Abweichende Meinungen zur "Wende"
Das 'Modell Deutschland' macht mobil
Inhalt
Der Auftrag, den sich die christlich-liberalen
Vaterlandsretter mit ihrer "Wende" erteilt haben, beschränkt
sich keineswegs auf die Verwaltung des Beitrags, den Arm und Reich
zur Mehrung der nationalen Größe leisten müssen.
Das heute anstehende Regierungsprogramm umfaßt darüber hinaus
die Besichtigung des Volkes nach Unterschieden, die recht grundsätzlich
den Dienst an der Nation betreffen.
Eine deutsche Regierung bekennt sich angesichts ihrer Aufgaben in
den 80er Jahren zur Pflicht der Auslese. Sie mustert ideell und
praktisch das ihr anvertraute Volk daraufhin durch, was es ohne und nach
getaner Arbeit noch alles für den Erfolg der Nation zu leisten
vermag.
In Sachen Elite, Familie und Ausländer ist die Führungsqualität
der Riege um Kohl inzwischen so weit entwickelt, daß sie sich an der
Wahrnehmung, Ausnützung und Herstellung von Unterschieden zu schaffen
macht, die auf einen anderen "Aufschwung" berechnet sind.
Stets bemüht, den richtigen Kurs zu halten, orientieren sich Staatsmänner der demokratischen deutschen Republik erst einmal an den unbestreitbaren Grundsätzen der politischen Kunst. Deshalb betreiben sie Wirtschaftspolitik, welche im Wachstum der "Wirtschaft" zu ihren Erfolgen kommt. Was das für eine "Wirtschaft" ist, die sie mit gesetzlichem Schutz betreuen und mit allen Maßnahmen befördern, bereitet zumindest den Bonner Charakteren kein Problem. Für sie ist Recht und Pflicht dasselbe, wenn sie auf die Produktion von ansehnlichen Besitztümern Wert legen, die in Geld beziffert werden und auswärts wie daheim erneut ertragreich investiert gehören.
Alles, was für diese Sorte Wachstum erforderlich ist, halten regierende Staatsanwälte des Allgemeinwohls für einen ,,Sachzwang". Sie bestehen auf Pflichterfüllung an den "Arbeitsplätzen", die der "Arbeitsmarkt" bereithält - und wissen sehr genau, daß über den Einsatz, den Millionen Deutsche Jahr für Jahr an den Tag legen, viel mehr zustandekommt als Geschäftsartikel jeder Größenordnung. Deshalb betreiben sie Sozialpolitik, mit der sie sämtliche Formen und Grade der Armut verwalten, auf denen das Wohl der Wirtschaft beruht. Daß es Klassen, gar ein Proletariat gibt, streitet jeder verantwortliche Demokrat ab - dafür bekennt er sich aber zu jeder Menge von "sozial Schwachen", auf deren Betreuung der Staat grundgesetzlichen Wert legt.
Eine demokratische Führung hat nämlich das Recht, die soziale Hierarchie, die in der Welt von Freiheit und Gleichheit so verläßlich zustandekommt, zu beaufsichtigen. So legt sie fest, wieviel Geld Millionen Deutsche von ihrem schönen Brutto-Einkommen für ihre "soziale Sicherheit" in "schlechteren Tagen" an allerlei Kassen abtreten müssen. Und sie entscheidet darüber, was denen zusteht, die aus dem Konkurrenzkampf des "Arbeitsmarktes" als Sozialfall hervorgehen. Daß ihr Volk beim Wahrnehmen seiner Chancen ständig in Oben und Unten, Reich und Arm, verantwortungsbeladene Menschen und weniger bis gar nicht brauchbare Bürger auseinanderfällt, ist für Regierende eine Selbstverständlichkeit. Das Leben in Freiheit ist ein Kampf, und über den Ausgang des chancenschwangeren Eignungstests entscheiden laut demokratischer Doktrin nie und nimmer die Maßstäbe und Methoden der Konkurrenz, sondern die Kandidaten.
Schließlich hat jeder werdende Bürger während der Zeit, die er im demokratischen Bildungswesen zubringt, die Gelegenheit zur Qualifikation. Er darf beweisen, wozu er taugt und zu welchen Laufbahnen ihm "das Zeug fehlt". Demokratische Politik braucht sich da keinen Vorwurf gefallen zu lassen, wenn es die einen lebenslang in die Fabrik verschlägt und die anderen in mehr schöpferische Laufbahnen in Chefetagen und Regierungsgebäuden. Die Politik stellt ja nur die Bedingungen der Auslese zur Verfügung, während die unterschiedliche Brauchbarkeit der Leute ganz eine Sache ihrer Fähigkeit ist.
