Die Vernunft hat es den Philosophen schwer angetan - fast genau so wie ihr Gegenteil: "Das Irrationale". Wie es anzustellen sei, von diesen absolut entgegengesetzten Polen gleichzeitig beide zu lieben und zu ehren, hat nicht zuletzt Kant den späteren Mitgliedern der Zunft beigebracht.
Daß der Mensch eine Vernunft hat, reißt Kant und alle Philosophen zu wahren Begeisterungsstürmen über das "Vernunftwesen" hin. Das Pathos stimmt verdächtig. Fakten lobt man nicht; und Eigenschaften die einer hat, werden ihm nicht angepriesen. Bei der Vernunft ist das anders: daß der Mensch Vernunft hat, behandelt die Philosophie zugleich als Faktum und als Auftrag.
"Der Mensch ist durch seine Vernunft bestimmt, ... sich durch Kunst und Wissenschaften zu kultivieren, zu zivilisieren und zu moralisieren, wie groß auch sein tierischer Hang sein mag, sich den Anreizen der Gemächlichkeit und des Wohllebens, die er Glückseligkeit nennt, nicht passiv zu überlassen, sondern vielmehr tätig, im Kampf mit den Hindernissen, die ihm von der Rohigkeit seiner Natur anhängen, der Menschheit würdig zu machen." (Anthropologie in pragmatischer Absicht, Philos.Bibliothek, Bd.4, S.279.)
Die Vernunft muß ein merkwürdiges Organ sein, wenn der Mensch es zugleich hat und erst noch erwerben muß; wenn er die Vernunft als seine Bestimmung fühlt, zu der er sich andererseits gegen seine Natur erst noch aufraffen muß; wenn er durch sie ein Teil der Menschheit ist, aber nur dadurch, daß er seinen eigensten (allzu) menschlichen Hang nach Wohlleben und Glück niederkämpft. Die Vernunft - so wollen es die Philosophen - ist das Organ des zerrissenen Menschen, dessen Doppelnatur sich im Dauerkampf betätigt: Dummes Vieh und wilde Bestie ist der Mensch ebenso wie einer geistigen Welt der höheren Wesen teilhaftig; zu dumm, um sich Besseres als Rohheit und Gefräßigkeit einfallen zu lassen, zu tierisch, um Zweckmäßigkeit an die Stelle des ewigen Fressen-und-Gefressen-Werden treten zu lassen, und zugleich gescheit genug, dieses Biest, das er bleibt, an die Leine zu legen und sich zu beherrschen. Zum Beweis zitiert Kant Aristoteles, als hätte der jemals ähnliches vertreten:
"Der Mensch ist vor allen Tieren durch sein Selbstbewußtsein ausgezeichnet, weswegen er 'ein vernünftiges Tier' ist." (Verkündung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie)
Das hat sich der antike Fachvertreter bei seiner Definition des animal rationale bestimmt nicht gedacht. Er war der Meinung, genus proximum und differentia specifica genannt zu haben, und ging ganz naiv davon aus, daß die besondere Art zu ihrer eigenen Gattung paßt, daß das "vernünftige Tier" seine bedürftige Natur durch die Vernunft weder aufhebt noch unterdrückt, sondern eben durch sie betätigt. Erst die Philosophen der bürgerlichen Zeit kamen zu der Auffassung, daß ein animal rationale ein Widerspruch sei, der sich nur im Dauerkrieg gegen sich selbst erhalten könne. Das merkwürdiges Organ, das den Krieg gegen den tierischen Leib und die natürlichen Strebungen führt, nennen sie Vernunft.
Die Vernunft ist weder Organ, noch ist sie ein Auftrag, dem der Mensch erst noch gerecht zu werden hat. Wie Aristoteles ganz richtig sagt, ist die Vernunft Selbstbewußtsein; und damit ist gekennzeichnet, wie das vernünftige Tier zur Welt steht.
Der Mensch weiß, was er will, und will, was er als angenehm oder nützlich weiß. Er ist sich mit all seinen Empfindungen, Vorstellungen und Urteilen Maßstab. Er mißt die Welt an sich, kritisiert die Umstände, wo sie ihm nicht passen, und legt es darauf an, sie sich einzurichten. Kurz: er macht sich praktisch zum Subjekt seiner Lage [ 1 ] - und das schließt ein, daß er sich die Welt theoretisch aneignet. Der selbstbewußte Umgang mit seinen Umständen setzt voraus, daß er weiß, womit er es zu tun hat [ 2 ] ; also will er das auch wissen. Ideell löst er sich daher aus seiner Befangenheit in den Umständen, in denen er steht, unterscheidet von sich die Objekte, mit denen er es zu tun hat, und bestimmt diese. Daran, wie er sich die Welt theoretisch zurechtlegt, entscheidet sich, von welchen seiner Vorhaben er sich Erfolg verspricht, welche Zwecke er sich setzt, wie er sie zu verfolgen gedenkt und welche Sachen er bleiben läßt.
Über dieses pure Faktum der Vernunft, dem ohnehin keiner auskommt, gerät die Philosophenwelt in Begeisterung; sie will den Menschen mitteilen, daß sie mit Vernunft gesegnet, darin Besitzer eines hohen Gutes und dadurch immer Herr der Lage seien. Dabei ist dadurch allein noch gar nichts ausgemacht: Ob und inwiefern es dem Betreffenden gelingt, seine Angelegenheiten so zu regeln, daß sie ihm konvenieren, steht auf einem anderen Blatt. Das ist eine Frage der Hindernisse, die ihm entgegentreten, der Mittel, über die er verfügt, und der Fehler, die er dabei macht. Die "Vernunftwesen" machen nämlich auch noch furchtbar viel verkehrt, beurteilen die Welt falsch, legen ihr Herzblut in Dinge, die ihnen nicht guttun, und handeln sich entsprechend Ärger ein. Philosophen, soweit sie derlei zur Kenntnis nehmen, entdecken da schnell einen Mangel an Vernunft und rufen zu mehr Vernunft auf. Ein derartiger Mangel aber liegt nicht vor: Die Sphäre des Vernünftigen, das Denken und Handeln, ist nie verlassen worden, wenn Fehler dabei vorkommen. Um Fehler allerdings auszuräumen, muß man schon etwas mehr zusammenbringen als den wohlfeilen Aufruf zu Vernunft und Besonnenheit. Philosophen handeln die Vernunft wie einen Wert, der für sich schon den Menschen reich macht, weil sie ohnehin bei dem Namen der Vernunft nicht an die wirkliche Denken.
