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Kritik bürgerlicher Wissenschaft

Immanuel Kant
Königsberger Klöpse


,,Bedingung der Möglichkeit'' –
Ein unter Denkmalschutz stehender Fehler

Die Kombination zweier unschuldiger logischer Kategorien zu einem wahren Allzweckinstrument ideologischen Denkens hat den "sicheren Gang der Wissenschaft", den Kant losgetreten hatte, schwer befördert. Das Instrument erfreut sich bis heute ausgiebigen Gebrauchs.

Diesen hat Kant den Späteren konsequent vorgelebt: Was immer er sich vornahm, Mathematik oder Moral, Gott, die Erkenntnis oder den ewigen Frieden, stets interessierte er sich für deren Möglichkeit und die Bedingung dieser Möglichkeit. Er hielt das für eine Erklärung.

"Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, daß ich seine Möglichkeit (sei es nach dem Zeugnis der Erfahrung aus seiner Wirklichkeit, oder a priori durch Vernunft) beweisen könne." (Kr.d.r.V., S. B XXVI, Fußnote.)

1. Möglichkeit und Wirklichkeit: Chancen sind keine Tore!

"Wie ist reine Mathematik möglich? Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? Von diesen Wissenschaften, da sie wirklich gegeben sind, läßt sich wohl geziemend fragen: wie sie möglich sind; denn daß sie möglich sein müssen, wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen." (Kr.d.r.V., S. B 20.)

Man sollte meinen, daß es ein absurdes Unternehmen sei, von als wirklich gewußten Dingen die Möglichkeit aufzeigen zu wollen, da diese, wie Kant selbst sagt, durch ihre Wirklichkeit allemal bewiesen ist: Was wirklich ist, ist jedenfalls möglich! Kant aber meint das Entscheidende über eine Sache zu wissen, wenn er sich vergegenwärtigt, wie und wodurch sie möglich (geworden) ist. Die Möglichkeit, die gegen die Wirklichkeit einer Sache abstraktere und unbestimmtere Bestimmung [ 1 ] - denn es ist so manches möglich und darum noch lange nicht wirklich - erscheint Kant als die notwendigere, ja als die tatsächliche Voraussetzung der Wirklichkeit, die auf jeden Fall erfüllt sein muß, soll es die Sache geben. Die Möglichkeit wird gedacht als die logische Verfassung der Sache außerhalb ihres faktischen Daseins, die darüber entscheidet, ob sie in die Welt treten kann.

Das Interesse, dem sich das Aufsuchen der Möglichkeit, sogar von als wirklich gewußten Objekten, verdankt, ist grundverschieden von dem einer Erklärung, auch wenn Kant beides für dasselbe hält, ja sich Erklären gar nicht anders vorstellen kann. Nicht, wie eine Sache möglich; wie sie wirklich ist, wäre die wisssenschaftliche Frage. Wer sich stattdessen für ihre Möglichkeit interessiert, um herauszufinden, ob und wodurch sie wirklich ist, kommt auf Eigenart und Inhalt dieser Sache nie mehr zu sprechen. Erklärt werden soll dann nicht die Sache und ihr Begriff, sondern ihre Wirklichkeit: also gilt bei diesem "Erklären" die Existenz der Sache als das Fragwürdige und Problematische. Diese, von der als Gewißheit ausgegangen worden war, wird durch die Fragstellung zum Problem erhoben: Was vor der Erklärung zweifelsfrei war, wird durch sie problematisiert. Wenn Kant fragt: " Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?" dann ist es ihm zum Rätsel geworden, wie es so etwas geben kann, und jeder hört das große "Obwohl" heraus, das damit ebenso ausgesprochen ist, wie es - dies die Aufgabe der Erklärung - wieder aus dem Weg geräumt werden soll. Weil ein solches Erklären die Wirklichkeit der Sache ignoriert, tut es so, als müßte es diese durch ein Gedankenexperiment erst noch einmal entstehen lassen.

