Argumente gegen die Psychologie Inhalt

Aus der Sinnlehre der Psychologie:

Krieg und Aggression


I

Warum bringen sich die Menschen in schöner Regelmäßigkeit um? Läßt sich eine Welt ohne Krisen und Gewalt überhaupt denken? Worauf beruht die Fähigkeit des Menschen, seinesgleichen kaltblütig niederzumetzeln, wenn er seinen Feind gar nicht kennt und ihm gegenüber gar keine persönlichen Haßgefühle hegt? Wo ist der Sinn eines solch sinnlosen Geschehens zu suchen?

Wer solche letzten, moralische Probleme wälzt, die Welt nach ihrem Sinn befragen will, der stellt die falschen Fragen und leugnet sein Wissen von der Realität. Kriege und Gewalt gibt es jede Menge, sind Realitäten, aber sie sind weder sinnvoll noch sinnlos, sondern haben Zwecke; und schon gleich ist die Behauptung falsch, daß im Krieg Menschen sich umbringen. Das Phänomen des Krieges besteht nämlich in der Austragung der Gegensätze zwischen staatlichen Gewalten als Souveränitäten, und ihre Völker verhetzen sie dafür als ihr Material. Wer aber bereits die formelle Kennzeichnung des Krieges, seinen Charakter als Werkzeug der Gewalttätigkeit eines Staates als den äußerlichen Aspekt eines tieferliegenden Problems behandelt, der streicht das tatsächliche Subjekt kriegerischer Gewalt durch und ersetzt es durch ein neues Subjekt, die Schimäre der menschlichen Aggression - und ebenso ersetzt er den Zweck militärischer Gewaltanwendung durch deren moralische Verurteilung, so als wäre der Inhalt von Kriegen der Verstoß gegen den Frieden".

Wer so gegen sein Wissen daran festhält, aus den existierenden Instanzen der Gewalt und deren Zwecksetzungen ein Rätsel, zu machen und zugleich ein moralisches Problem, die menschliche Gewalttätigkeit, entdeckt, obwohl er selbst in aller Regel als Opfer des Staates eingeplant ist - ein solcher Moralist wird im Leben nicht über das ordinärste Volksurteil intellektuell hinauskommen. Das läßt sich nämlich nur von dem Willen leiten, mit der bestehenden Gewalt zurechtzukommen. Nicht zu leugnen ist allerdings, daß unser Moralist auch in den höheren Abteilungen des Geistes seine Stütze finden mag, z.B. in der - Psychologie. Diese Disziplin besitzt eine ganze Abteilung, die sich von jeher ausschließlich dem Thema Gewalt widmet. Aus dieser Disziplin gewinnt er bereits durch die Titel der Bücher die Sicherheit, daß sie ihn in seiner moralischen Stellung zur Welt nicht zurückweist. Denn Titel wie "Sind wir zur Aggressivität verdammt?", "Der Mythos vom Aggressionstrieb", "Aggression und menschliche Natur", "Das sogenannte Böse" und,Liebe und Haß -zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen" machen in aller Deutlichkeit klar, daß diese Populärwissenschaft von der Anknüpfung an das ordinäre Volksurteil lebt und dieser Gewaltideologie einen "wissenschaftlichen Sinn" verleiht. Auch und gerade dann, wenn sie mit der Botschaft daher kommt, Aggression und Gewalttätigkeit seien keine unabänderlichen und schicksalhaften Bestandteile unseres Lebens", unterstellt sie sie als Bestandteile des Lebens: "Mit wieviel Gewalt müssen wir leben?"

