Aggregierte Nachfrage und Gleichgewichtsoutput

Tante Emmas Volkswirtschaft : Wieviel Output darf's denn sein ?


Den Ausgangspunkt der makroökonomischen Theorie bildet das Sozialprodukt, das als "Wert aller Güter und Dienstleistungen, die in einer Volkswirtschaft in einem gegebenen Zeitraum produziert werden", eingeführt wird. Man soll also denken, daß das Sozialprodukt nichts als die "Summe" aller seiner in Schaufenstern und Supermarkt-Regalen wirklich vorhandenen "Teile" sei. Andererseits: Sehr ernst nimmt der Ökonom seine eigenen Auslassungen nicht. Er verfällt nämlich gleich im nächsten Atemzug auf die Frage:

"Was bestimmt nun das tatsächlich produzierte Outputniveau ?" (Dornbusch/Fischer, Makroökonomik, l987, S. 6l; nach den eigenen Worten der Autoren wird in der VWL Einkommen, Output und Sozialprodukt synonym gebraucht. Siehe Fußnote. 69)

Wenn das Sozialprodukt eine Summe aus einzelnen Produkten ist, dann ist über die Höhe des "tatsächlichen Output" mit Zahl und Umfang der vielen Einzelprodukte entschieden. Die Frage nach dem Bestimmungsgrund für die Höhe des Sozialprodukts sucht aber jenseits und unabhängig von seinen Bestandteilen und des weiteren den Interessen ihrer Produzenten nach einem Grund, der für das Wachstum (oder auch das Abnehmen) des Sozialprodukts als solchem verantwortlich ist. Geradeso, als handele es sich dabei um einen selbständigen Gegenstand mit eigenen Gesetzen und nicht bloß - was man eben noch glauben sollte - um eine aus der Addition vieler Güter resultierende Zahl. Ab sofort wird so vorgegangen, "als gäbe es nur ein einziges Gut Output." (S. 121)

(Übrigens: Über die logischen Absonderlichkeiten der Bildung des Sozialprodukts - Äpfel und Birnen zusammenzuzählen ist nichts dagegen! - berichtet unser l. Flugblatt "Wirtschaft ist, wenn was rauskommt".)

Was bestimmt das Outputniveau?

Obwohl von einem Produkt - dem Output die Rede sein soll, entschließt sich die Theorie, daß die Produktion bzw. die black box, aus der der Output gekrochen ist, nicht den gewünschten Bestimmungsgrund abgeben soll.

"Was bestimmt nun das tatsächich produzierte Outputniveau, wenn die Firmen jeden Outputbetrag zum vorherrschenden Preisniveau liefern könnten? Zur Antwort muß die Nachfrage auf der Bildfläche erscheinen. " (Dornbusch/Fischer, S. 6l)

Um auf die Nachfrage als die Instanz zu kommen, die den Output determiniert, "muß" man sich die Produktion so zurechtlegen, daß es an ihr wirklich nicht liegen kann, was schließlich rauskommt. Entsprechend weltfremd sieht sie aus: Erstens kann der Output in beliebiger Höhe produziert werden. Die sachlichen Voraussetzungen der Produktion - Maschinen, Rohstoffe, Arbeitskräfte - spielen keine Rolle und deshalb ist alles möglich. Zweitens setzen weder Preise noch Gewinne (bzw. Verluste) den Unternehmern Maß und Ziel. Denn wenn die Theorie voraussetzt, daß "zum vorherrschenden Preisniveau jeder Outputbetrag geliefert werden kann", dann zitiert sie Preise nur, um sie als Einflußfaktor auszuschließen. Dornbusch/Fischer sind so frei, solche Annahmen zu machen, da sie "die Darstellung vereinfachen" (Fußnote S. 6l).

Mit Verlaub: Ein Produktionsergebnis erklären, aber seine Produktion aus der Theorie heraushalten zu wollen, ist keine Vereinfachung, sondern eine Zumutung für den Verstand. (Aber solche "Vereinfachungen" liebt die bürgerliche Wissenschaft. So hält sie Kriege bekanntlich für sehr verständlich, wenn sie deren Subjekte, die Staaten, wegläßt, und dafür die böse Menschennatur einsetzt.) Ein Produktionsergebnis, das so durch zielstrebige Abstraktionsmaßnahmen als an und für sich unbestimmtes präpariert wurde, schreit nun tatsächlich nach einer Festlegung, denn völlig unbestimmt kann die Menschheit wirklich nicht produzieren. Bloß ist gerade nach dieser Zurichtung der Verhältnisse ganz unerfindlich, wer diese Bestimmung vornehmen soll.

"Zur Antwort muß die Nachfrage auf der Bildfläche erscheinen."

