Weinpansch"skandal" und Dammbruch,,katastrophe"

Saubere Politik


Ein ,Skandal' und eine ,Katastrophe' haben die Gemüter der Republik erregt, wobei im Falle des Dammbruchs in Norditalien eigentlich schon alles gelaufen ist: Zum einen war sie sowieso Folge einer typisch italienischen Schlamperei, zum anderen wird bereits gerichtlich gegen die Verantwortlichen vorgegangen, überraschend für den Staat da unten, aber immerhin!

Die Sache mit der Weinpanscherei

dagegen entwickelt sich gerade erst von der hierzulande als typisch österreichisch betrachteten Schlawiner-Affäre zum öffentlichen Ärgernis im eigenen Haus; nicht nur auf der behördlichen Ebene (Ämter und Ministerien), sondern auch bei den Produzenten und Händlern selbst: "Skandal um vergiftete Weine greifen auf deutsche Weinwirtschaft über." (Süddeutsche Zeitung, 22.7.85) Dabei handelte es sich weder in Italien um eine Katastrophe noch in Österreich um einen Skandal. Wein"skandale" sind - wie ähnliche Fälle beim Bier, bei den Batterien, bei den Müllhalden beim Fisch, in den heimischen Fabriken, bei den Kindermöbeln . . . - nichts Neues, sie gehören seit Jahrzehnten zur Weinproduktion wie Sexaffären zum Highlife von Hollywood, sind also gar keine Skandale, sondern durchaus branchenübliche Begleiterscheinungen eines Geschäfts, das - seit es um Massenproduktion geht - von Staats wegen und als Förderung der Weinwirtschaft zu einer Art chemischer Industrie entwickelt worden ist. Die Liste offiziell zugelassener chemischer "Betriebsmittel", mit denen Kellereien, Zwischenhändler oder Abfüllbetriebe ganz legal nach dem deutschen Weingesetz ihre Produkte behandeln dürfen, ist mittlerweile länger als die der Traubensorten und Lagen aller deutschen Weinbauregionen zusammen. Zucker in verschiedenen Varianten z.B., schwefelige Säure, Bentonit und Glycerin sind nur einige der Grundstoffe, die in allen möglichen Abarten als Beimengungen zur Geschmacks-"Veredelung", zur besseren Haltbarmachung oder auch zur Klärung der Naturtrübung des Weines ("Schönung" lautet der offizielle, alle diese Maßnahmen zusammenfassende Begriff!) erlaubt sind. Im Weinbau und -handel sind Produktions- und Geschäftspraktiken üblich, weil staatlich abgesegnet und gefördert, die das Panschen und den Etikettenschwindel im weitesten Sinne zur Konkurrenznotwendigkeit und damit zur Regel machen. Gerade bundesdeutsche Abfüllbetriebe und Weinhandelshäuser haben wegen ihres weltweiten Geschäftsverkehrs - "die deutschen Weinexporte nach Japan hatten zuletzt einen Wert von rund 35 Millionen Mark pro Jahr erreicht" (Süddeutsche Zeitung) - "guten" Grund, von der gesetzlich erlaubten und darüber hinaus auch von einigen gesetzlich (noch) nicht erfaßten chemischen und sonstigen Möglichkeiten zur Produktionssteigerung ausgiebigsten Gebrauch zu machen. Kanzler Kohls "Experten"-Kommentar in der "Bild"-Zeitung

"Eine Katastrophe für alle ehrlichen Weinbauern und für die Millionen Weintrinker. Hier sind Verbrecher am Werk. Sie müssen mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden. "

ist da ebenso blauäugig-heuchlerisch wie die Reaktion jener wissenschaftlichen Kontrolleure, die nun doch auch bei Weinen aus Rheinhessen und von der Mosel in Sachen Frostschutzmittel fündig geworden sind:

"Völlig überraschend für die Lebensmittelchemiker war die Tatsache, daß sich ,querbeet' in allen Prädikatswein-Gruppen - angefangen vom Kabinettwein bis hin zu den Auslesen - Spuren von Diäthylenglykol haben nachweisen lassen." (Süddeutsche Zeitung vom 27. 7. 85)

Überhaupt nicht von Überraschung, dafür aber von tatsächlichem Expertentum und einer professionell zielsicheren Handhabung der gesetzlichen Möglichkeiten gegenüber der Weinwirtschaft zeugte der Kommentar des damaligen Bayerischen Innenministers Hillermeier:

"Wenn jede Beanstandung sofort in die Öffentlichkeit kommt, führt das zur totalen Verunsicherung der Hersteller. "

Der eigentliche Skandal ist also die Aufdeckung branchenüblicher Herstellungsverfahren - jedenfalls wenn es nicht auf Österreich beschränkt bleibt.

Der andere "Skandal",

Der Dammbruch im Fleimstal

wartete nicht nur mit möglichen, sondern mit wirklichen Opfern auf und ließ sich mit ungetrübter nationaler Empörung kommentieren, weil die bald als "Ursache" feststehende "Schlamperei" bei "uns" angeblich sicher nicht vorkommen kann: "Dämme in Bayern - sicher und gut gebaut." (Abendzeitung) Doch ansonsten folgt die öffentliche Aufbereitung dieses Falles hierzulande genau dem Muster der Panschaffäre.

Ein seit langem als unsicher erkannter Stauwall - "keine Stützmauern, keine Betonwände, nur Sand und Lehm, keine Sicherheitsabflüsse" bricht zusammen und verursacht "eine Todesschneise von sieben Kilometer Länge". Daß zwei Kleinunternehmer einen Staatsbetrieb übernommen und durch Kosten- und Personaleinsparungen rentabel gemacht haben, galt vor der Katastrophe als vorbildliches Geschäftsgebaren. Jetzt aber wird Kritik laut am "menschlichen Versagen". Von "Schlamperei und Leichtsinn" ist die Rede, es wird nach Verantwortlichen gefahndet, Verhaftungen werden vorgenommen - eine furchtbare "Tragödie", die sich aber durch strenge Bestrafung der Schuldigen und durch in Zukunft schärfere staatliche Kontrollen nicht wiederholen wird: Übergang zur Tagesordnung, im Prinzip alles im Griff !

Und die allseits geforderte Konsequenz aus solch "skandalösen Katastrophen", die so deutliches Anschauungsmaterial dafür sind, wie die Staatsgewalt ihre Prioritäten setzt? Hartes Durchgreifen, neue Gesetze, schärfere Kontrollen! Und da fällt niemandem auf, wie man ein solches Verfahren bei anderer Gelegenheit und sehr zutreffend nennt? Den Teufel durch Beelzebub austreiben!