II

Krieg ist Aggression, durch diese Bestimmung wird das Ding wohl erfaßt, wenn auch nur auf eigentümlich gleichgültige Weise. Die kriegerische Gewalt wird hier genommen als die Entfesselung und Betätigung von Gewalttätigkeit, was entgegen dem Augenschein nicht ganz dasselbe ist und seine Konsequenzen hat. Wodurch die Gewalttätigkeit eines Krieges erst eine wird, sowohl durch die Anspannung von Menschenmaterial als Mittelfür bestimmte Kriegszwecke, als auch durch ihre staatliche Legitimität, der Inhalt des Krieges also wird in der psychologischen Definition, wenn nicht weggelassen, so doch von vornherein lediglich als unterstellter gedacht, nur als notwendige Bedingung für die Äußerung von Aggression in Rechnung gestellt. Als Bestimmtheit des Krieges hält die Definition dagegen fest, daß er eine kollektiv organisierte und betriebene Gewaltanwendung sei, wodurch freilich nicht mehr geleistet ist, als daß man nun von der Differenz des Krieges zu dem Gewaltakt eines einzelnen Individuums Bescheid weiß. Krieg ist eineForm kollektiver Aggression, durch dieses andere Urteil teilt der Psychologe seine Entdeckung mit, daß er im Krieg nichts Besonderes, sondern einen besonderen Fall von gewalttätigem Betragen erblickt, eine bestimmte Erscheinungsform der Aggression klassifiziert hat.

Es ist also auch evident, daß die psychologische Erfassung des Krieges, wie sie sich in dieser und ähnlichen Definitionen niederschlägt, von einem Vergleich mit den vielen anderen Erscheinungsweisen jener Macht lebt, die der Psychologe nicht bloß in Kriegen am Wirken sieht. Dies beweist uns auch das typische Inhaltsverzeichnis einer Schrift, die den Titel "Aggression" trägt. Der Krieg findet sich dort rubriziert unter Klassenbrüdern, von denen er nicht träumen würde, deren Gemeinschaft ihm aber fürs erste viel von seiner Schrecklichkeit nimmt - womit er allerdings erst eine tiefe, unergründliche Dimension bekommt. Aufstand und Revolution, die Prügelpädagogik, der unmotivierte Wutanfall, die Unwirtlichkeit unserer Städte, der Selbstmord, die Kampftechniken von Ureinwohnern, der Streit in der Familie,

Hiroshima, der randalierende Fußballfan, die Erwerbsaggression, der Terrorismus und Auschwitz - dies alles steht beim Psychologen gleich-gültig nebeneinander; es sind Belege für das Problem, unter das der Psychologe lässig auch Szenarios eines III. Weltkrieges subsumiert: die Pest der Destruktivität, der die Menschen ohnmächtig ausgeliefert sind.

Im Ausmalen dieser mittelalterlich anmutenden Pest kennen Psychologen so wenig Hemmungen, daß man geneigt ist, zu glauben, sie glaubten selbst daran.

"Jeder von uns kommt täglich mit Formen der Aggression in Berührung. Sie erstreckt sich auf alle Lebensbereiche. Feindseliges Verhalten und Angriffe gegen Mitmenschen, ob verbal oder als Tätlichkeit, stören unser soziales Leben in der Familie, in der Arbeitsgruppe, im Staat und zwischen Nationen. Das Individuum leidet darunter, wenn es direktes Opfer einer Aggression wird, aber auch indirekt, wenn Mittel, die der Gesellschaft zugute kommen könnten, durch Vorkehrungen gegen mögliche Aggressionen anderer Nationen blockiert werden. Schließlich wird Aggression zur Bedrohung für die gesamte Menschheit." (aus: X-Magazin, Lernprogramm Psychologie 1972, No. 3, S. 53)

Krieg und Frieden werden vom Psychologen tatsächlich vorstellig gemacht als verschiedene Stadien einer klassischen Viruserkrankung.

"Wenn Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, kann Friede die Fortsetzung und Bekräftigung der Aggression in anderen Formen sein. In der erzwungenen Friedensregelung wirkt die vormals manifeste, kriegerische Gewalt als latent und gebunden weiter fort; Aggression hat nur ihre Erscheinungs- oder Verhüllungsform verändert, nicht ihre aggressive und aggressivierende Wirkung. Die Friedensverträge beenden den letzten Krieg und beginnen bereits den nächsten." (HACKER, Aggression, S. 308)

Die Geschichte bemüht er als Beweis, daß die Menschen untereinander ohne Gewalt offenbar nicht auskommen, womit er selbst freilich jede geschichtliche Änderung leugnet, indem er den Menschen als unveränderliches (Gewalt-) Wesen bestimmt.

