Das Geschrei um ihn ist nicht zu überhören. Es darf einem nicht länger scheißegal sein, wenn die Tannen krumm, unregelmäßig oder gar nicht mehr wachsen. Daß einen das Eigentum fremder Leute nichts anginge, eine karstige Felsenlandschaft auch ihre Reize habe (abgeholztes Bella Italia!) oder man ganz andere Sorgen habe als das lächerliche Abfallen grüner Tannenblätter, die einem eh bloß den Blick auf die Natur verstellen - all das darf nicht sein. Denn schließlich geht es um mehr: Ein ganzer deutscher Wald stirbt - und was wären wir alle ohne sein Hinscheiden? Was wäre
Der deutsche Wald
selbst - ohne seinen Tod? Wir alle hätten ihn doch nur
allzuleicht vergessen, nicht mehr bedacht, daß auch er ein Mensch wie du
und ich ist, hätte er sich mit seinem zähen Ringen gegen den
grausamen Tod nicht schmerzlich in Erinnerung gebracht. So wird ihm mit Recht
eine Ehre zuteil, um die wir ihn jetzt schon beneiden: Als unser aller
herzlichst betrauertes Opfer ist er der erste Heldentote der Nation ohne auf
den Krieg noch extra warten zu müssen.
Die Waldbesitzer
haben gut leiden. Mit ihrem kränklichen Eigentum gehört
ihnen auch schon das Mitgefühl der Nation. Sie sind nicht mehr einfach
Grundrentner, die aus ihrem Monopol an Grundbesitz Profit schlagen. Nein, der
sinkende Festmeterpreis hat Anspruch auf öffentliche Demonstration als
ehrenwertes Anliegen in feinstem Hirschhorn samt Gamsbart auf dem Hute .
Schließlich trifft sein Sinken uns alle !
Die Förster
nicht zu vergessen. Wer will sie noch mit Typen verwechseln, die
einen reaktionären Naturspleen in der Verwaltung fremden Eigentums gegen
Lohn aufgehen lassen. Umgekehrt: Sind wir nicht alle eigentlich Förster,
zumindest im Grund unseres Herzens, um dem Walde direkt den letzten Trost zu
spenden? Und wenn wir nur mit einer Wahlstimme für Förster Baumann
bescheiden unser Mitgefühl bekunden
Hänsel & Gretel
können endlich wieder spazierengehen: Endlich können
sie sich nicht mehr verlaufen ! Unverhohlene Freude bei der
Bundesregierung
Wäre ohne Waldsterben jemand auf die Idee gekommen, von ihr
Steuererhöhungen öffentlich zu fordern, ohne in einem Meer der
Entrüstung zu ersaufen? Gott sei Dank braucht sie die Erhöhung der
Mineralöl- und KFZ-Steuer nicht mehr als ihre Ansprüche ans Volk
auszugeben. Niemand anders als unser armer Kranker macht die Verwandlung des
sauren Regens in ein warmes Bad für die Staatskasse nötig! Was
wäre
Lothar Späth
ohne den zitierten Patienten? Ein einfacher
Ministerpräsident eines Bundeslandes. Ein Reaktionär zumal. So aber
!! Durch kühne Vorstoße in der Sorge um unseren Wald erscheint er
nicht mehr nur Parteifreunden als durchaus geeignet auch für höhere
Aufgaben . . .
Die deutsche Opposition
- sei es in Latzhosen oder Kurzhaarschnitt - ist endlich am Ziel
ihrer Wünsche. Wer kennt nicht ihren jahrelangen verzweifelten Kampf gegen
den moralischen Ausschluß aus der Volksgemeinschaft guter Deutscher? Den
Sieg in diesem Kampf beansprucht sie zu Recht. Mit der Sorge um den
dahinsterbenden Wald hat sie ein oppositionelles Anliegen entdeckt, das sie
endlich von vornherein mit ihrem Adressaten vereint. Sie pflegt die Sorge des
Restes der Nation. Deutsche Linke, was willst du mehr?
Die Grünen
als politischer Stellvertreter basisbewegter und sonstiger
Sehnsüchte - hat der Herr nicht Einsehen mit manchem ihrer Gebete
bewiesen? Der sterbende Wald - oder: Grüne sind politikfähig! Sie
haben schließlich als erste entdeckt, was heute jeder anerkennt.
