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GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 21.
September 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 14.
September 2009
Die demokratische Wahl (I):
Von der Zuständigkeit der wahlkämpfenden Politiker zur Mündigkeit
des demokratischen Bürgers
Selbstverständlich spielt die Krise im Wahlkampf eine große, wenn nicht
die größte Rolle. Politiker wissen, was die Leute bedrückt; sie
erklären deren Probleme zu ihren eigenen und wollen sich damit
befassen. Die Krise, da wird nicht drumherum geredet, bedroht schon
jetzt die Existenz vieler Wähler und auch in den kommenden Monaten muss
mit einem ”Abbau von Arbeitsplätzen” gerechnet werden. Der
Lebensunterhalt der Leute ist Stoff für den demokratischen Wahlkampf,
dort wird die Frage aufgeworfen: Wie kommen die Leute zu ihren dringend
benötigten Arbeitsplätzen? Und alle Parteien versprechen höchsten
Einsatz, um Abhilfe zu erreichen.
Unausgesprochen steht damit eines von vornherein fest: Die Politiker
stehen nicht auf derselben Stufe wie die besorgten Leute, sie befassen
sich mit deren Existenzproblemen auch nicht aus Mitleid oder wollen
ihnen gute Vorschläge machen, wie sie mit ihren Problemen besser
zurechtkommen können - diese Politiker gehen ganz selbstverständlich
davon aus, dass die Probleme der Leute in ihre Zuständigkeit fallen.
Sie reden mit den Bürgern nicht von gleich zu gleich, sie stehen über
ihnen, an diese Adresse haben sich die Bürger zu richten. Die
Zuständigkeit der Politiker hat ihre Grundlage in der Macht, die sie
über die Lebensbedingungen ihrer Bürger haben. Sie nehmen sich der
Arbeitsplatzängste der Bürger an, machen aus der privaten Nöten eine
allgemein bedeutsame Sache, um die sie sich kümmern müssen, weil sie -
wie, das wird sich dann zeigen - darüber zu entscheiden haben. Mit
ihrer Macht sind sie die Instanz, der die vom freien Arbeitsmarkt
Gebeutelten ihre Interessen anvertrauen sollen, denn nur mit dieser
Macht lässt sich an den Lebensproblemen der Gebeutelten was ändern.
Ja, klar, werden jetzt die meisten sagen - so ist es, die Politiker
sind eben zuständig. Aber ist auch klar, was man damit abgehakt hat? Da
bekennen sich die wahlkämpfenden Politiker mit ihrer
Zuständigkeitserklärung dazu, dass sie zu den gefährdeten Bürgern eine
Stellung einnehmen, die zu denen bzw. zu deren Stellung genau
entgegengesetzt ist: Den machtlosen Bürgern stehen verantwortliche
Macher gegenüber, die von der “Arbeitsplatzproblematik” nicht betroffen
sind, die aber - eben als die Zuständigen, die etwas unternehmen können
- die Ursachen dieser “Problematik” im Griff haben. Das heißt dann doch
wohl aber auch, dass sie bei der Herstellung dieser “Problematik” ein
entscheidendes Wort mitreden. Und ausgerechnet deswegen sollen die
Betroffenen mit ihren Sorgen bei ihnen in den richtigen Händen sein
Anders ausgedrückt: Was die unguten Wirkungen der Freien
Marktwirtschaft angeht, soll und muss man den Politikern alle Macht zur
Bewältigung dieser Wirkungen zutrauen, aber der Grund dieser Wirkungen,
eben die Freie Marktwirtschaft, soll mit ihrer Macht gar nichts zu tun
haben, steht irgendwie ganz extern dazu. So bauen sie sich dann auf und
verlangen von den Geschädigten, als Sachwalter ihrer geschädigten
Interessen gewählt zu werden. Sie wollen also vom Wähler anerkannt
bekommen, dass ihre Macht für jede denkbare allgemeine Abhilfe
zuständig ist: Es ist nicht ihre Sache, für diese oder jene Einstellung
bzw. Entlassung zu sorgen, aber an den Bedingungen des Einstellens oder
Entlassens können sie Entscheidendes ändern. Damit wollen sie aber
nicht anerkennen, dass sie dann wohl auch zu den Urhebern der Notlagen
und Sorgen gehören, denen abgeholfen werden soll - wahrnehmen soll man
sie immer nur als solche, die erst beim Bewältigen der Schäden in
Aktion treten. Dass der Staat, also sie, den Kapitalismus eingerichtet
hat und mit seiner ganzen Gesetzesgewalt tagtäglich reproduziert,
darüber schweigen sich die Damen und Herren vornehm aus, aber die
Probleme, die er macht, sind ihre ureigenste Domäne. Sieht man die Welt
erst einmal so, dann sind die Probleme der Bürger lauter
Herausforderungen an die Machthaber, ihre Macht über die
Existenzbedingungen der Bürger besser zu gebrauchen. Und mit dieser
Sichtweise ist alles auf den Kopf gestellt:
Ganz prinzipiell zurückgewiesen ist als erstes, dass sich die
Betroffenen selbst um den Grund für ihre Lage kümmern, und zwar sowohl
theoretisch als auch praktisch. So schwierig ist es ja wirklich nicht,
