Die traurige Tatsache, die der Titel unseres Infos beim Namen nennt, ist sicher nichts Unbekanntes. Naturwissenschaftler, sobald sie nur die Nasenspitze über den Zaun ihrer Spezialdisziplin hinausstecken, verzapfen einen Blödsinn, daß man sich der ganzen Zunft schämen muß. Und es sind nicht die Dümmsten unter ihnen, die daran teilhaben - die Produktion von Unfug scheint eher mit der wissenschaftlichen Bedeutung der Autoren anzuwachsen. Berüchtigt geworden sind die vielfältigen philosphischen Nutzanwendungen der Quantenmechanik. So sollte etwa die menschliche Willensfreiheit im Quantensprung ihre Grundlage finden. Womit zwar nicht der Wille erklärt ist - denn was hat die Herrschaft des Zufalls in der Natur, die das Beispiel belegen soll, hier zu suchen? -, aber jedenfalls eine Erklärung abgegeben ist, daß von seiten der Naturwissenschaftler kein Einwand bestehe gegen die bürgerliche Mißachtung der Individuen: An ihrem Willen interessiert einzig und allein, daß man ihm einige Anstrengung abverlangen kann und ganz entsprechend mit Irrationalität und Willkür zu rechnen hat.
Eine Perle dieser Sorte von Überlegungen sei zitiert. Der
Physiker Pascal Jordan, der die gesamte heutige Naturforschung
nach Anknüpfungspunkten für höhere Dinge abgeklappert
hat, vermag seine Wissenschaft auch in die apartesten Fragen kirchlicher
Orthodoxie einzubringen und so z. B. die Zuständigkeit des
Lamm Gottes für die Marsmenschen zu entscheiden:
"Die erwähnten katholischen Theologen haben teilweise versucht, den Gedanken auszuführen, daß die gedachten Bewohner anderer Himmelskörper zu einem sündenfreien Leben befähigt und deshalb nicht erlösungsbedürftig seien. Da jedoch der zweite Hauptansatz der Thermodynamik ... auch auf den fraglichen anderen Himmelskörpern gilt, so kann nicht bezweifelt werden, daß auch dortige etwaige organische Wesen sowohl dem Schicksal des Todes als auch dem biologischen Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens unterliegen ...".
So daß es ihm nur logisch scheint,
"der religiösen Erfahrungstatsache der Erbsünde eine kosmische, nicht auf einen einzelnen Planeten beschrankte Bedeutung zuzuschreiben und ... die Neigung der Materie zur Entropievermehrung, also Ordnungszerstörung, als physikalisches Spiegelbild oder auch als physikalischen Unterbau der Erbsünde zu betrachten." (Der Naturwissenschaftler vor der religiösen Frage, S. 340)
Für das komisch-paradoxe Unterfangen, dem Glauben mit der
Wissenschaft zu Hilfe zu kommen, muß Jordan den Ergebnissen
von Physik und Biologie ihren bestimmten Inhalt erst wieder nehmen.
Das zitierte Grundgesetz der Biologie findet sich in keinem ihrer Lehrbücher, und
wenn sich die Thermodynamik mit Bewegungszuständen der Materie
befaßt, die durch Formeln aus der Statistik charakterisiert
sind, dann handelt sie gerade nicht von Ordnung überhaupt,
geschweige denn von Tod und Leben als deren Sonderfällen.
Verständlich, daß die Mühsal solcher A b s t r
a k t i o n e n die katholischen Theologen nicht unbedingt befriedigen
kann: noch jeder dicke Mönch ist überzeugt, daß
er Ordnung schafft statt zerstört, wenn er, der Neigung seiner
Materie folgend, seinen Teller leer frißt. Was freilich
keinen armen Schlucker und Laien hindern wird, den Worten des
guten Pascal einigen Trost zu entnehmen. Hat der ihm doch klipp
und klar bewiesen, daß es hienieden (Scheißmaterie!)
nirgends besser sein kann als so, wie er es auf seiner alten Erde
kennt und wenig schätzt. Das Prinzip, das in diesem Zitat
praktiziert wird, ist unschwer in zahlreichen Veröffentlichungen
wiederzuerkennen, die von Quantentheorie und Heidegger (v. Weizsäcker)
oder Abstraktion in moderner Physik und moderner Kunst (Heisenberg)
und dergleichen mehr handeln. Was da als Fortsetzung der Naturwissenschaft
auftritt, ist sicher nicht ihre wissenschaftliche Fortsetzung.