Gebührt ihnen da nicht Anerkennung und politische Zuständigkeit, die
man ihnen trotz aller ehrlichen Beteuerung, auch gegen den Osten zu sein, in
der Raketenfrage nie zukommen lassen wollte? Wenn uns das nicht einen echten
deutschen Wald wert ist, dann wenigstens die darin liegende Gelegenheit
für
Das ganze deutsche Volk
Über den Tod ihres so herzlich beweinten Anverwandten hat es
sich wiedergefunden. Daß wir alle uns um die Erhaltung unseres Waldes
sorgen - dieses schöne Bild von der gemeinsamen Aufgabe: läßt
uns das nicht überhaupt Gemeinschaft wieder enger ans Herz wachsen? Tut
uns das nicht unser schönstes Glück offen kund: uns als innige
Einheit aus einem untadeligen Anliegen heraus zu fühlen?
Wir Schuldigen
am Hinscheiden unseres Patienten, haben wir nicht beste
Gelegenheit zur inneren und äußeren Ein- und Umkehr? Ist das
Bewußtsein unserer kollektiven Schuld nicht bestens dazu geeignet, uns
endlich das hybride Bewußtsein unserer Wichtigkeit als Individuen zu
nehmen und die Maßstäbe unseres unbedeutenden Erdendaseins
zurechtzurücken? Werden
Die Apostel der Bescheidenheit
nicht mit Recht ausgesprochen unbescheiden angesichts des uns
alle betreffenden Schicksals unseres Waldes? Lohn, Erholung, Konsum, Rauchen,
Trinken, Fluchen ... macht Wald tot! Um Gottes willen - oder besser gesagt:
Gott sei Dank . . .
Die Atomindustrie
kann angesichts des sterbenden Waldes natürlich niemand mehr
mit einem - wenn auch untertänigen, so doch immerhin ablehnenden"Nein
Danke!" bedenken. Ist doch logisch: Je mehr es an AKWs Gott sei Dank im Lande
inzwischen gibt, desto weniger leidet unser guter deutscher Wald unter
üblen Dreckschleudern namens Buschhaus. Wo angebracht,
selbstverständlich auch umgekehrt! Und überhaupt: Wo wir doch alle,
wer möchte da noch einzelne ins Zentrum der Kritik stellen? Das Schicksal
des Waldes hat uns - und das war eine notwendige Lehre - gelehrt, statt Kritik
Konstruktion zu üben! So nehmen auch die Kaderschmieden des neuen Geistes
Die Universitäten
- in zahllosen Ringvorlesungen am Waldsterben Anteil. "In Kunst,
Psychologie, Religion hilft der Baum dem Menschen, sich selbst zu finden, sein
Verhältnis zu anderen zu bestimmen, seine Gottesbeziehung aufzufinden."
(Über die Ringvorlesung der Uni Tübingen: "Der Baum zwischen Hoffnung
und Verzweiflung.") Kurz: Für jedes moralische Bedürfnis ist ein
sterbender Baum wie gewachsen.
Die"Bild"-Zeitung
hat sich als deutscher Gesamtidealist an die Spitze dieser
ehrwürdigen Feierstunde gesetzt und - zu Ehren des Waldes - ein
grünes Telephon gekauft. In wahrhaft dithyrambischen Orgien wird daran die
letzte große historische Leistung unseres sterbenden deutschen Waldes
gefeiert: Die ungetrübte Einheit deutschen Gemüts, im Tannenbaum
selbst für Leser der "Bild"-Zeitung zu bebildern, woran sich auch die neue
deutsche Poesie in Gestalt von
Frau Anne K. aus S.
kräftig beteiligt. Was wäre ihre Dichtkunst ohne die
tiefe Einfühlsamkeit, mit der uns die Sorge um die leise sterbenden
Wälder beseelt? Das gereimte "bald" zum getöteten "Wald" bekommt
seine Mitteilungskraft als Botschaft für uns alle.
Der normale Mensch
darf also mit Recht ein Stoßgebet des Dankes gen Himmel
senden. Was hätte er bloß für kleinliche Sorgen, wäre da
nicht das grausame Dahinsiechen unzähliger Fichten und Tannen
Fazit: Wenn er nur endlich hin wäre, der Scheiß-Wald.