Kant hat sein Hauptwerk einer eigenartigen - gleichwohl ungemein bedeutsam befundenen - Frage gewidmet: Er wollte wissen: ,,Wie sind reine Mathematik, reine Naturwissenschaft; wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?''
,,... und was antwortete er eigentlich? Vermöge eines Vermögens: leider aber nicht mit drei Worten, sondern so umständlich, ehrwürdig und mit einem solchen Aufwande von deutschem Tief- und Schnörkelsinne, daß man die lustige niaiserie allemande überhörte, welche in einer solchen Antwort steckt... Aber ist das eine - Antwort? Eine Erklärung? Oder nicht vielmehr nur eine Wiederholung der Frage?'' (Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Nr. 11)
Das Nichtssagende und Tautologische der Erklärung einer Sache aus einem Vermögen dazu ist Nietzsche zurecht aufgefallen. Wie eben alle jenen Erklärungen, die die Aggression aus dem Aggressionstrieb und den Staat aus der staatenbildenden Natur der Menschen ableiten, präsentiert auch eine Erklärung der Erkenntnis aus einem Vermögen dazu denselben Inhalt, der statt dessen zu bestimmen wäre, zweimal: einmal als zu erklärende Sache und das anderemal dasselbe bloße Wort für die noch unbestimmte Sache als ihre fertige Erklärung; mit der Versicherung, sie stecke als Vermögen schon im Menschen drin.
Mag Nietzsche auch die Antwort Kants für eine typisch deutsche Tiefsinnigkeit halten, nicht gemerkt hat er, 1. daß der Fehler schon in der Frage steckt und nicht erst in einer mangelhaften Antwort darauf; daß also auf eine solche Frage eine andere Antwort gar nicht möglich und die Prüfung des Erkenntnisvermögens bei Kant nicht etwa schlecht gemacht, sondern von vornherein ein logischer Unsinn ist. 2. daß dieser Unsinn sich keineswegs in eine deutsche Lächerlichkeit auflöst, sondern eine ideologische Leistung zeitigt, begründet sich in ihm doch jene philosophische, d. h. wissensfeindliche Stellung zum Wissen, die 200 Jahre später jedem Gelehrten geläufig ist.
Auf diese Frage will Kant wegen des schlechten Zustands gestoßen sein, in dem sich seine Fakultät an der Königsberger Universität befand: Die Metaphysik, die Lehre von Gott, der Seele, den Sitten, dem Staat und der Erkenntnis selber, hielt einen Vergleich mit den richtigen Wissenschaften Mathematik und Physik in keiner Hinsicht aus:
,,Der Metaphysik ... ist das Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, daß sie den sicheren Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte... Denn in ihr gerät die Vernunft kontinuierlich ins Stocken, selbst wenn sie diejenigen Gesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt, (wie sie sich anmaßt), a priori einsehen will. In ihr muß man unzählige Male den Weg zurück tun, weil man findet, daß er dahin nicht führt, wo man hin will, und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr ein Kampfplatz ist, der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint, seine Kräfte im Spiegelgefechte zu üben, auf dem noch niemals irgendein Fechter sich auch den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf seinen Sieg einen dauerhaften Besitz gründen können. Es ist also kein Zweifel, daß ihr Verfahren ein bloßes Herumtappen und, was das Schlimmste ist, unter bloßen Begriffen sei.'' (KdrV, B XIVf)
Immerhin: Daß die Gelehrten sich nicht einig sind, daß sie zu keinem Resultat kommen, hält Kant noch für einen untragbaren Zustand einer Wissenschaft und nicht für ein Gütesiegel wie die heutige ,,pluralistische Wissenschaft''. Einmischen in diesen Streit - und das ist die speziell philosophische Unredlichkeit Kants -, durch Studium und Kritik etwaiger Denkfehler seiner Metaphysik-kollegen dem ,,bloßen Herumtappen'' ein Ende machen, das will Kant ausdrücklich nicht. Er nimmt den Streit im Fach und das Fehlen von gesichertem Wissen zum Anlaß, das Thema zu wechseln und grundsätzlich zu werden:
,,Ich verstehe aber hierunter nicht eine Kritik der Bücher und Systeme, sondern die des Vernunftvermögens überhaupt, in Ansehung aller Erkenntnisse, zu denen sie, unabhängig von aller Erfahrung, streben mag, mithin die Entscheidung der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Metaphysik überhaupt und die Bestimmung so wohl der Quellen, als des Umfangs und der Grenzen derselben, alles aber aus Prinzipien.'' (A XIf)
Da streiten sich also welche darüber, ob und warum Herrschaft berechtigt, ob die Seele unsterblich und ob der Wille frei oder determiniert sei - und dann mischt sich Kant ein mit dem herrlichen Vorschlag: ,,Untersuchen wir das Erkenntnisvermögen, ob das überhaupt im Stande ist, eure zweifelsohne bedeutsamen Fragen zu beantworten.''
