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GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 26.
Oktober 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 27.
Oktober 2009
Wahlen in Afghanistan –
Grund, Zweck und Scheitern einer blutigen Farce, inszeniert von
einer lokalen Marionettentruppe unter der Regie des Freien Westens,
durchgesetzt von den Soldaten der Nato unter Mitwirkung der Bundeswehr
bei geringer Anteilnahme des Publikums unter dem Beifall der
demokratischen Presse bei vereinzelten Buhrufen gegen den
Hauptdarsteller.
Jetzt muss die Klamotte mit dem Titel „Wahlen in Afghanistan“ glatt ein
zweites Mal aufgeführt werden, weil der Hauptdarsteller zwar als
„bestgekleideter Politiker“ des Landes unangefochten ist, der Beschiss
zu seinen Gunsten beim Urnengang Runde 1 aber so dreist ausfiel, dass
die Schiedsrichter von UNO und Nato ihn zum Da Capo nötigen mussten.
Dabei hat schon den ersten Wahlgang im von westlichen Truppen
okkupierten Lande der Paschtunen eigentlich niemand wirklich gewollt:
Die Kollaborationsregierung des demokratisierten Warlords Karsai
wusste, dass ihr Sieg ohne Betrug nicht geht, und die Besatzungsmächte
haben sich vom „Nation Building“- Projekt der Bush-Administration
emanzipiert und wollen bloß noch eine Rückkehr der Taliban an die
Regierungsmacht verhindern. Zu diesem Zweck, kommt es darauf an, in
Afghanistan die Militäroperation so weit voranzutreiben, dass der davon
ausgehende Terror nicht bloß den bewaffneten Widerstand entscheidend
schwächt, sondern auch im Volke die Bereitschaft zur Kollaboration mit
der Regierung in Kabul erzwingt, weswegen die „Kolateralschäden“ bei
Luftschlägen immer „unvermeidlicher“ werden.
Ob die eingesetzten Machthaber da die demokratische Reifeprüfung freier
Wahlen bestehen ist vergleichsweise scheissegal, zumal auch Paten im
Nato-Hauptquartier nicht sicher sein konnten, dass eine überzeugende
Mehrheit der Einheimischen die korrupte Clique um Karsai oder die mehr
oder weniger anrüchigen „Oppositionellen“ auch noch freiwillig wählen
würden. Die Kräfte des Widerstands, angeführt von den Taliban, halten
die Inszenierung der Wahlen um die Macht im Kollaborationsregime für
eine Provokation, mit der ihre Vertreibung aus Kabul mittels eines
6wöchigen Flächenbombardements und der Status ihres Landes als einer de
facto Kolonie der USA legitimiert werden soll. Entsprechend gehen sie
gegen den Wahlakt vor und behandeln die dafür vorgesehen Wähler als
Verräter im Dienste fremdet Mächte.
Der Zeitpunkt für den Urnengang wurde nicht freiwillig gewählt: Er
verdankt sich dem Prozedere einer Verfassung, die der Westen
Afghanistan verpasst hat und die er wohl deshalb nicht so ohne weiteres
selber missachten kann. Dabei ist das Timing denkbar schlecht: Die
Taliban sind in der Offensive und es wird darüber spekuliert, ob ihr
Übergang von „der Guerilla zum Partisanenkrieg“ unmittelbar bevorsteht.
Angesichts der fehlenden Kontrolle des Kabuler Regimes und seiner
Schutztruppen über das Territorium und das Staatsvolk erweist sich
wieder einmal, dass die Unterstellung bei der Operation Enduring
Freedom, der Krieg in Afghanistan sei gewonnen und es ginge jetzt um
die militärische Unterstützung beim Aufbau eines demokratischen, d. h.
prowestlichen Staatswesens, ideologisches Wunschdenken ist: Die Taliban
sind damals aus Kabul abgezogen aber nicht besiegt worden, weder
militärisch noch politisch! Das hat inzwischen dazu geführt, dass die
Nato in Afghanistan zunehmend einen Krieg gegen Afghanistan führt und
dazu passen „freie Wahlen“ wie die „Wiederaufbauhilfe“ zum täglichen
Massaker an Zivilisten zwecks „Selbstverteidigung“ der freiwestlichen
Soldateska!
