Kritik bürgerlicher Wissenschaft
"Platon ist eins von den welthistorischen Individuen, seine Philosophie eine von den welthistorischen Existenzen, die von ihrer Entstehung an auf alle folgenden Zeiten für die Bildung und Entwicklung des Geistes den bedeutendsten Einfluß gehabt haben." (Hegel) – "Unsere heutige Sprache und Weltauffassung sind durchgängig von den Ergebnissen der antiken Wissenschaft durchsetzt." (Windelband) – "Ich würde sagen, es ist die treffenste Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht." (Whitehead) – Vorsicht, beim Loben und Verehren der Tradition! Vielleicht ist es gar nicht so vorteilhaft, herauszuposaunen, daß man seit 2500 Jahren im Prinzip nichts dazugelernt haben will. Zumal auch noch gar nicht feststeht, was der alte Grieche überhaupt gewußt und gekonnt hat und – das ist nicht dasselbe! – was die Einsichten taugen, die die Modernen von ihm bezogen haben wollen. Eine nüchterne Prüfung ist offenbar ein Verstoß wider die guten Sitten, wenn ein Fach sich dazu entschlossen hat, seine Tradition wie einen Schatz zu hüten – "Eins der schönsten Geschenke, welche uns das Schicksal aus dem Altertum aufbewahrt, sind ohne Zweifel die Platonischen Werke." – und sich ob dieser hohen Verantwortung gar nicht lächerlich vorkommt, lauter Warnungen auszustoßen, der Glanz des Juwels könne verblassen, wenn ein unbefangener Verstand einen prüfenden Blick daraufwirft. Ist es eigentlich schade um ein Stück Literatur, wenn es dabei kaputtgeht?
Doch diese Gefahr besteht bei Philosophen nicht. Noch in jedem Lektürekurs ist der Seufzer präsent: "Man müßte ihn im griechischen Original lesen (können)!" Denn die Substanzverluste beim Übersetzen sollen enorm sein. Worin diese Substanz besteht und was an ihr durch die eher harmlose Prozedur der Übertragung in eine andere Sprache verlorengehen soll, das braucht dabei niemand angeben zu können. Es geht vielmehr darum, sich vorab schon mal für unfähig zu erklären, den Gehalt eines Textes hinreichend zu erfassen. Mit dieser Pose wird bedeutet, daß jedenfalls mehr in und hinter einem Text steckt, als er je hergibt. Dieses allgemeine Grunddogma des Interpretierens hat Platon–Experten zu dem Einfall beflügelt, bei Platon eine exoterische und eine esoterische Philosophie zu unterscheiden: exoterisch, das sind seine Schriften, das, was Platon aufgeschrieben hat und was von ihm überliefert ist – das aber soll gerade nicht seine eigentliche Philosophie sein. Das Eigentliche, Esoterische – man fragt sich schon, worin das noch bestehen soll – ist dann das, was er nicht aufgeschrieben hat! Es ist, als wollten sie sagen, daß sie Platon viel mehr verehren, als er wegen seiner Schriften verdient.
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"Mit Platon beginnt die Wissenschaft." Das mag schon sein. Bloß, wieso kommt dieses verbreitete Urteil als Lob daher? Schließlich sind nicht gleich großartige, heute noch bahnbrechende Erkenntnisse zu erwarten, wenn ein Geist, der bis dahin damit befaßt war, sich eine mythologische Götterwelt auszumalen, sich erstmals im Urteilen übt. Eher schon liegt der Vergleich mit dem kindlichen Gemüt nahe, das sich auch nicht gleich mit druckreifen Gedanken zu Wort meldet, wenn es sich von den Einfällen seiner Phantasie emanzipiert.
In allen Dialogen läßt Platon seine Figuren Definitionen suchen. Die Schiffsbaukunst nimmt in dieser Hinsicht ebensoviel Raum ein wie die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet; die Frage, was ein Staatsmann ist, ist genauso interessant wie die, worin sich Schein und Sein unterscheiden; und das Gute, Schöne und Wahre darf natürlich auch nicht fehlen. Und in allen diesen Fällen wird erst einmal an der Frage herumgedoktert, was überhaupt eine Definition ist. Woran ist man eigentlich, wenn Sokrates seinen Spezi Theaitetos, der die Frage, was Erkenntnis ist, mit einer Aufzählung beantworten wollte (Erkenntnisse gibt es in der Meßkunst, in der Schuhmacherkunst usf.), wie folgt schulmeistert?
