Argumente gegen die Psychologie Inhalt

Die Psychotherapie

Hilfe zum normalen Spinnen
oder: Hier kommt das Selbst auf seine Kosten! '


Beunruhigend bis kränkend finden einige Psychotherapeuten den allgemein anerkannten Befund, daß trotz der Unterschiedlichkeit der Therapiearten und des jeweiligen theoretischen Selbstverständnisses ihrer Vertreter keine nennenswerten Unterschiede in der Wirksamkeit der diversen Therapievarianten festzustellen sind. Ob die Klienten mit Elektroschock, Kindheitsaufarbeitung, Theaterspielen oder non-direktiver Beratung behandelt werden, ist ihrem "Leiden" offensichtlich egal. Weit davon entfernt, eine Heilbehandlung verdächtig zu finden, bei der die Diagnose, die Besonderheit der Krankheit, gar keine bestimmte Therapie erforderlich macht, sondern - je nach Hang des Therapeuten- das jeweilige Verfahren immer paßt, geht mancher dazu über, nach ganz anderen, übergeordneten Prinzipien zu suchen, die jenseits der diversen Verfahren im "Prozeß zwischen Patient und Therapeut" ihre Wirkung tun - und kommt dabei der Sache tatsächlich näher. Solche Bedingungen wie:

"l. eine helfende Beziehung, die sich nach dem Eltern-Kind-Muster aufbaut,
2. die Entstehung einer Machtbasis, von der aus der Therapeut den Patienten nach allgemein psychologischen Prinzipien beeinflußt und
3. ein Patient, der die Fähigkeit hat, aus solchen Erfahrungen zu profitieren." (H. H. Strupp, in: Hoffmann/Hochapfel, Einführung in die Neurosenlehre und Psychosomatische Medizin, S. 206) -

enthalten allerdings ziemlich merkwürdige Hinweise darauf, wie der Psychotherapeut wem wozu hilft.

Wie wird man ein 'Fall'?

Die "Krankheit", der so beizukommen ist, daß der Patient sich wie ein Kind beeinflussen läßt, ist keine. Das 'Problem mit sich', das der Grund ist, sich in eine psychotherapeutische Behandlung zu begeben, ist ein veritabler Fehler: Jenseits der Umstände, in denen er lebt - die wirklichen Zwänge des Berufs-, Familien- und sonstigen bürgerlichen Lebens - hat der Psychofall ausgerechnet seinen eigenen Willen (,sich') als Springquelle von Schwierigkeiten entdeckt. Etwas tun zu müssen, weil er es muß, und nicht, weil er es sich aus freien Stücken ausgedacht hat, und umgekehrt, etwas nicht machen zu können, weil ihm die materiellen Mittel dazu fehlen, solche durchaus rationellen Schwierigkeiten hat der psychologisch denkende Mensch längst hinter sich gelassen. Er sieht die Sache abstrakt: 'Ich kann nicht so wollen, wie ich eigentlich gerne wollen würde.' Ganz prinzipiell im ,Leben' zu versagen, lautet der Selbstvorwurf, der am eigenen Selbst' die Unfähigkeit zur Normalität entdeckt. Einen Gedanken auf die Maßstäbe, denen er unbedingt genügenkönnen will, verschwendet dieser Mensch garantiert nicht mehr. Die Maßstäbe seiner alltäglichen Nützlichkeit - auf die ist er, sei es im Arbeits- oder im Privatleben, staatlicherseits per Recht und Gesetz zwangsverpflichtet - hält er schon längst für Prinzipien des Menschseins überhaupt. Deswegen erscheinen ihm die Ansprüche auf deren Erfüllung als persönliche Forderungen seines Willens. Gerade darin übrigens ist der zum 'Fall' Gewordene leider erschrekkend normal: Das Ideal seelischer Gesundheit, psychischer Stabilität, 'Ich-Stärke' oder wie auch immer ist heutigentags wohlfeil. Demzufolge versetzt der gute Glaube an sich selbst die Berge, die einem die Welt in den Weg stellt, und soll und kann garantieren, daß das Zurechtkommen in der Welt, wie sie nun einmal ist, klappt. So sehr ist die moderne Menschheit davon überzeugt, daß der eigene Wille der Garant des Erfolges zu sein hat, daß sie allemal eher sich für defekt erklärt, als festzustellen, daß die kapitalistisch eingerichtete Gesellschaft eben für ihr persönliches Lebensglück nicht vorgesehen ist. Da beschuldigen sie sich lieber selbst, nicht mehr - im Beruf, mit den Frauen oder Männern, den Spinnen oder Fahrstühlen richtig wollen zu können. Dann ist man auch tatsächlich durch ein 'inneres Hindernis' blockiert, einer fremden Macht ausgeliefert, die man nicht mehr beeinflussen kann. Nicht nur ganz prinzipiell beschuldigt hat man sich mit dieser Erfindung 'objektiver' Ursachen des eigenen Mißerfolgs, die in einem hausen. Das Schöne daran ist, daß man sich genauso grundsätzlich entschuldigthat. Je nach Klärung dieser Schuldfrage macht man ein Leben lang so weiter oder sucht einen Experten zwecks Instandsetzung der vorgeblichen Willensvoraussetzungen auf.