darauf zu kommen, dass der Grund für die eigenen Existenznöte eine
unsichere Einkommensquelle ist. Davon ausgehend kann man sich dann
fragen, warum die Freie Marktwirtschaft diese Einkommensquelle so
grundsätzlich, also nicht dann und wann mal, sondern immerzu unsicher
macht. Das wäre die theoretische Seite. Nachdem man Jahrzehnte lang
mitbekommen hat, dass die Abhilfe, die einem die Politik zukommen
lässt, an der Unsicherheit dieser Einkommensquelle absolut nichts
geändert hat, wäre die praktische Seite, dass dann doch vielleicht mal
die Selbsthilfe der Betroffenen angesagt wäre. Die herrschenden
Demokraten legen ihre Bürger jedoch darauf fest, dass deren Probleme,
sobald sie nicht reine Privatangelegenheit, sondern von öffentlichem
Belang sind, in die Hände der für die Staatsmacht Verantwortlichen
gehören. Also auf gar keinen Fall in die der Betroffenen selbst - diese
“Eigeninitiative” ist absolut unerwünscht, und wenn sie in den Ruch der
Systemgegnerschaft gerät, wird sie konsequent bekämpft. Die
Staatsmacht, die die Lebensbedingungen ihre Bürger einrichtet, belegt
jeden Willen zur Besserung mit Beschlag, monopolisiert jeden
Änderungswunsch, der über rein Private hinausgeht, für sich. Die
Politiker schwingen sich zum Betreuer der Notlage von Arbeitslosen und
noch Beschäftigten auf, erkennen sie als allgemeines Problem und
legitimes Anliegen an - und machen sich dann daran, die ganze
“Problematik” in ihrem Sinn zu definieren.
Nämlich so, dass von den Problemen der Betroffenen nichts mehr übrig
bleibt als das genaue Gegenteil. Die Betroffenen haben ein Problem mit
der Freiheit des Arbeitsmarktes, mit der dort herrschenden Freiheit des
Anheuerns und Entlassens. Die Politik, die genau diese Freiheit
eingerichtet hat und garantiert - und es ist kein Geheimnis, dass sie
das zum Wohle des Kapitals tut -, erhebt nun die Probleme, die die
vielen Einzelnen haben, die sich auf dem Arbeitsmarkt herumtreiben, in
den Rang eines politischen Problems. Für die Betroffenen bedeutet das
nichts Gutes, denn eben durch ihre Anerkennung als allgemeines Problem
werden sie zu einem Problem gemacht - schon ist es so, dass nicht die
vielen Einzelnen ein Problem haben, sondern dass sie ein Problem sind.
Eben für “die Allgemeinheit”. Die, vertreten durch die Politiker, muss
feststellen, dass viele ihrer Bürger mit der Freiheit nicht
zurechtkommen. Vorurteilslos betrachtet ist das sogar richtig: Weil der
Arbeitsmarkt ein Mittel des Kapitals ist, das je nach dem Stand seiner
Rentabilitätsrechnungen auf Arbeitskraft zugreifen oder sich ihrer
entledigen kann, weil er deswegen für die, die sich dort anbieten,
überhaupt nicht berechenbar ist und für ihre unsichere Existenz sorgt,
weil der Arbeitsmarkt also so ist, macht er ihnen unablässig
Schwierigkeiten - aber diese ihre Schwierigkeit wird ihnen
vorbuchstabiert als eine, die sie, die mit der Freiheit nicht
zurechtkommen, darstellen. Mit ihnen hat nämlich die Macht, die sie
regieren muss, so ihre Schwierigkeiten.
Wenn die Wahlkämpfer sich großzügig bereit erklären, sich der
“Arbeitsplatzproblematik” anzunehmen, dann ist das in Wahrheit eine Art
Zwangseinladung an die Betroffenen, nun mal die Perspektive zu
wechseln. Sie sollen selbst den Standpunkt der “Allgemeinheit”
einnehmen, sich gewissermaßen selbst von oben betrachten und sich
fragen, was denn wäre, wenn sie sich selbst regieren würden. Sie sollen
sich also selbst als einen Handlungsbedarf entdecken und betrachten,
den der Staat mit ihnen hat. Falls es jemand gesehen hat: Die Sendung
“Ich kann Kanzler” traf den Nagel, genauer: die buchstäbliche
Ver-rücktheit auf den Kopf. Da durften sich junge Menschen als welche
vor- und aufführen, denen es offensichtlich kein Problem war, auf die
Frage zu antworten: Was würdest du als Kanzler denn an unserer Stelle
machen? Wie würdest du als Machthaber solche schwierige Typen wie dich
regieren?
Wer diesen Rollenwechsel hinkriegt, der darf sich dann “ein mündiger
Bürger” nennen: Er lässt sich die Bedingungen, unter denen er sein
alltägliches Leben hinkriegen muss, auftischen und wurstelt sich recht
und schlecht durch. Getrennt davon denkt er sich in die hinein, die ihm
diese Bedingungen auftischen – dabei kommen sie ihm aber nicht als
Urheber seiner alltäglichen Schwierigkeiten in den Sinn, sondern nur
als die, von denen allein Abhilfe zu erwarten ist. In dieser Hinsicht
kann er sehr kritisch werden und sich enttäuscht zeigen – da ist es
dann aber auch zu spät.