Ökonomen kennen jenseits aller bestimmten Wirtschaftssysteme ein Verfahren,"eine Regel, nach der gewirtschaftet wird" (I,547), und zwar ziemlich grundsätzlich und von jedermann. Daß das so ist, soll daran liegen, daß alle "Wirtschaftssubjekte" mit derselben grundsätzlichen Schwierigkeit zu kämpfen hätten:
"Haushalte wie Unternehmen stehen nämlich vor dem gleichen Grundproblem: Güterknappheit..."(II, l5)
Warenberge und Gemüsehalden können Ökonomen gerade wegen der Grundsätzlichkeit ihrer Behauptung nicht beeindrucken. Ausgerechnet den Reichtum kapitalistischer Gesellschaften wollen sie (auch) als quasi natürliche Armut an Gütern ansehen, und deshalb ist ihnen ihr eigenes Armutszeugnis auch kein Anlaß zu Kritik an dieser Produktionsweise und oder Ansporn, für eine vermehrte Güterproduktion zu sorgen. Vielmehr legt die VWL Wert darauf, Haushalte und Unternehmungen in eben diese ausweglose Knappheitssituation theoretisch hineinzuversetzen:
"Den Haushalten steht nur eine begrenzte Anzahl von Gütern zur Verfügung, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Und den Unternehmen stehen Produktionsfaktoren in nur begrenztem Umfang zur Produktion von Gütern zur Verfügung Wie kann dieses Problem von den Haushalten oder den Unternehmen gelöst werden ?" (II,15)
Für dieses Problem gibt es aber keine Lösung. In einem solchen Szenario ist bereits alles entschieden: Wenn die Güter nicht reichen, dann ist Beschränkung der Bedürfnisse eine ausgemachte Sache. Und um die Produktion steht es auch nicht besser: Wenn die Produktionsfaktoren nicht reichen, muß die Produktion eben eingestellt werden. So wollen Ökonomen aber ihr Bild von der Endlichkeit allen ökonomischen Handelns nicht verstanden wissen. Gerade da, wo sich nichts mehr schiebt, sehen sie den Ansatzpunkt allen ökonomischen Treibens, wenn nicht gar jeglichen vernünftigen Handelns überhaupt gegeben, so daß sich wieder Zufriedenheit mit den zunächst als so kläglich geschilderten Umständen einstellen kann:
"Als ökonomisches Prinzip wird der zweckmäßige Umgang mit den knappen wirtschaftlichen Gütern beschrieben. "(III, 88)
"Es (das Prinzip) beruht auf dem allgemeinen Vernunftprinzip, das jedem Menschen gebietet, entweder mit gegebenen Mitteln einen möglichst großen Erfolg (Nutzen) zu erzielen, oder aber, anders formuliert, ein vorgegebenes Ziel (eine bestimmte Nutzenhöhe mit einem möglichst geringen Aufwand (möglichst wenig Gütern) zu erreichen. Die erste Handlungsweise (fixierter Input, maximaler Output)bezeichnet man als Handeln nach dem Maximumprinzip, die zweite (fixierter Output, minimaler Input) als Handeln nach dem Minimumprinzip. "(IV, 7)
Eine wahrhaft gelungene "Lösung"!
Über bestimmte Bedürfnisse und die zu ihrer Befriedigung notwendigen Güter will der Ökonom genauso wenig nachdenken wie über Produktionsziele und die dafür benötigten Mittel. Er räsonniert über ein Verhältnis von Ziel und Mittel überhaupt, und zwar falsch. Er tut nämlich so, als ob mit dem Vorliegen eines Zweck-Mittel-Verhältnisses noch gar nichts entschieden wäre. Er tut so, als könnte man einerseits Mittel und andererseits Zwecke konstatieren, und sich dann erst fragen, wie beide aufeinander zu beziehen wären. Bloß: Für den Bau eines Fahrrads sind nun einmal zwei Reifen, zwei Felgen und eine Lenkstange genau angebracht.
Der Ökonom will sich das Zweck-Mittel-Verhältnis aber gerade variabel denken. Nur so kommt nämlich die von ihm postulierte Freiheit in einer beschränkten Welt zum Zuge. Mit "gegebenen Mitteln einen möglichst großen Erfolg zu erzielen" (= Maximum-Prinzip), macht aber nur dann einen (verrückten) Sinn, wenn man sich zuerst jeden vernünftigen Umgang mit den jeweiligen Mitteln wegdenkt, und sich vorstellt, daß man die Fahrradreifen auch zur Hälfte wegwerfen oder Autos damit ausstatten könnte. Dann - und nur dann - erscheint die Produktion von 50 Fahrrädern aus l00 Reifen als erfolgreichste und wahrhaft "ökonomische Lösung" des vorstellig gemachten Fahrradreifenverwertungsproblems, und ein zweckmäßiger Umgang als recht eigentliche Maximierung von lauter ausgedachten Unzweckmäßigkeiten.