Wenn so eine wirkliche Sache durch die Fragestellung zur bloß möglichen zurückgenommen wird, so wird dadurch die Sache, an die gedacht wird, als bloß gedachte behauptet: als subjektive Idee, deren Realitätsgehalt und -Verträglichkeit einer Prüfung unterzogen werden soll. Sogar wenn Kant von der wirklichen Naturwissenschaft redet und deren Möglichkeit einer Realitätstauglichkeits-Prüfung unterziehen will, qualifiziert er seinen Gegenstand zur bloßen Idee, die nicht objektiver ist als die Idee Gottes. Und tatsächlich, dem Inhalt nach genommen, befaßt sich Kant gar nicht mit der wirklichen Natrurwissenschaft, wenn er sich fragt, wie eine "reine" möglich sei. Mit dieser reinen, vom Stoff getrennten, a priorischen Naturwissenschaft, die erkennt ohne ein Objekt zu erkennen, hat er sich erstens einen falschen Begriff von derselben gemacht; zweitens merkt er dies noch in der Weise, daß ihm die Realität seines Konstrukts zum Problem und Rätsel wird; drittens aber geht seine kritische Prüfung nun nicht auf den Gehalt seiner Vorstellung von Wissenschaft, sondern auf deren mögliche Realitätsverträglichkeit; - eine Prüfung, die den Charakter des Subjektiven und bloß Möglichen einer solchen Idee von Wissenschaft ausdrücklich nie mehr überwindet.

Das Reflektieren über Möglichkeit und Wirklichkeit ist eine Technik des idealistischen Spekulierens. Stets wird da parteiisch von einem Sollen aus geurteilt. Die Frage: "Wie ist Metaphysik als Wissenschaft, wie ein kategorischer Imperativ möglich?" unterstellt, daß beides sein soll, wenn es nur zu haben ist. Nicht, was ein kategorischer Imperativ, und ob ein solcher überhaupt vernünftig ist, sondern lediglich, ob er möglich ist, will der Moralfan Kant wissen. Das gibt seinem ganzen, groß angelegten Gerichtsverfahren zur Entscheidung der berechtigten Ansprüche der Vernunft und der Gebotenheit der Sitten einen Anstrich von Spiegelfechterei [ 2 ] : Das eigenartige Vernunftgericht will erkunden, ob das, was alle Menschen guten bürgerlichen Willens ohnehin für wahr, richtig oder erhaben halten - von dessen Wert sie also aus anderen Gründen überzeugt sind -, ob es das auch geben kann. Ob sie an das Gute, an welches sie glauben, realistischer Weise auch glauben dürfen. Kants Prüfabsicht bezieht sich auf die intellektuelle Verantwortbarkeit gewußter Idealismen: ob der Glaube an Gott, Freiheit und Unsterblichkeit nicht vielleicht doch reiner Selbstbetrug und vernunftwidrig sei. Dabei zielt er nicht auf den Beweis der Vernünftigkeit, sondern auf den der Vereinbarkeit dieser Ideale mit der Realität: daß sie "nicht bloße Hirngespinste" und "chimärische Ideen ohne Wahheit" sein müssen, will er zeigen. Mag auch niemals wirklich aus Moral gehandelt, mag auch immer irgendwo Krieg geführt werden, Moral und ewiger Friede sind nicht notwendig unwirklich - sondern halt möglich!

2. Möglichkeitsprüfung I : Widerspruchsfreiheit

Wer vom Beweisen nicht mehr verlangt, als daß die Möglichkeit von etwas dargetan werden soll, der ist mit wenig zufrieden zu stellen. Dafür, daß eine Sache nicht wirklich, sondern nur nicht unmöglich ist, ist nur verlangt, daß sie sich nicht selbst widerspricht. Das aber ist nur scheinbar ein ziemlich weit gefaßtes Kriterium, tatsächlich nämlich ist es gar keines: Jeden, noch so widersprüchlichen Inhalt kann man sich so zurechtdenken, daß er möglich erscheint:

" ... so ist die Regel (für die Möglichkeit einer Sache) nur, daß etwas sich in sich nicht widerspreche, und so ist alles möglich. ... Von der Möglichkeit pflegt überhaupt gesagt zu werden, daß dieselbe in der Denkbarkeit bestehe. Unter dem Denken wird aber hier nur das Auffassen eines Inhalts in der Form der abstrakten Identität verstanden. Da nun aller Inhalt in diese Form gebracht werden kann, und dazu nur gehört, daß derselbe von den Beziehungen, worin derselbe steht, getrennt wird, so kann auch das Absurdeste und Widersinnigste als möglich betrachtet werden. Es ist möglich, daß heute abend der Mond auf die Erde fällt, denn der Mond ist ein von der Erde getrennter Körper und kann deshalb so gut herunterfallen wie ein Stein. ...Es ist möglich, daß der türkische Kaiser Papst wird ..." (Hegel, Enzyklopädie der Wissenschaften, Bd.1, WW 8, S. 282f))

