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GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 27.
Juli 2009
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 30.
Juli 2009
Putsch in Honduras
Ganz viel Demokratie für ein Armenhaus Lateinamerikas
Nachdem der als „linksgerichtet“ geltende Präsident sich vom Volk per
Referendum eine „verfassungsgebende Versammlung“ gegen Parlament,
Wahlgericht und Obersten Gerichtshof genehmigen lassen wollte,
putschten die Streitkräfte und deportierten Zelaya nach Nicaragua.
Die USA verurteilten erstmals ausdrücklich einen Militärputsch in ihrem
Hinterhof, erkennen die neue Regierung nicht an und erklären die Affäre
zum Präzedenzfall ihrer neuen Außenpolitik.
So nebenbei klärt die demokratische Presse über dieses „kleine, für
viele unbekannte Land, das schon einiges hat erleiden müssen“, auf: Die
SZ recherchiert, dass „die Generäle im Sinne einer begüterten
Minderheit immer wieder putschten, bis 1982 die Demokratie einzog.“
Seitdem ist das Leben für die laut „Die Welt“ „freundlichen, etwas
verschlafenen Einwohner“ zwar rundum demokratisch, aber weder sind sie
begüterter, noch ist ihr Leben friedlicher geworden. Eher im Gegenteil.
„Die Schere bei der Einkommensentwicklung, das alte Übel der Region,
hat sich seit der Rückkehr zur Demokratie nicht geschlossen.“ weiß „Der
Spiegel“. Die Einhaltung der Prinzipien der Herrschaft des Volkes
verträgt sich offensichtlich ganz gut mit viel Gewalttätigkeit,
massenhaftem Verhungern und anderem absolutem Pauperismus beim Volk.
„43 Prozent der Menschen sind chronisch mangelernährt“ meldet die
„Tagesschau“. „Mehr als die Hälfte der Menschen leben in Armut, viele
müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen, jeder fünfte
Erwachsene ist Analphabet.“
Offensichtlich bekam die herrschende Klasse in Honduras, gestützt auf
die Parlamentsmehrheit und mit dem Segen des notorischen Erzbischofs
mit der Demokratie einen verlässlichen politischen Rahmen für ihre
Geld- und Machtinteressen. Sie stellt nachwievor die politische
Führungsriege des Landes, weil die Geschäftsanliegen dieser Kaffee-,
Bananen- und sonstiger Geschäftsbarone die Interessen der Nation sind,
die paar ehrenwerten Familien den Staat darstellen, der ihrem
unmittelbaren Einfluss untersteht. Die seit über hundert Jahren
abwechselnd regierenden Parteien der Liberalen und der Nationalen
handeln für gewöhnlich die personale Besetzung des Congreso Nacional
als internen Machtkampf aus. Dem Volk werden auch die Kandidaten für
den Präsidentenposten zur Auswahl gestellt. Und bislang wählt das –
seit 1982 demokratisch reife ‑ Volk den Besten und Geeignetsten aus,
der über die „weit verbreitete Armut und die mangelnden
wirtschaftlichen Perspektiven“ (Fischer Weltalmanach 2008) die nächsten
vier Jahre die politische Aufsicht hat.
Dieser schöne Zustand von freedom and democracy mit seiner
Dreifaltigkeit aus oligarchischen Nutznießern, flächendeckender
Massennot und volksermächtigter politischer Führung ist gekündigt
worden. Nicht etwa von den verelendeten Massen, die dafür allen Grund
hätten. Auch nicht von einer linken Bewegung, die das Volk erfolgreich
gegen die Klassengegensätze und deren systematische Urheber wie
Verwalter aufgehetzt hätte. Vielmehr war es die politökonomische Kaste
von Grundbesitzern und Geschäftsleuten, die gemeinsam mit der
Armeeführung zu dem Befund kam, dass ihre Interessen und die seit 1982
bewährte Verfassung am besten durch einen Putsch gerettet werden: Gegen
den Präsidenten Zelaya, der als Kandidat der Liberalen Partei an die
Macht gekommen war, Anfang 2008 unter Berufung auf die darbenden Massen
zuhause und die „bolivarianische Revolution“ in Venezuela einen
„radikalen Kurswechsel“ seiner Politik verkündete.
