Kritik bürgerlicher Wissenschaft

Kritik bürgerlicher Wissenschaft
René Descartes' "Meditationen"

In dubio pro deo

René Descartes hat eine Abhandlung über die grundlegende analytische Geometrie verfaßt. Seine eigentliche wissenschaftliche Leistung besteht jedoch in einer Theorie der Lichtbrechung, mit der man das Phänomen des Regenbogen erklären kann. Daneben sind einige philosophische Schriften überliefert - die übrigens seine Berühmtheit begründen -, in denen er Überlegungen anstellt, "Meditationen", wie sie einen Wissenschaftler wohl schon damals überkamen, wenn er nach getaner Arbeit sich zurücklehnt, seinem Sinnbedürfnis frönt und über Gott und die Welt einmal so richtig gründlich nachdenkt. Da wird dann auch einmal Rückschau gehalten auf die eigene Jugend und eine philosophisch nicht uninteressante Entdeckung gemacht:

"Schon vor einer Reihe von Jahren habe ich bemerkt, wieviel Falsches ich in meiner Jugend als wahr habe gelten lassen und wie zweifelhaft alles ist, was ich hernach darauf aufgebaut." (I. Med., 1. Abs.)

Nun ja, könnte man meinen, so ist das eben mit dem Denken: daß man sich täuschen kann, gehört dazu - da muß man sich eben anstrengen und hält sich an Auffassungen, für die nicht nur der eigene Glauben spricht, sondern die man beweisen kann. Aber statt zu sagen, jetzt packen wir die Sache endlich einmal richtig an, fällt Descartes einen anderen Lebensentschluß: Daß ihm das nicht noch einmal passieren darf,

"und daß ich daher einmal im Leben alles von Grund aus umstoßen und von den ersten Grundlagen an neu beginnen müsse, wenn ich endlich einmal etwas Festes und Bleibendes in den Wissenschaften ausmachen wolle." (I. Med., 1. Abs.)

Dann sehen wir ihm mal bei seinem Umstoß zu:

"Von der Philosophie will ich nichts weiter sagen, als daß ich sah, sie sei von den vorzüglichsten Geistern einer Reihe von Jahrhunderten gepflegt worden, und dennoch gebe es in ihr nicht eine Sache, die nicht umstritten und mithin zweifelhaft sei ..." (Discours, 1. Kap.)

Daß die mittelalterliche Philosophie keine gültigen Erkenntnisse hervorgebracht hat, mag wohl sein. Vom bedenklichen Zustand dieser Disziplin will Descartes aber gar nicht erst auf die Fehler zu sprechen kommen, die da offenbar beim Nachdenken unterlaufen sind. Und schon gleich verbietet er sich den weitergehenden Schluß auf un- bzw. antiwissenschaftliche Denkmotive der "vorzüglichsten Geister", - ein durchaus naheliegender Verdacht bei einer Wissenschaft, die sich offen zur Funktion einer "ancilla theologiae" bekannte. Nein, Descartes beruft sich geradezu auf diese "Geister" als Kronzeugen seiner skeptischen Anschauung: Kein Stück Wissen, das nicht bezweifelbar wäre. Man sieht's doch, wenn sich Philosophen um "eine Sache" streiten, kann wohl nicht jeder rechthaben: infolgedessen ist auszumachen, wer wo irrt, lügt oder sonstwie danebenliegt. Descartes aber sagt, daß eine Auffassung deshalb nichts taugen kann, weil irgend jemand eine andere hat. So als ob ein richtiger Gedanke mit der unwiderstehlichen Kraft ausgestattet sein könnte, jeden zuwiderlaufenden automatisch mundtot zu machen.

