Der Staat als Teil der aggregierten Nachfrage:

Wer fehlt im Modell ohne Staat?


Mit der aggregierten Nachfrage, Konsumfunktion und Multiplikator sind die Zutaten für ein Gleichgewichtseinkommensmodell bereitgestellt. Lauter Gegenstände, die es erklärtermaßen nicht gibt, die aber innerhalb der eigenen Fiktion wichtige Funktionen verrichten sollen. Auf dieser abgehobenen Stufe der Konstruktion fällt den Modellbauern völlig unmotiviert ein wirklicher Gegenstand ein. Der Staat. Was hat denn der da zu suchen?

"Bis jetzt haben wir die Rolle des Staates bei der Bestimmung des Gleichgewichtseinkommens vernachlässigt" (Dornbusch/Fischer, Makroökonomik, S. 79)

Vor jeder Befassung mit dem Staat wissen die Autoren nicht nur ganz genau, daß der Staat in das Modell rein muß, weil er bisher vernachlässigt, also nicht drin war, sondern auch, daß er für das Zustandekommen des Gleichgewichts eine wichtige Rolle spielt. Bloß, wenn ein Macher des Gleichgewichts, der Staat, bisher überhaupt nicht berücksichtigt wurde, wie konnte dennoch ein Gleichgewicht ohne ihn zustandekommen? Nähmen die Makroökonomen das Vorurteil ernst, daß der Staat bei der Bestimmung des Gleichgewichtseinkommens eine Rolle spielt, müßten sie das bisherige Modell wegwerfen. Dieses muß falsch sein, wenn ein wesentlicher Faktor keine Rolle spielt. Dornbusch/Fischer wollen aber keineswegs ihre bisherigen Bestimmungen des Gleichgewichtseinkommens zurücknehmen oder kritisieren, sondern den Staat als weiteren Baustein hinzufügen. Dabei bemerken sie gar nicht, daß sie damit ein Dementi der Wichtigkeit der Rolle des Staates bei der Hervorbringung des Gleichgewichtseinkommens abgeben, denn das Gleichgewichtsmodell gibt es ohne ihn. Es wird durch ihn ja nur ergänzt. Modellbauer wie Dornbusch/Fischer begründen den immer weiteren Ausbau ihrer Modelle - Hunderte von unleserlichen Seiten werden damit gefüllt - mit dem "Prinzip der abnehmenden Abstraktion" bzw. dem "Verfahren der schrittweisen Annäherung an die Wirklichkeit". Ein abstrakt geschimpftes Modell soll durch die Einfügung immer neuer Bausteine immer realitätstüchtiger, gleichsam richtiger gemacht werden. Daran fällt zweierlei auf:

l. Um sich einer Sache nähern zu können, muß man sie kennen. Wie soll aber die Annäherung an die Sache die Methode sein, sie erst noch zu erkennen? Hier wird eine widersprüchliche Erkenntnismethode vorgeschlagen, die nie und nimmer zum Begreifen einer Sache führt.

2. Ökonomen propagieren das Ideal, ihre Wissenschaft habe ein Abziehbild der Wirklichkeit zu liefern - immer konkreter sollen die Modelle werden. Wenn die Ökonomen "den Abstraktionsgrad senken", indem sie ihre Modelle immer weiter ausbauen, wird keineswegs das Unmögliche wahrgemacht und Erkenntnis mit ihrem Gegenstand verschmolzen. Völlig frei erfinden sich Herren wie Dornbusch/Fischer ein Prinzip der Ökonomie und entwerfen ein dazu passendes Grundmodell. Dabei haben sie schon die Absicht, die verschiedensten Gegenstände als Faktoren in das Modell einzubauen. So entstehen weitere Modelle. Und je mehr Gegenstände als Faktoren berücksichtigt sind, desto unvollständiger erscheint das Ausgangsmodell. Immerhin ist es aber die Basis aller folgenden Konstruktionen. Es gibt kein falsch oder richtig mehr, sondern nur mehr ein mehr oder weniger realistisch, ein mehr oder weniger richtig bzw. falsch. Und hinter dem absurden Komparativ "realistischer" versteckt sich die Perfektionierung eines Idealismus: Immer mehr Gegenstände, die es in der Welt gibt, finden Berücksichtigung im Modell - und zwar jeweils als ein weiterer Merkmalsträger des Prinzips, welches den frei erfundenen Ausgangspunkt der Modellbildung darstellt. Ein solches Vorgehen braucht den Staat in dem, was er ist, nicht zu bestimmen, um ein Argument zu haben, weshalb der Staat vorkommen soll. Die Sache verhält sich umgekehrt.

