Und das hat er furchtbar gerne! Antinomien und Paradoxien werden sehr geschätzt und sind Gegenstände im philosophischen Ausbildungsprogramm. Mögen sich heutige Geister, die sich stets an die Differenz von Objekt- und Metasprache erinnern müssen, über Sätze wie: ,,Grün ist aber selber nicht grün'' verwirren, ewiglich danken sie ihrem Kant den Ernst und die beweisende Strenge, mit denen er gezeigt haben will, daß das Denken sich gerade in den großen Menschheitsfragen in Widersprüche verstrickt, die sich keinem vermeidbaren Fehler verdanken.
Daß sich das Denken gerade ohne Irrtum ad absurdum führt, daß man alles, also nichts und jederzeit auch das Gegenteil beweisen kann, ist nämlich die moderne Form des Gottesbeweises: die negative! Nicht daß es dieses herrliche höchste Wesen geben muß, traut sich die mit Kant beginnende Moderne noch zu vertreten, sondern daß aufs Denken jedenfalls kein Verlaß ist, ihm Demut geziemt und Gewißheit nur durch Wertentscheidungen und Glauben dem Menschen gesichert werden kann.
Deshalb gibt es zu den Antinomien sei es nun Zenons Frage, ob Achilles je die Schildkröte wird überholen können, oder Kants Problem, ob die Materie endlich oder endlos teilbar sei nur eine Stellung: Sie sind als Dokumente des Scheiterns des Verstandes schätzenswert und gehören bewundert. Damit erübrigt sich weiterhin sogar das Studieren derselben, häufig kommt man mit der Benennung aus. Eines aber ist gänzlich unphilosophisch und verboten und zwar das, was Hegel vor schon mehr als 150 Jahren getan hatte: Analyse und Auflösung der Antinomien, damit mit der falschen Frage Problem und Verwirrung aus der Welt sind.1) Eben deshalb soll das hier geschehen.
Die irrationale Kunst, sich selber unabweisbare und unlösbare Fragen zu stellen, beherrscht die Vernunft nach Kant immerhin nur in ,,einer Gattung ihrer Erkenntnisse''.
,,Das dialektische Spiel der kosmologischen Ideen, ... die gleichwohl doch nicht willkürlich erdacht sind'',
tritt nur auf,
,,wenn die Vernunft das, was nach den Regeln der Erfahrung jederzeit nur bedingt bestimmt werden kann, von aller Bedingtheit befreien und in seiner unbedingten Totalität fassen will'' (B 490).
Dann soll die Vernunft es halt lassen, das philosophische Bedürfnis, den Umkreis der Erfahrungen als ,,unbedingte Totalität'' auffassen zu wollen, wenn sie das nur in ,,Dunkelheit und Widersprüche'' stürzt. Aber das will Kant ja nicht. Er will besagtes Bedürfnis für durchaus notwendig halten, interpretiert daher die Leistungen der Vernunft überhaupt im Lichte dieses philosophischen Programms, so daß ihm der Wunsch nach dem Absoluten wie eine Konsequenz des Theorietreibens und die Metaphysik als Vollendung aller theoretischen Bestrebungen vorkommt.
Es ist schon eine Spezialität Kants, die Leistungen der Vernunft dahingehend zusammenzufassen, daß sie ihre Gegenstände durch Rückführung auf vorausgesetzte Bedingungen erklärt. Eine Untersuchung der jeweils in Rede stehenden Sache, die Analyse dessen, was sie ist und welchem Gesetz sie gehorcht, ist jedenfalls nicht gemeint, wenn das Theorietreiben mit dem Aufsuchen von Bedingungen verwechselt wird. Wer sich auf die Bedingungssuche macht, der wendet seinen Blick ja gerade ab von der fraglichen Sache und richtet ihn auf Umstände, von denen es abhängt, ob es die Sache gibt oder nicht. Das so definierte theoretische Interesse bezieht sich gar nicht auf die Eigenart der Sache, sondern auf deren Existenz. Es ist daher auch nicht übermäßig aufschlußreich, was mittels dieses Verfahrens über die Sache herausgefunden wird: Relativ zur Existenz der Bedingungen ist das Bedingte notwendig; sind alle Bedingungen einer Sache vorhanden, gibt es diese Sache; wenn nicht, dann nicht; ohne ihre Bedingungen kann es die Sache nicht geben usf.
Nun soll ausgerechnet die Vernunft, die Kant auf das Aufsuchen von Bedingungen festgelegt hat, mit diesem ihrem einzigen Verfahren unzufrieden werden, sich so als wär es die konsequente Fortsetzung ihres Geschäfts! auf das Gegenteil verlegen und ihre Resultate ,,von aller Bedingtheit zu befreien'' trachten.
