Der Mensch arbeitet; konsumiert; denkt sich nichts weiter dabei, oder daß die Wirtschaft mit ihrem Warenangebot und ihren Preisen mehr oder weniger unpraktisch, aber letztlich für ihn eingerichtet wäre - und täuscht sich bereits. Sagt jedenfalls die Wissenschaft von der Ökonomie. Denn sie kennt Zusammenhänge und Zwecke, die das Arbeiten und Konsumieren beherrschen, ohne daß es einer ahnt: sie kriegt sie ja erst heraus.
Der moderne Staatsbürger kennt sich aus, hat die Profitmacherei als Unternehmerzweck durchschaut, sorgt sich um die Staatsverschuldung - und täuscht sich schon wieder. Jedenfalls vom Standpunkt der Wissenschaft aus, die wichtigere Zwecke ermittelt haben will als das Interesse eines Unternehmers an seinem Profit, wesentlichere Abhängigkeiten als die des Schuldners vom Gläubiger. Von den Funktionszusammenhängen, die sie herausfindet und in ziemlich lange Formeln verpackt, besitzen nicht einmal die Macher der Wirtschaft, die Unternehmer und Politiker die rechte Kenntnis: Ihnen gegenüber nimmt die Wissenschaft von der Ökonomie den Standpunkt des beratenden Experten ein, dem kein materielles Interesse den Blick auf die Sachgesetze trübt, denen sogar die wichtigsten und machtvollsten Interessen, genauer betrachtet, ein- und untergeordnet sind.
Der Bescheid, daß nicht einmal die maßgeblichen Macher des ökonomischen Geschehens dessen Prinzipien auch bloß theoretisch im Griff haben, aber auch gar nicht unbedingt zu durchschauen brauchen, um sie zu betätigen: dieser Standpunkt der Wissenschaft wundert niemanden; seltsam ist er dennoch. Denn wer sonst, wenn nicht die Beteiligten selber, hat und setzt ökonomische Zwecke, geht zu den Interessen anderer Beziehungen ein, macht sich von anderen und andere von sich abhängig? Die Wissenschaft geht dennoch, wie von der größten Selbstverständlichkeit, davon aus, daß ausgerechnet bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Produktion und Versorgung Wille und Bewußtsein der Produzenten und Konsumenten keine wirklich entscheidende Rolle spielen; daß sie mit ihren Interessen den ganzen Laden nicht bestimmen, sondern begriffslos bedienen; mehr oder weniger sachgerecht.
Und schon das ist ein Urteil über die Gesellschaft und ihre Wirtschaftsweise. Wenn der wissenschaftliche Sachverstand befindet, daß deren maßgebliche Zusammenhänge und Funktionsweisen allesamt erst einmal zu erforschen, aus den Interessen der Beteiligten als dahinter liegende Gesetzlichkeiten zu ermitteln sind, dann fügt sich das Arbeiten und Verbrauchen tatsächlich nicht den Überlegungen, Plänen, Bedürfnissen, Absprachen, kurzum: dem absichtsvollen Tun und Lassen der Leute. Dann fallen offensichtlich die Zweckrationalität der Subjekte und die "Zweckrationalität" des Ganzen sehr prinzipiell auseinander, und dann muß es schon so sein, daß die letztere die erstere beherrscht und nicht umgekehrt. Dann erfüllt die "Marktwirtschaft" in ihrem wirklichen Ablauf den Tatbestand der "Fremdbestimmung": Die Leute denken sich das Ihre, aber der wirkliche ökonomische Sinn und Zweck ihres Treibens spielt sich "hinter ihrem Rücken" ab.
Diese Formulierung stammt vom ersten wissenschaftlichen Kritiker des ökonomischen Geschehens; und kritisch ist der Standpunkt der Wissenschaft allemal. Denn die Aufdeckung unabsichtlich herrschender "fremdbestimmender" Abhängigkeiten ist prinzipiell die theoretische Aufhebung und insoweit die Kritik und Zurückweisung des Mißverhältnisses zwischen subjektiver Zwecksetzung und "objektiver Gesetzmäßigkeit. Die Erforschung gesellschaftlicher Verhältnisse, die von den Gesellschaftsmitgliedern nicht wirksam bestimmt, sondern bedient werden, zielt schon ihrer Form nach auf Prüfung der tatsächlichen Bestimmungsgründe des ganzen Zirkus, die so ja offenbar niemand für gut befunden und gewollt hat; auf die theoretische "Aneignung" der Ökonomie, und zwar als ein Mittel für deren praktische Beherrschung; also in der Konsequenz auf Abschaffung dieses antivernünftigen Verhältnisses der Unterordnung der Interessen unter blinde angebliche Sachgesetze ihres Zusammenhangs.