Auf die Leistungen ihres Bildungssystems konnten und haben sich bundesdeutsche Regierungen stets verlassen - und auf die dazugehörige Ideologie bei sämtlichen Betroffenen dazu. Die sozialliberale Koalition hat das auszunützen verstanden, indem sie die Ausweitung des Schul- und Hochschulwesens als eine Reform hin zu mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit verkauft hat. Die Rekrutierung von mehr Leuten, welche im Interesse der leitenden und erzieherischen Betreuung der Nachkriegsgeneration fällig war, galt ausnahmsweise nicht nur als "Sachzwang", sondern auch als gute Tat. Es ging um die Behebung des "Bildungsnotstandes" und die "Eröffnung von Chancen" für alle, die sich zu den vernachlässigten "Begabungsreserven" der Nation zählen durften.
Zwar hätten die Jugendlichen, die da mit Chancen beglückt wurden, ohne Erweiterung des Bildungssektors in diesen gar nicht hineingepaßt. Doch tat dies der erfolgreichen Selbstdarstellung der damaligen Regierung keinen Abbruch; im Blick auf die Wahlstimmen der Jugend wurde eine soziale Geschenkaktion daraus. Zwar unterblieb die Verteilung der Jugend auf die verschiedenen Dienst-Grade der "sozialen Skala" kein einziges Schuljahr. Doch angesichts der für viele durch Bafög überhaupt erst ermöglichten Teilnahme an mehreren Etappen der schulischen Konkurrenz - ein nebenbei erfolgtes Eingeständnis der allgemeinen Armut - stand Dankbarkeit auf der moralischen Tagesordnung. Beklagt wurde sich erst einmal über den plötzlich auftretenden "Schulstreß" und die "Massenuniversität".
Die konservative Opposition wußte allerdings schnell Bescheid. Der "Schulstreß" war natürlich keine Folge der Bewährungsproben, welche zwecks Auslese den Kindern auferlegt wurden. Daß nach wie vor geprüft und verglichen wurde, um die "Fähigkeiten" und die ihnen entsprechenden Karrieren zu unterscheiden - das hielten die Kenner der Menschennatur mit ihren so unterschiedlichen Anlagen sowieso für den Witz an der Schule. So stand der christliche Befund über den "Streß" fest: Er entpuppte sich als die Folge der Sünde, gar nicht geeignetes Menschenmaterial mit Ansprüchen zu belasten, denen es sowieso nicht gewachsen ist. Der Versuch, den Vielen etwas beizubringen - als ob das der Umgang der Schule mit Leuten wäre, deren Lücken einmal festgestellt wurden -, hatte nach Auffassung der Konservativen die Kinder unglücklich gemacht. Die Bildungsreform erwies sich als "unmenschlich", so daß ihr mit "Mut zur Erziehung" begegnet werden mußte.
Auch das andere beabsichtigte Resultat, das der Einzug von mehr Jugendlichen in die "weiterführenden" Anstalten zeitigte, machte die humanistische Bildungsunion nicht verlegen. Klar, es hatten aufgrund des bißchen "bildungspolitischen Engagements" nun tatsächlich mehr Leute als je zuvor Abitur und Hochschulabschlüsse. Aber damit konnten sie die Kultusbeauftragten der C-Gruppen nicht beeindrucken. Denen drängte sich sofort die Überlegung auf, daß unmöglich so viele Leute in der Lage sein können. Besinnungsaufsätze, Staatsexamensarbeiten und Habilitationsschriften abzuliefern. Und wenn dies doch der Fall wäre, so könne es sich um nichts Gescheites handeln. Seitdem ist unter Kennern der höheren Werte der "Niveauverlust" des deutschen Abiturs und der deutschen Universität nicht mehr zu beschönigen!
Diese Erkenntnisse über Bildung sowie die Eignung nur einer Minderheit für diese staatliche Zuwendung sind seit der "Wende" offizieller Leitfaden. Dabei ist es kein Geheimnis, woher der christpolitische Sachverstand seine Belege für den Verfall der Auslese nimmt, und wie er sich seine Diagnose konstruiert:
Berufen wird sich schlicht auf die untrüglichen Signale der Konjunktur, der die Politik tatkräftig zur Durchsetzung verholfen hat. Wie einst die Sozialliberalen den "Mangel" an qualifizierten Kräften für den unaufhaltsamen Aufstieg der deutschen Wirtschaft diagnostiziert hatten, als sie die korrekt abzuwickelnde Indienstnahme des vorhandenen Nachwuchses organisierten, so verfahren heute die Politiker der Erneuerung auch. Allerdings hat der fortgesetzte Erfolg der deutschen Wirtschaft einer Abteilung der sozialen Hierarchie enormen Zuwachs beschert - den Arbeitslosen. Und die beflügeln nicht nur Arbeitsmarktpolitiker zu sozialen Überlegungen und Taten, die allesamt darauf abzielen, Arbeitskräfte zu mehr Leistung bei geringeren Kosten anzuhalten. Die überzähligen Bewerber aus allen möglichen Berufen sind für Bildungspolitiker ein einziges Indiz dafür, daß in Sachen Auslese unverzeihliche Fehler begangen worden sind.
