Warum reden Naturwissenschaftler solchen Unsinn?

Die Not der Tugend


Der Naturwissenschaftler, der sich in Namen der Moral an die Öffentlichkeit wendet, hat gute Aussichten, eine Institution auf diesem Gebiet zu werden. Selbst Zyniker, die die Moral auf eigennützige Motive zurückführen und sich nicht scheuen, der Wohltätigkeit der Präsidentengattin politische Berechnung und dem Herrn Pfarrer überhaupt erotische Sehnsüchte zu unterstellen, müssen zuschanden werden vor der Integrität weißhaariger Nobelpreisträger, deren Lebensinhalt die Objektivität ist, und die sich die Probleme der Menschheit zu eigen machen, ohne in deren Getriebe verstrickt zu sein. Für den Naturwissenschaftler ist dies die außerfachliche Leistung par excellence, die immer wieder von ihm erwartet wird und sich entsprechender Wertschätzung erfreut. Was ihm sonst als Grenzüberschreitung angekreidet oder auch verziehen wird, ist hier erst einmal der Beweis für die Solidität seiner Bemühungen, und jede neue Frankenstein-Verfilmung verurteilt eine Naturforschung, die, anstatt dadurch Menschlichkeit zu üben, daß sie sich selbst moralisch relativiert, ihrem eigenen dunklen Drang zu weit folgt. Dokumentieren die Bürger so ein angestammtes Recht auf ihre Wissenschaft, so will der Naturwissenschaftler gerade dem Lauf ihrer Welt Einhalt gebieten. Ihn haben Mißstände auf den Plan gerufen, und seine moralischen Appelle kritisieren das Publikum - so daß ihm sein vielgelobtes Engagement doch wiederum die Vorwürfe zuzieht, die für Weltverbesserer die Regel sind.

Wenn Naturwissenschaftler moralisch werden, dann sind sie mit der Anwendung ihrer Entdeckungen nicht zufrieden. Sei es, daß ihnen eine Welt voll Technik überhaupt zu ungemütlich vorkommt, sei es, daß sie die Raumfahrt für ein Geld verschlingendes Abenteuer halten, oder daß sie auf bedrohliche Phänomene wie die Atombombe oder mancherlei Umweltverschmutzung stoßen - stets sehen sie einen Anlaß darin, die Menschheit zur Besinnung auf sich selbst aufzurufen.

Albert Einstein hat diese Position klassisch formuliert:

"Die Naturwissenschaft hat zwar die gegenwärtige Gefahr herbeigeführt, aber das wirkliche Problem liegt im Denken und im Herzen der Menschen." (Erklärung des Emergency Comittee of Atomic Scientists, 1946).

Diese Entgegensetzung ist falsch, so geläufig sie ist. Konstatiert Einstein, daß das wirkliche Problem, das ihm Sorge bereitet, keines der Naturwissenschaft ist, so könnte er sie getrost vergessen; sie käme hier erst einmal gar nicht in Betracht. Doch meint er sie entschuldigen zu müssen, gibt im Ausgangspunkt also ihr die Verantwortung für die beschworene Gefahr und will mit seinem "zwar aber" sagen, daß s i e der Urheber der Bedrohung und zugleich unfähig sei, dieser entgegenzuwirken, daß der Ausweg also anderen Mächten anheimzustellen sei. Die miserable Situation gilt ihm als selbstverständliche Folge des Wissens über die Natur. Nun hat man dieses Wissen, Vergessen ist nicht drin - was soll man da noch ändern können außer der eigenen Einstellung? Und daß er mit dieser Wendung zum wirklichen Problem nicht das Denken empfehlen, sondern Mäßigung praktiziert sehen will, erhärtet Einstein durch einen biologischen Vergleich: "Bei evolutionären Vorgängen kommt es oft vor, daß eine Gattung sich neuen Lebensumständen anpassen muß, um weiter zu bestehen."

Die bittere Notwendigkeit, sich zu fügen, erhält so den schönen Trost der Solidarität mit jedem Vieh, das seine historischen Umstände freilich nicht - schon gar nicht durch eine Wissenschaft! - selber gemacht hat. Einsteins Prämisse ist denn auch falsch. Mit seinem schlichten "herbeigeführt" behauptet er die Unvermeidlichkeit jedweder Anwendung eines Naturgesetzes, die er also im selben Atemzug billigt, wo er moralisch dagegen eintritt. Denn wer die Kenntnis davon, was alles mit einem Naturgegenstand gemacht werden kann, und ihren tatsächlichen Gebrauch nicht auseinanderhalten will, bescheinigt den Zwekken, die sich in der Anwendung zur Geltung bringen, ihre Notwendigkeit und seine Anerkennung.

