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Kritik bürgerlicher Wissenschaft

Immanuel Kant
Königsberger Klöpse


Einleitung

Kant ist ein Muß für Philosophen. Kein Studium ohne wenigstens eine Hauptvorlesung über ihn, keine Prüfung, keine Examensarbeit ohne reichliches Erwähnen des Königsbergers. Kant ist, wenigstens im deutschen Sprachraum, der unüberholbare Klassiker der modernen Philosophie. Andere wurden Ausgangspunkt von eigenen und umstrittenen Philosophen-Schulen - wie Hegel und Nietzsche, Carnap und Heidegger; Kant begründete die bürgerliche Philosophie, auf ihn können sich alle berufen, mögen sie sich auch untereinander wenig zu sagen haben: antimetaphysisch orientierte Vertreter der "analytischen Philosophie und Wissenschaftstheorie" genauso wie Metaphysiker und moderne Transzendentalphilosophen, Anhänger der "linken" "kritischen Theorie" wie "positivistische" Popperianer: In der Nachfolge Kants wollen sie alle stehen; am meisten natürlich die Ethiker, die um den kategorischen Imperativ überhaupt nicht mehr herumkommen.

Kant steht noch heute für die Einheit des Fachs, dessen modernes Verständnis er begründet und dem er das Terrain gesichert hatte: er brachte die "Aufklärung" zu ihrem reaktionären Abschluß, indem er die revolutionäre Auflehnung des Verstandes gegen die unbegründete Autorität von Kaiser und Gott um eine Kritik des Verstandes und seiner Autorität ergänzte. Im Zeitalter der aufstrebenden Wissenschaft, die der philosophischen Spekulation immer mehr Gegenstände entzog, etablierte Kant die Philosophie als ein eigenständiges Feld, das haargenau zwischen Glauben und Wissen angesiedelt sein sollte - als ob dazwischen Platz wäre! Philosophie ist seitdem weder das eine noch das andere, bezieht Existenzrecht und Auftrag aber daraus, daß sie die Kriterien des einen Feldes immerzu nur negativ gegen das andere geltend macht. Sie will der rationale Irrationalismus sein, der Wissen als menschliche Hybris verurteilt und am Glauben die Rationalistät vermißt.

Kritisch gerichtet ist diese Philosophie gegen die "Anmaßungen" von Verstand und Vernunft überhaupt und damit gegen keine bestimmte Meinung und keinen einzigen Gehalt mehr, den sich die mit Verstand begabten Menschen so zusammenspinnen. Dadurch hat das Wort Kritik den Ruch von Intoleranz und Opposition verloren und ungemein an Beliebtheit gewonnen - bei den brävsten und friedfertigsten Zeitgenossen. Seitdem ist Philosophie grundsätzlich und überhaupt kritisch, und niemand verwechselt das mehr mit einem Beharren auf Wissen oder einem Ausräumen von Irrtümern. Dank Kant ist Kritik ein Synonym für das metaphysische Hinterfragen der Erkenntnisobjekte auf Bedingung und Möglichkeit geworden. Dieses hat er zu einer grundsätzlichen Argumentationstechnik ausgebaut, die nichts mehr gelten läßt, ohne doch irgendetwas zu bestreiten; die umgekehrt nichts kritisiert, aber auch für nichts eintritt. Kant macht keine Gottesbeweise mehr, sondern vertritt, daß man die Existenz Gottes weder beweisen noch widerlegen könne; er nimmt sich den Streit um Freiheit oder Determination des Willens vor, greift aber nicht mit einer Beurteilung der Positionen in den Streit ein, mit einem Vorschlag, wie man beide gelten lassen könnte. Ebenso verfährt er mit dem erkenntnistheoretischen Gegensatz von Idealismus und Empirismus: er bringt beide Seiten unter einen Hut, indem er ihnen auf verschiedenen Ebenen, also auch nur bedingt recht gibt. Es ist diese Ersetzung von Erklärung durch Statuszuweisung, von Kritik durch Distanz, welche die Kantische Philosophie so reflektiert, unangreifbar und ihren Vorgängern gegenüber so überlegen erscheinen läßt. Der erste Methodologe hat die Reinigung des Denkens vom Sachhaltigen und damit den Erfolgsweg der Philosophie eingeleitet, der erst heute so richtig zu Ende geführt ist.

Mit diesem Verfahren ist bei Kant zuerst selbstbewußt Zweck und Trieb der Philosophie ausgedrückt, mögen die Früheren unbewußt und unter Verwechslung mit Sachfragen auch dasselbe verfolgt haben: Versöhnung. Kant wälzt das Problem der Vereinbarkeit vorausgesetzter und als solcher für sich schon anerkannter, freilich widersprechender Ideen: Glaube und Wissen, Materialismus und Moral, Glück und Tugend, Determinismus und Freiheit, Individualität und Herrschaft - gehen die zusammen? Und Wie? Er verlegt Geleise, damit sich die widersprechenden Ideen nicht in die Quere kommen, und stiftet mit seinem Ressortdenken Frieden zwischen den notwendigen Widersprüchen des bürgerlichen Weltbildes: Streit-Vermeidung! Auch darin war Kant der erste Methodologe.