Die einzige relevante Entscheidung, auf die es in Afghanistan den dort
leben müssenden Völkerschaften ankommt, pro oder contra Fortdauer der
Besatzung und des bewaffneten Widerstands gegen sie, das ist gerade
keine Wahlentscheidung und sie wird von ihren Veranstaltern auch nicht
zur Wahl gestellt. Der Witz demokratischer Wahlen, dass bei allen
relevanten Beteiligten unter Wählern und Gewählten die Staatsraison,
deren personelle Verwaltung mittels Kreuz abgehakt wird, unumstritten
ist, ist beim Urnengang am Hindukusch wirklich einer. Die Karsais,
Abdullahs und sonstigen Führungsfiguren der afghanischen Gesellschaft
sind in einem ganz grundsätzlichen Sinne uneinig darüber, was aus
Afghanistan werden soll, denn es gibt keine afghanische Staatsräson
getrennt von ihrer persönlichen Verfügung über die mit dem Amt
verbundenen Mittel und in dieser Frage sind die verschiedenen
Volksgruppen- und Clanchefs erbitterte Konkurrenten. Und zwar um die
Geld- und Machtmittel und die machtvolle Unterstützung des westlichen
Auslands, die demjenigen zufallen, der das Präsidentenamt erobert.
Dafür ergänzen sie ihre Konkurrenz um eine Kooperation, bei der sie im
Tausch gegen Ämter in der künftigen Regierung die Stimmen ihrer
abhängigen Klientel verhökern.
Sayed Yaqub Ibrahimi in der SZ vom 22. 7. nennt das nicht unzutreffend
„Demokratie als Theater“:
„Wenn die Leute die Kandidaten
tatsächlich unterscheiden wollen, müssen sie auf deren Gesichtszüge
schauen – die geben Auskunft über Stammeszugehörigkeit, Religion und
geographische Herkunft der Bewerber ... keine politischen Parteien ...
Kräfte, die ... durch Gewalt und die Einflößung von Furcht an
Wählerstimmen (zu gelangen versuchen) ... Die Menschen betrachten die
Wahl lediglich als den legalen Weg, sie unter die Kontrolle von
Warlords und der Drogenmafia zu bringen ... eine Show um eine bereits
ernannte Figur zu legitimieren ... Drehbuch von den USA geschrieben,
und der Sieger ist bereits ernannt.. Diese Wahlen werden kurzfristig
für die Demokratie in Afghanistan nichts bedeuten. Aber sie können die
Menschen mit einem demokratischen System vertraut machen – langfristig
werden sie es vielleicht einmal auf die richtige Art anwenden.“
Während bei der Kür der personellen Ausstattung der Staatsmacht mittel
Stimmzettel hierzulande die Bürger im Staat das politische Subjekt der
Ökonomie schätzen und der zwar falschen aber sehr demokratischen
Auffassung sind, durch die Delegation ihrer Interessen an die zur Wahl
stehenden Charaktermasken würde über die Mehrung des Reichtums der
Nation auch für sie zumindest ein Auskommen abfallen, kann in
Afghanistan von so etwas wie einer nationalen Ökonomie nicht die Rede
sein. Der einzige Exportschlager, der im Lande produziert wird, ist
außerhalb der Grenzen illegal und ausgerechnet die verjagte
Talibanregierung ist es gewesen, die den Opiumanbau auf Null gedrückt
hat. Jetzt ist in jeder Zeitung nachzulesen, dass an dem Stoff alle
verdienen, die sich in Kabul um die Posten bewerben. Das „demokratische
Leben“ findet allen Berichten zufolge in einem wechselseitigen
Geschacher um die Pfründe statt, die in Afghanistan weitgehend durch
die Hilfe von außen gefüllt werden, weswegen die kritischen Beobachter
da keine Spur von „Zivilgesellschaft“ entdecken können, sondern einen
einzigen Sumpf von Veruntreuung ausgerechnet der Gelder, die „wir“,
sprich: die involvierten Nato-Regierungen da hineinpumpen, um unsere
große Freiheit auch noch am Hindukusch zu verteidigen.
