Kritik bürgerlicher Wissenschaft

Kritik bürgerlicher Wissenschaft
Ludwig Wittgenstein

Zum 100. Geburtstag
Ludwig Wittgenstein – Leben & Werk

"Beim Philosophieren muß man ins alte Chaos hinabsteigen und sich dort wohlfühlen."

Über Wittgenstein wird viel erzählt. Überliefert ist, daß er als Person ziemlich unerträglich gewesen sein muß. Ständig hat er seine Umgebung belästigt - bis sie ihm selbst lästig geworden ist. Dann hat er sie gewechselt. So wurde aus dem Techniker ein Schriftsteller und aus diesem ein Volksschullehrer. Seine späteren Schriften lassen sein pädagogisches Talent erkennen:

"Mach diesen Versuch: Sag ,Hier ist es kalt' und meine ,Hier ist es warm'. Kannst Du es?"

Oder:

"Wir lassen nun den Schüler einmal eine Reihe (etwa ,+2') über 1000 hinaus fortsetzen, - da schreibt er: 1000, 1004, 1008, 1012. Wir sagen ihm: ,Schau, was du machst!' - Er versteht uns nicht. Wir sagen: ,Du solltest doch zwei addieren; schau, wie du die Reihe begonnen hast!' - Er antwortet: ,Ja! Ist es denn nicht richtig? Ich dachte, so soll ich's machen ...' - Es würde uns nun nichts nützen, zu sagen ,Aber siehst du denn nicht ...?' - und ihm die alten Erklärungen und Beispiele zu wiederholen. - Wir könnten in so einem Falle etwa sagen: Dieser Mensch versteht von Natur aus jenen Befehl, auf unsere Erklärung hin, so, wie wir den Befehl: ,Addiere bis 1000 immer 2, bis 2000 4, bis 3000 6, etc.'."

Als Volksschullehrer wurde Wittgenstein damit nicht berühmt. Erst als Philosophieprofessor in Cambridge hat er mit dieser Tour Erfolg gehabt. - Privat war er mit sich nicht im Reinen, erfährt man. Er hatte genügend Geld, um sich Probleme der luxuriösen Art zu machen, Sinnprobleme, die ihn fürs Philosophieren anfällig machten und an den Rand des Selbstmords trieben. So empfand er schließlich den Weltkrieg wie eine Erlösung aus seiner furchtbaren Lage. - Das alles wäre nicht weiter der Rede wert. Die Geschichten und Geschichtchen aus dem Leben dieses Mannes werden ja nur deshalb für bedeutsam befunden, weil sein philosophisches Werk etwas gilt. Und noch nicht einmal der Umstand, daß Wittgenstein als Personifikation seiner Lehre herumgelaufen ist, macht seine Gedanken richtiger oder gewichtiger. Die Geburtstagsgratulanten hingegen entnehmen seiner Biographie die sicheren Indizien dafür, es mit einem Genie zu tun zu haben. Sie feiern den Beckett (alternativ: den Kafka) unter den Philosophen, den dunkelsten Philosophen des Jahrhunderts, einen, der so tief gedacht hat, daß es noch Jahrzehnte bedarf, um zu entziffern, was er mit seinen Bemerkungen eigentlich gemeint hat!

*

Bei Wittgenstein Hintergründiges zu suchen, ist das größte Unrecht, das man ihm antun kann. Er hat sich mit Philosophie beschäftigt - hatte aber nicht den mindesten Begriff davon, was er da macht. Er hielt philosophische Probleme für eine Art Geistesverwirrung - brachte es aber auch nicht zum Philosophiekritiker. Er hat einfach nicht verstehen wollen, worum es da geht. Und es hat ihn nicht interessiert, warum sich Philosophen in nicht endenwollende Schwierigkeiten verstricken. Ihm, Wittgenstein, war nämlich alles klar:

"Was sich überhaupt sagen läßt, das kann man klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen."