Man braucht nur die Gründe wegzulassen, warum der Mond nicht auf die Erde fällt, schon ist es möglich, daß er auf die Erde fällt. Ein kategorischer Imperativ ist möglich, wenn man bei der Betrachtung des Willens alles wegläßt, was der Annahme eines Willens, der nichts erreichen will, widerspricht...usw. Mit der Aussage, daß dies möglich sei, ist eben gar nichts gesagt.

3. Möglichkeitsprüfung II: Die Bedingung der Möglichkeit

Der Wille zur Versöhnung des Verstandes mit den diversen moralischen, religiösen und erkenntnistheoretischen Idealismen wird vom erfolgreich durchgeführten Möglichkeitsbeweis auch wieder enttäuscht. Als nur möglich, lediglich denkbar sind die Ideale dann doch bloß die Hirngespinste, die sie nicht sein sollten. Nicht der Fehler der Kategorie "Möglichkeit", nur das Billige derselben wird von Kant bemerkt und zwar als angebliche Ergänzungsbedürftigkeit.

"Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, daß ich seine Möglichkeit (...) beweisen könne. Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst widerspreche, d.i. wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke ist ... Um einem solchen Begriffe aber objektive Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloß die logische) beizulegen, dazu wird etwas mehr erfordert." (Kr.d.r.V., S. B XXVI, Fußnote.)

Kant kümmert sich also nun auch noch um die Wirklichkeit der Möglichkeit: Nicht eine bloß gedachte, nur eine wirklich gegebene, reale Möglichkeit kann die (mögliche) Realität der gedachten Ideen verbürgen. Fragt die "logische" Möglichkeit einer Sache nach ihrer Widerspruchsfreiheit in Bezug auf sich selbst, so die reale Möglichkeit nach der Widerspruchsfreiheit in Bezug auf den Rest der Welt: als Bedingungen müssen die Verhältnisse und Beziehungen, in denen die Sache steht, ihr Dasein erlauben; die reale Möglichkeit ist dasselbe wie Bedingung: sie ist die daseiende Möglichkeit von etwas anderem [ 3 ] , die zwar vorhanden sein muß, soll es die andere Sache geben, die aber diese andere Sache noch lange nicht hervorbringt. Wenn die Bedingungen der Möglichkeit vorhanden sind, dann ist die Sache wirklich möglich sonst aber nichts! Mit dieser Sorte Beweisen kommt Kant einerseits um keinen Schritt weiter.

Andererseits entsteht durch die Verdopplung der Möglichkeit in die logische und die wirkliche der Eindruck, bei der Bestimmung der zweiten handle es sich überhaupt um etwas anderes als bei der ersten, und zwar um einen Fortschritt vom bloßen Ausdenken zum Realismus. Beide Unterschiede gibt es gar nicht: die Deduktion der Bedingungen der Möglichkeit ist nichts anderes als die Durchführung des schon für die sogenannte logische Möglichkeit erforderten Programms, die jeweilige Idee widerspruchsfrei zu denken. Das Abstrahieren vom Widerspruch einer Idee, damit ich sie für möglich halten kann, wird nur ausdrücklich gemacht, wenn dieses Wegfallen des Widersprechenden als "Bedingung der Möglichkeit" formuliert wird: Soll als möglich gedacht werden, daß der Mond auf die Erde fällt, muß nur der Ausfall der Gravitation anderer Himmelskörper als der Erde auf den Mond als Bedingung dieser Möglichkeit postuliert werden. (Wie es um die Möglichkeit dieses Ausfallens bestellt ist, eröffnet natürlich eine weitere Untersuchung eben dieses Kalibers!) Soll ein kategorischer Imperativ möglich sein, muß Kant den freien Willen als die Fähigkeit zum Verzicht voraussetzen; soll der Widerspruch einer Erkenntnis der Objektivität durch die Anwendung a priori eingeborener Ideen auf das Material in Ordnung gehen, dann ist die Bedingung dieser Möglichkeit, daß das Subjekt es ohnehin nie mit der Objektivität zu tun kriegt, sondern sein Material von vornherein sein eigenes Konstrukt ist.

