Argumente gegen die Psychologie Inhalt

5 Thesen gegen die Sozialpsychologie


1

Die Sozialpsychologie bringt gegenüber Soziologie und Psychologie nichts Neues heraus - das will sie nicht einmal.

Sozialpsychologen weisen in ihren Einführungen darauf hin, daß sie "Erleben und Verhalten in interaktionalen Bezügen" klären wollen, den Einfluß, den "das Individuum" auf die "Gesellschaft' habe und umgekehrt. Was führen sie dafür als Begründung an? Auf jeden Fall kein Stück Realität, das von Psychologie und Soziologie vernachlässigt worden wäre.

Wenn ULICH vor "rigidem Personalismus"und "reinem Situationalismus' warnt, "auch dies führt relativ schnell in die Irre", dann hat er keine Sache ungenügend erklärt gefunden. Statt dessen sieht er Perspektiven, Sichtweisen, "Personalismus und Situationismus" als verfehlt, weil jeweils einzeln an.

Sozialpsychologie muß sein, weil Soziologie ohne Psychologie keine Sozialpsychologie ist (und umgekehrt)?

Ein äußerst bescheidener wissenschaftlicher Anspruch, zwei Wissenschaften, die es gibt, dadurch zu berichtigen, daß man sie "vermittelt"!

2

Die Sozialpsychologie fügt Soziologie und Psychologie eine Betonung hinzu: Das "Individuum" bewirkt die "Gesellschaft", und die "Gesellschaft" bewirkt das "Individuum".

Vgl. Bornewasser und viele andere:

"Jedes Detail des Verhaltens der an einer Interaktion beteiligten Personen dürfte gesellschaftlichen Einflüssen unterliegen, und individuelles Verhalten trägt seinerseits zu dem bei, was man als Gesellschaft bezeichtnet!"

Das individuelle "Verhalten" unterliegt den gesellschaftlichen Einflüssen", zu denen es "beiträgt".

Erstens ist das ein Zirkel: Das Verhalten bewirkt die Gesellschaft, die seinerseits es bewirkt.

Zweitens: Was soll denn "gesellschaftlicher Einfluß, individueller "Beitrag" sein?

Wird von der Sozialpsychologie jemals eine Sache klargestellt, die einem Bürger von seiten auch nur der Steuerbehörde passiert? Wir bieten eine Wette darauf an, daß es ihn - irgendwie und in beide Richtungen - gäbe. Wenn man der Aufklärung der Sozialpsychologie folgt, dann ist man zwar über die psychologische Erklärung von Verhalten und Fehlverhalten hinaus, aber ohne sie bestätigt oder kritisiert zu haben. Die neue Einsicht besteht einzig und allein in dem Attribut, alles Verhalten wäre Produkt', geprägt" von den "gesellschaftlichen Institutionen', die es selbst "bewirkt".

3

Die Entdeckung der "Wechselwirkung zwischen Individuen, Gruppen, Organisationen und Institutionen" ist schon deshalb ein Schwindel, weil Sozialpsychologen "individuum und Gesellschaft" gar nicht unterscheiden können.

Man überprüfe folgende Aussagen von Professor LUCASCZYK in Bezug auf die Bestimmung von "Individuum und Gesellschaft":

"Das ist gar nicht so einfach zu sagen, was Sozialpsychologie ist ... Die Sozialpsychologie gibt es genausowenig wie die Psychologie ... Ihr Gegenstand: Erleben und Verhalten in interaktionalen Bezügen, die Wechselwirkung zwischen Individuen, Gruppen, Organisationen und Institutionen. Sie ist diejenige psychologische Teildisziplin, die sich mit dem sozialen Erleben beschäftigt. Sozial ist die Bezeichnung der Beziehungen zwischen zwei oder mehr Personen. Solche Verhaltensbeziehungen nennt man soziale Interaktion. Es handelt sich bei der Sozialpsychologie um denjenigen Aspekt psychologischer Tatsachen und Kenntnisse, bei dem die Wirkung des Sozialen im Blickpunkt der Fragestellung steht."

Dadurch, daß von mehreren Personen und dem Verhältnis dazwischen gesprochen wird, ist keinerlei soziale Bestimmung gegeben, außer daß es sich nicht um das Erleben eines einzelnen handle.

Und der "einzelne" - wird über den in der Sozialpsychologieje mehr gesagt, außer daß er in einem "sozialen Umfeld" steckt, das ihn "beeinflußt"?

4

Sozialpsychologen behaupten mit ihrem "Spannungsverhältnis Individuum und Gesellschaft", daß der einzelne jetztsich seine gesellschaftlichen Umstände ihm gemäß schaffen könne. Auch und "gerade wenn" sie sagen, daß "Asymmetrie", "Macht" oder irgend sonst eine Abweichung vom Gleichgewicht "Individuum - Gesellschaft" herrscht, gehen sie von dem Maßstab des Grundgedankens aus, daß es eigentlich in der Gesellschaft darum gehen müßte.

