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GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 6.
Oktober 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 8.
Oktober 2009
Warum die schwarz-gelbe Koalition durch die Verlängerung der
Laufzeiten für Atomkraftwerke dem Energiekapital strahlende
Extraprofite garantieren will
Nach dem Wahlsieg der Christenunion und ihres neoliberalen
Wunschpartners FDP haben die Aktien der Energiekonzerne haussiert, weil
Merken und Westerwelle eins garantiert halten werden, was sie im
Wahlkampf versprochen haben: längere Laufzeiten für die deutschen
Atommeiler. Auf den vielfältigen nationalen Nutzen des Verfahrens, in
einem Haufen leicht angereicherten Urans eine „kontrollierte
Kettenreaktion“ in Gang zu setzen und zu halten, soll nicht einmal in
den von rot-grün sehr großzügig und langfristig gesetzten Grenzen
verzichtet werden. Erstens lässt sich nämlich damit jede Menge an
privatwirtschaftlichem Gewinn für die nationalen Stromversorger
produzieren, nachdem die Regierungen der alten BRD mit knapp 50
Milliarden DM plus ein paar kostenlosen Atomkraftwerken als
Anschubfinanzierung die „unerschöpfliche“ Strom- zu einer
leistungsfähigen nationalen Profitquelle entwickelt haben. Zweitens ist
die so in die Welt gekommene Atomwirtschaft volkswirtschaftlich
ungemein nützlich, weil sie die energetischen Betriebskosten für den
Kapitalstandort und sein Wachstum senkt, also das Bestehen in dem
„globalen Wettbewerb“ befördert, von dem wir alle leben. Verantwortung-
und zukunftsbewußte Energiepolitiker einer „rohstoffarmen Republik“,
die in dieser fundamentalen Frage nicht „angreifbar“ und von niemandem
„erpressbar“ sein darf, betonen drittens den Zuwachs an
Versorgungssicherheit hinsichtlich eines Grundstoffs ihres
kapitalistischen Wirtschaftsleben, also das Maß an nationaler
Autonomie, die ihnen eine „heimische“ Energiequelle in Gestalt von 19
Meilern und einem fertig entwickelten „nationalen Brennstoffkreislauf“
verschafft hat: Kernenergie trägt zuverlässig und kostengünstig ein
Drittel zum nationalen Stromgeschäft bei. Diese Fähigkeit, eine ganze
Sorte industrieller Energieproduktion national zu beherrschen und
kommerziell zu nutzen, ist viertens die beste Voraussetzung dafür,
weltweit seinen Teil zur „friedlichen Nutzung der Kernenergie“
beizutragen. Eine Nation vom Schlage der BRD stieg schließlich nicht
ins Atomgeschäft ein, bloß um billigen Strom für den heimischen Markt
im Angebot zu haben, sondern um mit ihren Nuklearartikeln auf dem
Weltmarkt erfolgreich zu sein. Mit schwarzrotgoldener Atomtechnik muss
sich, genau wie mit den anderen Exportschlagern made in Germany,
weltweit Geld verdienen lassen. Die Nachfrage steigt weltweit; gerade
die „Schwellenländer“ der „Dritten Welt“, die endlich „Schwelle“ hin zu
einem ordentlichen Kapitalismus überspringen wollen, sind potentielle
Abnehmer von den bekanntlich totsicheren deutschen Atomstromfabriken.
Fünftens kann die strategische Macht, die aus der Weltmarktführerschaft
von ziviler Atomtechnik erwächst, deren Verbreitung daheim wie auswärts
nicht unter das „Nonproliferation“-Regime fällt, für eine Nation, die
„freiwillig“ auf die Option einer eigenen Bombe verzichtet hat, nicht
hoch genug veranschlagt werden. Was ist schließlich der Besitz einer
Atombombe im Vergleich zu der nationalen Fähigkeit, über alle
technologischen Mittel ihrer Herstellung zu verfügen, die sich die
Republik im Laufe der Zeit nach und nach unter dem Firmenschild „zivil“
zugelegt hat. Also entscheidet ein weltweit führender Ausrüster bei der
kommerziellen „Proliferation“ dieser Güter, sechstens auch darüber, wem
diese brisante Technologie zusteht und wem nicht. Auch eine zivile
Atommacht erwirbt also mit ihren weltmarktfähigen nuklearen
Gebrauchsgütern die exklusive Fähigkeit zur Beaufsichtigung auswärtiger
Machtambitionen; deutscher Export ist hier gleichbedeutend mit der
Herstellung imperialistischer Kontrollmacht. Weswegen die BRD zum Kreis
der von der UNO mit der Erpressung des Iran beauftragten Mächte gehört.