Die Notwendigkeit, die mit dem Modalverb "müssen" suggeriert wird, ist durch nichts begründet außer durch den Willen des Modellbauers, den Nachfragern das Kommando über die Höhe des Outputs zu übertragen. Abgesehen von der ebenso volkstümlichen wie verkehrten Auffassung, die hier vertreten wird, daß im Kapitalismus der Kunde König und der Konsument Souverän sei

Was ist das: die Nachfrage?

"Die aggregierte Nachfrage verkörpert die Gesamtmenge der nachgefragten Güter einer Volkswirtschaft " (S. 6l)

Zunächst heißt es, sich jeden Gedanken an den mit Geld bewaffneten Nachfrager nach z.B. l Pfd. Kaffee (9,80 DM) und l Stück Torte (2,80 DM) abzuschminken. Die Nachfrage, die sich hier betätigt (und eine ungeheure Wirkung haben soll), richtet sich weder auf Fisch und Fleisch, noch kennt sie Geld und Preise (letztere ansonsten der Hebel in der VWL). Als "aggregierte" oder "Gesamtnachfrage" ist sie über jeden bestimmten Gegenstand erhaben. Komplementär zu seiner Konstruktion des gesamtwirtschaftlichen Outputs denkt sich der Ökonom hier die Konsumenten so, daß sie nicht dieses oder jenes Produkt zu konsumieren gedenken, sondern Produkt schlechthin. Ein Widerspruch ist das schon: Die konkrete Natur der Güter soll keine Rolle spielen, aber der Umfang, in dem Produkt schlechthin verlangt wird, genau feststehen. Die Leute wollen nichts Bestimmtes, das aber in genau definierter Menge. Im Ernst: Wie die Ökonomen die Gesamtnachfrage ermitteln, wissen wir nach dem Vorspiel zum Sozialprodukt (Flugblatt l) nur zu gut. Aber wie die Outputhersteller der "Nachfragehöhe", also z.B. der Zahl "300", entnehmen, ob sie eher Autos, Waschmaschinen oder Buttermilch produzieren sollen, und wenn, wieviel wovon ist unerfindlich. Wenn es schon sauschwer ;ist, Äpfel und Birnen zusammenzuzählen, dann ist es noch viel schwerer, das entstandene Mus wieder in Apfel und Birnen auseinanderzudividieren.

Warum kriegt die Nachfrage, was sie will?

Wie auch immer: Unterstellt, der Wunsch "300" würde vom Publikum tatsächlich geäußert und von den Unternehmern verstanden (man braucht ja bloß das allseits beliebte homogene Einheitsgut zu wollen) - was treibt eigentlich diese Herren, dem Willen der Nachfrager zu gehorchen?

"Um zu verstehen, warum der Punkt E das Gleichgewichtsniveau der gesamtwirtschaftlichen Produktion sein soll, nehmen wir an, daß die Unternehmen eine andere Menge, sagen wir 35o Einheiten, herstellen. Dann würde der Output die Nachfrage übersteigen. Die Unternehmen würden nicht in der Lage sein, alles Produzierte zu verkaufen und ihre Lager würden sich mit unverkauften Gütern Füllen. Sie würden dann ihre Produktion verringern.... Der Punkt E stellt den Punkt des Gleichgewicht-Outputs daß, bei dem die Menge des produzierten Outputs der nachgefragten Menge entspricht . . . Bei jedem anderen Outputniveau würde der Druck steigender oder fallender Warenbestände die Unternehmen veranlassen, das Produktionsniveau zu ändern."(S. 62)

Der Beweis, daß die Unternehmer sich nach der Nachfrage richten, geht so, daß die Annahme des Gegenteils ad absurdum geführt wird. Dieses Beweisverfahren ist seit der Antike bekannt. Aber auch der barfüßigste Mittelmeeranrainer kannte schon den Fehler, der petitio principu heißt. Dieser Fehler besteht darin, in der Beweisführung zu unterstellen, was erst bewiesen werden soll, also die gegenteilige Annahme einzig und allein an der zu beweisenden Aussage scheitern zu lassen. Im Zitat sieht das so aus: Man nehme an, die Unternehmer orientieren sich nicht an der Nachfrage. Was passiert? Sie stehen fassungslos vor der Situation, daß Output und Nachfrage nicht zusammenpassen, z.B. füllen unverkaufte Güter ihre Läger. Bloß: Was sollte die Unternehmer daran eigentlich stören? Was paßt ihnen nicht an den unverkauften Gütern? Die Erinnerung an den Zweck Gewinn, an eventuelle Verluste, mögliche Pleiten darf sich jeder Leser gleich als ergänzendes Argument einfallen lassen. Ein Argument in dem hier vorgetragenen Bild der Ökonomie ist es allerdings nicht - schließlich sollte ja von so ökonomischen "essentials" wie dem Preis, der zum Gewinneintragen da ist, ausdrücklich abgesehen sein. Wer sich dennoch auf dieses plausible Zusatzargument stützen möchte, sollte an die umgekehrte Situation denken: Die Nachfrage übertrifft die produzierte Menge, d.h. die Unternehmer Würden ihre Lager räumen. Was, bitteschön, soll der "Druck" ausgerechnet "fallender Lagerbestände" sein? Verdammt, ich mache Gewinn!? Hilfe, meine Ladenhüter nehmen ab!? Einen solchen Druck gibt es nicht; es bleibt bloß ein Argument übrig: Die Unternehmen halten es einfach im Kopf nicht aus, der Nachfrage nicht genau zu entsprechen. Und dieses war leider der Satz, der bewiesen werden sollte.