Fragen nach der Möglichkeit von Debatten, die längst im Gang sind und in denen bekannte und sprachlich mit Namen ausgestattete Gegenstände (richtige oder falsche) Bestimmungen bekommen, solche Fragen zielen auf die Beendigung der Debatten ohne Lösung ihrer strittigen Fragen. Allerdings in eindeutiger Absicht: Die Diagnose, daß der Streit nicht auflösbar ist, soll nicht auf den Streitgegenstand und die Fragestellung zurückfallen. Umgekehrt: Wer zur Vernunftkritik schreitet, der lastet die Widersprüche, in denen sich die Debatte herumtreibt, der Vernunft an und entzieht so den Inhalt der Debatte der Kritik. Ohne Kenntnis über die besprochenen Gegenstände soll allein das Erkenntnisvermögen, noch ehe es sich mit ihnen befaßt, das Entscheidende über sie ausgemacht haben - ,,alles aber aus Prinzipien''!
Der alte philosophische Traum und Sinn-Trieb nach einem Universalschlüssel, der seinem Besitzer alles - das Welträtsel eben - erschließt und sachliche Kenntnisse erspart, kommt seit Kant erkenntnistheoretisch daher: in der Suche nach einem Kriterium der Wahrheit, einer Erkennungsmarke wahrer Gedanken, an der man ihre Richtigkeit und Gültigkeit abprüfen kann, ohne sich auf ihren Inhalt überhaupt einlassen und sie mitdenken zu müssen. Kant meint ihn zu liefern: Er meint, wenn man erst wisse, was man wissen könne, dann weiß man auch, ob das Wissen ist, was die Leute haben, die etwas wissen.
,,Nur allein, wenn diese (Prüfung des Erkenntnisvermögens) zum Grunde liegt, hat man einen sicheren Probierstein, den philosophischen Gehalt alter und neuer Werke in diesem Fache zu schätzen; widrigenfalls beurteilt der unbefugte Geschichtsschreiber und Richter grundlose Behauptungen anderer durch seine eigenen, die ebenso grundlos sind.'' (B 27)
Es ist hier schon zu merken: Es geht um Ettikettierung, um die Frage, ob Wissen heißen dürfe, was wir von Gott, der Seele oder sonst etwas behaupten, mag diese Behauptung sein, was sie will. Und noch etwas anderes: Durch den Themenwechsel hin zum Erkenntnisvermögen ist der Verdacht, mit den Leistungen des Verstandes könnte etwas nicht in Ordnung sein, universalisiert worden. War der Anlaß zu Kants Vernunftkritik noch der Geist der Metaphysik, so ist nun auch die richtige Wissenschaft in die Sphäre dieses Verdachts mit einbezogen. Die Wissenschaft, die innerhalb ihrer Sphäre'' eingestandenermaßen ,,sehr gut fortkommt'' und die sich den neidvollen Blick des Philosophen zugezogen hat - ,,Im Unterschied zu uns können die was!'' -, muß sich vom Philosophen sagen lassen, daß sie dieselbe Vernunft betätigt, die in der anderen Abteilung zu lauter Unsinn führt, und darf sich über folgende Hilfestellung freuen:
,,Allein es gibt doch einen Vorteil, der auch dem schwierigsten und unlustigsten Lehrlinge solcher transzendentalen Nachforschungen begreiflich, und zugleich angelegen gemacht werden kann, nämlich dieser: daß der bloß mit seinem empirischen Verstand beschäftigte Verstand, der über die Quellen seiner eigenen Erkenntnis nicht nachsinnt, zwar sehr gut fortkommen, eines aber gar nicht leisten könne, nämlich, sich selbst die Grenzen seines Gebrauchs zu bestimmen, und zu wissen, was innerhalb und außerhalb seiner ganzen Sphäre liegen mag.'' (B 297)
Von Kant angefangen tritt bis heute die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie mit diesem Gestus an, sie habe ihr Scherflein beizutragen zum Fortschritt der Wissenschaft, durch Klärung der Voraussetzungen und Grundlagen der Wissenschaft - so als ob die fragwürdig wären und nicht erst durch die philosophische Fragestellung ganz grundlos in Zweifel gezogen würden.