Den ausführlichen Schilderungen der Wahlvorbereitung ist unschwer zu
entnehmen, dass die Abhaltung von Wahlen schon eine Gewaltfrage und
ohne ein massives Aufgebot von zusätzlichen Sicherheitskräften nicht zu
haben ist. Klar ist – und auch das erfährt man aus der Zeitung -, dass
Wahlen unter solchen Bedingungen nicht regulär ablaufen.
Dennoch: Die Afghanen sollen mitten im Krieg unbedingt zum Wählen
gehen. Warum und wofür eigentlich? Die Fiktion, als gäbe es so etwas
wie eine gewählte und legitimierte afghanische Regierung, die sich nach
vier Jahren erneut den demokratischen Auftrag zum Regieren holt, die
soll in den Wahlen bestätigt werden. Unverfroren wird den Leuten
zugemutet, unter Gefahr für Leib und Leben massenhaft Wahllokale
aufzusuchen, damit der Krieg des Westens gegen die Anhänger des 2001
gestürzten Taliban-Regimes als die von einer gewählten Regierung
angeforderte „Unterstützung beim Kampf gegen Terroristen“ firmieren
kann, so als hätten die Regierung und die auswärtigen Besatzer
gemeinsam die Lage im Prinzip unter Kontrolle. Das ist auch eine Weise
zu sagen, dass Wahlen von der Macht desjenigen zeugen, der sie ansetzt.
„Demokratie wagen!“ auf Afghanistan angewendet heißt, mitten in einem
asymmetrischen Krieg gegen den Willen der ortsansässigen
Widerstandsbewegung Wahlen erzwingen, um damit zu demonstrieren, dass
man weitgehend Kontrolle über das Land hat. Es wird die Fiktion
aufgemacht, der vollständige Sieg und die Herstellung geordneter
Verhältnisse wäre nur noch eine Frage der Zeit. Klar, dass die Taliban
das ungefähr genauso sehen und alles tun, damit die Wahl kein Erfolg
für das Kompradorenregime wird. Die zum Wählen abkommandierten,
bestochenen, zwangsweise mit Lastwagen der Kabuler Armee und der
Besatzungstruppen herbei gekarrten Volksgenossen fungieren dabei als
Erfolgsmeldung der gewaltsamen Durchsetzung der Besatzungsmächte und
der von ihnen unterstützten Regierung gegen die Taliban. Dass unter
diesen wüsten Verhältnissen überhaupt Wahlen durchgeführt werden
konnten, wird als Votum für die Ordnung, die der Krieg der westlichen
Besatzungsmächte erst noch erzwingen muss, genommen.
Fürs Gelingen dieser Inszenierung ist freilich das Wahlergebnis und wie
es zustande kam, nicht unwichtig: Die Wahl soll ja nicht nur ein
punktueller Erfolg gegen die Taliban sein, sondern einen Beitrag zur
dauerhaften Sicherung Afghanistans als NATO-Protektorat leisten, in dem
nicht gleich wieder „Terroristen“ die Macht ergreifen, wenn die
Besatzungstruppen abziehen. Dazu soll eine lokale Führung etabliert
werden, die sich glaubwürdig auf die Zustimmung der Mehrheit des
afghanischen Volkes berufen kann. Der Widerspruch dieses Ideals von
einem populären Marionettenregime, das die Zwecke fremder Mächte
bedient, die dabei sind, das Land in die Steinzeit zurückzubomben,
rächt sich an den trostlosen Figuren, die sich um diese Aufgabe rangeln
und die in den westlichen Medien eine zunehmend schlechte Presse
haben.