Beim Studium der VWL wird viel Fleiß auf die Frage verwendet, wie Wissenschaft funktioniert. Und zwar weniger, damit der Nachwuchs, falls gerade keine Theorie zur Hand ist, sich selber eine basteln kann - diese Verlegenheit ist kaum zu erwarten. Sondern vielmehr zu dem Zweck, daß die Studiosi dank der methodischen Schulung die vorhandenen Theorien auch adäquat zu würdigen verstehen. In diesem Sinne werden in den Geldvorlesungen z.B. folgende Aufgaben gestellt:
"Die Geldmenge M bestehe aus Bargeld C und Depositen D:
l) M = C + D. Die Geldbasis B bestehe aus Bargeld C und dem
Mindestreservesoll:
2) B = C + MRS.
Das MRS addiert sich aus den verschiedenen brrodukten von Reservesätzen
und Einlagevolumina:
3) MRS = rDD + rTT + rsS
Schließlich wünscht das Publikum folgende Relationen zwischen
seinen Forderungen an das Bankensystem:
4) C = kD
5) T = tD
6) S = sD.
Wieviele Variable enthält das Modell? Wieviele sind gegeben? Wie
groß ist M, falls B gegeben ist? Was erscheint an diesem Modell
unbefriedigend?"
An und für sich gibt es hier nur die wirklich triviale Aufgabe, das vorliegende Gleichungssystem auf die eine Funktionsgleichung
M = k + rD + rT + rs B
zu reduzieren.
Ein Geschäft, das zwar in einer Kulturnation nur die Minderheit, aber immerhin schon der mittelmäßigste Mittelschüler beherrscht. In den Augen der VWL spielt sich dabei aber Gewaltiges ab, und zwar wohlgemerkt "noch bevor man die Bedeutung der Variablen kennt". Hier wird über Erfolg oder Scheitern der theoretischen Durchdringung der Wirklichkeit entschieden. Wie das?
Für einen Ökonomen beginnt nämlich die Erklärung einer Sache damit, daß er eine mathematische Variable für sie einführt. Zwar meint er damit noch nichts gesagt zu haben; tatsächlich hat er so aber schon den entscheidenden Fehler hinter sich. Denn auf diese Weise, was soll man denn sonst mit Variablen anfangen, ist festgelegt, daß die Sache in Relation zu anderen zu betrachten ist - und zwar unabhängig von ihrer spezifischen Eigenart, die solche Verhältnisse erst begründen könnte. So erfährt man beispielsweise bei Gleichung 4) der obigen Aufgabe nicht, was Geld und Depositen sind, was ihr Unterschied, ihr jeweiliger Zweck und Grund ist. Aber glauben soll man, daß die beiden jedenfalls proportional zueinander sind. Ein rationelles, das heißt die Natur der beiden Dinge treffendes Argument wird dafür gar nicht erst versucht; es genügt die Vorstellung, daß das Publikum, was auch immer sich mit Geld und Depositen anstellen lasse, doch wohl irgendein Verhältnis der beiden herstellen bzw., auf Ökonomendeutsch, "wünschen" werde. Diese Form der programmatischen Nichterklärung gilt in der Ökonomie als gelungene Theoriebildung, und zwar einfach deshalb, weil man jetzt eine Gleichung habe, mit der man z.B. das Bargeld C auf die Depositen D "zurückführen" und daraus berechnen könne. So eine Gleichung (bzw. eine Sammlung ähnlicher) heißt dann Hypothese, Theorie oder Modell und gilt als Gipfel der Bescheidwisserei. Diese falsche Gleichsetzung von "erklären" und "abhängig machen" hat nun drollige Konsequenzen, in denen nichts anderes als die Fehlerhaftigkeit des Unterfangens herauskommt, deren sich ein Ökonom aber mit Freuden annimmt, um sie als tiefgründige Problematiken des Denkens in Modellen zu besprechen.