Sie kennen eine eigentliche und höhere Vernunft, die sie von der niederen unterschieden. Sie hinterfragen das selbstbewußte Wollen, Urteilen und Schließen daraufhin, ob auch wirklich die Vernunft selber am Wirken war, und dementieren damit, daß in eben diesen Tätigkeiten der Intelligenz die Vernunft besteht. Soll die Vernunft "eigener Quell von Begriffen und Urteilen" und selbst "unmittelbar praktisch" sein, dann erscheint prompt das Denken der Gesetze von Natur und Gesellschaft als uneigentliche Tätigkeit des Verstandes, das Wollen des Nützlichen als fremdbestimmte Tätigkeit des Willens. Während es Inhalt der Subjektivität ist, zu urteilen und zu wollen, dreht Kant die Sache um: Subjekt-Sein soll Inhalt des vernünftigen Urteils und Willens sein: "Reine Selbsttätigkeit, Autonomie, Kausalität aus Freiheit". Die praktische und theoretische Intelligenz soll ein ihr wirklich gemäßes Treiben nur finden, wo das Selbstbewußtsein - ganz ohne Material und Objekt - sich selbst Trieb und Interesse, Ausgangspunkt und Gegenstand ist. Die Vernunft wird so vom Reich ihrer Betätigung abgetrennt: Während sie doch nur eine Art und Weise ist, wie der Mensch zur Objektivität steht und seine Strebungen hat, macht sie Kant zu einer extra Seelen-Instanz, zu einem neben allen wirklichen Zwecken stehenden "Vernunftzweck" und einem neben allen weltlichen Befriedigungen angesiedelten "Bedürfnis der Vernunft". Diese Trennung bringt überhaupt erst den Menschen als bloß geistiges, höheres Wesen hervor, demgegenüber der sonstige und lebendige Rest zum vernunftlosen Vieh wird. Der Lohn einer solchen reinen Selbstbeschäftigung ist konsequent einzig einer fürs Selbstbewußtsein.
Außer den deutschen Philosophen kann und will niemand Verstand und Vernunft unterscheiden; diese aber trennen die identische Tätigkeit der Intelligenz ganz grundsätzlich.
"Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der Erscheinungen vermittelst der Regeln sein, so ist die Vernunft das Vermögen der Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien." (Kr.d.r.V., B 358.)
Was sich da wie eine Arbeitsteilung verschiedener Etagen der Intelligenz oder wie die wiederholte Anwendung des gleichen Verfahrens (Einheitsstiftung) auf immer weiter verarbeitetes Material liest, ist einerseits eine Kritik des Verstandes; andererseits stellt sich mit dieser Unterscheidung ein von der Erkenntnis der Realität ganz verschiedenes intellektuelles Anliegen vor. Der Verstand bringt, heißt es da, das Sinnlich-Mannigfaltige unter Regeln, aber unter viele verschiedene, so
"daß die Vernunft im Schließen die große Mannigfaltigkeit der Erkenntnisse des Verstandes auf die kleinste Zahl der Prinzipien (allgemeiner Bedingungen) zu bringen und dadurch die höchste Einheit derselben zu bewirken suche." (Kr.d.r.V., B 361.)
Nur, warum sollten die Verstandeserkenntnisse reduziert werden? Wenn die "Regeln" Regeln der erkannten Sachen sind, warum sollen dann die verschiedenen Gegenstände der Erkenntnis - es geht schließlich um ihre Eigenheit - nicht durch verschiedene Gesetze erklärt werden? Mit welchem Recht wollte man die noch vereinheitlichen, wenn sie dadurch doch nur verfälscht, nämlich verallgemeinert und ihrer Bestimmtheit beraubt würden? Freilich legt Kants barbarische Vorstellung von der Erkenntnis als Subsumtion einer Sache unter Regeln, die getrennt von dieser Erkenntnis woanders schon fertig vorliegen, die Willkür des Subsumierens nahe, die - quasi theorie-ökonomischen Gesichtspunkten folgend - den Wunsch äußert, ob es von den Regeln nicht auch weniger sein dürften.
Um die Erkenntnis der Eigenart der Dinge geht es jedenfalls nicht, wenn das geistige Bedürfnis laut wird, die "höchste Einheit" der Erfahrungswelt hervor und "den Verstand mit sich selbst in durchgängigen Zusammenhang zu bringen." Der Wunsch die Vielfalt des Wissens auf "höchste Einheit" zu bringen, ist die Suche nach dem Weltschlüssel: eine Erkenntnis, in der alles erkannt ist; ein Wissen, das dem Subjekt alles materiale Wissen erspart und ersetzt; Gottsucherei und Urgrund. [ 3 ]
"Da nun diese Regel wiederum eben demselben Versuche der Vernunft ausgesetzt ist, und dadurch die Bedingung der Bedingung gesucht werden muß, so lange es angeht, so siehet man wohl, der eigentliche Grundsatz der Vernunft überhaupt sei: zu dem bedingten Erkenntnisse des Verstandes das Unbedingte zu finden, womit die Einheit desselben vollendet wird." (Kr.d.r.V., B 364.)
Was ist überhaupt an den Verstandeserkenntnissen "bedingt", wenn sie die Gesetze der wirklichen Dinge formulieren? Nichts! Hier manifestiert sich von vornherein der Blickwinkel der Metaphysik, die nichts begreifen und stattdessen alles als notwendigen Schritt im Ablauf eines Weltenplans würdigen will. Nur in ihrem Lichte erscheint das Herausgreifen eines besonderen Stücks Realität und die Bestimmung seiner Gründe als Rückführung desselben auf Bedingungen, die nur leider selber wieder zufällig sind und ihrerseits auf ihre Bedingungen zurückgeführt werden müssen; und so fort. Bei Kant sind somit Verstand und Vernunft von Anfang an metaphysisch bestimmt, um die Einheit der Welt, ihren Urgrund, die Totalität etc. bemüht. Der Verstand ist dabei nur die durch Sachhaltigkeit noch gefesselte Vernunft, jene daher seine Vollendung durch Entfernung vom Stoff. Das wirkliche Wissen, so drückt Kant es aus, ist bedingt, von der Realität nämlich, abhängig von der Erfahrung, die begriffen wird. Wo die Vernunft "als Quell eigener Erkenntnis" (Kr.d.r.V., B 361.) am Werke ist, da hat sie sich von der zu begreifenden Wirklichkeit freigemacht: Völlig losgelöst spinnt sich der - ironischerweise korrekt bezeichnete - "absolute Geist" seine eigene Welt zurecht.
