"Normalleistung ist die Leistung, die von jedem geeigneten Arbeitnehmer nach Übung und Einarbeitung mindestens erreicht werden kann, ohne die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zu gefährden."
An Klarheit fehlt es dieser Bestimmung aus einem Manteltarifvertrag wahrlich nicht. Man muß nicht Akkordarbeiter sein um zu wissen, daß der für die Normalleistung gezahlte Lohn die beste Garantie dafür ist, daß mehr geleistet wird. Es bedarf auch nicht der Teilnahme an einer Gewerkschaftsschulung über "Humanisierung der Arbeitswelt", um sich vorstellen zu können, welche Konsequenzen die Anstrengungen eines Akkordlöhners auf seine Gesundheit haben. Und der feine Unterschied zwischen Gesundheit und Arbeitsfähigkeit, den die Tarifpartner sich da haben einfallen lassen, ist auch ohne Medizinstudium und die Beratung durch einen Vertrauensarzt der AOK verständlich.
Und auch alle, die sich noch nie einen Tarifvertrag angesehen haben und - mit oder ohne Erfahrungen am Arbeitsplatz - ihre Informationen über die "Arbeitswelt" aus der Zeitung beziehen, dürften über ein Prinzip unserer .modernen Volkswirtschaft keinerlei Zweifel ausgeliefert sein: in der Fabrik von heute kommt es auf nichts so sehr an wie auf die Leistung der Arbeiter, weswegen sehr genau darauf geachtet wird, wieviel sie schaffen für das, was sie an Lohn kriegen. Der großzügigen Verausgabung ihrer Arbeitskraft entspricht die peinlich genaue Kalkulation mit den Kosten, welche ihr Lebensunterhalt vom Standpunkt der Wirtschaft aus darstellt. Lohnerhöhungen, ja selbst die bloße Beibehaltung des Arbeitereinkommens müssen durch gewerkschaftliche Kämpfe und Verhandlungen erstritten werden, während die Leistung mit und ohne technische Veränderungen im Produktionsprozeß ständig gesteigert wird, so sehr, daß diese ziemlich ungemütlichen Fortschritte in der Ruinierung von Arbeitsleuten längst zum allgemein und öffentlich anerkannten Problem geworden sind. Unter dem Titel "Humanisierung der Arbeit" beschäftigen sich sämtliche Instanzen, deren Worte und Taten Gewicht haben, mit den verheerenden Folgen der Lohnarbeit, die niemand mehr Ausbeutung nennen will. Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer und Gewerkschafter haben sich des Menschen im Arbeiter angenommen und beschäftigen sich auf ihre Weise mit den Opfern der Maßnahmen, welche sinnigerweise Rationalisierung heißen. Wenn sich Männer der Wissenschaft mit Politikern sowie Vertretern der Unternehmensverbände und Gewerkschaften treffen, um über "menschengerechte Arbeit" zu verhandeln, einen "Erfahrungsaustausch zwischen Forschung und betrieblicher Praxis" veranstalten, so kommt es - eben wegen des gemeinsamen Anliegens - keineswegs zu häßlichen Szenen. Ein solcher Kongreß hat z.B. auf Einladung des Rationalisierungs-Kuratorium der deutschen Wirtschaft stattgefunden, ohne daß sich der Vertreter der Arbeiter, der Rationalisierungs-Geschädigten also, und die Herren von Staat und Wirtschaft, die Macher, in die Haare gekommen wären. Der Verband für Arbeitsstudien-Refa e.V., dessen segensreiches Wirken ja jedem Akkordlöhner hinreichend bekannt ist, hat sich sogar bereit erklärt, die protokollierten Reden und Diskussionen zu veröffentlichen, so daß jeder interessierte Arbeiter schwarz auf weiß nachprüfen kann, wieviel den an der Humanisierungsdebatte Beteiligten an ihm liegt. Was uns an den nicht nur zu solchen Anlässen geklopften Sprüchen aufgefallen ist, läßt sich leicht zusammenfassen: jeder Arbeiter möge sich vor denen hüten, welche die ..Menschlichkeit" in den heutigen Industriebetrieben zu ihrem Anliegen gemacht haben. Bei diesen Leuten, ganz gleich, ob sie nun im Namen des Bundestages oder des DGB sprechen, handelt es sich nämlich um ausgemachte Liebhaber der Rationalisierung; und wenn sie die Wirkungen auf den Arbeiter betrachten und feststellen, wie teuer den Betroffenen die wirtschaftliche Handhabung des technischen Fortschritts zu stehen kommt, dann bewegt sie nur eine einzige Sorge: ob mit der effektiveren Ausnützung des Arbeiters dessen Brauchbarkeit auch erhalten bleibt.
Sicherlich haben wir uns mit dieser voreiligen Bekanntgabe unseres Ergebnisses den Vorwurf eingehandelt, wir würden es uns zu einfach machen - oder? Dann bleibt uns eben nichts anderes übrig als einmal zu zeigen,. in welch einfacher Weise sich dienjenigen mit den Nöten der Arbeiter beschäftigen, die es so sehr auf ihre Beschäftigung abgesehen haben, daß es ihnen schon wieder unmenschlich vorkommt.
Beginnen wir mit dem Mann der Wissenschaft und seiner Antwort auf die Frage, unter welchen Umständen das Arbeiten nicht mehr human ist - von ihm dürfen wir schließlich die komplizierteste Betrachtungsweise erwarten. Ein Politiker mit viel Gespür fürs Wachstum wird es sich da sicher nicht so schwer machen, und noch einfacher dürfte doch wohl die Stellungnahme eines Unternehmers ausfallen, dem es um sein Geschäft und sonst nichts geht. Die Gewerkschaft sparen wir uns für den Schluß auf.
Wenn sich ein Professor der Arbeitswissenschaft (für die es, wie es sich ge hört, einen griechischen Namen gibt: Ergonomie) zu Wort meldet, erlebt der Arbeitsmann, der nie eine Universität von innen gesehen hat, die erste Enttäuschung. "Einfach" ist gar kein Ausdruck für den armseligen Gedanken, den er sich in Sachen "humane Arbeitswelt" hat einfallen lassen. Er sagt es selbst:
"Mir scheint, daß die Vorstellung, wann eine Arbeit inhuman ist, inzwischen von den Sozialpartnern mit uns gemeinsam geteilt wird, nämlich dann; wenn sie erstens von einem Menschen nicht ausführbar ist. Das ist wahrlich primitiv."
Für primitiv hält dieser Professor von der TU Darmstadt allerdings nicht sein< Unterscheidung zwischen Arbeiten, die "ausführbar" sind und solchen, die kein Mensch bringt. Er weiß genau, daß es bei der Frage nach der Humanität darum geht, den Schaden zu beurteilen, den sich einer einhandelt durch die Übernahme gewisser Tätigkeiten im Produktionsprozeß; und er weiß auch genau, daß so manche Arbeit von einem Menschen ausführbar ist und ausgeführt wird, die seiner Gesundheit alles andere als zuträglich ist. Gar nicht ungeschickt aber bedient er sich der Albernheit, welche sich die moralischen Kritiker der Ausbeutung zuschulden kommen lassen, wenn sie das, wozu nur Menschen fähig sind - ihren Willen dafür zu gebrauchen, andere und sich selbst zugrundezurichten -, als "unmenschlich" bezeichnen. So definiert er kurzerhand ,"inhumane Arbeit" als eine solche, deren kein Mensch fähig ist und fordert jedermann dazu auf, dieser Selbstverständlichkeit gefälligst zuzustimmen: das ist wahrlich primitiv, denn mit dieser wissenschaftlichen Leistung hat er sich die Tatsache vom Halse geschafft, die den Ausgangspunkt der ..Humanisierungsdebatte" bildet. Denn diese dreht sich eben darum, daß Lohnabhängige zu Arbeiten verpflichtet werden, welche Körper und Geist ruinieren, gerade weil diese beruflichen Tätigkeiten nur mit diesen Konsequenzen "ausführbar" sind.
