Wenn Adorno vom alten Kant sagt:
"Seine Philosophie kreist, wie übrigens wohl eine jede, um den ontologischen Gottesbeweis." (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Ffm 1970, S.376.) -
dann bekennt er, daß die Anhänglichkeit an die Weisheiten des Gottbüchleins weder den Philosophen des 18. noch des 20. Jahthunderts diskreditieren können. Umgekehrt ist es: sie ehren ihn. Die Verträglichkeit einer Philosophie mit dem Glauben der alten Weiblein und jungen Kirchentagsbesucher weist sie als gültig aus.
Wenn andererseits Kant, so will es die Anektode, sonntags zur Gottesdienstzeit einen großen Bogen um die Kirche in Kaliningrad zu machen pflegte, dann eben nicht, weil er den Schöpfergott, die Belohnung der Guten in einem ewigen Leben, die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung des Fleisches für lächerliche Vorstellungen gehalten hätte.
Nein, der alte Selbstdenker hätte es nur nicht ausgehalten, von einem Pfarrer die traditionellen und in äußeren Ritualen beglaubigten Produkte der moralischen Phantasie gepredigt zu bekommen: Nicht weil Kant nicht genug an Gott geglaubt hätte, sondern weil er auf diese Weise nicht genug geglaubt hätte. Er geißelt das Pfaffentum als einen
"Fetischdienst", welcher "allemal da anzutreffen ist, wo nicht Prinzipien der Sittlichkeit, sondern statuarische Gebote, Glaubensregeln und Observanzen die Grundlage und das Wesentliche derselben (der Religion) ausmachen." (Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, WW Bd.8, S.852.)
"Wer also die Beobachtung statuarischer, einer Offenbarung bedürftiger Gesetze als zu einer Religion notwendig, und zwar nicht bloß als Mittel für die moralische Gesinnung sondern als objektive Bedingung, Gott dadurch unmittelbar wohlgefällig zu werden, voranschickt, und diesem Geschichtsglauben die Bestrebung zum guten Lebenswandel nachsetzt, der verwandelt den Dienst Gottes in ein bloßes Fetischmachen und übt einen Afterdienst aus, der alle Bearbeitung zur wahren Religion rückgängig macht. ...In dieser Unterscheidung aber besteht die wahre Aufklärung; der Dienst Gottes wird dadurch allererst ein freier, mithin moralischer Dienst. Wenn man aber davon abgeht, so wird, statt der Freiheit der Kinder Gottes, dem Menschen vielmehr das Joch eines Gesetzes auferlegt, welches dadurch, daß es als unbedingte Nötigung, etwas zu glauben, was nur historisch erkannt werden, und darum nicht für jedermann überzeugend sein kann, ein für gewissenhafte Menschen weit schwereres Joch ist, als der ganze Kram frommer Observanzen immer sein mag, bei denen es genug ist, daß man sie begeht, um mit einem eingerichteten kirchlichen gemeinen Wesen zusammen zu passen." (ebd. S. 851f.)
Unser Philosoph ist Protestant und kritisiert alle Kirchenreligion so, wie die Lutheraner den Katholizismus: Fromme Observanzen machen den Glauben äußerlich handhabbar; verbindliche, wörtlich genommene Stories aus der Bibel machen ihn nur bedingt akzeptabel und alle Äußerlichkeiten in der Religion besetzen das Herz der Gläubigen zu wenig. Je strenger sich die Religiosität an äußeren Ritualen beweist, desto weniger echter Glaube und zuverlässiger Gehorsam:
"...wobei unvermerkt die Gewöhnung an die Heuchelei die Redlichkeit und Treue der Untertanen untergräbt, sie zum Scheindienst auch in bürgerlichen Pflichten abwitzigt, und wie alle fehlerhaft genommene Prinzipien, gerade das Gegenteil von dem hervorbringt, was beabsichtigt war." (ebd. S. 853f.)