Üblich war bislang, wenn die Armen mal wieder gegen ihre Lebensumstände
aufbegehren, mit staatlicher Repression zu reagieren, oder wie 2006
„den 6000 Lehrern, die seit Monaten auf die Auszahlung ihres Lohnes
warten“, die „überfälligen Gehälter“ schlichtweg nicht zu zahlen. Damit
wurde zwar die „soziale Frage“ immer wieder gewaltsam gelöst, die
Republik Honduras aber zum ökonomischen Schlusslicht der Region
herunter gewirtschaftet. Zelaya zieht daraus den Schluss, dass sich
Honduras in einer staatsgefährdenden Krise befindet und nimmt sich
Venezuelas Staatschef Chavez insofern zum Vorbild, indem er die
trostlose Lage der Volksmehrheit und die schamlose Bereicherung der
Oligarchie mittels Okkupation der staatlichen Institutionen als eine
Erniedrigung und Beleidigung der Nation anprangert. Deren Würde soll
durch ein nationales Aufbauprogramm des „honduranischen Bolivarismus“
wiederhergestellt und befördert werden, und dem dient die
Einbindung der Volksmassen in die Ökonomie und ihre Politisierung im
Sinne dieses Aufbauprogramms.
Ein Schritt dazu ist die Verdopplung des Mindestlohns. In einem Land,
wo Arbeitskraft im Überfluss und zu jedem Preis bereitsteht, ist das
für die „Arbeitgeber“ eine Freiheitsberaubung beim Ausbeuten und für
den wirtschaftlichen Sachverstand, der den Hunger aus „hoher
Unterbeschäftigung“ ableitet, blanker „Populismus“. Ein weiterer
Schritt ist die Verstaatlichung von Tanklagern einer honduranischen
Erdölgesellschaft und zweier Multis, wodurch die totale Abhängigkeit
von Erdölimporten gemindert und durch die Staatskontrolle die
unerlaubte private Bereicherung verhindert werden soll.
Gegen die umfassende Abhängigkeit von amerikanischen
Geschäftsinteressen, gemäß derer laut der „Neuen Zürcher“ „Honduras
während Jahrzehnten fast wie eine Filiale von der United Fruit Company
regiert wurde“, wendet sich der Patriot Zelaya mit dem seine Anhänger
überzeugenden Einwand, dass sie das Land in den Ruin geführt hat und
dass man sich deshalb alternativen Geschäftspartnern öffnen müsse. Erst
recht mit der nationalen Würde von Honduras für unvereinbar erklärt
Zelaya schließlich die Degradierung der Nation zu einem von
US-Finanzhilfe und militärischen Hilfsprogrammen abhängigen Stützpunkt
der Air Force, die das nationale Territorium als Nachschubbasis für
CIA-Operationen in Zentralamerika missbraucht.
Dass Zelaya sich Chancen zur Durchsetzung seines nationalen
Alternativprogramms ausrechnen konnte, verdankt er seinem ebenfalls auf
mehr Unabhängigkeit von den USA bedachten bolivarianischen Freund in
Venezuela. „Le Monde“ meldete:
„Konfrontiert mit einer schweren ökonomischen Krise erhielt Züleyha von
Chávez die Kooperation, die Washington sich sträubte, sie ihm zu
gewähren“ . Er „erhält zu günstigen Bedingungen venezolanisches Öl …,
günstige Kredite und Traktoren“.
Dafür trat Honduras erst dem Venezuelanischen Erdölprojekt
„Petrocaribe“ und später dem gegen die US-Hegemonie gerichteten Bündnis
„Alba“ bei.
