Übersicht
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 13.
Oktober 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 15.
Oktober 2009
Töten & Sterben für Deutschland als Sprachregelungsproblem:
Warum man den Einsatz der Bundeswehr im Krieg der NATO gegen
Afghanistan immer noch nicht so nennen soll
Jedes Mal, wenn ein Soldat im Lande der Paschtunen für sein deutsches
Vaterland umkommt, treiben sich Politiker und Macher der öffentlichen
Meinung einige Wochen lang in der Frage umher, ob der
Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan denn wohl als „Krieg“ bezeichnet
werden dürfe. Eine einigermaßen merkwürdige Fragestellung, möchte man
meinen. Denn dass die deutsche Regierung wild entschlossen ist, dem
wachsenden Widerstand der Taliban nicht aus dem Weg zu gehen, die
militärische Konfrontation für sich zu entscheiden und dabei keine
Opfer zu scheuen – „Der Einsatz
müsse trotz der Opfer weitergehen, um den Terroristen entgegenzutreten.“
(Verteidigungsminister Jung, SZ, 24.6.09) –, steht fest; und dass
dieser politische Beschluss bereits in die Tat umgesetzt worden ist,
die Truppe längst die Instruktionen für einen „Kampfeinsatz“ erhalten
hat, ebenso:
„Auch die Bundeswehr hat ihre Taktik
geändert. Galt bisher die Devise ‚Durchstoßen‘, wenn eine Patrouille in
brenzlige Situationen geriet, so nehmen die Soldaten jetzt den Kampf
an. Dann werden schnellstmöglich zusätzliche Kräfte zur Hilfe
herangeführt … Auch Luftunterstützung durch amerikanische
Kampfflugzeuge wird immer öfter angefordert.“ (SZ, 24.6.09).
Dass die deutsche Armee im Ausland unterwegs und mit Töten und Sterben
beschäftigt ist, ist der selbstverständliche Ausgangspunkt einer
munteren Erörterung der Gesichtspunkte, die bei der Namensgebung eines
solchen Militär-Engagements zu berücksichtigen sind.
Der wirkliche Grund der Bundesregierung, ihre Beteiligung am
Afghanistan-Krieg nicht beim Namen nennen zu wollen, ist so alt wie der
Krieg selbst und so grundsätzlich, dass er über zwei Legislaturperioden
und wechselnde Koalitionen hinweg Bestand hat:
„Am Anfang legte die damalige
Bundesregierung Wert auf eine strikte Trennung der Unterstützungs- und
Sicherungsaufgaben der Internationalen Schutztruppe (Isaf) vom
Kampfauftrag des ‚Unternehmens Nachhaltige Freiheit‘ unter
amerikanischem Befehl. Sie lehnte insbesondere eine gemeinsame
Kommandostruktur für beide ab. Diese wurde dann später von der Nato mit
deutscher Zustimmung aus praktischen Gründen geschaffen, weil die Lage
es erzwang.“ (Rühl, FAZ, 22.7.)
Deutschland will in diesem Fall, im Unterschied zum Irak-Krieg, an der
Einrichtung einer dem Westen genehmen neuen Ordnung beteiligt sein und
seinen Einfluss auf diesem Schauplatz geltend machen. Dies allerdings
nicht als Befehlsempfänger und Erfüllungsgehilfe des großen Alliierten,
wie es dessen Administration vorschwebt. Man widersetzt sich zunächst
dem amerikanischen Antrag auf ein gemeinsames Oberkommando der
Streitkräfte, legt Wert auf die Betonung, dass ein Nato-Mandat etwas
ganz anderes ist als die amerikanische Operation „enduring freedom“,
macht gegenüber jeder Forderung nach Truppen und Militärgerät seinen
„Souveränitätsvorbehalt“ geltend und setzt lauter eigene Bedingungen
für den deutschen Kriegsbeitrag. Der konzentriert sich auf die
Besetzung und Sicherung des afghanischen Nordens und wird in unablässig
betonter Absetzung von der amerikanischen Vormacht und ihrer
Kriegsführung als reine, militärisch abgesicherte Aufbauhilfe definiert.