Er sah einfach kein Problem: Das, was man sagen kann, ist kein Problem, weil es sich klar sagen läßt. Und das, was sich nicht sagen läßt, geht uns nichts an, ist also auch kein Problem. So machte er sich, ignorant gegenüber der Frage, was es mit der Philosophie auf sich hat, daran, in diesem Fach Klarheit zu stiften:

"Ein philosophisches Problem hat die Form: ,Ich kenne mich nicht aus'."

Und solche Probleme würden wegfallen, wo der goldenen Regel gehorcht würde:

"Nichts zu sagen, als was sich sagen läßt."

Sicher, aber was ist damit eigentlich gesagt? Rein gar nichts! An dem Kriterium läßt sich nämlich gar nichts unterscheiden. Schließlich haben auch die Philosophen ihre erlesenen Probleme ausgesprochen, die Wittgenstein mit seiner Regel aus dem Verkehr ziehen will. Wittgenstein will diese Probleme nicht kritisieren, sondern ausschließen. Er will eine Vorschrift fürs Denken angeben, die das Denken davor bewahrt, sich in solche Probleme zu verwickeln, und hegt damit einen grundsätzlich gedankenfeindlichen Wunsch: Das Denken soll einer Regel folgen, die von vornherein ausschließt, Unsinn zu denken. Und mit dieser Festlegung ist überhaupt das Denken ausgeschlossen.

*

Woran man sich da zu halten hat, das wollte er in einem "Tractatus logico-philosophicus" den Philosophen einmal aufschreiben. Und zwar gegliedert mit durchnummerierten Sätzen und von Grund auf.

"1. Die Welt ist alles, was der Fall ist."

Er hat das genau so gemeint, wie's dasteht: Mehr als das, was es gibt, gibt es nicht. Und so fängt er das Definieren an: "Sachverhalte", die es gibt, nennt er "Tatsachen" - und an die soll sich das Denken halten. "Sachverhalte", die es nicht gibt, heißen bei ihm "negative Tatsachen" - und über die nachzudenken, führt nur in den philosophischen Urwald. Wittgenstein meint, damit so etwas wie eine Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Gedanken angegeben zu haben, gerade so als würden sich nicht auch verkehrte Gedanken auf "Tatsachen" beziehen. Auch die Idee vom lieben Gott macht da keine Ausnahme und ist nicht zu erledigen durch die Frage, ob es den alten Herrn gibt, weil mit dieser Frage gar nicht darauf eingegangen wird, wie sich der Christ mit seiner Vorstellung auf die Welt bezieht. - Noch nicht einmal wenn Wittgenstein notiert:

"2.06 Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirklichkeit",

merkt er, daß er sich mitten in den Widersprüchen einer philosophischen Idee herumtreibt: Bei ihm gibt es nun schon Sachen, die gibt's gar nicht! Sowas kommt von dem Bedürfnis, eine Grenze ziehen zu wollen, zwischen dem, was zur Welt gehört, und einem Jenseits, über das sich nicht recht sagen läßt, was da los ist. Wittgenstein kreiert mit seiner Grenzzieherei genau das metaphysische Jenseits, das er aus der Welt schaffen will. Und dieses Jenseits ist bei ihm noch um einiges umfänglicher ausgefallen. Mit seiner Idee, daß nur auf die "Tatsachen", das Handfeste, sinnlich Gegebene, Verlaß ist, stellt er geradezu die Definition auf, daß alles Denken metaphysischer Schnickschnack ist. Wittgenstein geht von einer absoluten Trennung aus: Das Denken und die Wirklichkeit sind verschiedene Welten. Das Denken hält er für suspekt, weil unwirklich. Ihm fällt gar nicht auf, daß er damit umgekehrt das, was er für verläßlich und handgreiflich hält, aus dem Denken ausgeschlossen hat. Stattdessen stellt er das denkfeindliche Ideal auf, das Denken möge über das Handgreifliche nicht hinausgehen. Wo das Denken anfängt, bei der Frage, was etwas ist, dort soll es aufhören. Es soll sich an das halten, was ihm unmittelbar gegeben ist, und damit kürzt sich seine Leistung gerade heraus. - Sein zweiter Schlager in der Absicht, Klarheit zu stiften, lautet daher:

"2.1 Wir machen uns Bilder der Tatsachen."