Der Krieg vom Standpunkt der Naturforschung ...

Handelt es sich bei der gegenwärtigen Gefahr um die Atombombe - und dies Beispiel soll hier das Material liefern -, so ist klar, welche neue Einstellung her muß. Naturwissenschaftler werden zu Aposteln des Friedens, appellieren in diesem Sinn an das Weltgewissen, organisieren Unterschriftslisten etc. - und ihr Argument ist stets das eine: wegen der neuen Waffen sollen die Menschen Frieden halten. Sie teilen mit dieser Konsequenz den Zynismus aller Moralprediger, die sich für Abstraktionen wie die Menscheit und den Frieden stark machen, d.h. dafür, daß sich das Recht des S t ä r k e r e n , der ja die Bombe einsetzen kann, ohne Komplikationen durchsetzt, also daß er sie erstmal nicht abwirft. Wer vor der Bombe warnt, ist sich gewiß, daß es in der Welt nicht friedlich zugeht - er konstatiert Gewalt allenthalben oder hat aus der Existenz der Bombe seinen Schluß auf die wenig erbaulichen Ziele der Staaten gezogen. Wer aber zum

Frieden aufruft, ist so wenig gewillt, gegen die Ursachen der Gewalt zu kämpfen, daß er noch nicht einmal den Gründen seiner diesbezüglichen Sicherheit nachzugehen sich entschließt. Den existierenden Gegensätzen hält er ihr Ideal der Gemeinsamkeit vor und beantwortet sich die Frage nach dem Grund des Krieges tautologisch damit, daß eben der Friede fehle. (1)

Die Pazifisten unter den Naturwissenschaftlern sind denn auch nicht angetreten, um sich die Natur des Krieges zu erklären, den sie verhindern wollen. Sie identifizieren ihn mit dem Schaden, den er anzurichten imstande ist, und haben nichts anderes im Sinn als die W i r k u n g e n , die dort aus den Anwendungen ihrer Entdeckungen hervorgehen.(2) Dies ist der Ausgangspunkt ihrer moralischen Aktivitäten und der bleibende Inhalt ihrer Mahnungen, die deshalb von Konditionalsätzen nur so wimmeln. In der Mainauer Erklärung der Nobelpreisträger 1955 heißt es z. B.:

"Mit Freuden haben wir unser Leben in den Dienst der Wissenschaft gestellt. Sie ist, so glauben wir, ein Weg zu einem glücklicheren Leben der Menschen. Wir sehen mit Entsetzen, daß eben diese Wissenschaft der Menschheit Mittel in die Hand gibt, sich selbst zu zerstören. Voller kriegerischer Einsatz der heute möglichen Waffen kann die Erde s o sehr radioaktiv verseuchen, daß... Wenn ein Krieg zwischen den Großmächten entstünde... usw.

Überzeugt und willens, mit ihrer Forschung dem Wohl der Menschheit zu dienen, sind diese Leute mit einer Nutzbarmachung ihres Wissens konfrontiert, in der sie alles andere als einen Nutzen zu sehen vermögen. Krieg darf nicht sein, damit kein solcher Schaden entstehe, lautet ihr Schluß, den sie in aller Regel noch mit einem freundlicheren Zusatz versehen. Nicht weniger drastisch, wie sie die möglichen Zerstörungen durch die Bombe schildern, führen sie die möglichen Segnungen einer friedlichen Verwendung der Kernenergie vor Augen. Mit ihren moralischen Anstrengungen wollen sie den Nutzen vergrößern, den die Gesellschaft von ihrer Naturwissenschaft hat.

Seit den ältesten Zeiten hat die Menschheit über Mittel verfügt, sich selbst zu vernichten - Messer, Schere, Gabel, Licht ... -, wenn die Individuen es nur gewollt hätten. So daß nur derjenige angesichts gewandelter Methoden ein Problem kriegen kann, der Formen kennt und respektiert, in denen sich die Leute tagtäglich ihre Existenz streitig machen. Daß dies die Regel und ein Zwang ist, freie Konkurrenz geheißen, stört die moralisierenden Naturwissenschaftler nicht im geringsten: sie wollen, daß es dabei bleibt, und warnen deshalb vor dem Übermaß- der allzu wirksamen Bombe, die fähig ist, in der Konkurrenz der Staaten beide Seiten ins Unglück zu stürzen. Und sie möchten dergleichen Zuständen zu noch schönerer Blüte verhelfen, wenn sie mit Verbesserungsvorschlägen wie der friedlichen Nutzung der Kernenergie anrücken.