"Die Vernunft findet in der Erfahrung keine Befriedigung, sie strebt nach dem Unbedingten, Übersinnlichen." (Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, § 57.)
Was Kant als bloße Vorstufe zur Vernunft bestimmt, das nützliche Wissen begründet praktische Subjektivität, die Beherrschung natürlicher und gesellschaftlicher Lebensumstände. Geistige Freiheit und Herrlichkeit des Subjekts produziert dagegen - als Ersatz für die praktische - erst der absolute Geist: Er bringt eine im schlechtesten Sinn ausgedachte Ordnung in die Welt, und gewinnt dadurch eine ideelle Heimat in einer vernünftigen Welt, in der letztlich doch der Geist über die tote Materie triumphiert: Daß alles einen Sinn hat, (und/oder) ein höchster Wille all die unbeherrschten Lebensumstände gewollt und mit einer, allen menschlichen Verstand übersteigenden, Absicht verbunden hat - dies sind die Erkenntnisse, die der absolute Geist hervorbringt.
Seine Produkte sind zu weiter nichts nütze und verlangen keine Betätigung. Sie befriedigen lediglich das Bedürfnis nach der Idee, der Mensch sei Subjekt ganz jenseits des praktischen Geltendmachens seiner Absichten. Wenn der Denker sich die Frage stellt, ob sich die Welt um ihn dreht, dann will so einer schon lange nichts mehr erreichen. Er hat besseren Ersatz entdeckt: Statt im Einzelnen tätiges Subjekt seiner Lebensumstände zu sein, denkt er sich entschädigungshalber in den Mittelpunkt gleich einer ganzen, geistigen Welt. Teilhabe an der Weltvernunft erhöht das kleine Menschlein und verschafft ihm, was ihm fehlte: ein transzendentales Obdach, eine Heimat und fiktive Vertrautheit mit der Welt, die ihm gegenüber die Rolle eines unbegriffenen und unbeherrschten Subjekts spielt.
Das ist das ganze Bedürfnis der Vernunft, dem das Denken nicht durch sein Resultat, durch Wissen und seine Anwendung, sondern ganz unmittelbar Befriedigung verschafft. Die Leistung der theoretischen Vernunft ist somit untheoretisch: sie liefert kein Wissen, sondern Sinnkonstrukte, die praktische Befriedigung ersetzen sollen.
Daß es überhaupt noch eine zweite, eine praktische Vernunft, mit eigenen Gesichtspunkten geben soll, ist der ganze Fehler. Das Vernünftige von Wollen und Tun fällt vollkommen mit den theoretischen Leistungen des Verstandes zusammen: Kenntnis der möglichen Gebrauchsgegenstände und die Entdeckung neuer Seiten und Verwendungsweisen derselben steigert und raffiniert die Bedürfnisbefriedigung; Wissen um und Beherrschung der Wirkungen einer Handlung sichert die Unbedenklichkeit eines Vorhabens und den Erfolg seiner Ausführung, etc. Eine gesonderte praktische Vernunft behaupten, heißt unmittelbar schon, daß das Vernünftige des praktischen Bereichs, die Zweckmäßigkeit, nicht das Kriterium dieses Bereichs sein soll.
Es ist Kant ist sehr wohl geläufig, inwiefern in Zweck, Mittel und Ausführung Vernunft steckt, aber all dies gar nicht tierische Benehmen scheint ihm viel zu nahe beim Tier zu bleiben, um eines freien Menschen würdig zu sein:
"Aber er ist doch nicht so ganz Tier, um gegen alles, was die Vernunft für sich selbst sagt, gleichgültig zu sein, und diese bloß zum Werkzeuge der Befriedigung seines Bedürfnisses, als Sinnenwesens, zu gebrauchen. Denn im Werte über die bloße Tierheit erhebt ihn das gar nicht, daß er Vernunft hat, wenn sie ihm nur zum Behuf desjenigen dienen soll, was bei Tieren der Instinkt verrichtet; sie wäre alsdann nur eine besondere Manier, deren sich die Natur bedient hätte, um den Menschen zu demselben Zwecke, dazu sie die Tiere bestimmt hat, auszurüsten, ohne ihn zu einem höheren Zwecke zu bestimmen." (Kr.d.p.V., S.108 (Seitenzahlen der ersten Auflage, Riga 1788))
Kant sucht danach, was die Vernunft für sich selbst sagt und zu welchem höheren Zweck sie den Menschen bestimmt. Er sagt auch am Thema Praxis sein Dogma ausdrücklich her, daß die Vernunft nicht dasselbe wie das Subjektsein des Menschen in und durch alle seine Zwecke und Tätigkeiten, sondern daß sie eine extra Instanz und ein extra Zweck neben den sonstigen "Vermögen und Trieben" des Menschen sei.
"Sie sucht, als reine praktische Vernunft, zu dem Praktisch-Bedingten (was auf Neigungen und Naturbedürfnis beruht) ebenfalls das Unbedingte ... die unbedingte Totalität des Gegenstands der reinen praktischen Vernunft, unter dem Namen des höchsten Guts." (Kr.d.p.V., S.194.)
Was also will die Vernunft an sich selber? Welche Befriedigung, befriedigt die Vernunft selbst? Was ist der "notwendige Gegenstand des Begehrungsvermögens ...nach einem Prinzip der Vernunft"?
Selbstverständlich, das Gute zu wollen, ist vernünftig; das sagt ja schon das Wort, daß das Gute dem Schlechten vorzuziehen sei. Aber sagt es noch mehr? Das Gute muß man wollen - nur, wie herausfinden, was das Gute ist?