,,Wenn etwas, was es auch sei, existiert, so muß auch eingeräumt werden, daß irgend etwas notwendigerweise existiere. Denn das Zufällige existiert nur unter der Bedingung eines anderen, als seiner Ursache, und von dieser gilt der Schluß fernerhin, bis zu einer Ursache, die nicht zufällig und eben darum ohne Bedingung notwendigerweise da ist. Das ist das Argument, worauf die Vernunft ihren Fortschritt zum Urwesen gründet.''
Einerseits leistet eine Bedingung genau das, was Kant von ihr erwartet: In ihr ist die Notwendigkeit des Bedingten beschlossen; und zwar als etwas Relatives ,,nur unter der Bedingung eines anderen'' existiert die fragliche Sache, deren Existenz somit abhängt von dieser Bedingung, also zufällig ist. Eben deswegen soll andererseits der Schluß auf eine Ursache naheliegen, die ,,ohne Bedingung notwendigerweise da ist''? Das ist etwas viel verlangt. Eine Bedingung soll es sein, nach der gesucht wird, weil den Philosophen die Notwendigkeit der Existenz interessiert. Aber so wie Bedingungen nun mal die Notwendigkeit der Existenz einer Sache begründen, so sind sie dem Philosophen nicht recht, weil mit ihnen das Bedingte gerade nur zufälligerweise, eben nur dann, wenn es die Bedingung gibt, existiert. Deswegen muß die gesuchte Bedingung als begründete Instanz ,,notwendigerweise da sein'', weil nur so das Begründete die erwünschte Unwidersprechlichkeit erhält. Das aber leistet keine Bedingung, über die Notwendigkeit ihrer eigenen Existenz Auskunft zu geben; ob sie existiert, das geht das Verhältnis von Bedingung und Bedingten gar nichts an. Ein Schluß aus der Bedingungssucherei wie Kant es hinstellen möchte ist das philosophische Bedürfnisch nach einer letzten Bedingung also nicht. Es fehlt nämlich nichts, wenn die Ursache von etwas gefunden ist. Warum etwas da ist, und wovon das abhängt, weiß man dann, und mehr wollte der Philosoph ja nicht. Daß er diese Ursache nun ihrerseits als verursacht aufzufassen beliebt, geht die fertige Erklärung nichts an. Er eröffnet an ihr das Ursache-Wirkungsverhältnis einfach von Neuem: Was ist die Ursache der Ursache? Die Bedingung der Bedingung? Eine grundlose Kritik an der ersten Ursache, also in eindeutiger Absicht. Gesucht ist ein letztes Glied in der Kette der Ursachen/Bedingungen, und von dem soll plötzlich gelten, was für das erste keineswegs in Anspruch genommen werden durfte: Die letzte Ursache soll man nicht mehr als durch anderes verursacht, die letzte Bedingung nicht mehr als bedingt auffassen können. Sie soll Ursache ihrer selbst sein. Diese ,,notwendige Existenz'' ist nun aber ein absoluter Widersinn: Es müßte sie nämlich schon geben, damit sie sich hervorbringen kann, und wenn es sie schon gibt, dann kann sie sich nicht hervorbringen. Kant thematisiert mit diesem Widerspruch den philosophischen Anspruch ans Theorietreiben. Es ist gar kein Mangel, den er am Bedingungsverhältnis entdeckt hat, sondern ein äußerlicher Vergleich mit seinem Maßstab: Theorien sollen die Notwendigkeit der Existenz ihrer Gegenstände darstellen, aber das tun sie erst, wenn die letzte notwendige Existenz gefunden ist, aus der dann obgleich sie selbst grundlos ist alles andere begründbar und ableitbar sein soll. Das tut aber keine Theorie und die Wissenschaft schon gleich nicht, die ihre Gegenstände erklärt und nicht mit der Dummheit ,,Was sein muß, muß sein'' hausieren geht. Weil letzteres der Philosoph gerne hätte, erscheint ihm die Wissenschaft als ein ,,bloß'' und ziemlich unvollkommen: Für sein Bedürfnis gibt sie nichts her. Wie wahr!