... oder die Naturforschung vom Standpunkt der bürgerlichen Gesellschaft

Die Sorgen, die sich diese Forscher machen, gelten also dem Fortbestand ihres Gemeinwesens und seiner kritikablen Grundlage. Mit ihrem Entsetzen darüber, der Menschheit durch die theoretischen Leistungen der Kernphysik ein Instrument der Selbstzerstörung verschafft zu haben, geben diese Leute nun zweierlei zu verstehen. Erstens, daß ihre Wissenschaft der Praxis von Staat und Gesellschaft als ein Mittel subsumiert ist, denn die Naturforschung produziert Wissen und weder Bomben noch andere nützliche Dinge, so brauchbar es auch dafür ist. Und zweitens, daß sie nicht diese Funktion, sondern nur jene mögliche Konsequenz der Selbstzerstörung befremdet. Ihr Entsetzen kommt erst durch den Kontrast zustande, den auszumalen sie sich ja auch befleißigen. Sie wenden sich gegen die drohende Gefahr, weil ihre Wissenschaft für den Nutzen von Staat und Gesellschaft bestimmt ist, und machen geltend, daß ihre Arbeit nur so ihre Erfüllung findet. Es ist die Treue zu ihrer Profession, die die Naturforscher auf staatsbürgerliche Gedanken bringt. Wenn sie dabei ihre Arbeit als "W e g zu einem glücklicheren Leben der Menschen" charakterisieren, so haben sie nicht die Absicht, sich weiter mit diesem Leben und den ihm unterstellten Nöten zu befassen. Sie sind es zufrieden, Voraussetzungen zu schaffen, die ihrer Natur nach solche der materiellen Produktion sind und sich hier ganz offenkundig Tag für Tag bewähren. Ihre Wissenschaft entspricht also den praktischen Notwendigkeiten der Leute, indem sie Mittel für den Reichtum ist.

Aber wenn auf dieser Basis nun die Unwahrheit einen schönen Schluß abgäbe, der Wohlstand der Individuen sei auch die Folge und überhaupt der Zweck des Ganzen, so zögern unsere klugen Männer doch, sich unumwunden dazu zu bekennen. Sie lassen sich hier das Glück einfallen, und seines Glückes Schmied muß schließlich jeder selber sein. Was ihnen freilich nicht als Hindernis, sondern umgekehrt als der gute Grund dafür vorkommen mag, daß ihre Wissenschaft ganz ungeachtet aller besonderen Zwecke, Mittel und Tätigkeiten, die einer hat, zu eben seinem Glück auch hinführt. Mit dieser Wertschätzung ihres Tuns formulieren die Naturforscher das Ideal einer Wissenschaft, die als Gegenstand privaten Nutzens fungiert und dabei von den Zwecken nichts weiß und wissen will. Wenn sich die Wissenschaft aber so jeglichen Gedanken an die Praxis, auf die sie es abgesehen hat, aus dem Kopf schlägt, und ihr eigenes praktisches Ziel als Abstraktion von jedem vorfindlichen Interesse an ihrer Leistung fixiert, dann kann es in dieser Praxis nicht zum Besten stehen, und das Ideal der Menschheitsbeglückung gehört einer Produktionsweise an, in der jede Anwendung der Naturerkenntnis einen G e g e n s a t z gegen diverse Teile der Menschheit resümiert. Der Fortschritt, wie ein andere Name für dieses Ideal lautet, besteht in den technischen Anstrengungen derjenigen Leute, die als Eigentümer über Produktiv vermögen verfügen und sich für dessen Weiterkommen einsetzen. Diese Kapitalisten wollen durch den Einsatz technologischen Wissens ihre Konkurrenten aus dem Felde schlagen, weshalb sie mit den Maschinen auch nie ihren Arbeitern die Plackerei erleichtern oder irgendwelche Reichtümer bescheren, sondern diesem Kostenfaktor feindselig auf den Leib rücken.