Natürlich kann man das wissenschaftliche Denken genauso zum Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis machen, wie den Staat oder die Verdauung. Nur eben nicht als ,,vorhergehende Prüfung des Vermögens oder Unvermögens der Vernunft zu einer so großen Unternehmung'' (B 7), nämlich der Erkenntnis der metaphysischen Gegenstände. Prüfen, ob das überhaupt geht, was man gerade macht, ist eben ein Widerspruch. Wer sollte diese Prüfung denn durchführen? Doch wohl eben dieses Erkenntnisvermögen, dessen Leistungen fragwürdig sein sollten - deshalb ja die Prüfung. Was sollte eine solche Prüfung einer selbst unzuverlässigen Prüfungsinstanz wert sein? Oder umgekehrt: Vertrauen wir auf die Fähigkeit des Erkenntnisvermögens, seine Fähigkeiten objektiv zu prüfen, dann entfällt das ganze Bedürfnis nach Prüfung.
Nach der Seite des zu prüfenden Inhalts tritt derselbe Widerspruch auf. Das unsachliche Hinterfragen von Gedanken, auf deren Inhalt man sich nicht weiter einläßt, zielt auf eine sehr grundsätzliche Frage: Sind Gedanken überhaupt geeignet, die ,,äußere Realität'' zu erkennen, unter welchen Bedingungen und innerhalb welcher Grenzen geht das? Das ist nun eine scholastische Frage, deren Beantwortung unmöglich das Denken übernehmen kann! Selbstverständlich kann man die Wahrheit und Objektivität dieses oder jenes Gedankens in Zweifel ziehen und sein Verhältnis zur Objektivität an seinem Maß, seiner argumentativen Notwendigkeit überprüfen. Wer aber die Frage aufstellt, ob Gedanken überhaupt die Realität zu erfassen vermögen, der tut so, als würde er außer seinem Bewußtsein von der Realität noch anders von ihr Kunde haben: Er tut so, als habe er da einerseits seine Gedanken über die Welt, und wisse andererseits und getrennt von seinem Bewußtsein, wie sie ,,wirklich'' ist, um dann das zu vergleichen, was er im Bewußtsein hat, mit dem, was er nicht im Bewußtsein hat. Eine prinzipielle Inkongruenz der Formen des Denkens und seiner Objekte kann es nicht geben: Denn jede Fehlerhaftigkeit, die sich theoretisch oder praktisch bemerkbar macht, beweist im bemerkten und überwundenen Fehler, daß sie nicht prinzipiell ist. Eine prinzipielle Differenz aber, die sich nie und nirgends bemerkbar macht, ist auch keine! Umgekehrt verhält es sich: Es ist die Frage nach der Tauglichkeit des Denkens zur Erkenntnis, welche die Kluft schafft; nur diese Stellung eines Denkens, das sich von sich unterscheidet, die Fiktion aufmacht, als könnte es aus sich heraustreten, und von da aus seinen Inhalt als bloß den seinen ansehen, schafft mit der Frage die prinzipielle Differenz von innerer und äußerer Realität: Was im Bewußtsein ist, ist nicht das, was das Objekt wirklich ist, und was das Objekt ist, das ist nicht im Bewußtsein.
Mit der billigen Tautologie von der Erkenntnis durchs Erkenntnisvermögen ist schon alles gelaufen. Wer Erkenntnis nicht als Tätigkeit des Geistes bestimmt, die sich die notwendigen Bestimmungen erarbeitet, sondern sie als Äußerung einer Fähigkeit, also als abhängig von einer inneren Ausstattung bestimmt, der hat schon gesagt, warum wir die Dinge als das erkennen, als was wir sie erkennen: Nicht weil sie so sind, sondern wegen unserer nun einmal gegebenen Anlagen. Erkennen ist ein Verfälschen, lautet die Definition, die schon in Kants Fragestellung enthalten ist, und deren ganze Schlauheit sich zeigt, wenn man sie umdreht: Man müßte das Erkennen rückgängig machen, um zu erkennen. Nur durch diese Fragestellung, durch sie aber ganz grundsätzlich, wird die Erkenntnis von ihrem Objekt getrennt:
,,Wir kennen nichts als unsere Art, sie (die Dinge) wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, ob zwar jedem Menschen, zukommen muß.''