Die Willkür der Beziehungen stellt von vorneherein klar,
daß es nicht um die Erklärung der behandelten Sachen
geht. Was aber nicht die Konsequenz aus dem Wissen über die
Natur ist, sondern dessen Zerstörung beinhaltet, scheint
den Wissenschaftlern dennoch ihrer Mühe bedürftig. Sie
halten es für die notwendige Ergänzung der Naturforschung,
ihre Resultate mit anderen geistigen Sphären unter einen
Hut zu bringen und für den Zweck einer moralischen Aufrüstung
zuzurichten.
Naturwissenschaftler selbst verweisen gewöhnlich darauf, daß es die Krise des mechanistischen Weltbildes war, die ihnen philosophische Reflexionen, so fragwürdig weil dilettantisch die auch im einzelnen ausgefallen sein mögen, abverlangt habe. Der Verdacht, daß es sich bei diesem Argument um ein weiteres Beispiel des oben geschilderten Sachverhalts handelt, bestätigt sich aber sofort. Die neue Offenheit des Denken, die Auflösung des starren Rahmens der klassischen Physik verdankt sich nämlich einer merkwürdigen Entgegensetzung. Nicht etwa die falschen Vorstellungen, die auch bei den Vorgängern der heutigen Forscher anzutreffen sind, werden hier einer Analyse unterzogen, um sie von ihrem Wissen über die Natur zu scheiden. Indem man vielmehr darauf pocht, daß die Physik heute weiter ist als damals, verlegt man den Grund des
Schreckbildes von Materialismus und Determinsimus, als das man die Auffassung des 19. Jahrhunderts zu präsentieren liebt, in den Entwicklungsstand der Physik. Es ist, wie wenn die Kenntnis eines bloßen Teils der Natur, z.B. der Mechanik, zu irgenwelchem Humbug verpflichte oder wenigstens geneigt mache. So wenig sich diese Argumentation also um die Physik verdient macht, so viel ist ihren Vertretern dabei an der Legitimation einer Einstellung zur Wissenschaft gelegen, einer Einstellung allerdings, die sich von der der Altvorderen unterscheidet. *)
W. Heisenberg hat sich um diese Diskussion besonders verdient gemacht, und es ist deshalb hier der Ort, seiner zu gedenken. Die zahlreichen Nachrufe, die in der Presse auf den Tod dieses Physikers folgten, nahmen in gewohnter Manier die wissenschaftliche Leistung des Verstorbenen zum Anlaß, um ihn für andere Qualitäten zu loben - als bescheidenen Menschen, abendländischen Denker etc. Zeigten die Schreiber so, welch unwissenschaftlichen Geistes Kind sie selber sind und welche Tugenden sie dem Volk wünschen, so beweist das Oeuvre des Verblichenen, daß er mit ihnen einig ist. Er hat ihrer Darstellung seiner Leistung schon aufs Erfreulichste vorgearbeitet, indem er in populären Veröffentlichungen den Lesern anstelle der Ergebnisse der modernen Physik deren Bedeutung erklärt hat. "Die einzelnen Schritte der Forschung sind oft so kompliziert, ihre Begründung ist so schwierig, daß sie
*) Daß es um außerwissenschaftliche Rücksichten geht, verrät noch jeder Naturwissenschaftler, der in seiner Lebensbeichte berichtet, wie wenig akzeptabel ihm die neuen Ergebnisse seines Fachs anfangs vorgekommen sind, wie sehr er wegen seiner Einsichten mit sich habe ringen müssen. Nils Bohr hat gesagt: "Wem nicht schwindlig wird, wenn er zum ersten Mal vom Wirkungsquantum hört, der hat überhaupt nicht verstanden, wovon die Rede ist." Man vergleiche den heutigen Ringverein mit einem Mann des 19. Jhs., Karl Marx, der an den Eingang der Wissenschaft die Forderung gestellt sehen wollte: "Hier mußt du allen Zweifelmut ertöten, hier ziemt sich keine Zagheit fürderhin. "
nur von der kleinen Gruppe der Fachleute verfolgt werden können. Die entscheidenden Wendungen aber gehen einen großen Kreis von Menschen an und müssen in diesem großen Kreis verstanden werden. Ein solches Verständnis kann, da die ins Einzelne gehende Begründung fehlen muß, nur dadurch zustande kommen, daß die neuen Gedanken in ihrer Beziehung zu den verschiedensten Fragen allgemeiner, insbesondere philosophischer Art immer von neuem erörtert werden." (Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaft, S. 6)
Das Argument ist ebenso falsch wie säuisch: weil die Leute nichts von der Wissenschaft verstehen, muß man ihnen was anderes beibringen. Und zwar will Heisenberg sie Mores lehren. Denn wenn die allgemeinen Fragen ohne Einzelheiten und Begründung auskommen, und man sie immer von neuem aufzuwärmen hat, dann besteht ihre Allgemeinheit in der Aufforderung, man solle auf eine Erklärung nicht dringen, und das bezweckte Verständnis hat nur durch Mißbrauch etwas mit dem Verstand zu tun.