"Wenn der Begriff des Guten nicht von einem vorhergehenden Gesetze abgeleitet werden, sondern diesem vielmehr zum Grunde dienen soll, so kann er nur der Begriff von etwas sein, dessen Existenz Lust verheißt... so würde der Philosoph, der sich genötigt glaubte, ein Gefühl der Lust seiner praktischen Beurteilung zum Grunde zu legen, gut nennen, was ein Mittel zum Angenehmen, und Böses, was Ursache der Unannehmlichkeit und des Schmerzens ist; denn die Beurteilung des Verhältnisses der Mittel zu Zwecken gehört allerdings zur Vernunft. ... So würden doch die praktischen Maximen, die aus dem obigen Begriffe des Guten bloß als Mittel folgten, nie etwas Für-sich-selbst, sondern immer nur Irgend-wozu-Gutes zum Gegenstande des Willens enthalten: das Gute würde jederzeit bloß das Nützliche sein, und das, wozu es nutzt, müßte allemal außerhalb des Willens in der Empfindung liegen." (Kr.d.p.V., S.101ff.)
So ist es. Das Prädikat "gut" ist eines, das die Übereinstimmung einer Sache oder Tat mit ihrem Begriff und Zweck aussagt (z.B. ein gutes Auto, eine gute Erklärung). "Das Gute" ist ein Verhältnis von Zweck und Beschaffenheit, sonst nichts. Nur eine mißverstandene Substantivierung erweckt den Eindruck, das Verhältnis von Zweck und Ausführung einer Tat (von Begriff und Beschaffenheit einer Sache) könne es selbständig und getrennt von der bestimmten Tat und Sache geben; allenfalls ist "das Gute" stets eines in Bezug auf das, was man gerade will. Kant trägt diese richtige Überlegung im Tone einer Widerlegung vor: Wenn man es so anpackt, kommt das Falsche heraus. Warum? Weil der Widersinn eines absolut Guten nicht herauskommt? Oder weil das, wozu so ein Gutes nutzt, außerhalb des Willens liegt? Was soll das überhaupt heißen? Die Befriedigung der Empfindung ist doch gewollt. Getrennt von ihrer Befriedigung, in die sich der Wille nun einmal gelegt hat, will er gar nichts und kann deshalb auch nicht befriedigt werden.
Kant sucht einen Zweck, dessen Realisierung nicht irgendeinen Inhalt des Willens, sondern den leeren, zweckfreien Willen selbst befriedigt. Die Hinterfragung des Wollens führt hier zu der Fragstellung: "Was will der Wille als solcher, jenseits all dessen, was er will?"
"Weil es unmöglich ist, a priori einzusehen, welche Vorstellung mit Lust, welche hingegen mit Unlust werde begleitet sein, so käme es lediglich auf Erfahrung an, es auszumachen, was unmittelbar gut oder böse sei." (Kr.d.p.V., S.102.)
Das aber darf nicht sein, denn gesucht war ein notwendiger, a priori feststehender Vernunftzweck. Das Programm, "reine Vernunft als praktisch" zu zeigen, kommt mit dem rationellen Begriff des Guten nicht voran; die geforderte, grundsätzliche und totale Befriedigung des praktischen Selbstbewußtseins hat in der Welt der Philosophen aber schon vor Kant einen eigenen Namen bekommen; Kant wendet sich dem Glück zu und prüft die Vernunftgemäßheit dieser praktischen Idee.
"Glücklich zu sein, ist notwendig das Verlangen jedes vernünftigen aber endlichen Wesens, und also ein unvermeidlicher Bestimmungsgrund seines Begehrungsvermögens. Denn die Zufriedenheit mit seinem ganzen Dasein ist nicht etwa ein ursprünglicher Besitz, und eine Seligkeit, welche ein Bewußtsein seiner unabhängigen Selbstgenugsamkeit voraussetzen würde, sondern ein durch seine endliche Natur selbst ihm aufgedrungenes Problem, weil es bedürftig ist, ..." (Kr.d.p.V., S.45.)
Ein notwendiges Verlangen der vernünftigen Lebewesen wäre also gefunden - besser gesagt: erfunden. Das Streben nach Glück ist nämlich kein Interesse, sondern schon wieder eine totalisierende Philosophie über Interessen und damit eine ziemliche Umdeutung derselben, ja ihre Umkehrung ins Gegenteil: Jeder Zweck befriedigt nur das Interesse oder Bedürfnis, dem er sich eben verdankt. Was aber ist - so der philosophische "Approach" ans tägliche Leben - das Prinzip des Zwecke-Habens und Ziele-verwirklichen-Wollens überhaupt? Wenn jeder besondere Zweck ein Interesse des Individuums befriedigt, dann produzieren alle befriedigten Interessen zusammen die Befriedigung des Individuums überhaupt. Diese Abstraktion gilt den Philosophen als das eigentliche Ziel, um das es immer geht. Alle materialen Ziele rangieren als - beliebige, daher weitgehend austauschbare - Befriedigungsmittel des Grundbedürfnisses nach totaler Befriedigung, nach Zufriedenheit oder Glück. Man muß nur den Inhalt all der Wünsche ignorieren, die befriedigt werden sollen, um herauszufinden, daß die Menschen eigentlich immer nur einen Wunsch nach Befriedigung befriedigen wollen.
Das Bild, das auf diese Weise vom allgemeinen Sinnen und Trachten gezeichnet wird, ist nun nicht etwa eine dürftige, das meiste weglassende Abstraktion, sondern eine ganz falsche Zusammenfassung. Es ist nämlich gar nicht dasselbe, ob ich ein Interesse befriedigen will, oder ob Befriedigung mein Interesse ist; in diesem letzteren Fall ist auch gar nicht der Wunsch mein Wunsch, sondern daß er aufhöre, mich zu drängen: "Wunschlos glücklich" heißt die Phrase, die einen Zustand kennzeichnet, der deshalb wunderbar sein soll, weil der Wille schweigt. Dem Zustand der Bedürftigkeit, den Kant so herrlich als leidige Not gegen die selige Bedürfnislosigkeit der Engel abgrenzt, muß der Mensch - von der Natur aufgedrungen - Rechnung tragen, d.h. Bedürfnisse auch befriedigen. Aber nicht, weil es schließlich darum geht und Freude macht, sondern damit der Drang gestillt ist und Ruhe gibt. Die Unabhängigkeit vom Leib muß sich der Mensch als endliches Wesen auch durch ein gewisses Nachgeben gegen seine Forderungen erkaufen.