l. Der beabsichtigte Gedanke, daß die eine Sache durch die andere bestimmt sei, wird durch mathematische Gleichungen nicht mit letzter Klarheit wiedergegeben. Denn eine solche Gleichung kann man umstellen, und dann hängt, im obigen Resultat, auf einmal nicht mehr die Geldmenge M von der Geldbasis B ab, sondern umgekehrt die Geldbasis von der Geldmenge. Dies ist zwar auch ein hochinteressantes Resultat, aber im Augenblick vielleicht unerwünscht, und insofern sich die Ökonomie, wenn überhaupt durch etwas, durch Präzision auszeichnen möchte, hat sie sich extra zwei Wörter einfallen lassen, die solche Situationen eindeutig machen sollen:
"Alle Größen, die innerhalb der theoretischen, modellhaften Betrachtung erklärt werden, nennt man endogene Variable; es sind die zu explizierenden Größen.... In den weitaus meisten Fällen stößt man bei der Problemabgrenzung auf Phänomene, die zwar für das Explikans von Bedeutung sind, selbst jedoch nicht im Rahmen des Modells erklärt werden sollen. Man nennt solche Größen exogene Variable. Ihre Verknüpfung mit dem Modell ist uni-direktional: von außen nach innen.... Es ist bis zu einem gewissen Grade willkürlich, ob Variable als exogen oder endogen anzusehen sind." (Münnich, Makroökonomik, 45)

Bei der in der VWL gepflogenen Form des Erklärens muß man sich also erst noch entscheiden, was durch die theoretische Leistung, das Modell, erklärt wird und was nicht. Solche Entscheidungen sind insbesondere dann schwierig zu treffen, wenn mehrere Gleichungen und viele Variable vorliegen. Dies ist einer der Gründe dafür, weshalb Ökonomen so oft rätselnd vor ihren eigenen Geistesfrüchten sitzen, wie wenn es sich dabei um frisch ausgegrabene Hieroglyphen der dritten Dynastie handelte. Sie fragen sich dann: wie kann ich meinem Modell ansehen, was ich dank seine Hilfe weiß?" Diese- Frage ist zwar nicht zu beantworten, jedoch scheinen sich in der Praxis der Forschung einige Sitten und Gebräuche herauskristallisiert zu haben, an denen der Wissensdurstige Halt finden kann, und die ein verantwortungsbewußter Hochschullehrer auch gerne weitergibt:
Bei formalisierten Modellen muß es für endogene Variable wenigstens eine Modellgleichung geben, die den theoretischen Erklärungsversuch für diese Variable zum Ausdruck bringt- für exogene Variable gibt es eine analoge Vorschrift ex definitione nicht." (Münnich, Makroökonomik, 46)
Dieser professorale Hinweis überzeugt: Wie nämlich "bringt" man einen "theoretischen Erklärungsversuch" "zum Ausdruck"? Dadurch, daß man die Abhängigkeit, die man darstellen will, auch darstellt. Zum Ausgleich dafür muß dann das, was nicht erklärt wird, auch nicht notwendig in einer Abhängigkeitsbeziehung vorkommen. Als Lebenshilfe läßt diese Auskunft allerdings noch zu wünschen übrig. Verbesserungsversuche sind vorhanden:
"Exogene Variable können in der Regel nur einmal im Gleichungssystem auftauchen. Endogene dagegen können mehrfach, meist zweimal, auftreten." (Hilfswissenschaftler)

Natürlich ist diese Regel nur in der Regel" gültig und im Ernstfall keine Garantie von nix. Aber wem so auch die Frage, was im Modell wodurch erklärt wird, vorläufig unbeantwortet bleibt, ist immerhin die Zahl der vorkommenden Variablen den Studenten ans Problembewußtsein gelegt worden, und damit tut sich ein neuer hochintereesanter Abgrund auf:
2. Wenn die VWL die diversen Abhängigkeiten, die ihr bei einem Thema eingefallen sind, zu einem Modell versammelt, dann möchte sie dieses Gleichungssystem auch lösen können. Schließlich macht es ihr Selbstbewußtsein aus, die Wirtschaft wenigstens im Prinzip berechnen zu können. Für die Lösbarkeit von Gleichungssystemen gibt es seitens der Mathematik gewisse Bedingungen. Diese sind jetzt dem Ökonomen ein willkommener Denkanstoß, wenn er sie auch nicht schlicht und einfach anzuwenden gedenkt: Schließlich enthalten seine Gleichungen (siehe Beispiel) typischerweise nur Unbekannte, sind also von Haus aus garantiert unlösbar. Dieser an und für sich mißliche Umstand eröffnet dem Modellbauer aber eine Chance ganz eigener Art: Man muß einfach nur so tun, als ob ein Teil der ausschließlich unbekannten Größen bekannt bzw. "gegeben" wäre, und dieser Aspekt verleiht dann der "gewissen Willkür" bei der Unterscheidung exogener und endogener Größen erst die richtige Würze. Die exogenen sind die bekannten Unbekannten, und auf die richtige Mischung beider muß man der Mathematik zuliebe wie derTeufel aufpassen: "Bei zu vielen endogenen Größen erhält man im Ergebnis nur noch nichtssagende" (offenbar ein dritter Variablentypus, der noch nicht sein griechisches Wort gefunden hat!) "Größen. Bei zu vielen exogenen Größen - da wird zu wenig ökonomisch erklärt." (Hilfswissenschaftler)
Der Mangel an Aussagekraft, der der tautologischen Maxime >>zu viel ist schlecht" nun mal anhaftet, demonstriert eindrucksvoll, daß erfolgreiche Modellbildung eine Kunst ist und bleiben wird. Wenn man nämlich bei der Einteilung in exogene und endogene Variable schiefliegt, ist das Ergebnis "über- bzw. unterdeterminiert", und man kriegt nicht mehr die beliebten Wenn-dann-Sätze heraus. An "über- und unterdeterminierten Modellen" stört den Ökonomen, daß sie gegen sein Programm verstoßen, aus einem Modell voller Abhängigkeiten eine Abhängigkeit herzustellen. Er vermißt in den vielen Relationen, die er aufzeichnet, die Wirkungskette.