Immerhin hat der gute Mann mit seiner Gleichung human = ausführbar erst einmal klargestellt, daß er an den Arbeiten, die heutzutage in den Fabriken des Kapitals verrichtet werden, nichts auszusetzen hat und sie auf keinen Fall als "inhuman" bezeichnen möchte. Der Herr Professor nimmt es sehr genau mit den Tatsachen, und von diesen geht seine Wissenschaft aus:
"Die Ergonomie geht davon aus, daß eine Arbeit 8 Stunden lang täglich möglich (!) ist, daß diese 8-Stunden-Schicht täglich wiederholt wird und das Arbeitsleben bis zum 65. Lebensjahr gehen kann. Bis dahin sind gesicherte Erkenntnisse der Ergonomie möglich."
Man sieht, wie leicht es einem Gelehrten fällt, von einem Urteil über die Arbeit, die andere aufgrund ihrer Abhängigkeit vom Kapital ein Leben lang leisten müssen. Abstand zu nehmen. Er begnügt sich ganz einfach mit der. Feststellung, was einem Lohnabhängigen abverlangt wird und zieht daraus den messerscharfen Schluß, daß 8 Stunden Arbeit bis zum 65. Lebensjahr möglich sind. Fürwahr, ein Trost für alle, die lebenslanges Arbeiten für die Vermehrung fremden Eigentums nicht nur als Möglichkeit, sondern als Wirklichkeit kennen! Bei alledem ist der wissenschaftliche Beobachter der Arbeit keineswegs unehrlich. Er macht kein Hehl daraus, daß er mit seinem Interesse an der Ausführbarkeit von Arbeiten die eindeutige Frage nach der
"Höchstgrenze der Leistungsfähigkeit"
stellt, insofern die Arbeit "kurzfristig überhaupt ausführbar sein soll"- und gibt zu bedenken, daß täglich 8 Stunden gearbeitet werden soll, und das ein Leben lang:
"Darüber hinaus muß es darum gehen, daß diese Arbeit nicht nur ein einziges Mal möglich ist (wie beim Weitsprung in Mexiko City 8,90m), sondern beliebig oft wiederholt werden kann, wobei die Setzung des 'beliebig oft' sehr wichtig ist."
Kann man im Rahmen einer Diskussion über "humanes" Arbeiten schöner sagen, daß man nur den einen Gesichtspunkt breittreten will: gearbeitet muß werden und das nicht zu knapp. Daran erinnert, daß es bei der Diskussion über die Humanisierung eigentlich darum geht, über die Belastung und Schäden zu sprechen, die dem Arbeiter zugefügt werden, indem man ihm ."beliebig oft" ausführbare Arbeiten ausführen läßt, erklärt er sich als Wissenschaftler kurzerhand für nicht zuständig:
"Aber die Problematik für die Menschengerechtigkeit ist damit sicherlich noch nicht ausgestanden, denn es kann auch das als menschengerecht angesehen werden, was nur von den Betroffenen als solches definiert wird. Dies wäre der Begriff der Zumutbarkeit..."
Diese Auskunft seitens eines Wissenschaftlers erfüllt wahrlich den Tatbestand der Unverschämtheit; ausgerechnet ein Ergonom, einer von jenen Leuten, die für die Ausnützung noch der kleinsten Bewegung und der letzten Zehntelsekunde Rezepte liefern, die mit Stoppuhr und Bleistift auf die letzten "Leistungsreserven" Jagd machen - ausgerechnet dieser Mann behauptet, nichts Objektives könne man in bezug auf "erträgliche Arbeitsbedingungen" nicht sagen. Er verweist auf die "Ansicht" der Betroffenen, so als sei die Ruinierung von Lohnabhängigen eine Sache der Definition, die jedermann nach seinem höchstpersönlichen Geschmack vornimmt. Einer, der mit nichts anderem befaßt ist als mit Methoden der Leistungssteigerung, weigert sich ganz unschuldig, die verheerende Wirkung der Industriearbeit als etwas Objektives anzuerkennen. So verwandelt man Tatsachen in Ansichtssachen! Heuchlerisch präsentiert er seinen "Begriff der Zumutbarkeit",
"der leider Gottes nicht impliziert, daß damit erträgliche Arbeitsbedingungen von vorneherein verwirklicht werden können."-
und gesteht in einem Atemzug ein, daß er weiß, worum es geht und seinen Ehrgeiz bei der Schaffung ,, erträglicher Arbeitsbedingungen" auch weiterhin bremsen möchte: er bezweifelt nämlich ohne die Spur eines Arguments die Möglichkeit einer für den Arbeiter vorteilhaften Gestaltung des Arbeitsplatzes, weil ihm aufgefallen ist, daß ein "Begriff der Zumutbarkeit" keinen einzigen Handgriff in einer Fabrik gemütlicher macht und dies vor allem nicht "von vorneherein". Von vorneherein steht eben nur fest, daß die Ausführbarkeit von Arbeit eine Sache ist, die mit ihr verbundenen Zumutungen aber eine andere. Letztere fallen ganz in das Gebiet persönlicher Beurteilung, was der Herr Professor noch einmal bekräftigt;
"Und schließlich ist als letzte Ebene die der individuellen Zufriedenheit zu nennen."
Woraufhin ihm sogleich ein Kollege zuhilfe kam und in ebenso gelehrter Manier seinen Befund zur Kenntnis gab, daß auch er mit so schwierigen Dingen wie "Erträglichkeit" und "Zufriedenheit" nichts Rechtes anfangen könne:
"... diese Begriffe sind noch gar nicht so ohne weiteres klar. Was ist Zufriedenheit? Was ist Erträglichkeit? Was ist Zumutbarkeit? Das ist recht schwierig."
Sollte er wirklich noch nichts von Berufskrankheiten, Frühinvalidität, bescheidener Alters"erwartung" bei Arbeitern und Unfallziffern gehört haben? Oder ist er darüber, daß er in einer Universität und nicht in der Fabrik sein Geld verdient, so zufrieden, daß er sich gar nicht mehr vorstellen kann, welche Zumutungen der Rest der Menschheit ertragen muß?
Nicht ganz so einfach wie die Wissenschaftler machen es sich die Politiker, wenn sie wie auf dem erwähnten Kongreß oder um den l. Mai herum ihre Sprüche sortieren, mit denen sie ihre Arbeiterfreundlichkeit unter Beweis stellen wollen. So verständlich dieses Bemühen ist - immerhin möchten Staatsmänner bei ihrem Stimmvieh den Eindruck erwecken, daß sie nichts gegen und alles in ihrer Kraft Stehende für die arbeitende Bevölkerung unternehmen -, so erstaunlich ist andererseits die Offenheit, mit der sie ihrem Publikum im Namen einer humanen Arbeitsplatzgestaltung die Rechnung aufmachen. Als wäre er ein Manager, profiliert sich z.B. Minister Matthöfer mit folgender Kalkulation:
,,Selbst dort, wo Arbeitsplatzverbesserungen mit Kostenaufwand verbunden sind, erhöht menschengerechte Arbeitsgestaltung längerfristig die Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer."