Den größeren religiösen Ernst, die totalere Besetzung der Herzen mit dem Herrn dagegen schafft nur die Aufklärung mit ihrem Prinzip: Do it yourself! Etwas anderes hatte die Kantische Aufklärung sowieso nie an Absolutismus, Dogmatismus und Pfaffenherrschaft auszusetzen. Selbstgemacht geht jeder Scheiß in Ordnung:
"Es klingt zwar bedenklich, ist aber keineswegs verwerflich, zu sagen, daß ein jeder Mensch sich einen Gott mache, ja nach moralischen Begriffen sich einen solchen selbst machen müsse, um an ihm den, der ihn gemacht hat, zu verehren." (ebd. S. 839, Anmerkung.)
ist etwas ganz anderes, als sich einen Begriff von dem Gott zu machen, den die anderen verehren. Da käme nämlich ein "ganzes Nest von Widersprüchen" heraus, bei dem jedermann sofort die Vergewaltigung des Verstandes als Prinzip auffallen muß; schon Konfirmanten, soweit sie noch nicht völlig verdorben sind, können Allmacht und Allgüte Gottes gegeneinander ausreizen.
Nicht erst eine Analyse, schon eine unvoreingenommene Nacherzählung würde etwa folgendes über die religiöse Vorstellungswelt zu vermelden haben: Da ist außer und vor aller Welt das allmächtige, vollkommene, sich daher voll genügende Wesen und sitzt herum. Seine Allgenügsamkeit wird ihm aber derart langweilig, daß es eine Welt sich gegenüber schafft, der alle Bestimmungen ihres Schöpfers ohne das "All-" zukommen, damit der Gott 1. sieht, daß er auch etwas zustande bringt, und 2. genießen kann, daß es doch ganz etwas anderes ist, ein Gott zu sein, als ein Geschöpf. Von da an sitzt er in seinem Himmel und regiert die Welt, läßt Blitz und Donner dazwischenfahren und hat doch von all dem nichts, weil seine Produkte, die Menschen, ihn nicht verstehen. - Und was ist einem Gott das Weltenlenken, wenn er kein Publikum dabei hat, das ihm Verehrung und Beifall zollt. Also bemüht er sich rührend um die gute Meinung seiner Geschöpfe über ihn und offenbart sich ihnen, indem er seinen eingeborenen Sohn schickt und zu Demonstrationszwecken schlachten läßt. Endlich kapieren seine Geschöpfe nun, wie sehr er sie liebt, und daß es den ganzen Schöpfer des Himmels und der Erden nur um ihretwillen gibt. Sie gründen eine Gemeinde und lassen Gott in ihrem Glauben leben. Wie er sind damit auch sie am Ziel ihrer Wünsche: Endlich haben sie einen Herrn gefunden, bei dem fein Knechtsein ist, weil der Herr gar kein Herr sein will, sondern nur herrscht, um zu lieben. Auf die Idee, die Herrschaft dann einfach zu lassen - die gemeinhin anderem dient als der Liebe - und abzudanken, ist der gute Gott dann aber auch nicht verfallen; zumal seine freien Diener das auch gar nicht schätzen würden, wüßten sie doch gar nichts mit sich anzufangen, ließe Gott sie nicht frei dienen ....und so weiter, und so fort ...
Auf die sinnreiche Frage, ob es Gott denn auch gibt, wird, wer sich auf eine Betrachtung der religiösen Vorstellungswelt eingelassen hat, kaum mehr verfallen. Der viel näherliegenden Frage, warum mit Verstand begabte Menschen sich so einen Wust von Unsinn antun, hat sich seit je nur eine kleine respektlose Minderheit der Philosophen angenommen. Sie haben nie richtig dazugehört. Das Fach befaßt sich lieber mit den Problemen, die der Verstand mit und wegen des Glaubens bekommt, und bemüht sich darum sie zu bewältigen.
Sich selber einen Gott machen, ist dasselbe, wie sich daran glauben machen. Das Bedürfnis danach scheint einerseits stark zu sein - sonst könnte man es auch ganz gut lassen -, andrerseits aber gar nicht so leicht zu befriedigen. Edmund Husserl hat das Problem unübertroffen doof formuliert:
"Was sollen wir tun, um glauben zu können, wir, die wir glauben?" (Edmund Husserl, Die Krisis der europäischen Wissenschaften, S.18.)
"Nichts!" - möchte man dem guten Mann zurufen: "Du tust es ja schon. Mehr als die Bereitschaft zur Vergewaltigung deines Verstandes ist nicht verlangt, den Willen dazu sprichts du aus."
