Mikroökonomen erklären den Kauf


Mikroökonomen erklären den Kauf- l. Schritt:

Jedem das Seine, denn mehr ist nicht drin!

Einem Ökonomieprofessor, der die mit l00 g Wurst, 50 g Butter und 3 Semmeln gefüllte Einkaufstüte einer Hausfrau sieht, fällt die Frage ein: Wie konnte es bloß dazu kommen? Oder das Ganze in wissenschaftlicher Ausdrucksweise:

"Das zentrale Entscheidungsproblem des Haushalts besteht darin zu bestimmen, welche Güter er in welchen Mengen zu Konsumzwecken nachfragen will"(Böventer, S. 43).

Wenn der Ökonom sich solche Fragen stellt, dann schafft er sich erst das Geheimnis, das er ergründen möchte. Dazu ist es notwendig, von allem abzusehen, was das Einkaufen ausmacht. Dem Kauf von Wurstsemmeln wird z.B. wohl das Bedürfnis nach Wurstsemmeln zugrunde liegen. Solche Auskünfte will der Ökonom aber nicht als Bestandteil seiner Theorie zulassen:

" Wir werden nicht untersuchen, worin diese Bedürfnisse bestehen und wie sie zustande kommen..."(Böventer, S.43).

Jetzt steht er vor dem Rätsel, das er haben wollte: Es soll eine Erklärung gefunden werden für den Kauf, neben und in Opposition zu dem, was der Kauf für Bestimmungen hat; dies nennt der Ökonom das zentrale Entscheidungsproblem des Haushalts - und zu dessen Lösung erfindet er einen allgemeinen Mechanismus der Entscheidung. Er will den Käufer vorstellig machen als einen, der im Kauf ein Entscheidungskalkül betätigt, dessen Resultat dann die Wurst, die Butter im Einkaufskorb sein soll. Weil er also vom tatsächlich stattfindenden Kauf nichts wissen will, diesen eben als Entscheidung, die nach bestimmten Regeln abläuft, besprechen will, muß er sich diese Regeln natürlich erst konstruieren. Als l. Baustein seiner Theorie läßt er sich Möglichkeiten einfallen, zwischen denen man auswählen kann:

"Der l. Schritt beim Aufbau des Modells ist es, zweckmäßigerweise zu präzisieren, welche Wahlmöglichkeiten dem überhaupt offenstehen."(Böventer, S. 5o).

Den ökonomischen Erfindergeist in Ehren, bloß, soll man sich deswegen schon die Verrücktheit zu eigen machen, daß einer, der Wurstsemmeln will, sich überlegt, daß auch alles andere im Supermarkt für seine Wahl relevant ist, daß er auch eine halbe Sau, 10 kg Butter und überhaupt 10 Sorten Schuhcreme zur Auswahl gehabt hätte? Aber wie gesagt, hier ist ein Konstrukteur am Werk, der von dem Gedanken beseelt ist, daß es wissenschaftlich exakt errechenbar sein muß, welche Güter jemand in welchen Mengen kauft, und dazu schafft er sich als Ausgangspunkt einen Raum, in dem er alle Güter in beliebigen Mengen als Wahlmöglichkeiten, die dem Haushalt offenstehen, auflistet (n-dimensionaler Konsumraum).

Jetzt steht er da, der rationale Konsument im Garten Eden und weiß - dank der Erfindungsgabe des Ökonomen - vor lauter Wahlmöglichkeiten nicht mehr, was er haben wollte. Ganz einfach, könnte man meinen, soll er sich doch irgendetwas nehmen. So wiederum will unser Bastler seine selbstkonstruierte Unendlichkeit nicht verstanden haben. Angesichts des von ihm entworfenen Schlaraffenlandes predigt er von der Kanzel: Halt, alles was man will, kann man nicht haben; oder wie es in Kap. l seines Buches steht:

"Wir gehen davon aus, daß in unserer beschränkten Welt - insbesondere an bestimmten Orten die vorhandenen Güter insgesamt knapp sind" (Böventer, S. 2)

Und um einen Einfall, wie Knappheit in dem Raum der Wahlmöglichkeiten ins Spiel kommt, ist der Ökonom auch nicht verlegen: Mit Preis und Einkommen meint der Ökonom zwei in der Realität beobachtbare Repräsentanten für die wirtschaftswissenschaftlich postulierte Knappheit gefunden zu haben. Preis und Einkommen kommen also doch in die Debatte, aber wie: Für den Ökonomen bezeichnen Preis und Einkommen nicht das Spezifische des Einkaufens - das Hingeben von Geld gegen preisbestimmte Ware im Unterschied zum Klauen oder Ernten im eigenen Garten. Er bringt damit sein Entscheidungsproblem ein Stückchen voran, indem er Preis und Einkommen zu einer Orientierungsgröße, zu einer zu beachtenden Randbedingung im unendlichen Güterraum macht.