"Ein Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt uns aber eine unaufhörliche Reihe von Konflikten zwischen einem Gemeinwesen und einem oder mehreren anderen, zwischen größeren und kleineren Einheiten, Stadtgebieten, Landschaften, Stämmen, Völkern, Reihen, die fast immer durch die Kraftprobe des Krieges entschieden werden." (FREUD, IX, S. 278)

Er geht auch dazu über, extra grundlose Kriegsgründe zu konstruieren, um die menschliche Natur als ein Geheimnis zu präsentieren, demjegliche Vernunft abgehe.

"Die sich immer wiederholenden Ereignisse der Geschichte können aus menschlichem Verstand und menschlicher Vernunft nicht erklärt werden. Es ist ein Gemeinplatz zu sagen, sie seien durch dasjenige verursacht, was man gemeinhin ,menschliche Natur' nennt. Die unvernünftige und unlogische menschliche Natur läßt zwei Nationen miteinander wetteifern und kämpfen, auch wenn keine wirtschaftlichen Gründe sie dazu zwingen, sie veranlaßt zwei politische Parteien oder Religionen trotz erstaunlicher Ähnlichkeit ihrer Heilsprogramme zu erbittertem Kampf, und sie treibt einen Alexander oder Napoleon, Millionen von Untertanen dem Versuch zu opfern, die ganze Welt unter seinem Zepter zu einen." (LORENZ)

Sogar auf dem Mars läßt sich der Verhaltensforscher hypothetisch nieder, um ein objektives Bild einer gefährlich destruktiven, weil steuerlos dahintreibenden Menschheit zu zeichnen, die sich in ihrer Irrationalität angesichts der arterhaltenden Kriegskultur der Ratten schämen soll.

"Wüßte unser Beobachter vom Mars außerdem noch von der explosiven Bevölkerungszunahme, der ständig anwachsenden Furchtbarkeit der Waffen und von der Verteilung der Menschheit auf wenige politische Lager - er würde ihre Zukunft nicht rosiger beurteilen als diejenige einiger feindlicher Rattensozietäten auf einem beinahe leergefressenen Schiff. Dabei wäre diese Prognose noch optimistisch, denn von den Ratten läßt sich voraussagen, daß nach dem großen Morden immerhin genug von ihnen übrigbleiben werden, um die Art zu erhalten, was v om Menschen nach Gebrauch der Wasserstoffbombe gar nicht so sicher ist." (LORENZ)

Ein Psychologe kann aber auch sachlich und theoretisch argumentieren:

"Es ist undenkbar, daß zwischen menschlicher Aggressivität und Krieg kein Zusammenhang bestünde." (MITSCHERLICH, Krieg ... S. 217)

Die Aufstellung eines Verhältnisses von Krieg und menschlicher Aggressivität ist allerdings nur unter einer Voraussetzung unabweisbar: Man muß schon bei der sinnigen Frage, "woher denn die Gewalt eines Krieges stamme?", an den Krieg als Gewalt bereits gar nicht mehr denken, weil man die fertige Antwort präsentieren will: aus der Fähigkeit des Menschen zur Aggression.

III

Wenn die Psychologen, statt die wirkliche Verselbständigung staatlicher Gewalt über die Bürger zu analysieren, mit der Aggression ein fiktives Subjekt postulieren, unter dem der Mensch zu leiden habe, so wissen sie also auch eine Antwort auf die Frage, worin denn diese anonyme Macht ihren Ursprung habe. In dieser Hinsicht ist die umfangreiche Bibliothek der Aggressionsforschung um keine Antwort verlegen. Gewalt ist ein Verhaltensmerkmal am Menschen.