So einfach ist die Sache, aber nicht für den, der glauben will. Gott ist das Ideal der Moral als wirkliche Macht vorgestellt: An Vernunft und Güte dieses Ideals glauben bürgerliche Menschen, an die Wirklichkeit desselben, möchten sie gerne glauben. Das bedürfnis, sich einen Gott zu machen, wie die Schwierigkeiten beim Gott schnitzen, haben wenigstens in den Jahrhunderten der bürgerlichen Gesellschaft denselben Grund und doppelten Ausgangspunkt: Den Glauben an die Vernunft der Moral und die Entdeckung, daß sie weder befolgt wird, noch ihr Versprechen einlöst. In ihrer Moral haben die Mitglieder der bürgerlichen Geselschaft eine Deutung der Vernunft des Gemeinwesens, an dem sie teilhaben: Jeder trägt seinen Dienst zum Gemeinwohl bei, und bekommt - gerecht - einen Lohn für den Dienst. Alles Schlechte, was sie erfahren müssen, erschließt sich ihnen als Verstoß gegen dieses Prinzip: Jemand hat den Eigennutz vor den Gemeinnutz gesetzt, und deshalb kommen andere jetzt nicht mehr zu dem Ihren. Jeder verdächtigt den anderen, die Pflicht nur vorzuschützen, wo Vorteile gesucht werden, und kennt bei sich dasselbe als "schlechtes Gewissen". Umgekehrt wissen die Tugendbolzen aber auch, daß Undank der Welt Lohn ist, häufig der Rücksichtslose triumphiert, und der Beste sich Moral schlecht leisten kann; kurz: daß das Prinzip, mit dem sie die Vernunft ihrer Gesellschaft verstehen, zugleich auch nicht gilt. Gegen die Welt erhalten sie sich ein eigentliches Gelten der moralischen Gleichung von Dienst und Belohnung durch den Glauben an die Macht des Guten und die Herrschaft eines gerechten Gottes, der in die Herzen schaut, die wahren Absichten würdigt, die Tugend entgilt, die Missetat bestraft, insgesamt aber den Menschen ihre notwendige Sündhaftigkeit vergibt und sie wenigstens dereinst eine andere Welt eingehen läßt, in der wirklich die Moral regiert.
In diesem "eigentlich" und in der Bereitschaft, daran zu glauben, erhalten sie sich ihr Freiheitsbewußtsein: Moderne Menschen fassen sich als Wichte - Kinder Gottes und Knechte im Weinberg des Herrn -, die gerade dann am Guten beteiligt sind wenn es auf sie und ihre Absichten gar nicht ankommt, und sagen frei Ja zur Gottesknechtschaft. Nebenher, aber auch nur nebenher geben sie aus wegen freien Gefolgschaft auch noch dem Kaiser geben, was des Kaisers ist.
Nur durch den Glauben sind sie frei, wie der Herr Jesus schon so schön ironisch feststellte. Dann aber echt!? Durch den und nur in dem Glauben an die Macht des Guten soll dieses wirklich Macht haben - aber es soll sie dann auch haben. Der Glaube soll nicht bloße Einbildung sein, obwohl er sich als Grund seiner Leistung weiß. Der Gott im Himmel, der halt nur "im Glauben der Gemeinde lebt", darf auch nicht völlig ins Jenseits verbannt werden. Obwohl die Idee einer wirklichen Gemeinschaft der Menschen als Gotteskinder aus dem "eigentlich" im Unterschied zum "wirklich" entstanden ist, wäre Gott als ganz unwirkliche Idee auch wieder nichts. Dieser Widerspruch schafft die Anfechtung des Zweifels, der zum Glauben gehört.Wenn das moralische Rechnungswesen, wie es sich gehört, in der Realität wieder einmal gar nicht aufgeht, dann fragt sich der freie Gottesknecht nicht, was staat der moralischen Gleichung dann wirklich gilt. Leichter fragt er sich verzweifelt, ob es in dieser Welt noch einen Gott gibt; und er fragt sich das, um seinen Zweifel wieder zu beruhigen. Intellektuelle Techniken zur Blamierung und Überlistung des Verstandes, Tricks, die den Entschluß zum Glauben doch wie einen Schluß erscheinen lassen, sind dank der unvermeidlichen Dialektik von Glaube und Zweifel stets gefragt.