"Das Gefragte aber war nicht dieses, wovon es Erkenntnis gäbe, noch auch, wievielerlei sie wäre. Denn wir fragten nicht in der Absicht, sie aufzuzählen, sondern um die Erkenntnis selbst zu begreifen, was sie wohl sein mag."
Oder wenn im Phaidon – ums Schöne geht es in diesem Dialog – die schönen Worte fallen, "daß vermöge des Schönen alle schönen Dinge schön werden." Na schön, tautologischer kann die Antwort auf die Frage, was schöne Dinge auszeichnet, nun wirklich nicht ausfallen. Weiter hat es Platon offenbar noch nicht gebracht als zu dem Bedürfnis, daß es beim Erkennen um die Bestimmung der allgemeinen Natur einer Sache gehen soll. So hat er sich mit seinen Definitionen schon bei seinen Zeitgenossen blamiert. Da mühen sich die Gesprächspartner im Politikos beispielsweise redlich, die Frage zu beantworten, was der Mensch ist, und sie landen schließlich und zur Zufriedenheit aller bei der Auffassung, daß der Mensch "ein nichtgefiedertes, zweibeiniges Lebewesen" ist. Gesucht hat er nach einem Unterschied zu den anderen Tieren. Und eingehandelt hat er sich ein gerupftes Huhn, das der Spaßvogel Diogenes den Anhängern Platons über die Mauern der Akademie geworfen hat. Und das ist noch einer der besseren Fälle, in denen ein Dialog überhaupt mit einem positiven Ergebnis endet. In den meisten Fällen scheitert nämlich die Bemühung, was bekanntlich dem alten Sokrates seinen Ruf als großen Philosophen eingebracht hat.
– Die Anfangsgründe des Urteilens zeichnen sich durch alle Anzeichen theortischer Hilflosigkeit aus. Wenn einer schon wegen seiner Gleichnisse berühmt ist! Als ob man dieser Denktechnik nicht den Mangel an theoretischer Bestimmung entnehmen könnte! Kaum ist ein Urteil verlangt, wird die Phantasie bemüht, um das fehlende Prädikat durch den Appell an eine andere Vorstellung zu ersetzen. Was drückt es denn aus, das famose Höhlengleichnis? Die unmittelbare Anschauung habe es mit den Schatten der Dinge zu tun und nicht mit den Dingen selbst. Um das, was die Dinge selber sind, zu erfassen, müsse man ihre Idee, ihre allgemeine Natur erkennen. Anschauen und Erkennen sollen also zwei Paar Stiefel sein. Gerade deswegen aber ist es blöde, das Erkennen auch wieder in ein Bild zu packen, das es mit dem Anschauen gleichsetzt: Beim Erkennen schauen wir nicht die Schatten an, sondern die Dinge selber, heißt es da. Wer in dem Bild weiterdenkt, kommt prompt auf ganz verkehrte Gedanken: Bei ihm hat dann das Erkennen nichts mit dem Inhalt der Anschauung zu tun und erklärt nicht diesen Inhalt, sondern es bewegt sich in einer ganz anderen, getrennten Welt. Die Ideen sind ein eigenes Reich, das mit den Dingen, wie sie aus der Anschauung bekannt sind, nichts zu tun hat. Gleichwohl sollen die Ideen deren allgemeine Natur sein. Also muß ein Verhältnis her: Die Dinge sind etwas, die Ideen etwas ganz anderes. Platon hat da auch nicht recht weitergewußt. Er sagt: Die Dinge haben "Anteil" an den Ideen. Zu 50 0der was? Dieser ganze Unfug ist übrigens Platons Ideenlehre. – Der Mangel dieser Denktechnik, in Bildern zu denken, ist in den Dialogen den Teilnehmern auch durchaus bewußt.