,,Was es für eine Bewandnis mit den Gegenständen an sich und abgesondert von aller dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt.'' (B 59)
Eben! Das kann uns deshalb auch gänzlich gleichgültig bleiben! Anders ausgedrückt: Es bleibt dem Denken nichts fremd, was es an den Dingen noch zu wissen gäbe. Kant sagt genau dasselbe genau umgekehrt: Ein leeres Nichts bleibt übrig, wenn wir alle Bestimmungen und Eigenschaften als bloß unsere Gedanken von den Dingen abziehen. Dieses Nichts aber ist eminent wichtig:
,,Gleichwohl ist vielmehr nur die Wortstellung von einem bestimmungslosen, leeren Nichts, das ein wirkliches Etwas, mehr noch, das Eigentliche aller Dinge sein soll. Ohne dieses Nichts ginge auch nicht das Etwas verloren, das erscheint, sondern der bloße Erscheinungscharakter unseres Wissens. Verzichten müßten wir nicht auf die Wirklichkeit, wie Kant sagen will, sondern auf die Vorstellung, daß das, was wir von den Dingen wissen, etwas von ihrer wahren Beschaffenheit ganz Verschiedenes sei. Auf dieses Bewußtsein aber kommt es der ganzen Vernunftkritik alleine an.
Dabei verhält sich dieses ,,kritische'' Selbstbewußtsein zu den Leistungen des Verstandes völlig äußerlich. Kant kritisiert weder die Resultate der Wissenschaft noch den Glauben und die Problemstellungen der Metaphysiker - er gibt vielmehr beiden Abteilungen recht: Die Wissenschaft liegt schon richtig, wenn sie sich daran macht, die Erscheinungen zu erkennen, und daß der Philosoph das Ding an sich für unerkennbar erklärt hat, daran braucht sie sich ausdrücklich nicht zu stören:
,,Wenn die Klagen: Wir sehen das Innere der Dinge gar nicht ein, so viel bedeuten sollen, als, wir begreifen nicht durch den reinen Verstand, was die Dinge, die uns erscheinen, an sich sein mögen: so sind sie ganz unbillig und unvernünftig; denn sie wollen, daß man ohne Sinne doch Dinge erkennen ... könne ... Ins Innere der Natur dringt Beobachtung und Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen, wie weit dieses mit der Zeit gehen werde. Jene transzendentalen Fragen aber, die über die Natur hinausgehen, würden wir bei allem dem doch niemals beantworten können.'' (B 333)
Das macht aber auch nichts!
Der Glaube andererseits liegt auch richtig. Er befaßt sich mit Fragen, die ,,die menschliche Vernunft nicht abweisen kann''. Sein Gegenstand ist von ,,vorzüglicher Wichtigkeit''. Was heißt hier eigentlich kritisch?
Nur für ein von vornherein nicht sachliches, quasi juristisches Interesse an Etikett-Fragen haben die Kantischen Statusprobleme etwas zu bieten: Das kannst Du schon so sehen, ich sehe es ja auch so, aber als Wissen kann man das nicht bezeichen! Das dagegen ist Wissen, aber nur unseres als Menschen, nicht als Mondkühe. Es ist klar, worum es hier geht: ums Dürfen beim Denken und Behaupten! Ums Grenzenziehen und Bezirke errichten, in denen behauptet und in denen nicht behauptet werden darf.
Kants ganze ,,kritische'' Leistung faßt sich zusammen in dem Versuch der Rettung des Glaubens vor der Wissenschaft durch Scheidung der Zuständigkeiten. Dafür soll der Verstand schon tauglich sein, sich im Glauben an das höhere Wesen zu betätigen, aber die Gedanken, die dabei herauskommen, beurteilen, das soll er nicht können dürfen. Das müssen sich die Metaphysiker von Kant sagen lassen: ,,Feine Gegenstände habt ihr! Ihr dürft nur nicht den Versuch unternehmen, eure Gedanken begründen und Wissenschaft vortragen zu wollen. Der scheitert nämlich!'' Und die Wissenschaft muß sich sagen lassen, daß ihr Urteil über Glaubensdinge nicht zusteht. Aber was erschließen wir groß, der Meister hat es im Vorwort doch ausdrücklich gesagt:
,,Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen, und der Dogmatismus der Metaphysik, d. i. das Vorurteil, in ihr ohne Kritik der reinen Vernunft fortzukommen, ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens...'' (B XXX)
Hegels Kritik der Kantischen Erkenntnistheorie ist wohl das brauchbarste Stück Philosophie, das vorliegt. Es macht sich um ihre Abschaffung verdient!