Wenn die Philosophie den Materialismus auch nur in ihrer eigenen philosophischen Umdeutung - als Wunsch nämlich, wieder von ihm loszukommen, - zur Kenntnis nimmt und in dieser Deutung mit begrenztem Recht anerkennt, so lehnt sie ihn doch nicht weniger eindeutig als Materialismus ab: Mag das Verlangen, glücklich zu sein, den endlichen vernünftigen Wesen unvermeidlich sein, so doch wegen ihrer Endlichkeit, nicht wegen ihrer Vernunft.
Beim Bemühen zu zeigen, daß das Streben nach Glück der allgemeine und notwendige Gegenstand praktischer Vernunft nicht sein kann, stößt auch Kant auf die Wahrheit, daß es sich hier um eine nachträgliche, philosophische Deutung von Zwecken und keinen Zweck handelt; freilich nicht als Kritik seiner vorhergehenden Verballhornung des Materialismus, nicht als Widerlegung der obigen Behauptung, das Glück wollten eigentlich alle und immer erjagen. Daß es in der Abstraktion von allen Zwecken um keinen wirklichen mehr geht, merkt er so, daß er es schwierig findet, vom Wunsch nach Glück zu einem bestimmten und damit erst wirklichen Willensinhalt zu kommen:
"Allein es ist ein Unglück, daß der Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist, daß, obgleich jeder Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, es doch niemals bestimmt und mit sich einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle. Die Ursache davon ist: daß alle Elemente, die zum Begriff der Glückseligkeit gehören, insgesamt empirisch sind, d.i. aus der Erfahrung müssen entlehnt werden, daß gleichwohl zur Idee der Glückseligkeit ein absolutes Ganze, ein Maximum des Wohlbefindens, in meinem gegenwärtigen und jedem zukünftigen Zustande erforderlich ist. Nun ist's unmöglich, daß das einsehendste und zugleich allervermögendste, aber doch endliche Wesen sich einen bestimmten Begriff von dem mache, was es hier eigentlich wolle." (Grundlegung zur Metaphsik der Sitten, BA 46.)
Was Kant beschreibt, müssen alle erfahren, die die Philosophie des Glücks leben möchten. Die Privatpsychologen also ideellen Materialisten, die die bürgerliche Welt bevölkern, die Lebenskünstler und die Bilanzzieher, die immerzu ihr Leben nachrechnen, ob sie unterm Strich auch positiv abschneiden in Sachen "Zufriedenheit mit dem ganzen Dasein"; sie alle kennen das Problem der Inkommensurabilität des Maximums an Wohlbefinden des ganzen Individuums mit jedem bestimmten Anliegen, das diesen Zustand herbeiführen soll. Das Glücksprogramm ernstgenommen macht seinen Träger handlungsunfähig, weil der Zweck, der mit einem Schlag, grundsätzlich und ein für alle Mal das Individuum mit der Welt aussöhnen soll, nicht zu finden ist. Jedes Interesse erscheint in diesem Licht klein, lächerlich konkret, bloß eines und damit für das Anliegen ungeeignet. Nicht nur Kant weiß um den vergeistigenden Bildungswert dieser Erfahrung der Glückssucher: das Bild eines prinzipiell unbefriedigbaren Materialismus wird doch nur für die billige Botschaft gezeichnet, daß der erreichte Zweck auch nicht glücklich macht. Kant mißt jede Befriedigung nicht an ihrem Maß, ihrem Zweck nämlich, sondern konfrontiert sie mit einem ganz fremden, maßlosen Maßstab: dem Greisenideal einer endgültigen Totalbefriedigung; das alles für die Lektion, daß es dem vernunftbestimmten Zeitgenossen auf Interessen und ihre Befriedigung doch wohl nicht ankommen kann; ja, daß dem Glück nachzujagen nur unglücklich macht.
"In der Tat finden wir auch, daß, je mehr eine kultivierte Vernunft sich mit der Absicht auf den Genuß des Lebens und der Glückseligkeit abgibt, desto weiter der Mensch von der wahren Zufriedenheit abkomme, woraus bei vielen, und zwar den Versuchtesten im Gebrauche derselben, wenn sie nur aufrichtig genug sind, es zu gestehen, ein gewisser Grad von Misologie, d.h. Haß der Vernunft entspringt, weil sie nach dem Überschlagen des Vorteils, den sie, ich will nicht sagen von der Erfindung aller Künste des gemeinen Luxus, sondern so gar von den Wissenschaften (die ihnen am Ende auch ein Luxus des Verstandes zu sein scheinen) ziehen, dennoch finden, daß sie sich in der Tat nur mehr Mühseligkeit auf den Hals gezogen, als an Glückseligkeit gewonnen haben..." (ebd., BA 5f.)
Glück geht nicht! Im Namen der wahren Zufriedenheit soll man's besser lassen. Der Glückslehrer, der der alte Kant halt auch dann noch ein bißchen sein will, wenn er davon abrät, wendet hier den bekannten Lehrsatz des privaten Psychologisierens an: "Wer es will, kriegt's nicht; nur wer es nicht will, kriegt's!" (vielleicht). Bei dem eigentümlichen Gehalt, an dem Kant diesen Lehrsatz betätigt, beweist der Unsinn sogar eine gewisse Wahrheit: Schließlich heißt seine Botschaft zu Thema Glück, daß die Befreiung vom Bedürfnis letzten Endes nicht durch dessen Befriedigung erreicht werden kann.
Wer Kants Glück will - das Ruhen des leiblichen Drangs - hält es besser auch mit seinem Rezept: Nicht durch Befriedigung, nur durch Zurückweisung befreit sich die Vernunft vom Bedürfnis.