Im Theaitetos wird beispielsweise die Behauptung aufgestellt: ,Erkenntnis ist wie ein Wachsblock; der Stempel, den man in ihn hineindrückt, verhält sich zum Abdruck, den er hinterläßt, wie die Wirklichkeit zur Erkenntnis.` Und während alle eine Zeit lang, statt an der Erkenntnis weiterzudenken, an der Metapher weitermachen, kommt einer doch auf den Einfall: ,Beim Erkennen kommt es auf den Unterschied zwischen richtig und falsch an – Abdrücke können aber nicht richtig oder falsch sein.` Mit der Erkenntnis verhält es sich also doch nicht wie mit einem Wachsblock. Da aber keiner der Dialogpartner ein besseres Angebot hat, bleibt schlußendlich die Frage wieder einmal offen.
Was als Dialektik Platons gelobt wird, ist der Sache nach eine Auskunft über den trostlosen Geisteszustand dieses Denkers: er treibt sich in Widersprüchen herum, ohne sie auflösen zu können. Gerade die Dialoge, die als besonders tiefgründig gelten, sind von dieser Art. Der Parmenides z. B.: Kommt einer daher und behauptet: ,Alles ist Sein. Dann ist alles ein und dasselbe – eben Sein, und alle Unterschiede, daß es verschiedene Dinge auf der Welt gibt, daß die sich auch mal verändern, sind bloßer Schein, Lug und Trug.` Kommt natürlich der nächste und sagt: ,Und was ist der Schein? Nichtsein? Dann gibt's ihn aber gar nicht. Also doch Sein.` Da wird zuerst einmal alles in einen Topf geworfen – Sein –, und dann wundern sich die Beteiligten darüber, daß sie nichts mehr auseinanderhalten können. Schon wieder ein Ersatz für Wissen. Wer nichts weiß, behilft sich mit Universalien, die nichts Bestimmtes mehr enthalten, mit denen aber alles erklärt sein soll.
Nicht umsonst kommt das Ganze als Dialog daher. Auch nicht gerade ein Dokument für Wissenschaft. Es soll nicht jeder Mist gelten; auf begründete Auffassungen soll es ankommen. Deswegen werden die Gründe für und wider die vorhandenen Vorstellungen gegeneinander abgewogen. Aber der objektive Grund der Sache hat sich offenbar noch nicht herausgestellt – dann ist nämlich Schluß mit dem Hin und Her.
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Im übrigen hat es gar nichts ausgemacht, daß die alten Griechen nichts gewußt haben. In ihrer Sklavenhaltergesellschaft sind sie ganz gut ohne Wissen ausgekommen. Was ihre ersten wissenschaftlichen Übungen beflügelt hat, war denn auch gar nicht ihr enormer Wissensdurst. Da hätten sie nämlich allen Grund zur Unzufriedenheit gehabt mit dem, was sie theoretisch zustandegebracht haben, und es nicht für einen Ausdruck von Weisheit gehalten, daß dem alten Sokrates ein ums andere Mal der Beweis gelingt, daß seine Zeitgenossen genausowenig Ahnung von irgendetwas haben wie er. Getrieben hat Platon und seine Mannschaft vielmehr das Bedürfnis nach Allgemeinverbindlichkeit. Der Weise in den Dialogen ist gar nicht der, der besonders viel weiß und von dem sich deswegen die anderen eine sachliche Klärung ihrer Fragen erwarten können. Die Person des Sokrates steht vielmehr für den Imperativ: "Einigt euch mal auf eine allgemeingültige Definition!" Wer so daherredet, bietet selbst keine an. Durch Wissen Einigung zu stiften, ist seine Sache nicht. Sokrates mischt sich völlig unsachlich in jeden Meinungsstreit ein: Platon bringt die vorhandenen Auffassungen seiner Zeit an einen Tisch. Sokrates stellt sie einander entgegen, läßt sie zueinander in Widerspruch geraten und weist sie damit zurück. Er prüft und kritisiert also keine der Auffassungen, sondern legt das Kriterium der Allgemeinverbindlichkeit an: Weil und solange es noch widerstreitende Auffassungen gibt, darf keine von ihnen Geltung beanspruchen. Er sagt nicht: Wissen stiftet Einigung, sondern macht die Einigkeit der Beteiligten zum Kriterium für Wissen. Er verlangt nicht den Beweis der Richtigkeit der jeweiligen Meinung, sondern daß es ihrem Vertreter gelinge, die Gegenparteien von deren Positionen abzubringen. Verlangt ist mit diesem Kriterium einerseits weniger als Wissen: Es ist ja nur nötig, die Gegenparteien für die eigenen Auffassung zu vereinnahmen und das ist eine Kunst, die ganz jenseits der Frage angesiedelt ist, ob die eigene Auffassung die Sache erfaßt. Andererseits ist mehr verlangt: Der schönste Beweis nützt nämlich nichts, wenn die Leute aus ganz anderen als theoretischen Gründen auf verkehrtem Zeug beharren. Philosophen berufen sich auf einen allseits vorhandenen Einigungswillen und sind gleichzeitig seine einzigen Vertreter. Weil er eben nicht allseits vorhanden ist, müssen sie ihn immerfort als Imperativ vortragen. Deswegen ist ihr Geschäft rundum verlogen. Im Namen eines fiktiven "Uns–geht–es–doch–allen–um–dasselbe" bestreiten sie jedem Standpunkt das Existenzrecht, über den nicht allgemeine Einigkeit besteht.