"Der Mensch steht nur noch sich selbst gegenüber." (Naturbild, S. 17),
lautet Heisenbergs Diagnose für die "allgemeine Situation unserer Zeit", und für die Notwendigkeit der moralischen Veranstaltung, die er damit eröffnet, gibt ihm die Quantentheorie den Kronzeugen ab. Diese habe nämlich herausgekriegt,
"daß wir die Bausteine der Materie, die ursprünglich als die letzte objektive Realität gedacht waren, überhaupt nicht mehr an sich betrachten können, daß sie sich irgendeiner objektiven Festlegung in Raum und Zeit entziehen und daß wir im Grunde immer nur unsere Kenntnis dieser Teilchen zum Gegenstand der Wissenschaft machen können." (S. 18) Der Gegenstand der Naturwissenschaft soll nur mehr unsere Kenntnis sein, die ja auch wiederum Kenntnis eines Gegenstands ist usw. usf. ad absurdum. So richtig es nun ist, daß jene Bausteine der Materie keine Dachziegel darstellen, die von den Gesetzen der Mechanik reguliert werden und sich deshalb in Raum und Zeit festlegen ebenso wie aufs Haus schichten lassen - so richtig dies und Positiveres sein mag, was die moderne Physik
herausgebracht hat: daß man die Bausteine nicht an sich betrachten könne, folgt daraus nicht. Heisenberg selbst beruft sich ja darauf, daß er ihre objektive Beschaffenheit kennt und daraus einen Schluß gezogen hat. Doch läßt er die kleinen Dingerchen nur zur Entscheidung einer Frage antreten, die ihre eigene Natur nicht betrifft. Er hält an ihnen fest als Bausteinen und läßt sie sich zugleich als die "letzte" objektive Realität blamieren. Weil sich die Welt aus ihnen nicht zusammensetzen läßt, wie man aber denken soll, büßen sie ihre Kreditwürdigkeit ein, und der Grund und Boden, auf dem sich die Wissenschaft bewegt, ist sehr schwankend geworden. Heisenbergs Argument lebt von einem Vergleich mit mechanischen Verhältnissen, dessen Zweck er verrät, wenn er als seinen Widerpart die Vorstellungen des 19. Jahrhunderts wie folgt zusammenfaßt:
"Der Fortschritt der Wissenschaft erschien als Eroberungszug in die materielle Welt. Nützlichkeit war das Losungswort der Zeit." (Physik und Philosophie, S. 166)
Wer also meint, daß alles in der Welt mechanisch zugeht, proklamiert es, laut Heisenberg, als eine Sache, die man der eigenen Bestimmung unterwerfen und sich zunutze machen kann. Daß dieses Prinzip universeller Nützlichkeit aber nicht der Weisheit letzter Schluß sein darf, sondern eingeschränkt gehört, ist Heisenbergs Anliegen. Es gäbe sonst keinen Platz für "die Begriffe Geist, menschliche Seele und Leben" (ebd.), jammert er und meint, die angekratzte Krone der Schöpfung ausgerechnet in der Physik aufpolieren zu müssen. Und wie immer, wenn es auf den Menschen eigens ankommen soll, erhält er eine jämmerliche Rolle zugewiesen: er soll darin triumphieren, daß er in der Physik endlos nur sich selbst bespiegelt.
