Aus dem Musterkoffer volkswirtschaftlicher Ideologien:

"Produktionsfaktoren"


"Wir betrachten die gesamte Volkswirtschaft als eine Riesenunternehmung, die durch einen Kasten dargestellt wird .. . Auf der einen Seite geht ein ,Input' ein und auf der anderen Seite kommt ... ein , Output' heraus. " (Bartling-Luzius, S. 2l)

"Beim Input spricht man zusammenfassend hinsichtlich aller Mittel, die an der Erstellung von Gütern beteiligt sind, von den PRODUKTIONSFAKTOREN. Sie werden herkömmlich in die drei großen Gruppen Arbeit (A), Boden (B) und Kapital (K) eingeteilt. " (22)

Produktionsfaktoren

So sieht sie aus, die ökonomische Theorie über die "Güterproduktion" unserer "Volkswirtschaft". Diese ist ein großer Produktionsprozeß mit der Eigenheit, daß die Größen Arbeit, Boden und Kapital gleichermaßen als "Input" in ihn hineingehen, damit am Ende etwas als "Output" herauskommt. Was taucht da alles als Macher (deutsch für "Faktor") der Produktion auf?

"Die Arbeit": Merkwürdig, die Produktion wird als ihr eigener Macher vorgestellt, denn Produktion, die Hervorbringung von nützlichen Dingen, ist doch wohl nichts anderes als Arbeit! Sollten mit "Arbeit" die Arbeiter gemeint sein, wären damit die einzigen Macher der Güter bezeichnet.

"Das Kapital": "Sachkapital" sind für Volkswirte sowohl Maschinen, Werkzeuge und Fahrzeuge als auch Roh- und Hilfsstoffe. Damit subsumieren sie unter diese Kategorie nach der sachlichen Seite der Produktion sowohl Arbeitsmittel, als auch Arbeitsgegenstande. Wie sollen diese Dinge ein Ergebnis hervorbringen?

"Der Boden": Damit wollen Ökonomen einen Namen für den Boden in seiner Eigenschaft als Standort von Produktion und für die Summe der Naturschätze und Naturkräfte gefunden haben. Als Standort ist der Boden überhaupt kein Moment in der Produktion genausowenig, wie die Luft, die die Fabrik umgibt. Die Naturschätze können Arbeitsgegenstand und die Naturkräfte wie Wasser, Wind und Sonne Arbeitsmittel sein. Von wegen Macher der Produktion!

Unter der Überschrift Produktionsfaktoren werden also völlig disparate Dinge für das Zustandekommen eines Produktionsergebnisses verantwortlich gemacht; gleichermaßen soll es zurückgehen auf

Daß es sich bei Arbeit, Boden, Kapital - und zusätzlich dem technischen Wissen - um Input handeln soll, verdankt sich der volkswirtschaftlichen Sichtweise der Produktion: Man müsse diese "Dinge" in die Produktion "einstellen" (deutsch für Input) oder anders: in der Produktion einsetzen. Diese Redensart unterstellt, daß mit Produktion hier etwas anderes gemeint ist als der sachliche Zusammenhang zwischen Arbeit, Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand bei der Erzeugung nützlicher Dinge. Die Trennung der Arbeiter von den sachlichen Produktionsmitteln, wird genauso unterstellt wie das Grundeigentum, wenn ihre Zusammenführung ein Produktionsergebnis verspricht. Diese Eigentümlichkeit der kapitalistischen Produktion muß der Ökonom im Kopf haben, wenn er Arbeit, Boden und Kapital in einem Atemzug nennt und von ihnen gleichermaßen als Faktoren bzw. Input der Produktion redet. Er denkt offenbar daran, daß in der Marktwirtschaft Unternehmen die Arbeit in Form von Arbeitskräften und die diversen Produktionsmittel und Rohstoffe einkaufen, um ihren Produktionsprozeß in Gang zu setzen. Und der Boden fällt ihm sowieso bloß ein, weil es in der Marktwirtschaft den Beruf des Grundeigentümers gibt, der eine Rente für die Nutzung seines Bodens verlangt.

Die behauptete Gleichordnung von Arbeit, Boden und Kapital im Sinne von Produktionsmitteln wurde also keineswegs aus einer Analyse von Produktionsprozessen gewonnen - "wahr" ist ihre Gleichheit nur insofern, als sie wahr gemacht ist durch die Macht des Geldes! Also ausschließlich dadurch, daß ein Kapitalist alles als Kostenbestandteile für seine Produktion zu kalkulieren pflegt und sie ihm daher gleichermaßen als "Input" gelten. Genau diese Eigentümlichkeit kapitalistischen Wirtschaftens wollen bürgerliche Ökonomen als ein Verhältnis vorstellig machen, das einem Produktionsprozeß natürlicherweise zukommt:

- Daß Unternehmen alles als Kost betrachten und behandeln und nur quantitativ unterscheiden, weil es ihnen um die Produktion eines Überschusses in Form von Geld geht laut herrschender Volkswirtschaftslehre eine jedem Produktionsprozeß angemessene Verfahrensweise.