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So richtig philosophisch tiefsinnig wird es dort, wo es dieser Einigungsanspruch nicht mehr mit einer von ihm getrennt existierenden Sache zu tun hat, sondern nur noch mit sich selbst. Und das ist der Fall, wenn es – wie eigentlich in allen Platonischen Dialogen – um das Wahre, Gute und Schöne geht. In diesen Ideen hat sich das Bedürfnis nach Allgemeinverbindlichkeit seine eigenen fiktiven Gegenstände geschaffen: Das Wahre beschäftigt Platon und alle Philosophen nach ihm sehr. So sehr, daß sie die Erkenntnis von irgendwas ganz aus den Augen verlieren. Es geht ihnen nicht um die Prüfung, ob dieses oder jenes Urteil die Sache trifft, also wahr ist. Sie bringen auch keine Wahrheiten über irgendwas heraus, sondern verschreiben sich ganz einem Ideal. Was muß einer wissen, wenn er sagt: "Mir geht es um das Wahre!"? Null! Aber eine Botschaft hat er schon. Er bekennt sich zum Ideal der Einigkeit, das es nur auf Basis widerstreitender Meinungen gibt. Jenseits der sachlichen Differenzen, die Leute in ihren Auffassungen vortragen; jenseits der Frage, wer mit welcher Auffassung warum richtig oder verkehrt liegt; und unabhängig von jeder Prüfung, worum es den Leuten so geht, wenn sie ihr Zeug vertreten, soll eines feststehen: daß alle Beteiligten mit ihren Gedanken der Wahrheit die Ehre geben wollen. In den sachlichen Differenzen und in der Beharrlichkeit, mit der auf ihnen bestanden wird, tut sich freilich etwas ganz anderes kund: Daß sich da allemal konkurrierende Interessen um ihre Rechtfertigung bemühen und sich dabei gegen den Unterschied von wahr und falsch recht gleichgültig verhalten. Ebenso wie die Philosophen, wenn sie das Wahre zum gemeinsamen Menschheitsanliegen erklären. – Ihrer eigenen widersprüchlichen Unterstellung haben Philosophen auch einen Namen gegeben: Das Gute ist die Vorstellung eines die Menschheit einigenden letzten Zwecks, das Ideal konkurrierender Interessen. Die bleiben den Philosophen nämlich nicht verborgen, aber sie interessieren sie auch nicht. Deswegen postulieren sie jenseits der praktischen Differenzen, die Leute aneinandergeraten lassen, einen gemeinsamen Endzweck allen zweckmäßigen Tuns; einen gemeinsamen Nenner von entgegengesetzten Anliegen. Jenseits von dem, was die Leute so wollen, wollen sie aber nichts. So bleibt der gemeinsame Nenner einerseits leer, das Ideal einer Gemeinsamkeit ohne Inhalt, denn der ist gerade strittig. Andererseits kriegen die Leute von den Philosophen damit einen Endzweck ihres Wollens präsentiert, der ihnen als Verpflichtung gegenübertritt. Ohne auch nur ein einziges Interesse auf seine Vernünftigkeit hin prüfen zu müssen, ohne ein einziges Anliegen kritisiert zu haben, sehen sich Philosophen zur Zurückweisung berufen. Sie brauchen dazu nur das sie störende Interesse daran zu messen, ob es in die fiktive Interessengemeinschaft paßt. – Damit liegt freilich die Frage auf dem Tisch, warum man das Gute wollen soll, wenn es dem eigenen Interesse widerspricht. Und auch hier machen Philosophen ihre eigene widersprüchliche Unterstellung explizit: Wenn man das Gute schon wollen muß, dann soll man es sich auch als Inbegriff des Wohlbefindens vorstellen können – das Schöne.