Die Budgetgerade, ein erster Lichtblick im unendlichen Konsumraum: Der Haushalt erfährt die unvermeidliche Beschränktheit alles Irdischen

Deshalb läßt er im Grundkurs z.B. alle diejenigen Güterkombinationen errechnen, die zusammen 100 Geldeinheiten ergeben, und kümmert sich weiterhin nur noch um die Punkte unterhalb und auf der Budgetgerade; das sind in Zukunft all diejenigen Punkte, die man zur Auswahl hat. Das mußte einem wirklich mal aus berufenem Wissenschaftlermund gesagt werden, daß es einer höheren Weltnotwendigkeit - nämlich dem Prinzip der Knappheit, die uns in Form von Preisen gegenübertritt - geschuldet ist, wenn man sich beim kleinen Hunger zwischendurch doch nicht für die halbe Sau, 10 kg Butter und das Schuhputzzeug entscheidet.

Was hat also die eingangs erwähnte Hausfrau - nach dem bisherigen Stand der Theorie - in ihrer Plastiktüte drin? Wie sieht's aus mit der Bestimmung, "welche Güter in welchen Mengen der HH zu Konsumzwecken nachfragen will? Ganz einfach, Prof Böventer verrät es uns: l. ,hätte sie alles haben können' (n-di-mensionaler Konsumraum), was aber 2. ,nicht geht, weil man nie alles haben kann'. Deswegen muß man sich 3. ,einschränken' (Budgetgerade; weitere Auskünfte folgen im nächsten Artikel, denn auf der Budgetgeraden gibt's noch viele Möglichkeiten).

Bleibt zu hoffen, daß die so für dumm verkaufte Hausfrau nicht vergißt, was sie kaufen wollte. Das wollte der Ökonom natürlich nie klären. Seine Theorie ist nicht die Bestimmung des Inhalts der Plastiktüte. Mit seiner Theorie will er eine Deutung des Kaufs, den jeder vollzieht, in die Welt setzen: Im Kaufkom-men zwei philosophische Prinzipien zusammen. Erstens die Freiheit: der erlaubte Materialismus; jeder darf wählen, aussuchen, sich nehmen, was er will. Zweitens die bittere Notwendigkeit: die Endlichkeit der Welt, die unvermeidliche Beschränktheit alles Irdischen, mit einem Wort, die Knappheit.

Die weitere Theorie ist nichts anderes als diese beiden Ideen, nachdem sie nun glücklich in ökonomischer Verkleidung in die Welt gesetzt wurden, miteinander eine Vernunftehe, ja beinahe Neigungsheirat eingehen zu lassen.

Mikroökonomen erklären den Kauf - 2. Schritt:

Der Wunsch nach nichts Bestimmtem -genau bestimmt

Dieses absurde Ziel ist Inhalt und Ergebnis eines grundlegenden Bereiches der Mikroökonomie, dem der Präferenzordnungen. Daß zum Erreichen dieses Zieles einige gedankliche Bocksprünge notwendig sind, stört weiter keinen - Wissenschaft heutzutage wird genau so betrieben.

Nachdem der Ökonom die Kaufentscheidung durch das Aufstellen der Budgetgeraden in mögliche und unmögliche Möglichkeiten "beschränkt" hat, wobei unterhalb und auf der Budgetgeraden wiederum alles möglich ist, d.h. der Haushalt sein Geld in völlig willkürlichen, mathematisch exakt ausrechenbaren Proportionen auf zwei oder mehr Güter verteilen kann, fragt sich der Ökonom,

"welche Güter in welchen Mengen der Haushalt beigegebenen Güterpreisen und gegebenem Einkommen tatsächlich Nachfragen wird" (Böven-ter, S. 54).