I. Der methodische Zweifel: Omnibus bezweifeln!

Genau diesem Ideal von Wahrheit als unwidersprechlicher Gewißheit jagt Descartes nach und entfernt sich so schon im Ausgangspunkt seiner Überlegungen vom Gegenstand seiner Sorge - den Wissenschaften - um ihnen ausgerechnet auf diese Weise eine "feste Grundlage" zu verschaffen. Kaum stolpert er darüber, daß subjektive Gewißheit kein Kriterium für Wahrheit ist, besteht er darauf, daß sie doch ein solches Kriterium sein müsse. Die Überprüfung von Wahrheit oder Unwahrheit vorliegender Gedanken steht nicht mehr zur Debatte - sie sind schließlich schon in der Vorrunde ausgeschieden. Stattdessen widmet sich Descartes der absurden Unternehmung, einen Gedanken zu finden, der subjektiv gewiß ist und deswegen wahr.

"Nichts als einen festen und unbewegten Punkt (1) verlangte Archimedes, um die ganze Erde von ihrer Stelle zu bewegen, und so darf auch ich Großes hoffen, wenn ich nur das Geringste finde, das von unerschütterlicher Gewißheit ist." (Med. II, 1)

Die Suche nach so einer unerschütterlichen Gewißheit ist ein radikales Verfahren, in der Tat - radikal unvernünftig. Spätestens jetzt rächt sich endgültig der Widerspruch seines Anliegens, ein Wahrheitskriterium für die Beurteilung von Gedanken finden zu wollen, ohne sie und statt sie zu beurteilen - und zwar zunächst einmal in der Dummheit seiner Durchführung. Der Zweifel aus Prinzip, den Descartes als Königsweg zur ganz wirklichen Wahrheit im Sinn hat, fördert keine einzige solche zutage. Statt zur Sortierung wahrer und falscher Gedanken taugt er bloß zu deren unbegründetem Ausschluß. Irgendwie hat Descartes davon auch eine Ahnung. Deshalb bzw. trotzdem rechtfertigt er zuvor noch einmal seine radikale Zweifelsmethode, die er ausgerechnet um der Sache der Erkenntnis willen für unabdingbar hält:

"Darum glaube ich, gut zu fahren, wenn ich mich bewußt zum Gegenteil bestimme, d.h. mich absichtlich einer Täuschung hingebe und eine Zeitlang alle jene Meinungen für ganz falsch und erdichtet annehme, bis schließlich das Gewicht der Vorurteile beiderseits gleich ist und keine üble Gewohnheit mehr mein Urteil von der richtigen Auffassung der Dinge ablenkt. Ich weiß ja, daß daraus inzwischen keine Gefahr und kein Irrtum entstehen wird und daß ich mich nicht mehr als billig dem Mißtrauen hingeben kann; ich habe es schließlich jetzt nicht mit praktischen Gegenständen zu tun, sondern nur mit Gegenständen der Erkenntnis." (I, 11)

Es ist allerdings sehr wohl ein "Irrtum", daß sich zwei Vorurteile - alles glauben vs. alles bezweifeln - zu Null aufheben, und so das einzig senkrechte übrigbleibt. Das Gegenteil von Glauben ist auch nicht grundloser Zweifel, sondern Wissen. Gegen den Zweifel aus Prinzip hat deshalb nicht nur der Glaube, sondern kein Gedanke, und sei er noch so richtig, eine Chance. Dem Zweifler gilt nämlich die Möglichkeit, daß er sich alles auch ganz anders vorstellen könnte, als Argument. Bei diesem Verfahren ist die Beweislast umgedreht: Ein Gedanke muß nun nicht mehr sich beweisen, sondern den Zweifler widerlegen. So schwer es da jeder Einfall hat, so leicht macht es sich umgekehrt der Skeptiker. Der verfolgt eh bloß die Absicht, alles grundlos zu bezweifeln und dafür ist jeder Mist recht. Es hängt also allein von der Skrupellosigkeit des Zweiflers ab, welcher Gedanke ihm standhält. Und in dieser Hinsicht schenkt Descartes sich und seinen Lesern nichts.