Praktische Schlüsse lassen sich da nicht vermeiden. Der offenkundigen Tatsache, daß die diversen Abschlüsse - vom Hauptschulzeugnis bis zum Doktorat - ihren Inhabern nichts nützen und ihnen nicht einmal eine Verdienstmöglichkeit in einer unteren Rangstufe garantieren, sieht vom Standpunkt des Staatsmannes nämlich so aus: Die Unbrauchbarkeit dieser Leute beweist die Überflüssigkeit der Ausgaben für das Bildungswesen zumindest einiges ist leicht entbehrlich. Also:
Den Einwänden gegen diese Maßnahmen, die nicht ausblieben, begegnete die neue Regierung gelassen. Die "Widerlegung" des "Machbarkeitswahns", dem ihre Vorgänger erlegen seien, überlassen sie den Fakten, die Staat und Wirtschaft unter ihrer Regie schaffen. Sie berufen sich auf den fehlenden Bedarf nach all denen, die das bisherige Bildungsangebot durchlaufen haben und jetzt vom "Arbeitsmarkt" für unbrauchbar erklärt werden. So als müßten sie den Kritikern der staatlichen Sparmaßnahmen endgültig alle idealistischen Vorstellungen in bezug auf das Evangelium der Chancengleichheit und den Nutzen einer Ausbildung austreiben, widerrufen sie sämtliche Illusionen über die Vorteile derer, die "etwas gelernt haben": Der letzte Test und der alles entscheidende in Sachen Brauchbarkeit wird nach wie vor von den Instanzen vorgenommen, die mit den Leuten kalkulieren.
Theoretische Schlüsse halten die auf "geistige Führung" bedachten Politiker der Wende in ihrem Eifer durchaus auch bereit. An der Unzufriedenheit der Betroffenen, denen sie Chancen im Ausbildungswesen mit dem Argument nehmen, daß ohnehin keine Treffer daraus würden, haben sie ja eines bemerkt: Ihre Vorläufer im Amt haben unter ihren Voraussetzungen und mit ihren Mitteln immerhin eine "Aufstiegsmentalität" erzeugt. Ihren Ausbau des Bildungswesens haben sie als einen verläßlichen Dienst an der nach Verdienstmöglichkeiten suchenden Jugend dargestellt. So ist nach Auffassung der moralischen Erneuerer eine ..Anspruchshaltung" entstanden, die zurückgewiesen gehört. Keiner soll glauben, daß er mit seinem wie auch immer gearteten Zeugnis den Ausweis der Brauchbarkeit in der Tasche habe - und womöglich noch das Recht auf einen anständigen Verdienst dazu! Umgekehrt blamiert sich angesichts der (zu) vielen Zeugnisinhaber selbstredend deren Qualifikation.
Was hingegen laut Vizekanzler nottut, ist die elementare Einsicht in den Sinn der Chancengleichheit - und der besteht in der Scheidung von "gut", weil begabt, auf der einen Seite, sowie "minder bemittelt" und zum Mitmachen, verdienstlos im Ernstfall, verpflichtet auf der anderen. Gerade dieses Resultat der Auslese, die Bereitstellung einer Elite, soll nach den neuesten Befunden durch die "Gleichmacherei" der Bildungsreformen vereitelt worden sein. Im Namen des erwünschten Resultats wird das Verfahren der demokratischen Auslese für äußerst gefährlich erachtet; die "Tüchtigen" dürfen in der Konkurrenz nicht behindert werden:
"Aber gleiche Chancen schaffen nicht gleiche Ergebnisse, deshalb gehört zu dieser Chancengleichheit, daß die bessere Leistung ermöglicht, daß Begabung nicht vernachlässigt, sondern nach Kräften gefördert wird."
Die feste Überzeugung, daß die Hierarchie seiner pluralistischen Gesellschaft allemal der Ausfluß einer "Begabung" ist, die weiß der Herr wer oder dieser selbst einmal verteilt hat, spricht da aus dem Munde des Hans-Dietrich Genscher. Wo seine "Begabungen" liegen, oder ob in der Dissertation von Helmut Kohl ein richtiger Gedanke vorkommt, braucht man da nicht zu fragen. Genauso wenig braucht man daran zu denken, daß Leistung so etwas wie Arbeit pro oder mal Zeit ist: das würde ja glatt einen 25-jährigen Hilfsarbeiter vor einem 60-jäh-rigen Politiker oder Pfaffen rangieren und ihn in die Elite aufrücken lassen. Wer sich den Erfolg seiner Nation so erklärt wie Genscher, hat beim Wort "Leistung" nur die moralische Anerkennung im Kopf, die denen gebührt, die das Sagen haben:
" Wer wie wir kaum über Rohstoffe oder
andere natürliche Ressourcen verfügt, muß am Weltmarkt
konkurrenzfähig bleiben, um zu überleben und zu prosperieren.
Unsere natürlichen Ressourcen sind die Menschen, ihre Bildung und
Ausbildung, ihre Leistungsfähigkeit und ihr Leistungswille. Daher
kann unsere Gesellschaft, gerade wegen ihrer außerordentlich engen
Verflechtung mit der internationalen Umwelt, nicht auf eine demokratische
Leistungselite verzichten."