Anders ausgedruckt: Gerade weil Sozialpsychologen gleichmäßige Interaktion nie und nimmer in einer Gesellschaft finden, behaupten sie immerzu, das wäre das Problem dieser Gesellschaft.

Sozialpsychologen tun ständig so, als wollten sie mit ihren Forschungen "das Individuum" gegenüber den übermächtigen "gesellschaftlichen Prozessen" unterstützen:

"Nach der hier vertretenen Ansicht liegt also der Sinn einer Verständlichrnachung sozialer Prozesse in dem Bemühen, dem einzelnen einen Teil seiner "Schuld" für persönliches Fehlverhalten zu nehmen und ihm zum anderen zu zeigen, in welchem Ausmaß er sich in existierenden Freiräumen ungezwungen bewegen kann. Anders ausgedrückt, Ziel einer so verstandenen Sozialpsychologie ist Ich-Stärkung, Festigung der Position des einzelnen gegenüber der Gesellschaft." (MÜLLER, THOMAS, S. 29)

Bloß: Wie sollte man sich für mehr Ausgeglichenheit z.B. in der Lehrer-Schüler-Beziehung einsetzen? Müßte man, um etwas Ärger aus der Schule zu schaffen, nicht die Lehrer-Schüler-Beziehung ändern, statt der Beziehung?

Insofern ist zweifelhaft, ob Sozialpsychologie zu mehr taugt als bundesrepublikanische Lehrer-Schüler-Verhältnisse im euphemistischen Licht von ausgewogenen Beziehungen oder der Abweichung davon zu sehen.

5

Die Sozialpsychologie greift den "Determinismus" der Soziologie und den "Reduktionismus" der Psychologie an. Sie will zeigen, daß "das Individuum" von "der Gesellschaft beeinflußt ist" und "die Gesellschaft" durch "das Individuum veränderbar ist". Sozialpsychologen fragen sich ganz frei danach, ob sie frei sind. Insofern greifen sie den Gedanken, der Wille sei von außen gemacht, nicht an.

Die Sozialpsychologie bezieht sich auf den "Determinismus" der Soziologen und den "Reduktionismus" der Psychologen. Damit hat sie sich Hilfstitel geschaffen, unter denen beide Wissenschaften als unzulänglich erscheinen; unzulänglich aber bloß darin, daß beide nicht die andere sind. Der ganze Angriff der Sozialpsychologie bestreitet weder "Determinismus' noch "Reduktionismus", sondern will diese zwei "unvereinbaren Vorstellungen" - der Mensch ist total geprägt; alles hängt von ihm ab - beide aufrechterhalten.

Sozialpsychologie besteht in nichts anderem als in einer neu aufgemachten Debatte über den freien Willen: In der Frage plädiert sie für einen reduzierten Determinismus. Ein Beispiel:

"Die Sozialpsychologie versucht, das Verhältis Individuum Gesellschaft in doppelter Richtung hin aufzuklären: Erstens wird versucht zu zeigen, inwieweit das sog. Individuelle" ein Resultat gesellschaftlicher Prozesse ist; z.B. zu zeigen, daß Verhaltensweisen, die als persönliche Schuld empfunden werden, eher der Gesellschaft als Versagen anzutasten sind. Was gemeint ist, läßt sich exemplarisch mit dem Titel des Films von Rosa von Praunheim ausdrücken: "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt." Zum zweiten aber (!) kommt es darauf an, dem einzelnen zu zeigen, daß soziale Zwänge und Mechanismen, die er als bindend, dem individuellen Einfluß entzogen sah, durch individuelles Handeln geändert und ausgestaltet werden könnten." (MÜLLER, THOMAS, S. 29)

Was hat eigentlich der "einzelne" davon, wenn er sich als "Produkt" gesellschaftlicher Verhältnisse begreift? Ändern muß er sich immer noch selbst - falls er das will und nicht nur darauf scharf ist, sich zu entschuldigen. Was hat man von dem Gedanken, "die Gesellschaft" sei "veränderbar"? Ändern will man die Gesellschaft doch anscheinend gar nicht, sondern die (beschränkte) Möglichkeit, sie zu ändern, behaupten.

"Das Individuum" kann an seinen gesellschaftlichen Umständen bedingt mitwirken, ist nicht ganz determiniert, festgelegt. Sein soziales Schicksal wird von ihm mitbewirkt - ein Standpunkt, der den "mündigen Bürger" äußerst unfrei betrachtet. Wer die "Veränderbarkeit der "Gesellschaft" zum Thema macht, wer die bedingteMöglichkeit bespricht, die eigenen Lebensverhältnisse zu verändern - bedingt, weil es ja nur in dem Maß gelingt, wie es einem die "Gesellschaft" nicht schon "geprägt", "festgelegt" hat -, der ist nicht Herr seiner Lebensumstände und bespricht diese Tatsache als Notwendigkeit.


© Verein zur Förderung des marx. Pressewesens e.V. München
Online-Version: GegenStandpunkt Verlag 2003