Kritik bürgerlicher Wissenschaft

Kritik bürgerlicher Wissenschaft
Gottfried Wilhelm Leibniz

Gott auf theoretisch oder:
Einblick in die Monade ohne Fenster

Ein ehrlicher Mann. Der große Philosoph verspricht uns gleich im ersten Satz seiner 'Metaphysischen Abhandlung', daß er sich fortan kein freies Urteil erlauben will:

"Der gebräuchlichste und bezeichnendste Begriff, den wir von Gott haben, wird zwar in den Worten, daß Gott ein absolut vollkommenes Wesen ist, recht gut ausgedrückt; doch betrachtet man das, was daraus folgt, nicht mit der nötigen Sorgfalt."

Leibniz setzt in seiner Betrachtung einen "Begriff" voraus – nämlich den Glaubensinhalt der christlichen Schäflein, dem er beim Aufstellen seiner Theorie treu bleiben will. Und auch seine Kollegen will er in diesem Sinne zur fälligen Sorgfalt nötigen, nichts dem Glauben Widersprechendes zu denken. So findet er es überhaupt nicht peinlich, Gedanken nach ihrer Übereinstimmung mit der Bibel zu sortieren und freut sich königlich, "daß man in der Hl. Schrift und bei den Kirchenvätern eine Unmenge von Belegstellen finden wird, die meine Ansicht begünstigen". Dann muß sie ja stimmen! Wenn einer beispielsweise meint, er fände in der Welt gar nicht alles so toll, und Gott hätte sich, wenn er schon vollkommen ist, ruhig etwas mehr Mühe geben können bei der Schöpfung, kommt ihm Leibniz mit dem geistreichen Argument: "Mir scheinen die Folgen dieser Ansicht der Herrlichkeit Gottes völlig entgegengesetzt." Die Bandbreite der zulässigen Gedanken wird da einigermaßen eng. Es dürfen ohnehin nur Konsequenzen aus der gläubigen Vorstellung gezogen werden; aber dann bitte auch nur die, bei denen der Glaubensgegenstand keinen Schaden nimmt.

Aber man soll ja die Gedanken, die unter diesen Kautelen zustande kommen, nicht gering schätzen. Es sind berühmte Gedanken, fester Bestandteil der philosophischen Tradition: Wer kennt sie nicht, die Geschichte mit der "besten aller möglichen Welten"? Also soll man auch einmal angemessen würdigen, was man sich da im Philosophiestudium reinzieht. Leibniz begegnet also dem, der an der Schöpfung herumnörgelt, so: Daß die Welt vollkommen eingerichtet ist, daran darf kein Zweifel aufkommen; daß einem im Leben mancher Scheiß begegnet, ist aber auch nicht einfach zu leugnen. Was machen wir da? Wir sagen: Was uns gefällt, kommt von Gott; der Scheiß kommt von den Menschen:

"Weiter folgt daraus, daß die Geschöpfe ihre Vollkommenheiten dem Einflusse Gottes verdanken, ihre Unvollkommenheiten jedoch von ihrer eigenen Natur haben."

Dagegen muß natürlich noch dem Dümmsten einfallen: "eigene Natur?" Es sollen doch seine Geschöpfe sein! Leibniz fährt also fort: Gott hat seine Geschöpfe bestens ausgestattet. Er hat ihnen einen Willen gegeben, damit sie immer das Gute erstreben können. Nun haben sie ihn und versündigen sich am Willen Gottes. Das provoziert freilich den Einwand: Hätte Gott, der Allwissende, die Sünde nicht voraussehen und verhindern müssen? Und Leibniz schlägt sich wacker für den Herrn:

"Auf diese Frage aber darf man hienieden keine Antwort erwarten, man darf höchstens allgemein sagen, daß, da es Gott gefallen hat, daß er" – der Sünder – "existiert, sich dieses Übel im Universum mit Zinsen bezahlt machen muß, daß Gott daraus ein größeres Gut gewinnen und sich insgesamt zeigen wird, daß diese Folge der Dinge, worin die Existenz dieses Sünders einbegriffen ist, die vollkommenste unter allen anderen Möglichkeiten ist."

Gott hat die beste aller möglichen Welten geschaffen. In seiner Weisheit kennt er für jedes Übel einen guten Grund. Das Böse ist nur der Umweg zum Guten, ja sogar zum Besseren (Zinsen in spe!). Einsehen kann man das nicht, "höchstens" wissen!