Darunter fallen bei ihm Gedanken :

"3. Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke."

Und Sätze:

"4.01 Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit. Der Satz ist ein Modell der Wirklichkeit, so wie wir sie uns denken."

Wittgenstein war nicht gut im Unterscheiden. (Er meinte auch, der Satz sei so etwas wie ein Bild vom Gedanken: "3.1. Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus.") Es ging ihm immer nur um die Hauptsache: Wenn wir uns getreulich an die Tatsachen halten und nur Bilder von ihnen machen, meint er, dann kann nichts schiefgehen beim Denken und nichts philosophisch Vertracktes dabei herauskommen. Freilich ist schon wieder seine Vorstellung vom geistigen Bildermachen das philosophisch Vertrackte. Die Absicht der gewählten Metapher vom Bildermachen ist unverkennbar: Wittgenstein will dem Denken alle Selbständigkeit nehmen. Deswegen kommt er auf Bilder: die sind nur eine abhängige Variable vom Original. Nur "Tatsachen" will er gelten lassen und erlauben. Deswegen bestreitet er dem Bildermachen seine geistige Natur und betont:

"2.141 Das Bild ist eine Tatsache."

Damit gibt es in seiner Gedankenwelt nur noch Tatsachen. Die Differenz von "Bild" und Original - letzte Erinnerung daran, daß wir die Wirklichkeit nicht als solche, sondern als gedachte im Kopf haben -, soll keine sein. So startet Wittgenstein den Versuch das Denken als etwas sinnlich Handgreifliches aufzufassen und meint eben diesen Irrsinn an der Sprache dingfest machen zu können: Sätze und Wörter, das Gesprochene und Geschriebene reduziert er auf ihre sinnliche Erscheinung und streicht damit gerade durch, daß es Zeichen sind, die etwas bedeuten. Bei ihm sind Zeichen keine Zeichen mehr, sondern auch bloß etwas, was es gibt. Einerseits verhält sich damit Zeichen und Bezeichnetes wie verschiedene Tatsachen, die nichts miteinander zu tun haben: Hier die Buchstaben und Laute, die nichts bedeuten, dort die restlichen Dinge, die nicht gedacht werden sollen. Andererseits soll gerade dieses Verhältnis wie das zwischen Bild und Original gedacht werden; nach wie vor soll mit den Zeichen ohne Bedeutung die Welt der Tatsachen bezeichnet und getroffen werden. Diesen Widerspruch hat uns Wittgenstein, so klar, wie es ihm nur möglich war, aufgeschrieben:

"4.05 Die Wirklichkeit wird mit dem Satz verglichen."

Von wem eigentlich? Verglichen soll werden, aber gedacht werden darf dabei nicht. Ein schwieriger Gedanke: Ohne zu denken einen Vergleich anstellen zwischen einem ungedachten etwas und einer nichtsbedeutenden Buchstabenreihe oder Lautkette. So schwierig ist philosophisches Sich-dumm-Stellen! Und Wittgenstein meint, mit dieser Vorstellung im Prinzip alles Philosophische ausgeräumt zu haben; dabei hat er alles Denken ausgeräumt und alles Philosophische stehengelassen. - Jedenfalls er hat jetzt mit der Wahrheit kein Problem mehr. Wo der Inhalt des Gedankens und die Bedeutung von Sätzen gestrichen ist, da ist für ihn die Unterscheidung von wahr und falsch reine Formsache. Er konstruiert einen Mechanismus - die berühmten "Wahrheitstafeln" -, aus dem arschklar hervorgeht, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt, aus einer wahren Prämisse wahre oder falsche Sätze zu "folgern". Man kann mit diesem Mechanismus auch aus falschen Prämissen "Schlüsse" ziehen. Die stimmen dann, wenn man sich an die festgelegten Bahnen hält, die der Mechanismus vorsieht. So gesehen hängt dann alles nur noch davon ab, ob die Prämissen stimmen oder nicht. Darüber sagt der Mechanismus nichts. Das macht aber auch nichts, denn solange man sich bei Sätzen nichts denkt - und was soll man sich bei "p" oder "q" schon denken? -, kann man sie ja auch bewerten, wie man will. Die Leistung dieses Mechanismus ist also unübersehbar: Wenn man wüßte, welche Sätze wahr sind, hätte man im Prinzip alle wahren Sätze in der Tasche. Im Konditional hat Wittgenstein damit alles, was man von der Welt wissen kann, beieinander. In Wirklichkeit freilich kann er nun endgültig nichts mehr auseinanderhalten. Das Selbstverständliche kommt ihm äußerst fragwürdig vor:

"6.36311 Daß die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Hypothese; und das heißt: wir wissen nicht, ob sie aufgehen wird."

Und das philosophisch Rätselhafte kommt ihm ziemlich wirklich, aber nicht erfaßbar vor:

"6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische."

Er meint, mit seinem "Tractatus" alle philosophischen Probleme in nichts aufgelöst zu haben. Nur konsequent, daß er danach das Philosophieren gelassen hat und Volksschullehrer geworden ist.

*

Jahre später haben ihn "Freunde" (Ramsey etc.) jedoch wieder zum Philosophieren animiert. Und Wittgenstein ist seinem Anspruch treu geblieben, daß man nur solche Worte gebrauchen dürfe, die Reales bezeichnen:

"Man sagt: Es kommt nicht aufs Wort an, sondern auf seine Bedeutung; und denkt dabei an die Bedeutung, wie an eine Sache von der Art des Worts, wenn auch vom Wort verschieden. Hier ist das Wort, hier die Bedeutung. Das Geld und die Kuh, die man dafür kaufen kann."

Hatte er in seinem "Tractatus" noch gedacht, daß in dieser unmittelbaren Beziehung des Worts auf ein Trumm in der Welt der Unterschied zwischen "sinnvollen" Sätzen und dem "sinnlosen" Treiben der Philosophen liegt, so fällt ihm nun auf, daß die Sprache überhaupt und generell nicht seiner Vorstellung von ihr genügt. Ihm fällt aber gar nicht ein, deswegen den Anspruch aufzugeben, die Wortbedeutung müsse eine einzelne Sache sein, die man anglotzen kann:

"Beachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir ,Spiele' nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? - Sag nicht: ,Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ,Spiele' ' - sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. ... Wie gesagt: denk nicht, sondern schau! - Schau z.B. die Brettspiele an, mit ihren mannigfachen Verwandtschaften. Nun geh zu den Kartenspielen über: hier findest du viele Entsprechungen mit jener ersten Klasse, aber viele gemeinsame Züge verschwinden, andere treten auf. Wenn wir nun zu den Ballspielen übergehen, so bleibt manches Gemeinsame erhalten, aber vieles geht verloren ..."

Wittgenstein weiß auf seine gewohnt begriffslose Weise, daß die Bedeutung eines Wortes etwas Allgemeines ist; deswegen macht er sich ja auf die Suche nach Gemeinsamkeiten.Dieses Allgemeine ist keine einzelne Sache; neben den verschiedenen Spielen gibt es nicht auch noch das Gemeinsame derselben, das Spiel, als einen getrennten, für sich existierenden Gegenstand. Das Gemeinsame herauszufinden ist eine Denkleistung und deren Resultat ein Gedanke, eine allgemeine Vorstellung, die im Wort eine sinnliche Bezeichnung erhält. Wittgenstein verlangt, das Gemeinsame herauszufinden, aber denken soll man dabei nicht dürfen! Anschauen soll man es, aber das geht ja nicht! Wittgenstein fällt wieder mal sein Widerspruch nicht auf: Er plappert von lauter "Verwandtschaften", "Entsprechungen" und "gemeinsamen Zügen" daher, die auch er nicht durch Anschauen gefunden haben kann, um noch im selben Satz zu bestreiten, daß das Gemeinsame, das das Wort bezeichnet, zu haben ist. Wittgenstein hat damit seinen Maßstab angegeben, mit dem er für Klarheit im Denken sorgen wollte: Real ist für ihn nur, was man anschauen kann. Alles, was dem Denken angehört, bereits die elementarste Geistesleistung, an verschiedenen Gegenständen Gemeinsamkeiten zu entdecken und im Wort festzuhalten, gerät ihm an diesem Maßstab gemessen zum metaphysischen Lug und Trug.