- Daß es hierzulande Leute gibt, die außer ihrer Arbeitskraft nichts besitzen, daß andererseits Boden und Produktionsmittel als getrennte "Faktoren" in Form von Eigentum existieren, und daß schließlich diese 3 "Faktoren" unter der Regie eines Unternehmers zusammengebracht gehören, damit ein Gewinn erwirtschaftet wird - laut gültiger Ökonomenmeinung vollkommen selbstverständliche Voraussetzung und Aufgabe einer jeden Produktion. Mit der Betrachtung des Kapitalismus als Produktionsprozeß haben unsere Ökonomen es hingekriegt, die Spezifika kapitalistischen Produzierens, an die sie bei ihren Darbietungen dauernd denken, die sie aber gerade als solche nicht benennen wollen, als "Grundtatsachen jeden Wirtschaftens" darzustellen. Und darauf kam es ihnen schließlich ja auch bloß an ...

Das Bild von den drei Produktionsfaktoren, die als Input einen Output erzeugen, hat noch eine zweite Nutzanwendung. Es suggeriert die Vorstellung vom Output als einem gemeinsamen Gut, das es nun zu verteilen gilt.

Geldkreislauf

Mit diesem Kreislaufmodell ist also behauptet, daß jeder ,,Produktionsfaktor" genau soviel von dem erstellten Produkt erhält, wie seinem Beitrag innerhalb des Produktionsprozesses entspricht. "Faktoreinkommen" entspricht "Faktorleistung". Wie das?

Schließlich gibt es auch hier ebenso wie bei der Rede von Arbeit, Boden und Kapital als Produktionsfaktoren kein sachliches, der Produktion immanentes Maß dafür, wieviel vom Endprodukt dem Produktionsmittel Säge, 2 Stunden Arbeit, geschweige denn 10 qm Boden zustehen sollten. Es ist einfach keinem Auto anzusehen noch ist zu berechnen, wieviele Teile von ihm auf die Arbeit des Schlossers, auf die "Leistung" der verwendeten Maschinen oder auf den "Beitrag" des Bodens entfallen würden. Aber was soll's. In der kapitalistischen Produktionsweise kommt es eh nicht auf den Gebrauchswert eines Schrankes oder eines Autos an. Bei ihrer Herstellung interessieren die Arbeit und ihre Mittel sowieso nur unter dem Gesichtspunkt, was sie kosten. Der Ökonom "schließt" aus der Tatsache, daß die Unternehmer die Elemente ihres Produktionsprozesses ja bezahlt haben, daß damit jeder "Produktionsfaktor" wohl auch entsprechend seines Scherfleins entgolten wird, das er zum Zustandekommen des Produkts beigetragen hat.

Der Ökonom macht glauben, daß erst ein (Sozial-)Produkt erarbeitet wird, das dann gleichmäßig an seine Ersteller namens Produktionsfaktoren verteilt wird. Es ist aber genau anders herum: Der Kapitalist schießt Geld für die Produktionsmittel und die Ware Arbeitskraft vor, damit er einen Überschuß durch den Verkauf der produzierten Waren realisiert. Damit vermehrt er das Geldvermögen, das ihm gehört. Diese beinharte "Grundtatsache" kapitalistischen Wirtschaftens (die qua Recht auf Privateigentum unumschränkt gilt) hat das "Verteilungsproblem" also gelöst, bevor es sich überhaupt stellt.

Daß die Volkswirtschaftslehre seit Urzeiten die Vorstellung vom entsprechenden Entgelt für die "Bereitstellung von Faktorleistungen" verkündet, hat also weniger einen sachlichen denn einen propagandistischen Grund: ihr gefällt halt das Bild von der kapitalistischen Produktionsweise, in der Geben und Nehmen sich aufs Herrlichste entsprechen und so der Schein erzeugt wird, als sei die Bezahlung von Lohnarbeitern, der Zins von Kreditgebern und der Privatgewinn von Unternehmern nichts anderes als der in Geld ausgedrückte Anteil am Gesamtprodukt, der ihnen (sach-)gerechterweise zusteht.


Neu ist dieses ideologische Kunststückchen mit den "Produktionsfaktoren" wahrlich nicht. Bereits einige Ökonomen des l9. Jahrhunderts beherrschten es aufs Vortrefflichste:

"In dem ersten Stein, den der Wilde auf die Bestie wirft, die er verfolgt, in dem ersten Stock, den er ergreift, um die Frucht niederzuziehen die er nicht mit den Händen fassen kann, sehen wir die Aneignung eines Artikels zum Zwecke der Erwerbung eines anderen und entdecken so - den Ursprung des Kapitals." (R. Torrens)

- und versuchten, ihre Verwechslung den Engländern gleich mit der Sprache beizubringen:

"Aus jenem ersten Stock ist wahrscheinlich auch zu erklären, warum stock im Englischen synonym mit Kapital ist." (K. Marx)