Die Anstrengung, aus der modernen Physik das Gegenteil einer Wissenschaft von der Natur zu machen, wird nicht nur in Physikerkreisen geübt. Moralprediger von Profession und ihre zeitgenössischen Brüder, die Wissenschaftstheoretiker, betrachten die Physik als ein Schatz kästlein von Paradoxien und Rätseln, die sie nicht etwa zu Ende denken und auflösen wollen, sondern ihren Lesern als Demonstration dafür ans Herz legen, wie unergründlich schon die natürliche Welt sei. *) Aber wenn es schon unmittelbar einleuchtet,
*) Stegmüller hat sich das folgende Problem erarbeitet - " Woher wissen wir, daß ein Baum, den wir zunächst ansehen, auch dann an seinem Ort bleibt, wenn wir ihn nicht mehr ansehen?" - und will sein Problem als Konsequenz naturwissenschaftlicher Forschung verstanden wissen: "Die Schwierigkeiten bei der Interpretation quantenmechanischer Vorgänge entstehen bekanntlich dadurch, daß freie Massenteilchen durch Beobachtung in einer nicht voraussagbaren Weise gestört werden. " Er hätte ebenso gut sagen können: Beim Verständnis der Luft als eines durchsichtigen Körpers entstehen dadurch Schwierigkeiten, daß man die Luft bekanntlich nicht sehen kann.
warum die Passagen von Heisenberg, Jordan und Co. ganz ebenso in Schullesebüchern, die bekanntlich keine Einführung in die Atomphysik bezwecken, zu finden sind wie in den frommen Flugschriften, mit denen Sektenprediger arglose Passanten bedrängen, so muß es doch erstaunen, daß es die passenden Zitate überhaupt gibt, nachdem die Naturwissenschaft einen jahrhundertelangen Kampf gegen Glauben und Weltanschauung geführt hat. Oder, nicht weniger ein wissenschaftsgeschichtliches Paradoxon, daß zeitgenössische Naturwissenschaftler ihre Befreiung aus den Schranken der klassischen Physik, d. h. einen Fortschritt ihrer Disziplin, nur feiern, um vor der Überschätzung ihrer Wissenschaft zu warnen. Warum also, lautet unsere Frage, nehmen Leute, die z. B. über Raum, Zeit und Materie nachdenken, das Resultat ihrer Forschungen zum Anlaß, sich in einen derart schreienden Gegensatz zu ihrer Leistung zu begeben? In den folgenden Artikeln soll diese Frage beantwortet werden für die charakteristischen Fehler, die Naturwissenschaftler in der Reflexion auf ihre Wissenschaft machen. So viel wird freilich schon aus dem Material dieser Einleitung deutlich: Ihr Blödsinn hat einen Sinn, und wer es einfach lächerlich findet, wenn Atomphysiker sich auf die Suche nach dem Menschen und seinem Himmelreich machen, bekundet nur seine Freude darüber, daß es auch noch effektivere Weisen gibt, die Bürger Mores zu lehren. - Heisenberg will i n der Wissenschaft eine Grenze für ihren Fortschritt bezeichnen können, der früheren Zeiten als "Siegeszug in die materielle Welt" erschien, dessen technische Vollendung heute aber zu Bedenken Anlaß gibt:
"In dieser Zeit braucht die Erweiterung der Technik aber kein Fortschritt mehr zu sein. " (Naturbild, S. 17)
Ob er also schließlich die Objektivität der Physik leugnet, weil er sie seiner skeptischen Betrachtung der Zeitläufe unterwirft, oder ob seine Kollegen auf ihre plumpere Tour die Vereinbarkeit von Naturgesetz und freiem Willen oder die Kongruenz von Wissenschaft und Religion demonstrieren wollen - stets mühen sich diese Revisionen der Ergebnisse der Naturwissenschaft ab, eine Differenz zu tilgen, die die Wissenschafts Subjekte quält. Die Naturwissenschaft kann sich mit ihrer Leistung nicht als so staatsfromm qualifizieren, wie es diese Menschen gerne hätten. Daß aus der Erkenntnis von Naturzusammenhängen sich nie und nimmer irgendwelche sittlich-moralischen Lebensregeln ergeben oder ableiten lassen, kreiden diese modernen Moralapostel ihrer Wissenschaft als deren Mangel an. Und mit dieser verrückten Kritik begründen sie ihre gesamten ideologischen Vor-, Nach- und Zusätze ihrer wissenschaftlichen Arbeit, in denen sie sich bemühen, fromme Weisheiten als ureigenste Verlängerung der naturwissenschaftlichen Resultate erscheinen zu lassen. Den Grund für ihre zusätzlichen Bemühungen machen die Naturwissenschaftler explizit, wenn sie die Anwendung ihrer Ergebnisse m o r a lisch beurteilen. Dem Naturwissenschaftler als Moralisten gilt der nun folgende Artikel.