Für vorausschauende nationale Energiepolitiker alles in allem also 6
unschlagbar gute Gründe für eine deutsche Atomkraftnutzung!
Entsprechend haben sie das Atomprogramm mit all ihrer Macht aufgezogen
und vorangetrieben.
Die andere Seite, das enorme nationale Schadenspotential dieser
„unerschöpflichen“ Energiequelle, liegt gleichfalls auf der Hand und
ist von den verantwortungsbewussten Standortpolitikern deutscher Nation
nie unterschätzt worden – kein Wunder bei ihrem anspruchsvollen
Programm, eine Atombombe auf eine geschäftlich lohnende Energiequelle
hin zu modifizieren. Der alltägliche Betrieb der AKWs schließt alle
möglichen garantierten Strahlen‚risiken‘ für Mensch und Material ein.
Und wenn bei der „kontrollierten Kettenreaktion“ nahe des „kritischen
Zustands“ mehr schief laufen sollte als beim Normalbetrieb mit seinen
regelmäßigen „Störfallen“ der Kategorien „N“ (Normal) bis „E“ (Eilt)
und eine Atomstromfabrik „durchgeht“, dann lässt sich die
Strahlenbelastung der Republik nicht mehr einfach in die „natürliche
Hintergrundstrahlung“ hinein rechnen. Dann geht ziemlich viel lebendes
wie totes Staatsinventar kaputt, und mehr oder weniger große Teile des
Standorts D sind auf unabsehbare Zeit nicht nur für das inter-nationale
Kapital „unbewohnbar“. Dass diese Sorte Energieproduktion der Nation
mehr beschert als nur unendlich viel günstige Elektrizität, war auch
schon längst vor dem ersten schwarzrotgoldenen Reaktorexperiment
bekannt: einmal abgesehen von den paar im Abbrand auch noch enthaltenen
Tonnen Plutonium, fällt eine gewaltige Menge an „schwach-“, „mittel-“
und „hochradioaktivem Abfall“ und damit ein unübersehbares
Entsorgungsproblem mit diesen gefährlichen Strahlenquellen an.
Zu ernsthaften politischen Zweifeln an dieser Sorte nationaler
Energieerzeugung, geschweige denn zu ihrer Infragestellung hat die von
der Atomenergie gar nicht zu trennende Produktivkraft in Sachen
Zerstörung und Strahlung jedoch nie geführt. Der Nutzen der Atomkraft
für die Erfolgsbilanz eines aufstrebenden bundesdeutschen Staatswesens
war dafür zu eindeutig. Also haben „die großen Sicherheitsrisiken mit
der Gefahr unübersehbarer Schäden“ ihre sachgerechte Berücksichtigung
erfahren, eben als das Problem, einen atomaren Nutzungsbetrieb
unbedingt machbar zu machen und die schädlichen Wirkungen auf ein
nationalverträgliches „Restrisiko“ herunter zudämmen. Das Verfahren ist
bekannt. Noch eine Umhüllung der Strahlung und noch eine „Redundanz“
der „Sicherungssysteme“, bis nach allen Regeln der
Wahrscheinlichkeitskunst die Rechnung der Reaktorsicherheitskommission
ergibt, dass der größte anzunehmende Unfall – Harrisburg hin,
Tschernobyl her – „praktisch“ ausgeschlossen ist und sich der
Normalbetrieb mit seinen diversen Störfällen im Durchschnitt an die
großzügig festgelegten staatlichen „Grenzwerte“ hält. Und hinsichtlich
der Entsorgungsfrage hat lange Zeit sogar der Standpunkt gegolten, dass
die verbrauchten Brennelemente viel zu schade sind fürs bloße
Vergraben, weil die „strahlende Erblast“ noch eine Menge atomaren
Brennstoff enthält, den es mit einer „Kreislaufwirtschaft“
aufzuschließen gilt, damit die Republik auch beim nuklearen
Brennstoffnachschub ein Stück weit autark wird.