(Jene in kritischen Psychologenkreisen kursierende Einschätzung, bei 'psychisch Kranken' handele es sich um Kritiker der bürgerlichen Welt und ihrer Moral, ist so richtiggestellt: Der Psychofall ist ein einigermaßen fanatischer Anhänger des bürgerlichen Zirkus. So sehr, daß er seine 'Minderwertigkeit', dem nicht genügen zu können, wiewohl er nichts lieber wollte, gerichtet haben möchte.)

Patient und Therapeut: Gleich und Gleich gesellt sich gern

"Da wären freilich Handhaben genug für eine wirksame Therapie, aber es müßte eine Therapie sein, wie sie nach der Wiener Volkssage Kaiser Joseph geübt hat, das wohltätige Eingreifen eines Mächtigen, vor dessen Willen Menschen sich beugen und Schwierigkeiten verschwinden. Aber wer sind wir ... (Freuid, Vorlesungen Band 1, S. 416)

Wie der oben zitierte H. H. Strupp, so war auch Altmeister Freud der Auffassung, daß Machtausübung das Ideal der Therapie ist. Unrecht hat er da nicht: Denn mit eben diesem Ideal als Bedürfnis nach der Korrektur seines 'Ticks' durch die äußere Einflußnahme des Seelenfachmannes wendet sich der Spinner an letzteren. Und er wird gut bedient: Der sieht in sich den Fachmann für innere (schlechte) Mächte, will sagen, er glaubt, daß seine Therapie wie eine ('wohltätige') Gewalt wirkt. Ein "Eingreifen eines Mächtigen", das 'verhinderte Entwicklungen' in Gang, verklemmte Triebe' frei und 'innere Hemmnisse' absetzen kann. Eine willenlose, von Außen her form- und beeinflußbare Substanz ist der werte Hr. Klient in des Doktors oberstem Credo . Nicht bewußt, aber auch nicht zufällig gemahnt dies an das Verfahren des Exorzismus. Dem mehr oder weniger hinterrücks Befallenen soll etwas ausgetrieben werden. Die eine (schlechte) Macht ringt mit der anderen (guten) Macht, welche der Therapeut verkörpert. Sie ringen umden Seelenhaushalt und seine ordnungsgemäße Abwicklung, auf daß sich des Therapeuten 'Einfluß' an die Stelle derjenigen Macken setze, von denen sich der Patient gebeutelt wähnt. Damit erfolgt die grundsätzliche Bestätigung der Spinnerei: In der Deutung seines defekten Ichs und in dem Bestreben, sich selbiges wieder gerade biegen zu lassen, erfährt der Depp die prinzipielle Anerkennung des Doktors.

So weit, so schlecht:

Beide dramatis personae wissen, daß dem nicht so ist. Sie wissen allemal, daß der Wille zur Therapie gefordert ist. Sonst geht gleich gar nichts. Die Indienstnahmedes Willens zur Normalität steht an, der den zur Verrücktheit irgendwie in den Griff zu kriegen hat. Und dabei soll der Therapeut dem zu Therapierenden helfen, der zweierlei verlangt:

1. Wie bereits gesagt, die Akzeptierung seines Fehlers ohne wenn und aber, d.h. die Deutung der Unfreiheit seines eigentlich guten Wollens: Er kann nun wirklich nichts dafür.