Einmal kein Lob der Arbeit und derer, die sie verrichten müssen, ist dem besorgten Staatsmann da eingefallen - sondern ein Seufzer nach solchen, die sich auszeichnen, indem sie die Leistungen anderer ertragreich gestalten! Als ob es davon nicht immer genug gäbe, in Bonn und anderswo, als ob diese Elite den deutschen Rohstoffmangel - den es ja dank den erwähnten "Verflechtungen" sowieso nicht gibt - beheben würde, spricht der Demokrat Genscher laut und deutlich aus, warum den Tüchtigen freie Bahn gebührt:
Eine Nation braucht Menschenmaterial - und vorneweg das Beste. Diese Elite will die Regierung fördern, als müßte sie einen ihr kongenialen Menschenschlag davor bewahren, in der "Chancengleichheit" getauften Konkurrenz ungerechterweise unterzugehen. In der festen Überzeugung, daß der Leistungswille der "Menschen" von den "Leistungseliten" und ihrer fristgemäßen Plazierung am rechten Ort in "unserer Gesellschaft" abhängt, bekennt sich der Demokrat der "Wende". Und zwar zu einer Rettung der deutschen Nation, die sich in der "internationalen Umwelt" nur dann gescheit behauptet, wenn eine Elite die brauchbare "Leistungsfähigkeit" des Rests - Masse heißt der nach wie vor - anleitet. Ohne das kundige Schalten und Walten dieser Elite, der deshalb auch alle Mittel des Geschäfts und der politischen Gewalt zugestanden gehören, ist das nationale Programm im Eimer.
Fürwahr, eine feine Idee zu einem nicht minder feinen Programm. Hans-Dietrich Genscher und die übrigen Bonner Größen in Sachen "geistiger Führung" halten das folgende Zitat erstens sicher für ein Lob ihrer deutschen Demokratie und zweitens für eine Mitschrift aus einem ihrer Elite-Vorträge:
"Die beste Staatsverfassung und Staatsform ist diejenige, die, mit natürlichster Sicherheit die besten Köpfe der Volksgemeinschaft zu führender Bedeutung und zu leitendem Einfluß bringt."
Die Sorgen einer Bundesregierung erschöpfen sich nicht in der Herstellung einer sozialen Hierarchie, in der jeder an seinem Platz die Dienste verrichtet, die für die Bewältigung jener "Herausforderungen" der Nation fällig sind, die Politiker so gerne aufzählen. Die Pflichten der Regierten reichen nämlich weiter als ihr Beruf, in dem sie den "Sachzwängen" nachkommen, die Geld und Gesetz so überzeugend eröffnen. Entgegen einem Gerücht, das auch Staatsmänner gelegentlich verbreiten, ist das Privatleben keine Ecke, in die sich der Staat nicht einmischt. Im Gegenteil - er regelt alles Erlaubte und Verbotene, weil es ihm sehr darauf ankommt, wie sich seine Bürger in dieser Ecke bewähren. So ist die Familiengesetzgebung ein umfassender Kanon von Vorschriften, die unschwer erkennen lassen, worum es geht: aus der Liebe zwischen den Geschlechtern und ihren gewollten oder ungewollten Folgen wird ein staatlich kontrollierter Vertrag; und als Nutznießer des "privaten" Umgangs mit Geld, Heim und Nachwuchs präsentiert sich der Gesetzgeber.
Das ist nichts Neues. Familienpolitik, aus dem Munde ihrer Betreiber immer als "Schutz der Familie" untertitelt, traktiert die Bürger seit jeher mit der prüfenden Frage, ob sie ihre Vermögens- und Erziehungsdinge auch gemeinschaftsdienlich abwickeln, sobald sie sich aufs andere Geschlecht einlassen. Sie behandelt die Launen der Zuneigung als Gefahr - für die dauerhafte Brauchbarkeit in Nation und Arbeitswelt, also außerhalb des Reichs der Betörung. Und weil auf diesem Felde leicht so manches in Unordnung gerät - Pflicht und Neigung gehen sogar regelmäßig verschiedene Wege, wenn die Neigung zum Dienst verpflichtet wird -, haben die Moralapostel der Nation reichlich zu tun. Und Familienpolitiker sind von Berufs wegen damit befaßt, die Moral per Gesetz zu verabreichen, die den staatlichen Anspruch auf die sozialen Erträge der Liebe im Land sichert.
Ein gefundenes Fressen also für die Christenmänner an der Front der "geistig-moralischen Erneuerung".