Kurz gesagt, er möchte halt gar zu gerne von der Geraden auf einen Punkt kommen, und dazu braucht man seit 2500 Jahren eine weitere geometrische Figur. Der Ökonom läßt sich einfallen, daß das entscheidende Subjekt auch etwas zu sagen haben muß. Sein Wille ist gefragt, als Faktor der Entscheidung, als eine Größe, die nicht selber die Entscheidung ist, sondern als Orientierungshilfe zu ihr beiträgt. Oder: Der Wille ist für die Willensbildung ganz schön wichtig. Dazu muß man allerdings einiges mit ihm anstellen, und das geht so:

Ordnungsstiftende Güterbündelvergleiche

Zuerst wird ein Maßstab erfunden, die Erwünschtheit. Demzufolge hat jeder Haushalt alle Güterbündel (= wechselnde Quantität sämtlicher existierender Güter. Die Güter, die man nicht will oder nicht kennt, haben die Quantität O!) miteinander verglichen und daraufhin eine Rangfolge der Wünsche (= Erwünschtheit) erstellt. Dies ist zwar schlichtweg unmöglich, denn der Wunsch nach einem Bier läßt sich nicht vergleichen mit dem Bedürfnis, sich eine neue Hose zu kaufen, was ein Ökonom allerdings nicht sehen kann, da er etwas im Auge hat, einen Punkt nämlich. Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, sich zu überlegen, was man am dringendsten benötigt und ob man es sich leisten kann. Unabhängig von Preisen und Einkommen sollen Wünsche geordnet werden, wobei die Erwünschtheit, also das Absehen von jeglicher Besonderheit eines Wunsches, der sich ja schließlich immer auf konkrete Eigenschaften eines Gegenstandes bezieht, hier gerade das Kriterium für die Rangfolge bestimmter Wünsche sein soll. Man kann auch sagen, der Maßstab für die Rangfolge der Wünsche (nach Güterbündeln) ist die Rangfolge der Wünsche, die Erwünschtheit. Doch damit nicht genug: Auch das, was man gar nicht will, muß berücksichtigt werden, natürlich ebenfalls in einer Reihenfolge. Es genügt nicht zu sagen, verschimmelten Käse mag ich nicht, sondern man muß den verschimmelten Käse z.B. mit einem kaputten Fernseher und löchrigen Socken vergleichen, um festzustellen, was man am wenigsten usw. haben möchte.

"Wir nehmen an, daß der Haushalt in der Lage ist, alle möglichen Konsumplane einer subjektiven Wertschätzung entsprechend in Form einer Liste zu ordnen, in der die Güterbündel in der Rangfolge ihrer Erwünschtheit aufgereiht sind, beginnend mit dem Güterbündel, das sich der Haushalt am meisten wünscht, und endend mit dem Güterbündel, daß sich der Haushalt am wenigsten wünscht."(Böventer, S. 54)

Das Ziel im Visier - mit Annahmen erlegt

Nachdem der Ökonom nun seine Liste über die Beliebtheit der Einkaufslisten aufgestellt hat, die er Präferenzordnung nennt, folgen einige Annahmen nach dem Muster: Mein Ergebnis weiß ich (Indifferenzkurve - der Ausdruck des Ökonomen für eine schlichte Hyperbel!); wie muß ich nun die Voraussetzungen definieren, damit ich aus ihnen streng wissenschaftlich das gewünschte Resultat "erschließen" kann. Dies ist der Schein einer logischen Ableitung, was man schon daran erkennen kann, daß mögliche Folgerungen einfach ausgeschlossen werden, falls sie dem Resultat widersprechen, oder zusätzliche Annahmen eingeführt werden, falls die bisherigen noch nicht das erwünschte Ziel hervorbringen. So ist die Forderung nach nicht-ringförmiger Präferenzordnung ein dem Wunsche genauso fremdes Kriterium wie die Vollständigkeit oder Stetigkeit, und auf Differenzierbarkeit und Konvexität von Güterbündeln kann auch nur einer kommen, der eine Hyperbel zeichnen will, sich dies aber nicht zu sagen traut, um sich dann hinterher stolz auf die Schulter zu klopfen, wenn er sie aus seinen Annahmen "gefolgert" hat.

Das Modell wird auch dadurch nicht besser, wenn der Ökonom, nachdem er seine Annahme aufgestellt hat, versucht, diese auf ihre Plausibilität hin zu "untersuchen".

"Eine gewisse sachliche Rechtfertigung für die Annahme eines konvexen Verlaufs der Indiffe-renzkurven liegt in der im allgemeinen plausiblen Vorstellung, daß der Haushalt ein ausgewogen proportioniertes Güterbündel einem sehr einseitig zusammengesetzten Güterbündel vorzieht."(Böventer,S. 73)

Andererseits:

"Die nächste Annahme, die wir treffen wollen, ist die, daß der Haushalt stetige Präferenzen hat. Das Konzept stetiger Präferenzen ist nicht ganz einfach (kein Wunder) "und wir werden deshalb nicht eine allgemeine und formal präzise Definition dieses Begriffs entwickeln," (wäre das vielleicht ein Thema für eine Doktorarbeit?) "sondern wir wollen nur versuchen, Ihnen die Bedeutung dieser Annahme ... klarzumachen."(Bedeutung ausschließlich für die Theorie) (Böventer, S. 67)