2. Muß diese Deutung die Korrektur seines Willensdefektes möglich erscheinen lassen (Dies 'leidenseinsichtig', mithin 'therapiefähig' zu sein - ist der psychologische Unterschied zwischen Neurose und Psychose). Daraus folgt für den Patienten, daß der Spezialist in Sachen Zurechtrükken die Alternative seiner Macht glaubwürdig verkörpert.Er muß vollstes Verständnis für die höchstpersönliche Besonderheit des jeweiligen Falles aufbringen, um sich quasi in dessen Willen einzuschleichen und um dann auf dieser Grundlage ebenso verständnisvoll Kritik am Patienten zu äußern. Das geht so: Du Ärmster hast ja ein Leiden, an dem du zwar einesteils schuld, aber - weil es dich gar so drangsaliert - auch unschuldig bist.Deswegen hast du das Recht auf mein Verständnis, aber auch die Pflicht, dich meinen Ideen anzubequemen.'

Die 'Analysen' des Therapeuten haben Methode: Es dreht sich nämlich darum, dem angeblich inneren Zwang mit allen Mitteln psychologischer Interpretationskunst eine - quasi organische - Objektivität zu verleihen. Von wegen also, der Spinner rede sich das nur ein, im Gegenteil, seine spinnösen Gedanken sind notwendig.Der einzige Beleg dafür sind - ausgerechnet - die Auslassungen des Gestörten selbst. Um zu beweisen, daß in denen eine kindheits- oder sonstwie -bedingte Fehlentwicklung zu Gange ist, muß der Therapeut bestreiten, daß es sich selbst bei dem Quatsch, den ein Idiot von sich gibt, noch immer um (verkehrte)Urteile handelt. Also werden die seinen Willen reflektierenden Gedanken ihrem Inhalt nach durchgestrichen. Sie gelten als bloße Äußerungen des inneren Defekts, als Symptome. Das ist gut für den Therapeuten, denn so fordern sie nachgerade wissenschaftlich-fachkundige Deutungsmethoden, blieben sie doch sonst un- bis mißverständlich. Und der Klient darf sich auch freuen, weil bewiesen ist, quod erat demonstrandum: Er ist wirklich zum Spinnen determiniert, aber das muß nicht so bleiben.

So ist nicht nur eine Fahrstuhlangst ein Symptom für 'Kommunikationsunfähigkeit', Bindungs- oder auch Trennungsangst', auch etwaige Zweifel am Verfahren der Heilung stehen für neurotischen Widerstand oder irgend eine andere (,unbewußte') Verkorkstheit. Bei dieser eigentümlichen Sorte 'Krankheit'sollen die Symptome mit ihrem Grund in Eins fallen.Jede Äußerung und Tat als 'gestörtes Verhalten' aufgefaßt, zeugt unweigerlich von einer 'inwendigen Störung', die umgekehrt ihrerseits unerbittlich 'Verhaltensstörungen' produziert, also ist alles, was der solcherart 'Gestörte' von sich gibt, per definitionem das Deutungsmaterial des Psychologen.

Patient und Therapeut: Pack sehlägt sich ...

Deswegen besteht die Therapie auch in einem 'Kampf' beider - nicht wegen etwaiger Differenzen in der Sache (siehe oben), sondern wegen der entscheidenden Überzeugungsarbeit, die der Therapierende zu leisten hat. Wiedererlangung seelischen Wohlbefindens ist nur zu haben, wenn der Patient sich dem gelehrten Willen des Psychologen unterordnet. Zwar bringt der Verrückte die prinzipielle Bereitschaft dazu mit in die Praxis, sonst ginge er gar nicht erst hin, aber ob die dort betriebene Subsumtion der geschätzten höchstpersönlichen Beklopptheit unter abstrakt-psychologische Theorien über "den Menschen" als Hilfe zu verstehen ist, oder nicht vielmehr ein Anlaß zum Mißtrauen darstellt, da muß sich der Bekloppte auch erst noch entscheiden. Deswegen ist das 'Gewinnen von Vertrauen' auch keine einmal erledigte Voraussetzung der Therapie, sondern es macht den ganzen Witz der Veranstaltung aus.

... einigt ...