Das Prinzip ist simpel und stand schon mit dem ersten Satz über die praktische Vernunft fest: Was diese für sich selber will, im Unterschied zu dem, was der Mensch sonst noch so will, hat als Inhalt nur das Extra: es verhält sich negativ zu jedem sonstigen Willensinhalt. Deshalb ist der notwendige Gegenstand des vernünftigen Willens auch gar kein Willensinhalt, schon gleich kein notwendiger, sondern das gegen jeden Willen geltende Gebot, auf das Gewollte zu verzichten:
"Das Wesentliche aller Bestimmung des Willens durchs sittliche Gesetz ist: daß er als freier Wille, mithin nicht bloß ohne Mitwirkung sinnlicher Antriebe, sondern selbst mit Abweisung aller derselben, und mit Abbruch aller Neigungen, so fern sie jenem Gesetze zuwider sein könnten, bloß durchs Gesetz bestimmt werde. So weit ist also die Wirkung des moralischen Gesetzes als Triebfeder nur negativ..." (Kr.d.p.V., S.128)
Nicht aber, daß das moralische Gesetz selbst positiver wäre. Es ist nicht nur negativ gegen alle Willeninhalte, soweit sie sich Neigungen oder sinnlicher Antriebe verdanken, das Gesetz der praktischen Vernunft ist negativ gegen jeden Inhalt, es bezeichnet gar nichts als die Erhabenheit des Subjekts über Zwecke schlechthin, die Erhabenheit des Willens über ein Objekt:
"In der Unabhängigkeit von aller Materie des Gesetzes (nämlich des begehrten Objekts) ...besteht das allgemeine Prinzip der Sittlichkeit. Jene Unabhängigkeit ist Freiheit im negativen, diese eigene Gesetzgebung aber der reinen, und als solchen praktischen Vernunft ist Freiheit im positiven Verstande." (Kr.d.p.V., S.58f.)
Vernunft ist Unterdrückung des Leibes, Selbstverleugnung und Verzicht; diesen Zwang sich selbst anzutun und nicht angetan zu bekommen, ist Freiheit, der damit verbundene Schmerz ein Beweis für die Größe des Vernunftwesens Mensch:
"Denn alle Neigungen und jeder sinnliche Antrieb ist auf Gefühl gegründet, und die negative Wirkung aufs Gefühl (durch den Abbruch, der den Neigungen geschieht) ist selbst Gefühl. Folglich können wir a priori einsehen, daß das moralische Gesetz als Bestimmungsgrund des Willens dadurch, daß es allen unseren Neigungen Eintrag tut, ein Gefühl bewirken müsse, welches Schmerz genannt werden kann..." (Kr.d.p.V., S.128f.)
Das neuzeitliche Abendland ist halt auch nicht gerade weit über das Kulturniveau des Indianers hinausgekommen. Der kennt ja bekanntlich keinen Schmerz und erlebt im Unterdrücken desselben die Kraft seines Willens und die Größe seiner Seele. Auch das kann zufrieden stimmen; wenn es schon nicht richtig glücklich macht.
"Hieraus läßt sich verstehen: wie das Bewußtsein dieses Vermögens einer reinen praktischen Vernunft durch die Tat (die Tugend) ein Bewußtsein der Obermacht über seine Neigungen, hiermit also der Unabhängigkeit von denselben, folglich auch der Unzufriedenheit, die diese immer begleitet, und also ein negatives Wohlgefallen mit seinem Zustande, d.i. Zufriedenheit, hervorbringen könne, welche in ihrer Quelle Zufriedenheit mit seiner Person ist. Die Freiheit selbst wird auf solche Weise (nämlich indirekt) eines Genusses fähig, welcher nicht Glückseligkeit heißen kann, weil er nicht vom positiven Beitritt eines Gefühls abhängt, auch genau zu reden nicht Seligkeit, weil er nicht gänzliche Unabhängigkeit von Neigungen und Bedürfnissen enthält, aber doch der letztern ähnlich ist, so fern nämlich wenigstens seine Willensbestimmung sich von ihrem Einflusse frei halten kann." (Kr.d.r.V., S.213f.)
Spiegelbildlich zu theoretischen Vernunft, ist die praktische Vernunft unpraktisch: sie befriedigt das Individuum mit einer rein theoretischen Einbildung über sich; sie stiftet "Zufriedenheit, diese kann intellektuell heißen." (Kr.d.p.V., S.212.)
Kant hat die Vernunft so geliebt, daß er seine Hauptschriften ihrer Kritik gewidmet hat. Man fragt sich ja: von welchem Standpunkt aus? Es kann doch wohl nicht sehr vernünftig sein, die Vernunft, wenn sie schon das höchste, tier-fernste, ja gottgleiche Vermögen des Menschen sein soll, in Bausch und Bogen zu kritisieren. In Bausch und Bogen aber wird kritisiert, wenn nicht der eine oder andere Patzer beim Theorietreiben, der eine oder andere Fehltritt in der Praxis, sondern die Vernunft selbst mit einer angeblich "unvermeidlichen Dialektik" in ihren beiden Abteilungen Kritikobjekt wird. Welche Sünde hat dieses Kantische Konstrukt aus theoretischer Sinnstiftung und stolzer praktischer Selbstverleugnung denn nun verbrochen?
1. Wirkliches Wissen kann die kritikwürdige Sünde nicht sein; reine theoretische Vernunft war von Kant als der geistige Trieb zu Weltanschauung, metaphysischen Sinnkonstrukten und Gottsucherei angegeben worden. Daß der Verstand des trostsuchenden, philosophischen Erdenwurms genau dies dann tut und sich "Gott, Freiheit, und Unsterblichkeit" herbei-"vernünftelt", - genau das, worauf Kant die Intelligenz festgelegt hatte - soll auch ihre Sünde sein:
"Der theoretische Gebrauch der Vernunft beschäftigte sich mit Gegenständen des bloßen Erkenntnisvermögens, und eine Kritik derselben, in Absicht auf diesen Gebrauch, betraf eigentlich nur das reine Erkenntnisvermögen, weil es ...sich leichtlich über seine Grenzen, unter unerreichbare Gegenstände oder gar einander widersprechende Begriffe verlöre." (Kr.d.p.V., S.29.)