"Unter dem Begriff 'Aggression' werden jene Verhaltensweisen zusammengefaßt, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen, intendiert wird. Die Definition macht es möglich, die hier relevanten Verhaltensweisen von solchen abzugrenzen, die objektiv ebenfalls eine Schädigung bedeuten (wie Bestrafung durch ein Gericht), aber gemeinhin (!) nicht als Aggression gewertet werden. Auf der anderen Seite ist sie weit genug, um einen sehr weiten Radius von Verhaltensweisen zu erfassen, von groben körperlichen Angriffen zwischen Schulbuben bis zu sorgfältig stilisierten Bosheiten unter Gelehrten."(Handbuch der Psychologie)

Zweifellos ist es sehr freundlich von der Psychologie, wenn sie einmal zugibt, daß sie zumindest von Gewaltinstanzen Kenntnis hat, denen sie den Charakter von Aggression freiwillig abspricht, weil sie für die Befunde der Aggressionsforschung offenbar nicht ins Gewicht fallen. Das wirklich Grobschlächtige an dieser weitsichtigen Definition besteht aber nicht in ihrer unwahrscheinlichen Bandbreite, sondern in ihrem prinzipiellen Inhalt. Wer Aggression als gegenseitige Schädigung von Menschen bestimmt, der vermag das Vorkommen keiner einzigen Gewalttat auf der Welt zu erklären, weil Schädigung' nur eine andere Benennung für "Gewalt" ist und nicht deren Erklärung. Auf der anderen Seite ist die reale Gewalt, sei sie nun inkarniert in Familie, Fabrik oder Recht, eben deswegen prinzipiell mit dieser Definition ausgeschlossen, wenn zur Erklärung ihrer Existenz nicht mehr verlautet wird, als daß sie Resultat menschlichen Verhaltens ist. Man wende nicht ein, daß kritische Psychologen derartige Definitionen der Aggression als Fehler erkannt hätten. Wenn sie an ihren Kollegen den Mangel feststellen -

"Das Monopol des Staates auf Gewaltausübung ist legitimiert und steht nicht zur Debatte." (HORN) -,

so ist das stets nur der Auftakt zu der Forderung, "die staatliche Gewalt als Faktor im gesellschaftlichen Kräftefeld" (ders.) für die Aggressionstheorie fruchtbar zu machen und damit den beklagenswerten Zustand aufzuheben, daß "Gewalt immer nur in Ausschnitten untersucht" wird. Die Anerkennung der Notwendigkeit des staatlichen Gewaltmonopols leuchtet dem kritischen Psychologen, man glaubt es kaum, vermittels des puren Ordnungsgedankens - "die Regeln verhindern letzten Endes den Krieg aller gegen alle" - ein.

Von dem Streit, den die psychologischen Aggressionsforscher im weiteren führen, weil sie als das entscheidende Problem von "aggressiven Verhaltensweisen" diskutieren wollen, ob diese "exogen" oder "endogen" determiniert seien, sollte man sich nicht weiter beeindrucken lassen; dieser Streit ist nur einer um des Kaisers Bart. Einerlei nämlich, ob von den Psychologen die (Ab-)Gründe der Aggressivität verlegt werden in die "Reaktion auf eine Enttäuschung' (Frustrationstheorie), in das "angeborene Kampfverhalten" (Buntbarschtheorie der Aggression von LORENZ), in "erlerntes Verhalten" oder schließlich in einen "Todestrieb" (FREUD), - die Verschiedenheit dieser gegensätzlichen Annahmen löst sich auf in das gemeinsame Dogma, Gewalt als Dispositionam Menschen festzumachen. Die vorzügliche Eigenschaft einer Disposition in der psychologischen Wissenschaft ist nämlich die, daß man sie als Mensch hat, und zwar als Verhaltenstendenz, der man unterliegt, ob man will oder nicht. Nur weil die Psychologie die Gewaltfrage durch die Erfassung einer Disposition am Menschen konsequent erledigt, läßt sich ein Streit darüber anzetteln, wodurch sie am Menschen hervorgerufen wird (und das, obwohl die Psychologie eingestandenermaßen und trotz angestrengten Suchens noch kein biologisches Organ am Menschen gefunden hat, das für die Aggression da wäre).