Dem Patienten etwas erklären, ihm etwas beizubringen,ihn so zu kritisieren, damit er seinen Stuß läßt - damit hat der Psychologe nichts am Hut. Er weiß ja auch selber nicht mehr als sein Gegenüber, außer den paar Fremdwörtern und verkehrten Abstraktionen, unter die die Wissenschaft vom Menschen die bürgerliche Alltagsmoral zu subsumieren beliebt. Das macht nichts, denn der Erfolg der Therapie steht und fällt mit der Anerkennung der Autorität des Experten seitens des Patienten, und nicht damit, wasda erzählt wird, was der Patient Neues erfährt. Wenn er blöd genug ist, die angebotene bescheuerte Deutung und ihre Konsequenzen zu übernehmen, ist ja alles gut. Deshalb kommt es einerseits ebenso wenig auf die theoretische Fundierung des jeweiligen Therapieansatzes an, wie es andererseits unbedingt die falsche psychologische Grundhaltung des Patienten braucht: Den eigenen Willen gilt es zu mobilisieren gegen die eigene Willenlosigkeit, damit die Gleichung Wille = Erfolg in der Einbildung aufgeht. Diesen Widerspruch hat der Patient zu praktizieren.

... und verträgt sich.

So wird die Störung' dadurch aufgehoben, daß sie verfestigt wird: Das Beharren auf sich selbst als dein Mittel zum Erfolg im Leben wird vor Mißbrauch gerettet. Die Hilfe noch jeder Sorte Psychotherapie ist darauf gerichtet, daß der Patient einen Ausgleich an sich selbst herstellt, indem er den Widerspruch an sich austrägt. Er soll seine Selbtzweifel - grundlos wie die nun einmal sind - in eine ebenso grundlose - 'realistische Selbsteinschätzung' verwandeln. Kurz: Kontrollierter Größenwahn ist das angestrebte Therapieziel.

Damit ist für die moderne Religion der liebe Gott entbehrlich geworden: Es ist nunmehr der Glaube an sich selbst, der fiktive Berge versetzt - ebenso wirksam, wie es der Vorgänger bewerkstelligte. Angesichts eines Heeres von Individuen, die partout derartig verkehrt denken wollen, daß sie glatt zu 'leiden' anfangen, tut sich die Psychologenzunft leicht, nicht nur diese bürgerliche Selbsttraktiererei als die Menschennatur schlechthin auszugeben, sondern vor allem sich als schier unentbehrliche Helfer und Heiler aufzuspielen und hieraus jenseits all ihrer gelehrten Diagnose- und Behandlungstheorien - ihre ganze Sicherheit als Zuständige für die leidende Menschheit zu beziehen. Und was hat sie zu bieten? Die Einschärfung des Tips, daß man sich selbst nur richtig sehen muß, damit es einem auch gut geht. Die oben dargelegte Tour, die Übernahme der Deutung so zu gestalten, daß sie den Ruch der Unterwerfung nicht hat, geht nicht ohne Verfahrensfeinheiten ab.

Psychotherapie klassisch: Auf der Couch

"Das ganze Arrangement der analytischen Psychotherapie in ihrer ursprünglichen Form (Patient liegt auf derCouch, Therapeut sitzt außerhalb seiner- Sichtkontrolle und verhält sich passiv) dient gerade dazu, infantile Konfflikte wiederzubeleben, um sie einer besseren Lösungsmöglichkeit zuzuführen. Die dann zwischen Patient und Therapeut in Gang kommende neurotische Interaktion ... nennt man Übertragungsneurose...sie ist ohne Frage, wie Freud schon erkannte, ein Artefakt der analytischen Psychotherapie ... Die Übertragung stellt die unerläßliche basale, Beziehung zwischen Patient und Therapeut sicher." (Hoffman/Hochapfel, Einführung in die Neurosenlehre und Psychosomatische Medizin, 1979, p. 18, p. 188)

In der Psychoanalyse werden bekanntlich schief gelaufene Kindheitserlebnisse als objektive Ursache für die Unfähigkeitserklärung des Patienten und diesem somit eine alternative Wahnwelt, bevölkert mit Figuren aus der Vergangenheit und Geschlechtsorganen, präsentiert. So glaubt es aber erst einmal keiner; eine "basale Beziehung zwischen Patient und Therapeut" in der Form der Übertragung - wobei der Widerstand des Patienten ein fest eingeplantes Element ist - muß her, durch die der Patient sich bis ins Gefühl hinein an die Anerkennung der Deutungsbefugnis des Analytikers gewöhnt. Keinem anderen Zweck dienen auch Couch und "Abstinenz" des unsichtbaren Therapeuten, der nicht zu früh bzw. zuviel erklären darf. Instanz pur soll der Therapeut sein, der dafür sorgt, daß sich alle Regungen des Patienten auf ihn richten, um die verdrängten Konflikte erst so richtig hervorzubringen. Dabei kann sogar auf die Kindheit als Versinnbildlichung des Prinzips des inneren Instanzenkampfes verzichtet werden; Hauptsache, der Patient gewinnt den Eindruck, daß er die Oberhand über den Gegner erringt und somit wieder in der Lage ist, "das Leben zu meistern".