Dieser Mann hat mitbekommen, daß die Verminderung der Lasten, die ein Arbeiter im Betrieb auf sich nehmen muß, eine Frage der Kosten ist, welche er denen verursacht, die ihn anwenden. Gegen diese Kalkulation mit den Knochen der Proleten hat er allerdings überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil: sie liefert ihm das Argument für die Berücksichtigung des Menschen, den er im Arbeiter entdeckt. Schließlich schränken seiner Meinung nach die "inhumanen" Zustände in den Fabriken den Leistungswillen und die Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer ein, so daß aus ihnen nicht all das herausgeholt wird, was herausgeholt werden könnte. Auch eine Art, den Arbeitern mitzuteilen, unter welchen Bedingungen sie sich der Wertschätzung ihrer Politiker erfreuen - eben weil und solange sie es nicht an Leistung fehlen lassen! Und wenn ein Minister ausgerechnet im Zusammenhang mit der "Humanisierung" diese seine Einstellung zum besten gibt, also heraushängen läßt, daß ihn die Gestaltung von Arbeitsplätzen als Mittel der Leistungssteigerung interessiert, so präsentiert er sich als Menschenfreund durch die Gleichung, die jene des Arbeitswissenschaftlers (human = ausführbar) weit in den Schatten stellt: für ihn ist die ..menschengerechte" Arbeitsplatzgestaltung gleichbedeutend mit der Beseitigung von Leistungsschranken, auf die hinzuweisen er sich gerade gegenüber den Unternehmern gestattet:
"Die in vielen Betrieben nach wie vor angewandte Art einer betriebswirtschaftlichen Milchmädchenrechnung, die sogar quantifizierbare Einflüsse wie Fluktuation und Absentismus unberücksichtigt läßt, stellt für eine vernünftige Entwicklung trotzdem noch ein bedeutendes Hindernis dar."
Diese Werbung für Humanisierungsmaßnahmen leistet sich die Lüge, daß nicht der Zwang zur Leistung das Arbeiten im Dienste des Kapitals so ungemütlich macht, sondern eine fehlerhafte, ja dumme Rechnung der Unternehmer. Wobei der Herr Minister ganz offen zugibt, daß er für angenehmeres Arbeiten eben nur insofern etwas übrig hat, als es dem gesteigerten Einsatz des Arbeitsmannes förderlich ist. Er geht sogar so weit bei seiner Sehnsucht nach einem Arbeiter, der voll und ganz im Betriebszweck aufgeht, daß er den Schaden beklagt, den die Wirtschaft davonträgt, wenn sie die Energie des Proleten nicht ausnahmslos für sich in Anspruch nimmt:
"Wer seinen ursprünglichen Antrieb, eigene und gemeinsame Werke nach eigenen Vorstellungen und in eigener Initiative zu gestalten und seine originäre Leistungskraft zu erproben, in der Arbeitswelt nicht einmal ansatzweise verwirklichen kann, der wird sich von ihr abwenden, sein Engagement und seine Energie in Hobbys oder Nebentätigkeiten investieren."
Es lohnt sich also durchaus, bei den Reden von Politikern genau hinzuhören. Entgegen einem auch unter Gewerkschaftern verbreiteten Gerücht wird da nämlich nichts verschleiert oder vergessen, sondern klipp und klar ausgesprochen, wonach einem Staatsmann der Sinn steht. Das Ideal, das da in so großen Tönen als "ursprünglicher Antrieb" ausgepinselt wird - eigenes und gemeinsames Werk, eigene Initiative - blamiert sich ja nicht erst vor der Realität moderner Fließbandproduktion und dem brutalen Akkordalltag. Es ist nichts anderes als die geschwätzige Umschreibung des Wunsches, ein Arbeiter solle seinen Einsatz nicht nur für das traurige Mittel seiner Existenz halten, sondern für die Verwirklichung seiner tiefsten menschlichen Regungen. Denn daß die Industrieproduktion der Bundesrepublik der Arbeiter "eigenes" und "gemeinsames" Werk ist, wird wohl auch ein Matthöfer nicht bestreiten - so wenig ein Prolet auf den Gedanken verfällt, die Akkordrichtsätze und die Einführung neuer Maschinen würden der ..Erprobung" seiner ..originären Leistungskraft" im Wege stehen!- Seine "Initiative" ist da durchaus gefragt, was er auch nach Feierabend am Verschleiß seiner Knochen und Nerven bemerkt - weshalb sich die Hobbys und Nebentätigkeiten im Unterschied zu Politikern bei Arbeitern einigermaßen in Grenzen halten.
Was die Politiker so gekonnt beherrschen, wenn sie in eindeutiger Absicht, mit unverhohlenem Schielen auf den Wähler im Arbeiter, den Menschen und seine Würde bequatschen, ist die Ausführung eines einzigen traurigen Gedankens, mit dem sie sich - und das ist das Traurige - völlig in Übereinstimmung mit der kapitalistischen Wirklichkeit befinden: bei den "arbeitenden Menschen" kommt es eben vor allem darauf an, daß sie arbeiten -
"Als rohstoffarmes Land lebt die Bundesrepublik" (hoch soll sie leben!) ..von der Nutzung anderer aber nicht weniger wertvoller Ressourcen: Erfahrung, Geschicklichkeit, Kreativität, Engagement, Organisationstalent, Qualifikation, Intelligenz und Fleiß der hier arbeitenden Menschen".
Wie diese Menschen von und mit ihrem Einsatz leben, auf den ihnen der Herr Minister sicher stolz zu sein empfiehlt, was sie also davon haben, befindet der deutsche Staatsmann gar nicht erst für erwähnenswert. Des arbeitenden Menschen höchstes Gut - dies ist eine ausgemachte Sache - ist nicht seine Gesundheit, sein Geldbeutel oder was, nein - seine Arbeitskraft, und an der soll kein "Raubbau" betrieben werden:
"Nur durch sorgsame Pflege und Weiterentwicklung dieser unserer wichtigsten Produktivkraft haben wir eine Chance im internationalen Wettbewerb - ein Raubbau an der physischen und psychischen Arbeitskraft unserer Menschen wäre verhängnisvoll."
Trotz und wegen dieser staatsmännischen Sorge um die rechte Dosierung beim Verschleiß der nationalen Arbeitskraft scheint es ein bißchen Raubbau immer noch zu geben. Der Herr Minister räumt ein:
"Auf vielen Gebieten klaffen noch Lücken zwischen dem, was wir für erträglich halten und dem Zustand, den Arbeitnehmer Tag für Tag ertragen müssen ... Eine Verminderung der physischen Belastung wird nicht selten mit einem Mehr an Arbeitstempo, Monotonie und nervlicher Überanspruchung erkauft."