Die Entwicklung der Kämpfe hat aber im Lauf der Jahre dieser schönen
Unterscheidung die Grundlage entzogen: Während zunächst die
US-Streitmacht mit ihren verbündeten Truppen bei ihrer Jagd auf die
Taliban das Land in Schutt und Asche legt, das deutsche Militär dagegen
in seiner vergleichsweise ruhigen Besatzungszone quasi Polizeiaufgaben
ausübt, eskaliert der Krieg nach und nach und die deutschen Truppen
werden zunehmend in Kämpfe verwickelt.
Einen Anlass, von ihren alten Sprachregelungen Abschied zu nehmen,
sieht die deutsche Regierung darin – bislang – nicht. Schon gleich
nicht im Jahr der Bundestagswahl. Im Gegenteil: Das leicht paradoxe
Bemühen um eine Distanzierung von dem Krieg, den man dermaßen zur
nationalen Sache gemacht hat, dass bereits der nächste
Zehn-Jahres-Einsatzplan vorliegt, treibt seine Blüten:
– Würde Deutschland Krieg führen, wäre die eigene Militärpräsenz in
Afghanistan als Besatzung zu bezeichnen – aber das kann unmöglich sein:
„Verteidigungsminister Jung vermied
diesen Begriff, ‚weil das kein Krieg ist‘. ‚Das wäre falsch, das so zu
formulieren‘, sagte Jung. Er verwies darauf, dass Deutschland nicht als
‚Besatzer‘ in Afghanistan sei.“ (FAZ, 25.6.) „Man befinde sich mit Afghanistan nicht im
Krieg, sondern kooperiere mit der legitimen Regierung.“
(Ministeriumssprecher, SZ, 25.6.)
Deutschland leistet gewissermaßen nur Amtshilfe zu Gunsten der
afghanischen Regierung, die – im Unterschied zur Vorgängerregierung der
Taliban, die mit einem Bombenhagel der Nato-Vormacht in einem Akt der
‚Selbstverteidigung‘ gerechterweise aus dem Amt gejagt werden musste –
echte Legitimität für sich beanspruchen kann – jedenfalls bei ihren
mächtigen Geburtshelfern und Paten. Bedauerlicherweise ist diese
Auffassung im Land außerhalb des Kabuler Präsidentenpalastes nicht
sehr populär, weswegen die Interventionsmächte quasi gar nicht umhin
kommen, der von ihnen legitimierten Regierung unter Beachtung
völkerrechtlicher Grundsätze militärisch zur Kommandogewalt über das
Land zu verhelfen und deren Gegnern den Garaus zu machen.
– Vom Krieg als Krieg zu sprechen, käme glatt einer Geringschätzung des
wichtigsten Kriegszieles gleich:
„Es gehe um den zivilen Aufbau, um
‚vernetzte Sicherheit‘. Das Wort ‚Krieg‘ setze da einen völlig falschen
Akzent.“ (Jung, Spiegel, 29.6.)
Mit der Erledigung des Gegners ist die Mission längst nicht beendet.
Gelungene Weltordnung, wie man sie in Deutschland buchstabiert,
vollendet sich erst im Aufbau „ziviler Strukturen“, vorrangig der
Schaffung einer loyalen afghanischen Polizei und Armee, um dem Ziel
einer „selbsttragenden Sicherheit“ näher zu kommen. Die „Sicherheit“,
die „Deutschland am Hindukusch verteidigt“, verlangt ein Regime, das
auch ohne die dauerhafte Präsenz auswärtiger Truppen dafür einsteht,
dass Afghanistan wunschgemäß regiert wird.
– Außerdem soll es in Afghanistan, wie der seiner Regierung als loyale
Opposition
zur Seite springende Grüne Nachtwei zu berichten weiß, sogar
Ecken geben, in denen keine Kriegshandlungen stattfinden, weswegen –
ohne „Pauschalurteil“ – nun wirklich nicht von einem Krieg gesprochen
werden kann:
„Es gibt kein passendes Wort für die
Situation in Afghanistan. Es ist eine Gemengelage verschiedener
Konfliktsituationen: vom Guerillakrieg in einzelnen Distrikten über
Schwerstkriminalität bis hin zu Boomregionen … Das Etikett ‚Krieg‘
daranzuhängen hat sozusagen den Vorteil: Es klingt ehrlich. Aber als
Pauschalurteil ist das auch falsch.“ (FAZ, 25.6.)
– Die Kennzeichnung des deutschen Einsatzes als Krieg könnte sogar
unerwünschte Wirkungen zeitigen:
„Krieg würde auch betonen, dass den
Taliban Kombattantenstatus zustünde. Tatsächlich aber seien sie
‚Verbrecher, Terroristen und Kriminelle‘.“
(Ministeriumssprecher, SZ, 25.6.)