Genau diese kritische Konsequenz ihres eigenen Standpunkts bleibt die ökonomische Wissenschaft jedoch schuldig. Sie setzt sich in Positur; sie verspricht das unbegründete und begriffslos waltende "Geheimnis der Ökonomie" aufzudecken; und was auch immer sie-als Ergebnis ihres energischen Nachdenkens anbietet: -sie wirbt dafür. Ermittelt haben will sie nämlich immerzu auf der einen Seite zutiefst vernünftige, jedenfalls sachlich ganz unabweisbare, jedem gesunden Menschenverstand unbedingt einleuchtende - Abstimmungs-, Koordinations-, Verteilungs- usw. - Probleme, um deren Lösung es der zu erklärenden Wirtschaft ginge. Dabei hält sie sich erst gar nicht damit auf, die tatsächlich verfolgten ökonomischen Zwecke und deren Abhängigkeiten von ihnen Mitteln zu begreifen, sie entgegen all den Täuschungen, die die Wirtschaftssubjekte damit verbinden, auf ihren wahren Begriff zu bringen. Sie nimmt sich statt dessen ganz selbstbewußt die Freiheit, von sich aus, mit ihrem "gesunden Menschenverstand", Grundfragen jeder Ökonomie" zu formulieren, die sie auch der Marktwirtschaft" als deren wahre und eigentliche Aufgabe unterstellt. Statt ihren Gegenstand zu erklären, trifft sie über ihn plausible Annahmen.
Plausibel jedenfalls für die Gemeinde der Wirtschaftswissenschaftler, die mit ihren Annahmen ja nicht bloß die Gemeinplätze des Bürgerbewußtseins wiedergeben, sondern auf Höheres hinaus wollen: Aus den "Grundfragen jeder Ökonomie" soll sich zwingend eine Gesetzmäßigkeit ihrer "Lösung" ergeben. Und dafür verzichtet diese Wissenschaft erst recht darauf, im Wirtschaftsgeschehen den quasi dinglichen Zusammenhang aufzudecken, dem das bewußte Handeln der Leute folgt und dient wie einer natürlichen Voraussetzung. Sie ersetzt diese theoretische Anstrengung durch den Beschluß, "modellhaft" ökonomische Funktionszusammenhänge zu konstruieren, ihre - entsprechend zurechtgelegten Grundannahmen mit den Mitteln der mathematischen Formelsprache untereinander so zu verknüpfen, als ob die gesuchte "Problemlösung"den Charakter einer Rechenaufgabe hätte. Die Volkswirtschaftslehre faßt die Idee des sinnreichen Mechanismus und macht gar kein Geheimnis daraus daß sie ihre modellhaften Grundproblemlösungen für "Jedes Wirtschaften" im Geiste dieser Idee erfindet. Sie postuliert eine Zweckmäßigkeit in der Ökonomie, die sich als ein mit naturgesetzlicher Notwendigkeit wirkender Automatismus darstellen läßt. Und sie erfüllt sich ihr eigenes Ideal, indem sie die entsprechend ausgesuchten Bestandteile ihrer "menschenverständigen" Problemstellungen in die Form mathematischer Funktionsgleichungen miteinander umschreibt. Auf diese Weise stiftet die ökonomische Wissenschaft theoretische funktionale Abhängigkeiten und Zusammenhänge für die gar nichts weiter spricht, als daß sie sich für die Konstruktion eines immer komplexeren Lösungsmodells plausibler ökonomischer "Grundfragen" verwenden lassen. Die Idee der Funktionsgleichung beherrscht die wissenschaftliche Szene; sie praktisch wahrzumachen, in die Tat umzusetzen, ist das, was in dieser Wissenschaft "Theorie" heißt.
So wirbt die Volkswirtschaftslehre für ihren Gegenstand, indem sie die wirkliche Wirtschaft als ein Modell darstellt, das zwei Bedingungen erfüllt: Es klingt plausibel und wie Mathematik. So wird das theoretische und praktische Ärgernis, von dem sie ausgeht das Produzieren und Verbrauchen folgt Gesichtspunkten, die das Funktionieren des Ganzen zum Rätsel und zur "Fremdbestimmung' aller wirklichen Interessen machen -, theoretisch nur in einem Sinn aufgelöst: Es wird mit dem Entschluß begrüßt, es sinnvoll zu finden, nämlich als Problem plausibel, als Lösung "mathematisch" zwingend. Deswegen kommt es dieser Wissenschaft auch praktisch überhaupt nicht darauf an, daß die Dienstkräfte dieser Ökonomie ihre diesbezüglichen Täuschungen überwinden, sich die Funktionsprinzipien des ganzen Ladens, denen sie begriffslos untergeordnet sind, klar machen und das Wirtschaften wirklich vernünftig einrichten - so daß die nachträgliche Erkundigung nach seinem beherrschenden Zusammenhangs-"Geheimnis" überflüssig wird. Statt dessen macht sie - und versteht sich als - ein Angebot, die Welt der Wirtschaft so, wie sie ist, für unverbesserlich gut und sinnvoll anzusehen.