Die theoretische Vernunft strebt nach dem gedachten Absoluten: dem Urwesen, Gott, Weltgrund; sie sucht im Bedingten das "Unbedingte". Kant hat keine Kritik an diesem Streben, auch dann nicht, wenn er dessen Widersprüche selbst als Konsequenz dieses Strebens aufzeigt (Siehe Kapitel: Antinomien): das Denken darf diese Widersprüche nicht auflösen und auf den Unfug des metaphysischen Strebens zurückführen. Die reine theoretische Vernunft hat sich nur über den Bereich hinausgewagt, wo sie Objekte hat, die Erfahrung. Sie hat erschlossen, worauf sie notwendig und korrekterweise schließen muß, aber nicht kann; als Bedürfnis geht dieses Streben in Ordnung, aber sein Ziel erreichen darf es nicht: als Wissen darf es sich nicht verstehen. Daß sich die Vernunft überhaupt etwas verspricht, daß überhaupt eine Beziehung der metaphysischen Konstruktionen auf die Realität behauptet ist, ist die Sünde. Kant rettet die Metaphysik, indem er sie zum - so freilich unbestreibaren - Bedürfnis zurücknimmt, von der Welt trennt und ihr die wissenschaftliche Beweislast ein für allemal abnimmt. Nur als reine Haltung ohne allen Gehalt scheint ihm seine liebe Vernunft unanfechtbar und dem Streit entzogen zu sein. Sie darf nur nicht glauben, daß sie einen Gegenstand hätte. Weil Kant das Denken mit Metaphysik verwechselt, und dies auch für ganz unkritisierbar hält, macht er ihm Vorschriften: Die Theoretische Intelligenz muß sich unter Kontrolle halten und gerade dann, wenn sie ihren eigenen Schlüssen nicht glauben daß sie Theorie sei. Gerade sie darf sich nicht aufs Denken verlassen, sondern hat sich an Postulate der praktischen Vernunft zu halten: Gott braucht's einfach, damit die praktische Vernunft kein leerer Wahn ist.
2. Die praktische Vernunft kennt das Problem nicht, daß sie als reine Vernunft kein Verhältnis zur Wirklichkeit hat. Sie braucht nämlich gar keines!
"Mit dem praktischen Gebrauche der Vernunft verhält es sich schon anders. In diesem beschäftigt sich die Vernunft mit Bestimmungsgründen des Willens, welcher ein Vermögen ist, den Vorstellungen entsprechende Gegenstände ... hervorzubringen ... Denn da kann wenigstens die Vernunft zur Willensbestimmung zulangen, und hat so fern immer objektive Realität, als es nur auf das Wollen ankommt." (Kr.d.p.V., S.29f.)
Daß ihre Bestimmungen vor dem theoretischen Urteil keinen Bestand haben, macht gar nichts aus. Insofern und da es nur auf den guten Willen dazu ankommt, ist die reine praktische Vernunft natürlich leicht zu haben - sie ist sowieso nur ein Postulat der moralischen Empfindung "in uns"; der Beweis, "daß es eine solche gebe", (siehe oben und im Kapitel: Der kategorische Imperativ) ist entsprechend. Offiziell und im Sinne von Geltungsansprüchen gibt es daher keine Kritik der reinen praktischen Vernunft.
"Folglich werden wir nicht eine Kritik der reinen praktischen Vernunft, sondern nur der praktischen Vernunft überhaupt, zu bearbeiten haben. Denn reine Vernunft, wenn allererst dargetan worden, daß es eine solche gebe, bedarf keiner Kritik. Sie ist es, welche selbst die Richtschnur zur Kritik alles ihres Gebrauchs enthält. Die Kritik der praktischen Vernunft überhaupt hat also die Obliegenheit, die empirisch bedingte Vernunft von der Anmaßung abzuhalten, ausschließungsweise den Bestimmungsgrund des Willens allein abgeben zu wollen. ...welches gerade das umgekehrte Verhältnis von dem ist, was von der reinen Vernunft im spekulativen Gebrauche gesagt werden konnte." (Kr.d.p.V:, S.30f.)
Inoffiziell aber befaßt sich die Kritik der praktischen Vernunft, geradeso wie die der reinen theoretischen, mit dem Widerspruch von Kants Isolationsleistung. Braucht auch die Geltung der reinen praktischen Vernunft nicht bewiesen zu werden - man muß ja nur wollen - so besteht die von Kant behandelte Schwierigkeit darin, daß man den reinen praktisch vernünftigen Willen beim besten Willen zur Erhabenheit über Nutzen und Bedürfnis einfach nicht wollen kann. Die reine praktische Vernunft ist gar zu rein; das pur negative Verhältnis zu allem Willensinhalt ist selber keiner. Wie dieses Verhältnis praktisch werden soll, kann sich Kant ja selbst nicht erklären. Also braucht die reine praktische Vernunft zur ihrer Wirklichkeit doch wieder besondere, als solche aber per se nicht vernünftige Zwecke:
"Nun ist freilich unleugbar, daß alles Wollen auch einen Gegenstand, mithin eine Materie haben müsse; aber diese ist darum nicht eben der Bestimmungsgrund und Bedingung der Maxime..." (Kr.d.p.V., S.60.)
So muß es dem vernünftigen Willen um einen unvernünftigen Inhalt (auf philosophisch: um Triebe und Neigungen; zusammengefaßt: um Glückseligkeit) gehen, damit es überhaupt um etwas geht; zugleich darf es ihm darum aber nicht gehen, der Inhalt, der gewollt wird, darf den Willen nicht bestimmen, sonst wäre er kein vernünftiger. Dieser von Kants Moralfanatismus konstruierte zugleich vernünftige und unvernünftige, material bestimmte und zugleich darüber erhabene Wille ist ein einziger Widerspruch. Kant bleibt eisern, hält das Konstrukt für bare Münze und seinen Widerspruch für die unvermeidliche Dialektik der praktischen Vernunft:
Nur "zusammen" machen "Tugend und Glückseligkeit den Besitz des höchsten Gutes in einer Person ...aus." (Kr.d.p.V., S.199.) Die Moral, wie Hegel sagt, kommt vom Glück nicht los, und die Tugend braucht ihr Gegenteil damit sie betrieben wird und überhaupt etwas für sie spricht. Das "höchste Gut" ist die Idee der Einheit beider, der lohnenden Tugend und des verdienten Glücks. Wenn der "ganze Gegenstand der praktischen Vernunft", das was eigentlich gewollt wird, nun aber aus diesen beiden Bestandteilen besteht, und beide notwendig zusammengehören, dann
"muß entweder die Begierde nach Glückseligkeit die Bewegursache zu Maximen der Tugend, oder die Maxime der Tugend muß die wirkende Ursache der Glückseligkeit sein." (Kr.d.p.V., S.204.)