Die Gegner Zelayas in den besitzenden Klassen und der Armeeführung
halten das glatt für einen „Anschlag auf die Demokratie“ und drohen dem
geschassten Präsidenten mit einem „Hochverratsprozess“, sollte er nach
Tegucigalpa zurückkehren. Gemäß dem „Verfassungsverständnis“ der
Putschisten fällt das Gemeinwohl umstandslos mit der unangetasteten
Fortführung der Verhältnisse zusammen, die einigen Nutznießern große
Reichtümer zugeschanzt haben, die große Mehrheit des Volkes aber zu
einem elenden Dasein verurteilt. Von einer Politisierung der
Volksmassen, von denen der exilierte Zelaya jetzt verlangt, sie sollten
„sich organisieren und Rechte verlangen“ fürchten sie eine Gefährdung
ihres exklusiven Privilegs auf die relevanten Posten in Regierung und
Administration, die in Honduras wie in vielen Staaten der „Dritten
Welt“ die zentrale Bedingung der privaten Bereicherung sind. Und die
Infragestellung der außenpolitischen Unterwerfung des Landes unter die
US-Hegemonie quittieren sie mit dem Vorwurf, Zelaya sei ein Agent des
Chavez.
Dafür holen sie sich den Segen des obersten nationalen Katholiken, des
Kardinal Maradiaga, der einem mehrheitlich dem katholischen Aberglauben
anhängenden Volk die fromme Lüge predigt, bei der Politik des gewählten
Präsidenten handle es sich in Wahrheit „um eine mit viel Geld
ausgestattete Kampagne, die von dem venezolanischen Präsidenten Hugo
Chávez gesteuert wird – bis dahin, dass Agenten des venezolanischen
Geheimdienstes im Land aktiv sind. Es sind auch Waffen ins Land
gebracht worden“. (FAZ vom 16. Juli)
Die selbstproklamierten „Hüter der Verfassung“ betrieben mit ihrer
Kontrolle über die beiden anderen demokratischen Gewalten, Legislative
und Jurisdiktion schon vor dem Pronunciamento praktische
Obstruktionspolitik gegen die präsidiale Exekutivgewalt Zelayas.
Gesetzesvorhaben wurden mit dem Argument blockiert, der Präsident übe
„Amtsmissbrauch“.
Und als die rechtsnationale Hoffnung, das „kommunistisch-chavinistische
Abenteuer“ werde sich dadurch von allein erledigen, dass eine zweite
Amtszeit des Präsidenten in der Verfassung verboten ist, durch eine von
Zelaya per Referendum betriebene Verfassungsreform gefährdet wird,
übernimmt das Militär aus reinstem Verfassungspatriotismus die Macht:
„Dieser „Militärputsch“ wurde von rechtmäßig gewählten Volksvertretern,
den Abgeordneten des Nationalparlaments und des Obersten Gerichtshofes
angeordnet – und zwar mit einer parlamentarischen Mehrheit von 124 zu 4
Stimmen – über die Fraktionsgrenzen hinweg“, berichtet „Die Welt“
einfühlsam.
Eine Rückkehr des Zelaya ist allerdings keine Verfassungsfrage, sondern
wird letztendlich von der für Länder von der Verfasstheit Honduras‘
zuständigen Instanz getroffen: In Washington fordert der Präsident die
„Wiederherstellung der demokratischen und verfassungsgemäßen Ordnung“.
Das ist einerseits Pech für die Putschisten, die offensichtlich noch im
Denken der Bush-Administration verfangen waren und jetzt zum Testfall
für die „neue amerikanische Außenpolitik“ in Südamerika geworden sind.
Die Formulierung Obamas übernimmt jedoch auch nicht umstandslos den
Rechtsstandpunkt Zelayas. Als neutralen „Verfassungsrichter“ haben
beide Seiten den christdemokratischen Ex-Präsidenten Costa Ricas Arias
akzeptiert. Der schlägt eine Rückkehr des gewählten Präsidenten, seinen
Verzicht auf Wiederwahl und die Bildung einer „nationalen
Einheitsregierung“ vor. Die Junta in Tegucigalpa besteht jedoch
auf einer irgendwie gearteten Schuldzuweisung an Zelaya, um den Putsch
zu legitimieren und Revanchegelüsten eines jetzt noch dazu mit dem
Placet der USA ausgestatteten Präsidenten Zelaya vorzubeugen. Da wird
man sich schon irgendwie einigen können.
Hauptsache die Demokratie in Honduras bleibt bei aller Lebendigkeit so
stabil, wie die Verhältnisse, die viel Reichtum bei wenigen und
eskalierende Armut bei den meisten garantieren.