Die wissenschaftliche "Entlarvung" der "marktwirtschaftlichen" "Sachgesetze" "hinter" den Interessen, die die Beteiligten und Betroffenen wirklich verfolgen ist von der Volkswirtschaftslehre also ganz und gar konstruktiv gemeint. Nämlich erstens, durchaus selbstbewußt, als Empfehlung der Sache - im Namen dessen, wie vernünftig, automatisch berechenbar usw. sie "eigentlich" läuft. Die wissenschaftliche "Aufklärung" dient da der ideologischen Mystifikation der Sache. Zweitens fühlt die Wissenschaft sich durchaus zu praktischem Eingreifen berufen- aber eben nicht im Sinne der kritischen Absicht, daß die nützlichen Idioten der Ökonomie sich zu deren wirklichem Arrangeur aufschwingen sollten. Die Experten dieses Wissenszweigs sprechen vom Standpunkt ihrer idealen Modelle eines gelingenden Wirtschafts-"Kreislaufs" -"Gleichgewichts" usw. Empfehlungen an die wirklichen Machthaber in der "Marktwirtschaft aus: Sie raten zur sorgfältigeren Berücksichtigung dieses oder jenes "Funktionszusammenhangs" - ohne sich im Übrigen groß darüber zu täuschen, daß tatsächlich nach dem Kräfteverhältnis der Interessen, die da am Werk sind, entschieden wird und nicht nach ihrem Modell. Immerhin tun sie damit den widerstreitenden Interessen aber den Gefallen und bieten Funktionsgleichungen an, mit deren Hilfe ein jedes Interesse sich den Schein eines Sachgesetzes verleihen kann, gegen das man sich um Gottes willen nicht versündigen darf. Mit ihrer Sorge ums Gelingen des Ganzen bleiben die wissenschaftlichen Ökonomen letztlich allein; aber das macht weiter nichts- denn diese Sorge gilt der Fortführung ihrer Modellbildnerei - mit keinem anderen praktischen Zweck und Ergebnis als dem, daß irgendeine "Schule" hinterher alles schon vorher gewußt hat ...
So fügt die Volkswirtschaftslehre dem falschen Bewußtsein der Leute über "ihre Marktwirtschaft, gegen das sie - als Wissenschaft - polemisch antritt, eine zu kompletten Theoriegebäuden ausgearbeitete Methode der Verfertigung schönfärberischer Deutungen hinzu: Für jemanden, der wissenschaftlich an die Sache herangeht, noch ein Zeugnis mehr gegen die Vernünftigkeit dieser Wirtschaftsweise.
In der DDR beerbt diese Kunst der methodisch exakten Ideologiebildung eine akademische Abteilung, die auf ihre Weise genauso wissenschaftlich absurd und ideologisch entlarvend war. Die "Wissenschaft der Planung und Leitung" hat in ihrem Namen einerseits den Standpunkt verkündet, daß ihr Gegenstand nichts mehr mit pseudo-natürlichen Sachgesetzen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und Bedürfnisbefriedigung zu tun hat sondern daß es um deren Planung geht. Andererseits hat sie, in eklatantem Widerspruch dazu, allen Ernstes Wissenschaft im Sinne der Ermittlung vorgegebener Gesetze sein wollen welche alles "Planen" und "Leisten" beherrschen; so als gäbe es neben den technischen Bedingungen und Mitteln des Wirtschaftens noch eine "ökonomische Sachgesetzlichkeit" der die Wirtschaftsplanung folgen und dienen müßte. Statt mit der Herrschaft des "Marktes" auch das dazugehörige falsche Bewußtsein, die begriffslose Abhängigkeit aller Wirtschaftssubjekte von ihrer "dinglichen" Verknüpfung, zu überwinden, hat diese "Wissenschaft" geradezu die paradoxe Sehnsucht nach einem solchen automatisch wirkenden Sachzwangszusammenhang, nach einer dinglichen Zweckmäßigkeit jenseits der vernünftigen Zweckmäßigkeit des aufgestellten Plans, zum Ausdruck gebracht - und ihr Bestes getan, sich diesen absurden Wunsch mit der Konstruktion so erhabener "Gesetze" wie desjenigen vom prinzipiellen "Widerspruch zwischen Konsumtion und Produktion" zu erfüllen. Mit solchem Unsinn hat diese Wissenschaft den realsozialistischen Planern dermaßen den Kopf verdreht, daß die an ihrem widersprüchlichen Auftrag, mit dem "Instrument Geld" ein System selbständig wirkender "ökonomischer Hebel" zu konstruieren, gar nichts Widersprüchliches mehr gefunden haben. Mit ihren wissenschaftlichen Mystifikationen haben sie den Widersinn eines sozialistischen Marktgeschehens durchaus hingekriegt.
Mittlerweile hat das kapitalistische Marktgeschehen den Sieg davongetragen. Und die Fachleute des "wissenschaftlichen Sozialismus" sehen es ein, daß dieser "Markt" ihre "Planungs"-Aufgabe weit besser erledigt als sie selbst. In Wirklichkeit ist es zwar gar nicht so, daß Kapitalismus und realer Sozialismus im Prinzip so ungefähr dasselbe wären, nur das eine viel besser. In der Ideologie aber schon, und zwar in der realsozialistischen ebenso wie in derjenigen der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre. Der Glaube an "Grundprobleme allen Wirtschaftens" und an "Modelle" ihrer "sachgesetzlichen Lösung" verbindet die bislang feindlichen Brüder:
Die Mystifikation war schon immer systemübergreifend.