Der Staat - eine Hausfrau?

Dornbusch/Fischer drücken dem Staat den Stempel ihrer Idee auf, und damit hat er die ihm von den Nationalökonomen zugewiesene Rolle als Teil der Gesamtnachfrage, als Beeinflusser des Gleichgewichtseinkommens zu spielen.

"Der Staat beeinflußt das Gleichgewichtseinkommen auf zwei verschiedene Weisen. Erstens kauft der Staat Güter und Dienstleistungen, G, was eine Komponente der aggregierten Nachfrage darstellt. Zweitens beeinflussen Steuern und Transferzahlungen die Beziehung zwischen Output sowie Einkommen Y und dem verfügbaren Einkonlmen YD". (S. 79)

Wer gibt schon kein Geld aus? Wer frägt schon keine Güter nach? Daß der Staat Geld ausgibt - dies zu bemerken verdankt sich der methodischen Borniertheit, die Ökonomie auf Nachfrage zu gründen. Für das Bedürfnis nach Einordnung, nämlich in eine dem Gleichgewichtseinkommen förderliche imaginäre Gesamtnachfrage, ist es gleichgültig, wofür der Staat Geld ausgibt. Es gehört zur ökonomischen Sichtweise, von den Zwecken staatlichen Geldausgebens und damit von der Besonderheit des Staates nichts wissen zu wollen. Geldausgeben, Nachfrage, hoppla, Steigerung des Sozialprodukts - diese Assoziationskette wird angezeigt. Und schon ist wieder ein Steigerer des Sozialprodukts dingfest gemacht, eben der Staat.

Und wenn der Staat Einkommenssteuer erhebt und Sozialhilfe zahlt, selbst dann berührt dies die Nachfrage, das Sozialprodukt. Der Staat kann gar nicht anders, weil er nämlich eine Größe verändert, die zum bestimmenden Einflußfaktor der privaten Nachfrage gemacht wird, das "verfügbare Einkommen". Daß der Staat mit seinen Steuern und Transfers eine Wirkung hat, wird schlagend damit bewiesen, daß man Gleichungen und Kurven mit und ohne Staat gegenüberstellt.

"Wir sehen aus Gleichung (2o), daß das Auftreten von Transferzahlungen die autonomen Konsumausgaben um einen Betrag erhöht, der gleich der Grenzneigung zum Konsum aus dem verfügbaren Einkommen c mal dem Transferbetrag ist."(S.82)

Da herrscht die Kunst des modellimmanenten Vergleichens, bei dem alles an dem Wörtchen wenn und den damit aufgemachten Annahmen hängt. Wenn Transferzahlungen gezahlt werden, steigen die Einkommen der Empfänger, wenn man davon ausgeht, daß die Einkommen, die keine Transferzahlungen sind, so hoch sind, wie vorher. Wenn man zu dieser Fiktion die Fiktion hinzunimmt, daß von jeder weiteren Einkommensmark ein Bruchteil c für Güter ausgegeben wird, dann steigen die Ausgaben um TR. So kreiert man eine ökonomische Kunstwelt, in der Steuern und Transferzahlungen sich dadurch auszeichnen, daß sie Nachfragewirkungen haben.