Gottsucherei und Gottesbeweis sind Bestandteil allen Glaubens und keineswegs das exklusive Reich der Philosophen: Auch Jesus hatte, um als Gott durchzugehen, Wunder nötig. Seine Jünger waren für diese Außerkraftsetzung ihres Verstandes ebenso dankbar, wie dadurch beschämt; mußten die Kleingläubigen sich doch vorwerfen lassen, daß der richtig grundlose Glaube nur vor dem Wunder etwas wert gewesen wäre.
Hier erst wird Kant kritisch. Jeden Gottesbeweis will er sich auch nicht gefallen lassen. Dabei würde man ihn sehr mißverstehen, wenn man die Beleidigung des Verstandes - die doch den ganzen Reiz der Religion ausmacht - für das hielte, was er an Wundern anstößig findet.
"Allein, obzwar die Kundmachung einer solchen Begebenheit (biblischer Wunder) sowohl, als auch der Glaube an darauf gegründete Verhaltensregeln nicht gerade oder vorzüglich für Gelehrte oder Weltweise gegeben sein darf, so sind diese doch auch davon nicht ausgeschlossen, und da finden sich nun so viel Bedenklichkeiten, teils in Ansehung ihrer Wahrheit, teils in Ansehung des Sinnes, darin ihr Vortrag genommen werden soll, daß einen solchen Glauben, der so viel Streitigkeiten unterworfen ist, für die oberste Bedingung eines allgemeinen und allein seligmachenden Glaubens anzunehmen, das Widersinnischste ist, was man denken kann." (Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, WW Bd.8, S.854f.)
Kants Einwand gegen derlei populäre Gottesbeweise ist funktionell: Nicht daß das Wunder gar keinen anderen Zweck hat, als den Verstand auf seinem Feld außer Kraft zu setzen, stört ihn, sondern die Bestreitbarkeit des Wunders. Exakt sein Zweck erscheint dem Philosophen als seine Schwäche: Es behauptet ein direktes Wirken des Höchsten auf einem Feld, wo der Philosoph dem Verstand nicht gleich jede Zuständigkeit absprechen kann: Der Wunnderglaube ist eine
"Erkünstelte Glaubensart", die meint, "etwas durch Erfahrung zu erkennen, was wir doch selbst, als nach objektiven Erfahrungsgesetzen geschehend, als unmöglich annehmen können." (ebd., S.870.)
Philosophische Prinzipienreiter, die viel weniger auf Wahrheit, denn auf Konsequenz aus sind, mögen die Wunder nicht. Sie stört der Konflikt von Glaube und Verstand: Die partielle und einmalige Außerkraftsetzung des Verstandes, läßt ihn daneben als Instanz gegen das Wunder bestehen; unweigerlich wird er am Wunder herumvernünfteln.
Die Philosophen haben daher ihren Verstand gleich ganz in den Dienst des Gottesbeweises gestellt und in ganzen Theoriegebäuden auf seine Existenz "geschlossen". Einmal hat man aus dem "alle Realität umfassenden Begriff Gottes" seine Realität abgeleitet; ein andermal - wieder näher am naiven Wunder - aus der Zweckmäßigkeit der herrlichen Natur die Existenz des Schöpfernwillens, dann wieder aus dem Dasein des Bedingten den Unbedingten (siehe Kapitel: Die Antinomien der reinen Vernunft). Kant kritisiert diese Gottesbeweise allesamt und auf einmal: Inhalt und (Fehl-)Schlüsse ihrer Gedanken ignoriert er souverän, und wendet ganz methodisch ein, daß Gott kein Gegenstand der Erfahrung sei, seine Existenz daher von der theoretischen Vernunft weder bewiesen werden kann, noch braucht - vor allem aber durch sie auch nicht bestritten werden darf.
"Ich behaupte nun, daß alle Versuche eines bloß spekulativen Gebrauchs der Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich fruchtlos und ihrer Beschaffenheit nach null und nichtig sind; daß aber die Prinzipien ihres Naturgebrauchs ganz und gar auf keine Theologie führen...Denn alle synthetischen Grundsätze des Verstandes sind von immanentem Gebrauch; zu der Erkenntnis eines Höchsten Wesens aber wird ein transzendenter Gebrauch derselben erfordert, wozu unser Verstand gar nicht ausgerüstet ist." (Kr.d.r.V., S.B 664.)