Die Verhaltenstherapie: Laß das!

"Die Lerntheorie sieht in der Neurose keine Folgen von unbewußten Konflikten, sondern erlernte Fehlverhaltensweisen, die durch neue, therpeutisch induzierte Lernprozesse korrigiert werden können. Die Aufstellung einer funktionalen A nalyse der Verhaltensstörung dient der Suche nach den pathogenen Reizen, von denen man annimmt, daß sie das Verhalten bestimmen. Die eigentliche Therapie besteht dann in einer Manipulation dieser Reize, so daß es zu einer Verringerung von Fehlverhalten kommt. " (Hoffmann/Hochapfel, p. 195/196)

Viel schnörkelloser als mit der psychoanalytischen Fantasiewelt kann man das mangelnde Zurechtkommen des Patienten, das von der Psychologie ja v on vornherein mit der seelischen Krankheit gleichgesetzt wird, einfach per Gewöhnung ans Zurechtkommen kurieren. Hier braucht es keine Deutung der verqueren Handlungen und Äußerungen des Patienten mehr; es genügt zu wissen, daß er sie falsch gelernt, d.h. sich halt irgendwie angeeignet hat, weswegen die Therapie darin besteht, durch Bestrafung und Belohnung schlicht das gewollte Verhalten einzutrainieren, ein durchaus ebenbürtiger Weg zur Selbstfindung. Natürlich ist von dem unterstellten Automatismus bei der manipulierten Reaktion der black box auf die Reize partout nichts zu sehen: Entweder der Patient bringt die Berechnung noch auf, im Rahmen der "systematischen Desensibilisierung" oder was auch immer mitzumachen, oder eben nicht. Ein genialer Einfall, um ihn auf die Therapie zu verpflichten, ist jedenfalls der Vertrag, den er unter der Regie des Therapeuten mit seiner Frau oder einer sonstigen Problemperson abschließt und in dem er sich willens erklärt, sich jeden Verstoß gegen das durchzuführende Programm aus Pflicht zu verbieten: Hier gibt sich die Autorität des Seelenfachmanns gleich die Form eines Rechtsgeschäfts, dem sich der Wille zum Funktionieren trotz seiner selbst aufgemachten Infragestellung einfach nicht entziehen können soll. Sich ordentlich aufführen muß einfach sein, und sobald es klappt, fühlt sich der Patient endlich wieder wie ein richtiger Mensch.

Die Gesprächstherapie:
Du bist dein schönstes Geschenk

"Das Individuum hat in sich selbst riesige Hilfsquellen für das Sichselbst- Verstehen, für die Änderung seines Selbstkonzepts, seiner Einstellungen und für die Veränderung eines selbstbestimmten Verhaltens, und diese Hilfsquellen können angezapft werden, wenn nur ein bestimmtes definierbares Klima von hilfreichen psychologischen Haltungen hergestellt werden kann ... dieses Klima wird um so wirkungsvoller sein, je mehr die helfende Person echt ist ... je höher sie die andere schätzt ... einfühlendes Verstehen hat. " (Carl Rogers, in: Jankowski et al., Klientenzentrierte Psychotherapie heute, 1976, p. 27ff.)