Näher besehen, stellt sich wieder einmal heraus, daß die Psychologen sich auch nicht übermäßig widersprechen, wenn sie ihre Schaukämpfe um den "Mythos Aggression' austragen und den Teufel in Sachen Gesellschaftsveränderung an die Wand malen, die durch die "Annahme" eines "Destruktionstriebes" für unmöglich erklärt sei. Noch der verstockteste Aggressionstheoretiker à la LORENZ verweist darauf, daß der Mensch keinen Grund zum Kämpfen hat, wenn ihm nicht auch geeignete "soziale Auslösemechanismen" zur Verfügung gestellt werden. Umgekehrt will auch der extremste Umwelt- und Lerntheoretiker behauptet haben, daß in der sogenannten Umwelt eine "entscheidende" Bedingung gesehen werden muß, damit die Disposition zur Aggression sich äußert, entlädt oder in bestimmte Bahnen gelenkt wird.

IV

Wenn die Psychologie die Gewalt vom Standpunkt ihres funktionellenWertes für ein "gesundes soziales Leben", für die "Erhaltung der menschlichen Art" oder für einen "geordneten Seelenhaushalt" begutachtet und von daher zur Abwägung von Nutzen und Schaden "aggressiven Verhaltens" gelangt, dann hat sie damit dem Krieg gegenüber eine Einstellung gewonnen, die von Distanz wie von Affirmation gleichermaßen gekennzeichnet ist. Den Krieg kritisiert der Psychologe so, wie es durch das moralische Urteil des Bürgers geschieht: Unmenschlich ist der Krieg, weil durch ihn so viele "hohe Kulturgüter" kaputtgehen inklusive des Lebens als dem höchsten Kulturgut. Diesem Urteil des bürgerlichen Verstandes, der hartnäckig daran festhält, selbst das Menschenopfer im Krieg als Person,in seinem Wert als Eigentum für höhere Zwecke zu reflektieren, hat sich jüngst auch wieder ein linker Psychologe mit allem Idealismus angeschlossen:

"Krieg ist deshalb unmenschlich, weil er gegen die Entfaltung menschlicher Wesenskräfte gerichtet ist - und nicht nur, weil man Kopf und Beine verlieren kann." (MARKARD)

Dieselbe Einstellung führt den Psychologen jedoch andererseits dazu, den Krieg in seiner Notwendigkeit anzuerkennen, die über die gewöhnliche Moral hinausreicht. Vom Standpunkt der schlichten wie brutalen Gleichsetzung des Wirkens staatlicher Gewaltapparate mit einem Produkt menschlicher Lebenskraft zeigt sich dem Psychologen der Krieg als Geschenk des Himmels, sei es, daß er durch ihn leibhaftige "Urmenschen" (FREUD) als Studienobjekte präsentiert bekommt, sei es, daß er durch ihn menschliche Regungen registrieren kann, in denen er eine praktizierte Kritik an der bürgerlichen Lebenswelt entdeckt (FROMM).