Erste Zwischenbilanz: Der Entschluß zum Glauben ist unwiderleglich. Leibniz ist nicht zu helfen. Den Verstandesgebrauch will er dem Glauben unterordnen. Einfach auf seinen Verstand pfeifen und in die Kirche büßen und beten gehen, will er aber auch nicht. Philosophieren will er, d.h. glauben, aber nicht einfach das, sondern wissen wollen, daß man im Glauben richtig liegt. Zur Durchführung dieses Widerspruchs hat er sich die Frage vorgelegt, wie man Gott ohne Widerspruch denken kann.

In der Beantwortung seiner Frage läßt er alle Widersprüche zur Sprache kommen, die dazu nötig sind. Aber durch keinen läßt er sich von seiner Fragestellung abbringen. Stattdessen löst er alle Zweifel in den Glauben auf, der sie hervorgebracht hat:

"Es genügt also, dieses Vertrauen zu Gott zu haben, daß er alles zum besten tut und daß denen, die ihn lieben, nichts schaden kann."

*

Für die Praktizierung ihres Widerspruchs, dem Glauben durch Vernunft und Wissen zur Seite springen zu wollen, haben die Philosophen damals der aufkommenden Naturwissenschaft ganz neue Perspektiven abgewonnen: Von der Wissenschaft waren Leute wie Leibniz begeistert – aber nicht von ihr als solcher, sondern umgedeutet in eine dem Glauben angemessene Theorie über das Diesseits; in einen Beweis dafür, wie sinnvoll Gott die Welt eingerichtet und geordnet hat. Schon beim Studium der Wissenschaften mußte das zu den grundlegendsten Verwechslungen führen: Die Philosophen haben immer gedacht, durch die Wissenschaft dem Plan Gottes und dessen Prinzipien wenigstens ein Stück weit auf die Spur zu kommen.

Nach eigener Auskunft ruhte Leibniz schon "in seiner Jugend nicht eher, als bis er zu den Prinzipien der von ihm jeweils betriebenen Wissenschaft vorgedrungen war". Verstanden hat er darunter allerdings nie die Suche und das Nachvollziehen der Gesetzmäßigkeiten, die auf dem jeweiligen Feld gelten, mit dem sich eine Wissenschaft befaßt. Ihn treibt vielmehr die Philosophen eigentümliche Gründlichkeit, die sich "Hinterfragen" nennt und sich prächtig paart mit einem gediegenen Desinteresse an Wissen, das als bloß vordergründiges abgetan wird. Bei den von den Wissenschaften aufgefundenen Prinzipien hält es Leibniz nicht, er gibt keine Ruhe, ist immer schon über das vorhandene Wissen hinaus, weil er eine Prinzipienfrage ganz anderer Art im Auge hat. Die Gesetze der Geometrie, der Bewegung, des bewegten Körpers – mit solchem Zeug hatte es die Wissenschaft damals – sind zwar Wissen, aber vergleichsweise langweilig für einen, der das Prinzip überhaupt, von allem haben will, gleichgültig dagegen, was da in dieser Wissenschaft erklärt wird. Leibniz subsumiert das vorhandene Wissen unter seine Prinzipienfrage, und er verfährt dementsprechend barbarisch in der Anwendung von Erkenntnissen auf Gebiete, die mit diesen Erkenntnissen nichts zu tun haben.

– Er studiert Arithmetik und kommt zu dem Beschluß: "Die Wesenheiten der Dinge lassen sich als Zahlen begreifen." Wäre dem nämlich so, denkt Leibniz, so ließe sich alles auf der Welt mit einer Hand voll mathematischer Regeln erfassen. Dem ist aber nicht so. Die Arithmetik befaßt sich mit Zahlen, Quanta und bestimmt die Gesetzmäßigkeiten ihrer Zusammenfassung. Die Dinge sind quantitativ bestimmt und diese Seite ist Gegenstand der Mathematik. Was die Dinge sind, ihre Qualität, fällt nicht in ihr Fach. Über das Wesen einer Sache gibt sie keine Auskunft. Also, Leibniz: Themaverfehlung!

– Noch aus einem anderen Grund hat Leibniz ein Auge auf die Mathematik und wieder hat er "das Importanteste" am Wickel, "was der Menschengeist zur Beförderung der Wissenschaft unternehmen könne." Er will das Rechnen fürs Denken produktiv machen. Sein "logischer Kalkül" ist die Idee eines mechanischen Verfahrens, das den sicheren Fortgang des Gedankens gewährleisten soll. Richtige Gedanken einfach ausrechnen können, denkt sich Leibniz, was für eine Wahnsinns–Idee! Aber die ist leider auch nur ein Fehltritt. Das mechanische Verfahren des Rechnens hat in der Mathematik seinen Platz, weil und sofern es dort um das Zusammenfassen von Quanta geht, denen dieses Tun völlig äußerlich ist. Gegen die Zahl 7 ist es kein Verstoß, zu ihr 2 hinzuzuzählen oder 3 abzuziehen. Bei gedanklichen Bestimmungen aber kommt es gerade auf ihr inhaltliches Verhältnis an, und das will gedacht sein. Das Denken will aber Leibniz – zur Beförderung seiner Resultate und der Wissenschaft! – durch einen Rechen–Mechanismus überflüssig machen.