Nicht die Transzendenz ist der Unsinn, nur unser Versuch, sie zu erkennen; dafür "ist unser Verstand gar nicht ausgerüstet". Nicht Gott zu suchen und sich seiner Existenz zu versichern, ist ein Fehler, wohl aber, das in die Zuständigkeit des Denkens zu legen: In Glaubensdingen hat der Verstand einfach zu schweigen!
"Das höchste Wesen bleibt also für den bloß spekulativen Gebrauch der Vernunft ein bloßes, aber doch fehlerfreies Ideal, ein Begriff, welcher die ganze menschliche Erkenntnis schließt und krönet, dessen objektive Realität auf diesem Wege zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden kann." (Kr.d.r.V., S. B 669.)
Die Kritik der hergebrachten Gottesbeweise hatte zwar nur die Möglichkeit der Existenz jenes alten Rauschebarts aber immerhin seine Unwiderleglichkeit "bewiesen". Dies ist zwar die bekanntere, aber nur die matte Seite von Kants Verdiensten um die Existenz Gottes. Die starke Seite besteht darin, daß er seine ganze Theorie von Vernunft und Welt als einen geheimen Gottesbeweis anlegt - und zwar nicht als einzelne Behauptung, die mit den Beweisargumenten auch Angriffsflächen bietet, sondern als durchgeführte Theorie eines ganz anderen Gegenstands: als Erkenntnistheorie. Kants Erklärung der Erkenntnistätigkeit besteht im sukzessiven Abziehen aller Gedanken von ihrem Inhalt und Objekt, um sie als bloß subjektive Vermögen, der Sache nach also grundlose Voraussetzungen im Subjekt anzusiedeln (sie Kapitel: Transzendentale Logik). Da fragt sich dann schon, was uns berechtigt, der ganz anders gearteten Realität das Raum-Zeit-Schema überzustülpen, sie nach den Erfordernissen der Kategorie der Kausalität zurechzuschustern oder gewisse Dinge als organische und zweckmäßige Einheiten zu nehmen, wo unsere Beobachtung uns doch gar nicht darauf führt, daß sie es sind! Das Letztere erlaubt unserem Verstand kein Geringerer als Gott selbst, d.h. unsere Vermutung seiner sinnreichen und zweckmäßigen Schöpferhand, die somit die prästabilierte Hamonie der Wirklichkeit mit dem menschlichen Verstand, der seine Kategorien aus ganz anderen Quellen bezieht, gewährleistet. Man kann Gott nicht beweisen, aber der Verstand - vor dem die religiöse Dummheit so leicht blamiert dasteht - selber braucht die Idee Gottes, sonst könnte er die Dinge nicht so erkennen, wie sie sind !!?!
"Alsdenn heißt es, die Dinge der Welt müssen betrachtet werden, als ob sie von einer höchsten Intelligenz ihr Dasein hätten. Auf solche Weise ist die Idee eigentlich nur ein heuristischer und nicht ostensiver Begriff, und zeigt an, nicht wie ein Gegenstand beschaffen ist, sondern wie wir, unter der Leitung desselben, die Beschaffenheit und Verknüpfung der Gegenstände der Erfahrung überhaupt suchen sollen." (Kr.d.r.V., S. B 699.)
"Also ist die Supposition der Vernunft von einem höchsten Wesen, als oberster Ursache, bloß relativ, zum Behufe der systematischen Einheit der Sinnenwelt gedacht, und ein bloßes Etwas in der Idee, wovon wir, was es an sich sei, keinen Begriff haben. Hierdurch erklärt sich auch, woher wir zwar in Beziehung auf das, was existierend den Sinnen gegeben ist, der Idee eines an sich notwendigen Urwesens bedürfen, niemals aber von diesem und seiner absoluten Notwendigkeit den mindesten Begriff haben können." (Kr.d.r.V., S. B 707.)