Es ist die Sinnsucherei, die Kant die Feder führt. Das Bedürfnis, sich die Welt als notwendigen Zusammenhang zurechtzulegen, als eine Ordnung, in der alles auch der Betrachter seinen unverrückbaren Platz hat. Die wenig praktische Einsicht soll theoretisch befördert werden, daß das, was ist, auch unbedingt so sein muß und gar nicht anders sein kann. Mit dieser Einsicht in Absolutes, unbedingtes ausgestattet das ist das Angebot, das der Sinnsucher zu machen hat wird Wissen glatt überflüssig. Nach dem Weltschlüssel wird statt dessen gefahndet, mit dem zwar nichts Bestimmtes erklärt werden kann, dafür aber alles auf einmal einen Sinn erhält. Und bei der Fahndung bleibt es auch, weil eben dieses Anliegen vernünftigerweise gar nicht zu befriedigen ist.
Den Widerspruch ihres Anliegens, die Welt als ,,unbedingte Totalität'' zu ,,verstehen'', kennen die Philosophen selbst in seinen beiden Verlaufsformen. a) Das immer-weiter-warum-Fragen der Kinder, das so häufig und zurecht mit der Gegenfrage, warum die Banane krumm sei, beschieden wird, ist das notwendige Denkprinzip der Metaphysik. So brauchbar ihnen die Bedingungslogik erscheint, alles als eine abhängige Variable einer zugrundeliegenden Notwendigkeit darzustellen, so mangelhaft muß ihnen von ihrem Vorhaben aus jede bestimmte Antwort vorkommen, jeder Verweis auf eine bestimmte Bedingung, an der alle Notwendigkeit hängen soll, deren Notwendigkeit aber in nichts begründet ist. Also fragen sie weiter von der Bedingung zur Bedingung der Bedingung usf., ad infinitum- und demonstrieren damit nur, daß sie nie dahin kommen, wohin sie kommen möchten. b) Deswegen bringt dieser unendliche Regreß umgekehrt das Ideal hervor, einen
,,Ruhestand, in dem Regressus vom Bedingten, das gegeben ist, zum Unbedingten, zu suchen ...'' (B 612), nämlich ,,dasjenige, dessen Begriff zu allem Warum das Darum in sich enthält, das hinreicht, eben darum das zur absoluten Notwendigkeit schickliche Wesen zu sein, weil es, weil es bei dem Selbstbesitz aller Bedingungen zu allem Möglichen, selbst keiner Bedingung bedarf.'' (B 613)
Aber jeder Punkt, in dem der infinite Regreß der Bedingung abgebrochen wird, um des Unbedingten habhaft zu werden, ist wieder bloß eine Bedingung und nicht das Unbedingte, auf das sie so scharf sind. Also zurück zu a): weiterfragen.
Die sogenannten kosmologischen Ideen sind nichts anderes als verschiedene Wendungen dieses Widerspruchs:
a) Da wäre zunächst die Frage nach dem Anfang und den äußeren Grenzen der Welt. Wann hat alles angefangen und wo hört alles auf? Diese Frage stellt sich ein, wenn die Welt, alles, was es gibt, als einheitliches Ganzes gedacht werden soll. Um ein Ganzes zu haben, denkt sich der sinnbedürftige Verstand eine (zeitliche bzw. räumliche) Grenze, in der alles aufgehoben ist. Aber damit gibt es nun auch ein Jenseits, und das widerspricht der Vorstellung, daß alles diesseits der gedachten Grenze liegt. Also muß derselbe Verstand über alle Grenzen hinausdenken, um wirklich auch alles zu umgreifen, aber so geht ihm gerade die Einheit des Ganzen flöten.
b) Wie im Großen, so im ganz Kleinen: Die Frage nach dem Stoff, aus dem alles gemacht ist auch wir selbst! Daß alles, was es gibt, aus gleichbeschaffenen Elementarbestandteilen besteht, würde die Einheit des Weltbildes verbürgen. Der Philosoph könnte sagen: So verschieden auch alles ist, mir ist alles dasselbe! Kaum aber wird ein solcher einheitsstiftender Stoff genannt die Alten haben es mit Wasser, Feuer usf. probiert , schließt er durch seine Beschaffenheit anderes aus und unterscheidet sich vom Rest der Welt. Also muß die Gemeinsamkeit durch Auflösung der Bestandteile in elementare Bestandteile ad infinitum gesucht werden und geht so gerade verloren.
c) Soll alles, was geschieht, als unabänderliches Schicksal ,,begriffen'' werden können, braucht es eine unendliche Reihe von Ursachen. Dann wäre aber die Reihe nie vollständig und keine einzige Ursache hinreichend, eine Wirkung notwendig zustandezubringen. Wie schade! Also braucht es eine andere Sorte Ursachen, die von keiner vorausgesetzten Ursache abhängen, aus sich selbst ,,spontan'' tätig werden: Freiheit. Mit der aber ist alle Notwendigkeit in grundlose Willkür aufgelöst. Also muß die Willkür wieder in vorausgesetzte Ursachen aufgelöst werden, und der leidige Regreß geht wieder los.