Das Minimierungsproblem ist der gleiche Unsinn, nur anders herum: Hier werden, um im Beispiel zu bleiben, die 50 Fahrräder nicht mit l00, sondern mit möglichst wenig Reifen bestückt, also pro Rad auf keinen Fall mehr als zwei. Das muß einem doch mal aus berufenem Mund gesagt werden!
Die ökonomische "Vernunft" besteht also darin, allem, was Leute so tun und treiben, eine ganz neue Interpretation zu verpassen. Ökonomen denken sich ein Prinzip aus, das ebenso abstrakt wie absurd ist und das von nichts anderem kündet als dem Interesse des Theoretikers, der ökonomischen Welt des Kapitalismus eine wohlwollende Deutung zu verpassen.
Die Methode, die in den folgenden Beispielen zur Anwendung kommt, ist ebenso dreist wie unlogisch. Erstens werden die knappen Mittel, also Güter und Produktionsfaktoren, von denen anfangs die Rede war, ersetzt durch beschränkte Geldsummen, mit denen die Subjekte umzugehen hätten. Zweitens bleibt es auch auf der Seite der Zwecke nicht dabei, daß einer einen bestimmten Konsumwunsch befriedigen oder ein bestimmtes produktives Ziel erreichen will: Auf einmal ist von Zwecken weit abstrakterer Natur die Rede. Und wenn der Ökonom jetzt Beispiele für das ökonomische Prinzip in einer durch die Einführung des Geldes völlig verwandelten Form produziert, dann besitzt er drittens noch die Frechheit, zu behaupten, daß gerade damit bewiesen sei, wie gut das Geld als Mittel oder Lösung ökonomischer Probleme, also für die Anwendung des Vernunftprinzips tauge.
"Familie Klug hat infolge der gestiegenen Heizöl- und Benzinpreise monatliche Mehrausgaben von etwa 200,- DM Die Familienmitglieder überlegen nun, wie sie die erhöhten Ausgaben vermeiden können, ohne dabei Einbußen in der Bedürfnisbefriedigung hinnehmen zu müssen. Sohn Franz fallen folgende Möglichkeiten ein: Verwendung anderer Energiequellen ..., vermehrte Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Verkauf des PKW's der gehobenen Mittelklasse und Kauf eines ,sparsameren'Autos.... Dadurch können bei gleichem Erfolg Einsparungen bei der Mittelverwendung erreicht werden so daß keine Mehrausgaben anfallen.4(V, 20)
Familie Klug müßte eigentlich Familie Dumm heißen. Jetzt steht ihr weniger Geld zur Verfügung, und endlich merkt sie, daß sie bis dato alles falsch gemacht, sich nämlich sehr unökonomisch verhalten hat. Statt gleich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, ist sie völlig unnötigerweise mit der Luxuskarosse durch die Gegend kutschiert. Der knappe Lohn wird so zu einem prima Mittel, der Familie ökonomisches Denken beizubiegen. Die kleine Lüge, damit sei keine "Einbuße bei der Bedürfnisbefriedigung" verbunden, ist dazu allerdings nötig. Wenn die Fortbewegung in der Straßenbahn und im Auto dasselbe sein soll, muß man schon von jeder Qualität der Beförderung: Bequemlichkeit, Geschwindigkeit, freie Zielwahl usw. absehen. Nur auf dieser verrückten Grundlage, wo es überhaupt keinen Grund mehr gäbe, sich ein Auto zu leisten, kann man dann behaupten, daß es die Familie Klug, die sich billig fortbewegen muß, mit der billigsten Fortbewegung am besten getroffen hat. Allerdings: Für diesen Zweck tuns auch Schusters Rappen: Null Kosten, und relativ dazu kommt man ziemlich weit!