Dies ist auch gar nicht verwunderlich! Schließlich ist zumindest vom Interesse des Politikers her die Schonung des Menschen ja ausdrücklich nur für den Fall vorgesehen, wenn sie der gedeihliche" Nutzen der Produktivkraft Arbeit zur Durchsetzung im internationalen Wettbewerb dient. Und da ein Arbeiter am wirtschaftlichsten eingesetzt wird, indem man ihn bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit und auch ein bißchen darüber hinaus schaffen läßt, klaffen eben auch die vom Minister erwähnten Lücken zwischen dem, "was wir für erträglich halten," und dem, was Arbeiter ertragen müssen. Zum Beweis seiner rührenden Fürsorge um dte geschundenen Arbeitsleute erzählt er mit dem Unterton des Bedauerns von einer Erleichterung der Mühsal in den Fabriken ("Verminderung der physischen Belastung"), die er beobachtet haben will und an der er dann das kleine Bedenken anmeldet, daß sie überhaupt nicht zustandekommt: eine Erleichterung der Arbeit, die mit "Arbeitstempo" und "nervlicher Überbelastung" erkauft wird, ist nämlich keine. Immerhin leistet er mit seiner Geschichte von physischer Entlastung und nervlicher Überbelastung einen Beitrag zur Ideologie, daß die technischen Veränderungen im modernen Produktionsprozeß irgendwie doch für die Arbeiter und ihr angenehmes Leben durchgeführt werden; wenn die geplante Erleichterung dann doch nicht stattfindet, so aufgrund widriger Umstände, die er als Staatsmann am allerwenigsten zu verantworten hat. Er belegt seine Unschuld denn auch prompt mit den überaus menschenfreundlichen Gesetzen, die er und seinesgleichen für die Arbeitnehmer in der Bundesrepublik erlassen haben:
"Wir haben heute einen Rahmen von Arbeitsschutz- und Arbeitsrechtsvorschriften, der - so vervollkommnungsfähig und verbesserungsbedürftig er noch ist - in der Welt doch seinesgleichen sucht. Unternehmen und Arbeitgeber haben diesen Rahmen akzeptiert und mitgestaltet und tragen auf diese Weise mit zum sozialen Frieden in der Bundesrepublik bei."
Der Herr Minister gehört wie alle Politiker zu den Leuten, die sich immer dann bescheiden auf die Brust klopfen und versprechen, künftig noch alles besser zu machen, wenn sie sich ein kräftiges Lob aussprechen wollen. "Zwar" sind die geltenden Gesetze noch "verbesserungsbedürftig", "aber" im Vergleich mit Hinterindien läßt sich gar nichts gegen sie einwenden. Es lebe der Fortschritt und die tapferen Männer in Regierung und Parlament, die ihr Herzblut dafür opfern, daß es den Arbeitern gut geht! Im Vertrauen darauf, daß niemand den Skandal bemerkt, den er ausspricht, erwähnt er auch noch das Betriebsverfassungsgesetz. Ihm kommt es offenbar überhaupt nicht komisch vor, daß von Staats wegen Schutzvorschriften für die Arbeiter erlassen werden müssen, um das willkürliche Umspringen mit Leib und Leben, das zum Betriebsalltag gehört, wenigstens an einigen Punkten einzudämmen. Er ist sich auch nicht zu schade, das Betriebsverfassungsgesetz als eine brauchbare Sache für die Arbeitnehmer anzupreisen und die künftigen "Erleichterungen" der Arbeitswissenschaft zu überantworten:
"Das Betriebsverfassungsgesetz stellt mit seinem Vertrauen auf die Fortentwicklung der arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse eine Herausforderung an Forschung und Wissenschaft dar."
Auf der einen Seite ist der Schutz, den der Staat so großzügig denen gewährt, die wegen ihrer Abhängigkeit vom Unternehmen allerlei auf sich nehmen müssen, noch keineswegs gewährleistet. Der Staat, der sonst gar nicht zimperlich mit Verstößen gegen seine Gesetze umgeht, hat ausgerechnet im Betriebsverfassungsgesetz festgeschrieben, daß er in der Arbeitswelt so kleinlich nicht sein will, und im Betriebsrat eine Arbeitnehmervertretung eingerichtet, die erst noch "darüber zu wachen " hat,
"daß die zugunsten der Arbeitnehmer geltenden Gesetze, Verordnungen, Unfallverhütungsvorschriften, Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen durchgeführt werden." (§ 80)
Was aber keineswegs heißt, daß die Arbeiter mit ihrem Betriebsrat einen Unternehmer wegen seiner üblichen Verstöße zur Rechenschaft ziehen können. Da sind die entsprechenden Einigungs-, Beschwerde- und anderen Stellen vorgesehen, wenn sich ein Betriebsrat wirklich einmal im Recht befindet und darauf besteht, daß eine Sauerei unterbleibt; ganz abgesehen davon, daß er im Konfliktfall über keinerlei Druckmittel verfügt. und die Verpflichtung auf den Betriebsfrieden sowie auf das Betriebswohl - wie jeder Arbeiter weiß - garantiert, daß für die Arbeiter nichts herausspringt.
Auf der anderen Seite sind in diesem Gesetz Arbeitgeber und Betriebsrat gehalten,
"die gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse über die menschengerechte Gestaltung der Arbeit zu berücksichtigen."
- was den Minister dazu gebracht hat, das Betriebsverfassungsgesetz als eine "Herausforderung" an die Arbeitswissenschaft zu bezeichnen. Angesichts dessen, wie diese Pseudowissenschaft mit ihrer Herausforderung fertig wird, können wir recht gut verstehen, weshalb Unternehmer dieses Gesetz akzeptiert haben: es trägt eben wirklich nur zu einem bei, zum "sozialen Frieden" in der Bundesrepublik, den die Arbeiter mit ihrem Betriebsrat einhalten müssen und die Unternehmer gar nicht brechen können. Sie wissen nämlich, wozu sie die Zeit zwischen den Tarifrunden benützen: da finden mit und ohne technische Neuerungen allerlei Veränderungen in der Gestaltung der Arbeitsplätze statt, was sie noch jedesmal dazu berechtigt, das Lohn-Leistungsverhältnis mit Hilfe von arbeitswissenschaftlich gebildeten Refa-Leuten neu festzusetzen. Und wenn sie gar die Arbeitsschutzbestimmungen um Sicherheitswettbewerbe ergänzen, also Prämien dafür zahlen, daß Unfälle vermieden werden, zeigen sie, wie genau sie die Arbeitsbedingungen kennen, die sie ihren lieben Mitarbeitern zumuten. Während sie nie auf den Gedanken kämen, durch großzügige Entlohnung die Arbeitshetze zu mindern und den Arbeitsablauf ungefährlich zu machen (also die Gründe für Unfälle und gesundheitsschädliche Arbeiten zu beseitigen), fällt ihnen die Rentabilität solcher Zusatzveranstaltungen ohne weiteres ein, wenn der Schaden sich nicht nur auf die Arbeiter, sondern auch auf ihre Kalkulation erstreckt. Doch lassen wir einen Vertreter der Arbeitgeberverbände selbst in Sachen Humanisierung & Rationalisierung zu Wort kommen.
