieser Haufen sich längst der Aufgabe entledigt hat, gewisse Angriffe auf die von ihm Repräsentierten abzuwehren und ihnen ein etwas leichteres Leben zu erstreiten. Wer das Gelingen des Ganzen ( ob er es nun "Gesellschaft", "Demokratie", "Fortschritt" oder sonstwie nennt) für die Voraussetzung und das Mittel hält, die Arbeitnehmer zufriedenzustellen, und das zu einem Zeitpunkt, da diesen "arbeitenden Menschen" im Betrieb und vom Staat allerhand reingewürgt wird, der faßt seine Aufgabe in der Welt der Politik ganz anders auf, als sich das ein Arbeiter vorstellt, der seinen Beitrag bezahlt und meint, mit seiner Gewerkschaft würde es irgendwie besser. Hier wird die in der Gewerkschaft organisierte Unzufriedenheit der in den Fabriken geschundenen und sonst zur Kasse gebotenen "arbeitenden Menschen" schamlos ausgenutzt für die politische Karriere eines Vereins, der im Staat die zweite Geige spielen will. Wie das geht, haben die westdeutschen Gewerkschaften gerade in ihrer besorgten, aber strammen Haltung zur Rationalisierung und den wüsten Arbeitskämpfen der siebziger Jahre vorgeführt. Diese Leute wissen, wofür die Tarifautonomie gut ist !