Im Geiste dieser drei philosophischen Lieblingsideen, mit dem Selbstbewußtsein also, es ginge dabei um die alle menschlichen Regungen und Strebungen einenden Zielsetzungen, werden dann die schönsten Diskussionen angezettelt. Und das geht so: Es findet beispielsweise ein Saufgelage statt (griech.: Symposion), und die Beteiligten unterhalten sich über die Liebe. Da fällt natürlich jedem etwas ein zu dem Thema, wer's gerade mit wem hat. Und so fängt Platons Dialog auch an. Aber wir haben es mit Philosophen zu tun und deswegen bleibt es nicht dabei. Für die hehren Vertreter des Guten, Wahren und Schönen ist der Übergang zum Wesentlichen schnell gemacht: Bedarf die Liebe nicht des Schönen? Das Häßliche kann man nicht lieben. Also das Schöne. – Notwendig, o Sokrates! – Und ist nicht auch das Gute schön? – Also auch das Gute. – Und bedarf es nicht zur Erkenntnis des Guten der Wahrheit? usf. Es geht um nichts. Die Verehrer des Guten, Wahren und Schönen ziehen eine mords Spiegelfechterei ab – sollen wir nicht für das Häßliche, Schlechte, Unwahre sein? –, nur um sich wechselseitig zu versichern, daß es ihnen in allem nur um das Beste gehe. Und mit diesem Bekenntnis hatten sie dann ihre Philosophen–Jünglinge endgültig mit Erfolg ins Bett geschwatzt.
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Die Beschwörung eines jenseits aller möglichen strittigen Punkte angesiedelten Einigungswillens, rührt von praktischen Streitfragen her, die sich sachlich nicht entscheiden lassen; sonst würde man sich ja in der Sache einigen und nicht jenseits von ihr. Und sie verspricht einen verlogenen Umgang mit diesen Streitfragen, weil sie die streitenden Parteien auf einen fiktiven gemeinsamen Standpunkt verpflichtet. Diese Philosophentour ist damit aufgekommen, daß im alten Athen die politischen Verhältnisse strittig wurden. Das gängige Urteil dazu lautet: Die sittlichen Verhältnisse seien damals durcheinandergeraten, die Verfassungen wechselten ständig, Unsicherheit machte sich breit und brachte das Bedürfnis nach theoretischer Klärung hervor; die Geburtsstunde der Philosophie.
Im alten Athen hat es einen Kampf um die Macht und um die Beteiligung an ihr gegeben. Die Verhältnisse waren nicht so eindeutig, daß die politische Macht zusammenfiel mit dem Interesse des jeweiligen Fürsten, der sie innehatte. Über die Kriege, die sie führten, hatten sie sich abhängig gemacht von bislang untergeordneten Ständen. Und diese Stände stellten mit dem Wachsen ihrer Bedeutung für die Macht Ansprüche an sie. Auf der Tagesordnung standen damit so praktische Fragen wie: Ob die Macht und das Kriegeführen für den Reichtum der Fürsten und ihrer Sippen da sei, oder ob der Reichtum der Fürsten für das Kriegführen da sei. Diese Frage war alles andere als von theoretischem Charakter. Die streitenden Parteien haben sich, um sie in ihrem Sinne zu entscheiden, wechselseitig munter die Köpfe eingeschlagen. – Und dann kam Platon: Der mischte sich in diesen Streit ein mit der befremdlichen Behauptung: ,Uns geht es doch allen um dasselbe, um das Gute nämlich. Klären wir also, was das Gute ist, und lösen so den Streit sachlich auf.