Der
Staat hat
eine Kritik an seinem Bildungswesen: Die Ausbildung deutscher
Hochschulabsolventen dauert ihm im europäischen Vergleich zu lange,
kostet ihn
zu viel und sie ist ihm zu wenig auf die spezifischen Bedürfnisse der
Arbeitswelt zugeschnitten. Außerdem bringe sie im internationalen
Vergleich zu
wenige Spitzenleistungen, z B. Nobelpreise, hervor. Diese Kritik
hat er in
die Praxis umgesetzt. Die gymnasiale Schulzeit wurde auf 8 Jahre
verkürzt und
dabei das Lernpensum verdichtet. Die universitäre Bildung wurde
modularisiert,
die Zwischenprüfung zum eigenständigen Universitätsabschluss (Bachelor)
erklärt, das weitergehende, vertiefte Studium (Master) stark beschränkt
und den
Studenten ein Beitrag zur Finanzierung ihrer Ausbildung abverlangt, in
die auch
‚die Wirtschaft‘ verstärkt einbezogen wird.
Sehr
deutlich wird also klargestellt, wozu in dieser Gesellschaft
Bildung da ist:
Erklärtermaßen soll sie kapitalistischen und öffentlichen
Arbeitgebern
junge und für ihren Bedarf passend qualifizierte Arbeitskräfte liefern.
Insofern interessiert das Wissen als Qualifikation: Vermittelt
wird, was
den jeweiligen Arbeitgebern dient und die Lernenden diesem Bedarf
dienstbar
macht. Die Vermittlung dieses Wissens ist in der Form des
Leistungsvergleichs
organisiert, d. h. an der Wissensaneignung pro Zeit sollen sich
die
Lernenden unterscheiden. Bezwecktes Resultat dieser
Konkurrenzveranstaltung ist
die Auseinandersortierung der Schüler und Studenten in eine
differenzierte
Hierarchie von Bildungsabschlüssen. Diese sind ihrerseits
Zulassungsvoraussetzungen
zur hierarchisch gegliederten Welt der Arbeitsplätze, die die
Arbeitgeber zur
Verfügung stellen, – und von denen hängen bekanntlich die
Einkommenshöhen ab,
die die Lebensverhältnisse in der Klassengesellschaft bestimmen.
Mit
dem
erfolgreichen Durchlaufen der schulischen Selektion ist für diejenigen,
die der
Aussortierung in die unangenehmen und schlecht bezahlten Berufe fürs
Erste
entgangen sind, der Durchsetzungskampf gegen andere im
Leistungsvergleich am
Wissen nicht vorbei. Die Selektion geht an der Universität weiter: Wer
die Uni
nicht mit dem Bachelor verlassen will, der einem bestenfalls Aussichten
auf die
Jobs knapp über der Nicht-Studierten, der Angestellten mit
Berufsausbildung,
eröffnet, muss schauen, dass er noch mindestens ein Master-Studium
anhängen
darf. Dafür reicht die bloße Aneignung von „Lernstoff-Modulen“
wie in den ersten Bachelor-Semestern nicht
mehr aus. Wer zum Master-Studium zugelassen werden will, muss mehr
bringen: Zu
bewähren haben sich die Studierenden nun daran, sich – in Konkurrenz
gegeneinander, versteht sich – als überdurchschnittlich kenntnisreiche
und selbstbewusste
Vertreter ihres Fachs darzustellen. Wirtschaft und Staat wollen in
ihrer Elite
nicht Mitmacher, sondern Überzeugungstäter. Auch wenn aktuell der
Anspruch
erhoben wird, dass das auch in kürzerer Zeit und für den Staat billiger
zu
schaffen sein muss als im abgeschafften Diplom-Zeitalter:
Führungsqualitäten
sollen die zukünftigen Führungskräfte unbedingt erwerben.
Gute Gründe und schlechte Begründungen für Protest
Schüler
und Studenten bekommen „Leistungsdruck“ zu spüren; sie
erfahren, dass
ihre Schul- und Studienzeit mit „G 8, Verschulung,
Regelstudienzeit und
Dauerüberprüfung“ ungemütlicher wird – dass sie damit unzufrieden
sind, ist
absolut verständlich. Leider zieht die Mehrzahl der Betroffenen daraus
keine
Schlüsse, welchem Zweck ihr Ärgernis geschuldet ist: Nämlich,
dass
Bildung im Kapitalismus zu nichts anderem als zur Durchsetzung im
‚Wettstreit‘
der Nationen ihren Beitrag leisten soll. Bildung ist also nicht zum
Nutzen und
zur Aufklärung der Studierenden da, vielmehr haben diese dem
Vorankommen von
Wirtschaft und Nation zu dienen. Anstatt diesen Grund ihrer
Misere aufs
Korn zu nehmen, stellen sich die Verfasser der meisten Aufrufe zum
Bildungsstreik neben die schlechte Realität des Bildungswesens
und
halten ihr die eigene Idealvorstellung von einem guten Bildungswesen
entgegen.
In der haben sie vom real existenten Bildungssystem alles abgezogen,
was sie
stört. Ihre Gegnerschaft zum wirklichen Bildungswesen führen sie mit
dem
Vorwurf, dass es höhere Werte missachte, denen Bildung eigentlich
zu entsprechen
hätte. Die beklagte Wirklichkeit nehmen sie nur zur Kenntnis als
Abweichung von
einem jahrhundertealten, von ihnen selbst so genannten Bildungs-Ideal
–
also von etwas, das eingestandenermaßen noch niemals irgendwann als
Leitfaden
für die Praxis der Bildung Gültigkeit hatte.