*

Über dieses geistfeindliche Dogma ist Wittgenstein verrückt geworden. Er hat nämlich versucht, dieses Dogma in seinem Denken durchzuführen. Die "Philosophischen Untersuchungen" zeugen von der Zerrüttung des Verstandes, zu der fortgesetztes Philosophieren ohne Sicherheitsgurt führen muß. Schon im Vorwort zu diesem Buch beklagt sich Wittgenstein darüber, daß er bei allem, worüber er nachdenkt, vom Hundertsten ins Tausendste kommt:

"Nach manchen mißglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem Ganzen zusammenzuschweißen, sah ich ein, daß mir dies nie gelingen würde. Daß das Beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; daß meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung weiterzuzwingen. ... Ich hätte gerne ein gutes Buch hervorgebracht. Es ist nicht so ausgefallen."

Was war aus dem dereinst so klaren Denker geworden! Er spricht von einer "Verhexung des Verstandes durch die Sprache". Sein Problem ist nun auch für ihn um ein gutes Stück grundsätzlicher geraten. Er blickt nun nicht mehr bloß durch die Philosophie nicht durch, sondern hält überhaupt das Bilden von Sätzen und Verstehen von Worten für ein Problem. So weit ist es mit ihm gekommen, die einfachsten Funktionen des Verstandes, jedes Kind beherrscht sie, wollen nicht mehr klappen. Was bedeutet das alles, fragt er sich, und zieht die Konsequenz: Er entwickelt die Methode des "Sprachspiels", und die geht so: Er geht hartnäckig davon aus, daß man nicht weiß, was ein Wort bedeutet. Um die Bedeutung herauszufinden, denkt er sich Situationen aus, in denen sich die Beteiligten daran abmühen, im Gebrauch von Wörtern und Sätzen herauszukriegen, was sie meinen. Das gelingt freilich meist nicht, denn dazu müßte man ja wissen, was die Worte bedeuten. Das aber verrät wiederum erst ihr Gebrauch:

"Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache."

Wittgensteins Verwirrung ist nun vollkommen. Er bringt Sätze zu Papier - und kaum stehen sie da, weiß er nicht, was er mit ihnen anfangen soll. Er macht Beispiele und - auch das ist nicht mehr ganz die logisch korrekte Reihenfolge - stets ist sein Problem, herauszufinden, wofür sie stehen sollen. Er macht Situationen vorstellig, in denen solche wie er sich ein "Kannitverstan" mitteilen. Und jedesmal erläutert er uns in deutscher Sprache und für jedermann verständlich, warum die sich nicht verstehen können:

"Denke, jemand zeige mit dem Gesichtsausdruck des Schmerzes auf seine Wange und sagte dabei ,abrakadabra'! - Wir fragen ,Was meinst Du?' Und er antwortet ,Ich meine damit Zahnschmerzen.' - Du denkst sofort: Wie kann man denn mit diesem Wort ,Zahnschmerzen meinen'? Oder was hieß es denn: Schmerzen mit dem Wort meinen? Und doch hättest du, in anderem Zusammenhang, behauptet, daß die geistige Tätigkeit, das und das zu meinen, gerade das Wichtigste beim Gebrauch der Sprache sei."

Sowas hat Wittgenstein ganz fertig gemacht. Sein ganzes Schrifttum ist ihm zu einem gigantischen Zettel-Kasten geraten. Da gibt's ein "blaues Buch", ein "braunes Buch", - eins heißt nur mehr "Zettel". Und von denen sind bislang erst 5000 veröffentlicht. 30000 sind noch im Archiv. Arbeitsplätze für Akademiker hat er also auch noch geschaffen.

*

Der Mann, von dem hier die Rede war, ist "der meistzitierte Philosoph des 20. Jahrhunderts".



München 1989
© Verein z.F.d. marx. Pressewesens e.V.
GegenStandpunkt Online 2005