Naturwissenschaftler machen sich für die Gesellschaft durch eine Leistung nützlich, die selber mit der Gesellschaft und ihren Zielen nichts zu schaffen hat. Wenn sie die ideologische Bewältigung dieses Widerspruchs zu ihrem Lebensinhalt machen, so stellen sie stets die Welt auf den Kopf: Sie unterstellen der Natur Wissenschaft einen eigenen Zweck - dem Fortschritt zu dienen - und machen die Welt des Kapitals, die die Naturwissenschaft als ihr Mittel benutzt, zum Mentor, nicht des Profits, sondern der Technik. Dazu müssen sie freilich die Wissenschaft mit ihren gesellschaftlichen Wirkungen gleichsetzen, und die Hingabe an die Naturforschung fällt ihnen umso leichter, als sie sich dabei als die Helden der Nation, wenn nicht der Menschheit vorkommen. Sie halten, alle kleine Einsteins, jeden Gebrauch, der von ihren Resultaten gemacht wird, für deren ureigene Konsequenz und leisten sich so den Fehlschluß, der sie in die Pflicht der freien Forschung nimmt. Weil die Zwecke aber, für die sie damit Partei ergreifen, Kollisionen einschließen, denen mit naturwissenschaftlichen Kenntnissen nicht beizukommen ist, werden die Freuden ihres Dienstes durch manche Sorge um seinen Nutzen getrübt, und neben den Berufsstolz tritt der Abscheu vor den eigenen Produkten. Indem sie ihre theoretischen Leistungen in mannigfachen zivilisatorischen Errungenschaften wiederfinden können, geraten sie auf die Illusion, die positive Wirkung des Gebrauchs ihres Wissens sei identisch mit dem Zweck, für den es zur Anwendung gelangt. Wenn dann die Auswirkungen, wie sie müssen, einmal weniger erfreulich ausfallen, werden sie moralisch und verweisen auf das Wohl der Menschheit, als wäre dieser Zweck objektiv. Und schon durch die Ohnmacht, die sie als Moralisten zur Form ihrer Aktivitäten wählen, geben sie zu erkennen, daß sie ihr Einverständnis mit der Unterwerfung ihrer Wissenschaft unter die bestehende gesellschaftliche Praxis nicht aufkündigen werden. Weshalb sie ihre Manifeste auch auf der schönen Insel Mainau abfassen dürfen.

Staatsaktion & Teufelswerk

Daß es ihnen um die kapitalistische Gesellschaft zu tun ist, wenn sie den Nutzen ihrer Wissenschaft vergrößern wollen, bewährt sich auch in den Konsequenzen, die zu ziehen sich manch einer zugute hält. Wer nicht einfach zwecks Vermehrung des verfügbaren Wissens zum Forscheralltag zurückkehrt und seine moralischen Anstrengungen ableistet wie den Kirchgang am Sonntag, kann sich entweder der staatsfreundlichen Tätigkeit eines politischen Naturwissenschaftlers widmen oder aus Liebe zu seinen Idealen verzweifeln und sich selbst zur tragischen Figur erklären.

Zunächst also, wessen Spezialität es ist, mit vorgestellten Leichen den Krieg abschaffen zu wollen, kann seine Karriere machen als Experte des Staates. Nicht beim Bau von Bomben macht er sich nützlich, sondern mit der Abschätzung ihrer Wirkung und stellt so seiner Regierung das Material zur Verfügung, das sie bei der Verfolgung ihrer Zwecke abzuwägen hat, damit die Kosten nicht den Nutzen übersteigen. So entstehen Bücher wie das von C. F. v. Weizsäcker herausgegebene "Kriegsfolgen (!) und Kriegsverhütung", in denen auf Zentnern von Papier ausgerechnet wird, was alles passiert, wenn eine dicke Bombe auf Wanne-Eickel fällt oder eine kleinere woanders hin oder beide gleichzeitig usf. Mit diesen Anstrengungen, den Krieg als die weniger günstige Alternative nachzuweisen, liefern die Moralisten den schlagenden Beweis, daß ihr Friede seine Identität mit dem Kriegszustand hat und es sich um zwei Varianten derselben Politik handelt, die auch die ihre ist.