Es ist zwar nicht ganz einzusehen, welchen Vorteil sich der
Kriegsgegner von einem Aufstieg zum „Kombattanten“ versprechen sollte;
Amerika jedenfalls hat kein Vermittlungsproblem zwischen seiner Rede
vom „War in Afghanistan“ und der Definition seiner Kriegsgegner als
„Terroristen“. In Deutschland hält man die säuberliche Unterscheidung
zwischen der eigenen legitimen Erledigung von „Verbrechern“ und deren
höchst illegitimer Gewalt hoch. Schließlich ist man per UNO-Mandat zur
Kontrolle anderer Nationen befugt. Die Bezeichnung „Krieg“ für den
eigenen Einsatz könnte eine ungewollte völkerrechtliche Aufwertung der
Taliban mit sich bringen und die eigene Herabstufung zu einem
gleichrangigen Kriegsgegner. Derlei Unschärfen müssen vermieden werden!
– Wer denen Vorschub leistet, muss wohl selber irgendwie „Taliban“
sein, wenn er auf deutschem Boden diese unselige Namensdebatte
entfesselt, wie der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Naumann
in der SZ vom 1.8. schwadroniert:
„Krieg? Das hätten die Taliban gern
... Deshalb schüren die Taliban diese Diskussion bei uns.“
Weswegen feststeht, dass diejenigen, die von „Krieg“ in Afghanistan
reden, dem Feind als ideelle Kollaborateure in die Hände arbeiten:
„Ihnen ist auch völlig egal, dass ihr
Beharren auf dem Wort Krieg für die Menschen in Afghanistan noch mehr
Leid und für unsere Soldaten zusätzliche Gefahr bedeuten.“ (ebd.)
– Schließlich gebietet auch noch ein ganz ziviler Gesichtspunkt der
Fürsorge für die eigenen Soldaten die Umgehung des umstrittenen
Ausdrucks: Lebensversicherungen verweisen in Erwartung größerer
Opferzahlen bereits aufs „Kleingedruckte“ in ihren Policen, in denen
beispielsweise zwischen „passivem“ und „aktivem Kriegsrisiko“
unterschieden wird, und auf ihren Unwillen, in einem wirklichen
Kriegsfall die bislang „kulant“ gehandelte Abwicklung von
Schadensfällen fortzusetzen.
In konsequenter Umschiffung ihres wirklichen Motivs präsentiert die
Regierung an lauter Nebenfronten gute Gründe, warum das „K-Wort“ zu
vermeiden ist, während sie mit überwältigender parlamentarischer
Rückendeckung – eine Ausnahme bilden die Linken – gleichzeitig und mit
aller Entschlossenheit der Truppe ihren „Kampfauftrag“ erteilt.
Das stößt in der demokratischen Öffentlichkeit zunehmend auf Kritik.
Ein „liberales Weltblatt“ wie die „Süddeutsche“ hält die
regierungsamtliche Wortklauberei fast schon für Wehrkraftzersetzung und
beruft sich dabei auf die kämpfende Truppe:
„Andererseits wünschen die Soldaten
auch, dass nun allmählich in der deutschen Öffentlichkeit anerkannt
wird, dass sie kein ‚bewaffnetes Technisches Hilfswerk‘ sind, wie
häufig gespottet wurde, sondern dass sie sich in einem veritablen Krieg
befinden.“ (SZ, 24.6.)
In Kriegsfragen ist nämlich nicht Verdruckstheit, sondern Ehrlichkeit
geboten. Das Volk muss für die Großtaten der Nation begeistert werden,
in dem man ihm nur reinen Wein einschenkt, ihm den Krieg, dessen
Risiken und Erfolgsperspektiven offen erläutert, ein wenig
Feindbildpflege betreibt und es darauf vorbereitet, dass vor der Wahl
mit Terrorangriffen zu rechnen ist. Dann ist wenigstens die Regierung
„unangreifbar“ und der Wahlkampf für die Führung und ihre
Militärmission keine „Gefahr“ mehr. Wer seinen Krieg daheim so
„offensiv vertritt“, der kann dann auch die Offensive gegen die Feinde
der Freiheit am Hindukusch munter in Angriff nehmen.