Der Moralapostel Kant braucht die notwendige Verknüpfung beider Seiten geradeso, wie ihre Trennung und Selbständigkeit.
Die Dialektik des höchsten Gutes studiert er an der antiken Diskussion zwischen der Stoa und den Epikuräern: Unmittelbare Identifikation von Tugend und Glück läuft auf dasselbe hinaus wie grundsätzliche Trennung - und beides spricht gegen die Tugend. Wird Glück aufgefaßt als unmittelbar dasselbe wie das bewußtsein eigener Tugendhaftigkeit (Stoa), dann ist Tugend ihr ganzer Lohn, und es erhebt sich die Frage, warum überhaupt tugendhaft sein; ist aber das eigene Glück zu verfolgen selbst unmittelbar tugendhaft, Glück also Maßstab der Tugend (Epikuräer), dann kürzt sich eben die Tugend als Tugend heraus. Kant schlichtet die Dialektik des moralischen Fanatismus, indem er wiederum die praktische Vernunft zur Selbstkontrolle auffordert: Sie muß die Einheit beider wollen, aber nicht verfolgen; die Einheit sich als notwendiges Ideal der Tugendhaftigkeit erhalten, aber praktisch nichts davon abhängig machen. Kant schlichtet den Widerspruch, indem er wiedereinmal die Geleise verlegt: Er erhält die absurde, aber konstitutive, Verknüpfung, ohne sie zu behaupten, indem er Tugend und ihren Lohn zugleich - in der Wirklichkeit - trennt und - im Transzendentalen - vereint:
"Daß Tugendgesinnung notwendig Glückseligkeit hervorbringe, ist nicht schlechterdings (falsch), sondern nur so fern sie als die Form der Kausalität in der Sinnenwelt betrachtet wird, und, mithin, wenn ich das Dasein in derselben für die einzige Art der Existenz des vernünftigen Wesens annehme, also nur bedingter Weise falsch. Da ich aber nicht allein befugt bin, mein Dasein auch als Noumenon in einer Verstandeswelt zu denken ...,so ist es nicht unmöglich, daß die Sittlichkeit der Gesinnung einen, wo nicht unmittelbaren, doch mittelbaren (vermittelst eines intelligiblen Urherbers der Natur) und zwar notwendigen Zusammenhang, als Ursache, mit der Glückseligkeit, als Wirkung, in der Sinnenwelt habe..." (Kr.d.p.V., S.206f.)
Im Praktischen darf sich die moralische Vernunft nicht auf ihre Macht verlassen, die Verknüpfung von Zweck und Resultat, welche die Tat herstellt. Diese Verknüpfung muß sie der sehr theoretischen, d.h. unpraktischen Tugend des Hoffens und Glaubens überlassen, während sie sich praktisch dem Wahn überantworten soll, den Beweggrund des Handelns vom zu erreichenden Zweck zu trennen. Zugleich Prinzipienreiter des Sittengesetzes, ohne alle Rücksicht auf zu erreichende Ziele, zu sein und andererseits doch, aber auf einer anderen Ebene, auf den Gotteslohn zu hoffen, um dessentwillen der Tugendhafte nur tugendhaft sein mag, das ist die Selbstkontrolle, durch die Kant den moralischen Wahn unangreifbar machen will.
Die theoretische Vernunft mit ihren trostspendenen Gedanken über Gott und die Weltvernunft darf nicht so sicher befriedigen, wie es ihr als theoretischer Einsicht entspräche; die praktische Vernunft aber darf nicht so sicher nicht befriedigen, wie es der kantischen Deduktion von Willensautonomie und Sittengesetz entspräche: als Möglichkeit und als bloße Möglichkeit hält Kant die Befriedigung der metaphysischen Sehnsüchte hoch: Gottes Existenz und Gottes Lohn werden gerettet, indem sie vom der Welt abgetrennt werden: Theoretisch nicht beweis- und praktisch nicht erwerbbar. Kant kritisiert nicht den Gehalt der moralischen und religiösen Idealismen, sondern entzieht sie der Kritik durch ihre ausdrückliche Zurücknahme zu bloßen Idealismen; er hat das Ende der Naivität des ideologischen Bewußtseins durchgesetzt: Vernunft - so seine letzte Definition - ist Selbstkontrolle der ideologischen Umtriebe. Daß das Bewußtsein an dem Schmarrn von Gott und Tugend festhält, und dies doch nicht mit der Wirklichkeit verwechselt, das ist kritische Vernunft. Kant lehrt, Idealismus als Idealismus zu schätzen, d.h. bewußt und systematisch sich jener, heute durchgesetzten, intellektuellen Inkonsequenz zu befleißigen, welche die fürs brave Mitmachen funktionalen Ideologien nun einmal brauchen. Moralisten nämlich, die wirklich daran glauben, daß sie die Welt verbessern, und Gläubige, die Wahrheit ihres Gottes in die Welt bringen wollen, sind nämlich beide auf die Welt bezogen, darin ebenso praktisch störend, wie theoretisch angreifbar.
[ 1 ] "Der vierte und letzte Schritt, den die Menschen über die Gesellschaft mit Tieren gänzlich überhebende, Vernunft tat, war: daß er (wiewohl nur dunkel) begriff, er sei eigentlich der Zweck der Natur, und nichts, was auf Erden lebt, könne hierin einen Mitbewerber gegen ihn abgeben. ... (welche Dinge und Lebewesen er vielmehr) als seinem Willen überlassene Mittel und Werkzeuge zu Erreichung seiner beliebigen Absichten ansah." Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte, A 10f.
[ 2 ] "Die Natur, die ...dem Menschen Vernunft und darauf sich gründende Freiheit des Willens gab." Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, A 390.
[ 3 ] Siehe Kr.d.r.V., B 7: "Diese unvermeidlichen Aufgaben der reinen Vernunft selbst sind Gott, Freiheit und Unsterblichkeit."
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