Da haben wir ihn nun, den schönen kategorischen Imperativ sittlich beste Ware und vernunftmäßig einwandfrei abgeleitet. Nur leider, die Menschen, sie sind nicht so, wie es der Kenner ihrer Vernunftnatur bewiesen hatte. Das irritiert den Philosophen natürlich nicht weiter, weist dem Menschenkenner aber eine weitere Aufgabe zu. Der fleißige Polyhistor muß sich nun auch noch um das Feld der Erziehung kümmern, die wenigstens das Menschengeschlecht der nächsten Generation zu dem machen muß, was es eigentlich schon ist. Nicht die Kommunisten, denen es als absurd-utopisches Bemühen nachgesagt wird, sondern alle Moralisten seit jenem Handwerkersohn aus Nazareth zimmern an dem neuen Menschen. Die Vereldelung des rohen Stoffs, soweit sie nicht wie sonst alles Gute, im Transzendentalen angesiedelt wird, bekommt die Erziehung als Aufgabe zugeschanzt, die erst dadurch aus dem Rang eher banaler Bemühungen in den der höheren, sittlichen und Philosophie-würdigen Objekte aufrückt. Dieser Ausgangspunkt einer philosophischen Erziehungslehre verbürgt einen weder objektiven noch informativen, dafür aber einen vom Interesse an ,,der Vernunft'' und ihrem Wirken getrübten Blick auf dieses Feld. Der so nüchterne Ostpreuße wird in bezug auf das Menschenformen geradezu ekstatisch:
,,Es ist entzückend, sich vorzustellen, daß die menschliche Natur immer besser durch Erziehung werde entwickelt werden, und daß man diese in eine Form bringen kann, die der Menschheit angemessen ist. Dies eröffnet uns den Prospekt zu einem künftigen glücklichenb Menschengeschlechte.'' (Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik, Bd. II, S. 700)
Dazu ist es freilich nötig, daß sich die Philosophie mit ihren Prinzipien in die hintersten Winkel der Kinderstuben begibt, damit dort dann vernunftgerecht gewickelt und gesäugt, unterrichtet und bestraft werde. Die Macht des Begriffs beweist sich dabei gerade darin, daß die höchsten Prinzipien und abstraktesten Ideen auch noch im Kleinsten und Unbedeutendsten Anwendung finden und dort das Richtige und Notwendige vom Vernunftwidrigen zu scheiden befähigen.
Sprichwörtlich gründlich, wie Kant ist, fängt er am Anfang an: Der uralte Brauch, das Kind zu wickeln, entspricht in gar keiner Weise der Idee einer freien Selbstentfaltung des Guten im Menschen:
,,Man wickle aber nur einmal einen großen Menschen ein, und sehe doch, ob er nicht auch schreien, und in Angst und Verzweiflung geraten werde.'' (ebd., S. 716)
Der Philosoph rät zu ,,einer Art Schachtel, die oben mit Riemen bezogen ist'', p. 717. Das läßt der Natur, die man ,,nur nicht stören dürfe'', mehr Raum. Schließlich liegen ,,im Menschen nur Keime zum Guten'', p. 705 natürlich nicht ganz. Da wäre die Mühe der Erziehung ja glatt überflüssig.
Philosophische Grundsätze, so prinzipiell man sie auch nehmen muß, sollte man nie übertreiben. Stets kommt es aufs rechte Maß an, und immer ist das Gegenteil genauso richtig. Für die Nahrungsaufnahme der Kleinen gelten z. B. ganz andere Vernunftgesetze als dann, wenn sie wieder abgegeben wird. Soll der Erzieher im letzteren Fall der Natur ihren Lauf lassen, so ist in ersterem die Selbstzucht und Überwindung natürlicher Trieb das vernunftgemäß Zivilisatorische. Schließlich soll der kleine Hosenscheißer ein moralischer Verantwortungsträger werden und keine Kuh:
,,Was das andere betrifft, daß die Kinder zu allen Zeiten sollen essen können, so kann man hier wohl nicht die Tiere zum Beispiel anführen. Denn, weil z. E. alle Gras fressenden Tiere wenig Nahrhaftes zu sich nehmen, so ist das Fressen bei ihnen ein ordentliches Geschäft. Es ist aber dem Menschen sehr zuträglich, wenn er immer zu einer bestimmten Zeit isset.'' (ebd., S. 727)
