Keine öffentliche Diskussion über Wirtschaftspolitik kommt ohne den Verweis auf das Sozialprodukt aus. Das Sozialprodukt taugt zur Illustration des jeweils eingenommenen Standpunkts im politischen Streit. Der voraussichtliche Anstieg des Sozialprodukts erlaubt keine höheren Lohnzahlungen; die stattgefundenen Veränderungen des Sozialprodukts erklären, weshalb die Arbeitslosigkeit zugenommen hat; die Steigerungsraten des Sozialprodukts von Japan und der BRD miteinander verglichen verdeutlichen, daß man höllisch auf die hiesige Konkurrenzfähigkeit aufpassen und mehr investieren muß; die Prokopfgröße des Sozialprodukts macht uns klar, wie leistungsfähig wir sind und wie gut wir es mitten in Europa getroffen haben; die Summe des Sozialprodukts aller Mitgliedstaaten der EG zusammengenommen beweist, welche Chance sich Für uns bietet, wenn wir Europa endlich zu einem ordentlichen Binnenmarkt ausbauen; daß das Sozialprodukt immer nur eine endliche Zahl ist, mag schließlich dafür stehen, daß der Kuchen nur einmal zu verteilen geht. usw. usf.
Für die wissenschaftliche Solidität des so üppig gebrauchten politischen Kampfbegriffes Sozialprodukt steht die Volkswirtschaftslehre ein. In ihrer makroökonomischen Abteilung macht sie das Sozialprodukt zum Ausgangspunkt ihrer Theorie über die Wirtschaft:
,,Das Bruttosozialprodukt ist der Wert aller Guter und Dienstleistungen, die in einer Volkswirtschaft in einem gegebenen Zeitraum produziert werden. Das Bruttosozialprodukt ist der Grundmaßstab der wirtschaftlichen Tätigkeit." (Dornbusch/Fischer, Makroökonomik, 1987)
Dornbusch/Fischer wollen ihre Leser im 1. Satz des Zitats mit dem Begriff
Sozialprodukt anfreunden. Sie bieten eine scheinbar griffige Formel, was es
sein soll. Man nehme alle Guter und Dienstleistungen, zahle ihre Werte zusammen
- und siehe da, die Summe dieser Addition ist das Bruttosozialprodukt. Ganz
selbstverständlich soll man davon ausgehen, daß das eine
vernünftige Operation ist. bloß: Warum soll man denn schlechthin
alles, was produziert und gedienstleistet wird, zusammenzählen? Noch dazu
seinem ,,Wert" entsprechend? Was soll das heißen:
das Sozialprodukt ist der Grundmaßstab der wirtschaftlichen Tätigkeit."
Dieser Satz steht wohlgemerkt am Anfang der makroökonomischen Theorie. Von der Wirtschaft, der wirtschaftlichen Tätigkeit, war bisher nicht die Rede, und schon weiß man eine ganze Menge über sie: sie wird durch das Bruttosozialprodukt gemessen. Der zitierte Satz ist gar die Empfehlung, sich um die Erklärung der wirtschaftlichen Tätigkeit für sich gar nicht zu kümmern, weil einem durch die Betrachtung des Ergebnisses namens Bruttosozialprodukt sowieso alles Wissenswerte darüber in den Schoß falle. Das Ergebnis Sozialprodukt gewahrt einen vollkommenen Einblick in die black Box der Wirtschaft.
Diese methodische Empfehlung ist nicht nur ein unbegründetes Versprechen, sondern auch ein logischer Fehler, denn woher wissen Dornbusch/Fischer, daß das, was sie als Ergebnis der wirtschaftlichen Tätigkeit ausgeben, auch deren Ergebnis ist? Die Erklärung der Wirtschaft als selbständigen Gegenstand hatten die Brotgelehrten doch von vornherein von der Tagesordnung wissenschaftlicher Befassung abgesetzt. Sie pochen nun einfach darauf, daß, weil ein Ergebnis vorläge, auch eine wirtschaftliche Tätigkeit vorgelegen haben müsse.
Über ihren Gegenstand setzen Volkswirte also ein negatives Urteil in die Welt: Die Wirtschaft, ist was sie selbst nicht ist, nämlich ihr Ergebnis. Der erste Höhepunkt wirtschaftswissenschaftlichen Denkens besteht in dem leeren Reflexionsverhältnis, daß sich die Wirtschaft in ihrem Ergebnis spiegle, und umgekehrt das Ergebnis die ihm zugrundeliegende wirtschaftliche Tätigkeit beschreibe. Weder das eine - die wirtschaftliche Tätigkeit -, noch das andere - ihr Ergebnis - ist auf diese Weise bestimmt. Das bringt VWLer in Stimmung. Für sie schreit diese Unbestimmtheit nach definitorischer Festlegung: Wirtschaftswissenschaftler sind so frei zu entscheiden, was sie als Guter und Dienstleistungen ansehen und dadurch als wirtschaftliche Tätigkeit qualifizieren mochten. Da muß ganz problembewußt zu Werke gegangen werden.