Er bezweifelt alles, was sich - wenn auch grundlos, wenn auch mithilfe von Fehlschlüssen, wenn auch mithilfe von Erfindungen der bloßen Einbildungskraft - sei's drum! - bezweifeln läßt. Die Feststellung, daß es bisweilen "Sinnestäuschungen" gibt, ist Grund genug, sämtliche Sinneseindrücke ebenso wie die auf ihnen basierenden Gedanken für zweifelhaft zu erklären, ja sogar die ,Existenz einer äußeren Welt' als solche in Frage zu stellen. Dabei ist das Bemerken der Täuschung schon der ganze Gegenbeweis. Von wegen Opfer unwillkürlicher Täuschungen! Dasselbe spricht gegen die Erwägung, "daß ich, mit einem Winterrocke angetan, am Kamin sitze" könne ein bloßer Traum sein. Und auch seinen berühmten "genius malignus" muß sich Descartes extra ausdenken, auf daß ihm mit Hilfe dieser Fiktion auch die einfachsten Kinderrechnungen - wie "2 + 3 = 5" - als höchst fragwürdig erscheinen.

All dies sind für Descartes seriöse Argumente, weil er auf der Suche nach dem absolut Unbezweifelbaren ist. Er gesteht selbst ein (als würde es dadurch besser!), daß seine Zweifel solche wider besseres Wissen sind. Im Nachhinein, nach Erreichen seiner Beweisabsicht, wird er alle Argumente, mit denen sein methodischer Zweifel ,streng wissenschaftlich' vorgegangen sein will, für sachlich haltlos erklären und selber der Lächerlichkeit preisgeben ...

II. Heureka: Ego cogito, ego sum

Auf der Suche nach der unbezweifelbar sicheren Grundlage seines Denkens - diese Suche steht unter dem Motto: Was kann ich alles wegdenken, wenn ich alles bezweifeln will? - kommt Descartes

"schließlich zu dem Beschluß, daß dieser Satz: ,Ich bin, ich existiere', so oft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist". (II,3)

Was das zweifelnde Ich mit seiner Methode nicht wegdenken kann, ist - es selbst. Es kann sich trotz aller Zweifel nicht loswerden. Diese schöne "notwendige Wahrheit" steht am Ende der ganzen Anstrengung und ist reichlich trostlos: die Existenz des Ich im Akt des Zweifels ist bewiesen, weil es sich partout nicht ausradieren läßt. Selbst der böse Geist, der mich in allem täuscht, kommt nicht daran vorbei, daß er eben mich täuschen muß - also kann er mir meine Selbstgewißheit als denkendes Ich nicht wegnehmen. Diese Gewißheit hat in der Tat den Standpunkt der christlichen Scholastik hinter sich gelassen. wofür sie feierliche Vokabeln wie "Vernunftautonomie" und "Subjektkonstitution alles Wissens" für sich eingeheimst hat. Allein: Descartes stellt selbst die unvermeidliche Frage:

"Ich weiß, daß ich existiere, ich frage aber, wer jener Ich ist, von dem ich weiß, er ist." (II, 11)

- und gesteht damit ein, wie erbärmlich leer jenes endlich einmal sichere ,Wissen' ist; "jenes Ich" ist eine Chimäre von Selbstbewußtsein. Es ,weiß' von sich nur, daß es ist - also nichts darüber, was es ist.(2)

Descartes Ideal vom Ineinsfallen von objektiver Wahrheit und subjektiver Gewißheit löst sich damit sehr einseitig auf. Die einzige "Wahrheit", die mit subjektiver Gewißheit zusammenfällt, ist die - Gewißheit der Subjektivität, - also sie selbst.

Dieses "Ich" steht polemisch gegen jedes Bewußtsein von etwas, gegen alles, was nur ein Wissen über ... und damit schon nicht mehr es selbst wäre. Das gar nicht verwunderliche Resultat der Suche nach dem sicheren Fundament des Wissens: Sicherheit statt Wissen!