Den Grund eines Krieges, der seitens der Psychologie (darin dem populären Urteil gleich) stets begriffen wird als "Ausbruch kollektiver Gewalttätigkeit", die sich Befriedigung verschaffen will (ganz so, als ob er eine Tollheit ohne Sinn und Verstand wäre, der man nur das Zugeständnis macht, sich von der Zwecklosigkeit eines individuellen Wutanfalls zu unterscheiden), sucht die Psychologie, konsequent ihrem Begriff des Krieges folgend, in den Quellen einer "aggressiven Energie", die sich den Krieg als Möglichkeit sucht, um "sich abzufahren". Es handelt sich um die Pulverfaßtheorie, die in allen möglichen Varianten ein unverzichtbarer Bestandteil der bürgerlichen Weltanschauung ist. Der Psychologe übersetzt diese in Kategorien seiner Disziplin, wenn er Kriege durch sein Modell von Reiz und Reaktion entstehen sieht: Demnach kommt es zu einer "Auslösung" des Krieges, wenn zum Krieg entschlossene Staatseliten (Reiz) das "aufgestaute Aggressionspotential" in ihren Völkern aktivieren (Reaktion). Dafür macht der Psychologe sogar eine an sich richtige Beobachtung, wenn er darauf besteht, daß Kriege niemals allein durch das Wirken staatlicher Propaganda des Hasses auf den Feind zustandekommen können. In der Tat müssen für einen Krieg stets zwei Elemente zusammenkommen: der Wille einer staatlichen Souveränität, sich gegen (von ihr zu solchen erklärten) auswärtige politische Hindernisse die Freiheit des unbedingten Machtanspruchs zu verschaffen, und ein für die Bedürfnisse der Nation zugerichtetes Volk, das sich für diesen Willen zu opfern bereit ist. Dieses Verhältnis befreit die Psychologie aber von jedem politischen wie gesellschaftlichen Inhalt, wenn sie aus ihm ohne weiteres ein "angeborenes" Verhältnis von Führer und Abhängige" (FREUD) macht. Doch dabei bleibt es nicht: Ohne viel Federlesen bescheinigt der Psychologe seinen lieben Massen die Funktion des eigentlichen Subjekts des Krieges, weil er an ihnen den natürlichen Wunsch zum Zuschlagen, die stets latent vorhandene Bereitschaft zur Gewalt entdeckt, deren Befriedigung ihnen im "Alltagsleben" aufgrund der Normen und Regeln nicht gestattet wird.

Im psychologischen Erklärungsschema wird daher der Krieg aus dem Zirkel abgeleitet, daß er aus einem Bedürfnis nach ihm seine Erklärung findet. Stets begründen die Psychologen das in Friedenszeiten unterdrückte Verlangen des Volkes nach freier Betätigung seiner "aggressiven Neigungen" damit, daß die gesellschaftlichen Machtinstanzen den Menschen irgend etwas versagen. Wenn diese Menschenkundler die Masse Mensch unterstellen als ein vor sich hin "leidendes Wesen", weil es die "Zwänge" und "die hohen Anforderungen der Zivilisation" nicht "verträgt", dann ist nach dieser Logik der Mensch zu "Kompensationsleistungen" für die Bewältigung seiner "aggressiven Energie" gezwungen, die ihn dennoch unbefriedigt lassen. Sei es, daß die Ordnung die Menschen an einem freien Triebleben hindert, die natürliche Betätigung des Kampfverhaltens verkümmert,weil der Mensch in einen Zusammenhang eingebunden ist, dem er sich unterordnen muß; die friedliche = wertvolle Nutzung von aggressiven Aktivitäten nicht geht, weil in der Gesellschaft ein ausreichendes Interesse dafür vorhanden ist; oder sei es schließlich, wie von ganz linker Perspektive aus verlautet, daß die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft den Menschen die kollektive Verfügung über die eigenen Daseinsumstände verweigert' (MARKARD) - in all diesen Fällen erklärt die Psychologie das unterwürfige Mitmachen des Volkes beim Krieg aus einem negativen Grund. Darin liegt das Abgefeimte der psychologischen Theorie des Krieges: Der Mensch will ihn nicht, er muß ihn wollen! Üblicherweise fußt diese Logik auf einer Gesellschaftsbzw. Staatstheorie, die sich ebenso naiv wie falsch ausnimmt. An der existenten gesellschaftlichen Gewalt fällt der Psychologie nur ein Gegensatz auf. die Ordnung als Instanz der Disziplinierung eines Wesens Mensch, der seinen Triebregungen und Verhaltensnotwendigkeiten ausgeliefert ist. Unvorstellbar für den Psychologen, an der staatlichen Gewalt einen anderen Zweck wahrzunehmen als die permanente Anstrengung, den Mensch unter seine Gewalt zu bringen, weil dessen Bestreben wiederum darin hegen soll, sich permanent seiner Vergesellschaftung zu entziehen. Weil die Psychologie den Staat nicht anders fassen will als in der formellsten Bestimmung von Gewalt, als Anforderung, Gesetz, Zwang, Norm überhaupt, die in dem Begriff der Kultur gleich eine idealisierte Form annimmt, unterstellt sie der staatlichen Gewalt auch nur einen ebenso harmlosen wie ausschließlich moralischen Zweck: Er ist eine große Erziehungsanstalt zur Idealisierung des Menschen, die an dessen Natur so ihre Grenzen hat.