Professoren und Lehrbuchautoren bemühen sich, dem wissenschaftlichen Nachwuchs Beispiele an die Hand zu geben - ein Verfahren, das allenfalls die Hilflosigkeit der Theorie, nämlich das Fehlen eines Kriteriums deutlich macht. Nicht besser steht es natürlich mit der Aufzahlung von Dingen, die nicht zum Sozialprodukt zu zahlen sind. Erfolgreich ist diese begriffslose Präsentation spätestens dann, wenn sie in ein munteres Diskutieren problematischer Falle oder gar ganz neuer Perspektiven der Einordnung einmündet: Da stellen sich dann alle auf den Standpunkt, daß Autos und Bananen zweifelsfrei zum Sozialprodukt gehören, aber vielleicht verdreckte Flüsse und andere wenig beliebte Produkte industrieller Produktion doch irgendwie dagegen aufgerechnet werden sollten.
Zweierlei tritt in solchen Debatten zutage. Erstens: Wer nicht weiß, was die wirtschaftliche Tätigkeit ist, von der er reden will, kann auch nicht ihre Ergebnisse zusammenzählen. Zweitens aber liefern ihm moralische Gesichtspunkte einen vollgültigen Ersatz Für jedes Wissen, also die geschmäcklerische Beurteilung von allem und jedem als irgendwie ,,produktiv" oder auch nicht.
Stinknormale Handelsartikel werden natürlich zum Reichtum gezahlt - der Handel mit ihnen ist Beweis genug-, aber als mindestens ebenso nützlich gelten Spezialprodukte wie Panzer und Raketen, die schließlich unabdingbar sind Für ein ordentliches Staatswesen. Spitzenreiter unter den nützlichen Tätigkeiten, die bedauerlicherweise bis heute keinen Eingang in die einschlägigen Statistiken finden, sind die Hausfrauenarbeit und die Kindererziehung (Mutterliebe kann man nicht kaufen). Zeichnen sich diese Tätigkeiten noch durch ein mehr oder weniger greifbares Produkt aus (das Kind), so wird auf diesen Aspekt bei den typischen Dienstleistungen ganz verzichtet: Hierher gehören Rechtspfleger jeglicher Couleur, Sozialarbeiter, Bankbedienstete, Immobilienmakler und Polizisten, Politiker, Soldaten, Pfaffen und andere Vermummte. (Zur Verdeutlichung ihres produktiven Charakters werden ihnen dann oft ausgesprochene Kunstprodukte zugeschrieben: Sicherheit, öffentliche Ordnung, Kultur, Erbauung, Trost, Legitimität
Schlechterdings alles, was die kapitalistische Gesellschaft Für ihren Betrieb Für notwendig erachtet, gilt eben deshalb auch als wirtschaftliche Tätigkeit. Ob produzieren, konsumieren, Kinder kriegen oder Messen lesen - alles gilt als dasselbe. Die klassische Ökonomie hat noch Pfaffen und Advokaten genauso wie Minister und ihre Mätressen zum unproduktiven Staatskonsum gerechnet. Diese Zeiten sind vorbei. Moderne Wirtschaftswissenschaftler Konen ihre programmatische Unwissenheit über die Wirtschaft nicht Schöner unter Beweis stellen als eben darin, daß sie keinen Unterschied zwischen Ökonomie, Religion, Politik und was es sonst noch heutzutage so gibt, kennen wollen.
Mit der Definition, was alles zum Sozialprodukt gehört, ist die Theorie aber noch nicht fertig. Es soll ja nicht nur eine Liste erstellt werden, wo ein Produkt und eine Dienstleistung nach der anderen aufmarschieren, und dann hat man alles beieinander als bloße Aufzahlung.
Genauso dogmatisch, wie der Standpunkt gegenüber der fertigen Summe ist, der sich die dazugehörigen Teile zurechtdefiniert, geht jetzt die Betrachtung der Summanden weiter. An ihnen soll wahrgemacht werden, daß sie bloße Bestandteile vom Sozialprodukt sind. An sich haben die nämlich keine Eigenschaft, die sie als Teile eines großen Ganzen ausweisen wurde. Autos, Zahnbürsten, Ökonomievorlesungen und Haarschnitte sind nun einmal verschieden, und zusammengezählt käme nur Unsinn heraus. Deshalb muß eine Einheit her, die die unterschiedlichen Trümmer Für jeden ersichtlich zusammenzählbar macht. Also werden die Guter bewertet", gemäß dem Anteil, den sie zum Sozialprodukt beitragen.