` Sachlich ist freilich schon dieser Einstieg in den Dialog, Gorgias heißt er, überhaupt nicht. Sache soll sein ein gemeinsames Interesse der streitenden Parteien. Das gibt es aber nicht. Die tragen ja gerade ihren Interessensgegensatz aus; aber worin der besteht, das interessiert Platon nicht. Ein Aristokrat meldet sich zu Wort, Kallikles, der auf den alten Verhältnissen besteht: "Gut ist, was den Mächtigen nützt." So eine ehrliche Antwort hätte eigentlich eine ehrliche Entgegnung verdient gehabt: "Das ist gut für dich, aber schlecht für mich." Damit wäre das Gespräch zuende gewesen. Aber wir sind ja wieder unter Philosophen und so nimmt das Gespräch einen anderen Gang. Sokrates verpflichtet sein Gegenüber auf seine Frage und fordert ihn zu dem Nachweis auf, daß, was gut für Kallikles sei, allgemein gut sei. Wäre Kallikles etwas heller gewesen, hätte er gesagt: "Mein Freund, du führst hier einen Standpunkt ein, der jedes Interesse bestreitet. Was ist schon allgemein gut? Auch die Schuhmacherkunst produziert nur Schuhe und nicht das Gute. Das Gute verträgt sich mit keinem Interesse, es ist selber für nichts gut. Warum also soll man diesen Standpunkt einnehmen?" Er hätte auch fortfahren können: "Es kommt mir gerade so vor, als würdest du mich zum Heucheln auffordern. Ich hätte natürlich antworten können: ,Glückliche Führer sind gut für alle, weil sie dann ihre schlechten Launen nicht an ihren Untertanen auslassen.` Aber das Heucheln fällt nicht in mein, sondern in dein Fach. Du greifst in einen Streit ein. Aber nicht ehrlich, indem du begründest, was dir nicht paßt, sondern indem du dich auf ein fiktives allgemeines Interesse berufst." Aber Kallikles läßt sich blamieren und wie immer, wenn ein Blödel in den Dialogen Platons nicht mehr weiter weiß, gilt das als Beweis dafür, wie richtig Sokrates liegt. Und der darf deswegen auch ausführen, was mit dem Guten gemeint ist: Ein Standpunkt, der jedes besondere Interesse negiert, und nur gelten läßt, was sich als Dienst und funktioneller Bestandteil eines gedachten allgemeinen, höheren Interesses denken läßt. Seine Gegner müssen sich so von Sokrates die Frage stellen lassen: "Wozu ist dein Nutzen gut?" und über die allgemeine Auskunft, daß der Nutzen eigentlich generell für nichts gut ist, kommt Sokrates schließlich zu dem von vorneherein unterstellten Resultat, daß das Gute darin besteht, wozu jeder gut ist; daß jeder auf dem Platz, auf den es ihn verschlagen hat, sich als funktionelles Element des Staatsganzen bewährt: der Sklave als Sklave, der Staatsmann als Staatsmann, der Baumeister als Baumeister usf. Das ist die antike Vorstellung von Gerechtigkeit. Sie besteht auf einer radikalen Trennung von Recht und Nutzen, und zwar weil das Recht mit dem Nutzen der Aristokraten zusammenfällt; deswegen kommt es nämlich bei den Untergeordneten nur auf den Dienst an. Die antike Tugendlehre ist der entsprechende Ständerassismus. Tugend ist, wozu einer tüchtig ist; und tüchtig ist, wer so ist, wie der Stand es von ihm verlangt: Tapferkeit für den Kriegerstand; Besonnenheit, nämlich die Kunst sein Begehren zurückzustellen, für die Mannschaft, die den Reichtum herbeischafft; und für die Herrschenden die Weisheit, deren es bedarf, um das, was die Dienste der Stände einbringen, nicht durcheinanderzubringen.