III. Ein göttlicher Einfall

Descartes hat mit seiner Zweifelsmethode nach der einen, durch keinen Zweifel zu beeinträchtigenden, sicheren Erkenntnis gesucht. Kaum ist sie nun in dem zweifelnden "Ich" selbst gefunden, wird nicht a la Archimedes die alte Wissenschaft aus den Angeln gehoben und eine neue aufgebaut, sondern weiter gefragt, was damit überhaupt gewonnen sein soll. Die unbedingte Wahrheit, die untrügliche Gewißheit, die Descartes gesucht und endlich ermittelt hat, genügt ihm also nicht als universeller Schlüssel zur Wissenschaft; und das kann angesichts von deren Inhalt auch nicht überraschen. Ein Fortgang aus diesem schwarzen Loch sollte sein. Ein Voran ist da aber partout nicht drin. Ohne die Mogelei, die Sicherheit, daß ich meine Gedanken denke, ein bißchen darauf abfärben zu lassen, was ich denke, ist partout nichts zu machen.

Descartes probiert folgenden Fortgang: er überlegt, ob sich auch dem ,cogito' nicht eine Methode gewinnen lasse, um auch andere Gegenstände sicher zu erfassen. Wie ist er zu dieser ersten unerschütterlichen Einsicht gelangt?

"Nun, - in dieser ersten Erkenntnis ist nichts anderen enthalten, als ein gewisses klares und deutliches Erfassen des von mir Ausgesagten." (III, 4)

Darf man also schließen, daß ,Klarheit und Deutlichkeit des Erfassens' ein Wahrheitskriterium ist? Hier muß sich Descartes winden. Einerseits ist er gezwungen, seine Frage zu bejahen - denn nichts anderes als Evidenzbewußtsein, daß sich das denkende Ich nicht wegdenken läßt, galt ihm als Beweis für dessen Existenz. Andererseits müßte er - dies zugegeben - auch andere Aussagen, die "clare et distincte" erfaßt werden (wie das erwähnte "2 + 3 = 5") für bewiesen erklären; justament all diese sonstigen Gewißheiten mußten aber im programmatischen Zweifel bestritten werden, um das ,cogito' als einzigen Fixpunkt sicheren Denkens zu gewinnen. Er muß seine Frage also zugleich verneinen.

Aber warum dies nicht als einen halben Schritt vorwärts auffassen? Und ein Ausweg liegt ja schon auf Abruf parat:

"Und da ich sicherlich gar keine Veranlassung habe, zu glauben, daß es einen betrügerischen Gott gibt, da ich noch nicht einmal zur Genüge weiß, ob es überhaupt einen Gott gibt, so ist der nur von dieser Meinung abhängende Grund zum Zweifel in der Tat recht schwach und, sozusagen, metaphysisch. Um aber auch ihn zu heben, muß ich, sobald sich nur eine Gelegenheit dazu bietet, untersuchen, ob es einen Gott gibt, und wenn, ob er ein Betrüger sein kann. Denn solange ich das nicht weiß, scheint es nicht, daß ich über irgend etwas anderes jemals völlig gewiß sein kann." (III, 7)

Nicht schlecht: der "betrügerische Gott" war ein schwaches, "metaphysisches" Argument, weshalb es jetzt um so mehr darauf ankomme, Gottes Existenz und seine Wahrhaftigkeit zu beweisen, um eine Garantieerklärung für die schon fast bereitliegende Wissensmethode zu erhalten - und daß eine wahrheitsgarantierende Methode selber in ihrer Wahrheitsstiftungspotenz garantiert sein muß, ist nun mal die schlechte Dialektik dieses falschen Ideals. Ohne diesen metaphysischen "Grund" sähe es - laut Descartes - für die "Vernunftautonomie" des denkenden Menschen zappenduster aus ...

Und siehe: wer sucht, der findet.