– Auch die Geometrie hat es Leibniz angetan. Und schon wieder meint er, damit die ganze Welt – im Prinzip – in der Tasche zu haben. Denken wir uns die Welt als aus Punkten zusammengesetzt, dann ließe sie sich nach einer geometrischen Regel begreifen! In der Geometrie ist der Punkt Schnittpunkt, Mittelpunkt, durch seine Lage im Koordinatensystem definiert usf., also jeweils durch ein geometrisches Verhältnis bestimmt. Und außerhalb dieses Verhältnisses ist er nichts. Bei Leibniz freilich, der aus "einfachsten Elementen" die Welt "zusammensetzen" will, muß der Punkt etwas sein – zwar etwas unendlich Kleines, aber doch etwas. Und vor allem muß er noch etwas mehr und anderes sein, als die Geometrie zu ihrem Inventar zählt. Leibniz kennt den "point metaphysique", den "point r<130>el et anim<130>"!

– Die Physik wird auch nicht verschmäht. Und was merkt sich Leibniz? Daß da Kräfte wirken! Physiker bestimmen diese Kräfte. Daß Actio gleich Reactio, haben sie damals schon gewußt; daß Kraft das Produkt aus Masse und Beschleunigung ist, hatten sie gerade in Arbeit. Und Leibniz läßt alle physikalischen Bestimmungen weg, merkt sich noch nicht einmal, daß es um die Lehre vom bewegten Körper geht, und hält dann die Kraft für "sehr wichtig, nicht nur für Physik und Mechanik, <193> , sondern auch für die Metaphysik, um die Prinzipien besser zu verstehen."

– Dito seine Lehren aus der Biologie: "Daher gibt es nichts Totes in der Welt."

Eine zweite Zwischenbilanz: Es geht jedesmal das Wissen flöten, sooft es unser Philosoph in ein universell geltend sollendes Prinzip übersetzt. Und das ist auch gar kein Wunder. Es ist ein Widerspruch, alles auf einmal erklären zu wollen. Beim Erklären kommt es darauf an, eine Sache zu bestimmen; es wird unterschieden und gerade nicht an alles gedacht. Soll alles unter eine Bestimmung, ein Prinzip passen, muß sich das Bestimmen aufhören. Kurzum: Wissenschaft und die philosophische Suche nach einem universalen Prinzip schließen sich aus. Wo sich die Philosophie auf die Resultate der Wissenschaft stürzt, kommt ihre Sucht nach Verallgemeinerung zum Zug, der sie solange frönt, bis sie das Wissen am Wissen beseitigt und in einen fiktiven Bezugspunkt übersetzt hat, von dem her sich eine ideelle Weltordnung imaginieren läßt, in der alles, auch man selbst, seinen Platz hat.

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Das haben schon vor Leibniz andere Philosophen probiert. Ein typischer Philosophenstreit. Ausgangspunkt ist eine Weltanschauung: Die Welt als Mechanismus; eins wirkt aufs andere und das wieder aufs nächste. Die Idee ist keine Wissenschaft, sondern philosophische Prinzipiendenkerei. Die physikalische Disziplin der Mechanik stellt nämlich die Behauptung, daß alles mechanisch funktioniere, gar nicht auf. Und das ist auch gut so. Beim Erklären einer Sache ist es nämlich wenig dienlich, die Frage, was sie ist, mit dem Hinweis vom Tisch zu wischen, daß sie in einem Verhältnis zu anderem und letztlich überhaupt zu allem anderen stehe. Die Vorstellung, daß die Welt ein Mechanismus sei, war schon gottgefällig gedacht, schließlich war die Idee eines unbewegten Bewegers, der alles in Gang setzen muß, schon damals nicht neu. Und dann geht ein Rechten los, ob das gedachte Prinzip das Sinnbedürfnis und die Ansprüche des Glaubens, die es befriedigen soll und für die es in die Welt gesetzt wird, auch wirklich befriedigt. Leibnis bezieht sich auf das mechanistische Weltbild, hat nichts an ihm zu kritisieren und kriegt demnach Bedenken. Er hält die Auffassung für "gefährlich", "die Werke Gottes seien einzig aus dem formellen Grund gut, weil Gott sie gewirkt hat." Er besteht auf der schon von seinen Vorgängern praktizierten Petitio principii: "Die Werke müssen doch sein Gepräge haben." Und zwar einzig aus der quasi glaubenstechnischen Überlegung, daß sonst von Gott nur eine "despotische Macht" übrigbliebe, die zu lieben ihm schwerfallen würde. (Insbesondere hat Leibniz die Vorstellung Descartes' erbittert, Tiere seien Maschinen – wo doch gerade in Vögeln, Affen und anderem Getier die Weisheit Gottes so prächtig lebendig wird!) Das mechanistische Weltbild, das schon eine philosophische Deutung ist, muß also philosophisch neu ausgedeutet werden. Sowas ist die hohe Kunst des Philosophierens!