Im Falle der Gesprächstherapie besteht das Fachmännische am Fachmann in seiner überwältigenden Meizscliliehkeit:Er ist so menschlich, daß ihm am Klienten alles scheißegal ist, außer eben daß dieser auch ein Mensch, d.h. eine Quelle von wunderbaren Möglichkeiten ist. Die Echtheit, die hohe 'Wertschätzung und das einfühlende Verstehen werden vornehmlich als Nachplappern (ursprünglich "Spiegeln", jetzt "akzentuierende Nachformulierung") der Klientenäußerungen ausgeübt - was ja auch völlig logisch ist, da ihm nichts anderes mitgeteilt werden soll, als daß es ganz grundsätzlich und grundlos auf seine Individualität als solche ankommt. So sollen die riesigen Hilfsquellen im Klienten ihn dazu befähigen, über die programmatisch geheuchelte Achtung durch den Therapeuten eine ebenso inhaltsleere Selbstachtung zu züchten. Das dadurch zu erzielende "erhöhte Ausmaß an seelischer Funktionsfähigkeit" besteht in der Leistung, aus allem, was einem so widerfährt ob Krebs, Krieg oder Kinderkriegen -, einen Anlaß zur Freude über das eigene Gefühl dazu zu machen, da dieses immer nur einem ganz allein gehört und somit ein kostbares Stück Selbstentfaltung darstellt.

Die Gestalttherapie:
Lebendig begraben

"Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust.
Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben, und du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben.
Du bist du, und ich bin ich.
Und wenn wir uns zufällig finden -wunderbar. Wenn nicht, kann man auch nichts machen." (F. S. Perls, Gestalttherapie in Aktion, p. 13)

In der Gestalttherapie darf die Einzigartigkeit des Menschen, auf die er als das Attribut von sich nur noch scharf ist, nicht mehr durch allzuviel "Verbalisierung" gestört werden: Das Denken selbst ("mindfucking") gilt als Hindernis für das "spontane" Ausleben des eigenen Gefühlsbesitzes. Dabei gibt es wohl nichts Künstlicheres und Kalkulierteres als die Rollenspielorgien, die da zustandekommen, wenn einer "seine vielen Selbsts" etwa auf einen leeren Stuhl projizieren und die Deutung der dabei inszenierten Gefühle wieder in Gefühlsvorstellungen zurückdenken darf. Wo Gefühle als "unmittelbare Erfahrung" für das abstrakte Prinzip der Unverwechselbarkeit stehen, sind sie eben nichts als ewiges Demonstrationsmaterial, so daß ihre (verbalisierte) Bestimmtheit als Haß, Eifersucht etc. sie tatsächlich beinahe wieder trivial machen und so vom tieferen Sinn nur ablenken würde. Zu dem festen Glauben, daß man unbedingt etwaswert sein muß, paßt eben das idiotische Vertrauen in die Psychomeister, die einem den entsprechenden Weg dahin zeigen, und so lernt man, sich etwa als Personifizierung eines überladenen Schreibtisches im Hier und Jetzt voll zu akzeptieren.

Was sich an den Therapien seit Freud geändert hat, ist die Unverblümtheit, mit der  d i e  Tugend des Konkurrenzsubjekts, als "Gewinner geboren" zu sein, als Befreiungsphilosophie propagiert wird. Nicht mehr wird im Einzelfall groß danach gesucht, wo sich der Trieb hat verklemmen lassen - die "seelische Funktionsfähigkeit" wird vielmehr in all den gebührenden irrationalen Formen der Selbstbespiegelung eingeübt und zeleb riert, so daß der Übergang zur Sekte und zum Massenwahn wahrhaftig nicht erst mit Baghwanis auf die Weit gekommen ist. Einem, der da noch einwenden will, daß die Psychotherapie aber tatsächlich  h i 1 f t ,  kann man nur erwidern – eben!

Kein Wunder, wenn sie sich zu Weisheiten der folgenden Art, die dem 'Wort zum Sonntag' genauso gut entsprungen sein könnten, vorarbeitet:

"Zu der allgemeinen Orientierung gehört u.a. die Einstellung, daß problematische Situationen ein Teil des normalen Lebens sind, sind daß man die meisten von ihnen bewältigen kann. Die deprimierte 'Warum-muß-immer-mir-so-etwas-passieren-Reaktion' zeigt die fehlende Einsicht, daß Probleme normal sind, und daß man viele von ihnen durch eigene Anstrengung lösen kann." (Bericht vom Kongreß für Klinische Psychologie, Berlin 1980, S. 237)

'Seufz!'- aber nimm's nicht so schwer, ist doch die Psychotherapie hinsichtlich der "Änderungen seiner psychischen Störungen in Richtung auf größere Gelassenheit, Entspannung und Optimismus" (ebd., S. 107) der verläßlichste Dienst am Kunden.


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