Was
taugt es, der
Bildungsreform
das humanistische Bildungsideal entgegenzuhalten?
Wogegen
die wirkliche Bildung demnach verstößt, ist
„das humanistische
Ideal einer
zur kritischen Reflexion befähigenden, gemeinwohlorientierten
Bildung“
ein
Ideal, welches seit jeher zum Bildungswesen dazugehört und gegen dessen
Missachtung sich nicht nur kritische Studenten, sondern
bezeichnenderweise auch
konservative Presseorgane wenden:
„Für
Studenten heißt die neue Bologna-Wirklichkeit: Zielstrebigkeit ohne
Umwege und
Sackgassen. Neugier, Erkenntnisinteresse, selbständiges Denken – also
alles,
was höhere Bildung ausmacht – bleiben auf der Strecke.“ (FAZ,
19.6.09)
Mit
diesem Ideal wird nicht behauptet, dass Lehrinhalte in Frage gestellt
werden
sollten, schon gleich nicht, dass in ihnen wissenschaftliche Fehler und
Parteilichkeit für die herrschenden Zustände zu kritisieren wären,
sondern
alles gebilligt, was zum Studienstoff gehört; der Haupteinwand dagegen
ist: zu
viel, zu dicht, zu wenig Zeit. Damit soll auch keinerlei Kritik am
Zweck des
Ausbildungswesens geübt sein. Dieser Mahnung zufolge hat die Aneignung
des zu
erlernenden Wissenskanons so lange einen Mangel, solange er nur
„auswendig
gelernt“ und „nachgebetet“, anstatt selbstbewusst und überzeugt
vertreten wird.
Zwar geht „Denken“ sowieso nicht anders als „selbstständig“,
aber
was die rechte „Zeitung für Deutschland“ meint und womit sie den
Demonstranten
mal recht geben will, ist klar: Damit sich die Studenten ihr Fachwissen
aktiv zu eigen machen, brauchen sie Gelegenheit für „Umwege und
Sackgassen“; anstatt zum etablierten Wissenskanon geführt
zu werden,
sollen die Studenten selbstständig den Weg zu ihm finden. Das gehört –
nach
Auffassung der rechten Elitezeitung – unverzichtbar zur Qualifikation
des
Führungspersonals, das als gesellschaftliche Elite in der Lage sein
soll, im
Interesse der zukünftigen privaten und öffentlichen Arbeitgeber die
gewünschten
Dienste zu verrichten: Die Aneignung von Wissen auf dieser Ebene solle
sich unbedingt
mit dem Standpunkt und dem Selbstbewusstsein verbinden, das alles aus
freien
Stücken zu tun! Das erst mache „höhere Bildung“ aus.
Wer mit diesem
für die real existierende Gesellschaft parteilichen
Elite-Ideal nichts zu tun haben und statt dessen wirklich „kritisch
sein“
und „richtig kritisieren“ möchte, dem bleibt es nicht erspart,
das dann
auch zu machen, anstatt einen Antrag bei der Kultusbehörde zu stellen,
endlich
eine Lehreinheit „kritisches humanistisches Reflektieren“
einzurichten.
Oder glaubt jemand wirklich, dass beim Staat Geld für eine Kritik
locker zu
machen ist, die die Zwecke seines (Aus)Bildungswesen aufs Korn nimmt?
PS: Zweifelhaftes Lob des studentischen Protests und „konstruktiver Dialog“ mit der Politik
In vielen
Aufrufen und
v. a. in den Beiträgen der Medien, die dem Studierendenprotest
attestieren, er mache dankenswerterweise auf ein sträfliches Versäumnis
der
Bildungspolitik aufmerksam, wird „mehr Bildung“ gefordert mit
dem
Argument, von ihr hänge schließlich die Zukunft der ganzen Nation,
insbesondere
der nationalen Wirtschaft, ab. Diese werfen der Politik vor, vergessen
zu
haben, dass „Bildung
unser einziger Rohstoff“ sei und machen Vorschläge, wie
man
Unterricht und Studium so „reformieren“ sollte, dass aus der
Bundesrepublik
Deutschland wieder eine „Bildungsrepublik“ werde. Typisch dafür
ist die
Petition der bayerischen LandesAstenKonferenz (LAK) an den Bayerischen
Landtag:
„Angesichts
des herrschenden Fachkräftemangels halten wir es für äußerst
kontraproduktiv,
talentierte junge Menschen von einem Studium abzuhalten.“
Wer so
protestiert,
führt sich als ideeller Ressourcenverwalter auf. Ihm ist es
offensichtlich
selbstverständlich, dass Wissen für keinen anderen Bedarf da ist als
für den
der heimischen kapitalistischen Wirtschaft und seiner Verwaltung.
Bildung
braucht es in dem Maße, wie sie dem nationalen Standort nützt! Wer so
argumentiert, lässt sich mit den wirklichen Ressourcenverwaltern auf
einen – im
schlechten Sinne konstruktiven – Dialog
ein: Bei dem bekommt er zu hören, dass ein „Bummelstudium“ natürlich
auch nicht
nützlich, sondern „äußerst
kontraproduktiv“ sei; dass die Wirtschaft nicht nur hoch
qualifizierte Masters brauche, sondern auch halb qualifizierte
Bachelors; und
dass es dem Standort nütze, wenn sich an den Kosten zur Ausbildung der
Ressource ‚Fachkraft‘ auch Sponsoren aus der Wirtschaft und –
Studierende mit
Studiengebühren beteiligen. Sollen derart konstruktive
Beschwerden auch
als willkommene Bestandteile der Protestbewegung verstanden werden?