Mit logischen Spielereien im Modell belegen die Ökonomen, daß sich Rüstungskäufe, Bildungsausgaben, Steuern, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe allesamt an einem Maßstab messen lassen: Auswirkung auf das Sozialprodukt. Immer ginge es darum, eine imaginäre Gesamtnachfrage zu erhöhen oder zu beschneiden. Eine Lüge ist diese ökonomische Betrachtung des Staates, weil sie gegen die unterschiedlichen Gründe und Zwecke des jeweiligen Staatshandelns stets den höheren ökonomischen Gesichtspunkt behauptet, bestätigt oder verletzt findet. Der Staat erscheint als ökonomisches Subjekt, weil man Nachfragen zum ökonomischen Handeln erklärt hat und überall bei ihm darauf stößt oder stoßen will. Und als ökonomisches Subjekt ist und macht der Staat dasselbe wie die anderen ökonomischen Subjekte, mit denen uns die Makroökonomen vertraut machen. Weshalb es den Staat getrennt von der Wirtschaft gibt, ist damit zu einem Rätsel geworden. Nachfragen, Gleichgewichtseinkommen "erzeugen" tun im Modell doch alle, auch die anderen Sektoren: Haushalte und Unternehmen. Der Staat: ökonomisch dasselbe wie ein Haushalt oder ein Unternehmen - ist er nicht überflüssig wie ein Kropf

Mit einer solchen Frage ist man bei Dornbusch/Fischer und Co. an die Richtigen geraten. Sie, die keine Notwendigkeit für den Staat kennen, weil sie sich mit ihm gar nicht theoretisch auseinandergesetzt haben, sind so frei, sich eine moralische Notwendigkeit des Staates zurechtzulegen.

Ein Autonomer - radikal im Dienste der Wirtschaft!

Der erste Schritt auf dem Weg, eine ökonomische Einzigartigkeit und Unverzichtbarkeit des Staates darzulegen, ist die Annahme, daß die staatlichen Ausgaben für Güter und Dienstleistungen autonom sind. Anders als die unternehmerischen Investoren und die haushalterischen Konsumenten soll der Staat annahmegemäß bei seinem Ausgeben und Nachfragen keiner Gesetzmäßigkeit unterliegen. Dornbusch/Fischer propagieren den voraussetzungslosen Sozialprodukterzeuger Staat, der autonom = frei darüber befindet, wieviel er von dem vom Himmel fallenden Sozialprodukt nachfragt - unabhängig von finanziellen Beschränkungen. Die Aufstellung eines staatlichen Haushaltsplans, der die Ausgaben auf die (Steuer-)Einnahmen bezieht,ist - so gesehen - eine unerklärliche Marotte. Ein Riesenstaatsdefizit hingegen ist unter dem Blickwinkel eines möglichst großen Gleichgewichtseinkommens eine einzige Empfehlung. Mit der Annahme autonomer Staatsausgaben ist der Staat zur ökonomischen Omnipotenz erklärt. Unerfindlich bleibt zunächst, weshalb man nicht das gesamte ökonomische Geschehen diesem großen Zampano überläßt, noch dazu, wo die anderen Wirtschaftssubjekte -Haushalte und Unternehmen - laut Annahmen immer nur kleinkrämerisch irgendwelchen Kalkülen gehorchend nachfragen und Sozialprodukt steigern. Die Verleihung ökonomischer Allmacht soll kein Grund sein daß der Staat die anderen Wirtschaftssubjekte zwecks eines besseren (= größeren) ökonomischen Ergebnisses ablöst bzw. ersetzt. Die ökonomische Omnipotenz, die man als Theoretiker dem Staat anträgt, soll nicht seine Rollendefinition sein. Auf diese arbeiten sich Dornbusch/Fischer mit solchen Annahmen erst zu.