Unfähig also, den Kampf mit sich selbst aus eigener Kraftzu gewinnen, sammelt sich nach des Psychologen Logik bei den Massen ein wachsendes Potential von Frustration an, das nur darauf wartet, losgelassen zu werden - natürlich durch die Staaten, deren Regierungen das Volk repräsentieren, und zwar als "Instanz ihres Gewissens" (FREUD). An dieser Stelle hat FREUD klassische Worte der psychologischen Kritik an den Staat gerichtet. Er hat entschieden die "Doppelmoral" des Staates gerügt, seinen Leuten die unbedingte Einhaltung moralischer Normen abzuverlangen, um sich selbst nach außen hin an keine moralische Pflicht gebunden zu fühlen". Andererseits hat der Altmeister dem Staat vorsorglich so etwas wie verminderte Zurechnungsfähigkeit zugebilligt, und zwar mit dem schönen Argument der UNO, das ihm also auch schon vertraut war: Der einzelne ließe sich zur Verantwortung ziehen, da ja für ihn Normen existieren; der Staat kann gar kein Gewissen haben, von wegen der fehlenden Autorität eines Weltstaates!

Da die Psychologie die Quelle des Krieges in der heimlichen Rebellion der menschlichen Seele gegen ihre durch äußeren Zwang durchgeführte Sozialisierung entdeckt, so ist es nur konsequent, wenn der Krieg selbst bei ihr nur aufgefaßt wird als der Vorgang der "Entkultivierung". Die Betrachtung des Krieges als Enthemmung, als Unsittlichkeit, also die Entlarvung der Heuchelei des Staates, mit der der Psychologe kokettiert, ist daher stets der Auftakt zu einer Wertschätzung des legitimen Verbrechens von sehr aparter Art. Im Krieg erblickte FREUD einen bemerkenswerten Zwang für den Menschen, sich das in Friedenszeiten verkünstelte Verhältnis zum Tode abzugewöhnen, was ihm als eine bedeutende Steigerung von Lebensqualität erschien.

"Es ist evident, daß der Krieg die konventionelle Behandlung des Todes hinwegfegen muß. Der Tod läßt sich jetzt nicht mehr verleugnen, man muß an ihn glauben. Die Menschen sterben wirklich, auch nicht mehr einzeln, sondern viele, oft Zehntausende an einem Tage. ... Das Leben ist freilich wieder interessant geworden, es hat seinen vollen Inhalt wiederbekommen."(FREUD, ebda., S. 51)

FROMM schlägt in die gleiche Kerbe, wenn er den Krieg alsden Kronzeugen für seine Kritik an der Konkurrenzgesellschaft ausruft.