Mit dem "Grundsatz":
"Das Verhältnis von Erfolg zu Mitteleinsatz zu maximieren (generelles Extremunprinzip)4 (IV, 7)
hat sich der Ökonom endgültig davon verabschiedet, daß es um die Befriedigung von Bedürfnissen gehen sollte, denn die kommt im Verhältnis überhaupt nicht mehr vor; indem der Erfolg an seinen Kosten gemessen wird, ist verschwunden, was den Erfolg überhaupt zum Erfolg macht, was also sein wahres Maß ist. Der Erfolg ist prinzipiell garantiert, egal wie er aussieht:
"Gleichgültig, welche Entscheidung letztlich getroffen wird, ... Bewußt oder unbewußt setzt der wirtschaftende Mensch das sogenannte ökonomische Prinzip in die Tat um."(V, 20)
Der Ökonom behauptet eine Methode des Erfolg-Habens, die gerade unabhängig von den Mitteln existieren soll. Man kann einfach immer "das Beste" daraus machen. Der Zwang zum Einteilen und zum Verzicht wird so zum Beleg für die Notwendigkeit "rationalen Verhaltens" angesichts "begrenzter Mittel", und mit Begriffen wie Maximierung, Erfolg etc. zu einem Prinzip der Wohlfahrt umgedeutet.
Am schönsten scheint dem Ökonomen das Maximierungsprinzip aber in der kapitalistischen Produktion faßbar zu sein, weil im Verhältnis Kosten-Gewinn handgreiflich nachzuzählen:
"Im europäisch/anglo-amerikanischen Kulturkreis wird das ökonomische Prinzip weitgehend dem Streben nach ,maximalem Periodengewinn' gleichgesetzt. ".
"..das für die Unternehmen im allgemeinen unterstellte Ziel der Gewinnmaximierung (scheint) leichter faßbar, weil Gewinne doch in Geldeinheiten gemessen werden können. 4(I, 547; VI, l2)
Auch hier setzt sich der Ökonom sehr souverän über die Zwecke von Unternehmern hinweg und übersetzt sich die Plusmacherei, die gerade keine Obergrenze kennt, in eine Maximalpunkt-Berechnung. Bei diesem Gewinn"Maximum", das sich immer erst im Nachhinein "faßbar" machen läßt, indem man den gerade erzielten Gewinn zum maximal möglichen erklärt, soll es sich aber nicht bloß um die "größtmögliche" Summe Geldes, sondern gleich auch noch um die günstigste technische Gestaltung des Produktionsprozesses handeln:
"Bei gegebenem Einsatz von Arbeitskräften und Maschinen - Faktoreinsatz - soll die größte Gütermenge produziert werden," oder "eine bestimmte geplante Gütermenge soll mit dem geringsten Faktoreinsatz produziert werden." (II, l5),
so daß jetzt der Gewinn zum Garanten einer effektiven Produktionszusammenstellung geworden ist. Unter dem Titel: "Faktoreinsatz" sind nämlich Maschinen und Arbeiter zur beliebig kombinierbaren, also auch reduzierbaren Masse (gleich-)gemacht, und damit ist das Rätsel in die Welt gesetzt, wie man jetzt den "geringsten Faktoreinsatz" ermitteln können soll. Arbeiter einsparen und/oder Maschinen? Welche Kombination ist bloß die "optimale"? Da erscheinen die Kosten so richtiggehend als Rettungsanker für den Extremwertbildner, hat er doch damit eine Einheit, die einem in bezug auf den Ertrag die (preis-)"günstigste" Zusammenstellung ermitteln hilft.
Mit dieser letzten Lüge, die Produktion sei nicht das Mittel für den Gewinn, sondern umgekehrt, der Gewinn sei Anzeiger und Stachel zugleich für eine zweckmäßige Produktion von Gütern, hat es der Ökonom geschafft, die Welt des Kapitals auf den Kopf zu stellen. Er spricht den Kapitalisten das Lob aus, die Produktion ökonomisch = vernünftig zu organisieren.
Kapitalisten produzieren eben ... einfach optimal!
Verwendete Literatur:
I Gabler's Wirtschaftslexikon, l0. Aufl., Wiesbaden l979
II W. Schneider/H. Randak, Im Kreislauf der Wirtschaft, Bayerische
Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, l. Aufl.,l979
III Günther Flemming, Kleines Wirtschaftslexikon, Fachbegriffe der
Volkswirtschaft, 5. Aufl Leinfelden-Echterdingen, l983
IV Bartling, M., Luzius, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 4. Aufl,
München l983
V Wirtschafts- und Rechtslehre, AK s, Bad Homburgv.d.Höhe l982
VI v.Böventer, Einführung in die Mikroökonomie, 3. Aufl,
Oldenbourg l994