Kant macht ernst mit der philosophischen Karikatur auf die Notwendigkeit im Denken und das Zwingende des Schließens: Er denkt nicht: Weil es das und das gibt, deswegen - Konsequenz - muß es auch etwas anderes geben. Sondern umgekehrt: Die Bedingung muß es geben, damit es mein schönes Ideal geben kann. Konsequent wie die Logik erfindet er sich zu einem seiner Ideale etwas ebenso Erfundenes als Bedingung der Möglichkeit hinzu und für diese Bedingung wiederum die Bedingung ihrer Möglichkeit. Aus Konsequenz konstruiert er eine zweite Welt und kommt immer weiter von der Realität weg.

Man kann es aber auch umgekehrt ausdrücken: Die Realität spielt in dieser Technik des Idealismus schon eine Rolle: sie kommt in den Blick niemals als das, was sie wirklich ist, und was aus ihren Bestimmungen notwendig folgt, sondern stets als Bedingung für etwas anderes, für Kants Ideale eben; sie wird in Bezug gesetzt zu moralischen und sonstigen Einbildungen, die sie nichts angehen, und das paradoxe Urteil über die Realität heißt, sie sei Ermöglichung. So wird nicht nur die betrachtete Sache (z.B. die Naturwissenschaft) durch die Frage nach ihrer Möglichkeit von einer wirklichen zur bloß möglichen zurückgenommen, auch der Rest der Welt, der für anderes als Bedingung dieser Möglichkeit fungieren soll, wird als Möglichkeit genommen und um seine Wirklichkeit, sowie ihre notwendigen Eigenschaften und Konsequenzen gebracht.

Kants Argumentationsweise mit der Bedingung der Möglichkeit ist ebenso bescheiden, wie rücksichtslos: Wenn ich, sagt er, meine Idee nur als denkbare und die Wirklichkeit bloß als Möglichkeit und Voraussetzung betrachte, brauchen sich beide Seiten nicht notwendig zu widersprechen. Daß ich mit meiner Idee etwas Wirkliches treffe, will ich gar nicht behaupten, aber soviel schon: Ich brauche mir von der Welt meine Ideen nicht nehmen zu lassen!

4. Die Allzweckwaffe

Kant selbst führt vor, daß man mit der "Bedingung der Möglichkeit" alles "beweisen" kann; sein ganzes Werk ist die Anwendung dieser Gedankenform: Wenn man sich erst einmal entschlossen hat, nichts mehr als das zunehmen, was es ist, sondern vielmehr alles in Beziehung zu anderen zu setzen, es als Ermöglichung und Ermöglichtest, als Abhängiges und als Voraussetzung zu betrachten, dann kann alles für alles "wichtig", ja unverzichtbar werden.

a) Die Betrachtungsweise zeigt, nicht weil es so ist, sondern weil es so angeschaut wird, als abhängig und unselbständig: Sie lehrt die Relativität der betrachteten Sache, und damit ihre durch die Bedingung eingeschränkte Geltung: Wir erkennen, wie wir erkennen vermöge der Bedingung unseres Erkenntnisvermögens! Deshalb erkennen wird nichts so, wie es ist, sondern nur so, wie das Erkenntnisvermögen es uns ermöglicht.

b) Die Bedingungslogik, das Ohne-Nicht-Denken, erlaubt die Umkehrung von Wesentlichem und Unwesentlichem, denn wenn das Wesentliche von einer Bedingung abhängt, ohne die es nicht möglich wäre, dann ist eigentlich die Bedingung, die noch nicht die Sache ist, das Wichtigste an der Sache: Daß die moralische Pflicht, Verantwortung und Schuld Freiheit des Willens voraussetzt, hat Kant dazu animiert, diese Bedingung für die Selbstbeherrschung des Subjekts gleich zum Wesen des Moralischen überhaupt aufzupeppen und die Moral als die notwendige Verwirklichungsform der Willenfreiheit zu deuten.