Wie es sich für philosophische Prinzipienreiter gehört, die die kleinen Wunder mit Wasser und Wein anstößig finden, sie halten es mit den großen. Was ist schon eine Jungferngeburt dagegen, daß der Mensch mit gänzlich sachfremden Ideen, die er von seinem Systematisierungs-Bedürfnis oder sonst woher bezieht, und die nichts mit der Beschaffenheit der Gegenstände zu tun haben sollen, den "größtmöglichen Erfahrungsgebrauch von seiner Vernunft" macht und ständig seine Erkenntnisse erweitert? Kant postuliert das Wunder,
"...daß, obgleich die transzendentalen Ideen direkt auf keinen ihnen korrespondierenden Gegenstand und dessen Bestimmungen bezogen werden, dennoch alle Regeln des empirischen Gebrauchs der Vernunft unter Voraussetzung eines solchen Gegenstands in der Idee auf systematische Einheit führen und die Erfahrungserkenntnis jederzeit erweitern." (Kr.d.r.V., S. B 699.)
Das kann wirklich nur ein Gott!
Doppelt genäht hält besser, denkt Kant, wiederholt und verbessert den Gottesbeweis aus der theoretischen Philosophie noch einmal in der praktischen. Wenig beeindruckt scheint er davon, daß nachgeschobene und vervielfältigte Gründe kein gutes Licht auf jeden einzelnen derselben werfen. Aber es bietet sich ja auch ein Vorteil: Für die Vernunft, soweit sie Objekte denkt, war Gott einerseits gar nicht zu beweisen, auch nicht zu widerlegen, somit allenfalls möglich; dann brachte er es "in Ansehung der größtmöglichen Einheit der Erfahrungserkenntnis" zur nützlichen ja gar notwendigen Hypothese - aber eben doch nur zur Hypothese. In der praktischen Philosophie, wo es nicht aufs Beweisen, sondern nur auf den Willen ankommt, bringt Gott es weiter. Was das Hirnkastl in seiner einen Schublade ablehnt, kann es in der anderen locker akzeptieren. Auch Kant findet das befremdlich, freilich, befremdlich findet er nicht seine Gedanken, sondern die von ihm entdeckte Verfaßtheit unseres Kopfes. Es spricht von einem
"Rätsel der Kritik, wie man dem übersinnlichen Gebrauche der Kategorien in der Spekulation objektive Realität absprechen, und ihnen doch, in Ansehung der Objekte der reinen praktischen Vernunft diese Realität zugestehen könne;" (Kant, Kr.d.p.V., S.8f. Zitiert nach der Paginierung der 1. Ausgabe, Riga 1788.)
Aber es geht! In der praktischen Vernunft genügt, wie gesagt, der gute Wille zum moralischen Handeln, um die Annahme von der Existenz Gottes subjektiv objektiv zu machen:
"Die Ideen von Gott und Unsterblichkeit sind aber nicht Bedingungen des moralischen Gesetzes, sondern nur Bedingungen des notwendigen Objekts eines durch dieses Gesetz bestimmten Willens. ...Folglich kann und muß ihre Möglichkeit in dieser praktischen Beziehung angenommen werden, ohne sie doch theoretisch zu erkennen und einzusehen. ...Hier ist nun ein, in Vergleichung mit der spekulativen Vernunft, bloß subjektiver Grund des Fürwahrhaltens, der doch einer ebenso reinen, aber praktischen Vernunft objektiv gültig ist, dadurch den Ideen von Gott und Unsterblichkeit vermittelst des Begriffs der Freiheit objektive Realität und Befugnis, ja subjektive Notwendigkeit sie anzunehmen verschafft wird. (Kr.d.p.V., S.5f.)