Als zweiten Schritt präparieren sie die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve staatsgemäß, d.h. sie bemühen sich darum, am Bild der Nachfrage Korrekturen vorzunehmen, die auf die Existenz des Staates zurückzuführen sein sollen:

"Unter diesen Annahmen verschiebt die Einbeziehung des Staates den positiven Achsenabschnitt der aggregierten Nachfrgagekurve (um G) Nach oben und läßt die Kurve flacher verlaufen.

(S.81)

Die Staatsausgaben - ein Lifting der Gesamtaufnachfragekurve, die Stellern eine Abflachung. So paßt der Staat ins Bild.

Der Vergleich verschiedener Nachfragekurven, der jetzt so richtig einsetzt, macht Sinn: Fein säuberlich kann man anhand von Kurvendrehungen und -verschiebungen nach oben und unten im Bild ausweisen, wieviel Ausgabenerhöhungen/senkungen oder Steuererhöhungen/senkungen mehr oder weniger. Gleichgewichtseinkommen ergeben. Auf die Menge dieses Scheins der Berechenbarkeit der Wirkungen des staatlichen Geldeinnehmens und -ausgebens sind die Herren Theoretiker ganz scharf.

"Au Gleichung (23) ist offensichtlich, daß ein Anstieg der Staatsausgaben um den Betrag von einem Dollar zu einem Einkommensanstieg von mehr als einem Dollar führen wird."(S. s4)

Auf Dollar und Cent wird berechnet, daß eine Erhöhung des Transfers um ebenfalls einen Dollar zu einem nicht so großen Anstieg des Dollareinkommens führt. Die gleichen Berechnungen mit ebenso quantitativ verschiedenen Wirkungen werden auch für Steuererhöhungen und -senkungen angestellt. Fazit all des Kurvenhebens und -drehens ist dabei: Experten des Gleichgewichtseinkommens können dem Staat die Wirkungen seines Ein-nehmens und Ausgebens als Wirkungen auf das Gleichgewichtseinkommen prognostizieren.

Dies erlaubt den Übergang auf Schritt Nr. 3, der Ableitung der ökonomischen Außergewöhnlichkeit des Staates:

"Die Veränderungen der Staatsausgaben und Steuern beeinflussen das Einkommensniveau. Dies eröffnet unmittelbar die Möglichkeit, die Fiskalpolitik einzusetzen, um die Volkswirtschaft zu stabilisieren. "(S.87)

Der Staat soll durch sein Handeln Schwankungen des Sozialprodukts ausgleichen. Woher kommen plötzlich diese Schwankungen, woher plötzlich das Bedürfnis nach Glättung dieser Schwankungen? Mitten im Schlaraffia eines Modells, in dem soviel Sozialprodukt entsteht, wie nachgefragt wird, ist der Hinweis auf Instabilitäten, die ein Problem sein sollen, schon ein komischer Einfall: Für die Wirtschaft wurde ja gerade ein Mechanismus konstruiert, der dafür sorgt, daß sie sich immer auf das Gleichgewicht zubewegt, wenn sie sich nicht gerade darin befindet. Ursachen für Schwankungen sind unbekannt.

Die Berufung auf eine schwankende Wirtschaft ist aber zielstrebig: Der allmächtige, seine Wirkungen abschätzende Staat erhält ein Korrelat, die schwankende Wirtschaft, zu der er wie die Faust aufs Auge paßt. Alles, was sie nicht von selbst zuwege bringt, schafft er. So erfährt die unterstellte Trennung von Politik und Wirtschaft, von Staat und Ökonomie eine ökonomische Sinndeutung: Der Staat beaufsichtigt und lenkt die Ökonomie mittels der ökonomischen Potenzen, die ihm Makroökonomen verleihen, zum Nutzen der gesamten Ökonomie, zu der er auch gehört.

Wenn Dornbusch/Fischer den Staat in ihrem Modell "vernachlässigt" hätten, hätten sie glatt in ihrer Inszenierung die Figur vergessen, für die sie die tragende Rolle vorgesehen hatten.