Der Output ist im Gleichgewicht, weil er der Nachfrage entspricht

Ein Beweis ist also nicht geführt worden. Dafür hat diese höchst unwissenschaftliche Überlegung eine in der Ökonomie sehr beliebte Vorstellung zutage gefördert. Die Vorstellung nämlich eines Hineinschaukelns in einen Gleichgewichtszustand. Die Metapher vom Gleichgewicht ist dabei eine Anleihe aus der Naturwissenschaft und behauptet für die Ökonomie analoge Gesetzmäßigkeiten. So handelt etwa die Mechanik davon, wie sich bestimmte Kräfte in ihrer Wirkung so aufheben, daß man z.B. auf zwei Stuhlbeinen kippeln kann. Die Übertragung eines solchen Sachverhalts auf den hier zur Debatte stehenden ökonomischen Zusammenhang ist aber zutiefst unberechtigt. Die eine Kraft soll ja wohl die Nachfrage sein. Was aber ist eine Nachfrage von "300" für sich allein? In welche Richtung zieht sie, welche Wirkung hat sie? Wirken soll sie doch einzig und allein deshalb, weil die Anbieter ihr entsprechen wollen; ohne dieses Gegenüber ist sie überhaupt keine Kraft. Unter der zweiten zum Gleichgewicht nötigen Kraft soll man sich dann wohl den Output oder das Angebot vorstellen. Dieser Output aber sollte für sich allein völlig unbestimmt sein.

Wie aber sollen sich die beiden so charakterisierten Kräfte in ein Verhältnis zueinander setzen und sich auch noch ausgleichen können? Gegeneinander gerichtet sind sie nicht. Und so etwas wie einen Gesamteffekt gibt es erst recht nicht. Die Nachfrager verlangen "300". Die Anbieter wollen einfach, was die Nachfrager wollen, und das ist das ganze Verhältnis.

Man sieht, die Vorstellung eines Gleichgewichts paßt ganz ungeheuerlich hierher. Wir ergreifen deshalb die Gelegenheit zu einem größeren

Exkurs über das volkswirtschaftliche Gleichgewicht

Definiert wird dieser schöne Zustand gewöhnlich unter Hinzuziehung "eines" Marktes:

"Ein Markt befindet sich genau dann in Gleichgewicht, wenn Angebots- und Nachfragepläne übereinstimmen. " (Felderer/Homburg, Makroökonomie, S. l2)

Aber wie dem Reinen alles rein ist, so ist auch einem VWLer alles Markt, und er denkt ganz allgemein daran, daß "die Pläne der Wirtschaftssubjekte" miteinander "vereinbar" und deshalb "ausführbar" sind. So ist z.B. der Gleichgewichtsoutput der Volkswirtschaft dasjenige Ergebnis, das sowohl Produzenten als auch Konsumenten "wünschen", so daß es nicht zu "unbeabsichtigten Lagerveränderungen" oder "erzwungenem Sparen" kommt. Das Gleichgewicht ist also die Situation allseits realisierter Absichten und damit für einen demokratischen Theoretiker das höchste der Gefühle, bevor er noch als Theoretiker der Ökonomie den geringsten Gedanken auf diese Absichten und ihre Gegenstände verschwendet hat. (Wir meinen bei diesem Versäumnis gerade nicht die beliebten/geschmähten Werturteile, sondern ganz einfach Erklärungen dessen, was z.B. Kaufen und Verkaufen, was Waren und Geld sind.) Er beginnt deshalb seine Theorie mit einem Existenzbeweis für sein Ideal. Dieser Beweis wird in zwei Schritten geführt und benützt schlechterdings Nichts Ökonomisches, noch nicht einmal den beliebten Preismechanismus, dafür aber mehrere Peinlichkeiten über den Menschen schlechthin sowie Raum und Zeit:

"Liegt eine Gleichgewichtssituation vor, so werden die betreffenden Wirtschaftssubjekte ihre Pläne in bezug auf diese Situation nicht ändern. Bleiben Präferenzen, Ziele, Daten und die Werte der Zielvariablen konstant, so werden die Wirtschaftssubjekte in Zukunft ihr Verhalten beibehalten. Eine Gleichgewichtssituation ist also für einen Beobachter dadurch gekennzeichnet, daß sich die endogenen und exogenen Variablen im Zeitablauf nicht andern." (Stobbe, Gesamtwirtschaftliche Theorie, S.33)