Wenn moralische Ausnahmeathleten wie Heiner Geißler in ein Amt kommen, in dem darüber befunden wird, was sich zwischen Mann und Frau gehört, dann ist eines sofort klar: zu liberal geht es allemal zu! Ob die sozialliberale Reform des Scheidungsrechts, die derzeit gültige Behandlung der "Schuldfrage", tatsächlich die Scheidung erleichtert hat, welche Vorteile Mann und Frau im Vergleich zur vorhergehenden Regelung haben oder aufgeben müssen - die Betroffenen werden es wissen. Was die Versorgungspflicht in Mark und Pfennig bedeutet, ob sie dem Staat ein paar Sozialfälle in Gestalt mittelloser, "schuldig" geschiedener Ehefrauen gemäß der alten Gesetzgebung erspart hat - wir mögen es nicht nachrechnen. Auch Heiner Geißler wird die bekannten Rechnungen in Debatten nur vorlegen, um eines zu demonstrieren: Er hält die "Liberalisierung" seiner Amtsvorgänger für ungerecht und gemeinschaftsschädlich, er will einer Verwilderung der heiligen Sitten nicht Vorschub leisten, er - geschieden wie andere Kollegen von der Elite oder nicht - sehe in der Familie eine "Schicksalsgemeinschaft", mit der nicht leichtfertig umgegangen werden darf! Und mit der Mehrheit im Parlament wird der christlich regierte Staat wieder einmal den Preis festlegen, den die Auflösung einer Ehe die Beteiligten kostet. Insgesamt dürfen die amtierenden Moralisten sich dann dazu gratulieren, den Verfall einer grundlegenden Institution unseres Gemeinwesens energisch gebremst zu haben.
Der Kern dieses öffentlich zur Schau gestellten Sittlichkeitswahns wird von den Staatsanwälten der ehrwürdigen "Keimzelle" freilich hinreichend klargestellt. Freimütig kritisieren, sie, ohne es im geringsten peinlich zu finden, das Zeugungsverhalten ihrer Bürger. Sätze wie:
,,In einem freien Land ist der Wunsch nach Kindern
die Privatangelegenheit der Eheleute ..."
"Jede Frau hat die freie Entscheidung für oder gegen ein Kind..."
gehen mit einem "aber" weiter. Und stets versteigen sie sich zu Zahlenangaben, die das staatliche Durchschnitts-Wunschergebnis 2,2 mit den 1,3 "tatsächlichen" Kindern pro Familie konfrontieren.
Warum der Mißstand, den Politiker da beklagen, eigentlich einer ist, erläutern sie in ihren familienpolitischen Lagebeurteilungen nicht. So selbstverständlich gehen sie davon aus, daß Familien gegründet werden, in denen "Kinder kommen" - und daß sie mit der Sorge um die richtige Anzahl betraut sind. Ihren Wunsch nach mehr Nachwuchs kleiden sie eher in die Sprache der ökologischen Generation, die in allem und jedem die "Umwelt" am Werk sieht oder verunstaltet -
"Wir sind kein kinderfreundliches Land!"
- aber nur, um "die" Bürger der Sünde zu zeihen, sich als Hindernis aufzuführen für das nur allzumenschliche Verlangen, etwas liebes Kleines in die Welt zu setzen. Und damit ist er schon weg von seiner Diagnose, der Herr Familienbeauftragte der Nation. Er treibt bereits Ursachenforschung, erinnert gelegentlich an Erscheinungen, die den mit Kindern gesegneten Leuten bekannt sind und wohl auch bei den latzhosentragenden Kinderfreaks der deutschen Großstädte ein zustimmendes Nicken hervorrufen: Rentner wollen keinen Kinderlärm, andere Mieter und Vermieter auch nicht, Autofahrer wollen nicht ausweichen, und in öffentlichen Gaststätten ist das Geplärre auch nicht beliebt. Abgesehen davon, daß McDonald zumindest der letzteren unter den Miseren den Kampf angesagt hat, glaubt so richtig keiner an das Argument, das da zum Besten gegeben wird. Wegen der zu gewärtigenden Feindseligkeiten der "Umwelt" und des "Landes" gegen "das Kind" ist wohl noch keine Schwangerschaft unterblieben - Leute, die Kinder wollen, gehören gewöhnlich sogar zu den hartgesottenen Landsleuten, die selbst vor und in Kriegen loslegen. Daher kommt auch aus dem Ermittlungsverfahren, wer oder was da schuld sei am ausbleibenden Segen, nichts heraus als ein "Herz für Kinder"- Aufkleber, erhältlich an allen guten Tankstellen.
Richtiger liegen unsere Kinderraten-Fahnder schon dann, wenn sie sich einmal erinnern, was alle wissen. Kinder sind nämlich ein lästiges Glück, das Geld und Zeit kostet. Wenn sie wollen, fällt Politikern durchaus auch einmal eine Wahrheit ein, wie eine Bemerkung von F.J. Strauß bezeugt:
"Die soziale Frage Nr. l ist die junge Familie. Es sind heute eben zwei Einkommen normaler Art notwendig, um einigermaßen normale Lebensverhältnisse nach modernen Ansprüchen zu erreichen. Wenn das aber schwer mit der Notwendigkeit vereinbar ist, daß Eltern in jungen Jahren Kinder in die Welt setzen..."-
so folgt daraus einiges. Erst einmal ganz bestimmt nicht, daß die Politik sich jetzt darauf verlegt, den Eltern im Lande das fehlende zweite Einkommen zu bezahlen oder sonstwie finanzieren zu lassen. Eher schon die Definition der paar Mark Kindergeld als "ein Ausgleich für ausfallendes Zweiteinkommen" sowie ein Seufzer über die "modernen Ansprüche" - heute. Denn das Eingeständnis der modernen Armut, die das Leben der meisten "Mitbürger" in seiner Nation auszeichnet, ist dem guten Mann ja nicht eingefallen, weil er die "sozial Schwachen" durch Wohltaten beseitigen will - daß das nicht in Frage kommt, sagt ihm schon sein wirtschafts- und sozialpolitischer "Sachverstand"! Opfer und Verzicht, das offizielle Programm der "Wende" für die "normalen Lebensverhältnisse", will er keinesfalls kritisieren. Kritisch und kritikabel findet er - die Gebärraten, und nur deswegen befaßt er sich mit "normalen Einkommen" und "modernen Ansprüchen". Da waren früher die Sitten noch besser, als nicht wie "heute" Armut und der lebenslange Versuch, etwas von den reichlich angebotenen Genüssen aus der Warenwelt zu ergattern, auf Kosten des Kinderreichtums gingen!