Jeder kennt Kant, auch wenn er ihn nie gelesen hat. Seine Lehren gelten - und zwar so unangefochten, daß sie zu Sinnsprüchen des Bildungsguts herabgesunken, vielmehr aufgestiegen sind. Politiker schmücken sich mit dem kategorischen Imperativ. Daß man das Ding-an-sich nicht zu fassen kriegt, ist allgemein geläufig ebenso, daß der ewige Frieden schon schön wäre, und Gott bloß eine Idee ist, aber ein notwendige. "Was du nicht willst, daß man dir tu', ..." lernen wir schon in der Kinderschule. Der Begründer der modernen Philosophie hat diese und noch mehr "Wahrheiten" in einem doppelten Sinn abgehakt: Einerseits lieferte er die Begründung alles Falschen, was Philosophie ist. Dies existiert nun als Bildungsschatz des Volkes und als Regal in der Bibliothek, wo nachlesen kann, wer will. Das freilich - die andere Seite von Kants Erledigung der Fragen - wollen gar nicht so viele. Kants Philosophie ist der unbezweifelte Kanon des Faches und, gerade weil ihr Geist verstanden wird, braucht sich der Gebildete durch ihre "tief- und schnörkelsinnigen" Beweisführungen nicht mehr unbedingt durchzubeißen und kann sich an die geläufigen Sprachdenkmäler halten. Vom Standpunkt der durchgesetzten Methodologisierung des Denkens, also vom Standpunkt des Resultats aus, erscheinen Kants Bemühungen zu den damals kursierenden Ideen eine methodische Stellung zu finden, nämlich unnötig umständlich.

Der wichtigste Philosoph der Neuzeit hat nicht übermäßig viele Leser. Gelesen zu werden ist auch gar nicht so wichtig für die Rolle, die ein Klassiker heute im akademiscchen Leben spielt: Er ist Berufungsinstanz.

Die kritischen Selbst-Denker von heute sind so stolz auf ihre aufklärerische und antiautoritäre Tradition, daß sie sich ungeniert auf die aufklärerischen Autoritäten berufen; Kant ist ein ganz Großer unter den Säulenheiligen, die das Fach des Zweifels und des kritischen Hinterfragens verehrt. Daß ein Buch oder Gedanke schon älter ist und im Lauf der Zeit manchen Anhänger fand, gilt da - ganz wie im Fall der von Philosophen verabscheuten Bibelgläubigkeit - als Wahrheitsbeweis: Millionen Fliegen können sich nicht irren! Und wenn im Fach nur Dummheiten Tradition haben? Wenn die Gedanken der großen Autoritäten geradeso wenig taugen wie die ihrer bescheidenen Nachbeter?

So bescheiden freilich sind die gar nicht, wenn sie mit entsprechenden Zitatstellen der Alten die Weisheit ihrer Elaborate belegen möchten: Die schiere Existenz neuer Thesen und Schriften verweist darauf, daß eben doch nicht so ganz dasselbe wie bei Kant vertreten werden soll - sonst hätte man es ja gleich bei seinen Büchern belassen können. Das beliebte Belegverfahren, das richtiggehend an die Stelle des Arguments getreten ist, ist nicht nur untauglich, sondern auch unehrlich: Vielleicht nicht gleich Wahrheit, aber doch Dignität und philosophisches Gewicht soll Kant gewissen Fragestellungen und Antworten verleihen, die ganz bestimmt nicht die seinen waren.

Die modernen Ausschlächter bemerken das auch noch und schreiten endgültig zur Unkenntlichmachung der alten Gedankengänge fort. Sie sind sich unverschämt sicher, daß Kant damals schon eigentlich sagen wollte, was sie heute aus ihm machen, wenn er nur gekonnt hätte und nicht in der "eben doch spekulativen und objektivistischen Redeweise seiner Zeit befangen" gewesen wäre. Ja hätte er erst die "Rafinessen der Sprachkritik rezipiert", die seine "Vernunftkritik im 20.Jahrhundert radikalisierte", ...- aber das kann man ihm natürlich nicht vorwerfen. Der moderne Philosoph unterschiebt der alten Autorität seine heutige Meinung als das, was der - bornierte - Alte eigentlich hätte sagen wollen: Stößt diese sogenannte "Rekonstruktion Kants" auf Stellen, die dem Rekonstrukteur nicht in den Kram passen, dann entnimmt er diesen nicht etwa das Unrecht seiner Konstruktion und, daß Kant eben doch etwas anderes sagen wollte, er ist so frei und hält diese Stellen dann für schlicht unverständlich: "nicht rekonstruierbar". Daß damit die Autorität keine mehr und das ganze Berufungsverfahren witzlos geworden ist, stört sie weiter gar nicht.

Nicht, daß Kant so viel Wissens- und Bewahrenswertes hinterlassen hätte, daß sein Werk zu schade dafür wäre, als Steinbruch philosophischer Traditionspflege mißbraucht zu werden. Irgendwie sind sogar die modernen Verballhornungen in seinem Geist. Ärgerlich ist nur die Technik einer Disziplin, die große Leiche einerseits am Leben zu erhalten, sich dann aber doch nicht prüfend und verteidigend um Kants Gedanken zu kümmern. Jeder beruft sich auf Kant - Kantianer im engeren Sinn wollen die Freigeister dann doch nicht sein. Einfach seine Lehre zu vertreten kommt für moderne Philosophen ebensowenig in Frage, wie ihn einfach falsch zu finden, wegzulegen und zu vergessen.

Dieses Büchlein geht den umgekehrten Weg: Es will Kants Anliegen und Gedanken nicht benutzen, sondern prüfend zur Kenntnis nehmen, um ihn dann wohlbegründet und endgültig ins Eck zu feuern.


© Online-Version GegenStandpunkt Verlag 2004
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