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Mit der Platonischen Staatsidee hat die Philosophie gleich im ersten Kapitel ihrer Geschichte eine der größten Absurditäten des abendländischen Geistesleben hervorgebracht. Einerseits gibt sie die praktisch gültige Sichtweise eines griechischen Aristokraten wieder, der, von der Selbstverständlichkeit ausgehend, daß sein partikulares Interesse Staatsraison ist, kein anderes partikulares Interesse gelten läßt und die unter seiner Herrschaft stehende Gesellschaft als ein funktionelles Ganzes betrachtet, das zur Mehrung seiner Privatmacht da ist und das sich nach den dafür notwendigen Diensten gliedert. Andererseits bezieht Platon all diese Dienste gar nicht auf dieses entscheidende Interesse, wegen dem es sie nur gibt, sondern auf ein allgemeines Interesse, das im griechischen Staat und in dem Kampf um die Macht in ihm nicht vorhanden war. Platons Standpunkt hieß: Philosophenkönigtum. Die Aristokraten sollen die politische Macht ausüben, aber nicht in ihrem Interesse, sondern um einer philosophischen Idee willen. Zu diesem Behufe wollte er sie zu philosophischen Spinnern machen, sie mit Musik und Mathematik erziehen – was ja noch gegangen wäre –, ihnen vor allem aber eigenen Besitzstand und eigene Frauen untersagen, um sie an der Verfolgung eigener Interessen und damit am Streiten zu hindern; aber ihre Macht sollten sie behalten dürfen. Wofür eigentlich? Statt ihre Macht für sich einzusetzen, sollten sie mit ihr einen Standpunkt durchsetzen, der ihr Interesse bestreitet. Und das alles bloß, um der Idee des Guten zur Macht zu verhelfen.
Das war den Herrschern dann doch zuviel! Bei aller Liebe zur Philosophie – die vornehmen und mächtigen Figuren haben sich damals mit den Insignien des Geistes ausgestattet, die Fürsten hatten selbst oft philosophische Ambitionen, zur Unterhaltung versteht sich, und um das eigene Interesse im Lichte des Guten, Wahren und Schönen zu verklären und die Gewalt, die sie ausübten, als Staatskunst zu betrachten, zu der nur die Weisen befähigt seien –, dieses Verhältnis von Macht und Geist, in dem der Geist die Macht überhöht, ihr den Schein des Geistigen verleiht, ist eben doch etwas ganz anderes, als wenn der verlogene Schein wahrgemacht werden soll, daß der Geist die die Macht bestimmende Größe sei und die Philosophen die Macht beanspruchten. Platon, selbst aus vornehmem Haus, den eine philosophische Freundschaft mit dem sizilianischen Herrschaftssprößling Dion verband, brachte es so weit, dem sizilianischen König eine Verfassung auszuarbeiten, in der er die in seiner Politeia entwickelten Staatsideen einbrachte. Geltung bekam diese Verfassung nie. Der weise König konnte sich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden.
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Szenenwechsel: So als wollten sie alle sagen: "Wir sind nicht für unser Denken verantwortlich.", berufen sich moderne Denker mit Tradition auf historische "Quellen", denen sich ihr Zeug verdanken soll. Gleichzeitig verhalten sie sich zu der historischen Notwendigkeit, der sie unterliegen wollen, denkbar souverän. Welchen Standpunkt Platon "begründet" hat und heute ins Recht setzt, das entscheiden allemal noch sie mit ihren Maßstäben. Und eifersüchtig wachen sie darüber, daß nicht irgendwelche "falschen Propheten" sich ihres Ahnherrens bedienen.
Die Berufung auf einen Vertreter der antiken Sklavenhaltergesellschaft adelt offenbar die demokratischen Verhältnisse von heute ebensosehr wie die ihnen verpflichtete Wissenschaft. Niemand will einfach nur selber einen mehr oder minder brauchbaren Gedanken anbieten, sondern an der eingebildeten Dignität einer 2500jährigen abendländischen Tradition Anteil haben. Freilich werden auch gewisse Differenzen bemerkt zu dem, was der demokratische Verstand heute für verantwortliches Denken hält. Dann kommt eine tiefe Sehnsucht zum Zuge nach der verlorengegangenen Unschuld der Philosophie. Wie gerne würde man auch heute noch die Einheit des Wahren, Guten und Schönen so "naiv" und unbefangen beschwören wie die damals! Wie schön waren die Ideen, daß Wissen = Tugend und Geist = Macht! Doch leider: Die Zeiten, in denen man so philosophieren konnte, sind vorbei.