Kurz: In der Familiendebatte geht es ein wenig um den Ärger und die "Ohnmacht", die regierende Anwälte des Volkes verspüren angesichts der Tatsache, daß sich ihre Untertanen die Freiheit herausnehmen, zu wenig Kinder zu machen. Und wer fragt: "Zu wenig? Wofür eigentlich?", erhält nicht etwa Auskünfte über den Nutzen, der jedem dreifachen Vater ins Haus steht. Bestenfalls winken pfäffische Erläuterungen des ideellen Lohns, des Sinns, der sich in der Stube voller Kinder einstellt!
Vor allem darüber, daß die Ernährung und Erziehung der Nachkommenschaft so schön viel Sorgen bereitet: Denn die Garantie für ein Auskommen der so erwünschten Kleinen, für eine Zukunft ohne Entbehrungen unterschreibt kein Amtsträger aus Bonn. Nicht einmal einen Arbeitsplatz kann und will er zusichern!
Es ist kaum zu übersehen, daß der von staatlicher Seite geäußerte Wunsch nach Kindern, der allemal statistisch daherkommt, auf ein schieres Vorhandensein von Babies pro Zeit abzielt. Dieser Anspruch hat mit den "guten Gründen", die sich ein Ehepaar zurechtgelegt haben mag bei seiner Entscheidung "dafür", nichts zu tun. Die praktischen Maßnahmen, die unter "Familienförderung" laufen, sind auch wenig geeignet, da Täuschungen hervorzurufen. Die den hohen Herren nur zu gut bekannten "sozialen Lasten", die ein Kind für die meisten bringt, abzustellen - das ist der Sinn des Kindergelds genauso wenig wie der der Gewährung von Bafög-Darlehen. Die Regierung der "Wende" ist durchaus ehrlich und desillusionierend verfahren. Sie hat ihrem Ruf nach der durchschnittlich kinderbestückten Familie kein Geschenk folgen lassen - ihre "Prämien", die aus christlichen Erwägungen heraus nicht so heißen sollen, sind auch wirklich keine. Beim Kindergeld selbst ist ihr die Gerechtigkeit ausgerechnet so eingefallen, daß es jetzt weniger gibt; dafür aber Steuernachlässe, die sich streng nach dem Gleichheitsgrundsatz bei manchen Bessergestellten so auswirken, daß ihnen so viel Steuern erspart bleiben, wie andere an Lohn kriegen!
Auf einem Gebiet geht es allerdings um mehr als um Beihilfen, um die Ermöglichung von Opfern, die ja mit 100.- DM Kindergeld nicht weg sind. In Sachen
besteht die kinderfreundliche Koalition auf der Entscheidung des Gegensatzes zwischen ihrem Willen zum Kind und dem einer Frau, die nicht Mutter sein mag. Mit agitatorischen, finanziellen und juristischen, demnächst wohl auch mit gesetzgeberischen Mitteln bekämpft Geißler die "überholte und menschenunwürdige Mein-Bauch-gehört-mir-Ideologie". Ganz eindeutig und ethisch brutal abgesichert gehört der Bauch dem Staat: "Das ungeborene Leben zu schützen ist ganz sicher eine Aufgabe des Strafrechts." - tönt der Familienrichter der Nation, dem auch einmal ein Rat an die Männer einfällt: Sie möchten um Heiner Geißlers willen doch "von ihrem Pascha-Thron" herunter, war mitten im Sommer 1984 zu hören. Wenn "die Männer" einen besseren Stil an den Tag legen, ist erstens den gängigen Benutzungsweisen der Frauen nichts mehr Schlimmes anzumerken; zweitens kann der Staatsmann dann erst recht jedes befruchtete Ei seiner hoheitlichen Gewalt unterstellen, also auch verlangen, daß das eine oder andere Mutter-Leben versaut wird. So lautet die regierungsamtliche Botschaft:
"Das Bundesverfassungsgericht erklärte 1975 eindeutig, daß der Lebensschutz des ungeborenen menschlichen Lebens für die gesamte Zeit der Schwangerschaft Vorrang habe vor dem Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren. Nur Umstände erheblichen Gewichts und Konflikte von solcher Schwere, daß von der Schwangeren über ein bestimmtes Maß hinaus Opfer zugunsten des ungeborenen Lebens mit den Mitteln des Strafrechts nicht erzwungen werden können (!), können einen Schwangerschaftsabbruch rechtfertigen."