So geht das bei jeder Annahme:

"Es ist uns nicht schwergefallen, für nahezu jede Präferenzordnung plausible Erklärungen anzubieten , doch "daß die Dinge in Wirklichkeit nicht ganz so eindeutig liegen, wie wir mit Annahme unterstellen" kann natürlich niemals heißen diese Annahme dann halt bleiben zu lassen. "Dennoch wollen wir uns nicht zuviel Kopfzerbrechen darüber machen, daß die Nichtsättigungsannahme in dieser Form in derRealitat sicher nicht in jedem Fall zutrifft." (Böventer, S. 66).

Mit anderen Worten: Auf die Plausibilität kommt es also nicht an, doch möchte der Ökonom darauf hingewiesen haben, daß man sich durchaus kritisch etwas zu seinen Erfindungen denken soll, und zwar nach dem Muster: Was könnte ich mir vorstellen, damit ich mich mit der Annahme einverstanden erklären könnte. Und hierzu fallen den Studenten in den Grundkursen noch absurdere Beispiele ein als dem Ökonomen selbst, was nur den einen Schluß zuläßt, daß sie ihren Verstand an die Mikroökonomie abgetreten haben; denn wer versucht, sich die Konvexität von Güterbündeln plausibel zu machen, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Noch ein Wort zu dem, was der Ökonom unter Realität versteht. Plausibel, also realitätsbe-zogen, sind für ihn zum Beispiel die Nichtsättigung oder die Ausgewogenheit der Wahl, moralische Kriterien, die man schon seit seiner Kindheit kennt - der Mensch ist unersättlich, die goldene Mitte ist das Wahre! - und die hier den Maßstab bilden, an dem seine mathematischen Erfindungen gemessen werden. Das soll wissenschaftlich betrachtete Realität sein?! Ekelhaft.

Mikroökonomen erklären den Kauf - 3. Schritt

Wenn das Machbare mit dem Möglichen - oder: Das Beste ist immer das, was man kriegt!

Wo Worte fehlen, da stellt zur rechten Zeit die Zahl sich ein.

Die mikroökonomische Haushaltstheorie hat sich dem Programm verschrieben, die hierzulande selbstverständliche Tatsache Kauf" als das Maximieren einer Funktion darzustellen. Sie ist so sehr von dieser Sicht begeistert, daß ihr jede Dummheit gerade recht ist, dies als wissenschaftliches Ergebnis zu präsentieren.

So wurden bisher Haushalte, Wahlmöglichkeiten, Güterbündel, Konsumräume, Budgetgeraden, Präferenzordnungen usw. geschaffen. Die Nutzenfunktion ist nun der abschließende Schritt in diesem Verfahren und wird durch eine Annahme (schon wieder eine!) auf den Weg gebracht, für die der Ökonom noch überdies eine besondere Gebrauchsanweisung für nötig hält:

"Die Annahme der Nutzenmaximierung impliziert überhaupt nicht die Vorstellung, daß der Konsument sich für ein bestimmtes Güterbündel deshalb entscheidet, weil er mit der Wahl dieses Güterbündels irgend etwas maximiert. " (Böventer, S. 82)

Dies Dementi ist drollig! Wer maximiert, maximiert logischerweise etwas, sei es Profit, Al-koholgehalt oder Geschwindigkeit. Wer nicht "irgend etwas" maximiert, maximiert eben nicht. Aber genau auf diese absurde Vorstellung - maximieren ohne ein Objekt - kommt es dem Ökonomen an: Er hat den wissen-schaftstheoretischen Spleen, eine Sache na-mens Nutzen zu verbieten, aber einen bestimmten Umgang mit ihr theoretisch festlegen zu wollen. Was bleibt nun, wenn maximiert werden soll, aber nichts Bestimmtes? An und für sich nicht mehr als von einem Dreieck ohne Ecken! Aber der Ökonom meint, mit der abstrakten Vorstellung von Größer und Kleiner, d.h. reinen Zahlen, einen wissenschaftlichen Begriff des verpönten Nutzens zu schaffen. In der Ökonomie haben Dreiecke keine Ecken, davon aber genau drei!