Das Bewertungsproblem'' ist also die Nächste definitorische Hürde, die sich Für einen Makroökonomen stellt. Er fragt sich, wieviel 1 kg Apfel oder eine ordentliche Predigt zum Sozialprodukt beitragen. Solange aber die Tätigkeiten und ihre Produkte konkret sind, können sie nicht Beitrag sein. Die Resultate verschiedener Tätigkeiten als ein Mehr oder Weniger einer einzigen abstrakten ,,wirtschaftlichen Tätigkeit" darzustellen und dann zu messen, geht sachlich nicht, wenn diese abstrakte Tätigkeit nichts anderes sein soll als bloß die Sammlung der verschiedenen Tätigkeiten. Man hat ja gerade keine allen Tätigkeiten innewohnende Gemeinsamkeit entdeckt, die es gibt - sondern die Gemeinsamkeit soll sich umgekehrt daraus ergeben, daß man zuvor zusammengezählt hat. Ergeben tut sich aber durchs Zahlen keine Einheit, die ist nun mal die Voraussetzung jeder korrekten Addition.
Weil aber eine Sozialproduktseinheit her soll, greifen Makroökonomen auf den Preis zurück, der formell Ihren Anspruch erfüllt, alles als das gleiche zahlbare Ding zu betrachten. Weil sie aber darüber hinaus keinen Inhalt Für diese Gemeinsamkeit angeben können, die ja mehr sein soll als der Preis, diskutieren sie aufs heftigste, ob die Preise ihren Anspruch auch erfüllen, wenn diese sich wie Preise verhalten und sich bewegen.
Die Preise sollen schließlich die große des Anteils definieren, mit dem ein Gut ins Sozialprodukt eingeht, und alle Preise zusammen sollen die Hohe des Gesamtprodukts ausdrucken. Das ist aber nicht gewährleistet, wenn die wirklichen Preise einfach steigen oder fallen, so daß ein )Ökonom sich vorstellen kann, die Wirtschaft habe sachlich dasselbe Ergebnis wie im vorigen Jahr, aber zu anderen Preisen. Deshalb versuchen So-zialproduktskonstrukteure, die wahre" Funktion des Preises gegen seine unerwünschte Nebenwirkung" - einen Verfall des Geldwertes - zu isolieren. Sie wollen die Preise ideell fixieren, um sich der Seriosität des Preises als Maßstab Für ihr Produkt zu versichern - und landen bei dieser Übung doch immer wieder bei ganz normalen Preisen, bloß denen von 1972:
Und schließlich: Manche Preise muß man den zu zahlenden Gütern erst mal zuschreiben", ehe man sie dann bereinigen'' kann. Dieser Fall liegt zum Beispiel bei sämtlichen staatlichen Leistungen'' vor. Weder Für die Benutzung von Autobahnen noch Für die Darbietungen von Politikern und Ökonomieprofessoren gibt es einen ordentlichen Markt, so daß es außerordentlich schwer ist, ihren Preis festzustellen. Makroökonomen sind deshalb mehrheitlich dazu übergegangen, sie einfach entsprechend ihrer Kosten in Sozialprodukt eingehen zu lassen - nach der Logik, daß, wenn dem Staat Beamtenschaft und Militär so viel wert'' sind, diese umgekehrt auch in dem Maß zum großen Ganzen beitragen.

Der Kapitalismus ist verwandelt in eine Veranstaltung, die ein stattliches Resultat vorzuweisen hat. Damit ist erstens jede vernünftige Befassung mit Inhalt und Form der Wirtschaft von vornherein ausgeschlossen. Alle ökonomischen Tatsachen sind der Untersuchung und damit der Kritik entzogen, weil ab jetzt nur noch eine begriffslose Summe betrachtet wird. Wie bodenlos ihre Zufriedenheit mit dem Kapitalismus ist, läßt sich ermessen an den Sorgen, die Makroökonomen vorbringen. Sie haben nämlich nichts anderes zum Gegenstand aIs dieses fiktive Ergebnis - wachst es, wachst es schnell genug, wachst es vielleicht zu schnell? Und dabei brauchen sie noch nicht einmal zu wissen, daß sie mit ihren bangen Fragen dem Wachstum des Kapitals das Wort reden (das im übrigen darauf gar nicht angewiesen ist).
Zweitens entdeckt ein Konstrukteur des Sozialprodukts, ganz jenseits der sachlichen Erfordernisse des Kapitalismus, Zuständigkeiten Für seinen Sachverstand. Er deutet jede Handlungsweise als prinzipiell nützlichen Beitrag zum Gesamtprodukt. Diese abgeklärte Manier, die Welt zu betrachten, verwischt alle Unterschiede zwischen ökonomischen und anderen Tätigkeiten. Sie lost die (Ökonomie als Gegenstand auf. Was übrig bleibt, ist die Methode, alles unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Das Geschäft der Makroökonomie ist also Sinnstiftung: Die ganze kapitalistische Gesellschaft wird zur Produktionsgemeinschaft erklärt.