Alle möglichen "Ideen" findet das bis dato leere "Ich" bei der In(tro)spektion seiner geistigen Vorratskammer: Sonne, Mond und Sterne, Tiere, geflügelte Pferde und Engel ... Aber nichts davon - obwohl Ideen von etwas - verweist auf die Existenz von etwas anderem als mir selbst, weil der in ihnen vorgestellte ,Realitätsgehalt' auch kein größerer ist als der meiner ,denkenden Substanz'. Hingegen ist die ebenfalls in mir steckende Idee eines "höchsten Wesens", von dem ich, wie alles andere eventuell Existierende, abhänge, von der Art, daß sie ihren "Ursprung" nicht in mir, dem "unvollkommenen" Wesen haben kann, also nur von einem tatsächlich existierenden "vollkommenen" Wesen in mich "eingepflanzt" worden sein kann: Gott lebt! q. e. d.

Daß dieser ganze ,Beweis' samt seiner subtilen scholastischen Nebenargumentationslinien eine klassische petitio principii vorstellig macht, schlichter: sich im Karussell dreht (3), darauf wollen wir irklich nicht groß rumhacken. Wer auszieht, um die subjektive Gewißheit gerade nicht als Beweis von Wahrheit gelten zu lassen, und dann ausgerechnet auf Glauben und den lieben Gott als Wahrheitsinstanz verfällt, und damit den Höchsten auch noch bewiesen haben will, dazu nur folgender Hinweis: Ein "Existenzbeweis" ist, so oder so, an sich selbst der Beweis seiner Haltlosigkeit. Wenn ,etwas' zu beweisen ist, dann geht es um die Notwendigkeit des Was - das Daß, die pure Existenz, ist vorausgesetzt; ein Was ohne Daß ist nichts - oder ein Hirngespinst, dessen Daß auf das Was seines Erspinners verweist. Und hierüber ist bezüglich Descartes schon alles gesagt: er hat Gott als Sicherheit für sein Denkprinzip nötig, das seinerseits ... (s.o.), und muß deshalb wiederum Gott eine Sicherheit verschaffen, seine Existenz. Und die hat er jetzt bewiesen. Es sei ihm geschenkt. Fragt sich wiederum nur, was er denn nun eigentlich gewonnen hat.

IV. Mit Gott zur Wissenschaft

Erstmal hat Descartes mit seinem Gottesbeweis die - in den Augen von Glaubenshütern - gotteslästerliche Pose dessen, der das "höchste Wesen" als autonomer Vernunftdenker theoretisch zur Disposition stellt ("untersuchen, ob es einen Gott gibt") und von seinem Einsichtsvermögen abhängig macht, voll wiedergutgemacht (was ihm bei seinen christlichen Zensoren, wenigstens zeit seines Lebens, nicht viel genützt hat). Zwar lebt noch der positive Beweis für Gottes Existenz - ein Beweis, der "im höchsten Grade klar und deutlich, im höchsten Grade wahr ist" (III, 29, 30) - vom Evidenzbewußtsein des "Ich", aber auf die Umdrehung dieses Verhältnisses kommt es Descartes - Widerspruch hin, Widerspruch her - gerade an.

"Und schon meine ich, einen Weg zu sehen, auf dem man von dieser Betrachtung des wahren Gottes -, in dem nämlich alle Schätze des Wissens und der Weisheit verborgen sind, - zur Erkenntnis aller übrigen Dinge gelangt. Denn erstens erkenne ich, daß er mich unmöglich täuschen kann, denn in aller Täuschung und allem Betrug liegt etwas von Unvollkommenheit ... Sodann mache ich die Erfahrung, daß in mir eine gewisse Fähigkeit zu urteilen ist, die ich sicherlich, wie auch alles übrige, was in mir ist, von Gott empfangen habe, und da er mich nicht täuschen will, so wird diese Fähigkeit doch gewiß nicht derart sein, daß ich bei ihrem rechten Gebrauch jemals irren könnte." (IV, 2, 3, 4)