Die Zuordnung bestimmter reeller Zahlen zu den einzelnen Konsumplänen ... ist nun nichts anderes als eine Funktion u = fx), die die Präferenzordnung des Haushalts beschreibt." (Böventer, S. 80)

Der Ökonom numeriert also die Konsumpläne und behauptet frech, dies sei >>nun nichts anderes als eine Funktion", nämlich die berühmte "Nutzenfunktion". Es stimmt zwar, daß man so ziemlich alles auf der Welt, vom Kinosessel bis zum Inhalt einer Hosentasche, mit Zahlen versehen kann. Aber gelogen ist, daß dies dann gleich eine Funktion ist, die die Variation einer Größe erfaßt, also eine Eigenschaft in Abhängigkeit von anderen Variablen beschreibt. Platzziffern, wiewohl Zahlen, sind kein Maß, geben keine Quanta an, sagen nichts aus über die Extension von irgend etwas. Numeriert man z.B. die nach ihrer Größe aufgestellten Schüler einer Schulklasse der Reihe nach durch, so läßt sich aus dem so erhaltenen l. - 2. - 3. - .. ja wohl nicht schließen, daß der Schüler Nummer 2 doppelt so groß oder vierfach so schlau ist wie Nummer 4. Aber einen solchen Zusammenhang behaup-tet der Ökonom mit seiner "Zuordnung" aufgedeckt zu haben, so daß er folglich nicht mehr vom l., 2., 3., ... Güterbündel spricht, sondern von einer Funktion.

Die Leistung der Nutzenfunktion soll es sein, einen Maßstab für die unterschiedliche Er-wünschtheit der Güterbündel anzugeben. Zahlen sollen hier die Tatsache ersetzen, daß beim Messen, also Vergleichen, eine gemeinsame Qualität nötig ist. Diese Dummheit hat ihr Denkmal in der Nutzenfunktion selbst. Werden hier z.B. zwei Güterbündel im Quadrat miteinander multipliziert und ergeben so den Nutzen "klein u", so hat dieser Nutzen auf einmal die Einheit Bananen im Quadrat mal Mercedes Diesel hoch zwei. Dies stört einen Mikroökonomen wenig. Hat er doch jetzt ein mathematisches Objekt - u = x#2 mal x2a - mit dem sich trefflich Theorie treiben läßt. Der Gipfel der Theorie, demzuliebe alle früheren Annahmen gar nicht willkürlich erfunden und alle logischen Ungereimtheiten zielstrebig in Kauf genommen wurden, besteht darin, die einschlägigen Verfahrensweisen der Differentialrechnung endlich anwenden zu können. Einmal unter Verwendung von Bleistift und Lineal, und das andere Mal unter Mißbrauch einer mehr als 170 Jahre alten Extremwertmethode der Mathematik, denn doppelt hält besser.

Und wer jetzt noch immer wissen möchte, was ein optimaler Konsumplan ist, bekommt ganz lässig beschieden, daß "optimal" auf deutsch "bestmöglich" heißt:

"... der optimale Konsumplan ist einfach der Konsumplan, den der Haushalt in einer gegebenen Preis-Einkommens-Konstellation für den bestmöglichen Konsumplan hält. (Böventer, S. 95)


Das Haushaltsoptimum : die ideale Kombination des Wünschbaren mit dem Machbaren !

Der volkstümliche Rat, man solle ,das Beste draus machen', erfolgt in schöner Regelmäßigkeit immer dann, wenn einem gründlich die Interessen durchkreuzt worden sind - der Urlaub verregnet, die Milch angebrannt und die Freundin weggelaufen ist. Empfohlen wird einem damit der Trost, der in der richtigen Einstellung zum Mißgeschick liegt. Aus solchen Abgründen der Moral eine Theorie der Wirtschaftswirklichkeit zu verfertigen, blieb der Mikroökonomie vorbehalten. Sie zeigt uns einen Käufer inmitten von Beschränkungen, vornehm umschrieben als "Preis-Einkommens-Konstellation". Aber jetzt, wo alles gegeben ist, darf der Käufer Konsumfreiheit beweisen und kann sich jetzt nur noch für seinen Vorteil entscheiden. Pseudomaterialistische Begriffe wie Nutzen, Vorteil, Präferenz, Optimum an die Stelle des billigen Trostes der Moral gesetzt zu haben, ist die erste Leistung der Mikroökonomie. Dies mit Anleihen aus der höheren Mathematik vom Küchengeruch der Arme-Leute-Moral befreit und zu einer Form der intellektuellen Weltdeutung gemacht zu haben, ist ihre zweite Leistung. Daß man den Kauf als Optimierung denken könne, dies vorzuführen ist der Anspruch der Mikroökonomie. Die Durchführung zeigt, daß das ohne Verblödung nicht zu haben ist.