Andererseits geht beim Lernen freilich auch wieder vieles von selbst und alle künstlichen Hilfsmittel würden nur störend wirken, wenn ,,es darauf ankommt, daß die natürliche Geschicklichkeit kultiviert werde'', p. 725. Echt praktische Philosophie bietet dem Erzieher klare Handreichungen: Stets soll er entweder die Keime des Guten im Kind sich frei entwickeln lassen oder den Zögling führend biegen und beugen. Eines der beiden Vernunftprinzipien gilt immer man muß nur wissen welches! Beim Schwimmen heißt es z. B.: Finger weg vom Schwimmreifen! Man nehme statt dessen ein Ei:
,,Man lasse in einen Bach, wo, wenn man auf dem Grunde steht, der Kopf wenigstens außer dem Wasser ist, ein Ei herunter. Nun suche man das Ei zu greifen. Indem man sich bückt, kommen die Füße in die Höhe, und, damit das Wasser nicht in den Mund komme, wird man den Kopf schon in den Nacken legen, und so hat man die rechte Stellung, die zum Schwimmen nötig ist.'' (ebd., S. 725)
Hinweg auch mit der Hopsi-Fibel:
,,So wäre es z. B. wohl möglich, daß das Kind von selbst schreiben lernte... Man dürfte nur, z. E. wenn das Kind Brot will, sagen: Kannst du es wohl auch malen? Das Kind würde dann eine ovale Figur malen. Man dürfte ihm dann nur sagen, daß man nun doch nicht wisse, ob es Brot oder einen Stein vorstellen soll: so würde es nachher versuchen das B zu bezeichnen...'' (eb., S. 720)
Viele Kinderspiele sind so weit verbreitet, daß wir philosophisch betrachtet von ihrer Allgemeinheit auf ihre Notwendigkeit schließen und sie als sinnreichen Einfall von Mutter Natur ableiten dürfen. Der Erzieher muß den Kindern diese Spiele unbedingt erlauben:
,,Das Blindekuhspiel der Kinder war schon bei den Griechen bekannt, sie nannten es μυινδα. Überhaupt sind Kinderspiele sehr allgemein. Diejenigen, die man in Deutschland hat, findet man auch in Engelland, Frankreich u.s.w. Es liegt bei ihnen ein gewisser Naturtrieb der Kinder zum Grunde; bei dem Blindekuhspiele z. E. zu sehen, wie sie sich helfen könnten, wenn sie eines Sinnes entbehren müßten.'' (eb., S. 727)
Aber nicht bei allen!
,,Kinder haben gerne Instrumente, die Lärm machen, z. E. Tropetchen, Trommelchen und dergl. Solche taugen aber nichts, weil sie andern dadurch lästig werden.''
Trommeln ist wertlos für die Erziehung der Kinder, denn es stört die Eltern! Beim Flötenspielen ist das wieder anders. Das müssen die Eltern zulassen, weil sich da die Kreativität des Kindes betätigt.
Während aber bei der bloßen ,,Wohlgezogenheit'' die Kleinen ,,die Gründe nicht zu wissen brauchen'' für die Erziehungsmaßnahmen, ist dies bei der moralischen Erziehung anders: ,,Sobald es aber die Pflicht betrifft, so müssen ihnen dieselben bekanntgemacht werden'', p. 753. Anläßlich der erzieherischen Prügelstrafe, die aber nur in Verbindung mit ausführlicher Begründung zur Anwendung kommen darf, entdeckt der moralische Menschenbildner auch wieder das glatte Gegenteil seines hoffnungsfrohen Ausgangspunkts. Aber was soll's! Wenn der Mensch schlecht ist, dann muß eben doch wieder mehr Zucht her, aus Prinzipien deduziert, versteht sich. Gewisse Unarten, die sich bevorzugt in den Jünglingsjahren ausbreiten, ist freilich nur mit vernünftigen Argumenten zu begegnen:
,,Nichts schwächet den Geist wie den Leib des Menschen mehr, als die Art der Wollust, die auf sich selbst gerichtet ist, und sie streitet ganz wider die Natur des Menschen. Aber auch diese muß man dem Jüngling nicht verhehlen. Man muß sie ihm in ihrer ganzen Abscheulichkeit darstellen, ihm sagen, daß er sich dadurch für die Fortpflanzung des Geschlechtes unnütz mache, daß die Leibeskräfte dadurch am allermeisten zu Grunde gerichtet werden, daß er sich dadurch ein frühes Alter zuziehe, und sein Geist sehr dabei leide. usw.'' (eb., S. 759)
Oder ist die Onanie doch naturgewollt und deswegen eine dem Menschen angemessene sinnreiche Einrichtung? In der wenig beachteten Schrift ,,Grundlegung zur Metaphysik der schlechten Sitten'', (Riga, 1781) finden wir p. 387 folgende Ableitung der Onanie:
,,Die Onanie war schon bei den Griechen bekannt, sie nannten sie ονανεια. Überhaupt ist Onanie sehr allgemein. Diejenige, die man in Deutschland hat, findet man auch in Engelland und Frankreich...''
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