Als jahrelange Beobachter und Kenner der Menschennatur wagen wir zu behaupten, daß die erfolgreiche Realisierung (Gleichgewicht!) eines Plans weder zu seiner Wiederholung noch zu seiner Änderung zwingt, sondern diesbezüglich ziemlich neutral ist. Schließlich geht man auch nicht ständig in denselben Film, bloß weil er einem gefallen hat- Satz l ist eine unglaubwürdige Behauptung. Zum Ausgleich versucht der 2. Satz dasselbe Anliegen rein tautologisch an den Mann zu bringen: Wenn die gelehrte Liste von den "Präferenzen<< bis zu den "Zielvariablen" tatsächlich erschöpfend aufzählt, was die dumme Abstraktion "Verhalten" ausmachen soll, dann ist mit der Konstanz dieser Bestimmungsgründe natürlich auch die Konstanz des Verhaltens gegeben.

Ist dann auf diese überzeugende Weise das Gleichgewicht als "Zustand mit Beharrungsvermögen" erkannt, so ergibt sich sofort, daß man ihm auf Schritt und Tritt begegnet, selbst dann, wenn man ihm selber nicht begegnet. Denn wenn die Wirtschaft nicht im Gleichgewicht ist, dann steht sie schon allein deshalb im Verhältnis zum Gleichgewicht:

"Warum ist der Gleichgewichtsbegriff so grundlegend für die ökonomische Analyse? Nun, erstens ist ein gleichgewichtiger Zustand ex definitione zeitlich beständig, während ein ungleichgewichtiger nur vorübergehenden Charakter hat. Es ist deshalb wahrscheinlicher, daß sich die Volkswirtschaft in einem Zustand des Gleichgewichts befindet oder zumindest diesem zustrebt. Zweitens, und damit zusammenhängend, dient ein gleichgewichtiger Zustand als Bezugspunkt (Referenzpunkt) der Theorie. Wenn z.B. der Gleichgewichtspreis auf einem vollkommenen Markt 5 Mark beträgt, der momentane Preis aber 3 Mark, so kann ein Steigen des Preises vorhergesagt werden."(Felderer/Homburg, S. l3)

Dümmer geht's nimmer: Hier wird aus der Dauerhaftigkeit eines hypothetischen Sachverhalts auf sein Vorhandensein geschlossen. Mit derselben Logik läßt sich z.B. leicht nachweisen, daß der amtierende Bundeskanzler schon tot ist. Oder, daß man ihn wenigstens wissenschaftlich so betrachten muß. Denn auch sein Erdenwandel hat nur vorübergehenden Charakter. ( Über die 5 Mark reden wir lieber nicht: Die VWL hat noch nie eine wirkliche Berechnung anstellen können, Gerade weil sie ausschließlich mit der methodischen Stilisierung der Welt befaßt ist.)

Etabliert ist damit das Gleichgewicht als theoretische Norm. Die Tatsache, daß von ihm in Ökonomiebüchern weit mehr die Rede ist als von Ware und Geld, Aktien und Unternehmergewinn, kommt eben daher, daß alle diese sachlichen Bestandteile des Wirtschaftslebens nur als ebenso viele Anlässe für Gleichgewichtsüberlegungen aufgenommen werden, ja als gar nicht anders denkbar hingestellt werden:

Wenn sich kein stabiles Gleichgewicht als Bezugspunkt der Analyse und Gravitationszentrum des Systems ausmachen laßt, dann kann über Gesetzmäßigkeiten und zukünftige Entwicklungen buchstäblich nichts gesagt werden." (Felderer/Homburg, S. l4)

So daß schließlich noch die Existenz ungezählter VWL-Bücher die Existenz des ökonomischen Gleichgewichts beweist. -

Wenn die bürgerliche Wissenschaft methodische Vorüberlegungen anstellt, dann spricht sie allemal ein Denkverbot aus: Die Besonderheit einer Sache zu bestimmen, nach ihren Gesetzen, ihrem Zweck und Grund zu fragen, das gilt von vornherein als unwissenschaftlich und unmöglich. Und zugleich ist damit ein Ideologiegebot auf dem Tisch, ein erstes und abschließendes Urteil, das an den Gegenständen der Forschung nur noch bebildert werden soll. Das Gleichgewicht der VWL ist die Verpflichtung auf den Gedanken, daß die kapitalistische Produktionsweise aus lauter sinnvollen Einrichtungen des Ausgleichs und der Abstimmung zusammengesetzt sei, die den individuellen Absichten und Interessen zum Zuge verhelfen sollen.