c) Dieser Technik der Umkehrung ins Gegenteil bedient sich Kant besonders, wenn es um sein philosophisches Versöhnungswerk zu tun ist: Mit dem "Ohne-Nicht" schließt er vorwärts und rückwärts all das zuusammen, was französische und englische Aufklärer kritisch in polemische gegensätze gestellt hatten. Kant richtet sich damit an alle Parteien des Streits, beweist - wie gehabt - gar nichts, aber verweist jede, der eine der gegensätzlichen Auffassungen am herzen liegt, per "Bedingung der Möglichkeit" auf ihr Gegenteil. Gegen die Pfaffen macht Kant den Verstandesmenschen: Ihr wollt den Glauben an Gott verbindlich mahcen? - Das könnt und dürft ihr nur, wenn ihr Gott als ein Ideal der allen zugänglichen Vernunft deutet! Gegen die antiklerikalen Aufklärer macht Kant den Betbruder: Säkularisiert und selbst wollt ihr die Dinge erkennen? - Bedingung dafür aber ist die regulative Idee eines höchsten Wesens! Ihr wollt keinem Herrn mehr dienen? - Bedingung der Freiheit ist der Gehorsam gegenüber selbstauferlegten Gesetzen!

Es sticht ins Auge, warum die logische Kategorie der Bedingung der Möglichkeit eine so glänzende Karriere machen mußte.


[ 1 ] Siehe dazu Hegel: Die Möglichkeit ist "die Reflexion-in-sich, welche als der konkreten Einheit des Wirklichen gegenüber, als die abstraktere und unwesentliche Wesentlichkeit gesetzt ist. Die Möglichkeit ist das Wesentliche zur Wirklichkeit, aber so, daß sie zugleich nur Möglichkeit sei." Enzyklopädie der Wissenschaften, Bd.1, WW 8, S.281.

[ 2 ] Ein herrliches Beispiel dieser Spiegelfechterei bietet Kant in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten, wo er von der faktischen Moralgesinnung seiner Zeigenossen ausgeht, dann nach ihrer Möglichkeit fragt und die Antwort in seinem Ausgangspunkt immer schon hat. Nach ca. 100 Seiten resümiert er seine argumentative Leistung:
"Wie ein solcher synthetischer Satz a priori (der kategorische Imperativ) möglich und warum er notwendig sei, ist eine Aufgabe, deren Auflösung nicht mehr binnen den Grenzen der Metaphysik der Sitten liegt, auch haben wir seine Wahrheit hier nicht behauptet, vielweniger vorgegeben, einen Beweis derselben in unserer Gewalt zu haben. Wir zeigten nur durch die Entwicklung des einmal allgemein im Schwange gehenden Begriffs der Sittlichkeit: daß eine Autonomie des Willens demselben, unvermeidlicher Weise anhänge, oder vielmehr zum Grunde liege. Wer also Sittlichkeit für etwas und nicht für eine chimärische Idee ohne Wahrheit hält, muß das angeführte Prinzip derselben zugleich einräumen. Dieser Abschnitt war also, wie der erste, bloß analytisch." (Grundlegung, S. B 96.)
Freilich, wenn der Abschnitt analytisch war und bloß den verbreiteten Begriff der Sittlichkeit auslegte, dann muß diese Worterklärung nicht nur "wer Sittlichkeit nicht für eine chimärische Idee hält", einräumen. Für sein Publikum will Kant schon mehr geleistet haben als eine Auslegung der Bedeutung von "moralischer Pflicht" - und es ist mehr durch den Appell an den Willen des Lesers zur Moral. Für diesen Willen soll die "Grundlegung" schon eine Art Ableitung sein. Diesem Willen freilich bräuchte Kant weder die Notwendigkeit, noch die Möglichkeit der Moral beweisen.

[ 3 ] Siehe dazu Hegel:
"Die formelle Möglichkeit ist die Reflexion-in-sich nur als die abstrakte Identität, daß etwas sich in sich nicht widerspreche. Insofern man sich aber auf die Bestimmungen, Umstände, Bedingungen einer Sache einläßt, um daraus ihre Möglichkeit zu erkennen, bleibt man nicht mehr bei der formellen stehen, sondern betrachtet die reale Möglichkeit.
Diese reale Möglichkeit ist selbst unmittelbare Existenz ... Diese Wirklichkeit, welche die Möglichkeit einer Sache ausmacht, ist daher nicht ihre eigne Möglichkeit, sondern das Ansichsein eines anderen Wirklichen ...So macht die reale Möglichkeit das Ganze von Bedingungen aus."
(Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. II, S. 176f.)


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