Ein Vertreter der Unternehmer, der auf einen Kongreß über menschengerechte Arbeit marschiert, ist sich natürlich darüber im Klaren, wie es dort zugeht. Einerseits handelt es sich nicht um eine kapitalistenfeindliche Veranstaltung, auf der Kampfmaßnahmen gegen seinen Umgang mit den von ihm gekauften Arbeitskräften diskutiert und beschlossen werden - da hätte er sicher keine Einladung bekommen. Andererseits wird auch der Verdacht zur Sprache kommen, daß seine Entscheidungen als Eigentümer der Produktionsstätten dafür verantwortlich seien, daß es in den Fabriken mit der "Menschenwürde" nicht so weit her ist. Auf die zu erwartenden Angriffe richtet er sich deswegen ebenso ein wie auf das Verständnis, das seinen rein wirtschaftlichen Überlegungen entgegengebracht wird. Er geht also in die Offensive, wenn man ihn um seine Meinung in Sachen "Humanisierung" bittet. Ohne lange zu fackeln, bestreitet er den Nutzen einer theoretischen Erörterung (in der könnte sich ja tatsächlich herausstellen, aus welchem Grund es so ungemütlich ist, das Arbeiten in seinem Betrieb!), und predigt den praktischen Standpunkt - und das ist der des Betriebs. Er redet also gleich über das Verhältnis von "Humanisierung" und "Rentabilität":
"Auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit gewinnt in der Praxis ein anderes Gewicht als in noch so gutgemeinten theoretischen Erörterungen. In die schlicht-faszinierende Form der Alternative gekleidet, nach dem Prinzip: .bist du für Menschlichkeit oder lieber für mehr Rentabilität?' kann sie bestenfalls Glaubensbekenntnisse provozieren, trägt aber nicht zur Lösung irgendeines praktisch anstehenden Problems bei ..."
Das sitzt! Ohne die Lösungen seiner praktischen Probleme hat er für die Humanisierungsdebatte schon gleich gar nichts übrig. Und alle die, welche meinen, gegen praktische Maßnahmen gäbe es ja nichts einzuwenden, belehrt er sicherheitshalber gleich eines besseren. Er denkt nicht an die Praxis, die sich manche unter ,,Humanisierung des Arbeitsplatzes" vorstellen, sondern an die betriebliche Praxis, die sich zuallererst durch Rentabilität auszeichnet:
"In der Realität stehen sich .Humanisierung' und ,Rentabilität' nie als entweder/oder gegenüber, sondern als zwei miteinander verknüpfte Ziele, die in Einklang gebracht werden müssen, wobei sie - das wissen wir heute - oftmals nicht einmal konkurrieren. "
Die dicke Lüge, die da mancher vermutet, wenn ein Kapitalist daherkommt und behauptet, die Rentabilität seines Betriebes stünde der "Humanisierung" überhaupt nicht im Wege, liegt nicht vor. Der Mann der Wirtschaft führt sogleich an einem Beispiel aus, daß bei seiner Betrachtungsweise eine solide ,,Humanisierung" geradezu ein Erfordernis des an seinen Gewinn denkenden Arbeitgebers darstellt:
"Vielfach führen bessere Arbeitsbedingungen gleichzeitig zu Leistungssteigerungen. Dies kann jedenfalls kein Nachteil sein."
Natürlich ist es für den Betrieb nicht von Nachteil, wenn die verbesserten "Arbeitsbedingungen" zu einer Leistungssteigerung führen - der Witz daran ist bloß, daß es sich dann auf keinen Fall um eine Verbesserung für die Arbeiter handelt! Denn wenn sie mehr leisten, dann verausgaben sie sich mehr und es kann ihnen keine allzu große Freude machen, wenn die gesteigerten Ansprüche an ihre Nerven und Knochen mit Hilfe einer blitzeblanken neuen Maschine durchgesetzt werden. Und für alle, die die von Unternehmern geforderte friedliche Koexistenz zwischen Rationalisierung und Humanisierung bezweifeln, erläutert der Anwalt der Praxis,
"daß Initiativen zu Veränderungen von Arbeitsstrukturen vom Management ausgegangen sind. Ausgangspunkt waren dabei in der Tat in vielen Fällen auch Wirtschaftlichkeitsüberlegungen."
Ist so die schwerwiegende moralische Frage der "Humanisierung" endgültig ihrer Klärung zugeführt - es geht um wirtschaftliche "Veränderungen von Arbeitsstrukturen", also um das, was Unternehmer seit Jahr und Tag verordnen und dessen ungemütliche Folgen für die Arbeiter gerade in der Humanisierungsdebatte zur Sprache kommen -, so kann der Arbeitgebersprecher endgültig zur offensiven Belehrung darüber schreiten, worauf es heute und morgen und immerdar ankommt:
"Insofern wäre jedes Bemühen um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, das ohne Beachtung seiner wirtschaftlichen Konsequenzen begründet würde, 'unglaubwürdig und realitätsfremd. "
So wenig er einen Gegensatz zwischen der Veränderung von Arbeitsstrukturen-und "Rentabilitätsorientierung" entdecken mag, so klar ist ihm andererseits, daß "Verbesserung der Arbeitsbedingungen", die ausnahmslos wegen der Berücksichtigung der Arbeiter und nicht zur Steigerung des Gewinns vorgenommen werden, den von ihm gewünschten "wirtschaftlichen Konsequenzen" durchaus widersprechen. Und wie es sich für einen gehört, der vom Gewinn lebt, für die er andere arbeiten läßt, gibt er zu bedenken, daß er außer dem Streben nach Gewinn auch noch höhere Regungen kennt, die sich mit diesem Streben gut vertragen, aber sich einer vernünftigen Erklärung entziehen:
"Unternehmenspolitik ist ein ungleich komplizierterer Prozeß der Abstimmung unterschiedlicher Kräfte und Faktoren, die auch in ihrer Motivation nicht allein aus dem Streben nach Gewinn erklärbar ist. Hier spielen im Einzelfall neben den wirtschaftlichen auch nicht beweisbare soziale, ethische, religiöse und andere Triebkräfte eine wichtige Rolle."
Schamlos verkündet er den Teilnehmern der Humanisierungs-Diskussion, daß er nicht nur auf Gewinn aus ist, sondern sich auch noch ein gutes Gewissen bei seinem Geschäft zugelegt hat: er handelt verantwortlich, läßt sich von lauter edlen Triebkräften treiben, ist sozial, ethisch, glaubt an den Herrn Jesus - und hat wohl deswegen herausgefunden, wo die "künftigen Schwerpunkte" einer Humanisierungspolitik zu liegen haben:
"Auch ein anforderungs- und leistungsgerechtes Entgelt ist Bestandteil einer humanen Arbeitswelt. Eine systematische Leistungsbeurteilung, die ein offenes Gespräch mit dem Betroffenen einschließt, kann dazu beitragen, daß das betriebliche Entgeltsystem als gerecht empfunden wird. Eine solche nach Leistungsgesichtspunkten differenzierende Gerechtigkeit trägt entscheidend zur Arbeitszufriedenheit bei, nicht aber eine falsche Nivellierung und Gleichmacherei, die das Leistungsprinzip letztlich aushöhlt."