Der moralische Wille, so hat Kant sein Ideal konstruiert, läßt sich vom kategorischen Imperativ leiten, entsagt also allen Neigungen, Zwecken, kurz: jedem Objekt des Willens. (Siehe Kapitel: Der kategorische Imperativkatimp.htm) Jetzt, lesen wir, braucht dieser negative und leere Wille doch wieder ein Objekt, sonst ist er gar kein Wille; freilich kein wirkliches Objekt, nicht einen Nutzen, den er durch die Tat herbeiführt. In diesem Fall wäre er nämlich, siehe oben, kein moralischer Wille. Die Tugend, die der Verzicht aufs Lohnen ist, muß sich doch lohnen und das Moralische daran besteht nur darin, daß die Verknüpfung von Verzicht und Lohn nicht in die Tat des moralischen Subjekts fällt: Den "verdienten Lohn" kann sich der Tugendhafte nicht holen! Tugend macht zum Glück würdig, aber sie führt es nicht herbei. (siehe: Das höchste Gut, in Kapitel: Vernunft) Zugleich muß sie es herbeiführen, sonst wäre es unvernünftig, tugendhaft zu sein: Hier tritt Gott auf den Plan des Herrn Kant, der Jenseitige spielt die andere Hand, die die Gleichung von Tugend und Glück herstellt und das Glück zur Wirkung der Tugend werden läßt. Der moralische Wahn, daß aus Tugend gehandelt würde, braucht auch noch den Gott, sonst könnte er sich seinen Selbstbetrug nicht abnehmen, bzw. müßte sich gerade wegen der falschen guten Meinung von sich als grund- und zwecklos vorkommen.
Kant ist nahe daran, die Wahrheit auszusprechen: Gott ist das Ideal der Moral. Aber er spricht nicht diese Wahrheit aus: Er schließt nicht von der, sogar für ihn schwer verkraftbaren, Gottesidee auf die Irrationalität ihrer Grundlage, und verwirft mit Gott seinen Grund, die Moral. Kant dreht die Sache um: er, der sogar weiß, daß es den von ihm konstruierten reinen moralischen Willen überhaupt nicht gibt, deduziert erst diesen aus der "höheren Bestimmung in uns", aus Freiheit und der Teilhabe an einer "geistigen Welt", dann nimmt er diesen moralischen Idealismus als gegebene Realität und schließt von ihr auf die Notwendigkeit Gottes: den muß es einfach geben, wenn Sittlichkeit kein leerer Wahn sein soll.
Daß die Philosophie, die auch in der Neuzeit die Magd der Theologie geblieben ist, mit derart brutalen Beweisführungen auch eine ganzes Stück Demontage Gottes zusammengebracht hat, geschah mit Notwendigkeit aber gegen die Absicht: Gott aus seiner Funktion für den Anstand zu beweisen, das mag den Philosophen freuen, einem Gläubigen darf er das nicht erzählen. Der ist nämlich noch nicht so abgebrüht, seine Ideologie bewußt als nützliche Ideologie zu bejahen. Die Selbstverarschung seines Verstandes sieht einfacher aus: er glaubt einfach und hört aus dem Beweisen Gottes immer nur die Beweisbedürftigkeit, das Abhängigmachen des Höchsten von menschlichen Nützlichkeitserwägungen, heraus.
Nach der Tragödie kommt die Farce. Immanuel Kant hat bis hier den unerbittlichen Philosophen traziert, er hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in ihren letzten Zügen - das röchelt, das stöhnt - und der alte Lampe (Kants Diener) steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter Zuschauer, und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesicht. Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: "der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein - der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein - das sagt die praktische vernunft - meinetwegen - so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen". In Folge dieses Arguments unterscheidet Kant zwischen der theoretischen Vernunft und der praktischen Vernunft, und mit dieser, wie mit einem Zauberstäbchen, belebte er wieder den Leichnam des Deismus, den die theoretische Vernunft getötet.
Hat vielleicht Kant die Resurrektion nicht bloß des alten Lampe wegen, sondern auch der Polizei wegen unternommen? Oder hat er wirklich aus Überzeugung gehandelt? Hat er eben dadurch, daß er alle Beweise für das Dasein Gottes zerstörte, uns recht zeigen wollen, wie mißlich es ist, wenn wir nichts von der Existenz Gottes wissen können? (...) Unter der Partei der Vergangenheit waren die eigentlichen guten Christen über jene Greuel (der kantischen Revolution) am wenigsten ungehalten. ...Manche ...gingen in der Selbstverblendung so weit, daß sie sich einbildeten, Kant sei mit ihnen in einem geheimen Einverständnis und habe die bisherigen Beweise für das Dasein Gottes nur deshalb zerstört, damit die Welt einsehe, daß man durch die Vernunft nimmermehr zur Erkenntnis Gottes gelange, und daß man sich also hier an der geoffenbarten Religion halten müsse. (Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, in: Werke (Insel), Ffm 1968, Bd.4, S. 132f.)
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