Ein offenes Wort! Im Fehlen strafrechtlicher Handhabe liegt der Grund für die verschiedenen Sorten "Indikation", und in Herrn Geißler haben die Frauen sicher einen wackeren Streiter vor sich, wenn es um das "bestimmte Maß" geht, in dem sie zu Opfern verpflichtet sind! Mit seiner Stiftung "Mutter und Kind" und ihren lächerlichen 50 Millionen lieferte das Familienministerium eine Kostprobe seines moralischen Elans. Der Gegenwert eines halben Tornado wird da als Waffe gegen "pro familia" und das Argument "soziale Notlage" aufgefahren! Für diesen Anwalt des "Lebens" taugen einmal verabreichte 3000,- DM lässig dazu, ein Kind samt Mutter ohne Sorgen wesentlichen Ausmaßes über die Runden zu bringen. Wer das nicht akzeptiert, macht sich einer unerlaubten Unlust zur Mutterschaft schuldig. Heiner Geißler hat bei alledem kein Problem damit, seinen Zynismus zu bemänteln. Er besteht einfach darauf, daß ihm, dem Strafrecht, den guten Sitten und überhaupt der Nation das Recht auf Kinder, die unterwegs sind, gebührt. Er verweist sogar darauf, daß es genug Reichtuni gibt in seiner Republik der "Wende", um wirtschaftliche Not überflüssig zu machen. Aber nur, um Abtreibungen zu verbieten - nicht etwa zum Zwecke irgendeiner Sozialkritik:
"In einem Land mit einem Bruttosozialprodukt von mehreren Billionen Mark ist es ungeheuerlich, daß unter Verweis auf soziale Notlagen abgetrieben wird."
Der Mann will weder behaupten noch etwas dafür tun, daß ausgerechnet die ledigen Mütter die Billionen haben. Er will "Schwangerschaftskonflikte nicht individualisieren" und so Zeug - also etwas untersagen. Dafür hat er sich das moralisch erschütternde Argument zurechtlegen lassen, daß der Reichtum von Banken, Konzernen und Staat doch der beste Grund ist, armen Frauen wider ihren Willen ihren Embryo gesetzlich zu schützen!
Das Geheimnis dieses Fanatismus des "Lebens", bei dem niemand mehr fragen darf, wozu, wie und warum - diese Frage entlarvt ein Christ leicht als das Stirnzeichen des Mörders, was ihm bei den drei Waffengattungen nie einfällt ! -, verraten die moralischen Riesen von Bonn selbst. Immer dann, wenn sie den Schritt von der Familienpolitik zur Bevölkerungspolitik tun. Dann schreien sie:
Nein, nicht wegen der paar Abtreibungen. Überhaupt! Um die Anzahl der Deutschen werden Hochrechnungen angestellt, die es in sich haben: Besorgnis erregt das schwindende Menschenmaterial immer unter dem Gesichtspunkt des Dienens. Sobald eine Abteilung des gegenwärtig regierten Volkskörpers etwas vom Leben haben will - und sei es nur einen Arbeitsplatz, um 1500.- DM zu verdienen -, erweist sie sich nach den Maßstäben der "wirtschaftlichen Vernunft" und des Staatshaushalts, die im freien Teil Deutschlands gelten, als überflüssig. Sooft Schüler und Studenten, Arbeitslose und Rentner fordernd auftreten, fehlt es hinten und vorne an den Mitteln, und sie sind einfach zu viele. Ganz anders noch stellt sich die Sachlage dar, wenn unsere Bevölkerungspolitiker auf internationalen Konferenzen das Wachstum der Weltbevölkerung sorgenvoll beäugen und das "Hunger-Problem" im Anschluß an die Schuldenfrage im internationalen Rahmen wälzen. Da decken sich Theorie und Praxis einmal aufs Erfreulichste, weil das Verhungern ein durchgeführter Beweis ist - dafür, daß es zuviel Menschen gibt.
Aber eben nicht bei uns! Und um diesen sich abzeichnenden Mangel an Deutschen so richtig drastisch im öffentlichen Bewußtsein zu verankern, wurde eine Kommission eingesetzt, die streng nach den Regeln der demokratisch-völkischen Wissenschaft ein alarmierendes "Resultat" verlauten ließ: Noch ganz ohne Feindeinwirkung sinkt das deutsche Volk bis zum Jahre 2030 auf ca. 40 Millionen ab!