Ganz in Fortführung seiner Gedankenblitze über das Verhältnis von Wirtschaftlichkeit und Humanität bietet sich dieser Kenner des betrieblichen Rechnungswesens freundlich an: auch hier nimmt er kein Blatt vor den Mund, sondern sagt frei heraus, daß für ihn die Arbeitswelt human aussieht, wenn die Entlohnung als gerecht empfunden wird. Differenzierende Gerechtigkeit erscheint ihm, offenbar als ein passables Verfahren, das Los seiner Arbeiter zu erleichtern, wobei er hier seine Absicht, die Steigerung der Leistung mit Hilfe seiner vergleichenden Gerechtigkeit, als das Selbstverständlichste von der Welt verkündet. Er ist sogar noch so ehrlich, den Effekt seiner Leistungsbeurteilung nicht zu hoch zu veranschlagen - er weiß, daß die Erleichterung, die er den Proleten verschafft, auf ihre Einstellung zur Arbeit beschränkt bleibt. Und für den Fall, daß sein gerechtes und leistungsförderndes Umspringen mit dem Personal das angestrebte Wohlbefinden nicht herbeiführt, hat ein Unternehmer nicht nur Verständnis, sondern auch Rat und Trost zu bieten. Einmal wirft er sich in die Pose des Ohnmächtigen und sinniert darüber nach,
"daß die Lebensprobleme des modernen Menschen nicht allein in der Arbeitswelt gelöst werden können",
verweist also ganz bescheiden darauf, daß er nur für die Schaffung von "Lebensproblemen" zuständig ist, die Bewältigung derselben aber den Geschädigten und Vater Staat obliegt. Dann fällt ihm auch noch ein, daß die Staatsgewalt, die außerhalb der Fabrik darüber wacht, daß die Proleten mit ihrem Kram selber fertig werden, für, die korrekte Abwicklung der Unzufriedenheit im Betrieb schon gesorgt hat - er erinnert an den Betriebsrat und die mit ihm gegebenen Möglichkeiten einer herrlichen Kooperation:
"Das Betriebsverfassungsgesetz räumt den Arbeitnehmern und ihren Betriebsräten funktional abgestufte Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte im Betrieb ein. Die Betriebe sollten die hier gegebenen Möglichkeiten der Kooperation konstruktiv nutzen und damit einen sicherlich entscheidenden Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt leisten."
Die einvernehmliche Ausgestaltung der betrieblichen Notwendigkeiten, bei der sich der Betriebsrat für die Wahrung seiner Rechte starkmachen darf . und die nächsten Sonderschichten vereinbart, bisweilen auch einen Sozialplan aushandelt und am Jahresende "Frohes Fest" wünscht - diesen Zirkus, in dem sich ein Arbeiter schon verdächtig macht, wenn er mit einer Beschwerde zum Betriebsrat rennt, verkauft der Industriellen-Boß als Beitrag zur Humanisierung. Mit der Einrichtung des Betriebsrats sind die Arbeitnehmer schließlich höchstoffiziell anerkannt, mitsamt ihren Rechten, so daß ihrer Pflichterfüllung gemäß Tariflohn und Arbeitsplatzbewertung nichts mehr im Wege steht.
Das einzige, was in diesem Zusammenhang von einem Unternehmer noch zu verlangen ist: ein kurzes Bekenntnis zur freien Marktwirtschaft, die allein für die Arbeiter erfunden worden ist, läßt da nicht lange auf sich warten.
"Die auf Privateigentum gegründete Marktwirtschaft hielt und hält dafür große Chancen bereit; der einzelne in der Arbeitswelt ist darin gut aufgehoben. Die Unternehmer werden dafür wirken, daß es so bleibt!"
Richtig betrachtet wird aus jeder Zumutung an die Lohnarbeiter eine große Chance für den einzelnen, die er gefälligst gescheit nutzen soll. Und mit dieser Betrachtungsweise hat der Sprecher des Kapitals den Einstieg der letzten Partei bestens vorbereitet. Als wäre das ganze Jahr der l. Mai, wo es um die Feier der Arbeit geht, ergreift der Mann vom DGB das Wort, um seine Auffassung von humaner und rationalisierter Ausbeutung darzulegen.
Ein .Mitglied des DGB-Bundesvorstandes entdeckt in den eindeutigen Stellungnahmen von Staat und Kapital keineswegs Unverschämtheiten, sondern einen Standpunkt, dem er seine Zustimmung nicht versagen kann. Es ist kein Akt berechnender Höflichkeit, wenn sich der Gewerkschaftsmensch nach allen Seiten hin bedankt für die Beiträge, in denen die Redner frank und frei erklärt hatten, daß und wie sie den "Fortschritt" zum Wohle des Ganzen betreiben. Angesichts der offenen Worte über die Art und Weise, wie die Arbeiter von der Wirtschaft hergenommen werden, bekundet der Mann vom DGB sein ehrliches Einverständnis mit dem ersten Glaubensartikel der freien Marktwirtschaft, der auf der Humanisierungsveranstaltung immer wieder breitgetreten wurde - daß der "arbeitende Mensch" eben zum Arbeiten da ist und zu sonst nichts. Er beginnt mit einem Lob der Arbeit:
"Arbeit gehört zum zentralen Kern des gesamten menschlichen Lebens. Auch von hier aus erlebt der Arbeitnehmer, d.h. der Arbeiter, der Angestellte und der Beamte seinen Selbstwert. Er erfährt seine persönliche und soziale Selbstachtung, er lebt von der Arbeit."
Wo seine Diskussionspartner über nichts anderes laut nachdachten als über die Brauchbarkeit des Arbeiters, über seine bestmögliche Ausnutzung, geht der Gewerkschafter mit der Lüge hausieren, daß niemand mehr von der Arbeit habe als eben der Arbeiter. Wo die Wortführer der Ausbeutung aussprechen, daß es nur auf die Leistung und die Billigkeit der Proleten ankommt, setzt der Arbeitnehmervertreter die Lüge in die Welt, die Arbeit sei das Mittel derer, die arbeiten - sie befördere sein seelisches Gleichgewicht, trage zu seiner Zufriedenheit nicht nur bei, sondern sei geradezu ihre Quelle. Der Gewerkschafter zieht es vor, von der Arbeit, von der seine Mitglieder leben müssen, durch die sie körperlich und seelisch ruiniert werden, gar nicht erst zu reden. Er äußert sich über "die Arbeit" schlechthin, und über die erfindet er die rührseligen Geschichten vom Selbstwert, den der Mensch aus ihr bezieht. Er sieht einfach davon ab, was die Lohnarbeit ist, zu der ein Arbeiter täglich antreten muß, vergißt erst einmal den kleinen Unterschied zwischen einer Arbeit, von der man leben kann und einer, von der man leben muß mit allen ihren Zumutungen, um sein Gemälde vom großartigen Erlebnis Arbeit an den Mann zu bringen. Das tut der Hänger vom DGB freilich nicht, weil er sich unter Wissenschaftlern befindet und meint, mit philosophischen Sprüchen seine Selbstachtung sichern zu müssen. Er hat eine Anklage vorbereitet an die Welt der Arbeit, wie sie wirklich ist, und will den Anwesenden klar machen, daß die heutigen Bedingungen all das Schöne, was in der Arbeit "eigentlich" steckt, nicht recht zur Entfaltung kommen lassen. Wenn der Sprecher der Arbeitnehmer die Wirklichkeit mit seiner Erfindung konfrontiert, stellt er Schlimmes fest -
"... unbarmherziges Arbeitstempo und ein unerbittlich zugeteiltes Arbeitspensum, ...eine erschreckend hohe Zahl an Frühinvaliden und arbeitsbedingt Erkrankten, ...aufgelöste Arbeitsplätze, Stammbelegschaften schrumpfen und der verbleibende Rest der Beschäftigten hat nachweisbar eine höhere Belastung zu ertragen..."