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Und was hat Leibniz anzubieten? Eine Monadologie! In der paßt nun wirklich nichts mehr zusammen. Als erstes gibt er einem Fehler recht: 'Ja, wir erkennen die Welt als Mechanismus'. Aber nur um fortzufahren: 'Die Welt ist aber kein Mechanismus!' Das Rätsel dieser Differenz macht man sich besser nicht verständlich. Sie ist der Übergang in den Irrationalismus der Metaphysik: Woher weiß Leibniz, daß die Welt etwas anderes ist als Mechanismus? Erkannt haben kann er das nicht, denn er behauptet ja gerade, daß wir die Welt so erkennen. Also nicht durch Erkenntnis! Das offensive Bekenntnis zu diesem Widerspruch ist überhaupt der Einstieg in die Metaphysik: Sie behauptet eine Hinterwelt; die Vorderwelt läßt keinen Schluß auf diese zu – das wäre ja Erkenntnis. Dennoch wird die Hinterwelt behauptet. In dieser Hinterwelt wird das Wesen der Dinge angesiedelt, in der Vorderwelt die bloßen Erscheinungen; aber die Erscheinungen haben keine Beziehung zu ihrem Wesen.

Aber gut, Leibniz will es aus religiösen Gründen so sehen. Er behauptet einfach das Gegenteil vom mechanistischen Weltbild: Es gibt keine Ursachen, keine Kräfte, die wirken; die Dinge haben keinerlei Einfluß aufeinander. Leibniz nennt sie "Monaden", deren Qualität es sein soll, von allem äußeren Einfluß unabhängig zu sein. Das soll das schöne Bild ausdrücken: "Die Monaden haben keine Fenster." – Es geht nichts rein und nichts raus. Mit diesem moralischen Prinzip ausstaffiert, argumentiert Leibniz gegen jeden Augenschein und bekommt prompt das Bedürfnis, von seinem Prinzip her zu erklären, wie der Augenschein wechselseitiger Abhängigkeit der Dinge zustande kommt. Sein Einfall: Die Abhängigkeiten, in denen eine Sache steht, sind in Wahrheit gar keine Abhängigkeiten, sondern in ihrem eigenen Wesen beschlossen. In allem und jedem stecken die "Nachwirkungen alles dessen, was ihm jemals widerfahren ist und Vorzeichen für alles, was ihm je widerfahren wird, ja sogar Spuren von allem, was im Universum geschieht." So hätte er schon vorher gewußt, was tatsächlich vor ca. 1700 Jahren passiert ist, daß "Caesar an den Iden des März von Brutus durch 23 Stiche ermordet worden ist". (Auch das Messer muß es gewußt haben.)

– Und nachdem die göttliche Vorsehung verlangt hat, daß jeder Zusammenhang zwischen den Dingen für nichtig erklärt wird, – jede "Monade" repräsentiert nun das ganze Universum; und jede unabhängig von allen anderen – darf man sich die Frage stellen:

"Nachdem wir einigermaßen erkannt haben, worin das Wesen der Substanzen besteht, müssen wir versuchen, ihre gegenseitige Abhängigkeit, ihr Wirken und Erleiden zu erklären."

Ach ja, fast hätte man's vergessen, in der wirklichen Welt schaut es ja nach wie vor so aus, als könnte man den Dingen nicht jeden Einfluß aufeinander absprechen! Wie das geht? "Prästabilisierte Harmonie", von Gott, der "Zentralmonade" so eingerichtet, aber unserer Einsicht nicht zugänglich: "Es kommt Gott allein zu, dies alles zu erkennen."

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Ob das den Aufwand lohnt? Eine ganze Theorie, um dann zu dem Ergebnis zu kommen: "Gottes Plan ist unerforschlich." Wozu eine Theorie, wenn man dann doch dran glauben muß?



München 1989
© Verein z.F.d. marx. Pressewesens e.V.
GegenStandpunkt Online 2005