d) Und dann noch die Frage nach dem einen ersten Weltengrund (mit oder ohne Rauschebart). Freilich, eine schöne Idee, so eine höhere Notwendigkeit, die die Weltenläufte regiert. Aber dem Schöpfer geht es nicht anders als seinen Geschöpfen mit ihrer Freiheit: Er muß es sich gefallen lassen, als bloß allererster Anstoß einer dann ohne Sinn und Zweck mit Naturnotwendigkeit ablaufenden Reihe von Weltveränderungen besprochen zu werden und kommt auch noch in den üblen Verdacht, daß er noch nicht einmal diesen Anstoß zustandebringt, wenn ihn nicht seinerseits eine ihm vorausgesetzte Kausalität dazu anstupst.
Das sind sie, die berühmten Antinomien. Sie sind weit davon entfernt, Produkte eines ,,natürlichen Ganges jeder menschlichen Vernunft'' (B 612) zu sein der notwendige Schwachsinn, der zu Tage tritt, wenn ausgesprochen wird, worauf die Sinnhuberei abzielt.
Im kritischsten Stück seiner Vernunftkritik erwarb sich Kant das zweifelhafte Verdienst, die aus der ideologischen Absicht folgenden Widersprüche der Kosmologie herauszustellen, um sie als Problem zu würdigen: Wie läßt sich die ideologische Absicht bei den gedanklichen Bocksprüngen, die zu ihrer Begründung nötig sind, retten und aufrechterhalten? Seit Kant wird im Bewußtsein der Widersprüchlichkeit der eigenen Sinnkonstrukte philosphiert, d.h. Philosophie wird methodisch betrieben. Sie stellt Fragen der höheren Art: ,,Wie läßt sich denn das wollen wir ohne Rücksicht auf theoretische Stimmigkeit unsere Gedankenwelt, in der kein Stein auf den anderen paßt, denken?'' Oder kurz: ,,Wie ist Philosophie möglich?''
In diesem Sinne hat Kant erstens gezeigt, daß allen notwendigen Antworten auf kosmologische Fragen mit dem gleichen Recht ihr gerades Gegenteil entgegengestellt werden kann. Kant weiß zweitens, daß der Widerspruch aufgelöst werden muß:
,,Wir werden also der Verbindlichkeit einer wenigstens kritischen Auflösung der vorgelegten Vernunftfragen dadurch nicht ausweichen können, daß wir über die engen Schranken unserer Vernunft klagen und mit dem Scheine einer demutsvollen Selbsterkenntnis bekennen, es sei über unsere Vernunft, auszumachen, ob die Welt von Ewigkeit her sei, oder einen Anfang habe...'' (B 508)
Drittens weiß er, daß die unauflösliche Verwirrung nur von der Natur der Fragen selber herkommt:
,,Woher kommen euch die Ideen, deren Auflösung euch hier in solche Schwierigkeiten verwickelt?''
,,Denn euer Gegenstand ist bloß in eurem Gehirne, und kann außer demselben gar nicht gegeben werden; daher ihr nur dafür zu sorgen habt, mit euch selbst einig zu werden und die Amphibolie zu verhüten...'' (B 511/512)
Und viertens weiß er um die ideologische Leistung der so widersprüchlichen kosmologischen Ideen: Er kennt ein
,,... praktisches Interesse, woran jeder Wohlgesinnte ... herzlich Teil nimmt. Daß die Welt einen Anfang habe, daß mein denkendes Selbst einfach und daher unverweslicher Natur, daß dieses zugleich in seinen willkürlichen Handlungen frei und über den Naturzwang erhoben sei, und daß endlich die ganze Ordnung der Dinge, welche die Welt ausmachen, von einem Urwesen abstamme, von welchem alles seine Einheit und zweckmäßige Verknüpfung entlehnt, das sind so viel Grundsteine der Moral und Religion.'' (B 494)
Zugleich ist ihm die ideologische Absicht des Denkens so teuer und so selbstverständlich, daß es ihm bei seiner Auflösung der Antinomien gar nicht einfiele, der ideologischen Absicht den logischen Fehler anzulasten. Er versucht gar nicht, die beiden ihm bekannten Seiten zusammenzubringen, läßt sich bei der ,,kritischen Auflösung'' auf den Inhalt der betrachteten Gedanken überhaupt nicht ein.