- und all das paßt nicht zu seinem Bild vom hohen Wert der Arbeit. Darauf freilich hat er es abgesehen, weil er nun der Welt vorrechnen kann, daß alles ganz anders sein müßte und könnte, wenn man bei der Gestaltung der Arbeit auf den DGB hören würde. Sein Ideal ,,menschenwürdiger" Arbeit erspart ihm die Kritik an Kapital und Staat - stattdessen kann er eine Auseinandersetzung darüber anzetteln, wie man es besser machen könnte. Statt ein Gegner der Herren Unternehmer zu werden, die für möglichst wenig Lohnkosten viel Leistung aus ihren Belegschaften herauspressen, die deswegen rationalisieren, auf schlechtere Arbeitsplätze umsetzen und entlassen, die tagtäglich mit Menschen ebenso wie mit Material und Maschiner kalkulieren und dabei mit ersteren verschwenderischer umgehen als mit den übrigen Produktionsmitteln, tut er so, als müßte das alles gar nicht sein, und empfiehlt einen "vernünftigen" Umgang mit den Arbeitern:
"Der DGB hat sich noch nie einer vernünftigen Rationalisierung entgegengestellt. Wir sind keine Maschinenstürmer, das haben wir oft genug gesagt und auch bewiesen. Aber, ...wir sollten die Rationalisierung auch nicht als heilige Kuh betrachten und hinnehmen als Tabu, als etwas, über das nicht geredet werden darf, weil es eben heilig ist. Wir sollten vielmehr prüfen, ob es nicht um einen Rationalisierungswildwuchs geht, der einer Sicherung der Arbeitsplätze im Wege steht und dabei prüfen, ob der damit verbundene Belastungsanstieg nicht zu vermeiden ist. Ist dem so, haben wir einen Rationalisierungswildwuchs, dann erhöht dieser wildwuchsartige Prozeß der Rationalisierung und der Intensivierung auch die Gefahr (??) der Arbeitslosigkeit."
Der gute Mann läßt es sich tatsächlich nicht nehmen, über die Rationalisierung zu reden - und zwar in einer Weise, die den Verdacht, er sei ein Gegner dieses Unternehmens, ganz energisch bestreitet. Er will nicht nur herausbekommen haben, daß Rationalisierung ,,an sich" - also wenn man davon absieht, wie sie geht - gar nichts Übles sei; er hat auch entdeckt, daß die beklagenswerten Folgen lediglich dem "Wildwuchs" entspringen, und dem möchte er Einhalt gebieten. Mit dem Spruch, der DGB hätte mit Maschinenstürmerei nichts im Sinne, will er nämlich nicht sein Wissen zu Protokoll geben, daß die ganze Sache keine Frage von technischen Neuerungen ist - er gibt der wirtschaftlichen Verwendung von EDV-Anlagen, Mikroprozessoren und NC-Maschinen seinen Segen. Die alberne Beteuerung, man würde nicht zur Zerstörung der modernen Maschinen schreiten, hat mit der Überlegung, was sich Richtiges tun lasse zur Abwehr von "Belastungsanstieg" und Arbeitsplatzverlust, eben überhaupt nichts zu schaffen. Wie sonst käme einer darauf, die eindeutigen Wirkungen der Rationalisierung auf das Konto "Entgleisungen" der Unternehmer, unter die Rubrik "Wildwuchs" zu buchen? Wie sonst könnte sich einer die ihm bekannten Tatsachen zu einer Frage zurechtlügen, die er stellen will, und so tun, als wüßte er über die Antwort so recht noch nicht bescheid! Die Arbeitslosigkeit, die Herr Stingl vom Bundesarbeitsmarktamt jede Woche sechzig mal in Prozenten bekanntgibt, hält dieser Gewerkschafter für eine "Gefahr"!
Kurz: diese Sorte von gewerkschaftlichem Mut, aus der Rationalisierung "kein Tabu" werden zu lassen (für die Unternehmer ist es sicherlich nie eines gewesen), ist ein einziges Angebot; der DGB stellt sich mit seiner ordnenden Vernunft, die er bei den Unternehmern so vermißt, zur Verfügung, um gemeinsam - am besten in den vorgeschlagenen "Innovationsberatungsstellen" mit den Urhebern und Nutznießern der Rationalisierung den Wildwuchs unter Kontrolle zu kriegen. Mit der Vorstellung einer Rationalisierung ohne Gefahr (!) von Intensivierung, Einsparung von Arbeitsplätzen, Umsetzungen (Abgruppierungen) etc. setzen die Gewerkschaftsvertreter die Lüge in die Welt, daß die wohlkalkulierten Maßnahmen von Kapitalisten den Schaden für den Arbeitsmann gar nicht unbedingt nach sich ziehen müßten. Die Rationalisierung erscheint diesen Leuten tatsächlich als die Einführung "neuer Techniken", und ihre Folgen sind durch Fehlentscheidungen verursacht - so daß sich Tausende von ausgebildeten REFA-Leuten mit dem verblüffenden Vorwurf konfrontiert sehen, sie würden von ihrem Geschäft nichts verstehen.
So zehrt noch jede gewerkschaftliche Entschließung der letzten Jahre von der Verrücktheit, anläßlich gesteigerter Arbeitshetze, Abgruppierungen und Entlassungen durch Rationalisierungsmaßnahmen in eine Lobeshymne auf die Rationalisierung auszubrechen. Der letzte Gewerkschaftstag der IG Metall erkannte über die Gleichung Rationalisierung = technischer Wandel = gesellschaftlicher Fortschritt in den einschlägigen Maßnahmen geradezu das Mittel zum Schutz der Arbeiter:
"Rationalisierung und technischer Wandel wird von uns gefordert, wenn es darum geht, die Gesundheit des arbeitenden Menschen zu erhalten oder zu schützen, bessere Methoden der Arbeitssicherheit zu entwickeln, unerträgliche Belastungen an den Arbeitsplätzen abzubauen, wo es also um die humane Gestaltung der Arbeitswelt geht. "(Entschließung 24)
In solchen Formulierungen beweist eine Gewerkschaft, wie wichtig ihr die Vorstellung geworden ist, es gäbe einen unabhängig von den ökonomischen Zielsetzungen des Kapitals vollzogenen "technischen Wandel", der eigens zum Wohle der Arbeiter in Szene gesetzt wird. Weil dergleichen nirgends stattfindet, hat die Gewerkschaft etwas gefunden, wofür sie ohne Rücksicht auf das, was in den Betrieben läuft, eintreten kann: sie verfügt über ein gesellschaftspolitisches Programm, und dem wird sie gerecht, wenn sie die praktizierte Rationalisierung immerzu an der menschenfreundlichen, eingebildeten Veranstaltung mißt, für die sie sich den Namen Rationalisierung ausgeliehen hat. Die ganze Rederei von den betroffenen Proleten bildet die Begleitmusik für die Erledigung der ehrenvollen Aufgabe, an der Rationalisierung mitzuwirken, die ja "an sich" mit lauter Segnungen schwanger geht:
"Prinzipiell (!) dienen Rationalisierung und technischer Wandel der Erhaltung des Wettbewerbs, der Modernisierung der Produktion und Verwaltung und der Verbilligung von Produkten und Leistungen."