"Der Krieg bewirkt bis zu einem gewissen Grad eine Umwertung aller Werte. Er bewirkt, daß tief eingewurzelte menschliche Impulse wie Altruismus und Solidaritätsgefühl zum Ausdruck kommen - Impulse, die durch den Egoismus und den Konkurrenzkampf des modernen Menschen in Friedenszeiten unterdrückt werden. Klassenunterschiede verschwinden ganz oder doch im beträchtlichen Maß. Im Krieg ist der Mensch wieder Mensch, und er hat die Chance, sich auszuzeichnen, ohne daß ihm ein sozialer Status als Bürger Vorrechte einräumt. (... ) Der Krieg ist eine indirekte Rebellion gegen Ungerechtigkeit und Langeweile, wie sie das gesellschaftliche Leben in Friedenszeiten beherrschen ... Für all dies sorgt ein perverses sozialisiertes System. Daß der Krieg diese positiven Züge aufweist, ist ein trauriger Kommentar zu unserer Zivilisation. Wenn das bürgerliche Leben für Abenteuer, Solidarität, Gleichheit und Idealismus Raum hätte, wie sie im Kriege zu finden sind, könnte man die Menschen vermutlich nur sehr schwer dazu bewegen, in den Krieg zu gehen." (FROMM, Anatomie der menschlichen Destruktivität, S. 192)

In solchen Ergüssen, die eigentlich keines besonderen Kommentars bedürfen, ist das Fazit der psychologischen Wertschätzung des Krieges auf den Begriff gebracht. Es lautet eben, so furchtbar und unmenschlich der Krieg sein mag, er ist für die Menschen eine gute Gelegenheit, ihre Leiden zu heilen. Es ist die widerliche Begutachtung, der soldatischen Zwangsgemeinschaft vom Standpunkt der Funktionalität für die menschliche Natur, die sich mit dem Krieg eine Möglichkeit geschaffen hat, sich an ihren Schäden durch die Moral zu rächen. So lautet denn das Schlußwort der psychologischen Kriegsanalyse, daß es nur normal sei, was durch den Krieg den Menschen an Leiden zugefügt wird. Und negative Folgen für das Leben in der Gemeinschaft hat der Krieg auch keine, ganz im Gegenteil.

"Daß die menschlichen Großindividuen, die Völker und Staaten, die sittlichen Beschränkungen gegeneinander fallen ließen, wurde ihnen" (den Massen) "zur begreiflichen Anregung, sich für eine Weile (!) dem bestehenden Druck der Kultur zu entziehen und ihren zurückgehaltenen Trieben vorübergehend (!) Befriedigung zu gönnen (!!). Dabei geschah ihrer relativen Sittlichkeit innerhalb ihres Volkstumes wahrscheinlich kein Abbruch." (FREUD, S. 45)

V

Die eigentümliche Parteilichkeit eines Psychologen, sich weder für noch gegen den Krieg auszusprechen, und sich im Grunde in dieser Frage für unzuständig zu halten, hat noch lange nichts mit Neutralität zu tun. Für die Propaganda seiner Zunft dient die Kriegsfrage allemal als willkommenes Material. Er taugt dem Psychologen als eine ausgezeichnete Angelegenheit für die Förderung der Einsicht, daß die Welt im letzten ihren Sinn in der Selbsterkenntnis des Menschen hat. In der Frage der Vermeidbarkeit eines Krieges warnt er vor übertriebenem Optimismus und macht die Lösung dieser Frage in jedem Fall davon abhängig, daß die Menschen ihre Friedensfähigkeit zu verbessern hätten. Seine Therapievorschläge sind nie in der Praxis relevant, in jedem Fall gut genug für ein Thema im Feuilleton. Er erwägt eine Diktatur der Vernunft, die Förderung des Sports als friedliche Nutzung des Aggressionstriebes und bietet detaillierte Trainingsmethoden der individuellen Gewaltkontrolle gegen billiges Geld an. Auch die Verbesserung der Kindererziehung erwägt er und stiftet sogar Leute an für Bücherstände in der Innenstadt, die zum Verbot für Kriegsspielzeug agitieren. In der Frage der gewaltfördernden Eigenschaften unseres Fernsehens schließt sich der Psychologe schließlich der Auffassung unseres Altbundeskanzlers an.


© Verein zur Förderung des marx. Pressewesens e.V. München
Online-Version: GegenStandpunkt Verlag 2003