,,Vor der Wissenschaft aber schon über das Erkennen ins Reine kommen wollen, heißt verlangen, daß es außerhalb derselben erörtert werden sollte; außerhalb der Wissenschaft läßt sich dies wenigstens nicht auf wissenschafltiche Weise ... bewerkstelligen.'' (Logik, Bd. I, S. 52f)
Oder umgekehrt:
,,Man soll das Erkenntnisvermögen erkennen, ehe man erkennt; es ist dasselbe wie mit dem Schwimmenwollen, ehe man ins Wasser geht. Die Untersuchung des Erkenntnisvermögens ist selbst erkennend, kann nicht zu dem kommen, zu was es kommen will, weil es selbst dies ist - nicht zu sich kommen, weil es bei sich ist.'' (Vorl. ü. d. Gesch. d. Philos., Bd. II, S. 648)
,,Die kritische Philosophie unterwirft nun den Wert der in der Metaphysik - übrigens auch in den anderen Wissenschaften und im gewöhnlichen Vorstellen - gebrauchten Verstandesbegriffe zunächst der Untersuchung. Diese Kritik geht jedoch nicht auf den Inhalt und das bestimmte Verhältnis dieser Denkbestimmungen selbst ein...''
,,Die kritische Philosophie machte es sich dagegen zur Aufgabe, zu untersuchen, inwieweit überhaupt die Formen des Denkens fähig seien, zur Erkenntnis der Wahrheit zu verhelfen.'' (Enzykl., WW 8, S. 113/114)
,,Inzwischen, wenn die Besorgnis, in Irrtum zu geraten, ein Mißtrauen in die Wissenschaft setzt, welche ohne dergleichen Bedenklichkeiten ans Werk selbst geht und wirklich erkennt, so ist nicht abzusehen, warum nicht umgekehrt ein Mißtrauen in dies Mißtrauen gesetzt und besorgt werden soll, daß diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.'' (Hegel, Phänomenologie des Geistes (Meiner Hbg.), S. 64f)
,,Das Ding an sich ... drückt den Gegenstand aus, insofern von allem, was er für das Bewußtsein ist, von allen Gefühlsbestimmungen wie von allen Gedanken desselben abstrahiert wird. Es ist leicht zu sehen, was übrig bleibt - das völlige Abstraktum, das ganz Leere, bestimmt nur noch als Jenseits; das Negative der Vorstellung, des Gefühls, des bestimmten Denkens u. s. f. Ebenso einfach aber ist die Reflexion, daß dies caput mortuum selbst nur Produkt des Denkens ist, eben des zur reinen Abstraktion fortgegangenen Denkens ... Man muß sich hiernach nur wundern, so oft wiederholt gelesen zu haben, man wisse nicht, was das Ding an sich sei; und es ist nichts leichter, als dies zu wissen.'' (Hegel, WW 8, S. 120f)
,,Es ist darum die größte Inkonsequenz, einerseits zuzugeben, daß der Verstand nur Erscheinungen erkennt, und andererseits dies Erkennen als etwas Absolutes zu behaupten, indem man sagt: das Erkennen könne nicht weiter, dies sei die natürliche, absolute Schranke des menschlichen Wissens... Als Schranke, Mangel wird etwas nur gewußt, ja empfunden, indem man zugleich darüber hinaus ist.'' (Hegel WW 8, S. 143f)
Hegel fiel auf,
,,... daß die Kantische Philosophie auf die Behandlung der Wissenschaften keinen Einfluß hat haben können. Sie läßt die Kategorien und die Methode des gewöhnlichen Erkennens ganz unangefochten. Wenn in wissenschaftlichen Schriften damaliger Zeit zuweilen der Anlauf mit Sätzen der Kantischen Philosophie genommen ist, so zeigt sich im Verfolge der Abhandlungen selbst, daß jene Sätze nur ein überflüssiger Zierat waren und derselbe empirische Inhalt aufgetreten wäre, wenn jene etlichen ersten Blätter weggelassen worden wären.'' (Hegel, WW 8, S. 144f)
© Online-Version GegenStandpunkt Verlag 2004
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