Sieht sich ein Sprecher des DGB die Industrie und den Markt des Kapitals an, so gelangt er zu verblüffenden Diagnosen, die sich nicht einmal ein vom Kapitalismus begeisterter Ökonomieprofessor zum Lob der schönen freien Marktwirtschaft zueigen machen würde: daß "die Druckunternehmer rationalisieren, um den Preis ihrer Zeitungen zu senken; daß die Autos billiger werden, weil mehr NC-Maschinen in der Fertigung und EDV-Anlagen im Büro eingesetzt werden, ist eine Lüge, die nur jemand in die Welt setzt, der um jeden Preis den kapitalistischen Gang der Geschäfte als Dienst an der Menschheit darstellen möchte. Dies geht auch daraus hervor, daß die "Erhaltung des Wettbewerbs" sowie die "Modernisierung der Produktion und Verwaltung" umstandslos begrüßt werden - als ob Wettbewerb und das moderne Zeug für jedermann auf der Welt ein Genuß wären. Wie überall leistet die Gewerkschaft hier schon wieder recht viel in der Kunst des Übersehens, der Abstraktion vom Zweck .des "Fortschritts" und von seinen Wirkungen auf die , die ihn schaffen müssen. Die Pflege dieser Kunst hat den entscheidenden Vorteil, daß so ein DGB-Hänger im Streit mit dem Rest der Humanisierer als ein Parteigänger der Rationalisierung auftreten kann, aber als einer, der sich mit dem Elend der Rationalisierungsopfer profiliert, der seine Begeisterung über die Rationalisierung mit den moralischen Bedenken ergänzt, ob nicht an der einen oder anderen Stelle zuviel des Guten getan wird, also "Wildwuchs" vorkommt:
"Kaum ein Wort(!) wird zur Zeit in der betrieblichen Praxis so gefürchtet wie das Wort Rationalisierung ... man kann mittlerweile fast von einem Rationalisierungswettlauf reden, von einem Wettlauf um die bestmögliche Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft. Leistung! Leistung! Leistung!"
Da muß doch etwas schief laufen bei der im Grunde so guten Sache! Will denn von den gesellschaftlich verantwortlichen Kräften niemand was gegen den Skandal unternehmen?
"Von der Humanisierung, einer menschengerechten Arbeitsgestaltung ist nicht die Rede."
Erst der DGB hat den Stein ins Rollen gebracht und die Macher auf die menschliche Seite aufmerksam gemacht. Dabei verzeichnet er trotz der steigenden Belastung seiner Mitglieder in den Betrieben außerhalb derselben schon einen Riesenerfolg - inzwischen wird über seine Vorstellungen geredet; die Mannen vom DGB können sich freuen,
"daß die von den Gewerkschaften ausgegangenen Impulse aufgegriffen und zu einem erklärten Schwerpunkt der staatlichen Reformpolitik gemacht worden sind. Der Bundesregierung einen recht herzlichen Dank"
dafür, daß sie sich von der Arbeitnehmerorganisation hat überzeugen lassen, daß es doch nur um die Wirtschaft geht, wenn der DGB den arbeitenden Menschen und sein Wohlergehen ins Feld führt. S o hat die Gewerkschaft nämlich die Geschichte mit der Humanisierung gemeint:
"das, was dem arbeitenden Menschen zugute kommt, findet sich tausendfach wieder im Erfolg und in der Leistungskraft unseres (!) Staates und unserer (!) Wirtschaft." Wenn sich die Unternehmer "ihrer Verantwortung wirklich bewußt sind ... und menschengerechte Arbeitsplätze schaffen, dann steht einem gesunden und vernünftigen Aufschwung nichts entgegen"
Diese Zustimmung zu ihrer Auffassung, daß Wirtschaftlichkeit und Humanisierung im Grunde haargenau dasselbe sind, freut die Unternehmer sicher - diese Sorte Verbesserung von Arbeitsbedingungen, die zu mehr Leistung führt, haben sie ja schon immer gemeint. Allerdings ist man sich in einem Punkte noch immer nicht einig: wer hat sich denn eigentlich als -erster für diese Veränderungen in der Arbeitswelt stark gemacht? Der DGB-Fritze behauptet hier, den Nutzen der Rationalisierung als Humanisierung hätten die Gewerkschaften entdeckt - wie anders wären wohl die Forschungsprogramme "Humanisierung des Arbeitslebens" beim Bundesministerium für Forschung & Technologie zustandegekommen? Aus der Sicht der Unternehmer geht es darum,
"eine höhere Elastizität der Produktion und eine höhere Arbeitsproduktivität sicherzustellen','
wenn geforscht wird; aus der Sicht des DGB geht es dagegen erstens um dasselbe -
"daß selbstverständlich auch wir, die Gewerkschaften, in unserem Lande uns nie begründeten Wirtschaftlichkeitserwägungen verschlossen haben" -
zweitens aber um eine ,, humane Arbeitsplatzgestaltung" sowie um ,,Vollbeschäftigungspolitik", welche die Wirtschaft erst so richtig wirtschaftlich machen. "Humanisierung" ist eben das Ideal der Brauchbarkeit, das sich die Gewerkschaft ausgedacht hat für die Arbeiter - und mit dem kommen sie den Unternehmern und dem Staat daher, die den Gebrauch der Arbeiter so flott organisieren, daß sie manche von ihnen glatt entbehren und auf ihre Bezahlung verzichten können. Dazu fällt dem DGB-Sprecher der originelle Gedanke ein, daß sich ein eingesparter Arbeitsplatz nie und nimmer "menschengerecht" gestalten läßt, weil der ist ja weg:
"Wir wollen die Arbeits- und Lebensbedingungen unserer Mitglieder, der Arbeitnehmer (korrekt !) verbessern, nicht den Arbeitsplatz vernichten" (das besorgt schon die andere Seite !) ..dann wären wir ja außerstande, die Arbeits- und I.ebensbedingungen der Arbeitnehmer zu verbessern."
Kann man es noch verrückter sagen als einer vom DGB, daß man um Gottes willen den Umgang mit den Arbeitern, der in den Fabriken üblich ist, nicht stören will? Kann man noch armseliger die Verantwortung für Entlassungen übernehmen, welche die Gegenseite vornimmt, als durch die Übernahme der Ideologie, eine falsche Gewerkschaftspolitik sei schuld an den Arbeitslosen? Läßt sich noch eindeutiger der Wille kundtun, die tagtäglich stattfindende Ruinierung der Leute hinzunehmen und dafür auf dem Feld der politischen Verwaltung der Folgen große "mitverantwortliche" Töne zu spucken?
Die Arbeitsmarkt - und Ausbildungspoltitik, die betriebliche Beschäftigungspolitik, die gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarkt- und Strukturpolitik müssen stärker konzeptionell entwickelt und miteinander verzahnt werden. Wir - der DGB und seine Mitgliedergewerkschaften stellen uns keineswegs einem notwendigen Strukturwandel entgegen"
Schön gesagt, fürwahr! Während sich der DGB für einen "Strukturwandel" ins Zeug legt und all seine Kampfkraft in die Waagschale wirft, um fünf verschiedene Politiker miteinander zu "verzahnen", wandelt sich in den Fabriken mit der neuen Maschinerie und Arbeitsteilung erstens die Leistung der Leute, zweitens - in die umgekehrte Richtung - ihr Lohn und drittens, weil das dazugehört, die Anzahl der Beschäftigten ! Wenn das kein Beitrag zur "Stabilisierung des Beschäftigungsverhältnisses" und zur ..Humanisierung der Arbeit" ist !