Andererseits will er aber auch nicht im Namen des Trostes und der Harmonie aus der Verwirrung des Verstandes den Schluß ziehen, daß dieser eben das falsche Organ für den Sinn ist und auf ihn leicht verzichtet werden kann.
Kant hat so, auf seine philosophische Weise Glauben und Wissenschaft gegenübergestellt und in den kosmologischen Ideen den Gegensatz beider Seiten aufeinandertreffen lassen. Jetzt sind ihm beide lieb und teuer, eine inhaltliche Kritik der Gedanken fällt ihm gar nicht ein und seine Sorge gilt allein der Verhinderung dieses wechselseitigen Bestreitens: Versöhnung des treudoofen Jenseitsglaubens mit der Wissenschaft ist sein Anliegen oder: Wie kann man das eine haben, ohne das andere zu lassen?
,,Es bleibt kein Mittel übrig, den Streit gründlich und zur Zufriedenheit beider Teile (!) zu erledigen, als daß, da sie einander doch so schön widerlegen können, sie endlich überführt werden, daß sie um Nichts streiten, und ein gewisser transzendentaler Schein ihnen da eine Wirklichkeit vorgemalt habe, wo keine anzutreffen ist.'' (B 529)
Wo sich zwei wechselseitig widerlegen, haben beide recht! Eine schöne Antinomie, die Kant da als Auflösung des Streits anbietet.
Die Meinung, metaphysische, d. h. Glaubensgewißheiten beweisen zu können, setzt sie der Widerlegung aus und fördert den Unglauben. Der Glaube läßt sich nur erhalten, wenn man ihm diese Prüfung erspart und ihm ein eigenes Reich einrichtet, in dem das so Kants Pleonasmus ,,objektive Denken'' nichts verloren hat. Die Trennung geht entlang der Erfahrung, die statt durch das Denken erklärt zu werden, bei Kant vielmehr die Richtschnur der Geltung von Erklärungen abgeben soll: Nicht wegen der widersprüchlichen Absicht, alles bestimmen und begrenzen zu wollen, sondern weil, soweit die Erfahrung nicht reicht, könne man gar nicht wissen, ob die Welt endlich oder unendlich sei.
Andererseits, wenn auch gar nicht wirklich, ist die Idee eines ersten Anfangs und Urhebers der Welt dennoch gültig und denknotwendig: und zwar als ein ,,regulatives Pinzip'', welches uns zwar tatsächlich nie zur ersten Ursache führen kann, uns aber wohl antreibt, in der empirischen Forschung mit der Suche danach niemals aufzuhören.
Der kleine Preis, der bezahlt werden muß, um dem Widerspruch der kosmologischen Trostideologie aus dem Weg zu gehen, wird von Hegel verbucht:
,,Dieser transzendentale Idealismus läßt den Widerspruch bestehen, nur daß das An-sich nicht so widersprechend sei, sondern dieser Widerspruch allein in unser Gemüt falle. So bleibt denn dieselbe Antinomie in unserem Gemüte ... der Widerspruch ist nicht aufgelöst; Er besteht vor wie nach. Das ist zuviel Zärtlichkeit für die Dinge; es wäre schade, wenn sie sich widerspächen. Daß aber der Geist der Widerspruch ist, das soll kein Schade sein... Das Widersprechende zerstört sich; so ist der Geist Zerrüttung, Verrücktheit in sich selbst.'' (Gesch. d. Philos. III, 359)
Lieber ist der Geist verrückt, als das Bedürfnis, welches ihm unauflösliche Widersprüche schafft. Um die Wissenschaft nicht als Instanz gegen das religiöse Sinnbedürfnis gelten zu lassen, haben wir nun:
1. Eine Kantonisierung des Bewußtseins, in dessen einem Kanton vom gleichen Gegenstand absolut ungültig ist, was im anderen notwendig.
2. Ein regulatives Prinzip, mit dem wir uns auf die Suche nach dem Urwesen machen sollen, nicht aber zum Finden kommen dürfen. Wozu suchen, wenn man das von vornherein weiß?
3. Eine empirische Wissenschaft, die von sich aus nie Gründe hätte, den Kreis ihres Wissens zu erweitern, hätte sie nicht das kosmologische Motiv von der Metaphysik übernommen, die sich aber ja niemals in die Wissenschaft einmischen darf. Als Chancen und ewig erfolglose Kosmologie ist sie dann eine prima Wissenschaft.
© Online-Version GegenStandpunkt Verlag 2004
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