Von wegen "Vernunftautonomie": im - angestrebten - Resultat des Meditierens ist alle vernünftige Kraft im Menschen eine Gabe Gottes, und nur als solche taugt sie etwas (das schließt im nachhinein selbstredend sämtliche unbezweifelbaren Wahrheitsgewißheiten ein, mit denen der Weg zu Gott gepflastert war - und, wenn man kleinlich sein will, waren da noch einige mehr im Spiel als bloß das ,Cogito': ein wenig Substanzenlehre, ein veritables Stufenmodell der Realitätsgrade etc., eine scholastische Metaphysik eben ...). Andererseits - und genau darauf kam es Descartes an -, ist dem menschlichen Denken so eine göttliche Erkenntnisfähigkeit attestiert, eine Wahrheitsgarantiepotenz; sofern nur ein "rechter" Gebrauch von ihr gemacht wird. Unter der Hand nämlich hat sich Descartes' Beweisnot ein wenig verändert: jetzt sucht er nicht mehr verzweifelt zweifelnd nach etwas Gewissem, sondern muß umgekehrt Rede und Antwort stehen, inwiefern so etwas wie "Irrtum", "falsches" Denken, überhaupt möglich sei. Weil das als des Rätsels Lösung entwickelte Hin & Her zwischen Wille und Verstand, Gott und Nichts oder das Problem der "Verknüpftheit" von res cogitans und res extensa beim Menschen - Descartes kann sich dabei mehrfach des ketzerischen Gedankens nicht enthalten, Gott hätte dem Menschen auch die Irrtumsmöglichkeit ersparen können, wenn er nur gewollt hätte (er ruft sich dann immer rasch wieder zur Raison: "Gottes Ratschluß ist unergründlich!") - heute ohnehin als ,überholt' gilt, lassen wir das aus (wer darauf geil ist: vgl. IV, 14, 15, 21: VI, 29) und fragen erneut: Wozu ist das alles gut?

V. Die gottgefällige Erkenntnismethode ist (Selbst-)Betrug

Was Descartes - schenkt man ihm seine Beweise - ,bewiesen' hat, ist erstens die Grundlosigkeit seines Zweifels: selbst die "Sinne", die uns täuschen können, sind uns von Gott gegeben - es gibt sogar mehrere davon, so daß man Korrektivorgane hat (IV, 43) -, und unter der Anleitung durch den Verstand lassen sich alle Dinge zwischen Himmel und Erde prinzipiell richtig erfassen. Und zweitens: ausgerechnet mittels ,vernünftiger' Argumente zugunsten der Glaubenswahrheiten hat er seinen Glauben an die Vernunft, die gottgewollte Möglichkeit und Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Erforschung der Natur zum Wohle des Menschen, abgeleitet. Selbst dieser Irrwitz von Beweisführung war zu seiner Zeit ein Angriff auf die Borniertheit von geistigen Autoritäten, die zugunsten des Glaubens die ersten Anfänge naturwissenschaftlicher Forschung meinten zensieren zu müssen (Fall G. Galilei). Für Descartes war es wichtig, quasi Gottes Segen für die freie Forschung herzuleiten (womit er auch nebenbei etwas dafür getan hat, daß sich der Gottesglaube nicht offen vor den Ergebnissen der Wissenschaft blamieren mußte).

Nur eines konnte auf diese Weise auf gar keinen Fall bewerkstelligt werden (obwohl Descartes genau daran glaubte): das Aufstellen einer Methode, deren Anwendung tatsächlich richtige Wissenschaft hätte befördern können - wie sollte das auch gehen? Behauptet hat er immerhin, er hätte in seinen Meditationen

"...nicht nur gelernt, wovor ich mich hüten muß, damit ich niemals irre, sondern zugleich auch, was ich zu tun habe, um zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen. Denn ich werde sie in der Tat erreichen, wenn ich nur auf alles genügend aufmerke, was ich vollkommen einsehe und es von dem übrigen scheide, was ich in verworrener und dunklerer Weise erfasse." (IV, 25)