Die Fortexistenz der bürgerlichen Verhältnisse wird hier also unmittelbar und ausdrücklich zum Geschäft von Naturwissenschaftlern, dessen Charakter ihnen von Haus aus ungewohnte Leistungen abverlangt. Weil sich der Staat mit konträren Interessen einige Mühe geben muß, ist es schon zum Gemeinplatz geworden, daß Experten sich streiten. Welch hervorragende Dummheiten dabei nötig werden, stelle diesmal ein Freund und Förderer der atomaren Rüstung unter Beweis. Der als Vater der Wasserstoffbombe bekannte Edward Teller hat berechnet, daß die Gefährdung durch den Fall-out der Atombombendemonstrationen, wie sie seinerzeit von den Großmächten gepflogen wurden, dem Übergewicht eines Menschen um 30 g gleichzusetzen sei. - Es ist nun keineswegs ein Mangel an naturwissenschaftlichen Einsichten, der Teller ganz ebenso wie seine friedliebenden Widersacher statistische Betrachtungen anstellen läßt; schließlich hat man sich stets bemüht, die hier in Frage stehende Radioaktivität auf exotische Völkerschaften und uninteressante Weltgegenden zu beschränken. Sondern weil die Physik keinen gemeinsamen Nenner von militärischer Potenz und Volksgesundheit (von anderen Kosten ganz zu schweigen) finden kann, aber die Entscheidung legitimiert werden soll, wird hier mit Einschätzungen des physikalischen Sachverhalts operiert, die man je nach Standpunkt so oder anders treffen kann. Die Pointe liegt dabei in dem Maßstab, den Teller wählt. Nicht um die Maßnahmen seiner Regierung, sondern um die eigene Leibesfülle soll der Bürger Sorge tragen und anhand der Tellerschen Formel ausrechnen, wieviele Explosionen er sich mit einem üppigen Lebenswandel einhandelt. Das Prinzip dieses politischen Naturkundeunterrichts wird in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen um Kernkraftwerke von den Politikern offen ausgesprochen. Weil sich im Volk die Gegnerschaft spektakulär zu Wort meldet, versprechen sie, die verhaßten Dinger künftig im Einvernehmen mit den Bürgern zu bauen, oder, in den Worten des Bundeskanzlers, die Leute mit ihren Sorgen und Ängsten nicht allein zu lassen. Sollen von dieser Seite also die praktischen Zumutungen nicht vermindert, sondern durch beschwichtigende Gründe ergänzt werden, so haben die

Betroffenen einen komplementären Schluß gezogen. Sie demonstrieren Bürgersinn, indem sie das Interesse, ihre bisherige triste Landwirtschaft ohne zusätzliche Einbußen fortzusetzen, zum Anliegen des Schutzes von Natur und Leben hochjubeln. Wo der Staat sich die billige Energieversorgung des Kapitals angelegen sein läßt und den Beweis führt, daß dessen Nutzen nunmal Opfer braucht, erklären die Betroffenen nicht das Kapital, sondern die Technik zu ihrem Feind. Sie reimen Atomkraftwerk auf Teufelswerk und beginnen einen reaktionären Kreuzzug gegen die Wissenschaft und ihre Anwendung, der aus dem Bauplatz wieder eine Wiese machen soll, weil sie den schönen Zustand erhalten wollen, in dem der technische Fortschritt stets auf Kosten derer geht, die eh die Arbeit haben. Der pessimistischen Variante verleiht dann Max Born Ausdruck, wenn er ein Buch mit dem Titel "Der Luxus des Gewissens" verfaßt, (als ob ein schlechtes Gewissen nicht geradeso zur bürgerlichen Grundausrüstung gehörte wie z.B. Seife). "Obwohl ich die Naturwissenschaft liebe, habe ich das Gefühl, daß sie so sehr gegen die geschichtliche Entwicklung und Tradition ist, daß sie durch unsere Zivilisation nicht absorbiert werden kann." (72)

Als Parteigänger seiner Zivilisation opfert er in diesem Konflikt bereitwillig den Gegenstand seiner Liebe: "Die wissenschaftliche Haltung ist geeignet, Zweifel und Skeptizismus zu erzeugen gegenüber überlieferter unwissenschaftlicher Erkenntnis und sogar gegenüber natürlichen, unverfälschten Handlungsweisen, von denen die menschliche Gesellschaft abhängt. " (69)

und läßt nur der Selbstgerechtigkeit ein kleines Hintertürchen offen:

"Was die Philosophie betrifft, so ist jeder moderne Naturforscher ... sich zutiefst der Tatsache bewußt, daß seine Arbeit eng mit dem philosophischen Denken verwoben ist ... Auf diese Weise ... werden die Naturforscher nicht von der humanistischen Denkweise ausgeschlossen. Trotzdem besteht eine Gefahr für die Menschheit in der Denkweise der Naturwissenschaftler, weil sie nicht zwischen der Begeisterung für ihre Tätigkeit und deren Nützlichkeit für die Menschheit unterscheiden." (71)