In der heißen Frage, was daran so schlimm sei, haben sich die Gelehrten alle Mühe gegeben, das Bedürfnis nach mehr Volk in ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnungen zu übersetzen. Getreu der Lehre vom staatlich kontrollierten "Generationenvertrag" tauchen dann die "Gefahren" auf: "Wer finanziert die Renten der heute 20-jährigen?" Gemeint ist damit weniger die Wahrheit, daß nicht der Sozialstaat, sondern die Lohnabhängigen selbst ihre Notgroschen finanzieren; vielmehr wurde davon ausgegangen, daß die verschiedenen Kassen mindestens im selben Maße wie heute eine Finanzquelle des Staates zu bilden haben - und daß daraus ein "Bevölkerungsproblem" entsteht! So wurden auch die anderen idiotischen Hochrechnungen - Minderung der Ausbildungskosten, weniger Verkehrsunfälle und Ladendiebstähle - nicht als trostreiche kompensierende Entwicklung vermeldet. Der Standpunkt war und ist eben der gemeine, das deutsche Volk zu zählen und es als Quelle für die alten und neuen Aufgaben der Politik zu schätzen. Eine Rubrik hat es da den Verwaltern Deutschlands ganz besonders angetan: Während von den Kosten der Rüstung kein Aufhebens gemacht wird, steht der Nutzen künftiger Generationen für die Bundeswehr schon fest. Und dieser Nutzen ist fraglich, wegen - der "Bevölkerungsentwicklung"! Die Friedens- und Abrüstungspolitiker vermissen jetzt schon 100.000 Mann für die 90er Jahre!
Gut zu wissen, daß unsere Herren in Bonn "unsere Zukunft" genau überdenken. Sie haben ein Programm, und bei der Überwindung der "Teilung Europas" verfallen sie nicht auf so primitive Parolen wie "Volk ohne Raum". Der Mangel, den der eine oder andere Volksteil leidet, weil er ihn verordnet bekommt, wird nicht in die Vorstellung übersetzt, hier fehle es an natürlichen Reichtumsquellen und Lebensbedingungen. Es ist der Nutzen des Volkes für die Politik, der hier ganz abstrakt eingeklagt wird! Wenn Politiker mehr "Leben" schlechthin fordern, so deswegen, weil der Staat verfügbares Material im Blick hat. Dazu heißt die Parole "Viele Deutsche!", denn sonst gibt es einen "Staat ohne Volk"!
Dieses Motto heißt zwar höflich "Ausländerfrage", doch wird auch in der demokratischen Sprachregelung nur eine Antwort zugelassen. Wer die Ausländer, ihre mißlungene "Integration" und anderes als "Problem" dingfest macht, dem ist die eine große Erleuchtung gekommen: Sie sind keine Deutschen! Auch hier zählt der Einwand nichts, daß sie sich doch als brave Manövriermasse der deutschen Wirtschaft bewährt hätten, die Ausländer; daß sie insofern durchaus den Mangel an Bevölkerung beheben könnten, der so beklagt wird. Daß diese Leute aus ganz Europa brav gearbeitet und Steuern bezahlt haben, will das "Wende"-Team sicher nicht bestreiten. Daß vom Standpunkt benutzter Lohnarbeit nichts gegen die Fremden einzuwenden ist, wissen die Hüter der Nation selbst am besten. Sie haben dieser rentablen Mannschaft ja selbst zum rechtlichen Status einer Reservearmee der deutschen Wirtschaft verholten. Aber erstens sind die Geschäfte mit ihnen jetzt nur noch teilweise rentabel zu gestalten - alle werden ja nicht gleich ausgestellt und abgeschoben, sondern zunächst einmal nur die Unbrauchbaren. Und zweitens will man sie aus grundsätzlichen Erwägungen nicht behalten.
Wer jetzt, nach 25-jähriger Benutzung der Ausländer, entdeckt, es gäbe hierzulande zu viel von ihnen, und sie würden auf die Dauer auch gar nicht so richtig herpassen, sieht in den ehemaligen Gastarbeitern mehr als ein Kosten-Problem. Er betrachtet sie als Untertanen eines anderen Staates, die hierhergekommen sind aus "Berechnung": um des relativen Vorteils willen, in Deutschland im Unterschied zu daheim aus ihrer Arbeitskraft ein paar Mark zu machen. Ihre anderen Sitten kommen daher höchstoffiziell ins Gerede: Auch wenn sie "kulturelle Identität" heißen, beweisen sie nur die Reserve dieser Leute gegenüber den heute anstehenden nationalen Diensten, die nur von echten Deutschen mit der entsprechenden Gesinnung zu haben sind. Deswegen werden auch deutsche Nationalisten ohne die dazugehörigen Sprachkenntnisse ins Reich geholt - der Hauptposten an "Integrationswillen" ist von denen absolviert -, während die Knechte von Jahrzehnten deutschen' Wachstums abgeschoben werden.
Das Bedürfnis nach loyalen Deutschen, die sich vermehren und auf ihre Elite hören, wächst im Bonn der "Wende" täglich. Eine bedingungslos treue Gefolgschaft braucht "unser Land" - was hat es da wohl vor?
Die sehr liberale Kalkulation mit den Regierten als Menschenmaterial, das speziell dem deutschen Staat - seiner Zahl und seiner Eigenart nach - genehm ist oder in die Quere kommt, ist schlichter Rassismus. Er kündet vom letzten nationalen Dienst.