Nur: so sehr Descartes hier Gott wie eine Art ,Aladins Wunderlampe für richtiges Erkennen' im Auge hat - man müsse nur als Forscher sein eigenes Urteilen und Schlußfolgern daraufhin beobachten, ob auch alles "klar und deutlich" erscheint (das ist dann eine Art Signal dafür, daß man sich der göttlichen Verstandeskraft in einem selber anvertrauen darf) oder nicht -, für eine "Methode" des Erkennens, und gar für eine wahrheitsgarantierende, wird das wohl ernstlich niemand halten wollen. Auch die paar spezifizierenden Hinweise im "Discours" - man müsse ein Problem in möglichst viele Teile zerlegen, von einfacheren zu komplizierteren Gedanken aufsteigen etc. - geben unter dem Strich nicht mehr her als die Empfehlung, sorgfältig vorzugehen in der Wissenschaft. Mag sein, daß Descartes' eigenen Forschungstätigkeit in Mathematik, Physik, Physiologie etc. - die bekanntlich auch einiges noch heute Gültige erbracht hat (Geometrie) - unter kruden metaphysischen Vorstellungen (Leib-Seele-Mechanismus etc.) gelitten hat, die in seiner Gottes-Welt-Gesamtweltanschauung grundgelegt wurden. Für sich genommen sind seine "methodischen" Ratschläge wenig schädlich und ein - verglichen mit dem heutigen wissenschaftsskeptizistischen Methodologiewahn - eher rührend-harmloser Auftakt für das "Zeitalter der Methode", das er eingeläutet haben soll.


Fußnoten

(1) Die moderne popperianische Wissenschaftstheorie nimmt zu Unrecht für sich in Anspruch, Descartes' Ideal eines "fundamentum certum et inconcussum" ad absurdum geführt zu haben. Das hat sie schon deshalb nicht, weil sie nicht das Ideal als solches und seine Herkunft kritisiert, sondern lediglich die Möglichkeit seiner Realisierung bestreitet. Stellvertretend sei H. Albert zitiert, der moniert, "... daß es keinen solchen archimedischen Punkt gibt, es sei denn, man habe ihn selbst produziert. Und dann ist er wertlos." ("Traktat über die kritische Vernunft", 1968). Seinesgleichen stört - ausgerechnet! - der bei Descartes herausgewitterte Wille, bei aller Skepsis auf objektive Wissenschaft zu dringen; und das ist hybrider Dogmatismus! Was stört es da, daß Alberts/Poppers "prinzipieller Fallibilismus" die Suche nach dem archimedischen Punkt fortsetzt - negativ eben: Woran kann man Theorien "scheitern lassen"? Schließlich ist diese Art Wissenschaftsskeptizismus das heute herrschende Dogma.

(2) Descartes' Kennzeichnung des Ichs als "denkendes Ding" bringt diesen Widerspruch nur grob zur Anschauung: was immer Denken sein mag, ein Ding soll es sein; aber körperlos und das Unstoffliche schlechthin. Und mit dieser kruden Vorstellung läßt sich einiges anstellen: die res cogitans ist ein Pflock, an dem sich später der ,Beweis' der "Unsterblichkeit der Seele" aufhängen läßt. Man sieht schon hier: Existenzbeweise wollen Unwissenschaftliches - hier: den christlichen Glauben an ein jenseitiges Weiterleben, jene Trostidee für ein offenbar trostloses Leben ,auf Erden' - beweisen.

(3) Für Freunde der Gottesidee, die ohnehin lieber glauben sollten, als Gott in Frage zu stellen, indem sie nach einem Beweis verlangen, ein kleiner Tip zum Schwindligwerden (das geschieht ihnen dann recht, diesen Ketzern!): Ich bin ein unvollkommen Ding, das auf ein vollkommen Ding verweist - warum bin ich unvollkommen? Weil Gott vollkommen ist! - ist dieses vollkommen Ding auch? Wie könnt ich unvollkommen Ding sonst drauf kommen! - Warum ist Gott vollkommen? ...



München 1990
© Verein z.F.d. marx. Pressewesens e.V.
GegenStandpunkt Online 2005