Ging es dem eingangs zitierten Einstein um die Unbrauchbarkeit der Naturwissenschaft für die Probleme, die die Staaten mit sich haben (was er zu entschuldigen weiß), so sieht Born gleich eine Gefahr für sein moralisch-dummes E i n v e r s t ä n d n i s mit der Gesellschaft, deren unverfälschte Handlungsweisen ihm zufolge jeden Gedanken scheuen müssen. Die Anstrengungen seiner philosophierenden Kollegen, der Naturerkenntnis theoretisch den Garaus zu machen (siehe Einleitung), verhindern nicht, daß diese Wissenschaft betrieben wird. (3) Borns Problem rührt denn auch nicht von der Denkweise der Naturwissenschaftler her, sondern von ihrem Tun: wenn er ihnen eine diffferenzierte Begeisterung für ihre Tätigkeit verordnen möchte, dann ärgert ihn, daß mit ihren Wissenschaftlichen Erfolgen noch nichts über deren Nutzen entschieden ist. Weil aber Born an ihren Anwendungen messen will, ob sie selber Lob oder Tadel verdient, und ihr in seinem langen Christenleben immer beides hat erteilen müssen, verdammt er sie endlich als unmoralisch. Sie ist geschichtlich nicht absorbierbar (na und ob!), soll heißen, ihr kann er seine sittlichen Prinzipien nicht einverleiben. So daß der größte Vorteil für die Gesellschaft wäre, die Finger ganz von der Naturwissenschaft zu lassen, anstatt sich in ihrem Gebrauch zu blamieren.

Im Unterschied zum alten Born, der nur noch an der moralischen Integrität seiner Gesellschaft interessiert ist und sie dafür in die Steinzeit zurückschicken möchte, bleiben die meisten Naturwissenschaftler ihrer Aufgabe treu, das Wissen über die Natur zu erweitern. Doch wenn sich erst mal Zweifel eingestellt haben, ob ihre Tätigkeit auch immer den mit ihr verbundenen guten Absichten entspricht, so werden sich diese Leute Gedanken über ihre Arbeit machen, die ihren getrübten Nutzenerwartungen ebenso Rechnung tragen wie ihrem Entschluß zum Weitermachen. Daß unter diesen Forderungen kein richtiges Urteil über die Naturwissenschaft zustande kommt, versteht sich schon von selbst. Aber wie unsere Freunde sich dabei aus der Affäre ziehen, ist noch der Betrachtung wert, weshalb man einmal anhören sollte, was ein gestandener Physiker über sein Fach zu berichten weiß.


(1) Dieselbe Tautologie hat auch das Wort Umweltbewußtsein auf dem Gewissen. Die Beliebtheit des so vollbrachten Übergangs vom Umwelt p r o b l e m , das dem Staat aus der kapitalistischen Wirtschaft erwächst, zu den Herzen seiner Bürger erklärt sich daraus, daß er sein Problem möglichst billig wieder loswerden will. Seinetwegen sollen die Leute ihrem Müll noch etwas abgewinnen und ihre überflüssigen Plastiktüten zweimal benutzen.

(2) Dieser Standpunkt der Auswirkungen treibt die erstaunlichsten Blüten, wenn die besonders miesen Folgen moderner Kriege durch einen Blick in die waffentechnisch beschränkte Vergangenheit illustriert werden sollen. Linus Pauling, Nobelpreisträger in den Fächern Chemie und Frieden, Promoter der Ascorbinsäure und Amerikaner, vermag auf diese Weise seine geliebte Demokratie in vergangenen Schlachten am Werke zu sehen: "There may in the past have been times when war was a cruel but (!) effective (!) application of thr democratic process when force was on the side of justice. Wars fought with simple weapons were often won by the side with the greater number of warriors. " (No more war, S. 4)
-- Eine andere Meinung zu diesem Thema wird übrigens in dem Buch "Asterix der Gallier" vertreten.

(3) Wer solche Mühen scheut, kann sich auch mit anderen Mitteln über sein Problem hinwegtrösten. Born, der sich und seine Zunftgenossen anscheinend zu tief ins Zwielicht geraten sieht, entblödet sich nicht, als Beweis für die Gutwilligkeit vieler Naturforscher die in ihren Kreisen betriebene Hausmusik sowie eine von ihm selbst verfertigte Übersetzung des Wilhelm Busch ins Englische anzuführen. (a.a.O., S. 70)


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Online-Version: GegenStandpunkt Verlag 2004