3. Eins ist aber bei dieser heiklen Gratwanderung, sonst wäre sie nämlich keine, auch klar. Bloß endogene Variable - das geht nicht:
"Dies ist das Grundproblem eines jeden Modells, das die MG beständig an den autonomen Größen kritisiert." (Hilfswissenschaftler)
Zwar freuen wir uns immer wenn unsere Kritik als ziemlich fundamental eingestuft wird, möchten aber doch klarstellen, daß wir nie so ungerecht gewesen sind, bloß die exogenen und nicht auch die endogenen Variablen zu beschimpfen. Insbesondere sind wir nicht für den Blödsinn verantwortlich, nach den"Grenzen eines Modells zu fragen. Die beliebte Diskussion darüber, was drinnen ist und was draußen und was man anstückeln könnte oder sollte, verdankt sich nämlich dem philosophischen Dogma der VWL, daß alles mit allem zusammenhänge:
"Angesichts der allgemeinen ökonomischen Interdependenz gerät man damit bei jedem Versuch, auch nur ein Ereignis zu erklären, in einen infiniten Regreß.... jede Erklärung eines Ereignisses ist daher in dem Sinne eine Teilerklärung, daß gewisse Bestimmungsfaktoren als im Augenblick nicht weiter zu erklären (oder als gegeben) hingenommen werden müssen." (Stobbe, Gesamtwirtschaftliche Theorie,7)
Weil für Ökonomen die Erklärung einer Sache zusammenfällt mit der Auflistung (erfundener) Abhängigkeiten, stoßen sie auch gleich auf die Notwendigkeit oder eigentlich Freiheit, ad infinitum weiterzuerklären, soweit die Assoziationskräfte tragen. Ihnen geht es wie den kleinen Politiktheoretikern, die immer den Drahtzieher hinter einer Angelegenheit finden wollen: Hinter jedem Drahtzieher ist dann wieder ein neuer Drahtzieher zu vermuten.
Mit diesem philosophischen Desiderat ist denn auch die Antwort auf die letzte Frage der Übungsaufgabe gegeben, nämlich was an dem vorliegenden Modell unbefriedigend sei. Hat man M auf B zurückgeführt, so stellt "sich" sofort die Frage, worauf B zurückzuführen sei. "Endogenisierung der Variablen B" heißt der terminus technicus für die fällige Modellerweiterung. Daß und wie sich sowas (immer) machen läßt, führte der Hilfswissenschaftler dann seinen Studenten vor:
"Das primäre Geldvolumen wird durch die Geldpolitik festgelegt; die Geldpolitik ist Teil der Regierungspolitik; die Regierung orientiert sich an ihrer Popularität bei den Wählern, die Wähler begutachten die Realisierung gesamtwirtschaftlicher Ziele; ein gesamtwirtschaftliches Ziel ist daß Volkseinkommen. ERGO: die Geldbasis B ist abhängig vom Volkseinkommen Y.

`Diese in keinem Schritt logische Gedankenkette erinnert lebhaft an die Anekdote von dem fränkischen Biologiestudenten, der, im Examen über den Elefanten befragt, antwortete:
"Der Elefant lebt in Afrika. In Afrika ist es wärmer. Die Wärmer sind primitive Tiere, die ... "
Allerdings: Wo der Examenskandidat weg will von der Sache, über die er nichts weiß, um sich über einen ihm genehmeren Gegenstand auslassen zu können, ist für den Ökonomen diese Sorte Übergang von B auf Y auch schon das Ziel seiner theoretischen Bemühung. Dabei kommt es ihm keineswegs darauf an, wie schlecht und recht er die Verbindung hingekriegt hat: Hauptsache, ihm ist eine Hypothese wie B = f(Y) eingefallen, die seinem modelltheoretischen Urteilsvermögen neue Nahrung gibt. Man prüfe doch nur selbst: Jetzt tritt B tatsächlich zweimal im Modell auf- in zwei Gleichungen wie es sich gehört:
l. M = f(B) - (B exogen)
2. B - f(Y) - (B endogen)
Daraus läßt sich wahrlich eine Gleichung bilden
M = f(Y) - und an B erinnert in dieser Gleichung nur mehr ein klein a oder ein klein b.