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Seit es eine wirkliche Wissenschaft gibt, sehen sich die Philosophen zu einer Polemik gegen Wissen veranlaßt. Es soll sich nämlich niemand einbilden, seine Einsicht, Wissen, wäre fürderhin gefragt, wenn es um die Frage "Was soll ich tun?" geht. So kommt ein merkwürdiges Phänomen zustande. Neben und getrennt von den eigentlichen Wissenschaften und zugleich als eine eigenständige Wissenschaft institutionalisiert, existiert an den Universitäten eine Mannschaft, die, so als müßte nach wie vor erst noch die Idee von Wissenschaft erfunden werden, immer noch bei der Frage ist "Was ist Erkenntnis?"; und die mit allen ihren Bemühungen letztlich immerzu bei der dem alten Sokrates zugeschriebenen Aporie landet, daß man nichts wissen könne, außer daß man nichts wissen könne. Und das im Atomzeitalter! Das macht das Bekenntnis zum Nichtwissen etwas verlogen. Es ist nämlich ein Unterschied, ob ein alter Grieche bei sich und seinen Zeitgenossen fehlendes Wissen konstatiert und den Appell an die Einsicht in moralischen Fragen mit Wissenschaft verwechselt oder ob heute einer aus dem Nichtwissen ein Gesetz der Menschheit verfertigt und einer vorhandenen Wissenschaft gegenüber Skepsis zur Pflicht macht. Wenn heute jemand daherkommt und den Dialog als Methode der Wahrheitsfindung propagiert, dann verpflichtet er den Verstandesgebrauch darauf, theoretische Fragen offen zu halten.
Diese Polemik gegen Wissen geht unter Berufung auf Platon, aber geradesogut als Ablehnung von Platon – da sieht man einmal, was sich die Modernen von ihren verehrten Ahnherren sagen lassen: das, worauf sie hinauswollen. So taucht Platon in einem Buch über "die Feinde der offenen Gesellschaft" auf, nach denen zu fahnden der Wissenschaftstheoretiker Popper offenbar zu seinen Aufgaben zählt. Platon hat nach Poppers Geschmack mit seinen "vollkommenen ewigen Ideen" dem Mißverständnis Vorschub geleistet, die Frage, woran man sich in praktischen Dingen zu halten habe, sei durch die Wissenschaft zu beantworten. Und das identifiziert er als undemokratische Gesinnung. Eine Auskunft über Platon, der die Bekanntschaft mit den westlichen Demokratien unserer Tage und ihrem Geistesleben schließlich noch nicht machen konnte, ist dies zwar nicht. Aber eine interessante Klarstellung über das Selbstverständnis eines modernen Wissenschaftstheoretikers: Der braucht keine Ahnung von Demokratie zu haben und auch keinen einzigen Platonischen Gedanken näher zur Kenntnis nehmen, um zielsicher jedes mit dem Anspruch auf Wissen verbundene Denken als undemokratische Geisteshaltung zu erschnüffeln. Wegen seiner Vorliebe für demokratische Verhältnisse, in denen ja wirklich niemand etwas von seinen Einsichten abhängig machen darf, propagiert er Nichtwissen als Tugend des Geistes.
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Wegen ihrer Liebe zum Geist der Unterordnung ist die Kritik der Philosophen an der Gleichung Wissen = Tugend auch nicht als Kritik des Tugendprogramms mißzuverstehen. Das wollen sie schon behaupten, daß Moral vernünftig ist und gelten soll. Die Modernen "deduzieren" Moral glatt aus ihrer eigenen Skepsis: "Weil Wissen keine Sicherheit stiftet, deswegen brauchen wir ethische Fundamente." Oder: Weil Wissen keine Sicherheit stiftet, deswegen stiftet das Nichtwissen die nötige moralische Sicherheit. Ganz und gar dogmatisch kommt so bei diesen Skeptikern dann doch der ganze alte Schmarren – vom Guten, das man tun muß, von der Besonnenheit und Ehre, von der Dankbarkeit und Freundschaft – zu seinem Recht. Als Pflicht nämlich, deren Erfüllung keine Frage der besseren Einsicht zu sein hat. Deswegen mögen moderne Philosophen auch die Gleichung Geist = Macht nur mehr in ihrer Umkehrung: Die Macht halten sie für sehr vernünftig, weil schließlich jemand mit dem Ungeist, dem Bösen, den mit Willen und Verstand begabten Menschen fertig werden muß.