Es ist kein Zufall, dass der „Atomaustieg“ in den 90er Jahren von der
Protestparole zur Regierungsalternative reifte. Das Problem der
„Versorgungssicherheit“ entspannte sich einigermaßen, seit die
Rohstoffquellen der Welt nicht mehr zu großen Teilen vom feindlichen
System okkupiert sind; die Atomwaffenfrage stellt sich fürs
„wiedervereinigte“ Deutschland in einer „wiedervereinigten“ Welt auch
ganz anders als unter einem der ersten bundesdeutschen Atomminister
Franz Josef Strauss selig; und so hat sich denn die
Recycling-Technologie mit Schnellem Brüter nach und nach als zu
unhandlich erwiesen, um für sich rentabel zu sein: nur deswegen leistet
sich die Nation ja überhaupt die Debatte, ob Atommeiler wohl auch noch
langfristig so perfekt wie bisher dem national-marktwirtschaftlichen
Kriterium Nummer 1 genügen: spottbillig Energie zu liefern – und dabei
noch selber Gewinn einzuspielen, betriebswirtschaftlich und überhaupt.
Auch die rot-grüne Koalition, die damals der Atomindustrie den
Austiegskompromiss mit 32-Jahren Restlaufzeit „abgerungen“ hat, nahm
dabei das sogenannte Restrisiko für Land und Leute billigend in Kauf:
Den Widerspruch, einerseits mit Totenköpfen und Särgen gegen AKWs zu
demonstrieren und andererseits ihren Betrieb für 3 Jahrzehnte
vertraglich abzusegnen, haben die zuständigen Minister der grünen
Partei ihrer Basis und ihren Wählern so erfolgreich verklickert, dass
seitdem in der Republik die weiter munter vor sich hin strahlenden
Meiler zum ganz normalen „Energiemix“ gerechnet wurden und sich Protest
auf den der Betroffenen Anwohner des Endlagers Gorleben reduzierte.
Selbst die regierungsamtlich akzeptierte Unverschämtheit zuständiger
Behörden und der von ihnen bezahlten Wissenschaftler, die letztes Jahr
den amtlich beglaubigten Zusammenfall von dramatisch erhöhten
Krebsfällen unter Anwohnern aktiver AKWs als „statistischen Zufall“
abschrieben, wurde ungerührt öffentlich zur Kenntnis genommen.
Beim Bürgerform vor der Wahl mit der Kanzlerin wollte niemand den
Widerspruch bemerken, wieso die Frau trotz ihrer Beteuerung der
absoluten Ungefährlichkeit und immensen Nützlichkeit von Kernenergie
sie nur als „Überbrückungsenergie“ verkaufen wollte, also irgendwie
auch die CDU den Bedenken der AKW-Kritiker letztendlich recht gibt.
Abschließend beschied Frau Merkel einen hartnäckigen Nachfrager in
Sachen Sicherheit von Atomkraftwerken mit der – zumindest den Frager
und das Restpublikum- entwaffnenden Lüge, die deutschen AKWs seien
allein deshalb schon sicher, weil sie und die anderen dafür
verantwortlichen Politiker sonst „niemals ihren Betrieb genehmigt“
hätten.
Solange die Bürger und mit ihnen die wieder auflebenden
Anti-AKW-Bewegung im Ernst glauben, die Politik ließe sich in der
nationalen Enegiefrage in letzter Instanz von der Maxime leiten, dass
die Gesundheit des Volkes vorgehe, sind sie sehr ungünstig bestrahlt.
Nicht nur in Afghanistan kann und will die Politik im Interesse der
Nation auf das letzte Opfer ihrer Bürger nicht verzichten.